Die Plakate zur Bundestagswahl 2021

Bundestagswahl 2021 Wahlplakatkampagnen

Nachdem nun alle im Bundestag vertretenen Parteien ihre Kampagnen präsentiert haben, können wir einen Blick auf die Plakatmotive werfen, die uns in den kommenden Wochen bis zur Bundestagswahl deutschlandweit begleiten werden. Eine Analyse.

Am 26. September 2021 wird der neue Bundestag gewählt. Mittlerweile haben alle Parteien auch offiziell ihre Wahlkampagnen vorgestellt. Starke Aktivitäten im Umfeld von Instagram, TikTok, Facebook & Co. verdeutlichen allerdings: die Parteien sind bereits seit vielen Monaten im Wahlkampfmodus. Dabei hat die Corona-Pandemie die Bedeutung der digitalen Medien und die Verlagerung von der Straße ins Netz maximal verstärkt.

Die Technologie ist Segen und Fluch zugleich. Denn wenn der physische Raum für einen Austausch von Angesicht zu Angesicht immer kleiner wird und sich der politische Diskurs in das Umfeld von Social Media verlagert, erschwert dies echten Dialog. Themen werden im Umfeld von Social Media in der Regel verkürzt wiedergegeben, oftmals werden diese vereinfacht oder unbewusst verfälscht, zunehmend werden Sachverhalte und Ereignisse auch bewusst manipuliert. Umso wichtiger ist es, Begegnungsräume außerhalb von Filterblasen, Hate Speech, Fake News und Verschwörungsideologien zu erhalten, diese auszubauen oder auch neue Dialogformate zu schaffen, und zwar vor Ort. Der mit Ballons und Fähnchen geschmückte Wahlkampfstand vor dem Supermarkt oder auf dem Marktplatz – er fehlt. Und dabei wäre dieses zuweilen als Relikt angesehene Dialogangebot in dieser Zeit wichtiger denn je.

Auch Wahlplakate können Sachthemen nur schlecht vermitteln. Inhalte werden extrem verkürzt und zudem in zugespitzter Form dargestellt. Der Informationsgehalt ist in der Regel sehr bescheiden. Das muss auch so sein! Denn Plakate sollen vor allem eines: Aufmerksamkeit stiften. Plakate dienen dazu, den Betrachter dran zu erinnern, dass die so beworbene Partei zur Wahl antritt. Wahlplakate sind zudem eine Einladung, sich mit den Standpunkten der jeweiligen Partei eingehender zu beschäftigen. Lediglich bei den Plakaten der Grünen findet sich ein Verweis auf die Website. QR-Codes, mit deren Hilfe Betrachter etwa direkt zum Wahlprogramm geleitet würden, sieht man bei keiner Partei. Warum eigentlich nicht? Wer eine solche Einladung ernst meint, darf gerne auch die technischen Möglichkeiten zur Vernetzung von analogem und digitalem Medium nutzen, auch um Kompetenz diesbezüglich zu signalisieren.

Wahlprogramme bieten eine deutlich bessere Grundlage für einen Wahlentscheid als Plakate, unabhängig davon wie sie gestaltet sind. Nicht, dass Ästhetik und Gestaltungsqualität nicht auch wichtig wären, gerade im Kontext der Informationsvermittlung sind sie bedeutsam! Der persönliche Geschmack in Sachen Farben sowie Bild- und Formensprache sollte jedoch nicht ausschlaggebend dafür sein, an welcher Stelle man sein Kreuzchen macht. Deshalb werden in diesem Beitrag nicht nur die Plakatkampagnen vorgestellt, am Ende jeder Besprechung ist erstmals auch ein Link zum Wahlprogramm der jeweiligen Partei enthalten.

Sprache ist ein zentraler Aspekt im Kommunikationsdesign. Deshalb wurde im vergangenen Jahr hier im Blog gendersensible Sprache in Fachmedien (Kontext Design) thematisiert. Hier ein kurzer Überblick, bevor wir in die Plakatanalyse einsteigen, wie es die Parteien innerhalb ihrer Wahlprogramme mit dem Gendern halten.

CDU: Paarformen
SPD: Sternchen
AfD: gendert nicht
FDP: Paarformen
DIE LINKE: Sternchen
Bündnis 90/Die Grünen: Sternchen

Wer keine Zeit hat, sich alle Wahlprogramme durchzulesen, was angesichts von 750 Seiten und zwei Millionen Zeichen, wie der SPIEGEL nachgezählt hat, sehr leicht nachvollziehbar ist, kann zwecks Meinungsbildung ab dem 2. September auch den Wahl-o-Mat verwenden. Freie, demokratische Wahlen sind ein Privileg und keine Selbstverständlichkeit. Gib auch Du Deine Stimme ab!

Schnelleinstieg:

CDU

CDU Plakat Bundestagswahl 2021 – Laschet, Quelle: CDU

Im Zuge der Aktualisierung ihres Corporate Designs hat die CDU im vergangenen Jahr den sogenannten „Unionskreis“ als zentrales Gestaltungselement eingeführt. Die Partei will den auf Plakatmotiven in Nationalfarben gehaltenen Kreis als „starkes Zeichen des Zusammenhaltes“ verstanden wissen. „Nur die CDU“ dürfe solch einen Kreis im Erscheinungsbild führen, wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak anlässlich der Vorstellung der Kampagne behauptet.

Wie schon vor vier Jahren werden auf den Plakaten der CDU durchgängig die Nationalfarben abgebildet. Allerdings ist dies in diesem Wahlkampf kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Auch im Kampagnenmotto wird die Ausrichtung auf nationale Themen gespielt und betont: „Deutschland gemeinsam machen.“ Es sei dies, so Ziemiak, „der digitalste Wahlkampf, den wir bisher erlebt haben“. Wenn die CDU diesen Hyperlativismus weiter auf die Spitze treibt, dürften wir wohl schon 2025 den „allerbestendigitalsten Wahlkampf aller Zeiten ever“ erleben.

Die Kampagne der CDU wurde zum Teil in den Medien dafür kritisiert, dass auf den ersten Motiven der Kampagne ausschließlich Menschen mit weißer Hautfarbe abgebildet sind. Meiner Einschätzung nach, und ich beobachte und analysiere seit 2009 Kampagnen zu Bundestags- und Landtagswahlen, ist die CDU bis dato noch nicht dadurch aufgefallen, dass sie auf ihren Plakaten die Vielfalt der in diesem Land lebenden Menschengruppen und Ethnien abbildet und feiert. Dies ist auch gar nicht notwendig, überdies ist es auch nicht sinnvoll. Denn Wahlkampf heißt nicht, dass alle Parteien auf Wahlplakaten einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft abbilden müssten. Auch nicht jene, die für sich in Anspruch nehmen, die Mitte der Gesellschaft zu repräsentieren. Wahlplakate sind keine 1:1-Abbildungen gesellschaftlicher Realität. Wahlkampagnen zeichnen sich vielmehr durch ihre Zuspitzung auf einige wenige von der jeweiligen Partei als wichtig erachtete Themen aus.

Auch der Umstand, dass auf einigen der Motiven gar keine echte Polizistin und Pflegerin sondern jeweils CDU-Mitarbeiterinnen zu sehen sind, wurde meiner Meinung nach zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Entscheidend ist, wie sich eine Partei in ihrem Wahlprogramm inhaltlich positioniert.

Konkret zur Gestaltung: Die auf den Plakaten abgebildeten Personen spiegeln ein traditionelles Werteverständnis einschließlich des klassischen Familienmodells bestehend aus Vater, Mutter und Kind wider. Neben dem Parteilogo, das auf Plakaten jeweils rechts oben abgebildet wird, ist der über die gesamte Höhe des Formates reichende Unionskreis ein zweites wiederkehrendes Element. Ein Element, das für eine gewisse Ordnung sorgt. Dabei fungiert der über Fotografien platzierte Kreis wie eine Art Fokus: der Innenteil ist scharf, während das Foto außerhalb des Kreises weichgezeichnet ist. Auch alle Textelemente und Wahlsprüche werden vom Kreis umschlossen. Dies ist insofern ungünstig, da der Kreis die zur Verfügung stehende Fläche begrenzt. Wahlsprüche drängen dadurch stärker in die Bildmitte und verdecken so große Teile der abgebildeten Personen. Das Plakat mit Spitzenkandidat Armin Laschet wirkt am wenigsten überladen.

Varianten mit partiell angeschnittenen Unionskreis (Beispiel), so wie sie im Corporate Design der CDU ausdrücklich vorgesehen sind und wie sie bei den Bundestagskandidatïnnen zur Anwendung kommen, wirken von der Gestaltung her harmonischer und nicht so voll. Bei den hier gezeigten Motiven der ersten Kampagnenwelle wirkt es hingegen, als seien die abgebildeten Personen in dem Unionskreis eingeschlossen/eingepfercht.

Die Kampagne der CDU entstand in Zusammenarbeit mit der Agentur Serviceplan.

Das Wahlprogramm der CDU zum Download (PDF)

SPD

SPD Plakat Bundestagswahl 2021 – Olaf Scholz, Respekt für dich

Als letzte der im Bundestag vertretenen Parteien präsentiert die SPD am 04. August ihre Kampagne – vier Wochen später als CDU und die GRÜNEN. Womöglich ist die ungewöhnlich späte Präsentation der Hochwasserkatastrophe geschuldet. Denn wenn Menschen sterben und ihre Existenzen verlieren, gilt jedes Werben um Aufmerksamkeit für eigene Belange als anrüchig. So wird jeder Auftritt von Politikern in Krisengebieten von Medien kritisch beäugt und zum Drahtseilakt.

In der Vergangenheit hat sich die SPD mehrfach im Rahmen ihrer Kampagnen auf den politischen Gegner eingeschossen und „Negative Campaigning“ betrieben (siehe Europawahl 2009, Merkel-Bashing 2013). „Die Fehler der Anderen“ werde man auch in diesem Wahlkampf aufzeigen, wie Lars Klingbeil im Rahmen der Kampagnenvorstellung erklärt. Und das tut die SPD auch, allerdings vorerst nur im Umfeld von Social Media (Motiv: „Während zwei sich streiten …“). Innerhalb der Plakatkampagne der ersten Welle setzt die SPD hingegen voll auf ihren Spitzenkandidaten Olaf Scholz.

Scholz, auf den ganzflächig rot gehaltenen Motiven in schwarzweiß dargestellt und freigestellt, schaut mit festem Blick direkt in die Kamera. Dass die SPD im Rahmen der ersten Plakatwelle voll auf Briefwähler setzt, ist deutlich zu sehen. Denn auf den Großflächenmotiven hält Scholz, im Stile eines Schiedsrichters, der eine rote Karte in die Höhe streckt, einen Stimmzettelumschlag in der Hand. Ein spezielles Weitwinkelobjektiv lässt Hand bzw. Hände und Umschlag besonders groß erscheinen. Die dadurch erzeugte Blickführung hin zum Umschlag ist derart ausgeprägt, dass in Versalien gesetzte Wahlsprüche wie „Jetzt 12 € Mindestlohn wählen“, obschon groß und zentral positioniert, innerhalb der Wahrnehmungshierarchie deutlich niedriger angelegt sind und somit nachrangig erfasst werden. Eine abwechselnd Positiv-Negativ-Darstellung der Wahlsprüche erschwert zudem deren Erfassbarkeit.

Wer im Auto oder auf dem Fahrrad sitzend am Plakat vorbeifährt und diesem zwei, drei Sekunden an Aufmerksamkeit widmet, mehr ist selten, dürfte in Erinnerung behalten, Olaf Scholz gesehen zu haben, wie dieser ein Blatt Papier in die Höhe hält. Klingbeil beschreibt das Design als mutig. „Langweilige Plakate kann jeder“, so der SPD-Generalsekretär. Ich bin jedoch nicht davon überzeugt, dass die mit den Plakatmotiven verfolgte Botschaft in Gänze verstanden wird, auch da ein direkter Aufruf zur Stimmabgabe per Briefwahl auf den Plakaten fehlt. Üblicherweise, und dies ist wichtig in Bezug auf die Erwartungshaltung, werden konkrete Aufrufe zur Stimmabgabe (Erststimme, Zweitstimme) mittels zusätzlichem Störer realisiert.

Die SPD hat das Superwahljahr zum Anlass genommen, das Parteilogo neu auszurichten (Ansicht). Das Kampagnenmotto „Soziale Politik für Dich“ wurde mit in das Logo aufgenommen. Im Rahmen der Kampagne kommt das Logo ohne den roten Kasten als reine Typo-Variante zur Anwendung. Da die LINKE im Umgang mit ihrer Hausfarbe Rot vergleichsweise zurückhaltend agiert, stechen die Plakate der SPD in diesem Wahlkampf hervor. Nie war mehr rot bei der SPD.

Entstanden ist die Kampagne in Zusammenarbeit mit der Agentur BrinkertLück (Hamburg).

Das Wahlprogramm der SPD als Download (PDF)

AfD

AfD Straßenplakat – Zwei für Deutschland, Quelle: AfD

Mit Alice Weidel und Tino Chrupalla als Spitzenkandidaten zieht die Alternative für Deutschland in den Wahlkampf. Gemeinsam erklären sie auf einem der Plakate, wohin sie wollen: „Zurück zur Normalität“. Bedingt durch die Corona-Pandemie vielleicht der seit Monaten von Politikern aller Parteien am meisten geäußerte Ausspruch. Normalität. Neue Normalität. Verantwortungsvolle Normalität. Die AfD greift die offenkundig in der Gesellschaft weit verbreitete Sehnsucht nach Normalität in ihrem Wahlkampfmotto auf: „Deutschland. Aber normal.“ Alice Weidel präzisiert, was mit „normal“ gemeint ist: „Wir wollen unsere alte Normalität zurück!“ So wie früher also. Eine Normalität gänzlich ohne Sars-CoV-2 erscheint auch vor dem Hintergrund der kürzlich von einem Forscherteam im Wissenschaftsmagazin „Nature“ beschriebenen Zukunftsszenarien allerdings höchst unwahrscheinlich.

Zur Gestaltung selbst: Die AfD setzt sich in ihrer Wahlkampagne mit runderneuertem Layout und verändertem Typokonzept in Szene. Erstmals verwendet die Partei innerhalb der Plakatgestaltung wie auch in ihrem Wahlprogramm die Slab-Serifenschrift Bitter. Bis letztes Jahr ist eine Slab-Serife auch im Corporate Design der GRÜNEN als stilprägende Hausschrift fest verankert gewesen, nämlich die Arvo. Die FDP verwendet in ihrem Parteilogo mit der PMN Caecilia seit 2015 und nach wie vor eine sogenannte Egyptienne, die über ausgeprägte eckige Serifen verfügt.

Wie schon im Rahmen der Kampagne zur Landtagswahl in Baden-Württemberg kommt auch auf den Plakaten zur Bundestagswahl 2021 das Parteilogo in der sogenannten Kurzversion zum Einsatz, bestehend aus dem Namenskürzel; durchgängig rechts unten ist es auf den Plakaten platziert.

Auf Themenplakate abgebildete und in der Google-Schrift Barlow Condensed gesetzte Wahlsprüche wie „Deutschland muss offen bleiben“ werden entweder vor einheitlich blauen Hintergrund oder auf farbigen Fotos platziert. Auch bei letztgenannter Verwendung ist der Kontrast groß genug, sodass der Text auch noch aus größerer Distanz zu lesen ist. Mit geringerer Schriftgröße ist die Lesbarkeit, zumal in der Bitter vor blauem Fond gesetzt, nicht mehr ganz so gut. Im unteren Drittel erstreckt sich ein in Nationalfarben gehaltenes Band über die gesamte Breite des Plakates. Ein Element, das erstmals bei der AfD zu sehen ist. Auf blauen Themenplakaten kommt zusätzlich ein in Schwarz, Rot, Gold gehaltener stilisierter Schmetterling zum Einsatz.

Insbesondere die Qualität fotografischer Abbildungen hat sich im Vergleich zur Bundestagswahlkampf 2017, wo noch intensiv mit freigestellten Menschen und künstlich wirkenden Montagen gearbeitet wurde, verbessert. Die Fotos für sich genommen könnten in dieser Form, mit auffällig großem Grünanteil und Schärfentiefen-Effekt, auch bei anderen Parteien Verwendung finden. Da in den Motiven der AfD vermehrt gängige im Kontext von Wahlwerbung verwendete Gestaltungsmittel zur Anwendung kommen, kann man attestieren, dass eine Form der Angleichung zwischen der erst 2013 gegründeten AfD und den als etabliert geltenden Parteien stattgefunden hat.

Nähere Angaben zur verantwortlichen Agentur wurden auf Anfrage von der AfD-Pressestelle nicht gemacht.

Das Wahlprogramm der AfD zum Download (PDF)

DIE LINKE

DIE LINKE Plakat Bundestagswahl 2021 – Soziale Gerechtigkeit

 

Janine Wissler und Dietmar Bartsch führen DIE LINKE als Spitzenkandidaten in den Bundestagswahlkampf. Anlässlich ihrer Nominierung im Mai gab Bartsch das Ziel aus, bei der Wahl ein zweistelliges Ergebnis holen zu wollen. Es gehe dabei nicht um kleine Korrekturen, sondern um einen Richtungswechsel, so Wissler, die sich grundsätzlich auch offen für eine Regierungsbeteiligung ihrer Partei zeigt. Die Umfragewerte liegen seit Wochen zwischen 6–8 Prozent.

Im Zuge der Präsentation am 21. Juli beteuert Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler, die Motive der Plakatkampagne würden nichts ins Blaue hinein formulieren, sondern es werde konkret aufgezeigt, wie die Partei die Bundesrepublik verändern wolle – „Rente hoch, Rentenalter runter“, heißt es beispielsweise auf einem der Motive. Eine konkrete Forderung zwar. Aber wie ein solches Ziel erreicht und finanziert werden soll, bleibt offen. Ein Veranstaltungsplakat kann, sofern Anlass, Ort und Zeitpunkt ersichtlich sind, sehr konkret sein. Wahlplakate, auch die der LINKEN, bleiben hingegen vage.

Konkret benennen lässt sich Headline-Schrift, die DIE LINKE seit nunmehr 2009 konsequent bei Plakatkampagnen zu Bundestagswahlen einsetzt: Helvetica Inserat. Eine sehr schmal gestellte Schrift, mit der sich viel Text auf geringer Fläche unterbringen lässt. Neben dem Logo und der Farbe Rot ist sie mittlerweile das dritte zentrale Erkennungszeichen der Partei.

Ins Auge springt vor allem das von jeglichem politischen Inhalt befreite Wahlmotto: „Jetzt!“. Die Sogwirkung dieser fünf riesenhaft abgebildeten Lettern ist so stark, dass politische Forderungen wie „Frieden. Waffenexporte stoppen.“ in der Wahrnehmungshierarchie fast an letzter Stelle kommen, was mindestens unglücklich ist. Die verwendeten Fotos auf Themenplakaten wirken zudem, von einer Ausnahme abgesehen, generisch und haben den Charakter von Stock-Material.

Ergänzend zur traditionellen Hausfarbe der LINKEN kommen in diesem Wahlkampf neben Rot zahlreiche andere Farben zum Einsatz. Farben, die „benennen, dass die LINKE in sozialen Themen verankert ist“, so Schindler. Ende 2011 stellte die SPD ihrem angestammten Rot die Farbe Purpur/Lila zur Seite und wagte den Bruch mit Altbekanntem. Auch die LINKE setzt bei ihren Plakaten auf eine neue Farblehre. Lila gilt im Volksmund als „letzter Versuch“, mit dem bei verwelkender Schönheit mit einem lila Kleidungsstück noch einmal Aufmerksamkeit erregt werden soll. Ob es die LINKE der SPD gleichmachen kann, wird sich zeigen (die Sozialdemokraten hatten bei der Bundestagswahl 2013 um 2,7 % zugelegt).

Die Kampagne entstand in Kooperation mit der Agentur DiG/Plus.

Das Wahlprogramm der LINKE

FDP

FDP Plakat Bundestagswahl 2021 – Nie gab es mehr zu tun

Bei der Bundestagswahl 2017 gelang der FDP mit 10,7 Prozent der Stimmen der Wiedereinzug in den Bundestag. Nach 16 Jahren Merkel-Regierung brauche es nun, so FDP-Generalsekretär Volker Wissing anlässlich der Präsentation der Kampagne, fast eine Revolution. Der Wahlkampf steht unter dem Motto: „Nie gab es mehr zu tun“. Und beim Betrachten der Plakate, die ganz auf den Parteichef zugeschnitten sind, bekommt man den Eindruck: nie gab es mehr Christian Lindner.  Inzwischen ist Lindner der am längsten amtierende Vorsitzende der im Bundestag vertretenen Parteien.

Auf den Fotos trägt Lindner ausschließlich Hemd und Krawatte, und nur auf einem Motiv hat er sein Sakko abgelegt. Die Botschaft soll wohl sein: 24/7 im Einsatz. Da Lindner, anders als 2017, niemals direkt in die Kamera schaut, die Kameraperspektive unterhalb der normalen Augenhöhe liegt und zudem keine weiteren Personen zu sehen sind, vermittelt die schwarzweiße Fotoserie im Kontext der Wahlkampagne vor allem eines: Einzelkämpfertum. Die gewählten Stilmittel und Bildwinkel dienen einzig dazu, Größe, Stärke, Dominanz und Macht darzustellen. Lediglich auf einem der sechs vorgestellten Motive ist Lindner im Dialog, ist eine Dialogbereitschaft zu erkennen.

Mit in der Schrift DIN gesetzten Wahlsprüchen wie „Wirtschaftswunder. Make in Germany.“ bleibt die FDP auf der sprachlichen Ebene ihrer Linie treu, Deutsch und Englisch miteinander zu verweben („Digital first. Bedenken second.“ / „German Mut“, u.a.). Wahlkampf ist immer auch der Kampf um Wörter. Die Kommunikation zielt darauf ab, Themen zu besetzen und die Hoheit über eben jene in den Medien zu erlangen. Derlei deutsch-englische Wortspiele sind weniger ein „Buzzword“, um fachlicher Kompetenz Ausdruck zu verleihen, als vielmehr ein Marketing-Kniff. Die in der Vergangenheit dadurch erreichte starke Medienpräsenz scheint den Liberalen recht zu geben. Und dennoch besteht natürlich die Gefahr, dass eine solche Sprache nicht verstanden wird und somit die politische Botschaft gar nicht verfängt. Und dabei erklärte Lindner kürzlich in einem Interview, dass er sich um eine verständliche Sprache bemühe. Dies sei auch der Grund, weshalb Linder nicht gendere.

Mit dieser Kampagne wird die FDP das Bild der „One Man Show“ sicher nicht ablegen können. Insgesamt eine einseitige Ausrichtung, die Nahbarkeit vermissen lässt.

Wie bereits im Rahmen der letzten beiden Bundestagswahlkämpfe hat die FDP bei ihrer Kampagnenplanung und-kreation mit der Agentur Heimat (Berlin) zusammengearbeitet.

Das Wahlprogramm der FDP zum Download (PDF)

Bündnis 90/Die Grünen

Bündnis90/Die Grünen Plakat Bundestagswahl 2021 – Zuhören und Zutrauen

Im Bundestagswahlkampf 2017 noch mit dem Ziel angetreten, drittstärkste Kraft werden zu wollen (erreicht haben sie letztlich Platz 6), haben die Grünen vier Jahre später deutlich Ambitioniertes im Sinn. Mit Annalena Baerbock, die seit 2018 gemeinsam mit Robert Habeck die Partei führt, haben die Grünen erstmals eine Kanzlerkandidatin aufgestellt. Die Partei kämpft „für das historisch beste grüne Ergebnis aller Zeiten und die Führung in der nächsten Regierung“. Die Grünen fühlen sich bereit, die Regierung anzuführen, und das kommuniziert die Partei auch in ihrem Claim: „Bereit, weil Ihr es seid.“

Nicht nur personell auch visuell haben sich Bündnis 90/Die Grünen seit 2017 neu aufgestellt. Das 2015 eingeführte Corporate Design wurde seitdem sukzessive an zentralen Stellen modifiziert. Die gelbe Sonnenblumen-Bildmarke ist als geschlossene Form seit einigen Jahren der alleinige Absender. Selbst ohne Namensnennung sind Plakate der Grünen trotz nun modifizierter Farben als solche erkennbar, auch vom weniger geschulten Auge, was für die Präsenz der Marke spricht.

Abgebildete Personen sind mittels Zweifarbeneffekt (Duplex) dargestellt – ein Differenzierungsmerkmal, das der Kampagne Eigenständigkeit verleiht. Im Gegensatz zu allen anderen Kampagnen sind auf den Plakaten der Grünen auch Menschen mit dunkler Hautfarbe zu sehen.

Anstelle von Magenta als schriller Akzentfarbe kommt bei Störern nun ein blasser Rotton („Lachs“) zum Einsatz. Die Hauptfarbe Grün, im aktuellen CD-Manual als „Pistazie“ bezeichnet, hat sich von einem kräftigen Grünton (CMYK 70/0/100/20) hin zu einem deutlich helleren Wert bewegt (CMYK 35/0/70/0). Komplettiert wird das neue Farbkonzept von einem dunklen Moosgrün für Textaussagen.

Statt der bislang verwendeten Serifenschrift Arvo nutzen die Grünen seit geraumer Zeit eine serifenlose, schmaler laufende Headlineschrift namens BereitBold. Im Vergleich zur markanten Arvo drängt sich die kursive BereitBold nicht so in den Vordergrund. Mit ihren nach rechts geneigten Lettern vermittelt die Schrift Aktivität/Bewegung und auf der metaphorischen Ebene Fortschritt. Auch FDP, AfD und CDU setzen auf dieses Stilmittel, das in diesem Kontext Ausdruck von Tatkraft/Agilität und Fortschrittsdenken sein soll. Da Wahlsprüche wie „Zukunft passiert nicht. Wir machen sie.“ in weiß vor hellem Grün gesetzt sind, ist deren Lesbarkeit auf der Distanz eingeschränkt.

Die Kampagne von Bündnis 90/Die Grünen entstand in Kooperation mit der Agentur Neues Tor 1. Die Agentur wurde, wie die Pressestelle auf Anfrage mitteilt, speziell für die Kampagnenaktivitäten rund um den Bundestagswahlkampf 2021 gegründet.

Das Wahlprogramm der Grünen

70 Kommentare zu “Die Plakate zur Bundestagswahl 2021

  1. Die Kritik an den Plakaten der Grünen kann ich nicht verstehen. Für mich sind sie handwerklich mit Abstand am besten gemacht.

    Die Fotos der Kandidierenden wirken dynamisch und sympathisch, das pastellige Grün nicht zu schreiend; erwachsener sodass Menschen wohl eher denken, dass die Partei eine ernsthafte Kanzlerin stellen kann.

    Zudem sind grüne und linke Plakate die einzigen, die meiner Ansicht nach auf echte Inhalte setzen.

    • Naja, jemand der Kandidierenden schreibt, ist eben im Endstadium des links-grünen Brainwashes angekommen.
      Echte Inhalte bei den Grünen Plakaten? Ich glaube du musst mal deine Brille putzen.

      Außer AfD und Linke sind alle Plakate inhaltlose Phrasen. Vor allem CDU/SPD und Grüne. Populistischer non-sense um möglichst viele Idioten gleichzeitig anzusprechen.

      • Mir ist übrigens bei den Wahlplakaten was aufgefallen.

        Die Wahl der Farben hab ich mal genauer betrachtet.
        Das ist der AfD wirklich gut gelungen. Es strahlt Zuversicht aus mit den hellen Farben.

        Bei der SPD kam mir bzgl. der Farben gleich etwas in den Sinn.
        Rot/Schwarz/Weiss.
        Sind das nicht klar die Farben der Nationalsozialisten?

        CDU ist von der Farbwahl ausgewogen und auch nicht schlecht gelungen.

        Grüne machen ihrem Namen alle Ehre. Selbst die Gesichter sind grün. Findet so nicht die Darstellung statt wenn jemandem übel ist?

        FDP sehr schlicht. Drückt optisch jedoch wenig Kompetenz aus.

      • Rot/Schwarz/Weiss.
        Sind das nicht klar die Farben der Nationalsozialisten?

        Schwarz-Weiß-Rot waren die Farben des Deutschen Reichs, wie sie sowohl in der Flagge mit Streifen wie auch später in der Hakenkreuzflagge zur Anwendung kamen. Seit diesem Sommer steht auch das Zeigen der Reichsflagge mit Streifen unter Strafe.

        Grundsätzlich kann man sagen: die Verwendung der Farben Schwarz-Weiß-Rot im Kontext politischer Werbung ist eine Gratwanderung. Denn die Farbgebung ist geschichtlich nun einmal vorbelastet. Stärker noch als die SPD, die in letzten Jahren mit anderen Farben wie Purpur und auch Hellblau „experimentiert“ hat, stellt dies für die LINKEN, deren Logo diese drei Farben abbilden, eine Herausforderung dar. Plakate der LINKEN waren bis vor wenigen Jahren in der Regel Schwarz-Weiß-Rot gehalten. Und das wirkte allzu oft, etwa wie bei den Plakaten der LINKEN zur Landtagswahl 2012 in NRW laut bis aggressiv. Aggressiver als die hier vorgestellten Plakate der SPD. Und auch aggressiver als die aktuellen Motive der LINKEN.

        In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch: „NSCI – Das Erscheinungsbild der Nationalsozialisten“, siehe Rezension im dt.

    • Nachdem man sie “live” gesehen hat finde ich Die Grünen haben sich keinen Gefallen mit dem hellen Grün gemacht. Schwer zu lesen und wenig prägnant. Die Vorgänger in einen deutlich dunkleren Ton und markanterer Schrift haben meinen Blick eher und länger gehalten.

      Im digitalen Umfeld gefallen sie mir sehr.

  2. Die FDP scheint seine Plakatdrucker direkt an den Insta-Account von Lindner gekoppelt und das Layout genau dafür entwickelt zu haben.

    • Vielleicht, aber nur vielleicht, nutzt ja auch Lindner das Corporate Design seiner Partei.

      Ich glaube, vielen Pro-Forma-Kritikern der FDP wird nach der Wahl die Kritik im Halse stecken bleiben. Ich sehe die FDP in der Regierung, mit erheblichem Einfluss.

      • offtopic: Die FDP, in persona Lindner, wird sich auch dieses Mal wieder verpissen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen und Inhalte zu liefern. Wetten, dass die Texter von Heimat schon an einem neuen geilen Claim für den Abbruch der Pseudo-Koalitionsverhandlungen arbeiten?

  3. Die in schwarz-grün gehaltenen Plakate der Grünen wollen erkennbar zum unvermeidlichen beruhigen. Man muss die Gestalter allerdings fragen, warum sie die Möglichkeit sympatische Gesichter in gegebener Natürlichkeit an jedem Laternenpfahl zu zeigen übergehen zugunsten eines kotzgrün-schwarzen Schattenrisses.

  4. Da hatten die Grünen bei der NRW-Wahl so gute Plakate; ich verstehe nicht, wieso sie jetzt zu diesem Duplex-Druck und ‘Pistazie’ gewechselt haben. Das wirkt irgendwie völlig aus der Zeit gefallen. Die Lesbarkeit finde ich, besonders wenn man sie auf der Straße sieht, sehr schlecht. Auch muss ich sagen, dass die Motive (Lockenkopf im Wind, Senior mit Smartphone, springendes Kind…) schon an anderer Stelle viel zu oft vorgekommen sind.

    Die one-man-show der FDP finde ich als Wähler absolut abstoßend. Blinde Begeisterung für eine Person, die vorallem durch Omnipräsenz ihren Promi-Status erhält, hat man als Teenie für Menschen aus der Popkultur oder dem Fußball. Aber als erwachsener Mensch, der sich Gedanken darüber macht, wie das Land, in dem er lebt, gestaltet wird, ist das überhaupt nicht ansprechend. Auch die SPD geht aus demselben Grund in die völlig falsche Richtung.

    Die AfD verwendet idT sehr gut gemachte Fotos. Die Entscheidung zum weißen Polaroid-Bereich im unteren Teil kann ich jedoch nicht wirklich nachvollziehen.

    Die Plakate der Linken überzeugt mit der neuen Farbenlehre. Wirkt nahbarer, weniger wie ein Verbotsschild. Auf dieser Linie sollten sie weiter arbeiten.

    Die Idee mit dem Ring bei den CDU-Plakaten ist ganz nett; ich frage mich nur, ob sie ihn auch verwendet hätten, wenn sie vorher die AfD-Plakate gesehen hätten..? Wenn man auf der Straße die Plakate der Parteien direkt nebeneinander sieht, erkennt man deutlich ein gemeinsames Stilmittel – ob Band oder Ring, harter oder weißer Farbübergang wirkt da gar nicht so entscheidend.

    Zumindest ist der Plakate-Wahlkampf nicht langweilig!

    Zu den Anmerkungen bezüglich QR-Code: Ich kann die Bedeutung, dass ein QR-Code für Kompetenz im Umgang mit modernen Medien und Digitalisierung steht, nicht nachvollziehen. Vielleicht _soll_ der Code das darstellen, aber damit wirkt er meiner Meinung nach schon aufgesetzt. Schlichtweg weil er in den meisten Einsatzgebieten einfach keine andere Funktion hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich vor einem Plakat in drei Metern Höhe am Laternenmast zwischen Parkbucht und Abbiegestreifen jemand mit hochgerecktem Smartphone hinstellt, um JETZT und SOFORT das Wahlprogramm runterzuladen, weil er Angst hat, da sonst nicht anders ranzukommen. QR-Codes machen Sinn auf Lebensmittelverpackungen (Herkunftsnachweise), als Ergänzung in einem Katalog oder einer Gebrauchsanweisung (Erklärvideos), aber in Situationen auf der Straße halte ich sie für völlig überbewertet und mit ihrer Botschaft “hey, wir sind hipp, wir sind smartphone-ready!” auch schon für lächerlich. Die 10er Jahre sind vorbei.

  5. Alle Plakate der Grünen weisen den gleichen Schreibfehler auf: das jeweilige ihr ist jeweils mit großem I geschrieben: „Ihr“! Das ist falsch! Das ihr wird in diesen Fäll kleingeschrieben!

  6. Wieso wählt die SPD für ihre Plakate die kaiserlichen Farben?
    “Die Flagge mit drei waagerechten, gleich breiten Streifen in den Farben Schwarz-Weiß-Rot war von 1867 bis 1871 Kennzeichen für Handels- und Kriegsschiffe des Norddeutschen Bundes, von 1871 bis 1919 die Nationalflagge (offiziell festgelegt 1892) des Deutschen Reichs in der Kaiserzeit und von 1933 bis 1935 übergangsweise zusätzlich die Flagge des „Dritten Reichs“, ehe die Hakenkreuzflagge als alleinige Nationalflagge eingeführt wurde.” https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarz-Wei%C3%9F-Rot

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