Die Plakate zur Bundestagswahl 2021

Bundestagswahl 2021 Wahlplakatkampagnen

Nachdem nun alle im Bundestag vertretenen Parteien ihre Kampagnen präsentiert haben, können wir einen Blick auf die Plakatmotive werfen, die uns in den kommenden Wochen bis zur Bundestagswahl deutschlandweit begleiten werden. Eine Analyse.

Am 26. September 2021 wird der neue Bundestag gewählt. Mittlerweile haben alle Parteien auch offiziell ihre Wahlkampagnen vorgestellt. Starke Aktivitäten im Umfeld von Instagram, TikTok, Facebook & Co. verdeutlichen allerdings: die Parteien sind bereits seit vielen Monaten im Wahlkampfmodus. Dabei hat die Corona-Pandemie die Bedeutung der digitalen Medien und die Verlagerung von der Straße ins Netz maximal verstärkt.

Die Technologie ist Segen und Fluch zugleich. Denn wenn der physische Raum für einen Austausch von Angesicht zu Angesicht immer kleiner wird und sich der politische Diskurs in das Umfeld von Social Media verlagert, erschwert dies echten Dialog. Themen werden im Umfeld von Social Media in der Regel verkürzt wiedergegeben, oftmals werden diese vereinfacht oder unbewusst verfälscht, zunehmend werden Sachverhalte und Ereignisse auch bewusst manipuliert. Umso wichtiger ist es, Begegnungsräume außerhalb von Filterblasen, Hate Speech, Fake News und Verschwörungsideologien zu erhalten, diese auszubauen oder auch neue Dialogformate zu schaffen, und zwar vor Ort. Der mit Ballons und Fähnchen geschmückte Wahlkampfstand vor dem Supermarkt oder auf dem Marktplatz – er fehlt. Und dabei wäre dieses zuweilen als Relikt angesehene Dialogangebot in dieser Zeit wichtiger denn je.

Auch Wahlplakate können Sachthemen nur schlecht vermitteln. Inhalte werden extrem verkürzt und zudem in zugespitzter Form dargestellt. Der Informationsgehalt ist in der Regel sehr bescheiden. Das muss auch so sein! Denn Plakate sollen vor allem eines: Aufmerksamkeit stiften. Plakate dienen dazu, den Betrachter dran zu erinnern, dass die so beworbene Partei zur Wahl antritt. Wahlplakate sind zudem eine Einladung, sich mit den Standpunkten der jeweiligen Partei eingehender zu beschäftigen. Lediglich bei den Plakaten der Grünen findet sich ein Verweis auf die Website. QR-Codes, mit deren Hilfe Betrachter etwa direkt zum Wahlprogramm geleitet würden, sieht man bei keiner Partei. Warum eigentlich nicht? Wer eine solche Einladung ernst meint, darf gerne auch die technischen Möglichkeiten zur Vernetzung von analogem und digitalem Medium nutzen, auch um Kompetenz diesbezüglich zu signalisieren.

Wahlprogramme bieten eine deutlich bessere Grundlage für einen Wahlentscheid als Plakate, unabhängig davon wie sie gestaltet sind. Nicht, dass Ästhetik und Gestaltungsqualität nicht auch wichtig wären, gerade im Kontext der Informationsvermittlung sind sie bedeutsam! Der persönliche Geschmack in Sachen Farben sowie Bild- und Formensprache sollte jedoch nicht ausschlaggebend dafür sein, an welcher Stelle man sein Kreuzchen macht. Deshalb werden in diesem Beitrag nicht nur die Plakatkampagnen vorgestellt, am Ende jeder Besprechung ist erstmals auch ein Link zum Wahlprogramm der jeweiligen Partei enthalten.

Sprache ist ein zentraler Aspekt im Kommunikationsdesign. Deshalb wurde im vergangenen Jahr hier im Blog gendersensible Sprache in Fachmedien (Kontext Design) thematisiert. Hier ein kurzer Überblick, bevor wir in die Plakatanalyse einsteigen, wie es die Parteien innerhalb ihrer Wahlprogramme mit dem Gendern halten.

CDU: Paarformen
SPD: Sternchen
AfD: gendert nicht
FDP: Paarformen
DIE LINKE: Sternchen
Bündnis 90/Die Grünen: Sternchen

Wer keine Zeit hat, sich alle Wahlprogramme durchzulesen, was angesichts von 750 Seiten und zwei Millionen Zeichen, wie der SPIEGEL nachgezählt hat, sehr leicht nachvollziehbar ist, kann zwecks Meinungsbildung ab dem 2. September auch den Wahl-o-Mat verwenden. Freie, demokratische Wahlen sind ein Privileg und keine Selbstverständlichkeit. Gib auch Du Deine Stimme ab!

Schnelleinstieg:

CDU

CDU Plakat Bundestagswahl 2021 – Laschet, Quelle: CDU

Im Zuge der Aktualisierung ihres Corporate Designs hat die CDU im vergangenen Jahr den sogenannten „Unionskreis“ als zentrales Gestaltungselement eingeführt. Die Partei will den auf Plakatmotiven in Nationalfarben gehaltenen Kreis als „starkes Zeichen des Zusammenhaltes“ verstanden wissen. „Nur die CDU“ dürfe solch einen Kreis im Erscheinungsbild führen, wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak anlässlich der Vorstellung der Kampagne behauptet.

Wie schon vor vier Jahren werden auf den Plakaten der CDU durchgängig die Nationalfarben abgebildet. Allerdings ist dies in diesem Wahlkampf kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Auch im Kampagnenmotto wird die Ausrichtung auf nationale Themen gespielt und betont: „Deutschland gemeinsam machen.“ Es sei dies, so Ziemiak, „der digitalste Wahlkampf, den wir bisher erlebt haben“. Wenn die CDU diesen Hyperlativismus weiter auf die Spitze treibt, dürften wir wohl schon 2025 den „allerbestendigitalsten Wahlkampf aller Zeiten ever“ erleben.

Die Kampagne der CDU wurde zum Teil in den Medien dafür kritisiert, dass auf den ersten Motiven der Kampagne ausschließlich Menschen mit weißer Hautfarbe abgebildet sind. Meiner Einschätzung nach, und ich beobachte und analysiere seit 2009 Kampagnen zu Bundestags- und Landtagswahlen, ist die CDU bis dato noch nicht dadurch aufgefallen, dass sie auf ihren Plakaten die Vielfalt der in diesem Land lebenden Menschengruppen und Ethnien abbildet und feiert. Dies ist auch gar nicht notwendig, überdies ist es auch nicht sinnvoll. Denn Wahlkampf heißt nicht, dass alle Parteien auf Wahlplakaten einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft abbilden müssten. Auch nicht jene, die für sich in Anspruch nehmen, die Mitte der Gesellschaft zu repräsentieren. Wahlplakate sind keine 1:1-Abbildungen gesellschaftlicher Realität. Wahlkampagnen zeichnen sich vielmehr durch ihre Zuspitzung auf einige wenige von der jeweiligen Partei als wichtig erachtete Themen aus.

Auch der Umstand, dass auf einigen der Motiven gar keine echte Polizistin und Pflegerin sondern jeweils CDU-Mitarbeiterinnen zu sehen sind, wurde meiner Meinung nach zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Entscheidend ist, wie sich eine Partei in ihrem Wahlprogramm inhaltlich positioniert.

Konkret zur Gestaltung: Die auf den Plakaten abgebildeten Personen spiegeln ein traditionelles Werteverständnis einschließlich des klassischen Familienmodells bestehend aus Vater, Mutter und Kind wider. Neben dem Parteilogo, das auf Plakaten jeweils rechts oben abgebildet wird, ist der über die gesamte Höhe des Formates reichende Unionskreis ein zweites wiederkehrendes Element. Ein Element, das für eine gewisse Ordnung sorgt. Dabei fungiert der über Fotografien platzierte Kreis wie eine Art Fokus: der Innenteil ist scharf, während das Foto außerhalb des Kreises weichgezeichnet ist. Auch alle Textelemente und Wahlsprüche werden vom Kreis umschlossen. Dies ist insofern ungünstig, da der Kreis die zur Verfügung stehende Fläche begrenzt. Wahlsprüche drängen dadurch stärker in die Bildmitte und verdecken so große Teile der abgebildeten Personen. Das Plakat mit Spitzenkandidat Armin Laschet wirkt am wenigsten überladen.

Varianten mit partiell angeschnittenen Unionskreis (Beispiel), so wie sie im Corporate Design der CDU ausdrücklich vorgesehen sind und wie sie bei den Bundestagskandidatïnnen zur Anwendung kommen, wirken von der Gestaltung her harmonischer und nicht so voll. Bei den hier gezeigten Motiven der ersten Kampagnenwelle wirkt es hingegen, als seien die abgebildeten Personen in dem Unionskreis eingeschlossen/eingepfercht.

Die Kampagne der CDU entstand in Zusammenarbeit mit der Agentur Serviceplan.

Das Wahlprogramm der CDU zum Download (PDF)

SPD

SPD Plakat Bundestagswahl 2021 – Olaf Scholz, Respekt für dich

Als letzte der im Bundestag vertretenen Parteien präsentiert die SPD am 04. August ihre Kampagne – vier Wochen später als CDU und die GRÜNEN. Womöglich ist die ungewöhnlich späte Präsentation der Hochwasserkatastrophe geschuldet. Denn wenn Menschen sterben und ihre Existenzen verlieren, gilt jedes Werben um Aufmerksamkeit für eigene Belange als anrüchig. So wird jeder Auftritt von Politikern in Krisengebieten von Medien kritisch beäugt und zum Drahtseilakt.

In der Vergangenheit hat sich die SPD mehrfach im Rahmen ihrer Kampagnen auf den politischen Gegner eingeschossen und „Negative Campaigning“ betrieben (siehe Europawahl 2009, Merkel-Bashing 2013). „Die Fehler der Anderen“ werde man auch in diesem Wahlkampf aufzeigen, wie Lars Klingbeil im Rahmen der Kampagnenvorstellung erklärt. Und das tut die SPD auch, allerdings vorerst nur im Umfeld von Social Media (Motiv: „Während zwei sich streiten …“). Innerhalb der Plakatkampagne der ersten Welle setzt die SPD hingegen voll auf ihren Spitzenkandidaten Olaf Scholz.

Scholz, auf den ganzflächig rot gehaltenen Motiven in schwarzweiß dargestellt und freigestellt, schaut mit festem Blick direkt in die Kamera. Dass die SPD im Rahmen der ersten Plakatwelle voll auf Briefwähler setzt, ist deutlich zu sehen. Denn auf den Großflächenmotiven hält Scholz, im Stile eines Schiedsrichters, der eine rote Karte in die Höhe streckt, einen Stimmzettelumschlag in der Hand. Ein spezielles Weitwinkelobjektiv lässt Hand bzw. Hände und Umschlag besonders groß erscheinen. Die dadurch erzeugte Blickführung hin zum Umschlag ist derart ausgeprägt, dass in Versalien gesetzte Wahlsprüche wie „Jetzt 12 € Mindestlohn wählen“, obschon groß und zentral positioniert, innerhalb der Wahrnehmungshierarchie deutlich niedriger angelegt sind und somit nachrangig erfasst werden. Eine abwechselnd Positiv-Negativ-Darstellung der Wahlsprüche erschwert zudem deren Erfassbarkeit.

Wer im Auto oder auf dem Fahrrad sitzend am Plakat vorbeifährt und diesem zwei, drei Sekunden an Aufmerksamkeit widmet, mehr ist selten, dürfte in Erinnerung behalten, Olaf Scholz gesehen zu haben, wie dieser ein Blatt Papier in die Höhe hält. Klingbeil beschreibt das Design als mutig. „Langweilige Plakate kann jeder“, so der SPD-Generalsekretär. Ich bin jedoch nicht davon überzeugt, dass die mit den Plakatmotiven verfolgte Botschaft in Gänze verstanden wird, auch da ein direkter Aufruf zur Stimmabgabe per Briefwahl auf den Plakaten fehlt. Üblicherweise, und dies ist wichtig in Bezug auf die Erwartungshaltung, werden konkrete Aufrufe zur Stimmabgabe (Erststimme, Zweitstimme) mittels zusätzlichem Störer realisiert.

Die SPD hat das Superwahljahr zum Anlass genommen, das Parteilogo neu auszurichten (Ansicht). Das Kampagnenmotto „Soziale Politik für Dich“ wurde mit in das Logo aufgenommen. Im Rahmen der Kampagne kommt das Logo ohne den roten Kasten als reine Typo-Variante zur Anwendung. Da die LINKE im Umgang mit ihrer Hausfarbe Rot vergleichsweise zurückhaltend agiert, stechen die Plakate der SPD in diesem Wahlkampf hervor. Nie war mehr rot bei der SPD.

Entstanden ist die Kampagne in Zusammenarbeit mit der Agentur BrinkertLück (Hamburg).

Das Wahlprogramm der SPD als Download (PDF)

AfD

AfD Straßenplakat – Zwei für Deutschland, Quelle: AfD

Mit Alice Weidel und Tino Chrupalla als Spitzenkandidaten zieht die Alternative für Deutschland in den Wahlkampf. Gemeinsam erklären sie auf einem der Plakate, wohin sie wollen: „Zurück zur Normalität“. Bedingt durch die Corona-Pandemie vielleicht der seit Monaten von Politikern aller Parteien am meisten geäußerte Ausspruch. Normalität. Neue Normalität. Verantwortungsvolle Normalität. Die AfD greift die offenkundig in der Gesellschaft weit verbreitete Sehnsucht nach Normalität in ihrem Wahlkampfmotto auf: „Deutschland. Aber normal.“ Alice Weidel präzisiert, was mit „normal“ gemeint ist: „Wir wollen unsere alte Normalität zurück!“ So wie früher also. Eine Normalität gänzlich ohne Sars-CoV-2 erscheint auch vor dem Hintergrund der kürzlich von einem Forscherteam im Wissenschaftsmagazin „Nature“ beschriebenen Zukunftsszenarien allerdings höchst unwahrscheinlich.

Zur Gestaltung selbst: Die AfD setzt sich in ihrer Wahlkampagne mit runderneuertem Layout und verändertem Typokonzept in Szene. Erstmals verwendet die Partei innerhalb der Plakatgestaltung wie auch in ihrem Wahlprogramm die Slab-Serifenschrift Bitter. Bis letztes Jahr ist eine Slab-Serife auch im Corporate Design der GRÜNEN als stilprägende Hausschrift fest verankert gewesen, nämlich die Arvo. Die FDP verwendet in ihrem Parteilogo mit der PMN Caecilia seit 2015 und nach wie vor eine sogenannte Egyptienne, die über ausgeprägte eckige Serifen verfügt.

Wie schon im Rahmen der Kampagne zur Landtagswahl in Baden-Württemberg kommt auch auf den Plakaten zur Bundestagswahl 2021 das Parteilogo in der sogenannten Kurzversion zum Einsatz, bestehend aus dem Namenskürzel; durchgängig rechts unten ist es auf den Plakaten platziert.

Auf Themenplakate abgebildete und in der Google-Schrift Barlow Condensed gesetzte Wahlsprüche wie „Deutschland muss offen bleiben“ werden entweder vor einheitlich blauen Hintergrund oder auf farbigen Fotos platziert. Auch bei letztgenannter Verwendung ist der Kontrast groß genug, sodass der Text auch noch aus größerer Distanz zu lesen ist. Mit geringerer Schriftgröße ist die Lesbarkeit, zumal in der Bitter vor blauem Fond gesetzt, nicht mehr ganz so gut. Im unteren Drittel erstreckt sich ein in Nationalfarben gehaltenes Band über die gesamte Breite des Plakates. Ein Element, das erstmals bei der AfD zu sehen ist. Auf blauen Themenplakaten kommt zusätzlich ein in Schwarz, Rot, Gold gehaltener stilisierter Schmetterling zum Einsatz.

Insbesondere die Qualität fotografischer Abbildungen hat sich im Vergleich zur Bundestagswahlkampf 2017, wo noch intensiv mit freigestellten Menschen und künstlich wirkenden Montagen gearbeitet wurde, verbessert. Die Fotos für sich genommen könnten in dieser Form, mit auffällig großem Grünanteil und Schärfentiefen-Effekt, auch bei anderen Parteien Verwendung finden. Da in den Motiven der AfD vermehrt gängige im Kontext von Wahlwerbung verwendete Gestaltungsmittel zur Anwendung kommen, kann man attestieren, dass eine Form der Angleichung zwischen der erst 2013 gegründeten AfD und den als etabliert geltenden Parteien stattgefunden hat.

Nähere Angaben zur verantwortlichen Agentur wurden auf Anfrage von der AfD-Pressestelle nicht gemacht.

Das Wahlprogramm der AfD zum Download (PDF)

DIE LINKE

DIE LINKE Plakat Bundestagswahl 2021 – Soziale Gerechtigkeit

 

Janine Wissler und Dietmar Bartsch führen DIE LINKE als Spitzenkandidaten in den Bundestagswahlkampf. Anlässlich ihrer Nominierung im Mai gab Bartsch das Ziel aus, bei der Wahl ein zweistelliges Ergebnis holen zu wollen. Es gehe dabei nicht um kleine Korrekturen, sondern um einen Richtungswechsel, so Wissler, die sich grundsätzlich auch offen für eine Regierungsbeteiligung ihrer Partei zeigt. Die Umfragewerte liegen seit Wochen zwischen 6–8 Prozent.

Im Zuge der Präsentation am 21. Juli beteuert Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler, die Motive der Plakatkampagne würden nichts ins Blaue hinein formulieren, sondern es werde konkret aufgezeigt, wie die Partei die Bundesrepublik verändern wolle – „Rente hoch, Rentenalter runter“, heißt es beispielsweise auf einem der Motive. Eine konkrete Forderung zwar. Aber wie ein solches Ziel erreicht und finanziert werden soll, bleibt offen. Ein Veranstaltungsplakat kann, sofern Anlass, Ort und Zeitpunkt ersichtlich sind, sehr konkret sein. Wahlplakate, auch die der LINKEN, bleiben hingegen vage.

Konkret benennen lässt sich Headline-Schrift, die DIE LINKE seit nunmehr 2009 konsequent bei Plakatkampagnen zu Bundestagswahlen einsetzt: Helvetica Inserat. Eine sehr schmal gestellte Schrift, mit der sich viel Text auf geringer Fläche unterbringen lässt. Neben dem Logo und der Farbe Rot ist sie mittlerweile das dritte zentrale Erkennungszeichen der Partei.

Ins Auge springt vor allem das von jeglichem politischen Inhalt befreite Wahlmotto: „Jetzt!“. Die Sogwirkung dieser fünf riesenhaft abgebildeten Lettern ist so stark, dass politische Forderungen wie „Frieden. Waffenexporte stoppen.“ in der Wahrnehmungshierarchie fast an letzter Stelle kommen, was mindestens unglücklich ist. Die verwendeten Fotos auf Themenplakaten wirken zudem, von einer Ausnahme abgesehen, generisch und haben den Charakter von Stock-Material.

Ergänzend zur traditionellen Hausfarbe der LINKEN kommen in diesem Wahlkampf neben Rot zahlreiche andere Farben zum Einsatz. Farben, die „benennen, dass die LINKE in sozialen Themen verankert ist“, so Schindler. Ende 2011 stellte die SPD ihrem angestammten Rot die Farbe Purpur/Lila zur Seite und wagte den Bruch mit Altbekanntem. Auch die LINKE setzt bei ihren Plakaten auf eine neue Farblehre. Lila gilt im Volksmund als „letzter Versuch“, mit dem bei verwelkender Schönheit mit einem lila Kleidungsstück noch einmal Aufmerksamkeit erregt werden soll. Ob es die LINKE der SPD gleichmachen kann, wird sich zeigen (die Sozialdemokraten hatten bei der Bundestagswahl 2013 um 2,7 % zugelegt).

Die Kampagne entstand in Kooperation mit der Agentur DiG/Plus.

Das Wahlprogramm der LINKE

FDP

FDP Plakat Bundestagswahl 2021 – Nie gab es mehr zu tun

Bei der Bundestagswahl 2017 gelang der FDP mit 10,7 Prozent der Stimmen der Wiedereinzug in den Bundestag. Nach 16 Jahren Merkel-Regierung brauche es nun, so FDP-Generalsekretär Volker Wissing anlässlich der Präsentation der Kampagne, fast eine Revolution. Der Wahlkampf steht unter dem Motto: „Nie gab es mehr zu tun“. Und beim Betrachten der Plakate, die ganz auf den Parteichef zugeschnitten sind, bekommt man den Eindruck: nie gab es mehr Christian Lindner.  Inzwischen ist Lindner der am längsten amtierende Vorsitzende der im Bundestag vertretenen Parteien.

Auf den Fotos trägt Lindner ausschließlich Hemd und Krawatte, und nur auf einem Motiv hat er sein Sakko abgelegt. Die Botschaft soll wohl sein: 24/7 im Einsatz. Da Lindner, anders als 2017, niemals direkt in die Kamera schaut, die Kameraperspektive unterhalb der normalen Augenhöhe liegt und zudem keine weiteren Personen zu sehen sind, vermittelt die schwarzweiße Fotoserie im Kontext der Wahlkampagne vor allem eines: Einzelkämpfertum. Die gewählten Stilmittel und Bildwinkel dienen einzig dazu, Größe, Stärke, Dominanz und Macht darzustellen. Lediglich auf einem der sechs vorgestellten Motive ist Lindner im Dialog, ist eine Dialogbereitschaft zu erkennen.

Mit in der Schrift DIN gesetzten Wahlsprüchen wie „Wirtschaftswunder. Make in Germany.“ bleibt die FDP auf der sprachlichen Ebene ihrer Linie treu, Deutsch und Englisch miteinander zu verweben („Digital first. Bedenken second.“ / „German Mut“, u.a.). Wahlkampf ist immer auch der Kampf um Wörter. Die Kommunikation zielt darauf ab, Themen zu besetzen und die Hoheit über eben jene in den Medien zu erlangen. Derlei deutsch-englische Wortspiele sind weniger ein „Buzzword“, um fachlicher Kompetenz Ausdruck zu verleihen, als vielmehr ein Marketing-Kniff. Die in der Vergangenheit dadurch erreichte starke Medienpräsenz scheint den Liberalen recht zu geben. Und dennoch besteht natürlich die Gefahr, dass eine solche Sprache nicht verstanden wird und somit die politische Botschaft gar nicht verfängt. Und dabei erklärte Lindner kürzlich in einem Interview, dass er sich um eine verständliche Sprache bemühe. Dies sei auch der Grund, weshalb Linder nicht gendere.

Mit dieser Kampagne wird die FDP das Bild der „One Man Show“ sicher nicht ablegen können. Insgesamt eine einseitige Ausrichtung, die Nahbarkeit vermissen lässt.

Wie bereits im Rahmen der letzten beiden Bundestagswahlkämpfe hat die FDP bei ihrer Kampagnenplanung und-kreation mit der Agentur Heimat (Berlin) zusammengearbeitet.

Das Wahlprogramm der FDP zum Download (PDF)

Bündnis 90/Die Grünen

Bündnis90/Die Grünen Plakat Bundestagswahl 2021 – Zuhören und Zutrauen

Im Bundestagswahlkampf 2017 noch mit dem Ziel angetreten, drittstärkste Kraft werden zu wollen (erreicht haben sie letztlich Platz 6), haben die Grünen vier Jahre später deutlich Ambitioniertes im Sinn. Mit Annalena Baerbock, die seit 2018 gemeinsam mit Robert Habeck die Partei führt, haben die Grünen erstmals eine Kanzlerkandidatin aufgestellt. Die Partei kämpft „für das historisch beste grüne Ergebnis aller Zeiten und die Führung in der nächsten Regierung“. Die Grünen fühlen sich bereit, die Regierung anzuführen, und das kommuniziert die Partei auch in ihrem Claim: „Bereit, weil Ihr es seid.“

Nicht nur personell auch visuell haben sich Bündnis 90/Die Grünen seit 2017 neu aufgestellt. Das 2015 eingeführte Corporate Design wurde seitdem sukzessive an zentralen Stellen modifiziert. Die gelbe Sonnenblumen-Bildmarke ist als geschlossene Form seit einigen Jahren der alleinige Absender. Selbst ohne Namensnennung sind Plakate der Grünen trotz nun modifizierter Farben als solche erkennbar, auch vom weniger geschulten Auge, was für die Präsenz der Marke spricht.

Abgebildete Personen sind mittels Zweifarbeneffekt (Duplex) dargestellt – ein Differenzierungsmerkmal, das der Kampagne Eigenständigkeit verleiht. Im Gegensatz zu allen anderen Kampagnen sind auf den Plakaten der Grünen auch Menschen mit dunkler Hautfarbe zu sehen.

Anstelle von Magenta als schriller Akzentfarbe kommt bei Störern nun ein blasser Rotton („Lachs“) zum Einsatz. Die Hauptfarbe Grün, im aktuellen CD-Manual als „Pistazie“ bezeichnet, hat sich von einem kräftigen Grünton (CMYK 70/0/100/20) hin zu einem deutlich helleren Wert bewegt (CMYK 35/0/70/0). Komplettiert wird das neue Farbkonzept von einem dunklen Moosgrün für Textaussagen.

Statt der bislang verwendeten Serifenschrift Arvo nutzen die Grünen seit geraumer Zeit eine serifenlose, schmaler laufende Headlineschrift namens BereitBold. Im Vergleich zur markanten Arvo drängt sich die kursive BereitBold nicht so in den Vordergrund. Mit ihren nach rechts geneigten Lettern vermittelt die Schrift Aktivität/Bewegung und auf der metaphorischen Ebene Fortschritt. Auch FDP, AfD und CDU setzen auf dieses Stilmittel, das in diesem Kontext Ausdruck von Tatkraft/Agilität und Fortschrittsdenken sein soll. Da Wahlsprüche wie „Zukunft passiert nicht. Wir machen sie.“ in weiß vor hellem Grün gesetzt sind, ist deren Lesbarkeit auf der Distanz eingeschränkt.

Die Kampagne von Bündnis 90/Die Grünen entstand in Kooperation mit der Agentur Neues Tor 1. Die Agentur wurde, wie die Pressestelle auf Anfrage mitteilt, speziell für die Kampagnenaktivitäten rund um den Bundestagswahlkampf 2021 gegründet.

Das Wahlprogramm der Grünen

70 Kommentare zu “Die Plakate zur Bundestagswahl 2021

  1. Bundestagskandidatïnnen

    Wird im DT künftig auch gegendert? Das fände ich wirklich schade, bei anderen Wörtern im Text – wie z.B. “Briefwähler” – wurde es ja auch nicht gemacht. Gerade dass hier alles so weitestgehend unideologisch und nüchtern-rational daher kommt, schätze ich an diesem Blog.

    • Vor allem weil solche Schreibweisen ebenfalls diskriminierend sind, da die rein weiblichen Personen angesprochen werden, genauso wie beim von Radikalfeministinnen selbsterklärten generischen Femininum. Entweder “Bundestagskandidaten/-innen” oder “Bundestangskandidatinnen und -kandidaten” – so geht geschlechtergerecht grammatisch richtig.

      • Das stimmt. Besonders deutlich wird das an Wortbildungen wie “Ärzt*in”, in denen die männliche Form überhaupt nicht mehr vorkommt. Interessanterweise sind hier die Männer dann nur noch “mit-gemeint”, was man ja umgekehrt oft dem generischen Maskulinum vorwirft.

    • Nüchtern-rational heißt aber nicht, dass man im Gesellschaftsbild der 60er Jahre hängen bleiben muss. Das ist bei Ihnen ja sicherlich auch nicht so. Wenn alle Kandidat*innen Männer gewesen wären, dann wäre Kandidaten eine vortreffliche Wahl, aber das ist ja zum Glück nicht so. Der im Artikel verlinkte Text zum Thema ist sehr zu empfehlen.

      • Die gewohnte Sprache hat absolut nichts mit irgendwelchen Gesellschaftsbildern der 60er-Jahre zu tun. Das darauf zu reduzieren ist polemisch und lässt die linguistische Entwicklung vollkommen außer Acht. Das grammatikalische Geschlecht bezeichnet nicht das biologische Geschlecht, das ist eigentlich total simpel. “Die Person” ist ja auch nicht immer weiblich und interessanterweise wird diese auch nie gegendert.

      • Wenn du dir nicht vorstellen kannst, dass ein Kandidat ein Mann oder eine Frau oder was anderes sein kann, dann ist das nicht das Problem der Sprache, sondern deins.

  2. „Mit in der Schrift DIN gesetzten Wahlsprüchen wie „Wirtschaftswunder. Make in Germany.“ bleibt die FDP auf der sprachlichen Ebene ihrer Linie treu …“

    Sicherlich nicht die DIN – ad hoc hätte ich auf die Futura getippt.

  3. Rein von der Gestaltung sprich mich Die Linke am meisten an.
    Von der Wahrnehmung bzw. Erfassbarkeit der Inhalte (z.B. im Vorbeifahren), ist die SPD sehr gut aufgestellt.
    Der Weißraum-Gewinner ist ganz klar die FDP, wobei ich da meine Probleme mit der typografischen Gestaltung und den restlichen Räumen habe.
    Bündnis 90/Die Grünen wirken altbekannt und solide.
    CDU ist irgendwie stehen geblieben, das sieht wie eine alte Gestaltung, aus alten Wahljahren aus.

  4. 1. Laschet lächelt wie eine Oma und diesen Kreis hätte man nicht wirklich gebraucht. Sieht billig und uninspiriert aus. Zum Vorwurf, dort wären keine echten Polizisten abgebildet: Bei den Arbeiterparteien SPD und LINKE sind ja auch mehrheitlich keine Leute abgebildet, die mal hart gearbeitet haben.

    2. SPD setzt auf Schröder-Chiq, vermutlich wissen die anderen Parteivorsitzenden, dass andere Gesichter als die von Olaf nicht mehr gut ankommen bei der Wählerschaft. Hier erkennt man zumindest, dass die Kampagne mit viel Konzept erstellt wurde um die richtigen Trigger zu ziehen, die letzte Patrone im Revolver.

    3. AfD sieht irgendwie billo aus, ein bisschen wie Parteiwerbung vor 20 Jahren. Vermutlich haben sie es aber auch schwer eine gute Agentur zu finden. Dass die Agentur sich aber nicht traut genannt zu werden, spricht Bände über den politischen Zustand, demokratischen Respekt und Anstand in unserem Land. Wer die Repressionsversuche gut findet, die hier vorangegangen sein müssen, ist politisch vermutlich ähnlich unappetitlich wie die AfD, denn erstmal sollte hier jeder erstmal sagen dürfen was er will, insbesondere, wenn es nicht meine eigene Meinung ist.

    4. So ganz passé ist die DDR noch nicht, wenn ich mir die Plakate der Linken anschaue, die sind immer so uninspiriert, als ob ein VEB die zwangsgestalten muss. So hässliche Plakate hat die Bevölkerung nicht verdient

    5. FDP hatte wohl kein Geld für eine neue Kampagne und deshalb die vom letzten Mal wieder neu hervorgeholt. Es wäre wohl besser gewesen nicht nur auf Lindner zu setzen, die leiden doch sowieso schon unter dem Ein-Mann-Partei-Image. Trotzdem wirkt die Kampagne in der Gestaltung auf mich noch einigermaßen zeitgerecht.

    6. Der Duplex-Effekt, zusammen mit dem Grün, lässt alle abgebildeten Personen wie Marsmenschen aussehen. … und eine Agentur, die sich extra für den Wahlkampf gründet, klingen für mich nach Schmu, Klüngel oder etwas zu viel Machtbewusstsein, bei Leuten die keine Politiker sind, so oder so ein Minus.
    Früher hat mein Nachbar Grünenplakate selbst gemalt, mit Fingerfarbe auf Altpapier, das ist vorbei. Optisch ist der Anspruch zu erkennen, Annalenas kesser Blick über die Schulter, könnte auch aus einer Chanel-Werbung stammen. Man passt sich an die reiche Wählerschaft mit schlechtem Gewissen an, die auch Merceds-SUV fährt und nicht nur Lastenfahrrad.

    • Ich vermute, die eher “billige” optische Gestaltung ist Teil des Kalküls der AfD.

      Die WOLLEN nicht modern rüberkommen.

      • Genau das ist mir auch in den Sinn gekommen. Ich kann mir auch nicht erklären, warum die Weidel mit einem Wegwerf-Kaffeebecher abgebildet ist (“Umwelt? Uns doch egal!”). Alles in allem soll möglicherweise ein Klientel angesprochen werden, das große Buchstaben sowie einfache und besonders polemische Botschaften schätzt. Von daher sind die Plakate schon gut auf die Zielgruppe abgestimmt.

      • Ich kann mir auch nicht erklären, warum die Weidel mit einem Wegwerf-Kaffeebecher abgebildet ist

        Und du erklärst es dir doch, und die Erklärung trifft zu. Die AfD geht mit dem Sprüchlein “Deutschland, aber normal” in den Wahlkampf. Der ist leider relativ gut, wenn man die Denkweise oder eher Fühlweise der für dererlei erreichbaren Wähler vor Augen hat.

        “Normal” ist für jeden was anderes. Für die Afd vermutlich weiß, blond, blauäugig, christlichen Glaubens, heterosexuell, Mama, Papa, Kind, Hund, Häuschen, zwei Familienautos, zwei Flugreisen im Jahr und keine Gedanken an lästige Dinge wie Vielfalt, Klimaschutz, Verantwortung für andere.

  5. Ich finde die Grünenplakate ganz furchtbar im Vergleich. Das matte (In realo viel matter als hier) Grün funktioniert auf Wiesen und Grünstreifen wie Tarnfarbe. Man hätte auch ein schönes Signalgrau nehmen können. Die Personen sumpfen durch den Duplex-Effekt wiederum im Grün weg als wollte man sie verstecken. Es ist aber immer noch unruhig genug um die Typo einigermaßen schlecht erfassbar zu machen. Egal wie grün oder Inhaltlich man da irgendwas gedacht hat, frische Wähler bekommt man dadurch glaube ich eher nicht… Mir persönlich tut das richtig weh.

    Ebenso schmerzt der Eindruck das Populisten inzwischen verstehen das Populismus und Plakat(iv) nicht weit auseinander liegt.

      • Nein. Die Großschreibung in der Du-Form ist eine Höflichkeitsform (“Sie”-Formen schreibt man schließlich auch groß) und somit nicht falsch. Also nicht peinlich, sondern freundlich.

    • Laut Duden schreibt man die höfliche Anrede (Sie) groß, die vertrauliche Anrede (du) in der Regel klein, kann sie aber in Briefen durchaus auch groß schreiben. Insofern nicht wirklich falsch und ein nicht ungeschickter Kunstgriff, das vertrauliche, vielleicht für manche zu plumpe “ihr” durch Großschreibung förmlicher und damit seriöser klingen zu lassen.

    • Bereit, weil Sie es sind. / Bereit, weil du es bist. / Bereit, weil ihr es seid. ….. Ich denke, in der alten Rechtschreibung – vor 1996 – wäre “Ihr” noch richtig gewesen.

  6. Gestalterisch finde ich die Plakate der Grünen am schwächsten. Sie machen mal wieder Werbung für ihre eigenen Wähler und sprechen keine neuen Wähler damit an. Grün gefärbte Gesichter wirken krank und unsympathisch. Soll man den grünen Einheitsbrei wählen? Ist das nicht eine Bewerbung für das Bundeskanzleramt? Mutig wäre gewesen wenn die Grünen aus ihrer Blase hervorgetreten wären und zum Beispiel auch mit Schwarz Rot Gold geworben hätten. So bleiben sie in ihrer Komfortzone.

    Inhaltlich bin ich den Grünen am nächsten, weshalb mich diese schwache Werbung besonders enttäuscht. Leider muss ich zugeben dass die AfD hier die beste Werbung für sich macht. Die Themen sind für Normalbürger verständlich, die Gestaltung wirkt bodenständig, sie vermeiden krasse Thesen. Sehr gefährlich!

  7. Allein schon, dass offenkundig einzig die AfD das Thema “Lockdown” aufgreift, macht die Sache brandgefährlich. Und leider macht sie das auch noch verhältnismäßig geschickt.

    Warum überlassen die anderen denen das Thema, das die Menschen hier seit tatsächlich anderthalb, gefühlt aber mehr Jahren beschäftigt, den Rechtspopulisten?

    Gerade von der FDP hätte da mehr kommen müssen (und kam auch in Äußerungen während der Pandemie, die jetzt aber nicht in Plakate umgesetzt werden).

    Ich wähl sie trotzdem, aber ich fürchte, die Chance, dass auch noch sehr viele andere das tun, hat man durch zu abstrakte Plakate verspielt.

  8. Ach, die SPD hat als letztes die Kampagne präsentiert?
    Hier sind die die einzigen, die bislang plakatieren.

    Bei mir ist vorallem das “Respekt für dich.” hängen geblieben.
    Der Spruch widerspricht sich doch.
    Es ist respektlos, pauschal zu duzen.

    • “Es ist respektlos, pauschal zu duzen.”

      Dann ist ganz Skandinavien respektlos, denn da gibt es de facto kein “Sie”. Mit der Du-Anrede wird eine gewisse Nähe hergestellt, die manch einer ziemlich gut findet (inklusive mir). Auf jeden Fall ist der Blick von Olaf Scholz direkt in die Augen des Betrachters, verbunden mit der vertraulichen Anrede, schon ziemlich clever. Wo ein Armin Laschet unnahbar-pauschal und komplett austauschbar daherkommt, haben die SPD-Wahlplakate einen Touch von den alten US-Plakaten mit Uncle Sam und dem Spruch “I WANT YOU FOR U.S. ARMY”. Auf jeden Fall bleiben sie (mir) im Kopf hängen, weil sie ziemlich brutale Kontraste haben und ziemlich minimalistisch sind.

      • Natürlich ist es nicht respektlos zu duzen, wenn die Sprache gar keine andere Möglichkeit bietet. Wobei fraglich ist, ob man das dann noch “Duzen” nennen kann. “Duzen” setzt eine Alternative voraus, das “Siezen”.

        Wir im Deutschen haben die Wahl zwischen zwei Anredeformen, was man im Englischen oder in den nordischen Sprachen nicht hat. Wenn ich mich von diesen beiden Anredeformen für die weniger formelle, auch “respektlosere” entscheide, dann ist das eine vielleicht begründbare, aber auch kritisierbare Entscheidung. Wenn mir meine Sprache diese Differenzierung gar nicht bietet, dann ist es gar keine Entscheidung.

  9. “Das 2015 eingeführte Corporate Design wurde seitdem sukzessive an zentralen Eckpfeilern modifiziert.”
    Zentrale Eckpfeiler, kicher.

    • Sie lesen einen Beitrag, der eigentlich in vielfältiger Weise Anlass gäbe, im Themenkontext Wahlwerbung, Design und Kommunikation einen gescheiten Kommentar abzugeben oder vielleicht eine Einschätzung, ob es den Parteien Ihrer Ansicht nach gelungen ist, ihre Botschaften mittels Gestaltung auf den Punkt zu bringen – und dann kommt SO EIN KOMMENTAR dabei heraus? Echt jetzt? Wie wäre es, anstatt über eine verunglückte Formulierung zu feixen, etwas Konstruktives beizusteuern. Hat schon seinen Grund, dass Sie, „Ingo S.“, hier im Schatten der Anonymität kommentieren, gel?

      • Man kann aber auch sehr dünnhäutig sein, Herr Schaffrinna.

        Jemand kichert über eine hübsche kleine sprachliche Stilblüte. Das habe ich auch, und auch, weil so etwas in der Tat jedem von uns, der schreibt und öffentlich schreibt, hin und wieder passiert.

        Ja, man hätte unendlich viel anderes schreiben können, aber bestehen gelungene Kommentarbereiche daraus, dass jeder alles schreibt, was er schreiben könnte?

        Hier eine Attacke gegen jemanden zu reiten, der sich das Recht rausnimmt, hier anonym zu schreiben – was Sie ihm ermöglichen – und dann auch noch frech genug ist, einen kleinen sprachlichen Fehlgriff Ihrerseits witzig zu finden, finde ich weit drüber.

      • Attacke … weit drüber

        Eine Nummer größer hätten Sie es nicht? Spiegelt ganz gut den aktuellen Zeitgeist wider, wie ich finde. Diese Neigung zur Skandalisierung und zur Empörung. Im besten Fall ist meine Antwort auf den betreffenden Kurzkommentar eine Zurechtweisung. Ein Hinweis darauf, doch sachbezogen zu kommentieren. Als Autor und Moderator ist genau dies meine Aufgabe. Dass es mehr eine Zurechtweisung denn eine freundliche Ermahnung wurde, ist dem Kommentar geschuldet. 99,9 % der dt-Leser bringen sich in konstruktiver Weise ein und schätzen den sachlich-fachlichen Austausch und den fairen Umgang. Und den wenigen anderen, die es offenbar eher auf Provokation angelegt haben denn auf Diskussion, teile ich mit, sich bitte an die Netiquette zu halten. Kommentare mit Beleidigungen fliegen raus. Auch Ingo S. aka Läberworscht meinte in einem Folgekommentar mich beleidigen zu müssen. Der erste Eindruck hat nicht getäuscht. Don‘t feed the troll. Es wird der letzte Kommentar der beleidigten Leberwurscht sein. Persönliche Anfeindungen gehören sich erstens nicht und zweitens interessiert solch ein Gezicke niemanden, ebenso wenig ob ich dünnhäutig bin.

        Zum Thema anonymes Kommentieren: ich glaube es wird gerne übersehen, dass dies ein Privileg ist und eine Verpflichtung mit sich bringt. Denn in vielen Medien ist mittlerweile nur noch das Kommentieren mit Echtnamen möglich, Stichwort HateSpeech und Verrohung. Es gibt gute Gründe hier im dt unter Wahrung der Anonymität einen Kommentar zu hinterlassen. Wer etwa als Agentur den eigenen Kunden/Auftraggeber kritisiert – oft genug passiert -, möchte dabei aus nachvollziehbaren Gründen unerkannt bleiben. Wer jedoch Anonymität dazu nutzt, um andere zu beleidigen, dessen Kommentare werden gelöscht.

        Dies ist die letzte Bemerkung von mir zu diesem Randthema. Nun bitte wieder zur eigentlichen Sache. Besten Dank.

    • In Augsburg sieht man bis jetzt nur Plakate ihres Direktkandidaten, keine Themen, kein Laschet. Farblich setzt man auf weiß-blau.

  10. Triumph des Wollens?

    „Anlässlich ihrer Nominierung im Mai gab Bartsch das Ziel aus, bei der Wahl ein zweistelliges Ergebnis holen zu wollen.“

    Hmm. Da treten wir am besten mal einen Schritt zurück und überlegen nochmal. In die direkte Rede zurückübertragen müsste Bartsch demnach gesagt haben: „Unser Ziel ist es, ein zweistelliges Ergebnis holen zu wollen“. Ziel ist also das Wollen? Oder beobachten wir hier das weitere Grassieren einer zwar beliebten, aber auch sehr dämlichen Dummdeutsch-Floskel? Ich befürchte: Letzteres, denn auch im Absatz zu den Grünen ist ähnliches zu lesen. Das ist aber Quatsch. Wie wäre es stattdessen mit „Anlässlich ihrer Nominierung im Mai gab Bartsch das Ziel aus, bei der Wahl ein zweistelliges Ergebnis zu holen?“ Es ist doch schon doof genug, dass Merkel dauernd angeblich ANKÜNDIGT, irgendwas zu wollen, oder irgendein Minister vermeintlich ankündigt, irgendwas zur Chefsache … zu machen? Nein, machen ZU WOLLEN. Ich kündige hiermit an, dass bitte nie wieder hören zu wollen. Danke.

    • In die direkte Rede zurückübertragen müsste Bartsch demnach gesagt haben: „Unser Ziel ist es, ein zweistelliges Ergebnis holen zu wollen“.

      Gesagt hatte Bartsch im Frühjahr:„Wir wollen bei der Bundestagswahl ein zweitstelliges Ergebnis holen“. Im Artikeltext wird Bartsch in indirekter Rede wiedergegeben, und zwar in korrekter Weise, wie ich doch meine. Weiß jetzt nicht, was diese brotlose Abhandlung bezüglich Dummdeutsch soll. Leider komplett am eigentlichen Thema – Wahlplakatdesign – vorbei, dieser Kommentar. Wäre schön, wenn der nächste mehr Substanz hätte. Besten Dank.

  11. Ahaaa, Kommentare löschen. Aus dem Werkzeugkasten der beleidigten Leberwurst. Sehr schön, Danke! Die besten ersten Eindrücke sind ja die, die dann auch noch bestätigt werden.

  12. »Kandidatïnnen« habe ich so auch noch nicht gesehen, finde es aber sehr elegant.

    Bei den Grünen verstehe ich wirklich nicht so ganz, warum das grün so einen Gelbstich hat, gerade im Vergleich zur Landtagswahl in Baden-Württemberg.

    Allgemein ist positiv zu sehen, dass sie endlich die Sonnenblume als zentrale Marke einsetzen und nicht mehr zerschneiden. So wird buchstäblich eine runde Sache draus.

    Jetzt sollten sie brandtechnisch noch den Schritt gehen und das »Bündnis 90« ablegen. Niemand benutzt diesen »Präfix« im Volksmund, deren Website heißt buchstäblich schlicht gruene.de, so würden Sie ihr eigenes Standing nochmal betonen.

    • Ja, sehr elegant.

      Die männliche Form fällt mal eben so weg, und der Durchschnittbürger weiß noch nicht mal, wie er das tippen soll.

      • Auch wenn ich jetzt nicht sagen kann, wer oder was ein Durchschnittbürger ist, lässt sich so viel festhalten: hier im dt lesen vor allem Menschen, die eine Affinität für Sprache, Kommunikation und Design mitbringen. Insofern ist das Trema-Zeichen, wenngleich ungewöhnlich, in diesem Umfeld und in diesem Kontext nicht erklärungsbedürftig.

    • »Kandidatïnnen« habe ich so auch noch nicht gesehen, finde es aber sehr elegant.

      Ich persönlich finde ein Trema ebenfalls sehr elegant :-) Schön, dass es auch anderen so ergeht.

      Und um Erics Frage zu beantworten: Hin und wieder berücksichtige ich beim Schreiben, je nach Kontext, genderneutrale Sprache. Zwei Dinge sind mir sehr wichtig: Gleichberechtigung herstellen und Vielfalt in der Sprache zulassen bzw. aushalten. Keinem und keiner ist damit geholfen, wenn in Texten zwar konsequent gegendert wird, hingegen im Alltag, etwa bei Bewerbungen oder der Wohnungssuche, Menschen weiterhin aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Religion oder ihrer Herkunft diskriminiert werden. Auf der anderen Seite gilt es anzuerkennen, dass Sprache natürlich ein wirksames Werkzeug gegen Diskriminierung ist. Und es geht darum, stereotype Rollenbilder aufzubrechen. Gendersternchen, Doppelpunkt oder Trema verstehe ich als Impuls. Aus meiner Sicht reicht es, einen solchen Impuls in einem längeren Beitrag einmal zu setzen. Auch in den Wahlprogrammen der Parteien hätte mir ein solcher einmaliger Impuls vollkommen gereicht. Womöglich ist dies sogar wirkungsvoller als an jeder Stelle Paarformen zu schreiben? Für mich persönlich schon. Unabhängig davon, ob es wirklich sinnvoll und notwenig ist, in der Anrede stets „liebe Bürgerinnen und liebe Bürger“ zu sagen, oder „Kollegen und Kolleginnen“, „Genossen und Genossinnen“, etc., glaube ich, dass es gut ist, Vielfalt in der Sprache zuzulassen und auszuhalten. Möglicherweise brauchen wir das Gendersternchen ja in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr. Eine Art Brückentechnolgie. Wir wissen im Grunde alle, dass dieses Chaos im Schreiben und Sprechen nicht ausgereift ist. Aber bis wir es als Gesellschaft besser hinbekommen mit der Gleichberechtigung, soll es dann eben so sein. Ich finde es offen gesagt sehr spannend zu beobachten, wie sich die Sprache in vergleichsweise kurzer Zeit diesbezüglich gewandelt hat. Ich bin, was das betrifft, wohl eher der Glas-halbvoll-Typ. Denn über Sinn und Unsinn des Genderns in der Sprache zu streiten, scheint mir eine gute Chance zu sein, tatsächlichen und erforderlichen Wandel innerhalb der Gesellschaft anzustoßen.

      • Für den Doppelpunkt spricht die bessere Integration von Screenreadern. Denn das erzeugt die kleine Pause, die es vorgelesen als gegendert kennzeichnet. Und ist für mich damit auch eine elegante Variante.
        Und da es hier ja auch viel getrolle zu dem Thema gibt (überall, nicht nur hier in den Kommentaren), sage ich dazu gern: gewöhnt euch einfach dran. Das spart wertvolle Lebenszeit. ;-)

  13. Die Plakate mit Laschet passen nicht zu Laschet und stellen insgesamt all das an der derzeitigen CDU heraus, was eine Kampagne eigentlich zu überdecken versuchen sollte.
    Laschet selbst ist ja zunächst mal alles andere als schmal und dynamisch, wird aber von schmalen und dynamischen Formen umrahmt. Das wirkt ein bisschen so, wie ein CD auf das man sich mal geeinigt hat und jetzt dementsprechend die ganze Führungsetage für die Website des mittelständischen Metallbauers ablichtet und in das CD zwängt. Bloß ist eine Wahlkampagne in hohem Maße personalisiert und sollte auch personalisiert werden und das Kanzleramt ist nicht der Vorstandsposten eines Mittelständlers. Ansonsten sind Design und Aussagen in hohem Maße vergessbar, der verzagte Einsatz der Nationalfarben trägt auch nicht dazu bei, dass irgendwas irgendwie hängen bleibt.

    Ganz anders bei der SPD, klarer Blick, klares Design (auch wenn ich es nicht besonders harmonisch finde) und bei der FDP. Und auch bei der AfD passt der Inhalt sehr gut zu Design und Zielgruppe, auch wenn es (oder gerade weil es) handwerklich nicht so toll ist. Die Grünen finde ich, abseits der im Stadtgrün verunglückten Farbwahl in der Hinsicht auch gelungen wobei ich mit der Verzagtheit der Kampagne insgesamt fremdle (aber das passt nicht hierher).

    Die CDU und insbesondere Laschet haben zurzeit anscheinend überhaupt kein Gespür für die Macht von Bildern, die CDU hat das für sich ja schon in BaWü eindrucksvoll bewiesen und Laschet selbst wirkt (sehr böse formuliert) immer etwas wie ein abgestellter, vergessener und leicht hektischer Gartenzwerg.
    Ganz im Gegenteil dazu die viel kritisierten aber schon fast ikonischen Merkelmotive der letzten BTW, insbesondere die Raute. Die haben Klarheit, Ruhe und Vertrauenswürdigkeit ausgestrahlt (und ich bin das genaue Gegenteil eines CDU Wählers), man konnte sie im Kopf behalten. Man konnte sich an ihnen festhalten, Person und Designsprache stimmten im positiven Sinne überein. In etwa so, wie an den SPD Plakaten, denen der FDP (und begrenzt Grünen/AfD) jetzt. Die CDU Plakate dieses Mal bleiben mir auch im Kopf – aber als eine Summe nicht so recht passender, buntiger, unruhiger Designelemente, die darüber hinaus keinerlei Aussagekraft haben.
    Gerade wo doch der CDU die persönlichen Werte Laschets nicht erst seit gestern bekannt sein müssen und Wahlentscheidungen auch in hohem Maße von persönlichen Zuschreibungen beeinflusst werden, hätte man das wirklich anders machen müssen.

  14. Viel interessanter als die eigentliche Wahlwerbung finde ich einige Kommentare. Anstatt sich um die relevanten Themen zu kümmern (in diesem Fall eigentlich das Design, zu einem gewissen Maße auch noch die Wahlkampfbotschaften der Plakate), wird sich drüber echauffiert, dass geduzt wird und gendern diskutiert.

    Nachfolgend eine reine persönliche Meinung:
    Rein visuell gesehen hat die SPD es am “besten” gelöst, mit dem größtmöglichen Kontrast und reduziert aufs wesentliche, funktioniert auch beim schnell vorbei gehen, oder fahren. Kurz gesagt, eye catchy. Ähnlich wie die FDP – aber bei beiden fehlt mir die Botschaft, die erst auf den zweiten Blick sichtbar ist. Es wird zu stark Personenkult betrieben, zu wenig Inhalt gefördert. Interessant finde ich, dass die SPD auftritt, wie die Linke in vorigen Jahren.. ohne dabei wirklich links zu sein.

    Die Grünen: Etwas zu getarnt.. Würde mir wahrscheinlich neben einem Baum oder Busch gar nicht mehr auffallen… zumal das Grün irgendwie matschiger, matter, pastelliger ist als früher. Die Plakate sind etwas ausgewaschen und unterstützen eine etwas altbackene Öko-Optik, die ich als Designer eher in den 2000-2010ern verordne, als im Jahr 2021.

    Bei den Linken merkt man, dass die Partei intern nicht so recht weiß, wie es weiter geht.. die Gestaltung ist mir zu unsicher, fast wie mit Word oder Powerpoint entworfen. Keine klare Richtung, kein Konzept.

    Die AfD kann sich meinetwegen komplett aus dem Wahlkrampf zurückziehen, da kann und will ich das Design gar nicht beurteilen.

    Die CDU ist okay, der “Fokus” funktioniert als solcher.. aber auch hier fehlen mir Ecken und Kanten, eine PArtei die jedem Gefallen will und zu nix konkret Stellung bezieht, Hauptsache möglichst viele Wahlversprechen.. dass man die eh nicht halten kann (und will?) ist zweitrangig.

    Generell haben fast alle Parteien schon mal bessere Gestaltungen und Konzepte vorgelegt, finde ich :/

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