Braucht Demokratie Design? Eine Initiative zur politischen Bewusstseinsbildung durch Design

Demokratie positionieren

Im vergangenen Jahr wurde unter der Leitung der Agentur Gute Botschafter aus Köln eine Initiative gestartet, die den visuellen Aspekt innerhalb einer Demokratie zum Inhalt hat. 30 Studierende aus Dresden und Köln hatten sich im Superwahljahr 2021 in Projekten mit der Frage beschäftigt, wie sich der Wert der Demokratie sichtbarer und bewusster machen lässt. Die Ergebnisse dieses Projektes werden nun in einer bundesweiten Wanderausstellung 2021/2022 der Öffentlichkeit präsentiert.

Mit dem Ziel, das Bewusstsein für den Wert unserer Demokratie zu fördern, hatten sich die FH Dresden und die ecosign Köln in diesem Jahr zusammengeschlossen, um in Designprojekten nach möglichen Problemfeldern Ausschau zu halten und zu untersuchen, inwieweit sich das demokratische Leben mit gestalterischen Mitteln vereinfachen und aktivieren lässt. Denn, so das Credo der Initiaitve, gestalterisch scheitere die Demokratie an der 5-Prozent-Hürde. Hiermit spielen die Initiatoren auf die Gestaltung etwa von Wahlkabinen und Stimmzettel an, die Wertschätzung vermissen ließen. In diesem Kontext sei der Grad zwischen manipulativer und informativer Gestaltung zudem sehr schmal.

„Haltern Aktiv“ macht mit dem Verein „Haltern am See. Tut gut“ als erster Aussteller den Auftakt. Die Ausstellungseröffnung mit spannenden Impulsvorträgen findet am 15.11.2021 um 19.30 Uhr statt und bildet den Startpunkt der bundesweiten Wanderausstellung in 2021/2022, die vom 16.11. – 26.11.2021 jeweils von 9:00 – 16:00 Uhr im Alten Rathaussaal, Markt 1 in 45721 in Haltern am See zugänglich ist. Als Projektträger konnten die Initiatoren den Verein democreate e.V. gewinnen, der sich bundesweit für die werthaltige Positionierung der Demokratie stark macht.

Weitere Informationen zur Initiative „Demokratie positionieren“ gibt es unter demokratie-positionieren.de – hier werden auch die einzelnen Projekte vorgestellt.

Kommentar

Eine super Iniative. Sensibilisierung ist in die eine wie auch in die andere Richtung sinnvoll. Der Bedarf an verbesserter Gestaltung im Kontext Wahlen ist jedenfalls groß, sehr groß. Das wird wohl jeder schon einmal selbst erfahren haben, egal ob es sich um eine Briefwahl oder eine Wahl vor Ort im Wahlraum handelt. Ich selbst war im Rahmen der Bundestagswahl als Wahlhelfer tätig und hatte es im Vorfeld mit entsetzlich gestalteten Präsentationen seitens des wahlleitenden Organs zu tun. Design kann hier soviel mehr leisten!

Es geht wohlgemerkt nicht um Ästhetik, nicht um „schön“ gestaltete Stimmzettel, Wahlunterlagen, Leitsysteme und andere Medien. Es geht schlichtweg darum, dass die verwendeten Dinge verständlich und zugänglich sind, sodass die entscheidenden Informationen vermittelt werden können. Und da hapert es im deutschen Wahlbetrieb gewaltig. 2015 mussten die Stimmzettel zur Bürgermeisterwahl in Köln neugedruckt werden, da Aufbau und Gestaltung des Stimmzettels  parteilose Kandidaten benachteiligte. Schlecht gestaltete Wahlunterlagen sind keine Ausnahme, sie sind in Deutschland die Regel! Gut, dass die Gestaltung von Stimmzetteln immer öfter in Frage gestellt, neu gedacht und auch empirisch untersucht wird, ob sich Stimmzettel nicht auch nutzerfreundlicher gestalten lassen. Natürlich lassen sie sich!

Die Projekte der Initiative „Demokratie positionieren“ laden dazu ein, sich eingehend Gedanken zu machen, welchen Beitrag Design im Kontext von Wahlen/Demokratie leisten kann.

 

 

7 Kommentare zu “Braucht Demokratie Design? Eine Initiative zur politischen Bewusstseinsbildung durch Design

  1. Jedes Design hat den Auftrag, der Öffentlichkeit ein Gefühl von Vertrautheit zu vermitteln: „Hergeschaut, Leute, das sind wir, könnt euch zu uns gesellen, wir sind die Guten.“

    Im Markt ist das sinnvoll zum Abgrenzen von Konkurrenz. Bei Demokratie – wo dort ist das Pendant zu Konkurrenz? Bei einer Staatsform, in der nach Wortlaut das Volk der Souverän ist? In einem Staat, in dem aber dem Souverän täglich Hohn gesprochen wird?

    Nachdem andere Interpretation ausgeschieden ist bleibt übrig: Opposition.

    Zum oben vorgestellten Design. Es ist außer gestalterisch auch semantisch hervorragend: die Urne – erkennbar durch Schlitz und Stimmzettel – in Gestalt einer Abfalltonne.

  2. Mit der spaltenden Frage “Braucht Demokratie Design?” kann man schön Aufmerksamkeit haschen = Gemüter erhitzen, welche den Begriff “Design” als Schön- oder Marketing-Gedöns Richtung überflüssig (Mülltonne) einstufen. Was er zu 90% auch ist

    “Design” als Begriff: Schwer zu fassen, generisch, sagt alles und gleichzeitig nichts. Klingt neu und hipp, das war’s auch schon.

    Natürlich ist Stimmzettel-Gestaltung – ich sage jetzt bewusst nicht Stimmzettel-Design – nix mit Blümchen oder hippem Style. Nicht einmal mit Marketing-Beeinflussung oder NLP. Sondern eigentlich einfach (und daher schwer):

    Übersichtlichkeit
    Nutzerfreundlichkeit
    Niedrigschwelligkeit
    Das Nötigste

    Das ist exakt die furztrockene Liga “Wie gestalte ich eine Rechnung”, oder “Wie gestalte ich eine Bestellliste”. Traditionell unbeliebt bei auf Eindruck eingestellten Kreativen. Daher muss man ihnen es als “Design” verkaufen ; -)

    Nix für ungut.
    Der Moritz

    Meine persönliche Begriff-Einsortierung:
    Mit “Design” ist eigentlich zuvorderst das Produktdesign konnotiert. Also die Gestaltung der Feuerlöscher, Rasierapparate, iPads, Stuhlbeine, Kaffeemaschinen, Autositze dieser Welt.

    Mit “Grafikdesign” ist meist gemeint die gestalterische Welt des Schönen, Wahren, Guten und auch Aufregenden in allen Medien, von RGB bis Papier und Packungen

    Stimmzettel, auch Verwaltungsformulare (oft noch Papier!!) führen ein unhippes Stiefmütterchendasein. Habe neulich so ein Behördenformular ausfüllen müssen, ELSTER sein Name. Es ist immer noch die Hölle von UI und UX her. Kein Wunder, dass optisch aufgebrezelte, käufliche Steuersoftware boomt. Wobei diese auch ihre Macken hat.

  3. Auf jeden Fall braucht es Design, und zwar vorrangig im ureigensten Sinne der Funktion. Wer seit Jahrzehnten vom deutschen Formularwesen gequält wird, weiß, worum es geht: Unverständliche Begriffe, aufgeblähtes Behördengeschwurbel, Buchstabenkästchen in 2 x 2 mm, zu kurze Felder für zu lange Namen, unklare Zuordnungen, der immanente Befehlston und, und, und. Das stößt allen denkenden Menschen vor den Kopf – vielleicht steckt aber auch eine Absicht dahinter ;-)

    • Absicht? Welche Absicht? und klar, ja eh, die “denkenden menschen”, diese so spezielle Spezies. Und wer nicht vor den kopf gestoßen und einfach nur ganz pragmatisch Formular ausgefüllt: hey Alter, du nix denkender Mensch.

      • Es ging im Artikel nicht um Ästhetik oder darum, ob Du in der Lage bist, ein Formular auszufüllen. Verständlichkeit, Zugang – und damit einhergehend Funktion. Dass auf Seiten der öffentl. Hand besser gestaltet werden kann, macht man uns in NL oder Skandinavien seit Jahren vor. Das funktioniert dort, weil die Aufträge an Fachleute vergeben werden, während hierzulande die Vorlagen in behördlicher Eigenregie mit Hilfe von Excel generiert werden. Es ist also sehr zu begrüßen, wenn hier Initiative ergriffen wird.

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