Kommunikationsdesign in der (lokalen) Berichterstattung

50000-euro

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des neuen Corporate Designs der Stadt Kassel erscheint es mir sinnvoll, ein paar allgemeine Dinge anzusprechen. Wieder einmal wird deutlich, dass Kommunikationsdesign außerhalb der Kreativbranche zum Teil schwer(st) vermittelbar ist, vor allem die Notwendigkeit für Kommunikationsdesign. Seit vielen Jahren beobachte ich das im Umfeld zumeist lokaler Nachrichtenorgane stets sich auf die gleiche Weise abspielende Prozedere. Auch der Fall Kassel macht hier keine große Ausnahme.

Eine Stadt erhält ein komplett neues Erscheinungsbild. Ein Lokalredakteur nimmt sich der Sache an und berichtet: „Neues Logo der Stadt hat 50.000 Euro gekostet!“ (oder ähnlich). Was schon allein deshalb grober Unfug ist, da das Erscheinungsbild weit mehr umfasst als lediglich ein Logo. Schon allein die Überschrift samt Ausrufezeichen verdeutlicht, dass es dem Verfasser nicht um eine faire geschweige denn fundierte Berichterstattung geht, sondern um Meinungsmache. Der besagte Artikel wird durch eine tendenziell populistisch gefärbte Onlineabstimmung ergänzt, bei der sich schließlich mindestens 80% der Leser gegen das neue Logo aussprechen. In Folge des Artikels entsteht eine feurige, meist unsachlich geführte, weil kaum die eigentliche Gestaltung des Erscheinungsbildes betreffende Diskussion, die letztendlich aber doch den Artikel zum meistgelesenen Beitrag des Tages macht. Ziel erreicht? Wohl kaum.

Stadtlogos emotionalisieren

Ende 2011 schlugen in Oberbayern die Wellen hoch, als die Stadt Burghausen ihr neues Design präsentierte. Das Wochenblatt ließ sich damals zu der Überschrift hinreißen: „99 Prozent hassen das neue Burghausen-Logo“. Der verantwortliche Redakteur war vollkommen überzeugt davon, die gerade einmal etwa 300 Leser, die sich an einer Onlineumfrage beteiligten und mehrheitlich gegen das neue Logo stimmten, seien die notwendige Legitimation dafür, im Namen aller Bürger der Stadt sprechen zu dürfen, so zumindest liest sich die Überschrift. In diesem Fall war weniger das fehlende Fachwissen Grund für eine fruchtlose Berichterstattung samt nachfolgender Diskussion, sondern vielmehr der Hang zur Unsachlichkeit, mit der sich das Wochenblatt des Themas Redesigns näherte.

In einem Kommentar hier im dt bestritt der verantwortliche Redakteur Mike Schmitzer seinerzeit, die Onlineumfrage sei in irgendeiner Weise manipulativ, obwohl die Fragestellung eigentlich keine andere Deutung gestattet, da sie wie folgt formuliert war: „Soll die Stadt Burghausen ein neues Logo in Auftrag geben, das sympathisch wirkt und die Burg als Wahrzeichen miteinbezieht?“ Die Fragestellung impliziert, das jüngst vorgestellte Logo sei unsympathisch, weswegen ein weiteres neues Zeichen entwickelt werden müsse. Ein Rechenfehler, der dem Redakteur zudem unterlief, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die lokale Berichterstattung in diesem Fall. Tatsächlich votierten 90,6% und nicht 99% im Sinne des Fragestellers. Zu verdanken ist dieses Ergebnis vor allem der zum Teil von Polemik durchzogenen Berichterstattung des Redakteurs.

Kritik, die an der Sache vorbei geht

Auch wenn im Fall Kassel der ursprüngliche Artikel der Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) durchaus aufzeigt, dass ein Erscheinungsbild aus weitaus mehr als nur aus einem Logo besteht, wird das neue, rein typographische Logo von der Leserschaft verrissen, zu Unrecht wie ich meine. Wenn Steuergelder im Spiel sind, ist es um die Sachlichkeit oft schlecht bestellt. Dessen sollten sich Redakteure bewusst sein. In einer Rangliste der am dringlichsten benötigten Maßnahmen würden Bürger ein zeitgemäßes Erscheinungsbild ihrer Stadt vermutlich auf den allerletzten Platz manövrieren. Während in anderen Bereichen des Designs etwa im Möbel- und Produktdesign wie auch im automobilen Design die grundsätzliche Notwendigkeit von Design allgemein erkannt, anerkannt und ja sogar geschätzt wird, ist es im Kommunikationsdesign nach wie vor so, dass dieser Disziplin jeglicher Bedarf aberkannt wird. „Überflüssig wie ein Kropf“, heißt es dann gerne in Kommentaren und Artikeln.

HNA-Redakteur Mark-Christian von Busse behauptet in seinem für die HNA verfassten Kommentar, die einzige zulässige Schreibweise im neuen Stadtlogo Kassels wäre „Kassel, documenta-Stadt“. Kurios: während er das Fehlen des Bindestrichs moniert, wird die Kleinschreibweise von „documenta“ mit keiner Silbe beanstandet. Die Kritik gilt zudem allein dem Logo, das aufgrund dieses scheinbaren Rechtschreib-Fauxpas eine „Torheit“ sei, ohne dass Bezug zum damit in Verbindung stehenden Erscheinungsbild genommen würde. Im Grunde genommen ist dies, als würde man den Inhalt eines Buches auf Grundlage seines Buchdeckels bewerten. Kann man machen, eine wertvolle Rezension sieht allerdings anders aus. Auch der Verweis auf das Regelwerk der Rechtschreibung geht an der Sache vorbei. Genauso gut könnte man kritisieren, die Logos, um nur einige wenige zu nennen, des Robert Koch-Instituts, des Vitra Design Museums oder der Konrad-Adenauer-Stiftung seien allesamt falsch, da hier die Orthografie nicht befolgt würde.

Banalisierung des Kommunikationsdesigns

Nicht, dass ich den Mangel an Fachwissen in Sachen Design/Kommunikationsdesign in Redaktionen beklagte, nichts läge mir ferner. Wer allerdings in dieses Themenfeld vorstößt und (ein) Design in Frage stellt, von dem darf erwartet werden, zumal ein Verlagshaus im Hintergrund steht, dass man sich ernsthaft mit dem Thema befasst, bevor Artikel verfasst werden. Und es darf erwartet werden, dass sich der Autor der Verantwortung bewusst ist, die er in Bezug auf die Meinungsbildung hat. Beides geht der allgemeinen Berichterstattung über Kommunikationsdesign leider meist ab.

Während in Nachrichtenhäusern Themen wie Politik, Wirtschaft, Technik, Sport, Theater oder Literatur nur von den jeweiligen verantwortlichen Redakteuren bespielt werden, laufen Designthemen gerne schon einmal unter Panorama – und hier darf offenbar Jeder schreiben, ungeachtet seines Schwerpunktes. Die Art und Weise der Berichterstattung ist mitverantwortlich für das verhältnismäßig schlechte Image, das Kommunikationsdesign in weiten Teilen der Gesellschaft genießt. Gerade auch ihr ist es zu verdanken, dass es den Werbefuzzi, den Videofritzen und den überbezahlten, unterbeschäftigten Grafiker gibt und kaum jemand im Stande ist zwischen Designer und Werber zu unterscheiden, mal abgesehen von Designern und Werbern.

Nach Jahrzehnten der Oberflächlichkeit auf Seiten der Nachrichtenredaktionen hat sich dieser zum Teil negative Eindruck von Kreativschaffenden eingestellt. Ich stelle mir vor, wie Autoren in hitzigen Diskussionen in Dialog mit der eigenen Leserschaft träten, um zu vermitteln, zu erklären, zu relativieren, um Substanz und Polemik zu sortieren. Moderation innerhalb der durch eigene Artikel angestoßenen Diskussionen findet in großen wie in kleinen Nachrichtenhäusern kaum statt, so zumindest mein Eindruck, was allerdings ein großes Manko darstellt, denn gerade auch der Dialog mit den Lesern/Zuschauern/Hörern zeichnet einen zeitgemäßen Journalismus aus.

Polarisieren statt erklären

Stattdessen wird Öl ins Feuer gegossen, wie etwa im Fall Zwickau, wo im März 2009 die Freie Presse zu einer fragwürdigen Unterschriftenaktion aufrief (dt berichtete: Wieviel Demokratie verkraftet das Design in Zwickau?), in der Hoffnung, damit die Einführung des neuen Stadtlogos zu stoppen. Die Agentur ö_konzept aus Zwickau sah sich seinerzeit massiver Kritik ausgesetzt, ungerechtfertigterweise, denn die Arbeit ist handwerklich sauber und visuell ansprechend. Mit einigen Hundert Unterschriften einen Prozess stoppen zu wollen, der zum Teil viele Monate, im Einzelfall sogar Jahre in Anspruch genommen hat – das ist töricht!

Ein gelungenes Konzept tauscht man nicht aufgrund eines Anflugs von Kritik aus. Hier heißt es auf Seiten der Verantwortlichen kühlen Kopf bewahren. Je besser die Implementierung des Designs gelingt, und hiervon hängt letztlich der Erfolg des gesamten Entwicklungsprozesses ab, um so wahrscheinlicher ist, dass aus anfänglicher Kritik Zuspruch wird.

In knapp 7 Jahren, in denen ich im dt schreibe, sind gerade einmal zwei Fälle dokumentiert, in denen die Einführung eines neuen Logos aufgrund eines Aufbegehrens gestoppt wurde. Gegen das Logo der University of California wehrten sich tausende Universitätsangehörige, gegen das GAP-Logo gar hunderttausende auf Facebook. Solch ein Einlenken respektive Einknicken auf Seiten der Verantwortlichen ist jedoch sehr selten, die Wahrscheinlichkeit, mit solch einer Unterschriftenaktion Erfolg zu haben, ist sehr gering.

Michael Rösch, Vorstand und Managing Director der Designagentur wirDesign, die im Sommer 2011 ein neues Erscheinungsbild für die Stadt Nürnberg entwickelt hat, ist sich sicher: „Corporate Design für öffentliche Einrichtungen ist ein Prozess, der nur dann zum Erfolg führt, wenn die Qualität der Implementierung stimmt. Deshalb ist es unerlässlich, frühzeitig die richtigen Personen zusammenzubringen, um emotionale Barrieren zu vermeiden. Der eigentliche Faktor, der öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden muss, ist der Einsparungseffekt, der durch ein neues Corporate-Design-System erreicht wird.“ Hierzu später noch mehr.

Im Kommunikationsdesign stößt das Duden-Regelwerk an seine Grenzen

Bei der visuellen Kommunikation gelten die in der Rechtschreibung in Bezug auf die Lesbarkeit von Text vorgegeben Regeln in besonderer Weise. Während das Hinzufügen eines Bindestrichs in der Regel die Lesbarkeit eines Wortes innerhalb eines Textes verbessert, wirkt sich ein Bindestrich innerhalb eines Logos, das vor allem in puncto Einfachheit überzeugen muss, eher negativ aus. Schnelle Erfassbarkeit, leichte Reproduzierbarkeit und selbstverständlich auch formalästhetische Aspekte (Form, Ausdruck, Originalität), die allzu oft in derlei vorgetragener Kritik ausgeblendet werden, stehen im Kommunikationsdesign VOR der orthografischen Korrektheit!

Bekanntermaßen sind visuelle Zeichen um so verständlicher, je einfacher sie gestaltetet sind. Denken wir an Piktogramme und Verkehrsschilder, die uns den Weg weisen. Zusätzlicher visueller Ballast wie Verzierungen erschwert die Verständlichkeit ebenso wie zu eng gesetzte Buchstaben. Auch die Typographie verfolgt ähnliche Ziele. In einem über mehrere Jahretausende hinweg andauernden Prozess haben sich stets die Schriftzeichen mit den besten Leseeigenschaften durchgesetzt. In solch einer Evolution, wie sie etwa Adrian Frutiger in seinem Buch: „Der Mensch und seine Zeichen“ aufzeigt, gibt es kein richtig oder falsch, eben nur ein besser bzw. ein weniger gut. Die Formsprache, in der Reduktion die vielleicht wichtigste Erfordernis überhaupt im Design darstellt, ist keinem Rechtschreibregelwerk verpflichtet, sondern zunächst einmal der Form selbst.

Es ist wichtig, das Duden-Regelwerk zu kennen. Im Bedarfsfall ist es jedoch im Kommunikationsdesign unerlässlich, sich über geltende Rechtschreibregeln hinwegzusetzen. Dabei gilt für Kommunikationsdesign das gleiche wie für Rechtschreibregeln: in beiden Fällen ist die Verbesserung der Kommunikation das Ziel! Zweifelsfrei gibt es genügend Beispiele, die diesen theoretischen Ansatz untergraben, wohlgemerkt in beiden Bereichen. Verallgemeinerungen wie: falsche Orthografie = schlechtes Design sind ebenso unangebracht wie die Behauptung, Lokaljournalismus sei durchweg oberflächlich.

Corporate Design als Chance begreifen

Kommunikationsdesign stellt in weiten Teilen unserer Gesellschaft ein rein Kosten verursachendes Übel dar. Die Chancen und die positiven Effekte, die mit einem konsequenten, durchdachten und ansprechendem Corporate Design verknüpft sind, bleiben den Menschen meist, gerade in der lokalen Berichterstattung, verborgen. Ich stelle mir vor, wie ein Redakteur in seiner Recherche herausfände, dass mit Hilfe des neuen Corporate Designs die Ausgaben in der Stadtverwaltung in den vergangenen 10 Jahren um 10–20% gesenkt werden konnten. Initiale Kosten relativieren sich sehr schnell, wenn man das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt.

Denn natürlich lassen sich Kosten senken, indem Broschüren, Plakate, Briefpapier und viele andere Medien mittels einheitlicher Gestaltung entworfen und gedruckt werden. Wo früher vielleicht 5 oder 6 Werbeagenturen beauftragt worden sind, zahlreiche Meetings geführt werden mussten, braucht zukünftig nach Implementierung eines neuen Designs womöglich nur noch ein Dienstleister aktiv werden. Auch das spart Geld, Zeit obendrein, weil Verantwortlichkeiten eindeutig und Abläufe klar sind.

Oftmals gleicht das Erscheinungsbild einer Stadt vor Beginn eines Redesigns einem bunten Wirrwarr. Dass sich solch ein Flickenteppich-Äußeres schlecht verkaufen lässt, sollte sich auch Nicht-Designern erschließen. Denn natürlich muss auch eine Stadt für sich werben, will sie Investoren und Touristen anlocken, möchte sie in der Gunst der Bürger bestehen.

Fair und fundiert, statt zugespitzt und oberflächlich

Wer Design als ein wichtiges Kriterium für den Kauf eines Autos, eines Smartphones, einer Markenjeans, von Schuhen oder der Wohnzimmereinrichtung nennt, und das tun weitaus mehr Menschen als in der Kreativbranche tätig sind, der dürfte die Bedeutung einer ansprechenden und in sich stimmigen Gestaltung im Bereich des Kommunikationsdesigns, zudem auch die Gestaltung eines Stadtlogos zählt, eigentlich nicht in Abrede stellen, schon gar nicht, wer aufgrund seiner schreibenden Profession in der Verantwortung steht, eine inhaltlich überzeugende, gerne kritische aber doch insgesamt faire Berichterstattung abzuliefern. Der Nachholbedarf auf Seiten der schreibenden Zunft ist diesbezüglich immens, ebenso der Hang zur Meinungsmache, gerade im Umfeld der angesprochenen Medien. Neu ist das nicht, auch keineswegs ein rein deutsches bzw. deutschsprachiges Phänomen, goutieren muss man es deshalb aber noch lange nicht.

Ich stelle mir vor, Nachrichtenredaktionen wiesen in ihren Meldungen über Design auf all diese Chancen hin, zumindest ansatzweise, die Design insbesondere Corporate Design bietet, anstatt re­pe­ti­tiv „Düsseldorf-Logo kostet 160.000 Euro“ zu kolportieren oder „Steuerverschwendung“ auszurufen. Die Motivation auf Seiten der verantwortlichen Autoren, in solch einem Maße zu polarisieren ist ausgeprägter als meine Naivität. So dürfte es beim frommen Wunsch bleiben. Und dennoch. Design scheint immer nur Schuld an allem zu sein. Darüber, wozu es gut ist, ließt man hingegen nur selten etwas, und damit meine ich keine „Unternehmen XY hat XY-Award in Silber gewonnen“-Meldungen, die sich in Selbstbeweihräucherung verlieren. Auch das muss sich ändern.

108 Kommentare zu “Kommunikationsdesign in der (lokalen) Berichterstattung

  1. Als Autor eines der genannten Artikel – in der HNA – möchte ich drei Dinge anmerken:

    1. habe ich in meinem Kommentar gleich im ersten Satz deutlich gemacht, dass ich mich nicht mit dem gesamten Erscheinungsbild des neuen Logos auseinandersetze, denn das war ja in der Zeitung bereits ausgiebig diskutiert worden. Ich wollte also bewusst nur einen weiteren Aspekt herausgreifen, den fehlenden Bindestrich, den ich tatsächlich als Torheit (nebenbei: nicht „Torrheit“) empfinde. Übrigens: Natürlich kann man über Buchcover urteilen, ohne den Inhalt zu kennen. Es ging mir also gerade nicht um eine vollständige „Rezension“, um bei diesem Vergleich zu bleiben. Insoweit läuft Ihre Kritik ins Leere.

    Übrigens habe ich nicht nur „Kassel, documenta-Stadt“, sondern viel mehr noch „documenta-Stadt Kassel“ für korrekt gehalten. Lesen Sie doch bitte genau!

    2. Die von Ihnen vergleichsweise angeführten Logos des Vitra Design-Museums und der Konrad-Adenauer-Stiftung unterscheiden sich vom neuen Kasseler Erscheinungsbild insofern, als die Begriffe im Logo so untereinander angeordnet sind, dass die korrekte Rechtschreibung von vornherein gewissermaßen vollkommen in den Hintergrund rückt: Sie spielt sozusagen keine Rolle. Das Logo des Robert-Koch-Instituts empfinde ich ohne Bindestriche in der Tat als ebenso unglücklich an wie das Kasseler Logo.

    3. Kurios ist, dass Sie die Schreibweise documenta für falsch halten. Die documenta schreibt sich seit jeher klein. Die einzige Ausnahme war die von Okwui Enwezor verantwortete Documenta11 im Jahr 2002.

  2. Hallo Herr von Busse, schön dass Sie auf meine Kritik an Ihrem Artikel reagieren, wenn auch etwas verzögert. Auch wenn die Diskussion so langsam abebbt, hoffe ich doch, dass sie einen kleinen Stein ins Rollen gebracht hat.

    Kurios ist, um diesen Duktus erneut aufzugreifen, dass Sie mir einerseits Versäumnisse beim Lesen Ihres Artikels vorhalten, und Sie andererseits ganz offensichtlich meine Bemerkung bezüglich der Schreibweise des Begriffs „documenta“ übersehen haben, denn, wie ich in Kommentar 23 schrieb, habe ich gegen diese Schreibweise rein gar nichts einzuwenden.

    Was Punkt 2. Ihres Kommentars betrifft, so kann ich Ihnen hier nicht folgen. Beim Untereinanderschreiben von Begriffen innerhalb eines Logos kann also, Ihrer Ansicht nach, auf einen Bindestrich verzichtet werden, während eine Schreibweise nebeneinander eine Verwendung des selbigen bedingt. Wenn man sich allein auf die Orthografie beruft, und das tun Sie nun einmal in Ihrem für die HNA verfassten Artikel, dann kann es hier eigentlich keine unterschiedliche Auslegung geben.

    Zu solch einer unterschiedlichen Bewertung kann nur kommen, wer andere als orthografische Kriterien berücksichtigt. Sie erkennen und anerkennen diese durch die Gestaltung bedingten Kriterien zwar in der einen Form (Konrad-Adenauer-Stiftung), verneinen jedoch deren Berechtigung in anderen Formen (z.B. im Kassel-Logo). Das erscheint mir nur vor dem Hintergrund Ihrer Verbindung zur Stadt Kassel nachvollziehbar. Schlüssig ist diese Argumentation jedoch nicht.

    Ich würde mir wünschen, wenn grundsätzlich, und nicht nur im Bedarfsfall, die im Artikel genannten Aspekte (schnelle Erfassbarkeit, leichte Reproduzierbarkeit formalästhetische Gesichtspunkte) bei der Beurteilung etwa eines Logos Berücksichtigung fänden. Manchmal reicht eben nicht der Blick in den Duden aus, um Fragen, die Kommunikationsdesign betreffen, zu beantworten. Lieber Herr von Busse, Sie unterschätzen bei weitem die Aufgaben, die an ein Corporate Design gerichtet sind, wenn Sie glauben, allein in der Orthografie gäbe es die passenden Antworten für dessen Entwicklung.

  3. Konkret zu #81 und #82: Hm, mir stoßen fehlende Bindestriche bei einer Anordnung untereinander tatsächlich weniger auf, als bei einer Schreibweise nebeneinander. Ich verstehe also, was Herr Busse damit sagen will. Allgemein scheint in dieser Debatte die Polemik im Sinne des nicht-verstehen-wollens der Position des Anderen ganz groß im Kurs zu sein. Ich plädiere hier einmal ganz sachte für weniger Goldwaage und mehr Verständnis.

    Dieser scharfe Beschuss (Lokalmedien gegen die Logos, dt gegen die Lokalmedien) spiegelt ja nur wieder, was die Bürger und Designer so denken. Meiner Erfahrung nach finden die meisten Bürger nämlich sämtliche Ideen aus dem Rathaus erstmal doof, wenn es sich nicht gerade um eine Steuererleichterung handelt. Und Designer (mich eingeschlossen) finden Design-Laien, die aus dem Bauch heraus eine Gestaltung ablehnen, megadoof. Wer in diese Kerben haut, macht es sich schon etwas leicht.

    Es gibt allerdings eine kluge Frage, die sich aus Achims Hypothese ableitet, dass sich nur medial aufgehetzte Wutbürger zu Wort melden: Bildet ein „Shitstorm“ generell nur eine Minderheit der Bürger ab? Anders gefragt: Sollten Politiker die Medien ignorieren und nur auf Plebiszite reagieren?

    Ich persönlich glaube wir alle können froh sein, dass die Presse in diesem Land sehr laut ist und auch Einfluss auf die Politik hat, und das nicht nur am Wahltag. Und das Politiker Ihre Entscheidungen dann und wann auch einmal erklären müssen. Und wenn sie dazu nicht in der Lage sind …

    Tja, so manche Gestaltung wird bekanntermaßen auch mit schlimmen Gefasel schöngeredet. Da sind auch die Agenturen gefordert, bessere Argumente zu liefern. Gute Gestaltung ist ja meistens erklärbar. Nur nicht sehr gute, die erklärt sich selbst.

  4. Der werte Herr Busse versucht hier nur seinen (man verzeihe mir den Ausdruck) dahingerotzten Artikel zu verteidigen. Kläglich.
    Auch hier könnte man sagen, dass Orthografie und Interpunktion fehlerbehaftet sind.
    Aber auf den Inhalt kommt es an, Herr von Busse. In meinem Kommentar wie in Ihrem Artikel.

  5. Auch wenn die Diskussion schon abgeebbt ist, als Kasseler und in der Kommunikationsbranche tätiger habe ich noch ein paar kleine Anmerkungen.
    Ob das Logo nun hübsch ist oder nicht, liegt erstmal im Auge des Betrachters. Die Schrift selbst finde ich ganz gelungen. In der ganzen Diskussion über „Kommunikationsdesign“ ist der Design-Aspekt ja nun schon hinreichend beleuchtet worden, allerdings ist der Kommunkations-Aspekt ein bisschen hinten runter gefallen. Das neue Logo ist vor allem eins- generisch. Genauso könnte es heißen „Köln Dom Stadt“ oder „Marburg Universitäts Stadt“. Da fehlt völlig ein, zumindest klitzekleines, Alleinstellungsmerkmal. Oh, ja, die neue Schrift mag ein Alleinstellungsmerkmal sein, das wird dem „gemeinen Bürger“ aber selbst nach langer Betrachtung nicht klar (vor allem unter dem Aspekt, dass es 100tausende Schriftarten gibt). Ein paar Designer werden das sehen – doch ist das Logo nicht für die wenigen Prozent Designer in der Bevölkerung gemacht (Fisch und Wurm etc.).

    Schlimmer finde ich aber, dass man mit dem neuen Logo Inkonsistenz schafft. Der Zusatz „documenta Stadt“ wird auch in anderen Medien genutzt. Beispielsweise den Kasseler Ortsschildern. Jedoch wird es hierauf und überall sonst mit Bindestrich geschrieben (zum Vergleich: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DocumentaStadtKassel.jpg). Warum jetzt auf dem Logo also ohne Bindestrich? Werden jetzt die Ortsschilder getauscht? Und die restlichen Dinge auch dementsprechend abgeändert? Oder lässt man es nach dem Motto „Schreiben wir’s halt mal so, mal so.“?

    Ebenfalls ungeschickt, aber in der Sache nicht zu vermeiden, ist, dass das Kasseler Wappen auch weiterhin genutzt wird. Das liegt in der Natur der Sache, selbstverständlich, und auch wenn man ein grafisches Logo entworfen hätte (ohne Wappen), wäre es zu diesem Problem gekommen. Dennoch hätte man sich diesem Stress nicht aussetzen müssen und auch hätte man keine erneute Inkonsitenz schaffen müssen. Zusammenfassend wurden also, anstatt wirklich „Corporate“ zu werden, neue Inkonsistenzen geschaffen.

    Interessant finde ich aber die Geisteshaltung der (einiger) Designer hier, bzw. welche Schlüsse hier gezogen werden. Als Beispiel: Wenn ich einen Text schreibe und der Leser ihn partout nicht versteht – Wirkung verfehlt – schreibe ich ihn so um, dass der Adressat ihn versteht. Schließlich will ich verstanden werden und die Botschaft soll ankommen. Allerdings werden hier im Design scheinbar andere Schlüsse gezogen:
    „Presse berichtet nicht so positiv über das Logo – Presse doof“
    „Bürger finden das Logo nicht gut – Bürger doof (und sollen sich doch gefälligst mehr mit Design auseinandersetzen)“
    „Überwiegend negative Kommentare in Kommentarfunktion – Kommentarfunktionen doof und sowieso nicht repräsentativ“
    „Überwiegend negativ abgestimmt in Umfrage – Online-Umfragen doof“
    Wenn man tagtäglich mit Design zu tun hat – OK. Doch der überwiegende Teil der Bevölkerung hat dies nunmal nicht. Wird auch nicht passieren. Die Forderung, dass die Bevölkerung hier an mehr Designverständnis arbeiten soll ist völlig fehl am Platz. Um zum Beispiel zurückzukommen: Ich kann keinen Text auf kyrillisch verfassen, und dann von den Leuten, die das nicht verstehen, verlangen „Tja, dann müsst ihr halt an eurem Verständnis arbeiten“.

    Dass Kasseler Bürger (auf verschiedenen Ebenen) Probleme mit dem Logo haben kann ich voll und ganz nachvollziehen. Natürlich ist der Finanzielle Aspekt eine Sache. Da sind, und das kann man nicht wegdiskutieren, 70.000 Euro ausgegeben worden. Ja, laut DT ist das fast ein Schnäppchen („Berücksichtigt man den Umfang der bisher geleisteten Arbeiten, so macht sich das Gesamtbudget von 70.000 Euro vergleichsweise gering aus.“), in Hamburg oder München, bzw. für Hamburger oder Münchener Agenturen, mag das auch zutreffen. Aber nicht in Kassel.
    Dazu kommt, dass Kasseler Bürger nicht viel aus dem Rathaus hören, aber wenn, dann ist es sowas wie „Die Stadt hat kein Geld und muss sparen, wir erhöhen X, streichen X, die und die Straße – naja, muss ja nicht unbeding saniert werden, ein paar Schlaglöcher kurbeln die Automobilindustrie an“ Selbstverständlich in’s unreine Gesprochen ;)
    In diesem Klima mit so einem Geldbetrag um die Ecke zu kommen für etwas, wo man die Sinnhaftigkeit solchermaßen in Frage stellen kann… Ist da nicht zumindest etwas Verständnis für „den Pöbel“ aufzubringen vom DT?

    Das schöne am alten Logo war, meiner Ansicht nach, dass es zumindest im Ansatz eine Geschichte erzählt hat. Dass auch Leute nachgefragt haben, was das Logo denn bedeuten soll. Was eben NICHT eine reine „Stadt-Land-Fluss-Idylle“ zeigt, sondern ganz konkret die Kasseler Berge, die durch Kassel fließende Fulda, sowie das Stadtwappen, zu dem man auch wieder eine Geschichte erzählen kann und das dadurch, dass historisch nicht mehr zu rekonstruiren ist was die Kleeblätter links und rechts der Fulda ganz genau bedeuten (Fischerhütten? Stadträte? Vororte?), auch etwas geheimnisvolles hat. Zum neuen Logo eine Geschichte zu erzählen wird im besten Falle eine völlig konstruierte Sache sein. Nun gut, hier waren nunmal Laien am Werk (und das ist nicht böse gemeint), da sollte ich meine Erwartungshaltung vielleicht etwas zurückschrauben.

  6. Das neue Logo ist vor allem eins- generisch. Genauso könnte es heißen “Köln Dom Stadt” oder “Marburg Universitäts Stadt”.

    Könnte es eben nicht.

    Einspruch Euer Ehren:
    Die Dokumenta gibt es – anders als Dome oder Universitäten – nur einmal.
    Fazit: Nicht generisch, sondern hinreichend alleinstehend.

  7. Stimmt, da hast du recht, dann lass mich meine Beispiele abändern: „Hamburg Elbphilharmonie Stadt“ „Berlin Reichstags Stadt“. Das sollte es jeweils nur einmal geben ;) Vielleicht habe ich auch schlecht ausgedrückt was ich damit sagen wollte: Mir geht es nicht um die documenta an sich und dass sie im Logo verwendet wird (wurde sie im alten Logo ja auch), sondern dass das Logo ansonsten völlig generisch ist. Um auf das alte Logo zurückzukommen, selbst wenn ich das „documenta-Stadt“ daraus streiche, ist das Logo nicht generisch. Im neuen Logo (und so kommt es bei Kasselern Bürgern an) streiche ich „documenta Stadt“ und was bleibt von Kassel übrig? Nichts! Ich schätze, dass das auch etwas ist, was den Kasselern hier sehr negativ aufstößt. Um’s wieder in’s unreine zu sprechen: „Streich die documenta weg und Kassel hat nichts zu bieten.“ Dass da der „kasseler Pöbel“ nicht mit einverstanden ist… ist das nicht ein bisschen verständlich?

    EDIT: Hier übrigens noch Artikel aus der HNA http://www.hna.de/nachrichten/stadt-kassel/kassel/viele-fuehlen-sich-kopf-gestossen-2703479.html

  8. dass das Kasseler Wappen auch weiterhin genutzt wird

    als offizieller Absender der Stadtverwaltung jedenfalls nicht, zumindest nach meinem Kenntnisstand.

    Seppl, sicherlich kann man zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Frage kommen, ob das Design eine adäquate, die Stadt repräsentierende Entsprechung darstellt. Dass die Schlichtheit des Logos provoziert, zumindest Nicht-Designer, war vorhersehbar.

    Was die Ortsschilder betrifft, so ist es sicherlich richtig, dass eine konsistente Linie erstrebenswert gewesen wäre. Konsistent ist die Handhabe jedoch auch aktuell nicht. Während der Zusatz „documenta-Stadt“ sich im bisherigen Logo unterhalb von „STADT KASSEL“ befindet, sitzt dieser auf den Ortsschildern oberhalb des Stadtnamens. Stringent ist auch das nicht.

    Keinesfalls lässt sich jedenfalls die Behauptung aufrecht erhalten, das Stadtlogo sei generisch. Rein theoretisch mag das so sein, die Praxis verdeutlicht jedoch eine gänzlich andere Realität. Diese stellt sich nämlich so dar, wie man zum Beispiel auch auf stadtlogo-design.de sehr schön verdeutlicht sieht, dass die allerwenigsten Stadtlogos aus reinen Wortmarken bestehen. Anders gesagt, Stadtlogos, die ohne Bildelement jedweder Art auskommen (Wappen, Stadt-Land-Fluss-Darstellungen oder Silhouetten), haben absoluten Seltenheitswert! INNS’BRUCK ist das einzige Beispiel, das mir spontan einfällt.

    Eben weil das Kassel-Logo aus einer reinen Wortmarke besteht, ist es nicht generisch, genau deshalb fällt es auf. Nicht, dass man das Logo allein aufgrund dessen gut finden muss, nur lässt sich eben nicht behaupten, das Logo sei beliebig.

    Und noch etwas lieber Seppl. Designstudenten, die teilweise kurz vor ihrem Abschluss stehen und von Professoren begleitet werden, als „Laien“ zu bezeichnen, halte ich für ebenso wenig angebracht, wie nicht-designkundige Bürger als Pöbel zu bezeichnen, wie das einige hier, wenn auch in zugespitzter Weise, gemacht haben.

  9. Ein sehr informativer Artikel, der ein Wenig den Hintergrund beleuchtet, welche Kriterien sich nicht für eine ordnungsgemäße Kritik an einem Designentwurf für die öffentliche Hand eignen. Man könnte es, wenn man gehässig wäre, auch Rechtfertigung für die eigene Zunft nennen.
    Ich kann durchaus verstehen, dass man sein eigenes Metier gegen Kritik verteidigt, das ist auch das gute Recht eines jeden, jedoch vermisse ich überall die Antwort auf die Frage nach dem „Warum das alles?“, dem Nutzen. Als Mitglied des Pöbels, der ja keine Ahnung hat und das gefälligst zu akzeptieren hat, dass die Entscheidungsträger der Stadt Kassel in dieser Sache wohl zu stolz sind, bei den Designern nachzufragen nehme ich mir das Recht heraus, die Ausgabe von Geld, welches die Stadt nicht hat und Ressourcen in der Verwaltung, welche auch knapp bemessen und teuer sind, zu hinterfragen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass spätestens in fünf Jahren wieder jemand durch die Rathaustür kommt und das CD der Stadt als Wildwuchs bezeichnen wird, weil sich eh keiner an die Designvorgaben hält.

    Ihr, liebe Designer, wisst um diese Dinge und verdient damit euer Geld, welches ja doch irgendwie vom Geld aller bezahlt werden muss, also sorgt doch bitte wenigstens für eine längere Halbwertszeit eurer Arbeit, wenn ihr schon nicht erklären wollt, zu was sie gut ist.

  10. „…Das traditionelle Kleeblatt-Wappen wird weiterhin für alle hoheitlichen und symbolische Aufgaben der Stadt Verwendung finden.“, so Prof. Stein.“
    Stimmt, ob das Wappen jetzt auf Briefpapier bzw. Briefumschlägen zum Tragen kommt lässt sich anhand dieser Aussage nicht wirklich feststellen. Ich werde es aber irgendwann „gezwungenermaßen“ erfahren ;) Wäre aber komisch wenn eine Stadt ihr eigenes Wappen nicht für ihren offiziellen Schriftverkehr nutzt.

    „Konsistent ist die Handhabe jedoch auch aktuell nicht. Während der Zusatz „documenta-Stadt“ sich im bisherigen Logo unterhalb von „STADT KASSEL“ befindet, sitzt dieser auf den Ortsschildern oberhalb des Stadtnamens. Stringent ist auch das nicht.“
    Völlig richtig. Die Konsequenz aus einer Inkonsistenz ist also… noch mehr Inkonsistenz? War „Einheitlichkeit“ nicht gerade ein ausschlaggebender Grund für die Neugestaltung?

    Ob das jetzt generisch ist oder nicht – wir werden da sicherlich auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Für mich ist es generisch, für dich nicht – das sollten wir vielleicht beide einfach akzeptieren ;)

    Und sorry, wenn ich mit dem „Laien“ irgendwen persönlich getroffen habe, das war nicht meine Absicht. Können wir uns auf semiprofessionell einigen?

Pingbacks

Kommentar verfassen

Folgende HTML-Elemente können verwendet werden: <b> <i> <img src="meineurl"> <a> <blockquote>