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Kommunikationsdesign in der (lokalen) Berichterstattung

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Im Zusammenhang mit der Vorstellung des neuen Corporate Designs der Stadt Kassel erscheint es mir sinnvoll, ein paar allgemeine Dinge anzusprechen. Wieder einmal wird deutlich, dass Kommunikationsdesign außerhalb der Kreativbranche zum Teil schwer(st) vermittelbar ist, vor allem die Notwendigkeit für Kommunikationsdesign. Seit vielen Jahren beobachte ich das im Umfeld zumeist lokaler Nachrichtenorgane stets sich auf die gleiche Weise abspielende Prozedere. Auch der Fall Kassel macht hier keine große Ausnahme.

Eine Stadt erhält ein komplett neues Erscheinungsbild. Ein Lokalredakteur nimmt sich der Sache an und berichtet: „Neues Logo der Stadt hat 50.000 Euro gekostet!“ (oder ähnlich). Was schon allein deshalb grober Unfug ist, da das Erscheinungsbild weit mehr umfasst als lediglich ein Logo. Schon allein die Überschrift samt Ausrufezeichen verdeutlicht, dass es dem Verfasser nicht um eine faire geschweige denn fundierte Berichterstattung geht, sondern um Meinungsmache. Der besagte Artikel wird durch eine tendenziell populistisch gefärbte Onlineabstimmung ergänzt, bei der sich schließlich mindestens 80% der Leser gegen das neue Logo aussprechen. In Folge des Artikels entsteht eine feurige, meist unsachlich geführte, weil kaum die eigentliche Gestaltung des Erscheinungsbildes betreffende Diskussion, die letztendlich aber doch den Artikel zum meistgelesenen Beitrag des Tages macht. Ziel erreicht? Wohl kaum.

Stadtlogos emotionalisieren

Ende 2011 schlugen in Oberbayern die Wellen hoch, als die Stadt Burghausen ihr neues Design präsentierte. Das Wochenblatt ließ sich damals zu der Überschrift hinreißen: „99 Prozent hassen das neue Burghausen-Logo“. Der verantwortliche Redakteur war vollkommen überzeugt davon, die gerade einmal etwa 300 Leser, die sich an einer Onlineumfrage beteiligten und mehrheitlich gegen das neue Logo stimmten, seien die notwendige Legitimation dafür, im Namen aller Bürger der Stadt sprechen zu dürfen, so zumindest liest sich die Überschrift. In diesem Fall war weniger das fehlende Fachwissen Grund für eine fruchtlose Berichterstattung samt nachfolgender Diskussion, sondern vielmehr der Hang zur Unsachlichkeit, mit der sich das Wochenblatt des Themas Redesigns näherte.

In einem Kommentar hier im dt bestritt der verantwortliche Redakteur Mike Schmitzer seinerzeit, die Onlineumfrage sei in irgendeiner Weise manipulativ, obwohl die Fragestellung eigentlich keine andere Deutung gestattet, da sie wie folgt formuliert war: „Soll die Stadt Burghausen ein neues Logo in Auftrag geben, das sympathisch wirkt und die Burg als Wahrzeichen miteinbezieht?“ Die Fragestellung impliziert, das jüngst vorgestellte Logo sei unsympathisch, weswegen ein weiteres neues Zeichen entwickelt werden müsse. Ein Rechenfehler, der dem Redakteur zudem unterlief, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die lokale Berichterstattung in diesem Fall. Tatsächlich votierten 90,6% und nicht 99% im Sinne des Fragestellers. Zu verdanken ist dieses Ergebnis vor allem der zum Teil von Polemik durchzogenen Berichterstattung des Redakteurs.

Kritik, die an der Sache vorbei geht

Auch wenn im Fall Kassel der ursprüngliche Artikel der Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) durchaus aufzeigt, dass ein Erscheinungsbild aus weitaus mehr als nur aus einem Logo besteht, wird das neue, rein typographische Logo von der Leserschaft verrissen, zu Unrecht wie ich meine. Wenn Steuergelder im Spiel sind, ist es um die Sachlichkeit oft schlecht bestellt. Dessen sollten sich Redakteure bewusst sein. In einer Rangliste der am dringlichsten benötigten Maßnahmen würden Bürger ein zeitgemäßes Erscheinungsbild ihrer Stadt vermutlich auf den allerletzten Platz manövrieren. Während in anderen Bereichen des Designs etwa im Möbel- und Produktdesign wie auch im automobilen Design die grundsätzliche Notwendigkeit von Design allgemein erkannt, anerkannt und ja sogar geschätzt wird, ist es im Kommunikationsdesign nach wie vor so, dass dieser Disziplin jeglicher Bedarf aberkannt wird. „Überflüssig wie ein Kropf“, heißt es dann gerne in Kommentaren und Artikeln.

HNA-Redakteur Mark-Christian von Busse behauptet in seinem für die HNA verfassten Kommentar, die einzige zulässige Schreibweise im neuen Stadtlogo Kassels wäre „Kassel, documenta-Stadt“. Kurios: während er das Fehlen des Bindestrichs moniert, wird die Kleinschreibweise von „documenta“ mit keiner Silbe beanstandet. Die Kritik gilt zudem allein dem Logo, das aufgrund dieses scheinbaren Rechtschreib-Fauxpas eine „Torheit“ sei, ohne dass Bezug zum damit in Verbindung stehenden Erscheinungsbild genommen würde. Im Grunde genommen ist dies, als würde man den Inhalt eines Buches auf Grundlage seines Buchdeckels bewerten. Kann man machen, eine wertvolle Rezension sieht allerdings anders aus. Auch der Verweis auf das Regelwerk der Rechtschreibung geht an der Sache vorbei. Genauso gut könnte man kritisieren, die Logos, um nur einige wenige zu nennen, des Robert Koch-Instituts, des Vitra Design Museums oder der Konrad-Adenauer-Stiftung seien allesamt falsch, da hier die Orthografie nicht befolgt würde.

Banalisierung des Kommunikationsdesigns

Nicht, dass ich den Mangel an Fachwissen in Sachen Design/Kommunikationsdesign in Redaktionen beklagte, nichts läge mir ferner. Wer allerdings in dieses Themenfeld vorstößt und (ein) Design in Frage stellt, von dem darf erwartet werden, zumal ein Verlagshaus im Hintergrund steht, dass man sich ernsthaft mit dem Thema befasst, bevor Artikel verfasst werden. Und es darf erwartet werden, dass sich der Autor der Verantwortung bewusst ist, die er in Bezug auf die Meinungsbildung hat. Beides geht der allgemeinen Berichterstattung über Kommunikationsdesign leider meist ab.

Während in Nachrichtenhäusern Themen wie Politik, Wirtschaft, Technik, Sport, Theater oder Literatur nur von den jeweiligen verantwortlichen Redakteuren bespielt werden, laufen Designthemen gerne schon einmal unter Panorama – und hier darf offenbar Jeder schreiben, ungeachtet seines Schwerpunktes. Die Art und Weise der Berichterstattung ist mitverantwortlich für das verhältnismäßig schlechte Image, das Kommunikationsdesign in weiten Teilen der Gesellschaft genießt. Gerade auch ihr ist es zu verdanken, dass es den Werbefuzzi, den Videofritzen und den überbezahlten, unterbeschäftigten Grafiker gibt und kaum jemand im Stande ist zwischen Designer und Werber zu unterscheiden, mal abgesehen von Designern und Werbern.

Nach Jahrzehnten der Oberflächlichkeit auf Seiten der Nachrichtenredaktionen hat sich dieser zum Teil negative Eindruck von Kreativschaffenden eingestellt. Ich stelle mir vor, wie Autoren in hitzigen Diskussionen in Dialog mit der eigenen Leserschaft träten, um zu vermitteln, zu erklären, zu relativieren, um Substanz und Polemik zu sortieren. Moderation innerhalb der durch eigene Artikel angestoßenen Diskussionen findet in großen wie in kleinen Nachrichtenhäusern kaum statt, so zumindest mein Eindruck, was allerdings ein großes Manko darstellt, denn gerade auch der Dialog mit den Lesern/Zuschauern/Hörern zeichnet einen zeitgemäßen Journalismus aus.

Polarisieren statt erklären

Stattdessen wird Öl ins Feuer gegossen, wie etwa im Fall Zwickau, wo im März 2009 die Freie Presse zu einer fragwürdigen Unterschriftenaktion aufrief (dt berichtete: Wieviel Demokratie verkraftet das Design in Zwickau?), in der Hoffnung, damit die Einführung des neuen Stadtlogos zu stoppen. Die Agentur ö_konzept aus Zwickau sah sich seinerzeit massiver Kritik ausgesetzt, ungerechtfertigterweise, denn die Arbeit ist handwerklich sauber und visuell ansprechend. Mit einigen Hundert Unterschriften einen Prozess stoppen zu wollen, der zum Teil viele Monate, im Einzelfall sogar Jahre in Anspruch genommen hat – das ist töricht!

Ein gelungenes Konzept tauscht man nicht aufgrund eines Anflugs von Kritik aus. Hier heißt es auf Seiten der Verantwortlichen kühlen Kopf bewahren. Je besser die Implementierung des Designs gelingt, und hiervon hängt letztlich der Erfolg des gesamten Entwicklungsprozesses ab, um so wahrscheinlicher ist, dass aus anfänglicher Kritik Zuspruch wird.

In knapp 7 Jahren, in denen ich im dt schreibe, sind gerade einmal zwei Fälle dokumentiert, in denen die Einführung eines neuen Logos aufgrund eines Aufbegehrens gestoppt wurde. Gegen das Logo der University of California wehrten sich tausende Universitätsangehörige, gegen das GAP-Logo gar hunderttausende auf Facebook. Solch ein Einlenken respektive Einknicken auf Seiten der Verantwortlichen ist jedoch sehr selten, die Wahrscheinlichkeit, mit solch einer Unterschriftenaktion Erfolg zu haben, ist sehr gering.

Michael Rösch, Vorstand und Managing Director der Designagentur wirDesign, die im Sommer 2011 ein neues Erscheinungsbild für die Stadt Nürnberg entwickelt hat, ist sich sicher: „Corporate Design für öffentliche Einrichtungen ist ein Prozess, der nur dann zum Erfolg führt, wenn die Qualität der Implementierung stimmt. Deshalb ist es unerlässlich, frühzeitig die richtigen Personen zusammenzubringen, um emotionale Barrieren zu vermeiden. Der eigentliche Faktor, der öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden muss, ist der Einsparungseffekt, der durch ein neues Corporate-Design-System erreicht wird.“ Hierzu später noch mehr.

Im Kommunikationsdesign stößt das Duden-Regelwerk an seine Grenzen

Bei der visuellen Kommunikation gelten die in der Rechtschreibung in Bezug auf die Lesbarkeit von Text vorgegeben Regeln in besonderer Weise. Während das Hinzufügen eines Bindestrichs in der Regel die Lesbarkeit eines Wortes innerhalb eines Textes verbessert, wirkt sich ein Bindestrich innerhalb eines Logos, das vor allem in puncto Einfachheit überzeugen muss, eher negativ aus. Schnelle Erfassbarkeit, leichte Reproduzierbarkeit und selbstverständlich auch formalästhetische Aspekte (Form, Ausdruck, Originalität), die allzu oft in derlei vorgetragener Kritik ausgeblendet werden, stehen im Kommunikationsdesign VOR der orthografischen Korrektheit!

Bekanntermaßen sind visuelle Zeichen um so verständlicher, je einfacher sie gestaltetet sind. Denken wir an Piktogramme und Verkehrsschilder, die uns den Weg weisen. Zusätzlicher visueller Ballast wie Verzierungen erschwert die Verständlichkeit ebenso wie zu eng gesetzte Buchstaben. Auch die Typographie verfolgt ähnliche Ziele. In einem über mehrere Jahretausende hinweg andauernden Prozess haben sich stets die Schriftzeichen mit den besten Leseeigenschaften durchgesetzt. In solch einer Evolution, wie sie etwa Adrian Frutiger in seinem Buch: „Der Mensch und seine Zeichen“ aufzeigt, gibt es kein richtig oder falsch, eben nur ein besser bzw. ein weniger gut. Die Formsprache, in der Reduktion die vielleicht wichtigste Erfordernis überhaupt im Design darstellt, ist keinem Rechtschreibregelwerk verpflichtet, sondern zunächst einmal der Form selbst.

Es ist wichtig, das Duden-Regelwerk zu kennen. Im Bedarfsfall ist es jedoch im Kommunikationsdesign unerlässlich, sich über geltende Rechtschreibregeln hinwegzusetzen. Dabei gilt für Kommunikationsdesign das gleiche wie für Rechtschreibregeln: in beiden Fällen ist die Verbesserung der Kommunikation das Ziel! Zweifelsfrei gibt es genügend Beispiele, die diesen theoretischen Ansatz untergraben, wohlgemerkt in beiden Bereichen. Verallgemeinerungen wie: falsche Orthografie = schlechtes Design sind ebenso unangebracht wie die Behauptung, Lokaljournalismus sei durchweg oberflächlich.

Corporate Design als Chance begreifen

Kommunikationsdesign stellt in weiten Teilen unserer Gesellschaft ein rein Kosten verursachendes Übel dar. Die Chancen und die positiven Effekte, die mit einem konsequenten, durchdachten und ansprechendem Corporate Design verknüpft sind, bleiben den Menschen meist, gerade in der lokalen Berichterstattung, verborgen. Ich stelle mir vor, wie ein Redakteur in seiner Recherche herausfände, dass mit Hilfe des neuen Corporate Designs die Ausgaben in der Stadtverwaltung in den vergangenen 10 Jahren um 10–20% gesenkt werden konnten. Initiale Kosten relativieren sich sehr schnell, wenn man das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt.

Denn natürlich lassen sich Kosten senken, indem Broschüren, Plakate, Briefpapier und viele andere Medien mittels einheitlicher Gestaltung entworfen und gedruckt werden. Wo früher vielleicht 5 oder 6 Werbeagenturen beauftragt worden sind, zahlreiche Meetings geführt werden mussten, braucht zukünftig nach Implementierung eines neuen Designs wohlmöglich nur noch ein Dienstleister aktiv werden. Auch das spart Geld, Zeit obendrein, weil Verantwortlichkeiten eindeutig und Abläufe klar sind.

Oftmals gleicht das Erscheinungsbild einer Stadt vor Beginn eines Redesigns einem bunten Wirrwarr. Dass sich solch ein Flickenteppich-Äußeres schlecht verkaufen lässt, sollte sich auch Nicht-Designern erschließen. Denn natürlich muss auch eine Stadt für sich werben, will sie Investoren und Touristen anlocken, möchte sie in der Gunst der Bürger bestehen.

Fair und fundiert, statt zugespitzt und oberflächlich

Wer Design als ein wichtiges Kriterium für den Kauf eines Autos, eines Smartphones, einer Markenjeans, von Schuhen oder der Wohnzimmereinrichtung nennt, und das tun weitaus mehr Menschen als in der Kreativbranche tätig sind, der dürfte die Bedeutung einer ansprechenden und in sich stimmigen Gestaltung im Bereich des Kommunikationsdesigns, zudem auch die Gestaltung eines Stadtlogos zählt, eigentlich nicht in Abrede stellen, schon gar nicht, wer aufgrund seiner schreibenden Profession in der Verantwortung steht, eine inhaltlich überzeugende, gerne kritische aber doch insgesamt faire Berichterstattung abzuliefern. Der Nachholbedarf auf Seiten der schreibenden Zunft ist diesbezüglich immens, ebenso der Hang zur Meinungsmache, gerade im Umfeld der angesprochenen Medien. Neu ist das nicht, auch keineswegs ein rein deutsches bzw. deutschsprachiges Phänomen, goutieren muss man es deshalb aber noch lange nicht.

Ich stelle mir vor, Nachrichtenredaktionen wiesen in ihren Meldungen über Design auf all diese Chancen hin, zumindest ansatzweise, die Design insbesondere Corporate Design bietet, anstatt re­pe­ti­tiv „Düsseldorf-Logo kostet 160.000 Euro“ zu kolportieren oder „Steuerverschwendung“ auszurufen. Die Motivation auf Seiten der verantwortlichen Autoren, in solch einem Maße zu polarisieren ist ausgeprägter als meine Naivität. So dürfte es beim frommen Wunsch bleiben. Und dennoch. Design scheint immer nur Schuld an allem zu sein. Darüber, wozu es gut ist, ließt man hingegen nur selten etwas, und damit meine ich keine „Unternehmen XY hat XY-Award in Silber gewonnen“-Meldungen, die sich in Selbstbeweihräucherung verlieren. Auch das muss sich ändern.

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106 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Das immer wiederkehrende Problem der sehr oberflächlichen Berichterstattung (insbesondere der lokalen Medien) zu diesem Thema wird sehr gut und reflektiert auf den Punkt gebracht.

  2. Der Artikel bringt viele Dinge auf den Punkt. Die Wertlosigkeit von Online-Umfragen und meist auch von Leser-Kommentaren ist aber kein Phänomen, das auf dieses Thema beschränkt ist.

    Nicht ganz unterschreiben kann ich jedoch die Ausführungen zum Thema Rechtschreibung. Ich weiß, dass es für viele nicht nachvollziehbar ist, aber es gibt nun einmal Leute wie mich, denen Abweichungen dieser Art dominierend ins Auge springen und so die ganze Arbeit herunterziehen. Dies betrifft falsche Apostrophe, Anführungen, Komposita mit Leerzeichen und schlicht auch Rechtschreibfehler.

    Der Punkt ist, dass diese Abweichungen in der Regel schlicht unnötig sind und sich die Frage stellt, ob – wenn denn tatsächlich eine Intentition vorliegt – diese tatsächlich den hohen Preis wert ist, auch als Fehler und damit schlimmstenfalls als Dilettantismus wahrgenommen zu werden. Dies kann man in der Regel verneinen: „documenta“ klein zu schreiben ist eine rein typografische Angelegenheit und kann nicht mit einem verbreiteten Fehler verwechselt werden. Der fehlende Bindestrich hingegen schon – zumal er ja auch keinerlei gestalterische Punkte bringt. Der Vergleich hinkt also etwas.

    Ich weiß, mit dem letzten Hinweis bin ich im „design tagebuch“ offensichtlich falsch, aber Gestalter sollten doch auch das Phänomen berücksichtigen, dass es nicht wenige Leute gibt, die Fehler als solche wahrnehmen – und damit als Mangel. Und sich überlegen, ob der „intendierte Fehler“ tatsächlich gestalterisch so viel bringt, dass dieser Effekt ignoriert werden darf.

  3. Hallo Achim,

    danke für diesen Artikel!
    Während man sich vermutlich kaum wundern muss warum die Journaille in Zeiten des Verlagssterbens und prekärer Journalisten-Honorare nur wenig fachliche Qualität zu bestimmten Themen liefern kann, weist die äusserst ungenügende Darstellung von Design-Arbeit in der Öffentlichkeit doch auf ein größeres Problem hin.
    Meiner Meinung nach ist die künstlerisch-ästhetische Bildung in unserer Gesellschaft deutlich ausbaufähig.
    Eine Diskussion um Design dreht sich in der Breite, in den meisten Fällen, um Automobile, mit etwas Abstand findet noch die Gestaltung von Unterhaltungselektronik etwas Beachtung. Darüberhinaus wird Gestaltung schlicht hingenommen, weder kommentiert, noch kritisiert. (Beispiel: Das SZ Magazin bespricht in seiner jährlichen Designausgabe nahezu ausschließlich Nippes-Produkte – Grafik scheint, trotz des durchaus hohen Anspruches des Hefts, nicht als interessante “Design-Disziplin” durchzugehen, nicht einmal ausnahmsweise).

    Im Gespräch mit Laien habe ich immer wieder den Eindruck einer großen Unsicherheit in Bezug auf die Beurteilung von Grafik oder Design. Man muss manchen Leute wahrlich zwingen ihre Eindrücke zu schildern, es fehlt, neben dem beschreibenden Wortschatz, auch am Selbstbewusstsein eine eigene Meinung zu vertreten. Ich persönlich meine das diese subjektiv empfundene Unsicherheit zuweilen in eine solide Abwehrhaltung gegenüber diesen Fragen mündet – “Unsinn, Nutzlos, Unnötig” sind häufige gebrachte Totschlagargumente um sich der Frage der Beurteilung zu entziehen.

    Ich bin mir nicht sicher ob das technik-orientierte Deustchland eine gesteigerte Sensibilität für die ästhetisch-künstlerischen Aspekte unseres Alltags jemals erreichen kann. Meiner Meinung nach ist schon die Rolle der Kunsterziehung in Schulen zu klein bzw. zu fehlgeleitet.
    Darüberhinaus reflektieren wir unsere allzeit-dominante Medienwelt zu wenig: Meines Wissens nach, gibt es im deutschen TV nur eine einzige (!) Sendung die sich kritisch mit Medien, speziell TV, auseinandersetzt (“Zapp” im NDR). Angesichts der großen Motivation der Menschen, sich ständig über ihren Medienkonsum auszutauschen (“gestern Tatort gesehen?”) sollten man doch meinen dass die Beschäftigung mit sich selbst, mehr Raum in den Medien einnehmen könnte.

  4. Das ist halt das alte Problem mit Leuten, die nichts davon verstehen. Gerade bei IT’lern seh ich auch oft, dass die nur die technische Umsetzung sehen. Nach dem Motto “lol, 50.000€ für nen Namen in Schriftart XY? Das kann ich auch in 10s in Paint machen”. Von der Arbeit dahinter wissen die gar nichts und wollen es oft auch gar nicht.

  5. Ein lesenswerter Artikel.
    Man kann nicht erwarten dass Redakteure oder Leser wissen welche Überlegungen und Arbeit z.B. in einem neuen Stadtlogo stecken, man sollte aber erwarten können dass jemand der einen Artikel schreibt sich über die Hintergründe und Entstehung informiert. Gleichzeitig ist besonders bei Logogestaltung von öffentlichen Auftraggebern (da ist der Steuerzahler empfindlicher) wichtig dass die Entstehung, Notwendigkeit des Redesigns kommuniziert wird. Es geht um Kommunikationsdesign, da sollte am Ende nicht nur ein stummes Logo stehen sondern es sollte das ganze Vermittelt werden. Das passiert in vielen Fällen erst nach der Welle der Entrüstung.

  6. Danke Achim für Deinen Artikel, danke Jürgen für Deinen Kommentar!

    Es ist für die Entwicklung der allgemeinen Akzeptanz enorm wichtig, die Bedeutung und die Relevanz von Kommunikationsdesign immer wieder sachlich und schlüssig zu erklären – Eure Beiträge leisten dazu wertvolle Hilfe.

    Statt uns immer wieder (natürlich allzu menschlich!) von 2,50-€-Logoklitschen-Verteidigern zu fruchtlosen Grabenkämpfen provozieren zu lassen, sollten wir Kommunikationsdesigner uns besser auf das konzentrieren, was unseren Beruf ausmacht: Kommunikation. Erklären, warum eine gute Gestaltung wichtig ist und was sie zu beeinflussen vermag. Die Zusammenhänge sichtbar machen zwischen guter Gestaltung und Akzeptanz/Bekanntheit/Wiedererkennung/Funktionalität einer Marke, eines Produktes oder auch einer Dienstleistung. Und neben der reinen Aufklärungsarbeit müssen wir die in Achims Artikel geschilderte Kritik zum Ansporn nehmen, konzeptionell so sauber und nachvollziehbar wie möglich zu arbeiten um geschmäcklerischen Diskussionen sachlich und perfekt vorbereitet begegnen zu können.

    Wichtig ist, gerade so kritisch beobachtete Projekte wie die Entwicklung von Erscheinungsbildern für Gemeinden/Städte/Bundesländer o. ä. sauber zu erklären und die interessierte/kritische/skeptische Öffentlichkeit auf diese Weise zu informieren und bestenfalls auch zu überzeugen, dass die geleistete Arbeit auf fundierter konzeptioneller Grundlage basiert und in ihrer Komplexität und dem geleisteten Umfang ihre monetäre Vergütung (mehr als) wert ist. Ich glaube, dass noch zu häufig unterschätzt wird, wie wichtig eine begleitenden Öffentlichkeitsarbeit ist, die interessierten Betrachtern die theoretische Basis eines solchen Projektes erklärt. Leider viel zu oft werden der Öffentlichkeit solche Projekte von fachfremden Menschen (Verwaltungsangestellten, Lokalreportern, etc.) präsentiert, die mehr schlecht als angemessen auf Nachfragen reagieren können und die das Projekt vielleicht auch gar nicht in vollem Umfang kennen. Auch dies, die umfassende Vorbereitung der Kommunikatoren, der Distributoren und auch der Anwender neuer Corporate Designs (und anderer Bestandteile der Corporate Identity), muss von uns im Vorfeld der Markeneinführung bedacht, vorbeitet und verbreitet werden.

    Auch in diesem Sinne noch einmal herzlichen Dank, Achim und Jürgen!

    Edit: Tippfehler

  7. Ich meine, das ist kein Phänomen, das speziell die Kommunikation von Gestaltungslösungen betrifft, sondern ist viel allgemeiner ein Qualitäts/Interessen-Problem …

    Praktisch bei jedem Thema, bei dem man sich selbst auskennt, erkennt man die schlechte Qualität der Berichterstattung (wobei es dabei nicht darum geht, dass der eigene ach so wichtige Fachbereich nicht in Inhalt und Umfang entsprechend “gewürdigt” wird, es geht schlicht um handwerkliche Mängel oder Ignoranz).

    Die Weise wie und der Zweck warum Online- und zunehmend auch Zeitungsartikel in Regionalmedien geschrieben werden, ist ja leider selten Berichterstattung in diesem Sinne, sondern Generierung von attraktivem “Content”, der dann die Werbekunden davon überzeugen soll, dass da eine lebhafte Leser-Gemeinschaft auf ihre Angebote wartet.

    Für ernsthaften Journalismus gibt es in diesem Bereich zu viele Anbieter (mit Geschäftsmodell-bedingtem Interessenskonflikt), zu wenig relevante Themen und Ereignisse – und eine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne der Journalisten und Leser.
    Das Resultat sind dann eben Füll- und Skandal-Artikel mit Symbolbildchen und Meinungsmache, die die Leser bei Laune halten sollen – nicht dass die noch weg gehen. Aus Geschäftssicht (im Sinne von “Lokal-Vermarkter” statt “Lokal-Medium”) ist das ja nachvollziehbar – es bleibt hat das Sachthema dabei auf der Strecke.

    (In unserer Region kommt dann noch dazu, dass der Platzhirsch seinen Markt mit Aufkäufen, Me-Too-Produkten und politisch-wirtschaftlichen Kooperationen extrem aggressiv verteidigt, und somit auch gleich noch alle Alternativen, die es vielleicht besser machen wollten, im Keim erstickt … somit haben wir keine Lokalpresse, sondern nur ein Marketing-Unternehmen mit dem Vertriebskanal “Zeitung”)

  8. Hallo Achim, herzlichen Dank für Deinen Artikel!

    Ich glaube, dass „die Leute“, welche sich instinktiv zu einer negativen Aussage zu dem Logo hinreißen lassen einfach kein Vokabular besitzen, um ihre Gefühle in adequate Worte zu fassen. Wie bei allen Diskussionen gilt: nur wenn ich Vokabeln und ein Hintergrundwissen besitze, kann ich mich sachlich austauschen, bin ich in der Lage das Thema zu durchdringen, zu reflektieren und im Diskurs zu einer eigenen fundierten Meinung zu kommen. Das soll nun keine Entschuldigung für die harschen Kritikführer sein – im Gegenteil. Und die Journalisten, die solche Texte veröffentlichen sind schlicht unprofessionell, Kostendruck hin oder her.

    Ich würde mir wünschen, dass solche Beiträge wie Deiner, nicht nur in Designerkreisen gelesen werden, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Liebe Zeitungen, wie wäre es mit einer Rubrik Besprechung zeitgenössischer Designarbeiten!?

  9. Ich muss leider sagen, dass die Diskussion und auch die hohe Zustimmung in den Kommentaren letztlich nur die Sicht von außen wiedergibt und ich sie im konkreten Fall auch für falsch halte. Es führt auch nicht weiter, einem Großteil der Bevölkerung (hier der Kasseler) schlicht die Beurteilungsfähigkeit abzusprechen. Letztlich möchte man sich als Einwohner auch mit seinem Stadtlogo identifizieren. Das gelingt mir mit dem neuen Kassel-Logo nicht. Bereits die Heraldiker des Mittelalters hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das Typische einer Stadt im Wappen abzubilden. So war das auch in Kassel. Im neuen Logo spielt weder die Tradition noch die Vision für die Stadt Kassel eine Rolle. Wo sind denn Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen den Städten, wenn eine rein typografische Lösung gewählt wird. Im Artikel stand: Denn natürlich muss auch eine Stadt für sich werben, will sie Investoren und Touristen anlocken, möchte sie in der Gunst der Bürger bestehen. Wie soll das denn mit diesem Logo gelingen: http://www.hna.de/nachrichten/stadt-kassel/kassel/stadt-kassel-neues-logo-jubilaeum-2679396.html

  10. Sehr lesenswerter Beitrag, Achim.
    War überfällig. Mich bedrücken solche Berichterstattungen auch, denn sie ziehen das Fach auch in anderen Bereichen als dem von Stadterscheinungsbildern und Stadtmarketing herunter. Es macht das ganze Fach schlecht. Statt Kompetenz-Transfer findet ein anderer Transfer statt: der Bedeutungslosigkeits-Transfer.

    Nur:
    Stadt-Erscheinungsbilder sind etwas anders. Sie haben halt einen starken politischen Bezug.

    Und bei Politik und Geldausgeben darf geholzt werden, sagt sich die Journaille. (Auch ein Grund, sich nicht in die Politik zu begeben, wenn man nicht gerade ein Gemüt wie ein Holzstock hat …, die sich in Demission von der Politik befindliche Frau Weisband kann sicher etwas darüber erzählen. Zumindest liest sie laut eines Interviews keine Leserkommentare unter auf sie bezogene Artikel mehr.)

    Man wird die Journaille leider nicht ändern.

    Man wird das Netz nicht ändern. Man schreibt gern oberflächlich (wer von den Nicht-Fach-Journalisten hat Ahnung vom Design. Helfen Workshops für Journalisten was?) man hetzt gerne, das gibbet Traffic. Man erlebt als Leser auch, dass selbst Fachjournalisten, ich nenne jetzt mal den Finanzbereich, zu schlampiger Recherche, launigen hohlen Headlines und zu Wirtschafts-Hofberichterstattung im Besonderen neigen.

    Wer es erkennt:
    Bei Artikeln zum Thema Design in “normalen” Blättern, die nicht PAGE oder Architectural Digest sind, erkennt man als Fachbetroffener fehlende Informationen bei oberflächlichen und hechelnden Artikeln recht rasch, keine große Kunst. Und ärgert sich.

    Woanders aber eher nicht. Es fällt einem nur auf, wenn der Tonfall arg hetzend ist, oder: Tata! wenn man zufällig vom Thema Ahnung hat. (Auch ein Designer kann durchaus über andere Themen als Design zufällig mal Bescheid wissen :-) Ist mir schon ein paarmal passiert, dass ich dann sporadisch merke wie dünn und schlecht recherchiert auch über andere Themen geschrieben wird. Ein Problem der ganzen Journaille, der Qualitätszeitungen? Aber ja.

    Aber kann man das Leservolk, was Design betrifft, ändern?

    Gebe Herrn Gawron unbedingt Recht, der hier eben sagte:

    Meiner Meinung nach ist die künstlerisch-ästhetische Bildung in unserer Gesellschaft deutlich ausbaufähig.

    Zu diesem Statement könnte ich jetzt einen umfangreichen Ausflug in unsere (Un-) oder Nicht-Kultur der ästhetischen Bildung starten, die in der Schule misslich losgeht und in der Universität kläglich endet. Wird zu sehr offtopic.

    Werde das Gefühl nicht los (ist nur ein Gefühl, nichts Ernstes), dass in Nachbarstaaten, wie zum Beispiel den Niederlanden, auch im breiten Volk mehr Design, Kommunikationsverständnis und Ästhetik-Sinn verankert ist als bei uns. Wir sind halt die Autobauernation. Ich merke das jeden Tag in meinem eigenen bescheidenen Office. Wenn’s arg kommt, drohe ich dann innerlich mit Auswandern. :-) Ob’s was hülfet?

  11. Man wird die Journaille zwar nicht ändern, aber man kann sie nutzen.

    Ist nur eine Idee:
    Was das Produktdesign regelmäßig macht: Artikel in SPon oder anderswelche “Normalo”-Blätter, die von allen gelesen werden, über ihre Arbeit lancieren, das kann man auch über Corporate Design machen. Nennt sich öffentliche Kommunikation, bösartigere Zungen nennen das Public Relations.

    Sehe ich aber nirgends. Nicht in Normalo-Blättern

    Es liegt also auch – ein wenig – an der sehr sehr schlechten und unsystematischen Eigendarstellung des Corporate Designs in der “normalen” Öffentlichkeit.

    Was sich dann wie ein Hurrikan rächt, wenn wieder mal ein Stadterscheinungsbild verrissen wird. Lieber tummeln sich die meisten Corporateler in ihrer Kuschelblase, der Filterbubble, als da sind ihre eigenen Leib- und Magen-Fachblätter und ihre Award-Tournees. Sie sind zwar aufgeschreckt und tödlich beleidigt, wenn ein übel duftendes Pressewindchen gegen sie weht, aber nach dem Ende des echten oder des Pseudo-Hurrikans haben sie es meist wieder vergessen. :-)

    Nix für ungut. Bin auch nur ein kleiner Gestalter, der sich tierisch freut, wenn er mal Auftraggeberseits mehr machen darf als das übliche Blingbling samt Eye Candy. Das übliche Blingbling samt Bürokratiekram und Forderungsmanagement absorbiert ein kleines Office wie mich tatsächlich oft so, dass man für Dinge wie “Öffentlichkeitsarbeit” oder gar “Vorträge” keinerlei Sinn hat. Das wird in halblustige Bemerkungen erstickt wie “Wohl noch Pommes dazu? Majo? Wie hättmers denn gern?”
    Auf Deutsch: keine Kraft zu so etwas auch noch.
    Und über unsere Verbände hab ich mich schon genug geäußert. In meinen Augen versagen sie ebenfalls völlig.

  12. bravoks
    am 11. Januar 2013 um 10:29 Uhr
    “documenta ist ein Markenname und kann deshalb so geschrieben werden…”

    Wenn schon Markenname, dann doch so “dOCUMENTA”.

  13. Zu dem Kommentar 4 von Nicola:

    (…) und kann nicht mit einem verbreiteten Fehler verwechselt werden. Der fehlende Bindestrich hingegen schon – zumal er ja auch keinerlei gestalterische Punkte bringt. Der Vergleich hinkt also etwas.

    Wenn hier die Reduktion Konzept ist, sind fehlende Bindestriche eben doch ein entscheidendes gestalterisches Mittel. Auch zieht mehr Farbe/ ein dunklerer Grauwert das Auge stärker zum Claim, der aber sicherlich erst als zweites wahrgenommen werden soll.

    Noch dazu passiert noch etwas durch die Trennung: Man kann es (sinngemäß) lesen:

    Dokumenta-Stadt

    oder

    dokumenta
    stadt

    da steckt in meinen Augen einfach mehr drin als in einem “korrekten” “Dokumenta-Stadt”

    Darüber hinaus wird niemand (!) glauben, dass ein Schreibfehler Ursprung des ganzen gewesen sein könnte. Ich halte es darum für etwas kleinkariert auf Rechtschreibung zu pochen, wenn es eigentlich um Lyrik geht. Sprache und Schrift ist eben sehr viel mehr als nur “alles richtig machen”.
    Diese Art der Gestaltung erschließt sich nun vor allem etwas feinsinnigerem Publikum; wobei ich womöglich auch das eine oder andere zu kritisieren hätte.

  14. Erst einmal Hochachtung und Bewunderung für Deine fundierte und ausführliche Auslassung, Achim. Vielen Dank dafür.

    Dennoch bin ich ein wenig zwiegespalten: Es liest sich nicht nur aus Deinem Text, sondern auch aus vielen Kommentaren hier und unter anderen Artikeln heraus, dass, würde der Pöbel über einen entsprechenden Wortschatz oder eine entsprechende Bildung verfügen, anders zu diesem oder jenem Logo stehen. Das offenbart eine gewisse, man möge es mir verzeihen, Arroganz gegenüber den Unstudierten, denen für die Beurteilung einer solchen Arbeit nichts anderes zur Verfügung steht als ihr ganz ureigenes subjektives Geschmacksempfinden.

    Selbst unter Studierten ist das Urteil seltenst einhellig: Mancher wird das neue Kassel-CD als gut empfinden, mancher (wie ich) wird es eher als, vielleicht nicht schlecht, aber dennoch ungeeignet empfinden.

    Dass einseitiger, interessengelenkter (und in Zeiten klammer Verlagskassen auch unfundierter) Journalismus nicht sein darf, sollte jedem klar sein. Dennoch bin ich für einen Journalismus, der sich kontrollierend und nachfragend der Dinge nähert. Und da nicht nur die Verlags-, sondern auch die Stadtkassen klamm sind, empfinde ich die Frage nach Sinn und Zweck einer 70.000-, 100.000-, oder 1.000.000-Euro-Investition in ein neues Corporate Design als legitim. Wobei, wie gesagt, eine der möglichen Antworten auch immer sein muss: “Ja, es ist die Investition wert.” Wie Du ganz richtig schreibst, wird diese Antwortmöglichkeit leider im Vornherein bereits ausgeschlossen. Offensichtlich scheint inzwischen jegliche Ausgabe unnütz.

    In der Beurteilung von Leserumfragen und Leserkommentaren gebe ich Dir absolut recht: Wenn 300 Bürger 99% sein sollen, stimmt im Journalistenhirn irgendwas nicht. Aber auch hier: Gegenstimmen sollte man trotz eventueller Minderheit nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern trotzdem ernst nehmen und ihnen mit guten Argumenten begegnen. Und sich auch selbst öffnen, denn vielleicht sind gerade diese 300 Bürger, die sich zu Wort melden, ja diejenigen, die über den entsprechenden Wortschatz und/oder die entsprechende Bildung verfügen.

    Desweiteren bin ich absolut bei Nicola: Auf korrekte Rechtschreibung und Orthografie zu verzichten mag zwar manchmal besser aussehen, dass der Verzicht aber zu besserer Lesbarkeit / besserem Verständnis führt, halte ich jedoch für ein Gerücht. Wenn seit vielen Jahren “documenta-Stadt” geschrieben steht, wird ein “documenta Stadt” wohl eher als störend bis falsch empfunden werden. Auch wenn’s besser aussieht.

  15. Schade, dass der Artikel genau so subjektiv und emotional ist wie die darin kritisierten Zeitungsartikel.

    Mit einigen Hundert Unterschriften einen Prozess stoppen zu wollen, der zum Teil viele Monate, im Einzelfall sogar Jahre in Anspruch genommen hat – das ist töricht! Was bitte hat denn die Prozessdauer mit dem Ergebnis zu tun? Wenn nach Jahren Mist rauskommt, darf der Mist nun mal gestoppt werden.

    Die Agentur ö_konzept aus Zwickau sah sich seinerzeit massiver Kritik ausgesetzt, ungerechtfertigterweise, denn die Arbeit ist handwerklich sauber und visuell ansprechend.
    Handwerklich sauber mag sie sein. Wenn sie für alle visuell ansprechend wäre, hätte es dann so viel Gegenwind gegeben? Eher nicht. Wer legt fest, ob sie visuell ansprechend ist? Der Autor?

    Bei der ganzen Diskussion wird wieder einmal nicht bedacht, dass weder die Agentur noch ein paar wenige Entscheider und Gestalter mit dem Logo leben und das Logo mit Leben füllen müssen, auch wenn es in den Augen dieser Weniger noch so gelungen ist. Vielmehr ist das Aufgabe der Einwohner, der Gewerbetreibenden, der im Tourismus Tätigen. Wenn sie nicht hinter dem Logo stehen können oder wollen, hat es nun mal sein Ziel verfehlt.

  16. „In knapp 7 Jahren, in denen ich im dt schreibe, sind gerade einmal zwei Fälle dokumentiert, in denen die Einführung eines neuen Logos aufgrund eines Aufbegehrens gestoppt wurde.“

    Wurde das Logo der Grünen nicht auch nochmal neu gemacht, nachdem sich die Basis beschwert hat?

  17. Schöner Artikel! Was ich allerdings anders sehe: Falsche Orthografie stört meinen Lesefluss ungemein. Ich finde sogar, dass eine dem Logo angepasste “falsche” Rechtschreibung den Eindruck erweckt, als ob die Agentur nicht wüsste, wie es richtig geschrieben wird. In Ausnahmefällen mag das ja gehen. Ganz schlimm finde ich es aber zum Beispiel, wenn ein Komma (aus Designgründen) einfach fehlt: “Die beste Firma die es gibt.” Sowas liest man sehr häufig. Meinem Lesefluss helfen jedenfalls falsch getrennte Wörter nicht.

  18. Lieber DER GAST,
    Auch wenn es wiederum arrogant klingt, gestatten Sie mir den Einwand dennoch:
    Design ist keine demokratische Veranstaltung. Kann es nie sein.

    Das geht schon im kleinen Kreis los – wenn ein kleines Design-Office mit 1(!) Auftraggeber zu tun hat, der sich plätzlich in viele Auftraggeber und Entscheider aufspaltet. Viele Köche verderben den Brei, kein Gestalter kann es allen recht machen, wenn er es noch so versuchte.

    Andersrum erklärt:

    Stellen Sie sich einen Autobauer vor, der seinen neuen Motor ganz Crowdsourcing vorbildlich vom Autofahrervolk entscheiden lässt. Man könnte ja auch hier wie bei einem neuen Stadterscheinungsbild sagen: Die Autofahrer müssten ja irgendwann mit dem Motor fahren, also hätten sie ein unbedingtes Mitspracherecht.

    Und dem Konstrukteur täglich die neuen eingehenden Anforderungen durchreicht und das als Briefing verstünde. Und nochmals, wenn der Motor fertig ist, den Motor öffentlich-demokratisch zur Diskussion und zur Disposition stellte.

    Dieser Motor würde in 10 Jahren nicht fertig! Ob er funktionieren würde, wie ursprünglich gedacht, ist ebenfalls fraglich. Vermutlich wäre er überdimensioniert und passte in kein bauübliches Fahrgestell rein. Sowas ist dann ein echter Sch**-Motor und kostet ein Vermögen.

    Und das wollen Sie auch einem Stadterscheinungsbild antun?

    Bitte etwas zurückrudern mit:
    “Vielmehr ist das Aufgabe der Einwohner, der Gewerbetreibenden, der im Tourismus Tätigen.”

    Es ist nicht Sache der einzelnen in allen Details sich einzubringen, mitzugestalten, zu entscheiden und zu verfügen, sondern Sache deren Vertreter als Vertretungsberechtigte, über die Vorschläge der Fachdesigner für die Bürger zu entscheiden. Und die Kosten dazu abzustimmen.

    Ob die Damen und Herren Bürgermeister, Stadträte, Stadtmarketingabteilung ihren Job gut oder schlecht machen, sei dahingestellt. Doch veranwortlich sind SIE. So geht repräsentative Demokratie nun mal.
    Nicht dass ich sie in allen Einzelfällen und ständig für gut befinden würde. Was aber mit dem “Liquid Feedback” der Piraten gerade passiert, kann man ja auch studieren.

  19. Vielen Dank für die Rückmeldungen, sowohl die zustimmenden wie die kritischen. Auf einige möchte ich gerne antworten.

    documenta ist ein Markenname und kann deshalb so geschrieben werden…

    Was auch meinerseits gar nicht in Frage gestellt wurde. Ich wundere mich lediglich, dass man, wie HNA-Redakteur von Busse, in einem Atemzug den Verzicht des Bindestrichs bemängelt, die Kleinschreibweise jedoch offenbar gut heißen kann.

    Wo sind denn Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen den Städten, wenn eine rein typografische Lösung gewählt wird.

    Eben genau darin! Indem auf jegliche Stadt-Land-Fluss-Motive und -Silhouetten verzichtet wird.

    einem Großteil der Bevölkerung

    Worin glaubst Du, lieber Wolf, erkannt zu haben, dass es sich tatsächlich um einen „Großteil“ handelt? Mein Eindruck ist, dass es sich in vielen Fällen eher um eine kleine Gruppe von Bürgern handelt (im Vergleich zur Bevölkerungszahl), sich sich an besagten Unterschriftenaktionen beteiligt oder die auf Facebook gegen etwa ein Stadtlogo mobil machen. Zweifelsfrei sollte man jede sachlich vorgetragene und begründete Kritik ernst nehmen, überbewerten sollte man sie aber auch nicht.

    Gegenstimmen sollte man trotz eventueller Minderheit nicht unter den Tisch fallen lassen

    Gegenstimmen lassen sich nun einmal nicht vermeiden, denn ein Design, dass Allen gefällt, gibt es nicht, was nicht als Rechtfertigung für jede Form der Gestaltung verstanden werden soll. Lokale Berichterstattung neigt allerdings dazu, Gegenstimmen über Gebühr Aufmerksamkeit zu schenken, da sich damit Klicks generieren lassen. Unter den Tisch zu fallen, ist wohl das letzte, was ihnen in Nachrichtenportalen droht.

    Wenn nach Jahren Mist rauskommt, darf der Mist nun mal gestoppt werden.

    Ob es Mist ist, liegt zunächst im Auge des Betrachters. Bei der Beurteilung der Qualität einer gestalterischen Arbeit ist es nicht von Nachteil, einen entsprechenden Hintergrund mitzubringen. Natürlich legitimiert eine lange Prozessdauer keineswegs eine Arbeit, aber sie unterstreicht das zum Teil hohe Maß an Partizipation. Klar können auch 50 oder gar 100 mit dem Thema im Detail vertraute Personen irren, oftmals wird in der Berichterstattung jedoch auf genau diesem Umstand gar nicht hingewiesen, dass dem neuen Design ein mehrmonatiger oder mehrjähriger Prozess vorausging!

    Wurde das Logo der Grünen nicht auch nochmal neu gemacht, nachdem sich die Basis beschwert hat?

    Du hast recht. Bei den Grünen war es jedoch so, dass ein Parteilogo zwar vorgestellt, aber noch nicht eingeführt wurde. Bei GAP und der University of California wurde zunächst ein neues Logo eingeführt, also implementiert, bevor es nach kurzer Zeit wieder entfernt wurde.

    Meinem Lesefluss helfen jedenfalls falsch getrennte Wörter nicht.

    Lesefluss ist nicht das, worum es bei der Darstellung eines Zeichens, eines Logos geht. Wortmarken wie etwa die von MIELE, BRAUN oder Lufthansa werden, genau betrachtet, gar nicht gelesen, sondern lediglich für einen Bruchteil einer Sekunde erfasst. Die Wortmarken fungieren dabei wie Bildmarken. Selbst erklärungsbedürftige, weil den meisten Menschen unbekannte Markennamen wie etwa Pfeffersack & Söhne werden nicht bei jeder Betrachtung gelesen. Das Erfassen reicht für die Absicherung, das richtige Produkt gewählt zu haben, vollkommen aus.

  20. Liebe Vroni,

    Dein Vergleich hinkt ein wenig, finde ich: Ein Stadtlogo ist insofern eine zumindest demokratischere Angelegenheit als die Entwicklung eines neuen Motors (oder sollte es meiner Meinung nach sein), als dass es sich bei einem Stadtlogo um ein Projekt handelt, das auch die Bewohner einer Stadt, die ja die Einzigartigkeit einer solchen neben rustikalen Innenstädten maßgeblich prägen, nach innen wie vor allem nach außen präsentieren muss. Der Designprozess sollte, meiner Meinung nach von den Stadtoberen gelenkt und moderiert (und auch kommuniziert) werden, sodass er zu einem Ergebnis führt, das in den Augen der Repräsentanten geeignet ist, jedoch soll in diesen Fällen die Bürgerschaft die Möglichkeit haben, in Fällen großer Unzumutbarkeit (auch subjektiver), zu intervenieren.

    Liquid Feedback, da hast Du recht, sollte nicht das Mittel der Wahl sein. Dennoch muss das neue CD der Bevölkerung präsentiert und gegebenenfalls erklärt werden, woraufhin diese dann ihre Meinung kundtun können und die dann auch ernst genommen werden muss.

    Man kann und sollte natürlich immer gucken, woher und wie qualifiziert eine solche Kritik ist, dennoch bin ich gegen ein generelles Abbügeln. Vor allem unter dem generell über der Bevölkerung schwebenden Damoklesschwert des unterstellten Unwissens. Eine Stadt ist nun einmal, im Gegensatz zu einem Autobauer, eine demokratische Einrichtung.

  21. > Im Bedarfsfall ist es jedoch im Kommunikationsdesign unerlässlich, sich über geltende Rechtschreibregeln hinwegzusetzen.

    Finde ich ehrlich gesagt eine gruselige Aussage. In der Praxis entsteht dann schnell der Fall, dass in allen Schriftstücken Unsicherheit entsteht, wie denn nun das Institut, das Unternehmen in Schriftsprache geschrieben wird. Zudem wird ein orthografischer Fehler (der auch dann ein Fehler bleibt, wenn er eine bewusste Entscheidung ist) immer belächelt werden und sich damit negativ auf das Design auswirken. Sich über die Rechtschreibung hinwegzusetzen ist ein negativer Trend, woanders wie “For you vor Ort” belächelt, aber hier ist es “nur ein Bindestrich”…?!

  22. Lieber Achihm,

    “[...] Lokale Berichterstattung neigt dazu, Gegenstimmen über Gebühr Aufmerksamkeit zu schenken, da sich damit Klicks generieren lassen. Unter den Tisch zu fallen, ist wohl das letzte, was ihnen in Nachrichtenportalen droht. [...]”

    Meinst Du nicht, dass so etwas wie ein Stadtlogo für die Bürger der betroffenen Stadt von Interesse ist? Klar, letzten Endes hat das Logo auf ihr individuelles Leben vielleicht nur einen marginalen Effekt, dennoch würde ich sagen, interessieren sich die Bewohner schon sehr für Dinge, die in und vor allem mit ihrer Stadt vor sich gehen. Der Presse zu unterstellen, sie würde mit so etwas nur Klicks generieren, halte ich für eine Generalunterstellung, die in manchen Fällen zutreffen mag, in manchen aber auch nicht.

    Dass ein Hauptaugenmerk auf die Gegenstimmen gelegt wird, liegt meiner Erfahrung nach (ich war selbst sechs Jahre semi-journalistisch tätig) daran, dass Menschen, die zufrieden sind, nicht dazu neigen, Leserbriefe zu schreiben. Wenn sich daraus eine tendenziöse Berichterstattung ergibt, handelt es sich um keinen guten Journalismus, insofern stimme ich Dir ausdrücklich zu. Dennoch würde ich nicht dazu übergehen zu sagen, dass Negativkritik in der Presse etwas generell Verurteilenswertes wäre.

  23. Auch bei der Entwicklung eines Corporate Designs bedaft es Recherche – und zwar unter anderem der Markt- und Zielgruppenanalyse. Design wird nicht leichtfertig entwickelt und auch ein gut recherchierter Pressetext sollte den Anspruch erheben, eine objektive Wiedergabe der Sachverhalte zu präsentieren. Unter den vielen schwarzen Schafen von Designern und Journalisten gibt es auch einige, denen dieser Sachverhalt bewusst ist und die danach handeln. Denn letztendlich ist sowohl Design als auch Journalismus eine Sache der Kommunikation, wenn auch mit unterschiedlichen Zielführungen.

  24. @ Wolle

    Und da nicht nur die Verlags-, sondern auch die Stadtkassen klamm sind, empfinde ich die Frage nach Sinn und Zweck einer 70.000-, 100.000-, oder 1.000.000-Euro-Investition in ein neues Corporate Design als legitim.

    Tja. Da sind sie wieder, die Fragen nach den Millionen und wer sie einstreicht.

    Erstens und Zweitens und Drittens weiß kein müdes Borstentier, die Presse schon gar nicht, wie die genannten ausgegebenen “Mega”-Budgets innerlich verteilt ist, was also genau auf die Kostenpositionen Entwicklung und Design geht, was genau auf Leitsysteme, Umsetzung, Druckerei, Verfielfältigung und Media geht.

    Selbst die Design-Companies, die für solche Gesamtsummen gerügt werden, sind da seltsam stumm. Weder habe ich von Meta-Design noch von WirDesign irgendwas darüber gehört.
    Und da ist auch etwas, was mich stört.
    Warum soll ich mich als Kleiner für gerade für sie, die Stars der Branche in die Bresche schlagen, sie, die arrogant wirkend ehrpusselig schweigen. Ja, da haben wir sie, die Neiddebatte, gelle.

    Achtung Polemik

    Kann ja sein, dass es Firmengeheimnis dieser grafischen Büros bleiben muss, was genau auf Entwicklung und Design geht. :-) Kann sein, dass es gar nicht so viel ist, zumindest verglichen mit den Kostenpunkten technischer Umsetzung, Druck oder gar Media. Die die Presse nimmermüde jedesmal neu eifrig zusammenkratzt, damit die Summe nach “Unerhört” und “Faule, überbezahlte Designer” riecht.

    Und es aber wiederum die Branchen-Eitelkeit dieser Designbüros verbietet, groß darüber, über diese relativ kleine Summe zu schwätzen, die sie nu wirklich nur fürs Design einstreifen darf. Tut man nicht gern, verstehe das. Dann werden die nächsten Ausschreibungen noch mehr nach unten gedrückt.

    Historisch (Geschichten vom Design-Oppa ausm Design-Krieg quasi, die keinen Enkel mehr interssieren, gähn):

    Aus meinem alten Werbeleben in einer Werbeagentur weiß ich als alter Kämper, dass Designkosten sogar gerne gratis dazu gegeben wurden. Hauptsache, die Media-Umsätze stimmten, Kickback inklusive also. Wir Grafiker waren in der Werbeagentur also damals schon die Umsonst-Truppe. Wussten aber lange nicht, dass wir eigentlich nur quer-finanzierte arme Tröpfe waren und nix zu sagen hatten. Auf unsere Visitenkarte aber standen beeindruckende Titel, das war wichtig. Nur mit dem Rest davor und danach wird verdient (Beratung, Technik, Media), aber nicht mit dem Design. Design wurde von Auftraggeber und Berater lediglich als Amuse-Gueule verstanden und dem Auftraggeber gereicht zum lustvollen Zerpflücken. Die Künsterzugabe, der nette Gratis-Gruß aus der Küche. Das wurde uns, wenn wir doch ab und zu wegen unmotivierter und unbegründeter Meinungsumschwünge aus Richtung Auftraggeber gelinde meckerten, earnest als Account-driven Agency verkauft. Im Unterschied zu einer creative-driven Agency. Ob es letztere Agenturen gab, habe ich bis heute nie wirklich herausgefunden.:-)

    Dieses wunderschöne, aber wahre Märchen aus dem Krieg wurde Ihnen präsentiert von …

  25. Wolle nochmal,
    das was Sie wollen (Alle haben was dazu zu schwätzen), kostet ein Schweinegeld, verstehen Sie? Da sind die Summen, die derzeit genannt werden, noch Peanuts.

    Alle zu beteiligen ist ein RIESEN-Verwaltungsaufwand. Alle Wünsche zu berücksichtigen, wird eine Riesen-Entwicklungszeit. Wer soll denn das Risotto, das Mus, dass dann dabei grafisch zu 90% herauskommt, zahlen?
    Ich denke, der Hauptaufhänger der lokalen Pressematadoren ist doch immer das liebe Geld?

    Und tut mir leid, ist arrogant, aber notwenig zu verstehen:
    Und ja, die Bevölkerung hat leider wenig Ahnung von Design. Und warum sollte sie.
    Ich hab auch keine Ahnung von Architektur und werde mich hüten, da aggressiv sofort auf allen Foren mitzuschwätzen, nur weil mir die Farbe eines Gebäudes persönlich nicht passt. Vorher frage ich die Architekten zumindest vielleicht, was die Intention war, bevor man losbolzt.

    Es ist schon auch immer eine gewisse Klientel, die von der Presse ermuntert und angefacht, überall wie der Dampfhammer reinfährt und ihre generelle Lebensunzufriedenheit mit “Krakeel Krakeel” zum Ausdruck bringt.

    Ich kann so nicht arbeiten, hüstel.

    Dann bin ich gerne arrogant

  26. Liebe Vroni,

    wenn Du meine geldtechnische Aussage auf diesen einen Satz verkürzt, gruselt es mich vor mir selbst. Jedoch schrieb ich noch weiter. :-)

    Klar, dass die Kosten für Außenstehende schwer zu verstehen sind, was aber Kommunikation notwendig macht, sodass die kritischen Stimmen am Ende vielleicht atsächlich erkennen, dass das Millionenbudget tatsächlich in Ordnung ist. Wie Du ganz richtig schreibst, zeigt man sich da auf Seiten der Verantwortlichen (übrigens auf beiden Seiten) jedoch seltsam wortkarg.

    Kein Wunder also, dass niemand versteht, warum ein Stadtlogo 70.000, eine Elbphilharmonie 780 Millionen (aktueller Stand ist mir entfallen, ändert sich jedoch auch stündlich) oder ein Flughafen einskommablumenkohl Milliarden kosten soll.

    Ich wollte aber die pekuniäre Debatte gar nicht aufmachen. Gutes Design hat seinen Preis und in diesen Zeiten neigt man ja eher dazu, seinen Designer nicht gerade mit Gold zu überhäufen, sondern tendenzielle eher unter den Tisch zu verhandeln. Nur: Wenn es vom Geld her für beide Seiten fair ist – warum es dem Nachfragenden nicht einfach so sagen?

  27. Bei einem Erscheinungsbild für eine Stadt geht es um mehr als nur um die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen: “Der eigentliche Faktor, der öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden muss, ist der Einsparungseffekt, der durch ein neues Corporate-Design-System erreicht wird.“. Dicker Einspruch! Das ist viel zu kurz gesprungen und degradiert die Disziplin Gestaltung viel gründlicher als es die schlampige Berichterstattung zu tun vermag.

    Eine Stadt ist eine demokratische Einheit und Identitätsbildung in einem demokratischen Raum kann die Bürger der Stadt nicht einfach ausklammern bzw. diskreditieren: “Laien; Leute, die nichts davon verstehen; mangelnde ästhetische Bildung …” Diese Attitüde fällt Designern hier vollkommen zu recht auf die Füße. Ich kann auch eine Ansicht zu Stuttgart 21 haben oder zum Standort eines Atom-Endlagers in Gorleben ohne Infrastruktur-Experte zu sein oder Strahlenschutz-Ingenieur. Natürlich habe ich als Bürger die Verantwortung, mich zu informieren, um mir eine Meinung zu bilden. Aber es gibt auch eine Verantwortung der Gestalter, transparent bzw. nachvollziehbar zu handeln. In vielen Kommentaren wird hier vorausgesetzt, daß es mangelnde (bzw. falsche) Berichterstattung ist, die zu der Ablehnung des neuen Erscheinungsbildes geführt hat. Wenn nun die Experten (Designer) die fertige Lösung den unmündigen Bürgern einfach nur besser erklären würden – so der Umkehrschluß – dann werden die das neue Design schon gut finden. Das darf bezweifelt werden.

    Wir alle wissen, daß es bei einem Erscheinungsbild nicht vordergründig um ein Logo geht, sondern um eine langfristige Strategie zur Identitätsbildung. Wenn man das voraussetzt und gleichzeitig die Idee der Bürgerschaft ernst nimmt, muss man einfach zur Kenntnis nehmen, daß sich ein Erscheinungsbild für eine Stadt nicht mit den selben Mitteln entwickeln lässt, wie für ein Unternehmen. Alleine der Begriff “Corporate Design” ist hier schon fehl am Platz. Warum wurde beispielsweise die Debatte über “Werte” in dem Kassel-Projekt nur auf der Ebene der Stadtverwaltung geführt? Eine solche Diskussion gut moderiert in einer breiten Öffentlichkeit zu führen, wäre doch mal eine riesige Chance für die Demokratie – brought to you by communication design.

    Es gibt städteplanerische Verfahren bei denen sich Bürger sehr detailliert an der Gestaltung von ganzen Stadtvierteln beteiligen – warum erfinden wir so etwas nicht für Kommunikationsdesign? Ich spreche hier nicht davon, daß am Ende alle ein Logo malen sollen oder ein Crowdsourcing Wettbewerb veranstaltet werden soll. Ich spreche davon, daß die Entwicklung von Erscheinungsbildern für Städte nie als Prozess zur demokratischen Entwicklung einer Bürgerschaft genutzt wird – obwohl der Kern eines solchen Projektes genau diesen Punkt berührt.

    Wer sich zwei Jahre mit der Stadtverwaltung einschliesst und dann am Ende mit einem Schriftzug vor die Tür tritt, muss sich über Kritik nicht wundern. Die polemische Berichterstattung ist nicht der Grund für die Ablehnung, sondern das Ergebnis eines fehlgeleiteten Prozesses. Die Ursache für diese Fehlleitung ist, daß Designer denken, daß das Erscheinungsbild ein Arrangement von Farben, Formen, Schriften etc. sei und der Designer aufgrund seiner Ausbildung der beste Experte, um diese Elemente formal und konzeptionell “richtig” zu arrangieren. Das ist einfach eine antiquierte Auffassung von Design und passt nicht mehr in die pluralistischen Gesellschaften, in denen wir heute leben.

  28. Noch einmal liebe Vroni,

    ich redete ja gar nicht vom Extrem. Von “schwätzen” schon gar nicht. Ich bin mit dem von Dir präferierten Prozess vielleicht sogar einverstanden, dennoch bin ich dagegen, entstehende Kritik mit dem einzigen Argument “Ihr habt doch alle keine Ahnung” abzubügeln.

    Der Eindruck, dass da etwas “über unsere Köpfe hinweg entschieden” wurde führt meiner Erfahrung nach eher zu einer grundlosen und generellen Abwehrhaltung, der man gut entgehen kann, indem man von sich aus die Diskussion eröffnet. Wie heißt es so schön im politischen Geschwurbel: “Die Menschen mitnehmen.”

  29. Ich möchte mich hier einmal mit einem konkreten Logo beschäftigen dem Kassel Logo. Das man im Verhältnis Kunde Auftraggeber immer wieder Situationen hat, die nerven können, hat jeder schon einmal erlebt. Hier geht es um ein Stadtlogo, das nicht den visuellen Geschmack der gerade Regierenden abbilden soll, sondern darum den Kern einer Stadt in dem Fall Kassel herauszuarbeiten. Das ist man den Einwohner schuldig und ist beim Kassel Logo offensichtlich nicht geschehen. Abgesehen davon, dass ich die Bezeichnung Documentastadt für kurzsichtig halte, wenn man die Gebrüder Grimm hat. Vielleicht möchte mir jemand erklären, welche touristischen oder emotionalen Effekte durch das Kassellogo ausgelöst werden können? Zitat Achim: Eben genau darin! Indem auf jegliche Stadt-Land-Fluss-Motive und -Silhouetten verzichtet wird.
    Es geht nicht um Stadt Land Fluss. Sondern, darum den Kern oder die Positionierung einer Stadt bildlich darzustellen. Wo ist die Idee beim Kassellogo und wieso braucht man dafür zwei Jahre. Der Hinweis, dass das Logo von den Studenten geschenkt wurde, möchte man damit begegnen, dass man ein solches Logo nicht geschenkt haben möchte. Generell wird damit auch eine universitäre Tendenz deutlich, dass Studenten und Professoren nicht mehr in der Lage sind, Logoideen zu entwickeln und sich in die Typografie flüchten. Was wäre das Lufthansa Logo ohne den Kranich, was wäre das Raiffeisen Logo ohne das Giebelkreuz? Dann zu sagen, der Kunde versteht mich nicht oder ist es nicht wert, ist elitär….

  30. @Wolle:
    Auch wenn die Grenzen sicher fliessend sind, möchte ich meine Kritik am Zustand des allg. ästhetisch-Künstlerischen Empfindens nicht als Arroganz verstanden wissen (auch wenn es stark so klingt, zugegeben ;-)).
    Ganz konkret könnte ein Journalist nicht auf so billige Art und Weise Empörung erheischen, wenn mehr Leser über die Art, Umfang und Komplexität eines Corporate-Designs Bescheid wüssten – und wenn das nur bedeutet dass die jeweils dem mehr oder weniger gelungenem neuen Logo beiseite gestellten Honorarzahlen in 99% der Fälle weitaus mehr umfassen als nur die Kosten des gezeigten Logos.
    Aus Mangel an differenziertem Meinungsbild setzt dann nämlich der immergleiche Mechanismus ein: “ist das vom Praktikanten” “Geldverschwendung” “Hässlich” sind die Bügeleisen der Laien, gegen die wir Gestalter dann wieder anbügeln, weil sie so unsachlich daherkommen.

    Die Journaille könnte zu einem wünschenswerten Dialog beitragen. Aber wie schon erwähnt, beschränkt sich die Zunft auf die Generierung von Traffic zu möglichst niedrigen Kosten.

  31. Und noch mal liebe Vroni,

    “Und ja, die Bevölkerung hat leider wenig Ahnung von Design. Und warum sollte sie.”

    Warum sie sollte? Da sich Design nicht nur über Fachvokabular, sondern auch ganz sinnlich erfahren lässt, wie wir spätestens seit Alexander Gottlieb Baumgarten wissen. Gutes Design ist insofern nicht technokratisch, als dass es auch von einem unbeleckten Betrachter sinnlich erfahren werden kann. Oder würdest Du der Bevölkerung auch die Fähigkeit zur intuitiven Ästhetik absprechen?

  32. Anscheinend ist die Lobby im Kommunikationsdesign immer noch nicht groß (oder stark) genug, als dass Sinn und Nutzen beim Bürger angekommen sind. Ganz im Gegensatz zum Produktdesign, was nun mal greifbarer für den Laien ist.

    An der strukturierten Öffentlichkeitsarbeit zum Thema sollte man arbeiten, dann kann die Wahrnehmung besser werden. Vor allem mit Fakten zum Nutzen und nicht mit “Orakeln” oder Wunschdenken zur Wirkung. Das ist immer schon ein großes Problem im Designbereich gewesen. Die Diskussion findet aber größtenteils branchenintern statt, was wenig bis nichts an der öffentlichen Wahrnehmung ändert.

    Abschließend sind die Umsätze gemessen an anderen Branchen und Ausgaben verschwindend gering. Wo wenig Budget ist, ist die Lobby meistens schwach. Der Online-Handel trägt mit dem Internet als Leitmedium zum Glück immer stärker dazu bei, gutes Design bezüglich Konzept und Realisation in Umsätzen sichtbarer zu machen.


    Quelle: Statista

  33. @ Jürgen:

    Ich unterstelle ja, dass die unsachliche Gegenwehr mancher Bürger nicht aus mangelndem Designverständnis (siehe intuitive Ästhetik) resultiert, sondern aus der Undurchsichtigkeit des Prozesses an sich. Wenn jemand sich ausgeschlossen fühlt, kann man nicht erwarten, dass er sich die Mühe macht, Finessen trotzdem zu ergründen. Meine These ist also, dass sich die Bürger manchmal nicht gegen das Design, sondern gegen die Methode wehren.

    Dass manche Journaille das nutzen kann, um aufzupeitschen, stellt meiner Meinung nach wiederum eher den Prozess infrage als die Journaille.

  34. Lieber Wolle,

    wer hat das denn so gesagt hier:
    “Ihr habt doch alle keine Ahnung”

    Und ja das “die Menschen mitnehmen” und es ihnen erklären. Sehr löblich.

    Darf ich zynisch werden?
    Es gelingt immer weniger, die Menschen mitzunehmen. Seit Stuttgart 21 ist es zumindest sehr schwer geworden, sie zu gewinnen. Wenn “die Politik” die Leute vor solche “vollendete Tatsachen” setzt, dann ist das politische Klima insgesamt kaputt gemacht worden. Ob mit oder ohne gesettelte Wutbürger am reichen Hang Stuttgarts oder mit oder ohne den Juchtenkäfer. Und kosten tut es jetzt noch mehr als vorher.

    Ob da in diesem politischen Klima des “Draufhauens, also bin ich” eine nette, gutgemeinte und umfangreiche Erklärung darüber, wie Design im innersten wirklich funktioniert, helfen wird?

    Geschichtchen:
    Ein Ex-Kollege von mir, den ich sehr schätze und der in der Lage ist, ein ganzes Wirtshaus an Vertrieblern zu unterhalten, hat einmal seine Beliebtheit (er WAR wirklich beliebt) in einer Sache grob überschätzt: In seinem Workshop mit dem ungefähren Thema (wortwörtlich genau habe sich es jetzt nicht mehr): Wie funktioniert Werbung eigentlich wirklich und wie briefe ich sie richtig? kam kaum ein Borstentier der angesprochenen Unternehmer, die ihn als Kreativen doch so mochten. Der Workshop aber im Raum nebenan eines anderen – eher ruhigen und etwas langweiligeren – Redners, der ebenfalls an diese gleichen Leute adressiert war, mit dem Titel (auch nur so gut es geht memoriert): Wie gewinne ich möglichst günstig und schnell Neukunden ohne lästige und teuere Werbung? boomte.
    Noch Fragen?

    Keiner will Genaues über Design wissen, viel zu langweilig.
    Sie wollen lieber wissen, ob in der Sonnenstraße heute geblitzt wird.
    :-)

  35. Obwohl ich verstehen kann, dass Designer Probleme mit der Berichterstattung über Design in den Medien haben, möchte ich einerseits darauf verweisen, dass auch in so ziemlich allen anderen Bereichen in der Presse oft meinungsmachend geschrieben wird und sicher nicht immer jeder Artikel von einem Journalisten verfasst wird, der sich in der Materie auskennt – Design hat hier also keine Sonderstellung. Andrerseits aber beklage ich auch die fehlende Selbstreflektion in der Designbranche.

    Sicherlich wird nicht gerade subjektiv über neue Designs berichtet. Aber das hat oft auch mit der fehlenden Qualität der Designs zutun. Und gerade beim Städtedesign ist die Emotionalität besonders hoch, da sich Bürger stärker mit dem Erscheinungsbild ihrer Stadt verbinden als z.B. dem der örtlichen Stadtwerke. Designer sehen hier aber gerne die »Schuld« in der Unwissenheit der Bürger. Aber seien wir mal ehrlich, es gibt eine Menge schlechte Designer und dementsprechend Designs. Und diese tragen auch nicht wenig zum schlechten Ruf des Berufes bei.

    Ich habe selbst in der Branche gearbeitet und viel zu oft gehört, wenn »der normale Bürger« an Logo/Design irgendetwas bemängelte, »er würde halt das Design nicht verstehen«. Hier wird fast immer der Grund aufgeführt, als Nicht-Designer hätte man eben keine Ahnung. Selten wird hinterfragt, ob das einfache typografische Logo nicht vielleicht wirklich zu einfach war, nicht prägnant genug oder ob die Top-Werbeidee wirklich zum Produkt, zur Marke passt. Designer neigen leider oft dazu, eine vermeintlich tolle Idee zu haben und diese dann irgendwie auf das Produkt zu formen ohne darüber nachzudenken ob es passt. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht, wird der Bürger als der Dumme dargestellt und der Designer/die Agentur sucht die Schuld selten bei sich selbst.

    Außerdem verlieren Designer während des Schaffensprozesses die Objektivität zu ihrem Werk. Es ist ja auch kein Wunder, setzt man sich Wochen, manchmal gar Monate mit kleinsten Detailfragen auseinander. Ich will aber jetzt nicht sagen, dass Designer selbst an ihrer Misere Schuld sind. Ich würde mir nur oft etwas mehr Selbstreflektion wünschen. Es sind nicht immer die anderen an allem Schuld.

    Zum Thema Bindestriche:

    Hier sehe ich es ähnlich wie Nicola. Sicher kann man Bindestriche weglassen, gerade um Umbrüche (für das Auge des Designers) ansprechender zu gestalten. Aber viele haben eben nicht »das Auge des Designers« und sehen hier dann (u.U. zu Recht) einen Fehler, der sich gerade bei einem Stadtlogo auch noch negativ auf die Identifizierung mit der eigenen Heimatstadt auswirkt. Aber ist das dann ein Fehler des Betrachters. Kann man hier immer behaupten, die Gestaltung ginge vor und würde das Logo prägnanter machen. Wir reden hier von einem Bindestrich, meistens nur vier Vektor-Punkten. Kann das so einen Unterschied machen. und vor allem, ist die »falsche« Schreibweise es wert?

  36. dass Studenten und Professoren nicht mehr in der Lage sind, Logoideen zu entwickeln und sich in die Typografie flüchten.

    So etwas kann man natürlich leichtfertig behaupten, hält in diesem Fall der Realität allerdings nicht stand. Alle am Prozess involvierten Personen kennen weitere Logoentwürfe, die eine Bildmarke in wappen-ähnlicher Form beinhalten. Genau dieser Fehler, anzunehmen, bei solch einem Gestaltungsprozess würde nur ein einziges Logo entwickelt, unterläuft vielen Redakteuren, weil sie sich leider zu wenig oder gar nicht mit der Thematik beschäftigen.

  37. @ Wolle

    “Oder würdest Du der Bevölkerung auch die Fähigkeit zur intuitiven Ästhetik absprechen?”

    Manchmal: ja.
    Es gibt solche Leute.
    Das sind die, die in Pseudo-Toskana-Bauhausdingern wohnen und Gefriermenüs in die Mikro schieben.

    Kein Witz, meine ich ernst.
    In meiner Verwandtschaft gibt es sie auch. Der schlechte Geschmack wird zum guten Geschmack erhoben, was kannst da noch sagen.

    Eine befreundete Illustratorin, eine wirklich gutmütige Seele, die die Menschen liebt, sagte neulich, sie mache nur noch für Agenturen, nichts mehr für Private. Sie hätten durch die Bank einen schlechten Geschmack und das Arbeiten mit ihnen sei ein Grauen, man könne ihnen noch so viel erklären, es hülfe nichts.
    Diese Dame ist wirklich nicht arrogant, sondern einen sehr liebe geduldige Seele, die gut erklären kann.

  38. @Florian:

    Die Kritik an der Kritik der Laien soll nicht heissen das alles was aus Designer Hand kommt automatisch gut ist und alle anderen keine Ahnung haben – es ist nur nicht hilfreich wenn am kern der Sache vorbei diskutiert wird weil den Laien (z.B. von der Journaille) keine Möglichkeit gegeben wird zu erkennen, worum es überhaupt geht.
    Oft genug steht am Ende ein logo im Mittelpunkt der Aufregung, fast neu wird thematisiert welches Erscheinungsbild es vorher gab, wie die Kommunikationsmittel der Stadt vorher aussahen, welche Ziele die Stadt erreichen wollte und vor allem welche Steine die öffentliche Hand als Auftraggeber den Büros in den Weg gelegt hat (Warum soll es denn den Designern anders gehen als den Flughafenbauern ;-)

    Zudem wird mit großer Beharrlichkeit ignoriert dass es nahezu unmöglich ist eine Stadt in einer Bildmarke zur Zufriedenheit aller zu repräsentieren. Die Stadt Kassel hat sich für die dokumenta und gegen die Gebrüder Grimm entschieden – freilich gefällt das einer Menge Kasseler Bürger nicht, aber wie wäre es anders herum ausgefallen?

    Die Hoffnung, ein Stadt-Logo müsste nur “gut” genug sein, dann würde es schon jedem einzelnen Bürger gefallen, ist ein Hirngespinst. Das kann so ein Zeichen nicht erfüllen (Und die historischen Stadtwappen erfüllen das nur weil sie schon da waren bevor die heutigen Bürger geboren wurden).

  39. Liebe Vroni,

    ich muss tatsächlich sehr schmunzeln, vielen Dank dafür. Und vielen Dank auch für eine angeregte Diskussion im dt, das hat mir lange gefehlt.

    Hm, vielleicht sollte ich meinen Idealismus tatsächlich ein wenig herunterschrauben. Ich weiß nicht, ich fahre damit bislang sehr gut, auch pekuniär. Nicht nur aus diesem Grund hätte ich etwas dagegen, zum Zyniker zu werden. Bin ich naiv, wenn ich wieder und wieder versuche, den Menschen meine Arbeit nahezubringen, zu erklären – und nicht einmal meine Eltern bis heute verstanden haben, was genau ich da eigentlich mache?! Und wieso diskutieren Menschen differenzierter beim Design ihres Autos als beim Design ihres Stadtlogos?

    Vielleicht ist auch das von mir verwendete Wort “Arroganz” falsch gewesen und Deine Wahl für “Zynismus” trifft es viel eher.

    Das wahrhaft Interessante an der Diskussion ist, fällt mir gerade auf, dass sie seit über zweitausend Jahren in derselben Art geführt wird. Ich bin da eher bei Sokrates, Du wohl bei Platon.

  40. Liebe Vroni,

    auf deinen Beitrag #22 antwortend: Du hast mich leider missverstanden. Der Designprozess soll nicht demokratisch sein, das wird weder funktionieren noch zu einem belastbaren Ergebnis führen. “… das Logo mit Leben füllen und mit dem Logo leben ist Aufgabe der Einwohner, Gewerbetreibenden etc.”

    Um dein Beispiel des Motors aufzugreifen: Wenn die Entwickler einen in ihren Augen tollen Motor bauen, der mit Ethanol läuft, umweltfreundlich ist und nur von einem Ingenieur betankt werden darf, ist das mit Sicherheit eine tolle und ausgefeilte Sache. Nur wird der Motor niemandem nutzen, der kein Ingenieur ist und hunderte Kilometer von der nächsten Ethanol-Tanke entfernt wohnt. Der Motor ist also handwerklich perfekt ausgeführt, aber leider komplett am Bedarf vorbei. Und genau das passiert (nicht nur) beim Design eines Stadtlogos auch gern mal.

    Viele Grüße
    bertel

  41. @ Peter
    Wir müssen auf verschiedenen Sternen leben.

    Die Kreativen, mit denen meine unwichtige Wenigkeit Umgang hat – es tut mir leid, nur von solchen mir bekannten reden zu können, über Leute die ich nicht kenne, geht es ja nicht – haben eher ein Zuviel ans Selbstreflektion. Zweiflerisch, grüblerisch, lieber noch mal ganz neu ran, lieber eine ganz neue Idee, alles einstampfen einen Tag kurz vor der Präsentation. So sind wahre Kreative, so kenne ich sie.

    Werden dann empört vom Kundenberater (BWL-driven) zurückgepfiffen, ob sie spinnen, der Kunde würde das Vorliegende schon kaufen …, man verunsichere ihn nur mit neuen Ansätzen, die mitten im Prozess auftauchen.

    Von welchen Wesen sprechen … Sie?

  42. @Ein Gast:
    Aber da haben wir doch schon einen wichtigen Punkt: Die Bevölkerung einer Stadt hat eben KEINEN Bedarf an einem Stadtlogo. So ein Logo wird in allererster Linie von der Stadt (Verwaltung) selbst ver- und angewendet. Und genau hier liegen oft genug die Gründe warum ein Erscheinungsbild am Ende zu dem wurde was es ist. Design sollte ja nie Selbstzweck sein, um es zu beurteilen ist es immer sinnvoll die Aufgabenstellung zu kennen – aber genau das erfüllen die Medien in Bezug auf Stadtlogos nicht.

  43. Achim, dass weiß ja wohl jeder, dass mehrere Entwürfe präsentiert werden. Woher weißt du denn das wappenähnliche präsentiert wurden. Sitzt du im Stadtrat? Die Frage ist doch, wieso ein Logo gewählt wurde, dass nicht in der Lage ist, Einwohner, Touristen oder Investoren zu beeindrucken. Ist es doch generell das Recht und die Aufgabe der regionalen Presse über etwas zu berichten, das auch in meinen Augen schlecht ist. Der Bösewicht ist hier im konkreten Fall nicht die Presse sondern a. Studenten und Professoren und b. Stadtentscheider, die offensichtlich jedes Gespür für den Stellenwert verloren haben. Es ist im konkreten Fall Stadtlogo Kassel kein Populismus, etwas was schlecht ist auch als solches zu bezeichnen. Da braucht man noch nicht einmal Umfragen zu starten.

  44. @ Jürgen:

    Das ist das Totschlagargument: Ein Stadtlogo geht die Bürger der Stadt nix an, weil es ja nur um AUSSENwirkung geht. Das ist eine sehr einseitige und, wie ich finde, überhebliche Ansicht der Marke: Eine Stadt ist nichts weiter als ein großer Konzern, der nicht mit seinen Mitarbeitern, sondern mit seinen Kunden kommunizieren muss.

  45. Lieber Der Gast,
    komplett am Bedarf vorbei, das passiert in der Wirtschaft jeden Tag. Shit happens.
    Ist also keine Ur-Domäne von Designern.
    Bin dagegen, Designer ständig zu loben und zu puschen, aber auch dagegen, ihnen permanent den Elfenbeinturm vorzuwerfen. Das ätzt.

    Immerhin – und jetzt komm ich auf den Punkt – gibt es da noch nette Gremien, die Die Designer beauftragen, briefen und am Schluss deren Werk auch abnehmen, oder nicht. Ohne die geht kein Erscheinungsbild raus und erblickt das Licht der Welt. Hättens es halt nicht abgenommen, wenn es denn so am gefühlten Bedarf vorbei ist, Entschuldigung bitte!

    Was ist mit denen, mit den Marketinggremien? Immer unschuldig? Nie am Bedarf vorbei?
    Aber was solls, der Designer ist der Elfenbeintürmler und damit ist er verdächtig
    Manche Agenturen sollen ja indirekt mit der Vergütung Schmerzensgeld für ihr potenzielles Sündenbockdasein …

  46. Hallo Wolle,

    das mit dem “Bedarf” war eine Replik an “Ein Gast”, und zielte auf den rein technischen Einsatz eines Corporate Designs. Ja die Bürger sehen es und leben damit – die Stadt muss aber tagtäglich damit arbeiten, heisst, allen angeschlossenen Dienstleistern erklären wie und in welcher Form es wo gedruckt o.Ä. wird. Wenn dann am Ende ein geschlosseneres Bild heraus kommt das zudem wirtschaftlicher umzusetzen war, ist auch schon etwas gewonnen, selbst wenn das Logo hässlich ist, diese, über den blossen Augenschein einer Bildmarke hinausgehende Wert eines CDs kommt aber oft genug zu kurz. Das will ich gar nicht den Bürgern vorwerfen, mich aber gerne Achims Kritik an der Presse anschliessen, nach der diese ihrer Informationspflicht eben nicht nachkommt.

  47. Lieber Jürgen,

    das sehe ich vollkommen ein. Jedoch wird es doch bestimmt auch einen Weg geben, der sowohl Deine Kriterien wie auch die der Bevölkerung erfüllt. Offensichtlich verhält es sich beim neuen Kassel-Schriftzug ja auch so, dass er teilweise mit Wappen verwendet wird. Warum also statt zwei Versionen nur eine, in der das Wappen IMMER vorkommt und die Städter damit besser würden leben können?

  48. Es ist viel versteckter Hass in so einer Debatte drin.
    (Und ich gebe zu, von meiner Seite auch viel Frust. Frust, wie verheerend nicht Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird.)

    Der hoch-interessante Artikel in der FAZ von Herausgeber Schirrmacher bringt das Thema Hass auf Kreative zur Sprache. Anlässlich des Urheberrechts zwar, aber treffend:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrecht/urheberrechtsdebatte-schluss-mit-dem-hass-11749057-l1.html

    Bezeichnend ist halt, dass die federführenden Agenturen sich jedesmal bei Erscheinungsbild – Shitstorms in Schweigen hüllen. Warum soll ausgerechnet ich, ein Kleiner, ihnen das Händchen halten. Haben doch selbst einen Mund zum Reden.

    Leider kriegt es “der Kleine” spätestens beim nächsten Aufttraggeber ab.

    Habe fertig :-)
    Ein schönes Wochenende noch.

  49. Liebe Vroni,

    so ganz ins Wochenende entlassen will ich Dich dann doch nicht, denn ebenso unerträglich wie die designerische Arroganz / den designerischen Zynismus empfinde ich die andauernde Koketterie mit “Ich bin doch nur der unterbezahlte Kleine, das mikroskopische Lichtchen unter myriaden Lichtchen, die allesamt um den viel zu kleinen Topf buhlen”. Zwischen Selbstbeweihräucherung und Selbstverkleinerung muss es doch auch noch Grautöne geben. Gibt es sie?

    Alles Gute zum Wochenende!

  50. Wir müssen auf verschiedenen Sternen leben.

    @Vroni: Mag sein. Ich habe die »andere Sorte« Designer, denen Selbstreflektion ein Fremdwort ist, leider zu oft kennengelernt. Aber die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo in der Mitte.

  51. Lieber Ein Gast,

    “das Logo mit Leben füllen und mit dem Logo leben ist Aufgabe der Einwohner, Gewerbetreibenden etc.”

    Das klingt schwer nach einer Ja-Kette: Man ist anfangs versucht, im Rhythmus zu nicken.

    Nur:
    Wie kann bitte ein Gewerbetreibender, der Bürsten herstellt oder Schokolade vertickt, nennen wir ihn mal Delaney, ein abstraktes Marketing-Zeichen, das für die Touristik und als Zwitter der dritten Art meist auch widersprüchlicherweise genauso für die Industrieansiedlung in seiner Stadt steht und darunter Süffiges wie sagen wir mal “we love B.”, ähm “mit Leben füllen”? Wie soll er das machen. Haben Sie konkrete und hilfreiche Vorschläge dazu?
    Soll er jetzt in Liebe entbrennen? Zu der Stadt, die ihm die Kanalgebühren erhöht hat oder ihm vor seinen Laden eine Dauer-Baustelle hingeknallt hat?
    Fragen über Fragen.

    Nein.
    So ein Stadtmarketingzeichen ist ein Akquisitionszeichen. Ak-quise! Kundengewinnung, Werbung. Es ist für die gedacht, die NOCH NICHT da sind. Aber bitte kommen mögen zur Imageverbesserung und zur Verbesserung des Stadtsäckels. Städte sind ja neuerdings jetzt auch neoliberalerweise als Unternehmen zu betrachten … ^^
    So einfach ist das.

    Auch Ihnen ein schönes Wochenende.

    (Wer raushört, dass mir Neolib-Stadtmarketing-Sülz des öfteren aufstößt, hört richtig…)

  52. Die Medienlandschaft besonders im Lokalen sollte ein gewisses Verständnis dem Design gegenüber herbringen, da gehe ich voll und ganz konform. Sich allerdings auf der anderen Seite aus gestalterischer Sicht über allgemein geltende Rechtschreibregeln hinweg setzen zu wollen, das geht dann doch zu weit. Ein Logo hinterlässt immer einen Eindruck. Umso bekannter, desto mehr setzt es sich in den Köpfen fest. Dann auf Bindestriche oder andere Satzzeichen zu verzichten, sorgt vielmehr dafür, dass sich die Rechtschreibung schneller ändert, als uns lieb ist.

  53. Liebste (es wird offensichtlich intimer) Vroni,

    es gibt einen Unterschied zwischen einem kleinen Unternehmen (bin ich selbst ebenfalls) und “dem Kleinen”, der es beim nächsten Auftraggeber abkriegt, wie, dachte ich, Du ihn implizieren wolltest. Mein Koketterievorwurf bezog sich auf letzeren. Ersterer ist mir durchaus sehr sympathisch.

    Semantischer Firlefanz.

  54. Echt genial was du aus meiner Linksammlung per Mail gemacht hast (evtl. hattest du es ja schon vorher auf dem Radar).

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht.

    PS Bürgermeister und Lokalpresse sind informiert ;)

    Gruß
    Steffen

  55. „… würde der Pöbel über einen entsprechenden Wortschatz oder eine entsprechende Bildung verfügen, anders zu diesem oder jenem Logo stehen. Das offenbart eine gewisse, man möge es mir verzeihen, Arroganz gegenüber den Unstudierten, denen für die Beurteilung einer solchen Arbeit nichts anderes zur Verfügung steht als ihr ganz ureigenes subjektives Geschmacksempfinden.“

    Jeder darf und soll seine Meinung offen Kund tun. Aber wenn Mann/Frau innerhalb von einer Sekunde ein Urteil fällt, dann wird das dem Erscheinungsbild nicht gerecht. Die Wortmarke ist ein – wenn auch wesentlicher – Bestandteil des CDs, aber eben nicht alles. Schade nur, dass solche Meinungen instrumentalisiert und zur Deutungshoheit missbraucht werden. Damit ist niemandem geholfen. Die Arroganz gegenüber den „Unkundigen“ nehme ich gerne in Kauf. Wenn ich mich nur nach dem Massengeschmack richte, wird sich nichts ändern in unserer visuellen Kultur.

    Dieses Beispiel ist natürlich in allen Facetten viel komplexer und wirft auf dem zweiten Blick unbequeme Fragen auf. Warum ist die visuelle Geschmackskultur in unserem Land so unterentwickelt (z.B. verglichen mit den Niederlanden)? Liegt es an der Mentalität der hiesigen Bewohner? Liegt es an fehlender kulturellen Bildung? Liegt es an der Medienlandschaft? Oder sind Kommunikationsdesigner ein Stück weit selbst mitverantwortlich, weil sie sich als Berufszweig in der Öffentlichkeit nicht oder falsch positionieren?

  56. Nur eine kleine Randbemerkung zu den Brüdern Grimm: Kassel ist nicht die einzige Brüder-Grimm-Stadt (z.B. trägt Hanau diesen Titel auch offiziell), aber definitiv die einzige Documenta-Stadt – und wird weltweit wesentlich stärker mit letzterer in Verbindung gebracht.

  57. Danke für diesen offenbar mit Herzblut, aber doch sachlich geschriebenen Beitrag. Es ist nur zu hoffen, dass er die Adressaten auch auf die eine oder andere Art wirklich erreicht. Es wäre wirklich ein enormer Fortschritt, wenn über Design und insbesondere Kommunikationsdesign nicht nur in der Lokalpresse endlich einmal weitgehend kompetent und differenziert geschrieben würde.

    Leider passsiert dies jedoch nicht einmal zwingend in der Fachliteratur – wenn auch in anderer Hinsicht: ich kann mich z.B. erinnern, vor Jahren reumütig beschlossen zu haben, nach den ersten beiden Ausgaben nie wieder einen Band “Graphis Corporate Identity” zu kaufen, weil die dort vorgestellten und offensichtlich für vorbildlich erachteten Beispiele nahezu vollkommen kontextlos und hoffnungslos “unterkommentiert” präsentiert wurden.

    Diese Reduktion auf die formalästhtetische Erscheinung, ggf. noch ergänzt mit dem quasi-Gütesiegel des Verweises auf den oder die real oder auch nur vermeintlich hochqualifizierten Schöpfer stellt meiner Ansicht eine Art Gegenpol zu populistischer Stimmungsmache wie der im Artikel beschriebenen dar. Beides ist nicht gut, um fundiert über Design zu sprechen – oder auch zu streiten.

  58. Liebe Vroni,

    Nein.
    So ein Stadtmarketingzeichen ist ein Akquisitionszeichen. Ak-quise! Kundengewinnung, Werbung. Es ist für die gedacht, die NOCH NICHT da sind. Aber bitte kommen mögen zur Imageverbesserung und zur Verbesserung des Stadtsäckels. Städte sind ja neuerdings jetzt auch neoliberalerweise als Unternehmen zu betrachten … ^^
    So einfach ist das.

    Es freut mich zu lesen, dass ich nun doch verstanden wurde. Genau das von dir (ich bleib jetzt mal beim höflichen, forenüblichen “du”) Beschriebene müssen nicht die Planer ausführen und ausbaden, sondern diejenigen, die mit den Kunden zu tun haben. Was nützt denn ein tolles neues Zeichen, wenn nichts dahinter ist? Wenn es keiner verwendet, weil es nicht gut ankommt? Es wird nur im Gesamtpaket funktionieren – vom ersten Kontakt des Beworbenen oder Interessenten über Web-Auftritte, Printmedien, Social Media und so weiter bis zum gebrandeten Schokotäfelchen, das auf dem Kopfkissen thront. Wie das durchstrukturiert funktioniert, machen uns beispielsweise Südtirol als Regionenmarke und Roter Hahn als Dienstleistungmarke wunderbar vor.

  59. Lieber Der Gast,
    ich fürchte, wir haben uns immer noch nicht ganz verstanden:
    Ich machte sehr wohl einen Unterschied zwischen Einwohner-Bürger der Stadt selbst und den Adressaten draußen.

    Insgesamt – obwohl ich natürlich den Marketingkram auch runterbeten kann und die Denke kenn’ , leider möcht ich fast sagen – fühle ich mich nicht ganz wohl, eine Stadt zu einem Unternehmen umzufunktionieren und ihr ein Marketing-Branding zu verpassen. Irschendwie ist mir das zu kurzgesprungen in den letzten Jahren bei vielen Städten mit ihrer Selbstvermarktung.

    Von daher rühren vermutlich auch die Proteste mancher Bürger. Ohne dass sie richtig wissen warum, passt ihnen diese Unternehmens-Soße eben nicht. Was ich gut verstehen kann, eine Stadt ist mehr als eine GmbH.

    Oder ganz anders, richtig polemisch ausgedrückt hier:
    http://www.blog.vroni-graebel.de/logisches/2013/01/haben-deutsche-geschmack/

    Ausschnitt:

    Immerhin haben Kassel und seine Designer nicht die Gebrüder Grimm und die Dokumenta gleichzeitig im Stadtzeichen zusammengeschweißt. Uff! Etwas besseres als den Tod findet man überall … möchte man dankbar rufen. Wenn nur nicht jetzt der depperte Bindestrich gewesen wäre, der manchem Bürger fehlt, weil der Duden ist ja wichtig – wären fast alle zufrieden.

    [Sorry Achim, für einen echten Trackback war ich zu dusselig, wie geht das hier, wo ist der Knopf ...]

  60. Ein super Artikel von Achim, der mal wieder rein haut!

    ——————————————————————————————————————————–

    @ Vorni: Herrlisch! Ein Traum! ///
    Design ist keine Demokratie! Yes.
    Verband tut nix! Find ich auch. Vor allem nix für die Kleinen oder gar ganz Kleinen.

    @ Vorni/Wolle: Danke! Ich hab dann eigentlich nur noch eure Postings gelesen.

    Gruß aus dem Norden!

  61. @Achim Schaffrinna
    “Lesefluss ist nicht das, worum es bei der Darstellung eines Zeichens, eines Logos geht.”

    Gut – dann verwende ich den im Artikel gewählten Begriff: Lesbarkeit. Wie es auch ein anderer User schon geschrieben hat, stören auch mich Rechtschreibfehler ungemein und erwecken für mich den Anschein von fehlender Professionalität. Ich versuche meist automatisch zunächst davon auszugehen, dass der Satz oder der Name richtig geschrieben ist – und schaffe es dann nicht, irgendeinen Sinn hineinzuinterpretieren. Bis ich dann feststelle, dass es sich schlicht um einen Fehler handelt. Das sage ich als jemand, der selber textet. Auch wenn ich weiß, dass viele Designer das anders sehen.

  62. @ Liebe/r funk,
    verstehe Ihren Einwand.
    Zeichen werden sowohl gelesen als auch optisch als Bild erfasst.
    Vor allem Wort-Zeichen werden als erstes gelesen.

    Der Typograf/Designer in mir erfasst Buchstaben immer auch als Bild, als Figur, die für sich steht. Gehe aber davon aus und stelle in Rechnung, dass die meisten Menschen das gerade nicht tun. Sie, funk, sind in bester Gesellschaft. Ist o.k.
    Mein Mann, ein Lesemensch, kann auch keinen Text vernünftig inhaltlich beurteilen oder genießen, bevor nicht die Rechtschreibfehler verschwunden sind.

    Zur allgemeinen Debatte:

    Mögliche Thesen zu all den bis jetzt gewesenen Bürger-Ablehnungen von Zeichen:

    1. Einwände wie fehlende Leerzeichen oder “falsche Schreibweise” stellen für den Bürger ideale Einwände dar. Um das Zeichen in seiner Gänze abzulehnen und nicht ganz von der Hand zu weisend dagegen zu opponieren.

    2. Neue Stadtzeichen sind in der Regel Marketing-gesteuert, d. h. sie verstehen durchglobalisiert und verkommerzialisiert ihre Stadt als GmbH, statt wie früher als Bürger-Gemeinschaft. Diese forsche wie unterschwellige Botschaft vieler neuer Stadtzeichen verstört den Bürger. Er lehnt dann die neuen Stadtzeichen emotional ab, ahnt die Ursache, warum er sie ablehnt, aber kommuniziert genau diese Ursache eben nicht.

    Weil er sich seiner Emotionen nicht ganz klar ist und sie nicht ausdrückt, greift er zur Rationalisierung. (Normal, macht fast jeder, dem seine Gefühle noch nicht recht klar sind, aber was Gehaltvolles dagegen sagen will).
    Z.B. zu dem willkommenen rationalisierbaren Anlass wie Punkt 1.

    Oder falls es bei Rechtschreibung keine ausreichende Angriffsfläche gibt, greift der Bürger zu mehr oder weniger rational anmutenden Design-Argumenten, die er aber nicht zur Gänze beherrscht. Dann treten sofort die einen oder anderen Designer auf den Plan, um den Bürger zu “korrigieren” (Experte-Laien-Dilemma). Nie treten auf den Plan: die Designer, die das Zeichen gemacht haben.

    Diese 2 denkbaren Thesen untermauern recht schön die Kommunikation hinter der Kommunikation.

    Kommunikation hinter der Kommunikation tritt im Designer-Alltag durchaus auf. Und es ist Sache des Designers, das geschickt und diplomatisch anzugehen, indem er (die richtigen) Fragen stellt: Z.B.
    Nicht: “Warum wollen Sie denn die Headlines jetzt so riesig und in Rot?” (Gern mit unterschwelligem Tonfall ‘das sieht doch sch*** aus’)
    Sondern: “Sie wollen das, was die Headline sagt, noch mehr in den Vordergrund rücken? Es ist Ihnen sehr wichtig? Sie finden, es geht derzeit etwas unter?”

    Fragen nach den Inhalten sind immer die probateren. Das ermöglicht, dass das Design nach wie vor der Designer macht. Und nicht der Kunde/Auftraggeber/Bürger. Ein Designer, der das zulässt, macht sich überflüssig. Was zuweilen auch geschieht.

    Der Bürger kann und soll sich inhaltlich äußern. Er kann und soll sagen, dass er es für Mist halte, er sich unwohl fühlt, wenn seine Stadt jetzt auch den ganzen modernen Marketingzirkus mitmacht. Dass er sich damit nicht vertreten fühlt (das tut ein solches Zeichen in der Regel auch nicht). Das ist voll o. k..

    Nicht fragen jedoch soll der Designer den Bürger so: Ob er jetzt fände, dass sein toller Fluss jetzt untergehe und ob er zu dem Kultur-Dings dazu soll. Der Laie will so gut wie immer alles-auf-einmal (Käsekästchen und Anreicherung), statt zu pointieren und Schwerpunkte zu leben. Denn wer Schwerpunkte legt, muss auf etwas verzichten. Wäre zwar vorbildliche demokratische Haltung, sich mit seinen persönlichen Interessen zugunsten der Gemeinschaft zurückzunehmen, liegt aber nicht all zu vielen. Der Internet-Bürger hat das “Ich, ich ich!” entdeckt.

    Zu guter Letzt:
    Ganz verstehen kann ich es auch nicht, dass nur allzuoft ein neues kommunales Zeichen nicht genügend in der Öffentlichkeit vorbereitet wird und dann auch noch solche Steilvorlagen geliefert werden.

  63. Leider ist und bleibt Deutschland in den Bereichen Modernes Design und Kunst anscheinend ein eher geiziges Land. Schaut man sich die Gehälter vieler Kommunikationsdesigner an oder aber einige Preisvorstellungen von Kunden verwundert einen diese Verständnislosigkeit nur noch bedingt. Deutsche sind klar strukturiert denkende Köpfe, die leider viel zu oft nur nach dem direkten eigenen Vorteil Ausschau halten. Hauptsache das Auto und die Kaffeemaschine sind groß genug.

  64. Jetzt trifft unsachliche Recherche eben auch mal das Kommunikationsdesign.

    Hier sehe ich prinzipiell kein Versagen der Lokal-Autoren in Sachen Designkenntnisse – sondern ein allgemeines Phänomen schlecht recherchierter Informationen oder nicht zu Ende geführter Gedanken.

    Ob das jetzt Umweltschutz betrifft, oder Bau-Großprojekte, oder eben Design: Hier wird zu oft der vom Qualitätsjournalismus selbst auferlegte Qualitätsanspruch verfehlt. Und letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass Journalismus Meinungsvielfalt bedeutet. Das impliziert widerum, dass es sich um Meinungen handelt, und nicht um Objektivität.

    Im Fall des Designs gestaltet sich die Nachweisbarkeit falscher oder unvollständiger Angaben schwieriger. Denn messbare Daten zu einem guten Design gibt es nur selten, sodass nur wenige Zahlen bleiben, auf denen man – wenn man unbedingt muss – darauf rumhacken kann. Eben zum Beispiel die Kosten.

  65. Besten Dank für diesen Artikel, Herr Schaffrinna – Sie sprechen ein in der Branche bekanntes Thema an, dass natürlich nicht nur Gestaltung für Städte betrifft, sondern sich in die kleinsten Bereiche, bis zu privaten Kunden hindurch zieht.

    Vielleicht müsste man, um zu einer Lösung zu kommen, bei sich selbst anfangen, oder vielmehr das Problem in der Branche suchen. Wenn ich durch New York, Zürich oder Amsterdam laufe, sehe ich im täglichen Umfeld (öffentliche Kennzeichnung bzw. Signage) wesentlich mehr Gelungenes oder sogar Raffiniertes als an gleicher Stelle in Hamburg oder Berlin.

    Solange dieses Bewusstsein, dass der Großteil der Leser dieser Seite sicher besitzt, nicht auch zu einem Credo und einer “Frage der Ehre” für jeden Gestalter wird, kein 0815-Design in die Welt zu blasen, wird sich auch die gemeine Bevölkerung immer kritisch mit Gestaltung – auch guter –auseinandersetzen und dabei vermutlich den Sinn für das eigentlich Wichtige verlieren. Vor allem weil schlechte Gestaltung für weniger visuell sensible Menschen keine spürbare Wirkung entfalten kann.

  66. Im Oktober wurde hier im designtagebuch der Artikel “Vereinfachung versus Beliebigkeit” gepostet: http://www.designtagebuch.de/vereinfachung-versus-beliebigkeit/
    Die neue Welle der Vereinfachung/Beliebigkeit z.B. ebay, Yves Saint Laurent usw. hat die Mehrheit hier zurecht kritisiert. Das neue Kasseler “Signet” hat die selbe Tendenz. Wenn sich Kasseler Bürger, auch die ungeschulten, darüber aufregen ist das völlig nachvollziehbar und verständlich. Eine derartige Schrift zu entwickeln war eindeutig eine Fehlinvestition. Die Schrift ist, bis auf den versetzen Querstrich beim Ww, gut gemacht. Allerdings völlig unpassend. Weil zu neutral, zu wenig Charakter. Schade.

    Selbstverständlich kann und sollte es von der Presse aufgegriffen werden. Die Form wie das geschieht kann kritisiert werden. Wenn die Jornalisten z.B. in unsachlicher oder nicht differenzierter Form schreiben, ist das nicht sehr förderlich für die Sache. Aber, das liegt an der allgemeinen Unwissenheit was Kommunikationsdesign angeht.
    Wir Kommunikationsdesiger können uns dafür einsetzen, daß das sich ändert. z.B. wie hier schon vorgeschlagen wurde, indem wir z.B. mit der Presse arbeiten und nicht gegen sie, Öffentlichkeitsarbeit machen, uns in Verbänden engagieren, uns dafür einsetzen, daß z.B. in Schulen mehr über Kommunikationsdesign und Medien gelehrt wird usw.

  67. Als mitlesender Architekt wundere ich mich über über die Aufregung bzw. die Entrüstung vieler Gestalter, die sich allen Ernstes fragen, warum ein Entwurf wie der für das neue Kasseler Stadtlogo von so vielen Bürgern abgelehnt wird. Maximale Reduktion wird von der Mehrheit der Menschen in fast allen Künsten abgelehnt. Als Besipiel sei ein Rathausneubau imaginiert, der aussähe, wie das (wunderbare) Auditorium Plantahof von Valerio Olgiati (bitte googeln) oder eine neue Hymne, die sich anhörte wie eines der minimalen Stücke von Steve Reich.
    Man kann einfach nicht erwarten, dass jemand, der in den Feinheiten des Dikurses innerhalb der Disziplin nicht drinsteckt, so etwas gut findet, zumal wenn es ihm ohne Erklärung einfach vorgesetzt wird.

  68. Maximale Reduktion wird von der Mehrheit der Menschen in fast allen Künsten abgelehnt.
    [...]
    Man kann einfach nicht erwarten, dass jemand, der in den Feinheiten des Dikurses innerhalb der Disziplin nicht drinsteckt, so etwas gut findet, zumal wenn es ihm ohne Erklärung einfach vorgesetzt wird.

    Stimmt. Beim Normalo-Bürger.

    Ausnahme:
    In gewissen Marketingkreisen und bei jungen ist Purismus/Minimalismus gerade ziemlich hip.

  69. “Ausnahme:
    In gewissen Marketingkreisen und bei jungen ist Purismus/Minimalismus gerade ziemlich hip.”

    Du hast Recht Vroni, wobei dies in der Hauptsache auf einem Effekt beruht: sehr komplizierte technische Geräte bekommen über ein minimalistisches Äußeres etwas “Magisches” (Apple…), da ihre Funktionsweise im Dunkeln bleibt. Beim vorliegenden Beispiel greift dieser Mechanismus nicht: Für die meisten Betrachter steht dort einfach Kassel Documenta-Stadt, und das auch noch orthographisch falsch. Warum dafür ein auf den ersten Blick hoch wirkendes Honorar fällig war, ist dadurch nicht unmittelbar einsichtig.

  70. Stimme zu, Klaus, dass diese oft Purismus magisch finden.

    Meinereiner versucht, beim Auftrag zu unterscheiden, was ist los, für wen arbeite ich: Für Zielgruppe 1? :-)
    Zielgruppe 1 ist im Werberslang der Geschmack der Auftraggeber samt des Geschmacks seiner (iPhone-Liebhaber?) Marketingabteilung. Da sitzen eben oft auch die Purismus-Liebhaber.

    Oder für die Zielgruppe draußen. Das sind die, für die man eigentlich alles macht. Die wahren Adressaten. Aber muss man erstens deren Geschmack (prächtige, dekorative, hoch angereicherte Stadt-Land-Fluss-Logos bei Stadtzeichen) oder Nicht-Geschmack, hüstel, ständig 1:1 abbilden? Dann wird nie etwas Innovatives entstehen.
    Zweitens sind die wahren Adressaten bei Kassel vermutlich eher nicht so die Bürger Kassels, das wäre Eulen nach Athen tragen. Sondern eher auswärtige Besucher und … eben allgemeine Imagebildung. Vermutlich ist in Kassel außer der Dokumenta nicht sooo viel wahnsinnig Imageträchtiges los, kann mich aber auch täuschen und will keinem Kasseler auf die Füße treten.

    Generell (ohne Kasselbezug jetzt)
    Und obwohl ich das dann meist irgendwann rausgekriegt hab, was ist für welche Zielgruppe :-), ist es immer noch nicht leicht. Denn die Zielgruppe 1 ist die, die zahlt. Mist :-)

    Im Fall Kassel kann ich mir vorstellen, dass man sich zwischen Hochschule und Auftraggeber Stadt einig war, dass die Dokumenta mit ihrer Innovativität tonangebend und: stilbildend sein soll. Stadtlandfluss raus (gut so! Weil: zu austauschbar, so gut wie jede Stadt liegt an einem Fluss – und zu bieder). Logischerweise dann Minimalismus/Purismus.

    Hätte ich auch so gemacht. Wenn die Documenta drin sein soll, dann in dem Stil, wie sie eben ist. Ich kann mir schwer einen “documenta”-Zusatz vorstellen mit dekorativem angereichertem Pomp, Duck und Circumstances, um es mal überspitzt auszudrücken. Das ist sie nicht, sie ist hoch-konzeptuell.
    Zudem soll so ein Stadtzeichen wie gesagt image-bildend die Besucher draußen ansprechen, eher nicht den dort wohnenden Bürger (obwohl Stadtmarketer das meist nicht so explizit sagen, sie werden den Teufel tun…)

    Nur hätte man halt das Zeichen in der Öffentlichkeit vorher gut vorbereiten müssen.

    Ist wohl nicht geschehen, man war wohl zu passiv, hat es einer Lokalredaktion überlassen, wohlfeil zu zetern.

    In einem tollen Kreativ-Workshop hab ich mal gelernt, dass kreative, innovative Ideen Pflege und Fürsprecher brauchen. Wenn man eine solche Idee ungeschützt und ohne weitere Pflege und Fürsprecher aus der Keimzelle des engen Teams in die gnadenlose Freiheit entlässt, trägt man als Kreativer Mit-Schuld. Das muss man wissen.

    Das ist auch das Problem der Kreativbranche:
    Sie denkt, eine gute Idee wird sich schon und immer von alleine durchsetzen.
    Wird sie nicht. Gute Ideen haben viele Feinde.

    Das ist ungefähr genauso dusselig wie beim oft werbefeindlichen Typus “Dem Intscheniör ist nichts zu schwör”. Da trifft man auch oft die Einstellung, dieses tolle neue Produkt/Patent ist sooo toll – Gutes wird sich von alleine durchsetzen. Brauche weder PR, noch Werbung.
    Ohje.

  71. Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.
    Albert Einstein

    Das Auditorium Plantahof von Valerio Olgiati ist ein gutes Beispiel für Einfachheit, die der Funktion folgt. Beim “Kassel dokumenta Stadt” Signet bin ich mir da nicht so sicher.
    Das es nicht angenommen wird, liegt ganz sicher nicht daran, daß es puristisch ist.
    Ich denke, wenn etwas gut gemacht ist und auf den Punkt gebracht ist wird es angenommen. Auch von ungeschulten Menschen.

    Es gibt eben nicht nur eine Möglichkeit etwas zu reduzieren und es kommt drauf an wie weit etwas reduziert wird. Siehe Dokumenta Signet. Das sind immer ganz feine Details die drin sind. Beispielsweise die Schreibweise “dOKUMENTA” sagt sehr viel über den Inhalt aus.

    Das die Empfänger ein Zeichen annehmen ist sehr wichtig, gerade bei einem Stadtlsignet. Es ist sicher ein Spagat Bürger und Auswärtige gleichermaßen anzusprechen, aber alles andere wäre nicht authentisch.

    Bei der Entwicklung wäre es ein Riesenfehler gängige für Alle verständliche Sybole wie z.B. Stadt-Land-Fluß oder Wappen von vorneherein auszuschließen. Sie müßen nicht zwangsläufig “langweilig” oder “altbacken” sein.

  72. Als Autor eines der genannten Artikel – in der HNA – möchte ich drei Dinge anmerken:

    1. habe ich in meinem Kommentar gleich im ersten Satz deutlich gemacht, dass ich mich nicht mit dem gesamten Erscheinungsbild des neuen Logos auseinandersetze, denn das war ja in der Zeitung bereits ausgiebig diskutiert worden. Ich wollte also bewusst nur einen weiteren Aspekt herausgreifen, den fehlenden Bindestrich, den ich tatsächlich als Torheit (nebenbei: nicht “Torrheit”) empfinde. Übrigens: Natürlich kann man über Buchcover urteilen, ohne den Inhalt zu kennen. Es ging mir also gerade nicht um eine vollständige “Rezension”, um bei diesem Vergleich zu bleiben. Insoweit läuft Ihre Kritik ins Leere.

    Übrigens habe ich nicht nur “Kassel, documenta-Stadt”, sondern viel mehr noch “documenta-Stadt Kassel” für korrekt gehalten. Lesen Sie doch bitte genau!

    2. Die von Ihnen vergleichsweise angeführten Logos des Vitra Design-Museums und der Konrad-Adenauer-Stiftung unterscheiden sich vom neuen Kasseler Erscheinungsbild insofern, als die Begriffe im Logo so untereinander angeordnet sind, dass die korrekte Rechtschreibung von vornherein gewissermaßen vollkommen in den Hintergrund rückt: Sie spielt sozusagen keine Rolle. Das Logo des Robert-Koch-Instituts empfinde ich ohne Bindestriche in der Tat als ebenso unglücklich an wie das Kasseler Logo.

    3. Kurios ist, dass Sie die Schreibweise documenta für falsch halten. Die documenta schreibt sich seit jeher klein. Die einzige Ausnahme war die von Okwui Enwezor verantwortete Documenta11 im Jahr 2002.

  73. Hallo Herr von Busse, schön dass Sie auf meine Kritik an Ihrem Artikel reagieren, wenn auch etwas verzögert. Auch wenn die Diskussion so langsam abebbt, hoffe ich doch, dass sie einen kleinen Stein ins Rollen gebracht hat.

    Kurios ist, um diesen Duktus erneut aufzugreifen, dass Sie mir einerseits Versäumnisse beim Lesen Ihres Artikels vorhalten, und Sie andererseits ganz offensichtlich meine Bemerkung bezüglich der Schreibweise des Begriffs „documenta“ übersehen haben, denn, wie ich in Kommentar 23 schrieb, habe ich gegen diese Schreibweise rein gar nichts einzuwenden.

    Was Punkt 2. Ihres Kommentars betrifft, so kann ich Ihnen hier nicht folgen. Beim Untereinanderschreiben von Begriffen innerhalb eines Logos kann also, Ihrer Ansicht nach, auf einen Bindestrich verzichtet werden, während eine Schreibweise nebeneinander eine Verwendung des selbigen bedingt. Wenn man sich allein auf die Orthografie beruft, und das tun Sie nun einmal in Ihrem für die HNA verfassten Artikel, dann kann es hier eigentlich keine unterschiedliche Auslegung geben.

    Zu solch einer unterschiedlichen Bewertung kann nur kommen, wer andere als orthografische Kriterien berücksichtigt. Sie erkennen und anerkennen diese durch die Gestaltung bedingten Kriterien zwar in der einen Form (Konrad-Adenauer-Stiftung), verneinen jedoch deren Berechtigung in anderen Formen (z.B. im Kassel-Logo). Das erscheint mir nur vor dem Hintergrund Ihrer Verbindung zur Stadt Kassel nachvollziehbar. Schlüssig ist diese Argumentation jedoch nicht.

    Ich würde mir wünschen, wenn grundsätzlich, und nicht nur im Bedarfsfall, die im Artikel genannten Aspekte (schnelle Erfassbarkeit, leichte Reproduzierbarkeit formalästhetische Gesichtspunkte) bei der Beurteilung etwa eines Logos Berücksichtigung fänden. Manchmal reicht eben nicht der Blick in den Duden aus, um Fragen, die Kommunikationsdesign betreffen, zu beantworten. Lieber Herr von Busse, Sie unterschätzen bei weitem die Aufgaben, die an ein Corporate Design gerichtet sind, wenn Sie glauben, allein in der Orthografie gäbe es die passenden Antworten für dessen Entwicklung.

  74. Konkret zu #81 und #82: Hm, mir stoßen fehlende Bindestriche bei einer Anordnung untereinander tatsächlich weniger auf, als bei einer Schreibweise nebeneinander. Ich verstehe also, was Herr Busse damit sagen will. Allgemein scheint in dieser Debatte die Polemik im Sinne des nicht-verstehen-wollens der Position des Anderen ganz groß im Kurs zu sein. Ich plädiere hier einmal ganz sachte für weniger Goldwaage und mehr Verständnis.

    Dieser scharfe Beschuss (Lokalmedien gegen die Logos, dt gegen die Lokalmedien) spiegelt ja nur wieder, was die Bürger und Designer so denken. Meiner Erfahrung nach finden die meisten Bürger nämlich sämtliche Ideen aus dem Rathaus erstmal doof, wenn es sich nicht gerade um eine Steuererleichterung handelt. Und Designer (mich eingeschlossen) finden Design-Laien, die aus dem Bauch heraus eine Gestaltung ablehnen, megadoof. Wer in diese Kerben haut, macht es sich schon etwas leicht.

    Es gibt allerdings eine kluge Frage, die sich aus Achims Hypothese ableitet, dass sich nur medial aufgehetzte Wutbürger zu Wort melden: Bildet ein “Shitstorm” generell nur eine Minderheit der Bürger ab? Anders gefragt: Sollten Politiker die Medien ignorieren und nur auf Plebiszite reagieren?

    Ich persönlich glaube wir alle können froh sein, dass die Presse in diesem Land sehr laut ist und auch Einfluss auf die Politik hat, und das nicht nur am Wahltag. Und das Politiker Ihre Entscheidungen dann und wann auch einmal erklären müssen. Und wenn sie dazu nicht in der Lage sind …

    Tja, so manche Gestaltung wird bekanntermaßen auch mit schlimmen Gefasel schöngeredet. Da sind auch die Agenturen gefordert, bessere Argumente zu liefern. Gute Gestaltung ist ja meistens erklärbar. Nur nicht sehr gute, die erklärt sich selbst.

  75. Der werte Herr Busse versucht hier nur seinen (man verzeihe mir den Ausdruck) dahingerotzten Artikel zu verteidigen. Kläglich.
    Auch hier könnte man sagen, dass Orthografie und Interpunktion fehlerbehaftet sind.
    Aber auf den Inhalt kommt es an, Herr von Busse. In meinem Kommentar wie in Ihrem Artikel.

  76. Auch wenn die Diskussion schon abgeebbt ist, als Kasseler und in der Kommunikationsbranche tätiger habe ich noch ein paar kleine Anmerkungen.
    Ob das Logo nun hübsch ist oder nicht, liegt erstmal im Auge des Betrachters. Die Schrift selbst finde ich ganz gelungen. In der ganzen Diskussion über “Kommunikationsdesign” ist der Design-Aspekt ja nun schon hinreichend beleuchtet worden, allerdings ist der Kommunkations-Aspekt ein bisschen hinten runter gefallen. Das neue Logo ist vor allem eins- generisch. Genauso könnte es heißen “Köln Dom Stadt” oder “Marburg Universitäts Stadt”. Da fehlt völlig ein, zumindest klitzekleines, Alleinstellungsmerkmal. Oh, ja, die neue Schrift mag ein Alleinstellungsmerkmal sein, das wird dem “gemeinen Bürger” aber selbst nach langer Betrachtung nicht klar (vor allem unter dem Aspekt, dass es 100tausende Schriftarten gibt). Ein paar Designer werden das sehen – doch ist das Logo nicht für die wenigen Prozent Designer in der Bevölkerung gemacht (Fisch und Wurm etc.).

    Schlimmer finde ich aber, dass man mit dem neuen Logo Inkonsistenz schafft. Der Zusatz “documenta Stadt” wird auch in anderen Medien genutzt. Beispielsweise den Kasseler Ortsschildern. Jedoch wird es hierauf und überall sonst mit Bindestrich geschrieben (zum Vergleich: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DocumentaStadtKassel.jpg). Warum jetzt auf dem Logo also ohne Bindestrich? Werden jetzt die Ortsschilder getauscht? Und die restlichen Dinge auch dementsprechend abgeändert? Oder lässt man es nach dem Motto “Schreiben wir’s halt mal so, mal so.”?

    Ebenfalls ungeschickt, aber in der Sache nicht zu vermeiden, ist, dass das Kasseler Wappen auch weiterhin genutzt wird. Das liegt in der Natur der Sache, selbstverständlich, und auch wenn man ein grafisches Logo entworfen hätte (ohne Wappen), wäre es zu diesem Problem gekommen. Dennoch hätte man sich diesem Stress nicht aussetzen müssen und auch hätte man keine erneute Inkonsitenz schaffen müssen. Zusammenfassend wurden also, anstatt wirklich “Corporate” zu werden, neue Inkonsistenzen geschaffen.

    Interessant finde ich aber die Geisteshaltung der (einiger) Designer hier, bzw. welche Schlüsse hier gezogen werden. Als Beispiel: Wenn ich einen Text schreibe und der Leser ihn partout nicht versteht – Wirkung verfehlt – schreibe ich ihn so um, dass der Adressat ihn versteht. Schließlich will ich verstanden werden und die Botschaft soll ankommen. Allerdings werden hier im Design scheinbar andere Schlüsse gezogen:
    “Presse berichtet nicht so positiv über das Logo – Presse doof”
    “Bürger finden das Logo nicht gut – Bürger doof (und sollen sich doch gefälligst mehr mit Design auseinandersetzen)”
    “Überwiegend negative Kommentare in Kommentarfunktion – Kommentarfunktionen doof und sowieso nicht repräsentativ”
    “Überwiegend negativ abgestimmt in Umfrage – Online-Umfragen doof”
    Wenn man tagtäglich mit Design zu tun hat – OK. Doch der überwiegende Teil der Bevölkerung hat dies nunmal nicht. Wird auch nicht passieren. Die Forderung, dass die Bevölkerung hier an mehr Designverständnis arbeiten soll ist völlig fehl am Platz. Um zum Beispiel zurückzukommen: Ich kann keinen Text auf kyrillisch verfassen, und dann von den Leuten, die das nicht verstehen, verlangen “Tja, dann müsst ihr halt an eurem Verständnis arbeiten”.

    Dass Kasseler Bürger (auf verschiedenen Ebenen) Probleme mit dem Logo haben kann ich voll und ganz nachvollziehen. Natürlich ist der Finanzielle Aspekt eine Sache. Da sind, und das kann man nicht wegdiskutieren, 70.000 Euro ausgegeben worden. Ja, laut DT ist das fast ein Schnäppchen (“Berücksichtigt man den Umfang der bisher geleisteten Arbeiten, so macht sich das Gesamtbudget von 70.000 Euro vergleichsweise gering aus.”), in Hamburg oder München, bzw. für Hamburger oder Münchener Agenturen, mag das auch zutreffen. Aber nicht in Kassel.
    Dazu kommt, dass Kasseler Bürger nicht viel aus dem Rathaus hören, aber wenn, dann ist es sowas wie “Die Stadt hat kein Geld und muss sparen, wir erhöhen X, streichen X, die und die Straße – naja, muss ja nicht unbeding saniert werden, ein paar Schlaglöcher kurbeln die Automobilindustrie an” Selbstverständlich in’s unreine Gesprochen ;)
    In diesem Klima mit so einem Geldbetrag um die Ecke zu kommen für etwas, wo man die Sinnhaftigkeit solchermaßen in Frage stellen kann… Ist da nicht zumindest etwas Verständnis für “den Pöbel” aufzubringen vom DT?

    Das schöne am alten Logo war, meiner Ansicht nach, dass es zumindest im Ansatz eine Geschichte erzählt hat. Dass auch Leute nachgefragt haben, was das Logo denn bedeuten soll. Was eben NICHT eine reine “Stadt-Land-Fluss-Idylle” zeigt, sondern ganz konkret die Kasseler Berge, die durch Kassel fließende Fulda, sowie das Stadtwappen, zu dem man auch wieder eine Geschichte erzählen kann und das dadurch, dass historisch nicht mehr zu rekonstruiren ist was die Kleeblätter links und rechts der Fulda ganz genau bedeuten (Fischerhütten? Stadträte? Vororte?), auch etwas geheimnisvolles hat. Zum neuen Logo eine Geschichte zu erzählen wird im besten Falle eine völlig konstruierte Sache sein. Nun gut, hier waren nunmal Laien am Werk (und das ist nicht böse gemeint), da sollte ich meine Erwartungshaltung vielleicht etwas zurückschrauben.

  77. Das neue Logo ist vor allem eins- generisch. Genauso könnte es heißen “Köln Dom Stadt” oder “Marburg Universitäts Stadt”.

    Könnte es eben nicht.

    Einspruch Euer Ehren:
    Die Dokumenta gibt es – anders als Dome oder Universitäten – nur einmal.
    Fazit: Nicht generisch, sondern hinreichend alleinstehend.

  78. Stimmt, da hast du recht, dann lass mich meine Beispiele abändern: “Hamburg Elbphilharmonie Stadt” “Berlin Reichstags Stadt”. Das sollte es jeweils nur einmal geben ;) Vielleicht habe ich auch schlecht ausgedrückt was ich damit sagen wollte: Mir geht es nicht um die documenta an sich und dass sie im Logo verwendet wird (wurde sie im alten Logo ja auch), sondern dass das Logo ansonsten völlig generisch ist. Um auf das alte Logo zurückzukommen, selbst wenn ich das “documenta-Stadt” daraus streiche, ist das Logo nicht generisch. Im neuen Logo (und so kommt es bei Kasselern Bürgern an) streiche ich “documenta Stadt” und was bleibt von Kassel übrig? Nichts! Ich schätze, dass das auch etwas ist, was den Kasselern hier sehr negativ aufstößt. Um’s wieder in’s unreine zu sprechen: “Streich die documenta weg und Kassel hat nichts zu bieten.” Dass da der “kasseler Pöbel” nicht mit einverstanden ist… ist das nicht ein bisschen verständlich?

    EDIT: Hier übrigens noch Artikel aus der HNA http://www.hna.de/nachrichten/stadt-kassel/kassel/viele-fuehlen-sich-kopf-gestossen-2703479.html

  79. dass das Kasseler Wappen auch weiterhin genutzt wird

    als offizieller Absender der Stadtverwaltung jedenfalls nicht, zumindest nach meinem Kenntnisstand.

    Seppl, sicherlich kann man zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Frage kommen, ob das Design eine adäquate, die Stadt repräsentierende Entsprechung darstellt. Dass die Schlichtheit des Logos provoziert, zumindest Nicht-Designer, war vorhersehbar.

    Was die Ortsschilder betrifft, so ist es sicherlich richtig, dass eine konsistente Linie erstrebenswert gewesen wäre. Konsistent ist die Handhabe jedoch auch aktuell nicht. Während der Zusatz „documenta-Stadt“ sich im bisherigen Logo unterhalb von „STADT KASSEL“ befindet, sitzt dieser auf den Ortsschildern oberhalb des Stadtnamens. Stringent ist auch das nicht.

    Keinesfalls lässt sich jedenfalls die Behauptung aufrecht erhalten, das Stadtlogo sei generisch. Rein theoretisch mag das so sein, die Praxis verdeutlicht jedoch eine gänzlich andere Realität. Diese stellt sich nämlich so dar, wie man zum Beispiel auch auf stadtlogo-design.de sehr schön verdeutlicht sieht, dass die allerwenigsten Stadtlogos aus reinen Wortmarken bestehen. Anders gesagt, Stadtlogos, die ohne Bildelement jedweder Art auskommen (Wappen, Stadt-Land-Fluss-Darstellungen oder Silhouetten), haben absoluten Seltenheitswert! INNS’BRUCK ist das einzige Beispiel, das mir spontan einfällt.

    Eben weil das Kassel-Logo aus einer reinen Wortmarke besteht, ist es nicht generisch, genau deshalb fällt es auf. Nicht, dass man das Logo allein aufgrund dessen gut finden muss, nur lässt sich eben nicht behaupten, das Logo sei beliebig.

    Und noch etwas lieber Seppl. Designstudenten, die teilweise kurz vor ihrem Abschluss stehen und von Professoren begleitet werden, als „Laien“ zu bezeichnen, halte ich für ebenso wenig angebracht, wie nicht-designkundige Bürger als Pöbel zu bezeichnen, wie das einige hier, wenn auch in zugespitzter Weise, gemacht haben.

  80. Ein sehr informativer Artikel, der ein Wenig den Hintergrund beleuchtet, welche Kriterien sich nicht für eine ordnungsgemäße Kritik an einem Designentwurf für die öffentliche Hand eignen. Man könnte es, wenn man gehässig wäre, auch Rechtfertigung für die eigene Zunft nennen.
    Ich kann durchaus verstehen, dass man sein eigenes Metier gegen Kritik verteidigt, das ist auch das gute Recht eines jeden, jedoch vermisse ich überall die Antwort auf die Frage nach dem “Warum das alles?”, dem Nutzen. Als Mitglied des Pöbels, der ja keine Ahnung hat und das gefälligst zu akzeptieren hat, dass die Entscheidungsträger der Stadt Kassel in dieser Sache wohl zu stolz sind, bei den Designern nachzufragen nehme ich mir das Recht heraus, die Ausgabe von Geld, welches die Stadt nicht hat und Ressourcen in der Verwaltung, welche auch knapp bemessen und teuer sind, zu hinterfragen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass spätestens in fünf Jahren wieder jemand durch die Rathaustür kommt und das CD der Stadt als Wildwuchs bezeichnen wird, weil sich eh keiner an die Designvorgaben hält.

    Ihr, liebe Designer, wisst um diese Dinge und verdient damit euer Geld, welches ja doch irgendwie vom Geld aller bezahlt werden muss, also sorgt doch bitte wenigstens für eine längere Halbwertszeit eurer Arbeit, wenn ihr schon nicht erklären wollt, zu was sie gut ist.

  81. “…Das traditionelle Kleeblatt-Wappen wird weiterhin für alle hoheitlichen und symbolische Aufgaben der Stadt Verwendung finden.“, so Prof. Stein.”
    Stimmt, ob das Wappen jetzt auf Briefpapier bzw. Briefumschlägen zum Tragen kommt lässt sich anhand dieser Aussage nicht wirklich feststellen. Ich werde es aber irgendwann “gezwungenermaßen” erfahren ;) Wäre aber komisch wenn eine Stadt ihr eigenes Wappen nicht für ihren offiziellen Schriftverkehr nutzt.

    “Konsistent ist die Handhabe jedoch auch aktuell nicht. Während der Zusatz „documenta-Stadt“ sich im bisherigen Logo unterhalb von „STADT KASSEL“ befindet, sitzt dieser auf den Ortsschildern oberhalb des Stadtnamens. Stringent ist auch das nicht.”
    Völlig richtig. Die Konsequenz aus einer Inkonsistenz ist also… noch mehr Inkonsistenz? War “Einheitlichkeit” nicht gerade ein ausschlaggebender Grund für die Neugestaltung?

    Ob das jetzt generisch ist oder nicht – wir werden da sicherlich auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Für mich ist es generisch, für dich nicht – das sollten wir vielleicht beide einfach akzeptieren ;)

    Und sorry, wenn ich mit dem “Laien” irgendwen persönlich getroffen habe, das war nicht meine Absicht. Können wir uns auf semiprofessionell einigen?

  82. verdient damit euer Geld, welches ja doch irgendwie vom Geld aller bezahlt werden muss, also sorgt doch bitte wenigstens für eine längere Halbwertszeit eurer Arbeit, …

    Das können Designer oftmals nicht.
    Nicht weil sie es nicht könnten oder nicht wollten, sondern weil Design eben auch beim Auftraggeber eine immer kürzere Halbwertszeit HAT.

    Die Gründe dafür auszuloten füllte eine sozialwissenschaftliche Dissertation, zwei seien genannt: Der Rezipient, der Mensch also und damit auch der Auftraggeber, will ständig Neues. Er ist übersättigt, aber auch merkwürdigerweise schnell satt. Außer es ist ganz alt, dann ist es für ihn oft ebenfalls neu. Es ist menschlich. Ein anderer Grund ist Eitelkeit, und zwar auf beiden Seiten.

    … wenn ihr schon nicht erklären wollt, zu was sie gut ist.

    Polemik.Jetzt flachts ab.
    Denn es wurde von Achim und vielen anderen hier sehr gut dargestellt, zu was sie gut ist.
    Kommunikatorische Stringenz zum Zwecke der raschen Wiedererkennbarkeit (würde Stringenz denn eingehalten) und eine nicht unerhebliche Kostenersparnis samt Abläufe-Erleichterung.

    In 4 Punkt Perl:
    Natürlich nivelliert sich das exakt dann wieder, wenn sowohl Marketingleiter als auch Designer sich neue Denkmale setzen wollen.

  83. @Seppl Sofern die Ortsschilder nicht angepasst werden, wäre es ja nicht „mehr Inkonsistenz“, sie bestünde in solch einem Fall lediglich weiterhin. Richtig ist natürlich, dass Corporate Design grundsätzlich die Einheitlichkeit des Erscheinungsbildes erreichen soll(te).

    Wer sich die Mühe macht und sich andere Stadtlogos anschaut, der wird feststellen, dass man beim Kassel-Logo nicht von einer generischen Form sprechen kann, denn tatsächlich gibt es sehr wenige Stadtlogos, die allein aus einer Wortmarke bestehen. Natürlich akzeptiere und toleriere ich Dein persönliches Empfinden diesbezüglich, lieber Seppl. An der Realität lässt sich allerdings wenig deuteln.

  84. “Sofern die Ortsschilder nicht angepasst werden, wäre es ja nicht „mehr Inkonsistenz“, sie bestünde in solch einem Fall lediglich weiterhin.” Im Fall des alten Logos ist lediglich die
    Platzierung unterschiedlich. Im Fall des neuen Logos ist sowohl die Platzierung als auch die Schreibweise unterschiedlich. Und da kann man nicht von mehr Inkonsistenz sprechen? Na denn.

    Ich habe mir die Mühe gemacht und mir andere Stadtlogos angeschaut, als reine Wortmarke fallen mir neben Innsbruck noch Rheinkress Neuss, Bonn und Mühlheim auf (um mal in Deutschland zu bleiben). Logos mit Wappen finden ich auf der von dir verlinkten Seite nicht viel mehr als welche mit reiner Wortmarke. Aber es ist für eine Diskussion immer gut, die eigene Meinung als “Realität” zu bezeichnen und die des anderen als “persönliches Empfinden”…

  85. Danke für den Artikel und die vielen spannenden Kommentare.

    Kann mich Nicola, funk und nik hundertprozentig anschließen. Falsche Orthografie stört auch mich im Corporate Design oder in der Werbung ungemein.
    Am neuen Design für die Stadt Kassel habe ich eigentlich nichts auszusetzen, der Rechtschreibfehler ist für mich aber bei jedem Betrachten ein Ärgernis. Warum heißt es nicht „Kassel – documenta-Stadt“?

    IKEA wies letztens mit folgendem Satz auf den neuen Katalog hin:
    „Der neue IKEA Katalog ist da. Was tust Du als Erstes?“
    Fehlt hier der Bindestrich, weil festgelegt wurde, dass IKEA immer alleine stehen muss? Das sieht schrecklich aus!

    Auf einem aktuellen Plakat der Band „brings“ in Köln ist zu lesen: „Die Nacht ist nicht zum schlafen da.“

    Wenn ich solche Fehler in der Werbung oder im Design sehe, denke ich immer zuerst, dass da Dilettanten am Werk waren.

  86. Ich hab bei dem Seppl nur kurz angelesen, bis zum Vergleich mit dem Ortsschild. Ich finde das hat gar und außerdem überhaupt nichts miteinander zu tun!

    Hab dann wegen unsinniger Argumentation nicht weitergelesen.

  87. @seppl
    Also die Ortschildgeschichte finde ich auch etwas herbeigeholt. Es ist doch nicht nur die Platzierung, es ist auch die Schriftart, die Größenverhältnisse, etc. Ortschilder sind doch genormt.
    Da war vorher die Ähnlichkeit zum Logo auch nur ganz grob vorhanden. Dazu war die Position von „documenta-Stadt“ z. B. auf dem Briefpapier oder den Visitenkarten dann auch wieder eine anderen als im Logo.

    Manche Anwendungen, die Städte betreffen, sind auch anders vorgeschrieben und können nicht angepasst werden (Urkunden zum Teil, oder wie in #90 erwähnt hoheitliche Aufgaben, wo es feste Stempel mit Wappen gibt, teilweise Briefverkehr, der über landesweit vereinheitlichte Systeme läuft).
    Das gilt dann auch für Städte mit Wappen im Logo, wo die hoheitlichen Dinge doch nochmal anders gestaltet sind (z. B. Stempel im Fahrzeugschein).

    Was die Diskussion Städte und reine Wortmarken angeht. Es gibt schon ein paar mehr, man denke an Herford, Halle, Ingolstadtlandplus (Region), Linz, Vihti, Mannheim, Ostrava oder auch das Stankowski-Berlin Logo und vor allem an ulm.
    Dennoch gibt es viel viel mehr Logos mit Wappen, die allerdings oftmals gestalterisch wenig interessant sind, weshalb man sie auf Designportalen nicht so häufig findet wie es sie gibt.

  88. Jaja – es ist schon richtig: der “Normalbürger” schätzt den Wert guter Gestaltung nicht, erkennt gute Gestaltung nicht und hält Aufwendungen für Gestaltung bestenfalls für Luxus oder – im Zweifelsfall – für Verschwendung. Und wenn dann ein Produkt / ein Logo / ein Formular / eine Anzeige nicht funktioniert, dann ist NATÜRLICH “das Design” Schuld.
    Es nutzt aber nichts, wenn wir darüber jammern.
    Wir müssen eben durch gute Arbeit überzeugen. Arbeit, die so gut ist, dass jeder den Nutzen fühlen kann. Das bedeutet aus meiner Sicht- mindestens – zweierlei:
    1. Klare Haltung der Gestalter beim Thema Qualität! “Design” hat immer mit Funktionalität und Ästhetik zu tun, nie mit Mode und Beliebigkeit.
    2. Ausbildung der Rezipienten! Wir müssen in die Schulen und schon den Kindern nahebringen, wie ihr Leben durch Gestaltung beeinflusst wird. Und, dass sie ein Recht darauf haben, ihre täglichen Herausforderungen mit guter Gestaltung besser und einfacher zu meistern.
    Dann löst sich auch das Problem mit den Journalisten, die bei Fragen der gestalterischen Qualität nicht ganz auf der Höhe sind. Polemiker werden sich dadurch aber nicht abhalten lassen.

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