Cottbus wird zur partizipativen Stadtmarke

Cottbus Stadtmarke, Quelle: Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e. V.

Cottbus erhält im Zuge eines Stadtentwicklungsplans eine neue Stadtmarke. Eine Stadtmarke, die als Einladung an alle Bürger verstanden werden soll und mit der man zum Ausdruck bringen möchte, dass Cottbus eine freundliche Stadt ist.

Bereits vor vier Jahren wurde die Basis zur Schaffung einer neuen Stadtmarke gelegt, als im Rahmen des Stadtentwicklungsplans „Cottbus 2035“, initiiert vom Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e.V., ein Leitbildprozess angestoßen wurde. Das Leitbild, das unter Beteiligung zahlreicher Interessenvertreter seitens Institutionen, Unternehmen und Verbänden entstanden ist und auch eine Online-Bürgerbeteiligung berücksichtigt, stelle die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft.

Im Mai dieses Jahres wurde die neue Stadtmarke erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Unter cottbus-bist-du.de wurde zudem eine Website ins Netz gestellt, auf der die Marke, die Idee dahinter wie auch der mehrjährige Entstehungsprozess im Detail vorgestellt werden. In der vergangenen Woche haben die Macher Cottbuser Unternehmern zu einer Infoveranstaltung eingeladen, um die Einführung der neuen Stadtmarke zu begleiten. Jeder Cottbuser solle sich das neue Logo (Abb. unten) schnappen, wie es seitens der Verantwortlichen heißt, um es sich zu eigen zu machen. Die Stadt, die mit knapp 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt von Brandenburg ist, sieht sich damit als Vorreiter einer „neuen modernen Stadtmarketingidee“.

Cottbus Logo, Quelle: Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e. V.

Cottbus Logo, Quelle: Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e. V.

Das neue Stadtmarkenzeichen basiert auf den Buchstaben „CB“ – „CB“ lautet auch die Kennung von Cottbus auf Kfz-Kennzeichen. Die um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedrehten und an verschiedenen Stellen modifizierten Buchstaben bilden dabei eine Bildmarke, die in unterschiedlichen Farben angelegt werden kann. Augenscheinlich bildet die Form ein Gesicht, eine Art Smiley. Unterschiedliche Assoziationen sind jedoch ausdrücklich erwünscht, wie auch anhand eines „Erklärvideos“ (siehe unten) hervorgeht. So ist die Form etwa auch als Brunnen interpretierbar. Der zentrale Altmarkt in Cottbus mit Marktbrunnen wird gemein hin als die „Gute Stube der Stadt Cottbus“ bezeichnet.

Im ersten Schritt möchte man zunächst mit Hilfe der neuen Bildmarke die Sichtbarkeit und Präsenz der Stadt verbessern und die Identifikation der Bürger mit dem neuen Signet ermöglichen. Cottbuser dürfen und sollen das Logo herunterladen, um es für eigene Zwecke zu nutzen. Hierbei gelten bewusst großzügig gehaltene Nutzungsbedingungen. So sind bei privater Nutzung beispielsweise auch „Logo-Interpretationen“ auf Kleidung und Waren erlaubt. Die Verantwortlichen versprechen sich davon, dass das Signet im Sinne eines Fan-Logos „über die Grenzen von Cottbus hinweg nach draußen getragen wird, wo es andere Menschen neugierig auf unsere Stadt macht“, wie es Oberbürgermeister Holger Kelch formuliert.

Cottbus Stadtmarke Buttons, Quelle: Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e. V.

Cottbus Stadtmarke Buttons, Quelle: Stadtmarketing- und Tourismusverband Cottbus e. V.

Im nächsten Schritt soll, wie die Pressestelle der Stadt auf Anfrage mitteilt, die CB-Bildmarke das zentrale Element innerhalb des zukünftigen Corporate Designs der Stadt werden. An der Entwicklung entsprechender Anwendungen und Gestaltungsvorgaben werde derzeit gearbeitet. Ob und in wie weit der Webauftritt komplett neu erstellt oder lediglich angepasst werden soll, darüber sei man derzeit noch in der Abstimmung. Für den gesamten Leitbildprozess sowie die Entwicklung des Signets seien ca. 43.000 Euro als Budget veranschlagt worden.

Entworfen wurde die auch als „Cotti“ bezeichnete Bildmarke vom Designbüro Detering. Detering zeichnet unter anderem für den neuen Markenauftritt von Bielefeld verantwortlich, einem Ort also, von dem wir wissen, dass es ihn gar nicht gibt.

Zur Einordnung ein paar Hintergrundfakten über Cottbus: Seit 1990 ist die Bevölkerung von Cottbus um gut ein Viertel geschrumpft. Wie viele andere Städte im Osten Deutschlands verliert auch Cottbus stetig an Einwohnern. Seit zwei Jahren ist die Bevölkerungszahl in Cottbus allerdings erstmals wieder leicht angestiegen. Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten, so besagt es jedenfalls die Statistik, durchweg positiv entwickelt: lag die Arbeitslosenquote 2008 noch bei 13,8 %, wurden im Juni 2019 7,4 % arbeitslos gemeldet. Und dennoch: wenige Tage vor der Landtagswahl in Brandenburg ist Cottbus eine Stadt in Angst geteilt, wie ZEIT-Autor Sascha Lübbe vor wenigen Tagen schrieb. Der eine Teil der Cottbuser fürchte sich vor Flüchtlingen – der andere vor Neonazis. Eine Zuspitzung freilich.

Kommentar

Design (insbesondere Kommunikationsdesign) und Politik lassen sich nicht trennen. Deutlich wird dies nicht nur bei Wahlkampagnen, gegenderten Produkten (Stichwort Gender Design) oder im Zusammenhang mit Greenwashing, auch und insbesondere in den Bereichen Destination- und Stadt-Marketing wird die politische Dimension von Design deutlich. Der sich daraus resultierenden besonderen Verantwortung sollte sich jeder Gestalter bewusst sein. Dies einmal vorweg.

Dass Cottbus als eine freundliche Stadt wahrgenommen werden möchte, ist angesichts von Medienberichten und Kriminalstatistiken, die von der Stadt in der Lausitz kein positives Bild zeichnen, nur allzu verständlich. Es sind Meldungen wie „Cottbus bleibt Hochburg rechter Gewalt“, die das Image der Stadt zu weiten Teilen prägen.

Vor dem Hintergrund der oben genannten statistischen Daten wird deutlich, dass es in Cottbus weit mehr als einer öffentlichkeitswirksamen Kommunikationmaßnahme bedarf, um einen Image-Wandel herbeizuführen. Dies jedenfalls ist Sinn und Zweck der neuen Stadtmarke.

Ein Negativ-Image entsteht vergleichsweise schnell. Aus einer Verfehlung Weniger entsteht leicht ein Schaden, der Viele betrifft. Ein Negativ-Image umzukehren, erfordert hingegen enorme Anstrengungen von Vielen, und zwar über einen sehr langen Zeitraum. Ein Beispiel: die erfolgreiche Neupositionierung von Audi – eine Marke, die bis in die 1980er-Jahre hinein ein Schattendasein fristete und die ihr schlechtes Image unter anderem Häkel-Klopapierrollen und Wackel-Dackeln zu verdanken hatte, die vor allem auch Audi-Besitzer gerne auf der Hutablage drapierten – ist das Ergebnis einer solchen mehrjährigen Kraftanstrengung. „Imagewandel ist Dickbrettbohren“, wie man auch auf cottbus-bist-du.de nachlesen kann. Wie wahr! Den Verantwortlichen in Cottbus dürfte also bewusst sein, welch steiniger Weg weiterhin vor ihnen liegt.

Nachhaltiger Erfolg wird sich mit Hilfe von PR, Marketing und Design nur einstellen, wenn auch das Produkt gut ist. Ein schlechtes Produkt hübsch anzumalen reicht nicht aus. Womit in keinster Weise gesagt werden solle, Cottbus sei als Marke ein schlechtes Produkt. Es scheint jedoch so zu sein, dass die negativen Schlagzeilen derzeit das Image der Stadt prägen. Ich kenne die Stadt nicht aus eigener Erfahrung. Klar ist jedoch: mit einem neuen Logo, auch wenn es noch so kreativ und formschön ist, lassen sich negative Schlagzeilen nicht abschütteln. Und doch wird mit der neuen Stadtmarke ein für Alle sichtbares Zeichen gesetzt, dass es in Cottbus auf breiter Basis Unterstützung dafür gibt, das Gesicht der Stadt nachhaltig zu verändern und deren Wahrnehmung in positiver Weise zu beeinflussen. Für die Stadt ist das eine gute Nachricht.

Es gibt in Cottbus „Inseln der Glückseligkeit“, wie es der freie Journalist Florian Prokop kürzlich in einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur beschrieben hat. Orte, an denen sich Menschen aktiv für Demokratie, für die Wahrung der Würde und Rechte aller einsetzen. Will man in positiver Weise wahrgenommen werden, gilt es auch diese Orte sichtbarer und hörbarer zu machen als sie bislang waren. Kommunikationsmaßnahmen können dabei helfen, ersetzen können sie diese für eine funktionierende Gesellschaft elementar wichtigen Grundwerte und -haltungen nicht.

Stammleser des Design Tagebuchs wissen um den schlechten Ruf, den Cottbus im Zusammenhang mit städtischen Markenzeichen und Absendern genießt (siehe Cottbus hat (wieder) ein neues Logo). Anhand der professionell aufbereiteten digitalen Präsenz der neuen Stadtmarke wird allerdings schnell klar, dass das Ergebnis der jüngsten Bemühungen kein Schnellschuss ist. In einer Stadt, in der noch vor zehn Jahren ein fragwürdiges und verstörendes Objekt als Stadtlogo präsentiert wurde, scheint man im Bereich Marketing und Stadtentwicklung um einiges gereifter und nachhaltiger aufgestellt zu sein. Auch dies sollte für Cottbuser Anlass zur Freude sein.

Dass die CB-Bildmarke in seiner Machart eine gewisse Ähnlichkeit mit dem berühmt-berüchtigten Düsseldorfer Smiling-D aufweist, welches bereits nach fünf Jahren wieder ausrangiert wurde (dt berichtete), ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Einen echten Makel kann ich darin nicht erkennen, zumal die Form der CB-Bildmarke mehr als nur ein Emoticon darstellt.

Entscheidend wird sein, dass die neue Stadtmarke den anfänglichen Status als reines Fan-Logo rasch ablegt und auch als offizieller und alleiniger Absender der Stadt zur Anwendung kommt. Eben jenen Prozess, der in Bielefeld in den letzten Jahren erfolgreich durchlaufen wurde. In Cottbus ist der Weg nicht minder steinig.

Wenn in meinem Kommentar die Gestaltung und das Design als solches kaum thematisiert wird, dann nicht deshalb, weil es nicht diskussionswürdig wäre. Ich bin sehr gespannt, wie die dt-Leser das Stadtsignet, die damit verbundenen Kommunikationsmaßnamen sowie die Entwicklung in Cottbus insgesamt bewerten. Über Design zu diskutieren setzt meines Erachtens allerdings voraus, dass man sich mit dem Inhalt, den Funktionen und den örtlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzt.

Mediengalerie

Weiterführende Links

7 Kommentare zu “Cottbus wird zur partizipativen Stadtmarke

  1. Achim hat eigentlich alles geschrieben: Es gibt viel zu tun. Die Marke kann ein Anfang sein. Wenn Cottbus dann erst am (nicht an der ;) Ostsee liegt, kommen ggf. auch ein paar mehr Gäste … touristisch wirbt allerdings weiterhin der Cottbusser Postkutscher, den man im neuen Smiley nun wahrlich weder erkennen noch interpretieren kann (die neue Marke findet sich dann lediglich im Merchandising als T-Shirt versteckt.) – Die Kampagne ist nicht verlinkt. Grundsätzlich finde ich solch abstrakte moderne Marken mit »Mehrwert und Augenzwinkern« fein, ob es für eine Stadt wie Cottbus das Richtige ist (die ja »altgediente« regionale Alleinstellungsmerkmale ganz besonderer Art hat: Sorben, Spreewald, …) so abstrakt zu kommunizieren? Das lässt eher den Clash der Markenwelten erwarten. Es bleibt spannend …

    http://www.cottbus.de/

    https://cottbus-tourismus.de/

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/rechtsruck-warum-ich-immer-seltener-nach-cottbus-fahre.1005.de.html?dram:article_id=456861

  2. Als Bielefelder hat mich das neue CB-Logo direkt an das BI-Logo aus Bielefeld erinnert, was auch daran liegen mag, dass es die selbe Agentur war. Das meine ich jedoch nicht im negativen Sinne! Auch der Umgang mit dem neuen Logo ist wie in Bielefeld, Bürger dürfen es verwenden und damit die Stadt bekannter machen. Ein sehr gutes Konzept wie ich finde. In Bielefeld hat es super funktioniert. Viele Autos haben das neue Logo am Heck, sehr viele Unternehmen, von der örtlichen Sparkasse angefangen bis hin zu großen Unternehmen, nutzen es in ihrer Werbung und es ist überall im Stadtbild zu sehen. Die Bürger identifizieren sich mit dem Logo und so soll es sein. Gut anzunehmen, dass es in Cottbus ähnlich läuft.

    • Auch als Nicht-Bielefelder musste ich, vermutlich wegen ähnlichem (aber tatsächlich anderem) Font und der Farbe an Bielefeld denken. Wenn sich der Erfolg dann auch so ähnlich transferieren lässt, dann ist dieses Design ja geglückt. Der Weg ist sicherlich noch ein weiter … Dafür viel Erfolg, nicht dass Cottbus am Ende ein Ort wird, denn es zwar gibt, den aber niemand wirklich will.

    • Ich wohne ebenfalls in Bielefeld und hatte exakt den selben Gedanken. Allerdings finde ich das Cottbusser Logo im Vergleich deutlich schwächer, das liegt aber vermutlich auch daran, dass ich mit lächelnden Gesichtern in Logos nichts anfangen kann und das Konzept des Bielefelder Logos auf mich einfach durchdachter wirkt.

  3. Also mir gefallen solche Logos. Es ist nicht langweilig, kein Standardfont und es ist tatsächlich eine „Marke“, nicht nur ein Name. Auch wenn jetzt in beinahe jedem Kommantar Bielefeld erscheint, finde auch ich den Vergleich dazu ebenfalls positiv. Wenns die gleiche Agentur ist, dann finde ich, sie machen hier gute Arbeit. Natürlich gibt es mehr zu tun, als nur Logos auf diverse Dinge zu drucken, aber es ist eine Basis mit Potential.

    Was mir weniger gefällt, ist die Darstellung des Logos in rot-transparent über Stadt/Garten. Hier geht die rote Farbe im bunten Hintergrund unter. Das geht besser!

  4. Nette Idee mit den gekippten Buchstaben.
    Wenigstens eine Idee, wenn ich da an das Null-Idee-Fladendesign des verunglückten Cottbus-Logos aus dem Laienwettbewerb denke.

    Unwichtige Assoziation, nicht lesen:
    Da ich Münchner bin (korrekt: Zugroaster seit 2001) sehe ich leider dauernd a Brezn über der Stadtabbildung. Hilfe.

Kommentar verfassen

Folgende HTML-Elemente können verwendet werden: <b> <i> <img src="meineurl"> <a> <blockquote>