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Bad Waldsee legt Hand an, am Signet von Otl Aicher

Bad Waldsee Logo, Quelle: Stadtverwaltung Bad Waldsee
Bad Waldsee Logo, Quelle: Stadtverwaltung Bad Waldsee

Im baden-württembergischen Bad Waldsee hat man sich schon längere Zeit mit dem visuellen Erscheinungsbild der Stadt beschäftigt. Als Ergebnis eines mehrjährigen Markenprozesses wurde vor Kurzem der Webauftritt relauncht und das mittlerweile historische Stadtlogo modifiziert, welches Otl Aicher, Altmeister des Grafikdesigns und Wegbereiter des Corporate Designs, in den Jahren 1979/1980 entworfen hat.

Vor dem Hintergrund des stetigen Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft und einer zunehmenden Professionalisierung in Sachen Kommunikation beschäftigen sich längst nicht mehr nur große Metropolen und Städte mit Themen wie Markenkern, Image und dem visuellen Profil als Stadt(marke). Schließlich sind Zukunftsfähigkeit und die Attraktivität als Standort auch für kleinere Gemeinden und Kommunen von großer Bedeutung. In Bad Waldsee wurde bereits im Sommer 2018 ein entsprechender Markenprozess in Gang gesetzt. Erste Ergebnisse dieses Prozesses werden nun sichtbar, etwa der frisch relaunchte und in Kooperation mit der Agentur Hirsch & Wölfl realisierte Webauftritt.

Mit neuem Webauftritt hält auch ein weiterentwickeltes visuelles Erscheinungsbild Einzug. Die Stadtverwaltung folgt hierbei dem Motto, wie es in der offiziellen Pressemeldung heißt, „Bewährtes erhalten und Zukunft gestalten“. Erhalten bleibt nicht nur die blau-grüne Farbgebung, sondern auch das von Otl Aicher einst entwickelte „Wald und See“-Signet.

Ursprünglich bestand das Stadtlogo Bad Waldsees einzig aus jenem „Wald und See“-Signet. In ersten Druckschriften wurde der Bildmarke der Stadtname zur Seite gestellt, gesetzt in einer von Aichers Lieblingsschriften, der Helvetica. 1998 erfolgte ein Redesign. Bei der von einer ortsansässigen Werbeagentur durchgeführten Anpassung wurde die Bildmarke durch eine in Versalien angelegte Wortmarke „BAD WALDSEE“ samt Slogan „TUT GUT…“ ergänzt, gesetzt in der Schrift Optima.

Unter dem Einfluss fehlender Gestaltungsvorgaben sind im Laufe der Jahre Abbildungsvarianten entstanden, die sich in Bezug auf ihre Anmutung und Anordnung sowie hinsichtlich der Proportion von Wort- und Bildmarke stark unterscheiden. Einige Varianten lassen zudem deutliche Qualitätsdefizite erkennen. Die in der bisher verwendeten Wortmarke (Abb. unten) gezeigte Spationierung – „W ALDSEE“ – ist nicht nur gemessen an Aichers Gestaltungsanspruch unzureichend und fehlerbehaftet. Ein Redesign tat Bad Waldsee in diesem Fall also unbedingt gut.

Bad Waldsee Logo – vorher und nachher, Bildquelle: Stadtverwaltung Bad Waldsee, Bildmontage: dt
Bad Waldsee Logo – vorher und nachher, Bildquelle: Stadtverwaltung Bad Waldsee, Bildmontage: dt

Das neue Stadtlogo bildet eine stärkere, zugleich kompaktere Einheit aus Bildmarke und Wortmarke. Der nunmehr auf drei Zeilen umgebrochene Ortsname ist linksseitig der Bildmarke platziert, rechtsbündig ausgerichtet. Die über zwei Stockwerke reichende Bildmarke und die über drei Stockwerke angelegte Wortmarke bilden eine nahezu quadratische Form. Darüber platziert, Wort- und Bildmarke in einer Art visuellen Klammer verbindend, steht der Namenszusatz „GROßE KREISSTADT“. Wortmarke wie auch der Namenszusatz sind in der Rotis gesetzt, der von Otl Aicher 1988 geschaffenen, lange Zeit häufig verwendeten, später viel kritisierten Hybridschriftart. Weshalb die „Rotis eine Streitschrift“ ist, haben Christian Hartig und Ralph Burkhardt in ihrer gleichnamigen und vielbeachteten Diplomarbeit (Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, 2006) herausgearbeitet.

In der Kreisstadt Bad Waldsee wird die Arbeit des berühmten Schöpfers also in mehrfacher Hinsicht gewürdigt und in Ehre gehalten. Ähnlich wie in Isny. Für die Gemeinde im Allgäu hatte das Büro Otl Aicher seinerzeit ebenfalls ein Stadtsignet samt dazugehöriger visueller Kommunikation entwickelt. Gerne hätte ich an dieser Stelle die für das visuelle Erscheinungsbild von Bad Waldsee verantwortliche Agentur genannt. Auf Anfrage teilte mir die Stadtverwaltung lediglich mit, dass der Relaunch / das Redesign mit „fachkundigen Mitarbeitern der Stadtverwaltung gemeinsam mit einer freien Agentur entwickelt wurde“. Den Unterlagen zum Markenprozess ist zu entnehmen, dass die Agentur Pink Pony (Stuttgart) den Zuschlag für die Entwicklung des Erscheinungsbildes erhielt.

Stadtlogos von berühmten Designern finden sich nicht nur in Bad Waldsee und Isny. Die für die südfranzösische Stadt Nîmes gebräuchliche Palme/Krokodil-Assoziation antiken Ursprungs wurde in den 1980er-Jahren von Designer und Architekt Philippe Starck neu interpretiert. Noch heute nutzt die Stadt das von Starck gezeichnete Signet als offiziellen Absender. Auch das heutige Stadtlogo Hamburgs mit rotem Stadttor und blauer Wellen-Linie wurde 1998 von einem namhaften Designer entworfen, nämlich von Peter Schmidt.

Dass ein Stadtlogo nicht dem Denkmalschutz unterliegt, stellte hingegen Berlin klar. Im Zuge der Umstellung auf eine „partizipative Markenstrategie“ entschied sich das Land Berlin im Sommer 2020 das Signet mit rotem Brandenburger Tor, in den 1990er-Jahren von Erik Spiekermann geschaffen, auszutauschen. Im Rahmen einer Werbekampagne wurde dem Brandenburger-Tor-Signet, welches ursprünglich für die Berliner Verwaltung entwickelt wurde, also für Behördenschriftverkehr konzipiert und gedacht war, das Wort „be“ vorangestellt. Wenig zur Freude Spiekermanns, wie er in einem Interview gegenüber der „taz“ verriet. Im Vergleich dazu geht die städtische Verwaltung in Bad Waldsee mit dem grafischen Erbe der Gemeinde gewissenhafter vor.

Noch eine Anmerkung zur Typo. In dem in Rotis gesetzten Namenszusatz „GROßE KREISSTADT“ sticht der Buchstabe „ß“ hervor, und zwar in negativer Weise. Die Strichstärke des „ß“ ist dünner als die der anderen Lettern, siehe Veranschaulichung. Das „ß“ fällt hierdurch, da es weniger Schwarzfläche in Anspruch nimmt, im Vergleich zu den anderen Lettern deutlich ab. Bei dem im Namenszusatz verwendeten „ß“ handelt es sich nicht etwa, wie es erforderlich wäre, um ein Versal-ß, sondern um ein gewöhnliches ß in Kleinschreibweise. Versalien und Kleinbuchstaben unterscheiden sich nicht nur in ihrer Form, sondern eben auch (vielfach) in Bezug auf ihre Strichstärke. Bei der Rotis ist der Stärkenunterschied zwischen Versalien-Stamm und Minuskeln-Stamm tatsächlich recht ausgeprägt.

Im Gegensatz zu vielen modernen Schriften besitzt die von Monotype herausgegebene Rotis keine Glyphe mit Versal-ß. Ein folgenreiches Defizit, könnte man sagen, wie das neue Bad-Waldsee-Logo verdeutlicht. Die kleine typographische „Unwucht“ hätte im Zuge der Gestaltung natürlich händisch ausglichen werden können. Gerade in diesem Fall wäre, wie ich meine, der damit verbundene Aufwand der Mühe Wert gewesen, galt Otl Aicher doch als akribischer, detailversessener Gestalter.

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Dieser Beitrag hat 51 Kommentare

  1. Das Versal-Eszett ist anscheinend noch nicht überall angekommen. Ich frage mich bei solchen Fällen immer, wie so ein Redesign vonstatten geht. Am neuen Design sowie der neuen Webseite, sind ja viele Grafikdesigner involviert, von denen ich erwarten würde, dass die meisten das Versaleszett kennen und ihnen das kleine ß hier genauso negativ ins Auge fällt. Wie kann es sein, dass im ganzen Prozess niemand ruft “Halt, das müssen wir ändern”. Wenn es mit der Rotis so mühsam ist, ließe sich ja bestimmt auch eine alternative Schrift finden, die genauso gut zur Bildmarke passt. Aber da das neue Logo ungefragt in das neue Webdesign eingebunden wurde, nehme ich mal an, dass es entweder niemandem aufgefallen ist oder sich niemand dafür verantwortlich gefühlt hat. Oder gibt es eine bessere Erklärung dafür?

    1. Der Gestaltungsprozess ist nicht geplant, sondern macht einfach mal los (als Auftraggeber und auch als Auftragnehmer), und lässt sich Teilergebnisse “absegnen”, bevor man dann weiter macht. Loops sind nicht vorgesehen, Reinzeichnungen am liebsten auch nicht.

      Vermutlich steht da erst mal eine der beiden duden-korrekten Schreibweisen: “GROSSE”. Das ist “abgesegnet”. Dann kommt von irgendwo später im Prozess plötzlich als Querschuss ein (ge)wichtiger Input: “Aber das schreibt man mit ß! Müsst ihr korrigieren!”. Was nun ein dickes Problem ist, denn alles ist schon mühsam abgesegnet, eine andere Schrift wäre also nochmal von vorn – der Projektmanager hat darauf überhaupt keine Lust oder Verständnis.

      Die “SS”-Schreibweise ist defacto tot, und die Schrift hat kein Versal-ß – und die Diskussion über die individuelle Gestaltung eines passenden Versal-ß (sofern bei den Grafikern Kompetenz für sowas vorhanden wäre) mit jemandem führen, der sich schon als mühsam geoutet hat, ist auch nichts, was man unbedingt tun will (vor allem nicht mehr der Projektmanager).

      Also nimmt man das, was die Schrift halt hat, denn das ist immerhin approved by Otl Aicher himself, und tut so als wäre das eine Lösung die schon von überall abgesegnet ist (Entscheidungsgremium, Querschießer, Otl). Alle glücklich, keine Reibung, visuelle Kleinkatastrophe perfekt.

      So oder so ähnlich haben wir das ständig in der Agentur … es ist oft schon ein interner Kampf, wenn die Grafiker “nachträglich nach Freigabe” noch eine saubere Logo-Reinzeichnung machen wollen. Ganz kompliziert wird es, wenn sie das Logo nochmal anpassen wollen, weil – schon wieder – das Logo solitär zu Beginn des Gestaltungsprozesses entworfen und gleich abgesegnet wurde, und sich im CD-Prozess dann zeigt, dass Anpassungen noch dringend angeraten sind damit das ein schlüssiges Gesamtbild ergibt und überhaupt praktikabel ist.

      1. Oh. Na, das gibt mir einen Eindruck. Als Laie konnte ich mir sowas nie erklären. Ich finde ein kleines ß inmitten von Versalien irgendwie so wie “Ja, das Fensterglas hat für unseren Mercedes nicht das richtige Format, aber es geht auf und zu, also gut.”

    2. Als jemand mit einer Dekade Unterrichtserfahrung an einer Design-Hochschule (in der Umbruchszeit zum Digital Native) kann ich nur den traurigen Bewusstseinsmangel bei den Studierenden, aber auch den Lehrkräften feststellen. Damals ließ das Fehlen von Normen einen Wildwuchs aufkommen, der ein Anything Goes als gestalterische Qualität verkaufte. Noch während meiner Lehrtätigkeit tauchten dann (bestimmt befeuert durch die Menüpunkte der gängigen Grafikprogramme, die einen Text in Versalien umwandeln) die ersten Grossplakate von Markenherstellern auf, bei denen sich mangels korrekter Glyphe ein kleines Esszet zwischen den Versalien tummelte.‘
      Und die nächste Generation von Gestaltern und Gestalterinnen hat sich anscheinend daran orientiert oder das Problem war ihr mangels darauf achtender Lehrkräfte überhaupt nicht bewusst.

      Interessanterweise galt das zu meiner Zeit sogar für Studentinnen und Studenten, die ein Esszett im Nachnamen führten. Auch die hatten, obwohl bereits ein Leben lang mit dem Problem konfrontiert und entschlossen, eine Karriere in der Gestaltung zu beginnen, oft keine Ahnung von der korrekten Behandlung des Problems.

  2. Gut und schön finde ich zunächst mal den typografischen Aufbau der Wortmarke. Den Namen dreizeilig zu setzen und so neben die Bildmarke zu stellen, ist die richtige Idee gewesen. Die »Stapelung« passt formal und inhaltlich zum Aufbau des Signets und erzählt es typografisch nach. Hierfür die Rotis zu verwenden gefällt mir auch, das passt in mehrerlei Hinsicht.

    Nicht gelungen ist meiner Ansicht nach die Platzierung der zusätzlichen Zeile darüber (war das notwendig?). Der wirklich grobe Patzer ist allerdings das fehlende Versal-Eszett. Das hätte man zeichnen müssen. Sowas erfordert Aufwand und Umsicht, aber alles andere ist doch eigentlich keine Option.

  3. Danke Achim, für den guten Beitrag!

    Ein ß in einem Versalsatz zu integrieren, war übrigens auch schon vor der Einführung des Versal-ẞ vor 15 Jahren falsch. Die Regel, die ich bereits in der Grundschule gelernt habe (und die im Zweifel auch im Duden nachgeschlagen werden kann – Regel D 160) lautet, dass man in solchen Fällen ein Doppel-S verwendet(e).

    Eine zusätzliche Unwucht, bei der ich ebenfalls nicht verstehe wie das passieren konnte, weil Designer-Grundwissen, ist das rechts herausstechende Wort „SEE“. Es ist lediglich mathematisch mit den darüberliegenden Zeilen bündig, jedoch leider nicht optisch. Einmal bemerkt kann ich beim Betrachten des Logos jetzt nicht mehr wo anders hinschauen.

    Um noch positive Worte zu finden: Schön, dass man sich für eine evolutionäre Überarbeitung entschieden hat. Das zeigt, dass man sich des Wertes des bestehenden Logos durchaus bewusst war.

  4. Wenn man kein Versal-ẞ im Font hat, sollte man zumindest im Logo, welches als feste Grafik abgelegt wird, manuell Hand ans kleine ß legen. Habe ich selbst schon machen müssen, oft genügt es schon, den Buchstaben etwas in die Breite zu ziehen und eben die Strichstärke mit den anderen Versalien abzugleichen. Das Bad Waldsee-Ergebnis ist ein Schlag aufs Auge.

    Davon abgesehen, finde ich es leider insgesamt nicht zeitgemäß. Ich denke, die Silbentrennung “Bad, Wald, See” war vor einigen Jahren mal schwer in Mode. Die Bildmarke aber beinahe unangetastet zu lassen, finde ich am Schlimmsten. Hätte man sie nicht aus den Haarlinien-Umrissen befreien können?

    Scheint fast so, als wäre der selbe “Künstler” wie beim alten Logo am Werk gewesen. “BAD W ALDSEE” und “T UT GUT…” war ja auch autsch! So kann man sich auch im Negativen treu bleiben.

  5. Über das Logo wurde schon alles gesagt, was visuell und handwerklich nicht gelungen ist. Ich finde aber die Anwendungen und Visuals auch alles andere als hervorragend.
    Die neue Website wirkt auf den ersten Eindruck auch ziemlich überladen. Bei den Quicklinks habe ich erst mal panisch das “x” zum Schließen gesucht, weil ich dachte, das sei das obligatorische Cookies Pop up … Das einzige Positive ist, dass es ein bisschen besser aussieht, als das alte Optima-Logo. Das war’s dann auch. Schade.

  6. Außer dass es deutlich kompakter ist, ist es jetzt deutlich schlechter. So hätten unsere Logos ausgeschaut, wenn sich unsere technische Reinzeichnungsabteilung daran versucht hätte. Oder wenn ein Maschinenbauchef Änderungen verlangt hätte. Die Eleganz ist komplett weg.

    Der Durchschuss ist zu eng, leider zu wenig Luft jetzt.
    Ich verstehe das neue Blau und das neue Grün nicht ganz.
    Das mit dem rechten E von SEE wurde bereits erwähnt.

  7. Trotz der berechtigten Kritik, ist es eine angemessene Anpassung, die insgesamt schöner und besser zu verwenden ist. Das hält für die nächsten 20 Jahre, bis dahin gibt es vielleicht ein großes ß im dann verwendeten Font.

  8. Wer ein Otl-Aicher-CI in Oberschwaben hat, der trennt sich davon nur schweren Herzens, denn Aicher gilt dort was, man hält ihn hoch, zu Recht, schließlich hatte er dort sein Atelier im zu Leutkirch gehörenden Weiler Rotis, dem Aichers Typo ihren Namen verdankt. Man ist stolz auf ihn. Aber die Designs, die er Städten verpasst hat, auch das von Isny, vermitteln mir zu wenig Lebensgefühl und Emotion. Ich fremdle mit seinen Städtedesigns. Sie wirken auf mich kalt wie Industriedesign. Als Bad Waldsee hätte ich das Aicher-Logo ganz über den Haufen geworfen und visuell von Grund auf neu angefangen. Es ist eine so schöne barocke Stadt.

  9. Ein eindrückliches Beispiel für ein völlig verunglücktes Redesign.
    Nur die Bad Wald See Anordnung jeweils nach unten ist in kleinsten Ansätzen innovativ.
    Ist bekannt, wie hoch dieses “Kunstwerk” kostete?

    1. Da würde ich gern mal insofern dagegen halten als dass ich die vorherige Typografie mit den falschen Kapitälchen, unpassender Sperrung und einer nicht mit dem Logo harmonierenden Optima viel schlimmer fand.
      Ich bin allerdings nicht sicher ob Proportionen und Linienstärken so schon wirklich stimmig sind. Und vielleicht hätte es die Kreisstadt-Zeile gar nicht gebraucht. Dann wäre es auch gar nicht erst zu diesem unglücklichen ß-Einsatz gekommen. Außerdem sehe ich auch bei den Farben Optimierungsspielraum.

  10. Vielleicht hätte man (mal ganz ab von der Typografie) auch das Signet etwas modifizieren und offener gestalten können. Eine Reduzierung der Ebenen in den Bäumen und dickere Linien wären in meinen Augen möglich, ohne die Vision des berühmten Urhebers komplett über den Haufen zu werfen. Andererseits könnte man natürlich argumentieren, das gerade der Gegensatz zwischen Fläche und filigranen Linien den Reiz des Signets ausmachen würde.

    https://i.imgur.com/Sr1DA9p.png

    1. In die Arbeit eines Kollegen ohne dessen Zustimmung zu pfuschen hätte ich schon Skrupel. Dann lieber mit dem alten Logo ab in’s Museum und neu aufgesetzt.

    2. @Chris
      Das war auch mein erster Gedanke, danke für die Veranschaulichung.
      Der zweite war: Warum um Himmels Willen GROßE KREISSTADT?
      Nachgegogelt und herausgefunden, es ist eine Kreisstadt mit über 20.000 Einwohnern (knapp drüber) und etwas mehr Aufgaben als eine normale Kreisstadt (einige Landkreisaufgaben) und der Bürgermeister heißt Oberbürgermeister. Ob man so etwas ins Logo nehmen muss, sollte jeder für sich entscheiden. Ich finde es unnötig.

  11. Bestehende Designs neu denken, gegebenenfalls Elemente übernehmen, modifizieren und überarbeiten, im Sinne einer evolutionären Weiterentwicklung, ist nun einmal Teil unserer Arbeit als Gestalter. Ich kann darin kein „Herumpfuschen“ erkennen. Im Rahmen eines offenen, respektvollen Diskurses finde ich es nicht schön, wenn Entwurfs- und Gedankenansätze hier im dt mit solch einem Begriff kritisiert, quasi abgewatscht werden. Zumal keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Dargestellten erfolgt.

    Das unter der Leitung Aichers 1962 an der HfG Ulm (Entwicklungsgruppe „E5“) entstandene visuelle Erscheinungsbild der Lufthansa wurde schon mehrmals überarbeitet, zuletzt 2018 (dt berichtete). Auch am Kranich, von Aicher und seinem Team seinerzeit mit einem umgebenden Kreis versehen, haben Kollegen der gestaltenden Zunft Hand angelegt. Derlei Überarbeitungen vollziehen sich fortwährend. Damit einhergehende Skrupel sind also fehl am Platz, denke ich.

    Jede Arbeit, auch die von namhaften Designern, muss sich der Kritik stellen. Ich finde es vollkommen legitim, den ein oder anderen Gedanken mal schnell zu visualisieren. Daraus muss nicht zwangsläufig Großes entstehen. Und doch sind derlei Schnellentwürfe Teil eines Designprozesses.

    Natürlich kribbelt es in den Fingern, kreisen die Gedanken im Kopf. Auch ich frage mich, ob und wie sich das vom Büro Aicher entworfene Bildzeichen transformieren ließe. In etwas, das mehr und stärker der heutigen Lebenswelt der Menschen/Bürger entspricht und dieser gerecht wird. Insbesondere die dünne schwarze Einfassung empfinde auch ich, dank Dir Chris für die Visualisierung, als unpassend, ja als gestrig. Die Natur, Wald und See, so eingepfercht und beengt, und so wenig nahbar und zugänglich darzustellen! Ich bin überzeugt, dafür findet man heute andere Gestaltungslösungen.

    Konzeptionell und im Aufbau ähnelt das grün-blaue-Signet übrigens den von Aicher gestalteten Olympia-Piktogrammen. Ein Zeichen in einen Korpus einzubetten, wie bei den Olympia-Piktogrammen, dem von Otto Firle 1918 entworfenen Lufthansa-Kranich oder auch wie beim Bad-Waldsee-Signet, war offenkundig eine Vorliebe Aichers.

    Egal ob mit oder ohne Quadratkorpus – ich assoziiere mit dem Signet vor allem … Christbaumschmuck. Und dabei war es Aichers Anspruch, schmückenden Dekor, jede Art dekorativer Gestaltung und zeitgeistiger Verzierung, die er als degeneriert ansah, zu überwinden. So wie es wohl auch das Ziel gewesen war, danke Peter für den Einwurf, das barocke Erbe der Stadt abzuschütteln. Denn Barock galt Aicher in erster Linie als Ausdruck überholter Überfrachtung. Dass im Barock oder in anderen zeitgeschichtlichen Epochen/Strömungen innewohnende Potenzial, Identität zu stiften (siehe Meissen, Versace, Musées d’Orsay), blieb in Aichers Werk stets unberücksichtigt. Zeitgeschichte, insbesondere die des Dritten Reiches und des Nationalsozialismus, galt es aus Aichers Sicht zu überwinden. Ich bewundere die Arbeiten Aichers sehr. In meinem Büro hängt ein hellgrün leuchtendes, Energie und Dynamik spannungsvoll einfangendes München-1972-Plakat. Die in Aichers Arbeiten ersichtliche rigorose Negierung geschichtlichen Kontextes findet insbesondere in den unter seiner Leitung geschaffenen städtischen visuellen Erscheinungsbildes ihren Ausdruck. Das Ergebnis wirkt, aus heutiger Perspektive betrachtet, zweckmäßig, kalt, emotionslos, unnahbar.

    Kommunikationsdesign darf meines Erachtens gesellschaftlichen, sozialen, technologischen und kulturellen Wandel nicht ausblenden – es muss wandelbar sein und bleiben. In typischer Kleinschreibweise schrieb Aicher: „in einer sich ändernden welt müssen auch produkte sich ändern“ („die welt als entwurf“, Ernst & Sohn, 1991). Also auch Logos. Wie würde also ein ins Jahr 2023 transformiertes, auf das heutige Bad Waldsee bezogenes Signet / Wald-See-Signet aussehen?

    Oftmals werden Designs, etwa jene von Aicher, oder auch von Dieter Rams, Max Bill oder den Bauhäuslern, als zeitlos bezeichnet. Doch zeitlos ist das „Wald und See“-Signet meines Erachtens keinesfalls. Die viereinhalb Jahrzehnte, die zwischen seiner Entstehung und der heutigen Welt stehen, sieht man diesem Zeichen sehr deutlich an.

  12. Ich habe bis jetzt noch kein überzeugendes Versal-ß gesehen, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Die bisherigen Umsetzungen wirken eher wie Notlösungen und nach wie vor wie Fremdkörper im Versalsatz. Was spricht denn eigentlich dagegen, einfach das altbewährte Doppel-S zu nutzen?

    1. Das Doppel-S ist nicht eindeutig und es ist unlogisch, dass es zu dem kleinen Eszett keinen entsprechenden Großbuchstaben gibt, da Versalsatz nun einmal existiert.
      Beispiel ohne Versaleszett:
      Maße -> MASSE
      MASSE -> Maße oder Masse?

      Meiner Meinung nach gibt es jede Menge gute Versaleszett-Formen, aber auch viele schlechte. Gelungen finde ich beispielsweise die, die in den Schriften der Bundesregierung zum Einsatz kommen, BundesSans und BundesSerif. Auf Typografie.info gibt es Sammlungen zum großen Eszett.

  13. Die Agentur, die die Schreibweise »GROßE KREISSTADT« zu verantworten hat, hat leider keine Ahnung von Schrift und/oder Typografie. GROSSE KREISSTADT, GROẞE KREISSTADT wäre richtig gewesen. Sechs, setzen! Tragisch ist aber der Zusatz „große Kreisstadt« an sich. Wenn ich mich für Bad Waldsee interessiere, dann interessiere ich mich eben für Bad Waldsee, wem soll es bitte interessieren, dass Bad Waldsee eine kleine, normale oder große Kreisstadt ist? Warum wird diesen verwaltungstechnischen Zusatz hier soviel Platz eingeräumt? Dann hätte die Angabe der Ortsvorwahl, der Postleitzahlenbereich, der Zusatz »direkt an der B30« oder die Faxnummer der Großen-Kreisstadt-Verwaltung (immer mit Bindestriche!) mehr Sinn gemacht.

  14. Ja, die ‚Grobe‘ Kreisstadt ist schlimm, derart prominent sogar echt schlimm.

    Das wirklich Schlimme ist jedoch, Designelemente, die in die Jahre gekommen sind, derart grob miteinander zu komprimieren.

    Aber Hauptsach‘, es ist jetzt brutalo-komprimiert – und es passt so sowohl auf den Verwaltungsbriefkopf als auch auf den quadratischen App-Button, aua. ;-)

    So hat man also „Bewährtes erhalten (die alten Elemente nehmen und schlecht zusammenschrauben) und Zukunft gestalten (auf App- und Webbedürfnisse dengeln) öffentlich verkauft. Ich sag‘s ja immer, die Pressetextverfasser sind die wahren Poeten und wahren Kreativen unserer Zeit.

    Es haben vermutlich in der schnöden Praxis – aber ich weiß es nicht – die erwähnten „fachkundigen Mitarbeiter der Stadtverwaltung“ der Agentur kaum Luft gelassen. Da ich selbst mehrmals mit dem Design von Stadt-/Verwaltungslogos zu tun hatte, beneide ich die Agentur nicht. Doch die handwerklichen Fehler hätte es halt auch nicht gebraucht.

  15. Ich bin verblüfft, mit welcher Leichtigkeit Logos oder Signets, etc. offenbar “verwandelt” werden dürfen und sich doch von der Idee (hier des Otl Aichers) nicht lösen können. Als Architekt ohne spezielle Kenntnisse aus der Designbranche frage ich mal in die Runde: Gibt es kein Urheberrecht, welches solche “Weiterentwicklungen” verbieten würde? An Dinge wie Berufsethos mag ich dabei gar nicht mehr denken. Tatsächlich ist “Pfusch” (in dem Kommentar weiter oben) vielleicht aus dem Bauch heraus formuliert. Aber die kritischen Kommentare hier lassen doch alle klar erkennen, dass BAD WALD SEE “Alles” verkehrt gemacht hat. Ob das ein Urheberrecht verhindern könnte, scheint mir dann allerdings auch wieder fraglich…

    1. Es gibt im Designbereich tatsächlich für den Urheber ein Urheberrecht auf sein von ihm erstelltes Logo. So ein Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Die sind hier noch nicht rum.

      Nur wissen wir nicht, was Otl Aicher genau an (zu bezahlenden) Nutzungsrechten vereinbart hat.
      Es gibt erweiterte Nutzungsrechte, die gehen sehr weit. Bis hin zur – veränderten – Wieder- oder Weiterverwendung..

      1. Danke für die Informationen, Moritz!

        Wäre ja interessant, was Otl Aicher dazu sagen würde…falls er sich in die Karten schauen ließe…

  16. Laut einem Zeitungsbericht der Schwäbischen Zeitung ist das finale Logo mehr oder weniger in Eigenregie der Stadtverwaltung entstanden. Die Zusammenarbeit mit der Agentur wurde schon vorher beendet. Man findet in dem Artikel ein goldenes Logo auf blauem Grund, welches versucht, das Signet zu modernisieren und mit der Wortmarke in drei Zeilen neu zu Rahmen. Dies hat angeblich nicht überzeugt. Die Frage ist, warum die Zusammenarbeit nicht erfolgreich war und ob man nicht gemeinsam eine Lösung hätte finden können.

  17. Interessant, Chris.
    Hab den Link zum Zeitungsartikel gefunden. Denke, der Artikel wird die Leser interessieren.
    In kurz: Pink Pony war vorher schon raus mit einem Vorschlag, der nicht ankam. Es war anschließend vorgeblich eine freie Grafikerin, in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Fachbereichs. Ihr Ergebnis hat man, haben die Stadtverantwortlichen oder wer auch immer anschließend ‚entgoldet‘ und den darunter stehenden Slogan ‘malerisch menschlich meisterhaft‘ entsorgt. Was dabei schlussendlich heraus kam, findet sich hier oben im Blog.
    Link: https://www.schwaebische.de/regional/oberschwaben/bad-waldsee/es-hat-lang-gedauert-jetzt-hat-bad-waldsee-ein-neues-altes-logo-1967774

    1. beachtlich, dass pink pony dennoch rund €58.000,- mit diesem projekt erwirtschaftete.
      obwohl als gmbh bereits im sommer 2000 aufgrund von vermögenslosigkeit von amts
      wegen gelöscht und im eigentl. sinne nicht einmal eine agentur…

      bleibt die frage: warum nicht studenten der HfG hinzugezogen wurden, wie es interessant
      wäre: die ursprüngliche arbeit Aichers zu sehen.

      1. Ich wollte eigentlich keine Diskussion über die Agentur vom Zaun brechen. Ich denke, Logo für Städte sind eine heikle Angelegenheit mit vielen Köchen und Interessen und die Kommunikation kann auf viele verschiedene Wege schief gehen.

        Ich vermute, dass die dreiteilige Anordnung von BAD WALDSEE aus dem abgelehnten Logo stammt und fragte mich nur, ob die Agentur nicht ein technisch besseres Ergebnis als das jetzt vorgestellte Logo hinbekommen hätte, wenn man sich auf Kundenseite rechtzeitig entschieden hätte, das Original-Signet beizubehalten. Aber das sind nur Mutmaßungen meinerseits, der Artikel bleibt für mich etwas diffus.

        1. Ja, ein wenig diffus.
          Die anderen beiden Vorgängerartikel – im rechten Kasten des Artikels aufzufinden – sind es auch.

          Es ist für mich im Text unklar, ob das blaugoldene Zwischenergebnis nu noch von der Agentur stammt oder schon von einer weiteren freien Zuarbeit.

          Ich kann mir persönlich schwer vorstellen, dass so etwas von einer Agentur stammt. Aber wie du schon sagst: eine Stadtlogo-Sache ist oft recht heikel und vielschichtig, viele Köche.

          Aus dem Subtext könnte man herauslesen, dass es ein ziemliches Hin und Her gab, das wohl auch die Zeitung nicht ganz auflösen konnte.

      2. Karl, auch als nicht-GmbH, also als ganz normaler Selbständiger oder als GbR-Büro kann man Geld, von mir aus auch fünfstellige Summen erwirtschaften.
        Man muss nicht zwingend für weniger Geld den gleichen Aufwand machen, nur weil man keine GmbH ist.

      3. Für meinen Geschmack etwas viel Spekulation unterwegs im Strang. Was haben z. B. wieauchimmer geartete Vemögensverhältnisse von vor über 20 Jahren für eine Aussagekraft bezüglich der aktuellen Situation? Gibt eh genug gestalterisch-belastbare Informationen (dafür sorgt Achim in so vorbildlicherweise) über die es sich kultiviert streiten lässt. Braucht man nicht ins Spekulative abtauchen.

        1. Koni, eine erloschene GmbH, wenn es stimmt, ist ein Fakt, keine Spekulation.

          Aber ich gebe dir recht, dass eine geänderte Gesellschaftsform, geänderte Finanzen auf keinen Fall eine zulässige Herleitung auf kreative Kompetenz sind.

      1. Daher:“
        „ Zumindest war öffentlich kaum etwas von der Zusammenarbeit zu vernehmen. Ganz im Gegenteil: Es war erstaunlich ruhig. Bis, ja bis zum Bürgerfest im letztjährigen Sommer. Da sorgte das „Gold-Logo“ für reichlich Frust. Und die drei gewählten Attribute „menschlich, malerisch, meisterhaft“ ließen die tief mit der Stadt verwurzelten Bürger nur ratlos mit dem Kopf schütteln.“

        Zitat aus dem Artikel.

        Dieses war Gold auf Dunkelblau. Die halbwegs gleiche Anordnung, nur ohne den ‚menschlich …‘-Slogan wurde wohl dann wieder in die ursprüngliche Farbgebung zurückversetzt – das nannte ich ‚entgolden’^^ – plus GROBE KREISSTADT oben drüber.

  18. Je länger ich mir die stilisierten “Bäume” anschaue, umso mehr frage ich mich: ist das wirklich zeitgemäß? Einen Wald in 2023 als Monokultur von Fichten- (hier vermutlich Tannen-) Bäumen darzustellen? So mag Otl Aicher “Wald” gesehen haben. Offenbar wissen auch heute viele andere noch nicht, dass man so etwas “Plantage” nennt. Bei Plantage denke ich an Bananen. Nicht Wald. Nicht See!

  19. Bad Waldsee wäre wahrscheinlich gerne eine große Stadt und sollte lieber froh sein das Otl Aicher so ein Kunstwerk für die Stadt geschaffen hat. Da fummelt man nicht rum und verändert die Farben. Niemals. Aber die großen machen das vor (Köln, Oldenburg, usw.) und die “kleinen” zerstören richtig Gutes unter dem Motto moderner werden. Das Logo ist austauschbarer, angepaßter und mehr für die Spießer der Kommunalverwaltung gemacht, welche sicher nicht anecken wollen mit ausgefallenen Gestaltungen, die in die Zukunft weisen.
    Denn das kann das alte Logo leisten. Dem Neuen sieht man an, dass es aus einer Kleinstadt kommt.
    Und das Urheberrecht gilt übrigens nur für Gestaltungen, die weit über der gestalterischen Norm liegen und als herausragend und eigenständig gelten können. Ob das hier noch gilt… ich weiß es nicht. Strittig ist auch der Urheber, es könnte der Bürgermeister dafür gehalten werden, wenn er es denn war, sonst wird es schwierig, denn nur der Urheber kann das Logo verteidigen. Selber machen ohne Kenntnis des gesetzlichen Umfeldes ist immer gefährlich oder reparieren Sie die Bremsen an dem Auto ihres Lebenspartners.

    1. ach so! ich hielt otl aicher für den urheber, an dessen ursprungsentwurf bzw. ausführung nun, von wem auch immer, “rumgefummelt” wurde. mir wird etwas mulmig. für mich grenzt obiger kommentar ein wenig schon an “heiligenverehrung”. übrigens: “fummeln” ist nicht (viel) besser als “pfuschen” – siehe dazu den schon erfolgten hinweis von achim schaffrinna. und, wie schon bemerkt: der “wald” (von otl aicher) ist auch in der neuen fassung und in den verbesserten vorschlägen (linienbreite) hier, er ist kein wald.

      1. Die Aussage, jemand anderes als Otl Aicher, gar der Bürgermeister, wäre Urheber des Signets, ist völlig abwegig. Es gibt hierfür keinerlei Belege. Die Urheberschaft ist unstrittig. Es ist gut dokumentiert, dass Otl Aicher der Urheber ist bzw. war.

        Das Museum Bad Waldsee widmete Otl Aicher 2016 eine Sonderausstellung. Daraus ein Textauszug einer Beschilderung:

        „1977 kommt es zu einem ersten Kontakt zwischen dem Bürgermeister der Stadt Bad Waldsee Prof. Dr. Rudolf Forcher und Otl Aicher. Anlass ist die Beschilderung des geplanten Donau-Bodensee-Radwanderweges. Kurz darauf erhält Aicher den Auftrag, ein Erscheinungsbild für die Stadt- und Kurverwaltung zu entwickeln. Die Umsetzung erfolgt zwischen 1979 und 1980. Aicher beschäftigt sich gründlich mit der Geschichte der oberschwäbischen Kurstadt und verbringt mit seien Mitarbeitern eine intensive Arbeitswoche in Bad Waldsee. Fotos scheinen während dieses Aufenthaltes nicht entstanden zu sein. Dafür skizzierte Aicher erste Ideen auf einfaches Kopierpapier. Wald und See wählte er als zentrale Motive des Erscheinungsbildes, obgleich der Name Waldsee seinen Ursprung nicht in diesen Worten hat, sondern vermutlich dem keltischen Stamm der Walchen entlehnt ist. Doch die Lage der Stadt inmitten einer grünen Landschaft zwischen zwei Seen setzte sich in Aichers Entwürfen ebenso durch, wie die Verwendung der Farben Grün und Blau.“

        Auch auf die folgende Aussage in obigem Kommentar möchte ich eingehen:

        Und das Urheberrecht gilt übrigens nur für Gestaltungen, die weit über der gestalterischen Norm liegen und als herausragend und eigenständig gelten können.

        Die Verwendung des Begriffs Norm ist in diesem Zusammenhang irreführend, denn er suggeriert, es bestünde eine Richtlinie, in der visuelle Gestaltungsarbeiten, definiert, kategorisiert und standardisiert wären. Dies ist jedoch nicht der Fall.

        Voraussetzung dafür, dass eine schöpferische Leistung urheberrechtlichen Schutz genießt, ist, dass diese die sogenannte Schöpfungshöhe erreicht. Ob eine kreative Leistung diese erreicht, ist, verkürzt gesagt, Ermessenssache (der Richter). Ein höchst schwammiger Begriff, der in der Rechtsprechung mal so und mal so ausgelegt wird. Seit 2013 (Geburtstagszug-Urteil) kann bei einer „individuellen Schöpfung“ eine erforderliche Schöpfungshöhe als erreicht angesehen werden, „die es nach Auffassung der für Kunst empfänglichen und mit Kunstanschauungen einigermaßen vertrauten Kreise rechtfertigen, von einer künstlerischen Leistung zu sprechen.“

        Für fast alle Werkarten setzt der Gesetzgeber eine relativ niedrige Grenze an, so dass in der Regel schon Werke mit geringer Gestaltungshöhe (die sogenannte Kleine Münze) urheberrechtlichen Schutz genießen (Quelle: Wikipedia: Schöpfungshöhe). Die Aussage, es bedürfe einer „weit über der gestalterischen Norm herausragende Gestaltung“ ist demnach in mehrfacher Hinsicht unzutreffend.

        Dem Austausch mit dem Pressebüro zufolge gibt es aus der Zeit 1979/1980 keinerlei Bildmaterial, anhand dessen die Zusammenarbeit dokumentiert werden könnte. Was, wie ich finde, doch zumindest ein wenig rätselhaft anmutet. Schließlich war Aicher schon damals ein über die Landesgrenze hinaus bekannter Gestalter, Hochschulgründer (HfG Ulm) und Designtheoretiker.

        Aber seis drum. Als Außenstehender ist es meist schwierig zu beurteilen, ob und wann Urheberschutz gilt, und ob die damit verbundenen Rechte verletzt werden. Da Urheberrechte personenbezogen sind und Aicher 1991 starb, können Urheberrechte nicht mehr angemeldet werden (es sei denn diese wurden von Aicher an seine Kinder vererbt), höchstens Ansprüche, die sich auf die Verwertungsrechte beziehen (das kontinentaleuropäische Urheberrecht unterscheidet sich hier vom angelsächsischen copyright). Ich gehe davon aus, dass die Stadtverwaltung Bad Waldsee über jene Verwertungsrechte verfügt.

    2. Dem Neuen sieht man an, dass es aus einer Kleinstadt kommt.

      Aber hallo.
      Auch in meinen Augen wirkt es sehr verwaltungs-„spießig“: Kaum Weißraum gelassen, zu eng gesetzt, spillerige Typografie, falsche Trennungen, unmotivierte Rähmchen drumherum. Als Krone oben drauf der Verwaltungsbegriff ‚große Kreisstadt“.

      Als Corporate Gestalter ist man einiges gewohnt, wozu man für Geld tätig werden soll. Das Ding hier hätte Beratung gebraucht.

    3. Na ja. Etwas in Stein zu meißeln und für alle Ewigkeit zu glorifizieren bringt einen auch nicht weiter.
      Das Otl Aicher Logo sah eben auch aus wie aus den 80er und so gut es war und ist – es brauchte ein Update.

  20. Liebe Gestalterinnen und Gestalter
    So sakrosankt wie Alto sehe ich das nicht. Wenn im Text “seinerseits” erwähnt wird, wäre eine genauere Jahreszahl wünschenswert. Aus meiner Erfahrung verorte ich den Entwurf von Otl Aicher in die 1970er Jahre. Der Liftup hat der Corporate gut getan. Wenn es nicht geschrieben stünde, käme niemand darauf, dass es sich eine Otl Aicher Gestaltung handelt. Bei konsequenter Anwendung, ohne die Elemente einzeln zu platzieren, prägt dieses Logo “Bad Waldsee” die nächsten 20 – 30 Jahre. So gesehen, war es Zeit, die vorherige C. I. zu überarbeiten.
    Anm. Bis 1976 gab es unzählige Darstellungen des Bundesadlers. Jedes Ministerium, jedes Amt und jedes Büro hatte seinen eigenen Adler. Dann gingen wir ans Aufräumen und prägten den Einheitsadler. Obwohl die Einheit ja noch auf sich warten liess.

  21. Weiss nicht, wieso die Reaktion hier so negativ ist. Bis auf das grosse ß, das tatsaechlich etwas negativ auffaellt (und den sperrigen Zusatz “Grosse Kreisstadt” an sich), ist fuer mich das Gesamtbild recht ueberzeugend. Besser als die vorige Version (mit diesem komischen “tut gut…”) ist es auf jeden Fall. Wie schon jemand anders hier angemerkt hat, haette man im Hinblick auf moderne Anwendungen (Smartphone-Bildschirme usw.) den “Wald”-Part des Signets eigentlich noch ein bisschen vereinfachen koennen; stattdessen hat man sich sehr nah am alten Signet gehalten, um die Tradition fortzufuehren. Kann da kein “Rumgepfusche” erkennen – in solchen Kritiken schwingt dann mMn schon ein bisschen Designer-Vergoettlichung mit.

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