HAZ Facelift – Schrift Gotham

Typographisches Facelift für Hannoversche Allgemeine

HAZ Facelift – Schrift Gotham

Seit dem vergangenen Wochenende schaut die Hannoversche Allgemeine verändert aus. Das Schriftbild wird nun durch zwei neue Schriften geprägt. Wenn Chefredaktionen, wie hier der Fall, im Zuge einer Neugestaltung ihrer Zeitung von „Anstrich“ sprechen, erschrecke ich immer. Als ob die Gestaltung von Informationen etwas ist, das man nach ein, zwei Jahren, wenn einem die neue Farbe nicht mehr gefällt, einfach wieder drüberstreichen könne.

Einführend und erklärend sei gesagt, dass sich die Madsack Mediengruppe nach wie vor mit der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ) und der Neuen Presse gleich zwei Zeitungen für die Region Hannover gönnt. Letztere bedient mehr, auch wenn man das intern nicht gerne hört, den Boulevard, was sich auch in der Gestaltung widerspiegelt (größere Fotos, fettere, serifenlose Headlines). Die HAZ ist in ihrer gesamten Ausrichtung, inhaltlich wie in ihrer Aufmachung, deutlich konservativer und zurückhaltender, zumindest bislang.

Mit dem vollzogenen Facelift – der Begriff „Redesign“ erscheint mir eher unpassend – halten mehrere neue Schriften Einzug in die Gestaltung der Zeitung, die in einer Auflage von derzeit rund 180.000 Exemplaren erscheint. Die bisherige, von Adrian Frutiger 1986 entworfene Headlineschrift Centennial wurde von der Rocky abgelöst. Als neue Fließtextschrift kommt anstelle der Excelsior – Danke dt-Leser Horst für die Korrektur – nun die Candida zum Einsatz.

Der Candida zur Seite gestellt wurde die – der Ein oder Andere hat es anhand der Abbildung oben bereits erkannt – Gotham. Schon wieder die Gotham. „Gotham ist die neue Dax“ konstatierte ich bereits 2012 via Twitter. Die Gotham ist die in Lettern versinnbildlichte Obamania. Und tatsächlich sieht man sie, dem Präsidentschafts-Wahlkampf 2009 sei dank, überall. Dass die HAZ jetzt noch auf diesen Typohype-Zug aufspringen muss! Fast fehlen einem die Worte ob der auf diese Weise zum Ausdruck gebrachten, im besten Fall sich am Zeitgeschmack ausgerichteten Gestaltung.

Abgesehen vom Hype: funktioniert denn die von Tobias Frere-Jones 2000 entworfene Gotham im Kontext dieser Zeitungsgestaltung? Macht sie, was sie soll? Hebt sie etwa auf der Titelseite Kurzmeldungen hervor? Das tut sie sehr wohl. Die Frage ist jedoch: müssen Kurzmeldungen, die in einer separaten Spalte in gebündelter Form und gekennzeichnet mit einer eigenen Überschrift ZUSÄTZLICH hervorgehoben werden? Ich sehe dafür keinen Grund. Spaltenaufteilung, Abstände und Größenunterschiede reichten hierfür meiner Meinung nach aus.

Mit der Verwendung der fetten Gotham rückt die HAZ ein Stück weit näher an die Neue Presse, zumindest gestalterisch. Die serifenlosen Überschriften der Neuen Presse, gesetzt in Antenna und Benton, unterstützten die boulevardeske(re) Ausrichtung und sind somit stilprägend für das Blatt. Eine Ausrichtung und Gestaltung, die nicht Jedem gefällt (siehe: Zu viel Boulevard?). Es scheint – denn das ist es, was die neue Gestaltung vermittelt –, als orientiere man sich bei der HAZ stärker an zeitgenössischen Strömungen.

Was den Wechsel der Fließtextschrift betrifft, so nimmt man die Candida deutlich stärker, so mein Eindruck, als Schrift wahr als die Excelsior, was, wie wir als Gestalter wissen, nun nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal ist, zumindest wenn es um Fließtext geht. Denn hier geht es nicht darum, mit einer besonderen Typo Eindruck zu schinden und Image zu transportieren, sondern darum, Inhalt, den reinen Text zugänglich zu machen. Und das konnte und kann die Excelsior besser, weil sie den Lesefluss ob ihrer fehlenden Extravaganz begünstigt. Die Excelsior verfügt über die Tropfen, die den Lesefluss unterstützen. Der Candida fehlen diese und auch sonst wirkt das durch sie erzeugte Schriftbild kantiger, klotziger.

„Dieser neue Anstrich war einmal nötig“, schrieb HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt zur Vorstellung der neuen Aufmachung. Warum dieser nötig war, schrieb er nicht. Dafür werden die Änderungen, die, wie gesagt, nicht weitreichend genug sind, als dass sie den Stil der Zeitung maßgeblich veränderten, auf einer entsprechenden Infoseite veranschaulicht.

Fazit

Spitz und schlank trifft auf fett und laut. Hier kommt zusammen, was nicht zusammen passt. Die optischen Veränderungen sind kein Redesign, kein in sich schlüssiges Konzept, sondern lediglich ein partieller Anstrich, dem vermutlich schon in wenigen Jahren ein weiterer Überstrich folgen dürfte.

Die Titelseite – vorher und nachher

HAZ Facelift – Titelseite

Und etwas ganz anderes muss ich bezüglich des Aufmacherfotos auf der oben abgebildeten Titelseite loswerden („Der Held aus Altwarmbüchen“): Es kotzt mich wirklich an, sehen zu müssen, wie von den Medien Alkohol derart glorifizierend dargestellt wird. Helden saufen! So der Tenor, der zu Zeiten von Meisterschaftsfeiern, Nichtabstiegsfeiern und Europacupmitdabeifeiern durch die Medien grassiert. Die Diskussionen über Gewalt in Stadien ist von vorne bis hinten verlogen, nicht nur die. Erst wenn Alkohol Stadionverbot bekommt und Nachrichtenorgane, wie in diesem Fall die HAZ, aufhören, ein solches Zerrbild von der Droge Alkohol zu produzieren, dann, nur dann kann vielleicht die Gewalt in Stadien eingedämmt werden. Nikotin und anderen Drogen wird zurecht der Garaus gemacht, während der Konsum von Alkohol nicht nur geduldet wird, sondern vom DFB, von Vereinen und den Medien geradezu gefördert wird. Ich finds erbämlich und ekelig.

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27 Kommentare zu “Typographisches Facelift für Hannoversche Allgemeine

  1. Interessant…
    Nicht nur die HAZ hat ein Facelift spendiert bekommen – auch die LVZ (Leipziger Volkszeitung) – die ebenfalls zur Madsack’schen Gruppe gehört, zeigt sich seit vergangenem Wochenende mit den neuen Schrifttypen und ein paar Anpassungen im Layout – irgendwie sieht das der HAZ doch auch ganz ähnlich…sehr ähnlich sogar
    Als nächstes folgt dann die Umbenennung aller zur Madsack Gruppe gehörenden Zeitungen in „Weltweite Madsack Zeitung“ (WMZ)…

  2. Was mir auf den ersten Blick auffällt: das Umbruchverhalten der neuen Brotschrift scheint deutlich schelchter zu sein, als das der Centennial. Im Aufmacher des neuen Layouts stechen viele unschöne Wortabstände ins Auge. Egal, ob dem Setzer oder der Schrift selbst geschuldet: ausgereift sieht das nicht aus. In diesem Aspekt wirkt die alte Fließtext-Gestaltung hochwertiger, finde ich.

  3. meine spontane Frage wäre, da Du ja – trotz oder wegen Deiner Kritik am Verlag – ein geschäftliches Verhältnis zur Madsack-Gruppe hast oder hattest, ebenfalls die nach der Angleichung von LVZ, DNN und HAZ (und ggf. weiterer Blätter) gewesen. Kannst Du da etwas dazu sagen? Sind das die gleichen Schriften, und wird das das neue EInheitsdesign auch der anderen Madsack-Zeitungen wie LN, OP, MAZ usw.?

  4. Hey Achim,

    ich teile grundsätzlich deine Meinung des letzten Absatzes – allerdings bin ich normalerweise stilvollere Kritik von dir gewohnt. Aber manchmal muss es eben raus, gell? ;)

  5. Ja der Achim würde wohl am Liebsten die Prohibition wieder aufleben lassen und nach Alabama ziehen. Sonst von mir hochgeschätzt, kotzt es mich wirklich an, dass jetzt auch in Deutschland Moralapostel auf dem Niveau von Glenn Beck rumlaufen, die meinen anderen Menschen ihre Lebensweise vorschreiben zu müssen. Ich rauche nicht und trinke vielleicht einmal im Monat und trotzdem nehme ich es mir nicht heraus anderen das Rauchen, Kiffen, Trinken oder selbst das Fixen zu verbieten.

  6. Dass Du, lieber freiwild, in Erinnerung hast, dass ich 2009 für ein Jahr für die Madsack Mediengruppe tätig gewesen bin, zeigt wie aufmerksam Du das dt verfolgst. Außer den offiziell veröffentlichten Meldungen, Berichten und Artikeln liegen mir keine anderen Informationen vor. In der Pressemeldung vom 02. Oktober 2013 heißt es: „Umbau der Konzernorganisation: an allen Standorten Fokussierung auf lokale und regionale Kompetenz in Vermarktung und Redaktion; überregionale Aufgaben werden zentralisiert und gebündelt “

    Offenbar sieht das von der Mediengruppe verfolgte Programm namens „Madsack 2018“ neben der personellen wie redaktionellen Verschlankung auch die Vereinheitlichung der Gestaltung der Zeitungen vor. Der NDR titelte Anfang April „Weniger Jobs, weniger Vielfalt“.

  7. @ Anon:

    Ja der Achim würde wohl am Liebsten die Prohibition wieder aufleben lassen und nach Alabama ziehen.

    Ich lehn mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und sage: das würde er nicht.
    Wenn man sich mit der Alkoholproblematik ernsthaft auseinandersetzen würde, müsste man zu dem Schluss kommen, dass es durchaus sinnvoll ist Alkohol möglichst wenig zu glorifizieren. Ob das durch einen solchen Titel passiert, sei dahingestellt. Ich durfe einmal an einer mehrtägigen Veranstaltung zur Alkoholprävention teilnehmen und kann sagen, dass ich schnell den Eindruck gewonnen habe, dass sich die Akteure (aus dem Bereich der Prävention) sehr differenziert mit Alkohol auseinandersetzen (obwohl sie ihn zum Teil auch selbst konsumieren). Es ist nicht alles Schwarz-Weiß. Leute wie Du, Anon, versuchen es aber immer wieder mit armseligsten Ansprachen herbeizureden.

    Sorry, dass ich mal wieder design-fremd spreche.

  8. Anon, im Deuten meiner Aussagen lagst Du schon einmal daneben.

    Kaum Kritik geübt, und schon zum Moralapostel stilisiert. Das geht schnell heutzutage. Es geht gar nicht darum, Anderen vorzuschreiben, was sie sollen und dürfen. Mir geht nur der ungleiche Umgang mit Drogen, zumal vor dem Hintergrund der Vorbildfunktion, die der DFB und die auch Vereine für sich beanspruchen, gegen den Strich. Auch Medien sind sich, so mein Eindruck, ihrer Verantwortung überhaupt nicht bewusst. Bei der Bildauswahl wird oft nach Bauchgefühl, manchmal nach ästhetischen Aspekten entschieden. Welches „Bild ein Bild“ in den Köpfen der Menschen produziert, dies zu hinterfragen, dafür fehlt es in der Produktion sowohl an Zeit wie auch an Augenmaß.

    Danke tbc für Deinen konstruktiven Beitrag. Mit Deiner Einschätzung liegst Du richtig.

    Und wenn es meine Kritik einzuordnen hilft: ich trinke selbst Alkohol, in Maßen. Als Teenager hatte ich gelegentlich Gras geraucht. Mich erschreckt einfach der Mangel an Sensibilität im Umgang mit der Droge Alkohol, insbesondere im Kontext Sport. Als Vater von zwei Jungs, die im Verein Sport treiben, lassen mich derlei Bilder von Alkohol trunkenen Fußballidolen, die dieser Tage durch alle Kanäle laufen, an der Medienkompetenz vieler Redaktionen zweifeln.

  9. Ich gehöre, wie offenbar viele, zu den normalerweise stillen dt Lesern, weil ich meine Meinung in der Regel durch die Kommentare ausreichend vertreten sehe und natürlich auch, weil hier die allermeisten Meinungen nachvollziehbar dargelegt werden. Dass mir das in dem letzten Absatz des Artikels jetzt das erste Mal anders vorkam, hat mich also zu diesem Kommentar veranlasst. Grundsätzlich glaube ich, dass derjenige, der wenig Argumente findet, populistischer ist als jemand, der sich durch fundierte Argumente in seiner Meinung sicher sein kann. Da riechen diese paar Sätze leider schon sehr nach Meinungsmache, anders als ich das hier sonst gewohnt bin.
    In Stadien finden die meisten Massenveranstaltungen statt, die man in Deutschland so findet, deshalb ist es glaube ich auch nicht weiter verwunderlich, wenn es ab und an zu Ausschreitungen kommt. Im Schnitt sind Stadionbesuche aber sicher ( < 1,6 Verletzte pro Spieltag, Zahlen von 2012). Alkohol-, Pyro- und allgemeine Stadionverbote werden fast ausschließlich von Polizei und Politik gefordert, von denen, die es betreffen würde (friedliche Fans), aber nicht. Da bin ich ehrlich gesagt sogar froh, dass die Medien nicht mitspielen, denn Alkohol ist eine Droge, aber eben auch Inhalt von einem beliebten Getränk namens Bier, dass die Stimmung lockert und zum Fußball gehört wie die Bratwurst. Natürlich kann das auch Aggressionen steigern, aber da als erstes drauf einzugehen ist wenig sinnvoll, denn es liegt nicht in der Verantwortung von Veranstaltern, wenn Fans ihr Aggressionspotenzial damit steigern. In erster Linie ist es nunmal Teil der Fankultur und wer selbst gelegentlich trinkt, der weiß, dass die wenigsten deshalb andere gefährden oder randalieren. Der pauschale Verdacht geht mir zu weit. Bier ist beliebt und kann deshalb auch auf Titelseiten abgedruckt werden. Es stattdessen aus den Medien zu verbannen ist anmaßend und bevormundend, realitätsverfälschend und unnötig, denn es ist und bleibt Teil des Fußballs. Wenn Helmut Schmidt mit Zigarette abgebildet wird, kritisiert man auch nicht denjenigen, der das abdruckt, sondern man mag es allerhöchstens nicht, dass er raucht. Es ist aber seine freie Entscheidung, wie es auch die freie Entscheidung der Fans bleibt, ihr liebstes Getränk zu trinken. Akuter Handlungsbedarf dagegen? Bestimmt nicht. Die Öffentlichkeit im Fußball wird nur so fotografiert, wie sie sich verhält, warum also ohne Alkohol? Eine Förderung durch die Medien sehe ich überhaupt nicht, da sie nur einer objektiven und "nüchternen" Informationsweitergabe nachkommen.

    Zum restlichen Artikel: Wie gewohnt sehr gut geschrieben und interessant, aber vor allem fundamentiert.

    Viele Grüße
    PS

  10. Als Newsticker für Redesigns ist das Designtagebuch ganz nützlich. Allerdings werde ich die Texte ab sofort nicht mehr lesen.

    Warum? Erstens sind die Informationen oft unvollständig. Beispiel aus dem aktuellen Artikel: Das Erste, was mir ins Gesicht springt, ist eine neue Headline-Schrift in der HAZ. Wie die heißt, darf ich dann selbst nachschauen (Rocky Condensed). Kein Wort dazu. Zweitens fehlt es an zumal typografischer Sachkenntnis. Die Candida läuft in den gängigsten Fassungen gerade nicht schmaler, sondern bei gleicher x-Höhe weiter als die Centennial. Warum erscheint die Candida in der HAZ trotzdem schmaler? Wird etwa die absurd eng zugerichtete URW- bzw. Scangraphic-Variante verwendet oder die Schrift mit negativem Laufweitenausgleich gesetzt? Kein Wort dazu. Es scheint nicht mal aufgefallen zu sein. Stattdessen wird die Candida – die nüchterne, unsichtbare, robuste Zeitungsschrift schlechthin – mit schlagenden Argumenten („Ihr fehlen […] die Tropfen“) für extravagant und auffallend erklärt. Drittens sind die Versuche, gestalterische Entscheidungen zu deuten, hilflos bis abgedreht: Eine immens populäre Serifenlose (Frutiger, soweit ich sehe) wird durch eine andere, seit ein paar Jahren immens populäre Serifenlose (Gotham) ersetzt. Wie jedes Kind weiß, bedeutet dies: erstens Boulevardisierung, zweitens eine stärkere Orientierung „an zeitgenössischen Strömungen“. Das eine ist an den Haaren herbeigezogen, das andere banal, beides zusammen verzichtbar. Viertens ist auch die sprachliche Gestalt zum Abgewöhnen („ob der auf diese Weise zum Ausdruck gebrachten im besten Fall sich am Zeitgeschmack ausgerichteten Gestaltung“). Guten Schreibern, die sich auf diesem Niveau gestalterisch betätigen, würde man raten, bei dem zu bleiben, was sie können. Fünftens ist offenbar neuerdings auch noch vorgesehen, dass der an Gestaltung interessierte Leser mit gesellschaftspolitischem Gewäsch behelligt wird. Daran habe ich keinen Bedarf, unabhängig von meiner eigenen Meinung zum Thema.

    Zumindest die ersten vier Punkte treffen, mutatis mutandis, auf so ziemlich jeden Text zu, den ich hier in letzter Zeit gelesen habe. Als bebilderter Newsticker mag so was noch durchgehen, aber inhaltlich ernst nehmen kann ich es nicht. Es wäre interessant zu erfahren, ob es auch anderen so geht.

  11. Was ist an der Gotham falsch? Sie ist einfach schön und universell. Und nur weil sie ein US-Präsident mal verwendet hat, muß da nicht jedes Mal drauf Bezug genommen werden. Was juckt es eine Schriftgestaltereiche, wenn sich eine Obamasau an ihr schubbert. :-)
    Es gibt eben Schriften, die sind zeitlos und passen fast immer. Mit Helvetica kann man eigentlich auch fast nie was falsch machen. Keiner hat sich bei iOS7 beschwert, dass die Schrift zu alt ist.

    Das Schriftendurcheinander finde ich auch nicht gerade ästhetisch, aber ich glaube, Ästetik ist nicht die Hauptpriorität einer Tageszeitung. Ich kann mir vorstellen, dass zu gutes Aussehen sich hier am Ende schlechter verkaufen würde. Aldi bringt ja auch keine Hochglanzprospekte raus.

    PS zum PS: Fußball ist Unterschicht. Da passen rauchen, saufen und sich prügeln einfach dazu. Da geht der einfach Mann hin, um in seinem tristen Leben mal was zu erleben, und wenn es nur die Erfolge anderer sind. Wenn du gepflegte Unterhaltung suchst, bist du fehl am Platz.

  12. Ich bin Leser der HAZ und das Redesign hat der Zeitung aus meiner Sicht nicht gut getan (auch wenn die ausgewählten Leserbriefe anderes verlauten lassen). Wenn ich dieses Design, kürzere Artikel (aufgrund höherem Zeilenabstand) und Boulevard-Style mag, kann ich auch gleich die im gleichen Verlag erscheinende Neue Presse (NP) kaufen. Das will ich aber bewusst nicht. Die HAZ war schon lange grenzwertig (der Nutzwert fehlt im Prinzip völlig, von wenigen Lokalnachrichten abgesehen), nun wird ein Wechsel wirklich sinnvoll.

  13. Schön, dass meine Kritik an der Bildauswahl auch einmal die stillen Leser hervor lockt. Danke für Deine Meinung PS.

    Danke auch Dir für Deine Meinung, „Arno“ (da Du auch unter „Christopher“ und „Christoph N.“ kommentierst, steht Dein Name in Gänsefüßchen). Wenn Du dich selbst mit Gestaltung befasst, müsste es Dir eigentlich nicht schwer fallen, den Zusammenhang von Form und Inhalt zu erkennen. Ich kann nicht über Gestaltung sprechen und ein solches Foto, das aus meiner Sicht verunglückt ist, unkommentiert lassen. Wie banal im Vergleich dazu ist doch das Fachsimpeln über X-Höhe und Laufweite von Schriften. Ja, das sage ich als Gestalter.

    Vielleicht wird es Dich überraschen: außer einer Handvoll leidenschaftsvoller Typographen interessiert sich kein Mensch da draußen (außerhalb der Kreativwirtschaft) für derlei Typodetails. Ich finde sie zuweilen bedingt ergiebig, zumindest dann, wenn beim Fachsimpeln über Kerning & Co. das Wesentliche in den Hintergrund rückt. Es heißt „Design Tagebuch“ und nicht „Typo Tagebuch“. Ich versuche – manchmal gelingt es und manchmal weniger – möglichst viele Facetten anzusprechen. Wer selbst schreibt, einen Blog führt oder als Journalist arbeitet, der wird nachvollziehen können, dass trotz guter Vorbereitung schon einmal ein Aspekt hinten runter fallen kann, einfach weil der Fokus anderen Bereichen galt.

    Wer Kommunikationsdesign sein Handwerk nennt, der darf sich gerne auch mit Themen wie Sprachlenkung, Bildsprache oder etwas scheinbar profanen wie der Bildauswahl beschäftigen. Lieber lasse ich mir von einem Typoliebhaber, wie Du es offenbar einer bist, vorwerfen, ich würde „Gewäsch“ produzieren, als dass ich einen aus meiner Sicht wesentlicheren Aspekt unausgesprochen ließe. Darf ich zudem fragen: Was soll denn heißen „Informationen sind unvollständig“? Ein Setzkasten kann vollständig sein. Ein Artikel, eine Website, eine Zeitung, eine Bibliothek wird diesen Status niemals erreichen können. Du tippst viele Worte, äussert Dich allerdings mit keiner Silbe dazu, ob die neue Gestaltung Deiner Ansicht nach funktioniert. Auch Dein Kommentar ist unvollständig. Insofern läuft auch Dein erster Kritikpunkt ins Leere.

    Dass Du den Blick für Typodetails hast, das beweist Du in Deinem Kommentar, für den ich Dir sehr dankbar bin. Wenngleich zum Teil pauschalilisierend empfinde ihn als Bereicherung und als Anregung. Danke, dass Du den Namen der Headline-Schrift noch ergänzt hast. Tatsächlich hätte sich dieser auch im Artikel selbst ganz gut gemacht. Gut, dass es die Kommentarfunktion gibt. Ich habe den Artikel entsprechend aktualisiert. In Bezug auf die Laufweite habe ich mich in der Tat verguckt. Beide Schriften laufen fast gleich lang. Auch dies habe ich im Artikel angepasst.

    Du vermisst typographische Sachkenntnis, wie Du schreibst. Ich vermute, dass Du diese für Dich selbst reklamierst. Ein paar Sätze später stellst Du die Frutiger und die Gotham auf die gleiche Stufe. Das passt nicht zusammen. Denn die Unterschiede sollten einem eigentlich als jemandem, dem Schriften und Typographie derart am Herzen liegen, bewusst sein. Auch an dieser Stelle ist Dein Kommentar wenig differenzierend.

    Die Frutiger wird wohl nur noch von der Helvetica übertroffen, wenn es darum geht, den Titel „konformistischste aller Schriften“ zu erringen. Gefühlt findet sie in jeder zweiten Geschäftsliteratur Anwendung, und das seit dem Tag ihrer Veröffentlichung Mitte der Siebziger. Die Frutiger ist die Unsichtbare (ob es die Candida ist, möchte ich bezweifeln). Die Frutiger ist eine Serifenlose, die nicht auffällt, weil sie fast schon gesichtslos ist, weshalb sie wunderbar die in ihr gesetzten Texte in den Vordergrund hebt. Sie ist eine Fließtextschrift par excellence. Die Gotham hingegen ist, so kennt man sie seit der ersten Obama-Kampagne, auffällig und unangepasst. Sie ist die Headline-Schrift par excellence. „Hier stehe ich, schau mich an“ scheint sie zu sagen, ob in fetten wie auch in dünnen Lettern. Die Gotham ist der Popstar unter den grotesken Schriftarten, das komplette Gegenbild zur Frutiger. Sie drängt sich, angeschoben von Designern, in den Vordergrund. Sie mag das Licht, sucht die Öffentlichkeit, tummelt sich regelmäßig in Font-Ranglisten, liebt den Boulevard. Einzig ihre Popularität und der Umstand, dass beide serifenlos sind, verbindet die Frutiger und die Gotham. Und dieser Umstand allein soll nun Beleg für die Kritik an meiner Einschätzung hinsichtlich des Schriftwechsels hin zur Gotham sein? Das erscheint mir ein wenig substanzlos.

    Im Journalismus ist derzeit ein Ausbreiten des Boulevards zu spüren. „Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet.“, schreibt etwa Stefan Niggemeier. Dieses Ausbreiten ist sprichwörtlich visuell greifbar. Fettere Typo, kürzere Texte und Ticker, Ticker, Ticker. Man muss auf beiden Augen blind sein, wenn man diese Entwicklung nicht wahrnimmt.

    Keiner hat sich bei iOS7 beschwert, dass die Schrift zu alt ist.

    Hehe… das nicht … allerdings war und ist die schlechte Lesbarkeit der dünnen Buchstaben sehr wohl Anlass für massive Kritik am Interface.

    Und schau mal, Benny, wer in den vergangen Monaten/Jahren alles auf die Gotham umgestellt hat. Der Bezug zu Obama ist es nicht, der die Gotham mittlerweile abgegriffen aussehen lässt.

  14. Es wäre auch höchst seltsam, wenn alle der über 90.000 Leser, die Monat für Monat vorbeischauen, das dt über den grünen Klee lobten, koni. Mal Butter bei de Fische: was geht Dir auch so? Ich stelle mich gerne der Kritik, wenn sie denn begründet wird. Schreib, was Dir nicht schmeckt. Zeig mir, wo ich falsch liege und ich bin der letzte, der seine Aussage nicht revidiert und korrigiert.

  15. Seltsame Diskussion. Ich teile nicht immer die Meinung von Achim, ich bin ihm aber immer dankbar, dass er eine hat. Dieses Meinung haben und bilden ist nämlich wahrscheinlich der Grund für sein Engagement und seine Artikelfülle. Davon profitieren sehr viele, auch die, die das jetzt bestimmt abstreiten würden. Da sei doch jeder persönliche Kommentar erlaubt. Ist das nicht eigentlich Sinn eines Blogs?
    Achim, weiter so!

  16. Thema Sachkenntnis: Die Centennial war nie die Grundschrift der HAZ, das war die Excelsior. Die Centennial wurde nur für Headlines genutzt.

  17. Vielleicht als kleine Anekdote eines hannoverschen HAZ-Abonnenten: Als ich am Samstag etwa eine halbe Stunde nach meiner Holden das Bett verließ und ihr dann beim Zeitung-Lesen über die Schulter lukte, entfuhr mir ein legeres: „Ach, ein Redesign“. Die Antwort lautete: „Ja? Wo denn?“ Ja: Wo denn?

    Ich stimme Achim in diesem Sinne völlig zu: das ist höchstens ein Facelift, kein Relaunch. Die inhaltliche Spalten-Grundstruktur nicht nur der Titelseite, sondern auch des gesamten Innenteils ist in meiner Wahrnehmung weitgehend unangetastet geblieben. Da herrscht vor allem auf der ersten Seite immer noch das HAZ-typische „1-4-1“: Der Leitartikel rechts ist immer noch da, wo er immer war, nur jetzt mit Autorenbild geziert. Links warten immer noch die Teaser, nur eben in einer anderen serifenfreien, „präsidentielleren“ Typo als vorher. Die Unterzeilen nunmehr grotesk, vorher serifenbestückt. Und hier und da mal eine fettere, sanftgraue Trennlinie in der Horizontalen, oben und unten mit etwas mehr Luftpolster bestückt.

    Und nochmals eine Zustimmung in Richtung Achim: Wer so etwas wie den jüngsten „Launch“ für nötig hält, betreibt (in erster Linie typografischen) Aktionismus und kein durchdachtes „News-Design“. Hier begegnet uns wieder einmal das übliche „Etwas-Hübscher-Machen“, das „Etwas-moderner-hintrimmen“, das mit der Übersetzung wirklicher redaktioneller Ideen in nutzerfreundliche Gestaltung nur sehr am Rande etwas zu tun hat. Weil: die redaktionellen neuen Ideen anscheinend nicht existieren. Und ohne neue Ideen, das wissen wir alle, gerät Design eben zur Fassaden-Tünche.

    Zumal ich, und hier betrete ich ausdrücklich nur einmal die Sphäre der Makrotypografie, die Gotham im neuen Layout als zu groß dimensioniert empfinde gegenüber der Candida. Da herrschte vorher mehr Harmonie zwischen den Brot-Schriften.

    Mir persönlich tut’s daher leid. Denn obwohl ich die HAZ auch im „neuen“ Design immer noch optisch ansprechender finde als nahezu alle regionalen Tageszeitungen sonst im Norden: sie hat sich ohne Not grafisch beliebiger, verwechselbarer gemacht. Ich mochte den durchaus modernen grafischen Konservatismus der HAZ immer gerne, die kontrollierte Enge, damit aber auch suggerierte Fülle an Information, den Luxus der beherrschten Textlastigkeit, die ich bei kaum einer anderen deutschen Regionalzeitung noch entdecken konnte. „HAZ goes Stuttgarter Zeitung“ – das war mein erster Gedanke. Aber während die Stuttgarter seinerzeit wirklich noch einige basale redaktionelle Umstellungen in Gestaltung gegossen haben, haben wir nun vor uns: eine HAZ mit ein paar neuen Typen, etwas mehr Weißraum, etwas mehr Ähnlichkeit mit Blättern auf journalistischer Augenhöhe. Und weitgehend altem Konzept.

    Kurzum, und nochmals: Anstrich statt Konzept. Kein Wunder, dass Design zunehmend im Ruch der „Etwas-schöner-Macherei“ steht, und nicht mehr im Range eines wichtigen Bestandteils eines integralen Kommunikations-Prozesses.

    Ich mochte die alte HAZ lieber. Und werde sie trotzdem weiter lesen. ;-)

  18. Danke Horst. Mein Fehler. Da hätte ich einfach genauer hinschauen müssen. Offenbar hatte mir beim Verfassen des Artikels meine Herzensangelegenheit, gemeint ist die fotografische Verquickung von Sport und Alkohol, den Blick für die Details etwas vernebelt. Aus solchen Böcken lernt man, lerne ich, keinen Schlendrian einkehren zu lassen. Insofern herzlichen Dank für die Korrektur.

    Den Artikel habe ich entsprechend aktualisiert, weil ich ihn so natürlich nicht stehen lassen konnte. In jedem Fall bezog ich mich in der Ursprungsfassung im Abschnitt „Was den Wechsel der Fließtextschrift betrifft…“ tatsächlich auf die jeweiligen Fließtexte der alten und der modifizierten HAZ-Ausgabe und nicht auf die Schriftnamen, sodass es im Artikel anstelle von „Centennial“ nun „Excelsior“ heißt. Also korrigierter Name, gleicher Inhalt.

  19. @achim
    werd am WE (wie aufgefordert) mal die jeweiligen Artikel kommentieren. Im Moment grad nicht den Kopf dazu.
    Aber hast ja selber eh schon zugegeben zuletzt auch ein wenig geschlampt und manchmal ein wenig nah an der Oberfläche argumentiert zu haben. ;-)
    Ist man so ja auch nicht gewohnt (gewesen?).
    Nur rasch noch ein Wort zu dem Aufmacherbild: ich seh darin so gar keine Glorifizierung von Alkohol. Die Bierduschen und Sektspritzereien, sie haben nunmal Konjunktur in diesen Tagen. Wenn das auf den Fußballplätzen der Republik passiert, nun dann ist es das gute Recht einer Zeitung, diese Wirklichkeit auch abzubilden. Find es eher gelungen wie so ein kleines Pilsfläschchen illustriert, (wahrscheinlich eher unbewußt) mit weklchem ökonomischen Minimalaufwand Paderborn den Aufstieg geschafft hat wo doch sonst eine bayrische Weißbierbrauerei bemüht ist möglichst große Behältnisse mit ihrem Schriftzug telegen ins Bild zu setzen und eigenes Personal mitbringt die Humpen möglichts schnell und möglichst oft zu füllen um sicher zu gehen auch wirklich im Bild zu sein. Sei es Dir ein Trost, daß die von Dir als Droge gebranntmarkte Flüssigkeit ja so hektoliterweise verschüttet und also entsorgt wird, ohne daß es den von Dir befürchteten Schaden dann also anrichten könnt.

  20. Ja, mach das gerne koni. Wenn Du Dir die Zeit dafür nehmen würdest, wüste ich das sehr zu schätzen. Wenn es einfacher ist, die Kritik in eine E-Mail zu packen, anstatt einzeln an den Artikeln anzuhängen, dann gerne auch an mail {ät} designtagebuch.de

    Und was das Verschütten des Bieres betrifft. Natürlich kann dies kein Trost sein, denn der entscheidende Punkt ist die suggerierte Bildaussage, sportliche Erfolge müssten auf diese Weise gefeiert werden, müsste immer mit Alkohol begossen werden. Welche Wirkung dieser Eindruck auf Kinder und Jugendliche hat, kann man sich in etwa ausmalen.

  21. Hallo,
    auch ich gehöre ja tendenziell eher zu den stillen Lesern, aber da ich gerade über einen zur Bierthematik passenden Artikel gestolpert bin, wollte ich diesen hier doch nicht vorenthalten:
    http://www.sueddeutsche.de/sport/sinn-und-unsinn-der-bierdusche-mia-san-bier-1.1960158

    Und noch etwas zur Qualität der Artikel: Ich bin Achim sehr dankbar für seine hier geleistete Arbeit – natürlich stimme ich seinen Argumentationen und Schlussfolgerungen mal mehr und mal weniger zu, aber ich begreife seine Ausführungen schließlich nicht als mit dem Anspruch auf alleinige Wahrheit behaftete Bekundungen, sondern als erste und oft auch ausführlichste Meinung zu den vorgestellten Themen. Und als solche sind sie stets interessant und in ihrer in der Regel recht klar Stellung beziehenden Form ein guter Start für eine in den Kommentaren fortgeführte Diskussion.
    Danke dafür!

  22. Im Zusammenhang mit dem vorigen Beitrag wundere ich mich weiterhin: »Wurstdesign« ist Anmaßung der Fleischer, aber »Facelift« durch Designer ist angemessen? Seit wann dürfen wir denn medizinisch tätig sein und chirurgische Eingriffe vornehmen? Da sind die Wurstfabriken deutlich näher am Design, wenn man sich all die Kreationen ansieht mit Gesichtern und Was-weiß-ich-noch-alles im Anschnitt oder mit speziellen Formen. Ebenso die Friseure, die auch über Typ und Umgebung (= Gesicht, Körper) nachdenken, bevor sie loslegen.

    • Seit wann dürfen wir denn medizinisch tätig sein und chirurgische Eingriffe vornehmen?

      Johannes, mir ist kein Designer bekannt, der nebenbei auch noch als Chirurg arbeitet ;)
      Der Vergleich hinkt deshalb, weil „Facelift“ im Gegensatz zu „Wurstdesign“, „Naildesign“ etc. als Synonym für „Veränderung“ sehr gebräuchlich ist, auch außerhalb der Kreativwirtschaft. Es hat rein gar nichts Anmaßendes, diesen Begriff zu verwenden. Wenn etwa davon die Rede ist, dass der 911er ein Facelift bekommen hat, weiß jeder, dass damit kein medizinischer Eingriff gemeint ist, sondern eine leichte optische Veränderung am Fahrzeug.

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