Neues Erscheinungsbild für Staatstheater Hannover

Staatstheater Hannover – Logo, Quelle: Staatstheater Hannover

Die Niedersächsischen Staatstheater in Hannover erleben dieser Tage einen Neustart. Bei den Sparten Oper und Schauspiel gab es jeweils einen Intendanzwechsel, und unter der neuen künstlerischen Leitung ändert sich zudem das visuelle Erscheinungsbild.

Herbstzeit ist auch Redesign-Zeit, zumindest an zahlreichen Theatern und Opernhäusern, wie beispielsweise die kürzlich hier im dt vorgestellten neuen visuellen Identitäten des Burgtheaters Wien und der Staatsoperette Dresden verdeutlichen.

Mit einem neuen Erscheinungsbild warten in diesem Jahr auch die Staatstheater Hannover auf, die mit Schauspielintendantin Sonja Anders und Opernintendantin Laura Berman jeweils neue künstlerische Leiterinnen bekommen haben. Am vergangenen Wochenende wurde im Rahmen eines gemeinsamen Theaterfests von Oper und Schauspiel der vorgezogene Auftakt der Spielzeit 2019/2020 gefeiert. Die ersten Premieren gibt es am Wochenende vom 13 bis 15. September. Studierende kommen mit Beginn der neuen Saison kostenlos in die Oper und ins Schauspiel. Möglich macht dies eine neue Theaterflatrate, die mit dem Semesterbeitrag bereits bezahlt ist.

Staatsoper Hannover – Rigoletto, Quelle: Staatstheater Hannover

Staatsoper Hannover – Rigoletto, Quelle: Staatstheater Hannover

Das bislang verwendete rote „x“, das seit fast 20 Jahren das Erscheinungsbild der Staatstheater Hannover geprägt hat, erfuhr eine „energetische Aufladung“, wie es seitens der Verantwortlichen heißt. In der Lokalpresse und im Umfeld von Social Media sorgt das neue Logo ob seiner Form für Diskussionsstoff. Das aus zwei Blitzen bestehende Signet habe Ähnlichkeiten mit NS-Symbolik, so der Vorwurf. Wohl auch deshalb sah sich die Pressestelle der Staatstheater vor wenigen Tagen dazu veranlasst, in einem Facebook-Eintrag die Idee hinter dem Logo zu erläutern:

„Es ist immer ein Risiko, mit Sehgewohnheiten zu brechen und ein vertrautes Motiv zu verändern. Auch das altbekannte rote X hat in den letzten 15 Jahren manche Wandlung und Modifikation erfahren. Unser Anliegen ist es, das Logo energetisch aufzuladen und inhaltlich für unser Haus neu zu beleben: Die Blitze der Bildmarke laufen zu einem X zusammen und symbolisieren die gebündelte Kraft der vier Sparten Oper, Schauspiel, Konzert und Ballett. Es soll für ein lebendiges, leidenschaftliches und verbindendes Theater stehen und zugleich die Bühne als Energiezentrum markieren. Dass das Logo durchaus unterschiedliche und polarisierende Assoziationen wecken kann, ist uns bewusst und wurde ausgiebig diskutiert. Wir hätten sicher auch ein gefälligeres und einvernehmlicheres Erscheinungsbild entwickeln oder alles beim Altbewährten belassen können – das entspräche aber ganz und gar nicht unserem Grundverständnis von Theater und seiner Aufgabe innerhalb der Stadtgesellschaft. Über die Themen des Theaters darf und muss man streiten, nur so bleibt eine Gesellschaft lebendig und agil. Wir finden, dass dieser Aufruf zu Auseinandersetzung und Diskurs sich auch im Erscheinungsbild widerspiegeln darf. “

Staatstheater Hannover Logo – vorher und nachher

Staatstheater Hannover Logo – vorher und nachher

Neben dem „Blitz-X“-Logo sind es vor allem knallige Farben und kräftige Farbkontraste, die das Erscheinungsbild der Staatstheater prägen. Für die typographische Note sorgt die Serifenschrift Sang Bleu Kingdom, die sowohl in Headlines wie auch im Copy Text zur Anwendung kommt. Entstanden ist das neue Erscheinungsbild in Zusammenarbeit mit der Berliner Agentur Stan Hema.

Unter der Domain staatstheater-hannover.de werden fortan alle Aktivitäten der zum Staatstheater Hannover gehörenden Sparten gebündelt (Schauspiel, Oper, Ballett, Orchester). Andere Domains, darunter schauspielhannover.de und oper-hannover.de, fungieren lediglich noch als Weiterleitungen.

Kommentar

Ein großes X ist seit fast 20 Jahren das Erkennungszeichen der Staatstheater Hannover, und das wird auch nach erfolgtem Redesign so bleiben. Das alte X wirkte auf mich seit je her inhaltsleer, nichtssagend, blass und unspezifisch – mit dem neuen Erscheinungsbild ändert sich das, bekommt das X dank veränderter originärer Form Substanz, Tiefe und Prägnanz.

Nicht jeder Betrachter, so unterstelle ich einmal, wird in dem neuen Signet der Staatstheater eine Sigrune erkennen. Denn die für eine Doppel-Sigrune* charakteristische parallele Anordnung der S-Runen ist nicht gegeben. Im Staatstheater-Logo, und das unterscheidet es von der Doppel-Sigrune elementar, kreuzen sich zwei sich in ihrer Form verjüngenden Blitze. Dabei bilden die Blitze unverkennbar ein X, nicht etwa zwei S. Die Unterschiede sind, objektiv betrachtet, signifikant.

Die eigene Wahrnehmung folgt jedoch nur bedingt der Logik, vor allem ist sie wenig objektiv. Beiträge auf Facebook und in der lokalen Presse zeigen, das die Gestaltung Assoziationen in Richtung NS-Symbolik weckt. Ich kann den Eindruck durchaus nachvollziehen. Denn vor allem dort, wo das Logo in Verbindung mit einem Schwarzweiß- oder auch Schwarzrot-Kontrast zur Anwendung kommt und wo ein zentrisches und dadurch streng wirkendes Layout greift, lässt die Gestaltung eine solche Assoziation zu. Nicht dass die Gestaltung diese gezielt nährte. Eine gezielte Nachahmung von NS-Symbolik bzw. -Stilistik findet nicht statt. Allerdings: ließe sich beispielsweise das SEK Sachsen derlei Blitz-X-Zeichen auf die Rücksitze sticken, würde dies wohl erneut für landesweites Aufsehen sorgen. Für eine Spezialeinheit der Polizei gelten in Bezug auf das visuelle Erscheinungsbild freilich gänzlich andere Regeln als für eine solche Kulturstätte, die auch Nadelstiche setzen darf, sollte und muss, um so den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen.

Wer sich auf das Blitz-X-Zeichen einlässt, wird vielleicht überrascht sein, dass in der Gestaltung noch mehr steckt, nämlich zwei nach innen und ins Zentrum des X weisende Pfeile, die durch die Negativform gebildet werden (ähnlich wie im FedEx-Logo). Die mit dem X verbundene symbolische Bedeutung (Bündelung, Zusammenhalt, Treffpunkt), erfährt auf die Weise eine zusätzlich Aufladung/Aufwertung.

In jedem Fall ein Zeichen, das „hängen bleibt“ und zur Diskussion anregt.

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* Die Doppel-Sigrune wurde zur Zeit des Nationalsozialismus von der Waffen-SS verwendet – sie gehört zu den Zeichen und Symbolen, deren Verwendung strafbar ist.

Mediengalerie

23 Kommentare zu “Neues Erscheinungsbild für Staatstheater Hannover

  1. Flash! Ah-ah
    Savior of the universe

    Mehr kann ich dazu tatsächlich kaum sagen. Das Logo bettelt geradezu um Aufmerksamkeit. Das stößt den Betrachter – zumindest mich – ähnlich ab, wie blinkende Werbe-Popups auf Webseiten die einfach schnellstmöglich unbesehen weg geklickt werden. Aufmerksamkeit erzeugt heute tatsächlich eher derjenige der Design reduziert. Da könnte man viel von Start-ups und IT Firmen lernen, die da mehr am Puls der Zeit sind.

  2. Langsam hab ich es satt. Polarisieren, anecken, energetisch aufladen – mir ist schon klar, dass auf der Bühne viel passieren kann und mag, aber muss sich jetzt jede Bühne Deutschland noch visuell lauter von der anderen unterscheiden? Gerade in der Farbgebung des Introbildes ist mir die Sache hier zu comic-haft geraten. Und das ist leider Alltag in Deutschland Theater-Häusern geworden – sie haben alle Corporate Designs die sich in den Vordergrund drängen und auffallen wollen, der Inhalt, und damit meine ich sogar manchmal den Titel, geht im auffallenden Action-Design unter. Das ist bei uns in der Stadt genau so ein Thema und kein Einzelfall in Deustchland. Diese permanenten Versuche von Provokation nerven mich gewaltig und halten mich eher davon ab, ins Theater zu gehen, schlichtweg, weil ich diese Attacke auf meine Augen möglichst schnell auszublenden versuche. Und somit das Angebot nicht mehr wahrneme.

    An sich schätze ich die Arbeiten aus dem Hause Stan Hema sehr, sie mögen zwar gerne mal unkonventionell wirken und eine sehr eigenwillige Ästhetik haben, aber sie werden zu einer runden Sache und stehen für herausragendes Design (z.B. Deutsche Oper Berlin). Diesmal sehe ich das aber nicht, denn Bildmarke und Design gehen getrennte Wege, die Einheit dabei flöten, das X sitzt auf reduzierten Layouts draufgesetzt, bzw. passiert aus.

  3. Bin gespannt, wann der erste Kulturbetrieb die Comic Sans im Design einsetzt. Wenn es so weitergeht mit den hässlichen neuen Designs dieser Branche, dauert es höchstens noch ein, zwei Jahre.

  4. Ich finde es ja immer wieder faszinierend, das kulturelle Einrichtungen immer ihren kompletten Auftritt über Bord werfen (müssen), wenn ein neuer Intendant/Künstlerische Leitung kommt, als gelten hier vollkommen andere Regeln als für alle anderen.
    Jede x-beliebige Marke positioniert sich am Markt, findet und verfeinert ihre Zielgruppe, schärft ihr Profil und wenn dann ein Wechseln in der Führung ansteht sucht man die Person die am besten zur Marke (Einrichtung/Unternehmen) passt und diese gekonnt in die Zukunft führen und weiterentwickeln kann.
    Lediglich in kulturellen Einrichtungen (Schauspiel, Theater, Oper etc.) wirft man alle paar Jahre hin und macht sich an den Neustart. Ist dies wirklich nötig? Ist es für Intendanten wirklich ein Ding der Unmöglichkeit ihr Können unter einer etablierten Marke zu entfalten? Oder muss hier einfach ordentlich das Ego der Damen und Herren gepämpert werden?

  5. > Die Unterschiede sind, objektiv betrachtet, signifikant.
    Wer hier Nazi-Symbolik erkennen will (wie die Lokalpresse) fährt aber lieber die subjektive Schiene (weil es sich besser verkauft?).

    Die Plakate in Hannover werben groß mit SPIELZEIT oder bekannten Titeln, daher ist sofort die Assoziation zum Theater gegeben und wenn man das alte Logo kennt, bietet das neue X einen Wiedererkennungswert. Für mich hat die Designumstellung sehr gut funktioniert.

  6. Ich finde das so lächerlich, dass man kaum noch ein Logo mit schrägen Linien oder 90° Ecken machen kann, ohne dass einer wieder „Nazi“ schreit… Gerade hier schreit einen der Blitz doch direkt an, wie kann man das wieder nur auf Einzelteile reduzieren, „die eine Ähnlichkeit mit NS-Symbolen haben“? Das war ja schon beim Dreieck im Domradiologo lächerlich…

  7. Flash! Ah-ah

    Sehr treffend! Da fehlt noch ein „PAFF! ZACK! BAAAM!“, dann könnte das aus einer alten Batman-Folge stammen. Sowas kann man machen, wenn man eine kleine experimentelle Kulturbühne betreibt, aber bei einem Staatstheater? Man muss sich auch bewusst machen, was Transparente mit so einem Logo mit den alt-ehrwürdigen Gebäuden in Hannover machen, die städtebaulich Teile von entsprechenden Gebäudeensembles sind, hier z.B. das Opernhaus:
    Hannoveraner Opernhaus

    Als Hannoveraner bin ich nicht erfreut. Das vorherige Logo war auch nicht gut, sondern nichtssagend und uninspiriert. Immerhin die Typografie ist ein Fortschritt, auch wenn ich das immer noch serifenlose „Hannover“ nicht nachvollziehen kann. Insgesamt ist dieser Schrei nach Aufmerksamkeit für ein Staatstheater und für das Stadtbild ziemlich unangemessen.

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