Burgtheater Wien startet mit generativem Design in die neue Spielzeit

Burgtheater Visual, Quelle: Burgtheater Wien

Mit dem Österreichischer Martin Kušej bekommt das Burgtheater Wien zu Anfang September nicht nur einen neuen Direktor, auch das visuelle Erscheinungsbild eines der bedeutendsten Theater Europas wechselt. Um der Idee der permanenten Fortentwicklung Ausdruck zu verleihen, wählte man eine Formensprache, die auf generativer Gestaltung basiert.

Wenn Mitte September beim Burgtheater Wien die Spielzeit 2019/2020 beginnt, werden Besucher und Theaterfreunde aus mehrerlei Sicht neue Eindrücke erleben. Wie Martin Kušej gegenüber der Presse erklärte, wolle er in Wien „Vollgas geben“. Kušej war zuvor Intendant des Residenztheaters in München. Rund 30 neue Schauspieler soll Kušej mit an die „Burg“ bringen. „Es wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum ist das ganze Spektrum der Gesellschaft eingeladen“, wie der neue künstlerische Leiter Martin Kušej im aktuellen Spielzeitheft einleitend ankündigt.

Burgtheater Spielzeitheft 2019/2020, Quelle: Burgtheater Wien

Burgtheater Spielzeitheft 2019/2020, Quelle: Burgtheater Wien

Neu ist auch das visuelle Erscheinungsbild, bei dem zwar weiterhin Schwarz und Weiß dominieren und doch eine gänzlich veränderte Optik bietet. Eine Optik, die gezielt für Irritationen sorgen soll, so jedenfalls die Intention. Das Erscheinungsbild basiert auf einem generativen Schriftdesignkonzept namens „Phase“. „Phase“ wurde von Elias Hanzer entwickelt, einem in Berlin lebenden Grafik- und Schriftdesigner. Darauf aufbauend hat die Wiener Agentur studio VIE eine visuelle Identität geschaffen, die den selbst formulierten Anspruch, sich permanent fortentwickeln und niemals fertig werden zu wollen, Ausdruck verleiht.

Anstelle eines statischen Logos, wie es bislang Verwendung fand, nutzt das Burgtheater Wien fortan eine dynamische typographische Formensprache. Mal fungiert, wie etwa beim App-Symbol, lediglich ein Fragment als Absender, in anderen Fällen, wie etwa beim Spielzeitheft, kommt der gesamte Schriftzug zum Einsatz, im Umfeld digitaler Medien in animierter Form.

Kommentar

Das bisherige Logo ist in seiner Form mit schwarzem, rechteckigem Korpus ein ausgesprochen statisches Zeichen – der Name „Burg“ bildet im Zusammenspiel mit der Form eine geradezu symbiotische Einheit. Wahrlich eine feste, uneinnehmbare Burg. Die neue visuelle Identität des Burgtheaters hingegen beschreibt eine Abkehr von eben jener Statik, wie man sie in klassischen Gestaltungskonzepten oftmals vorfindet. Alles ist in Bewegung, verändert sich fortlaufend. Ein in Formensprache manifestierter Wille zur permanenten Fortentwicklung. Mit Hilfe von generativen Design lässt sich eine solche Idee natürlich bestens umzusetzen. Ich finde das Konzept wie auch die Umsetzung sehr interessant. Ob man das Design im ästhetischen Sinne als schön bewertet, wird jeder anders beantworten. Etwas mehr Weißraum und Luft zum Atmen hätte man dem „schwarzweißen Formenteppich“ schon gestatten können.

Mediengalerie

25 Kommentare zu “Burgtheater Wien startet mit generativem Design in die neue Spielzeit

  1. Ich lebe seit 15 Jahren in Wien und fahre fast täglich an der »Burg« vorbei. Das neue Design wie auch die Typografie finde ich grässlich. Schon der alte Auftritt war mir zu nüchtern, zum Füße-Einschlafen ideenlos und einer der wichtigsten Kultur-Institutionen des Landes unwürdig. Aber bei diesem Machwerk hier schält sich mir jedes Mal die Netzhaut ab. Ein visuelles Desaster.

  2. Oh mei, oh mei! Das Durcheinander spricht zu mir wie folgt: »Wenn du mich nicht verstehst, bist du vermutlich auch zu doof für unsere Aufführungen. Komm nicht zu uns, du würdest die Stücke nicht begreifen!«

  3. Ich habe mein Land Russland immer als Modell des Konservatismus und der Ablehnung von allem Neuen angesehen.
    Aber dies in europäischen Ländern zu lesen, die für ihre Toleranz berühmt sind, ist der Höhepunkt von Zynismus und Hass.

    Ich hoffe, der Google Übersetzer übersetzt mich richtig

    • Da Design weit mehr als oberflächliche Gestaltung ist, kann man das durchaus. Zumindest halte ich es für wichtig hier zu differenzieren.

      Das menschliche Ästhetikempfinden ist etwas sehr subjektives. Was gefällt und was nicht, ist zum Großteil eine Frage der persönlichen Wahrnehmung. Eine ästhetische Anmutung ist jedoch nur eines der an ein Design geknüpften Kriterien. Ein Ohrensessel oder eine Kaffeemaschine können, rein aufs Äußerliche und in Bezug auf die Ästhetik bezogen, furchtbar hässlich sein. Wenn der Sitzkomfort überzeugt bzw. die Bedienung des Automaten völlig unkompliziert ist, dann ist ein zentrales Kriterium von Design erfüllt.

      Gutes Design ist ästhetisch, wie es Dieter Rams in einer seiner 10 Thesen formuliert hat. Aber auch Dinge und Gegenstände, die unattraktiv oder sogar hässlich sind, können in Bezug auf ihre Funktionalität und Anwenderfreundlichkeit ein gutes Design aufweisen.

      Eine Gegenüberstellung
      1. Ein Stuhl, ein Alltagsgegenstand, seit vierzig Jahren in Gebrauch, dementsprechend abgewetzt, für seine Robustheit geschätzt, davon abgesehen optisch völlig unscheinbar.
      2. Eine Zitruspresse, die Form ist ausgefallen, ein Blickfang in der Küche, da die Bedienung allerdings höchst umständlich ist, werden damit keine Früchte ausgedrückt.

      Ich bin der Meinung, dass man nur in einem Beispiel von „gutem Design“ sprechen kann.

      Ästhetik wird maßlos überschätzt. Vermutlich auch deshalb, da die verantwortlichen Formgeber, also wir, zu oft annehmen, die ästhetische Form sei bei einem Produkt, einer Anwendung das Wichtigste. Auf Seiten des Anwenders stehen jedoch oftmals andere Faktoren im Vordergrund, nämlich, dass das Produkt funktionieren muss und langlebig ist, dass es ressourcenschonend und nachhaltig produziert wurde und/oder womöglich auch preisgünstig ist. Die subjektiv schöne, gefällige Anmutung ist dann die Kür. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn also eine zentrale Anforderung nachweisbar nicht erfüllt wird, dann ist das Design schlecht, dann hat der verantwortliche Designer (und sein Chef) Mist gebaut. Design orientiert sich stets am Menschen und dessen Bedürfnissen. Wenn die Bedürfnisse nicht berücksichtigt wurden, dann womöglich deshalb, weil der Designer den persönlichen Geschmack höher bewertet hat. Design impliziert Funktionalität und Inhalt. Die schönste Form kann fehlende Funktionalität nicht korrigieren.

  4. Hier bin ich wieder, der Laie mit dem einfachen Gemüt. Aber auch hier, wie schon zuletzt in München, wundere ich mich wieso Theater und oft auch Museen oder Orchester / Konzerthallen so oft so ein aneckendes, einfach nicht ästhetisches Design wählen müssen. Mit diesen Designs schreckt man Leute wie mich einfach ab. Da ist nichts einladendes, da ist nichts freundliches, nichts was mich vielleicht überzeugen würde hinzugehen (Ja, ab und zu gehe ich auch ins Theater).
    Das alles schreit mich an, “wir wollen dich nicht ansprechen” und “du gehörst nicht dazu”, “geh weg wenn du das nicht verstehst”.
    Ich würde wirklich mal gerne bei der Neuveröffentlichung eines Kunst-CIs für eine Spielzeit das Gefühl haben, eingeladen zu sein.

  5. Schreckliche Typographie! Modern, aufregend und neu ist gut, aber das Wichtigste bei einer Schrift ist, dass man sie LESEN kann. Diese hier ist absolut unleserlich und scheußlich noch dazu.
    Schade um das viele Geld.

    • Jetzt versuche ich schon seit einigen Monaten, die Folder und Programme des Burgtheaters zu LESEN. Ich steh nämlich auf INFORMATION. PHASE will mich dabei gar nicht unterstützen.

  6. Ich finde das wunderschön! Genial die Formen, die entstehen, gerade im Moment der Überlagerung. Passend auch das generative Design. “Generative Gestaltung” für ein Theater. Passt! Ich assoziiere damit etwas unbändiges, Raum zum ausprobieren, sich auf was einzulassen (und überhaupt nicht ausladend wie jemand angemerkt hat) – und ich denke genau darum geht es immer in der Kunst. Sei es Theater, Tanz, Malerei usw. – man möchte sich darauf einlassen. Und es ist total befreiend einmal ein Design zu sehen, das sich einem nicht anbiedert. Sondern eines, dass man entdecken, ja sehen will. Ich möchte den Gestaltern ein ganz grosses Lob aussprechen.

  7. Wie schön, dass es immer wieder Designs gibt, die eben nicht nur Wert auf Funktionalität oder Information legen, sondern Schrift auch als Kunst begreifen. Wir schreiben nicht mehr auf Schreibmaschinen, also können wir die festgelegten Zeilen auch verlassen. Ich vermisse oft gezielte Brüche und ein bisschen Anarchie auf dem Papier.

    Im Alltag werde ich ständig mit der Angst von Kunden konfrontiert, dass eine Information nicht deutlich genug rüberkommt, wenn die Schrift nicht rot, fett und unterstrichen ist. Klar, das ist jetzt überspitzt, aber gerade ein Theater darf sich das auch mal erlauben, die Geduld des Betrachters auf die Probe zu stellen. Präzision wäre hier fehl am Platz. Ich mag das hier sehr. Ich mag aber auch den Stil vom hier bereits erwähnten David Carson (der ja auch schon sagte, dass man Lesbarkeit nicht mit Kommunikation verwechseln soll).

    Klar, jede Abweichung von klassischen Regeln macht eine neue Schublade auf, in der sich dann “ähnlich abwegige” Designs tummeln und es mag sein, dass viele Theater auf solche Stilbrüche setzen – aber es bleibt nichtsdestotrotz eine schöne und seltene Abweichung vom Einheitsbrei.

    Übrigens bin ich ganz klar der Meinung, dass man hier auf den ersten Blick erkennt, was hier lesbar und was eher als atmosphärische Collage verstanden werden soll. Aber das spannende an dieser Seite ist ja vor allem, dass sowohl Gestalter als auch “Laien” alle Geschmäcker abdecken und sich regelmäßig herrlich uneinig sind. :)

  8. Nicht gefällig, ja sperrig sein zu wollen, das ist das Anliegen der Kunst.
    Verstanden zu werden ist das Anliegen von Design.

    Wenn Kunst und Design sich treffen, kann dann so etwas wie hier herauskommen.

    Muss aber nicht.

    Da hätte ich mir auch etwas anderes vorstellen können, auch bei generativem Design. Grade da.

  9. Schade, dass das Design hier so schlecht wegkommt bisher. Ich finde es spannend, kraftvoll, dynamisch und für eine Institution wie das Burgtheater mehr als passend. Ich verstehe nicht, warum die Stücke selbst alle Grenzen sprengen dürfen, aber bei dem grafischen Rahmen sich viele etwas Konservatives wünschen. Im deutschsprachigen Raum – so habe ich das Gefühl – wird Design noch sehr eindimensional begriffen. Design hat Information zu sein und darf darüber hinaus keine künstlerische, disruptive Wucht besitzen. Schade drum!

    • Nur weil man »so ein« Design nicht mag, muss man noch lange nicht konservativ sein. Es gibt Millionen von Möglichkeiten, etwas neu, aufregend, unkonventionell, aus dem Rahmen fallend, frech, total crazy, wie auch immer, zu gestalten. Das Burgtheater Wien hat sich eben eine der scheußlicheren Varianten rausgesucht (ja freilich: subjektiv). Macht ja nix. Schade drum!

  10. Da wünsche ich dem Ersteller des Styleguides gutes Gelingen :)
    Ein tolles Beispiel für die Frage: Ist das noch Design/Kunst oder kann das weg? Habe es jetzt eine Zeit auf mich wirken lassen, bei mir kommt leider nichts an ausser ein großes Fragezeichen. Auch mich erinnert es an die ersten freien Typographie-Versuche meiner Lehrzeit – einfach drauf los, völlig frei an die Sache rangehen.
    Die ganzen Überlagerungen, die verzerrte Schrift, die Formen die geschaffen werden haben für mich keine Aussage, bzw. ergeben für mich keinen Sinn. Wirre Gestaltung, die bei jedem Betrachter etwas anderes auslöst, vermutlich ist genau das auch das Ziel des Designs. Theater ist ebenso eine Interpretation der Dinge, die jeder Zuschauer für sich anders aufnimmt.
    Auffällig ist es allemal, ein Hingucker, spannend…für mich hat es leider keine Aussage, obwohl ich mich sehr für Kunst interessiere. Finde ich aber auch nicht schlimm, ich schaue es gerne an und lasse es auf mich wirken. Für mich ist es bedeutungslos, was ich irgendwie bei diesem Design auch gut finde. Könnte es mir in Neonfarben als Adaption, optisch noch sehr gut vorstellen.

  11. Typische Gestaltung für Theater, Museen und Opern wie man sie oft auch auf Werbeplakaten sieht. Ich mag es; unkonventionell, frech, provozierend, einfach mal was anderes und trotzdem nicht zu willkürlich weil durch die strenge schwarz.weiß Optik eingeschränkt.
    Typografisch und funktional ist es natürlich eine Katastrophe aber Theaterstücke sind ja auch nur selten geradeaus durch erzählt, sondern tun genau dasselbe wie das neue Design hier: Platz für Interpretation lassen.

  12. Das ist schon auch eine Frage der Generationen. Überlege wann die heute in Verantwortung sitzenden Baby Boomer aufwachsen mussten. In der biederen Nachkriegszeit, wo alles nett, in Aspik und in Eiche rustikal war. Inzwischen ist Punk längst Mainstream. Aber wir bleiben im Kern in unserem Blick auf die Welt immer so wie wir in Kindheit und Jugend sozialisiert wurden.

    Die Leitungen der staatlichen Kulturorganisationen halten es, davon bin ich nach zahlreichen Gesprächen überzeugter denn je, immer noch für Zeichen von Avantgarde, Kreativität und Progressivität stets reflexartig die anti-kommode Haltung einzunehmen und verwechseln aufgesetzte, demonstrative Sperrigkeit mit Tiefgründigkeit.

    Kann man so machen, aber dann überaltert das Publikum halt weiter, wie schon bisher, die das “ganz doll” so finden.

    Das ist ja die Ironie unserer staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen der Kultur. Sei es ZDF oder Oper. In sich eingefroren in der Innovation Anno 1970 geht die Zeit an ihnen vorbei und sie erscheinen immer anachronistischer.

    Und dazu passt für mich auch das Gehabe mit möglichst “hoho so unkonventionell” Designs im Außenauftritt. Inhalt und Form passen da tatsächlich wunderbar zusammen.

    • Aber wir bleiben im Kern in unserem Blick auf die Welt immer so wie wir in Kindheit und Jugend sozialisiert wurden.

      Oh bitte nicht. Es wäre doch grauenvoll, würde sich der Mensch nach der Kindheit nicht fortentwickeln.

      • Genau Achim. Gerade im Designbereich ist es nötig, neuen Wegen und mutigen Experimenten gegenüber offen zu sein, damit sich auch hier etwas fortentwickeln kann. Und wer sagt denn, dass ein Gestalter, der in der Baby-Boomer-Zeit sozialisiert wurde, einen Gestalter aus der iPod- oder Centennials-Ära nicht mehr verstehen kann? Trotzdem ist nicht alles Neue automatisch gute Kunst und trotzdem kann man etwas Neues schrecklich finden. Und im Fall Burgtheater Wien finde ich das Ergebnis schrecklich.

  13. Burgtheater – Die hässlichste Homepage, die ich jemals gesehen habe.

    Man möchte zwanghaft originell sein. Und das kommt dann dabei heraus.

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