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Europol inszeniert Maskerade des Verbrechens, und verkehrt dabei die Realität

Europol – Crime has no gender Kampagne, Quelle: Europol
Europol – Crime has no gender Kampagne, Quelle: Europol
Europol – Crime has no gender Kampagne, Quelle: Europol
Europol – Crime has no gender Kampagne, Quelle: Europol

Mit einer ungewöhnlichen Kampagne ruft Europol, die Polizeibehörde der Europäischen Union, derzeit die Bevölkerung zur Mithilfe beim Aufspüren der meistgesuchten Verbrecher Europas auf. Die Botschaft, die mit Hilfe der Kampagne gesendet werden soll: Kriminalität hat kein Geschlecht. Aufgrund ihrer Machart stiftet die Kampagne jedoch mehr Verwirrung als dass sie zu Aufklärung beiträgt.

21 EU-Mitgliedstaaten haben einen ihrer meistgesuchten Verbrecher für diese Kampagne ausgewählt. Die Verbrecher beiderlei Geschlechts werden von europäischen Polizeibehörde in Den Haag alle wegen schwerer Straftaten wie Mord, Drogenhandel, Betrug, Diebstahl und Menschenhandel gesucht. Von den 21 Personen der Most-Wanted-Kampagne sind in diesem Jahr 18 Frauen. Ziel der aufwendig inszenierten Kampagne ist es, möglichst viele Besucher auf die Website eumostwanted.eu zu locken.

Die gesuchten Verbrecherinnen/Verbrecher werden auf der Kampagnen-Website eumostwanted.eu/crimehasnogender zunächst mit einer Vollmaske abgebildet. Bei Scrollvorgang verschwinden nach und nach Teile der Maske und Informationen und das Gesicht des Verbrechers erscheinen, sodass schließlich auch das Geschlecht zu erkennen ist.

Seit dem Launch der eumostwanted-Website vor drei Jahren habe die Behörde 69 Kriminelle, die auf der Website vorgestellt wurden, verhaften können. In mindestens 21 Fällen sei die Verhaftung auf Informationen zurückzuführen, die der Behörde über die Website auf anonymen Wege zugetragen wurde.

Kommentar

Kriminelle in dieser Art und Weise darzustellen, erzeugt Aufmerksamkeit – die zahlreichen Berichte in den Medien belegen dies. Die Verantwortlichen bei Europol dürften sich also bestätigt fühlen, die Kampagne ins Leben gerufen zu haben. Die Inszenierung mittels schicker Masken und kreativer Verkleidung sorgt jedoch dafür, dass Verbrecher und Verbrecherinnen in den Rang eines Stars, einer besonderen Persönlichkeit erhoben werden, für die eine aufwendige Kampagne mit ansprechendem Artwork kreiert wurde, zu der auch eine eigene Website gehört.

Die Maskerade ist seit vielen Jahrzehnten fester Bestandteil der Popkultur und auch aus Filmen nicht wegzudenken. Kürzlich feierte die Unterhaltungsshow „The Masked Singer“ auf Pro 7 Premiere. Ohne ihre auffällige Verkleidung und coolen Masken wären Bands wie Kiss und Lordi oder Sänger wie Sido und Cro wohl kaum so erfolgreich. Personen, die ihr wahres Gesicht hinter einer Maske verbergen, gelten seit je als geheimnisvoll und unnahbar. Deshalb vermittelt die aktuelle Most-Wanted-Kampagne leider ein völlig falsches Bild. Schwerverbrecher sollten nicht als cool und geheimnisvoll angesehen werden.

In Bezug auf das Geschlecht von Verbrechern sendet die Kampagne zudem eine Botschaft, die man schlichtweg als irreführend bezeichnen muss. Auf der Website sind 21 Kriminelle zu sehen, von denen lediglich 3 männlich sind. Dies verkehrt jedoch die Realität. Kriminalität ist in erster Linie männlich, wie auch die polizeiliche Kriminal­statistik (PKS) belegt. Die überwiegende Mehrheit der Straftaten wird demnach von Männern begangen (im Verhältnis von etwa 4:1). Die Website legt nahe, dass es insbesondere Frauen seien, die Verbrechen begingen. Deshalb sollte Europol die Kampagnen-Website rasch wieder vom Netz nehmen.

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Achim Schaffrinna

Achim Schaffrinna ist Designer und Autor. Hier im Design Tagebuch, 2006 von mir gegründet, schreibe ich über die Themen Corporate Identity und Markendesign. Ich konzipiere und entwerfe Kommunikationsdesign-Lösungen und unterstütze Unternehmen innerhalb von Designprozessen. Designanalyse ist Teil meiner Arbeit. Kontakt aufnehmen.

Dieser Beitrag hat 16 Kommentare

  1. Der Artikel macht mich wütend. Argumente, die fachmännisch anmuten sollen, an den Haaren herbei gezogen. Mehrheitlich Männer sind in der Kriminalstatistik gefasst, so die Aussage. Als Quelle wird das BKA zitiert, welches nichts mit dem Europol oder der europäischen Kriminalität zu tun hat. Das ist Meinungsmache, in einem Blog, der ohnehin sich eher gestalterischen und weniger werbestrategischen Fragen stellt. Infolgedessen erkennt man auch, dass der Autor keine Kenntnisse über Werbepsychologie, Strategie, Soziologie oder Gesellschaftstrends besitzt, um eine vollständige Kritik zu liefern. Lediglich umfasst der Artikel sein eigenes Stimmungsbild. So hätte der Artikel eher als Kommentar statt Artikel erscheinen sollen.

    Die Werbung ist schlichtweg kein Meisterwerk, betätigt dennoch die richtigen Knöpfe, um das Ziel der Kampagne effizient zu erreichen. Sie provoziert mit einer – richtig erkannten – Übertreibung. Damit wird der Gesellschaftstrend bedient, sich für die Geschlechtergleichheit einzusetzen. Was das bringt? Die Kampagne wird für Medien berichtenswert, denn die stehen total auf Gesellschaftstrends. Des Weiteren benötigt die Kampagne gewiss eine einladende Inszenierung des Themas, denn es geht um eine große Zielgruppe: die Bevölkerung der EU sowie deren Medienhäuser. Das Thema ist hier “Mithilfe”. Die erlangt man nicht, indem man martialische Bilder, welche die volle Ernsthaftigkeit (wie vom Autor gefordert) der Kriminalität und deren Verfolgung darstellt. So ist es nicht verwerflich, sich dem gängigen Klischee des demaskierten Verbrechers zu bedienen, wenn auch langweilig. Aber die Medien und Konsumenten stehen drauf, so what. Das ist eben schnell erfassbar, verständlich und verdaulich. Die Demaskierung als Glorifizierung zu verwechseln halte ich für Mumpitz. Achja und kleine Interna: Bevor eine Kampagne einer öffentlichen Einrichtung startet, wurden im Vorfeld Umfragen und psychologische Studien getätigt, zur Messung der Effizienz und Relevanz. Demnach ist es absolut irrelevant sich über solch eine Werbung überhaupt den Kopf zu zerbrechen. Es wurde bereits wissenschaftlich prognostiziert, dass die Werbung ihr Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen wird.

    1. Lieber David, in Ihrem Kommentar stecken so viele fadenscheinige Aussagen, Unterstellungen, Mutmaßungen und Unwahrheiten, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

      Dass Männer in Deutschland, in Europa und in jedem Staat der Welt mehr Verbrechen begehen als Frauen, ist ein Phänomen, für das es unzählige empirische Belege gibt. Unter dem Wikipedia-Eintrag Sex differences in crime gibt es eine gute Zusammenfassung zu diesem Thema. Der Verweis auf die BKA-Statistik innerhalb des Beitrags erfolgte vor allem deshalb, um einen möglichst aktuellen Bezug zu Deutschland herzustellen. Auch in der kürzlich erschienenen Studie der Britischen Regierung Gender and Serious and OrganisedCrime wird auf Basis von Europol-Daten darauf hingewiesen, dass „kriminelle Aktivitäten von Männern dominiert werden, was sich in einer deutlich größeren Zahl männlicher Gefängnisinsassen zeigt“. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) beziffert den Anteil von Männern in Gefängnissen der EU-Staaten im Jahre 2015 auf 94 % (Quelle, PDF).

      Das ist Meinungsmache

      Mit Verlaub, die Aussage ist Unfug. Ich habe auf Basis einer Recherche und aktueller Faktenlage einen Artikel verfasst und vertrete darin meine Ansicht. Jedem Leser steht es frei, seine/ihre eigene und auch eine andere Meinung kundzutun. Das ist Journalismus, keine Medienmanipulation. Es findet in Bezug auf die genannten Aussagen das Geschlecht von Verbrechern betreffend keinerlei Verzerrung statt. Das lässt sich auch daran ablesen, dass es weder Ihnen, lieber David, noch jemand anderem gelingen wird, diese Aussagen zu widerlegen. Genau genommen sind Sie es, der Meinungsmache betreibt, da im ersten Absatz Ihres Kommentars der Eindruck vermittelt wird, dass Sie die BKA-Statistik und die damit im Zusammenhang stehende Kernaussage in Abrede stellen.

      in einem Blog, der ohnehin sich eher gestalterischen und weniger werbestrategischen Fragen stellt.

      Anhand dieser Aussage wird deutlich, dass Sie den Blog nicht sonderlich gut kennen. Was ich grundsätzlich positiv finde, zeigt es mir doch, dass das dt auch nach 13 Jahren noch regelmäßig neue Leser findet. Offensichtlich ziehen Sie allerdings auf Basis eines einzelnen Artikels Rückschlüsse auf das Gesamtangebot. Das ist vorschnell. Sinn und Zweck von Design/Gestaltung und der zugrundeliegenden Strategie werden im dt ebenso thematisiert wie die reine Formgebung. Da im Design der Mensch im Mittelpunkt steht, kann es gar nicht anders sein, so jedenfalls mein Verständnis, das auch gesellschaftliche, politische, soziologische und psychologische Aspekte berücksichtigt werden. Um den Webdesigner Jeff Zeldman zu zitieren: Design ohne Inhalt ist Dekoration, und darüber möchte ich nicht schreiben. Deshalb spielen werbe- und kommunikationsstrategische Fragestellungen im dt sehr wohl eine Rolle, und zwar eine zentrale.

      Infolgedessen erkennt man auch, dass der Autor keine Kenntnisse über Werbepsychologie, Strategie, Soziologie oder Gesellschaftstrends besitzt, um eine vollständige Kritik zu liefern.

      Jetzt bin ich überführt. Sie scheinen mich in- und auswendig zu kennen. Lediglich eine Frage hätte ich noch: was genau ist denn eine „vollständige Kritik“?

      Die erlangt man nicht, indem man martialische Bilder, welche die volle Ernsthaftigkeit (wie vom Autor gefordert) der Kriminalität und deren Verfolgung darstellt.

      Das ist eine Falschbehauptung. Weder steht es so im Artikel noch fordere ich den Einsatz, wie Sie es schreiben „martialischer Bilder“. Meine Forderung ist, die Website in dieser Form vom Netz zu nehmen.

      Die Demaskierung als Glorifizierung zu verwechseln halte ich für Mumpitz.

      Warum? Was ist daran Mumpitz? Bitte etwas mehr Substanz. Nebenbei gesagt: ich „verwechsle“ nicht, ich setze die Maskerade in der Tat einer Glorifizierung gleich, ohne allerdings explizit diesen Ausdruck zu verwenden. Glorifizierung trifft es allerdings sehr gut.

      Bevor eine Kampagne einer öffentlichen Einrichtung startet, wurden im Vorfeld Umfragen und psychologische Studien getätigt, zur Messung der Effizienz und Relevanz. Demnach ist es absolut irrelevant sich über solch eine Werbung überhaupt den Kopf zu zerbrechen.

      Eine „psychologische Studie“ belegt dies und jenes, und deshalb braucht man sich seinen Kopf nicht mehr zerbrechen. Aha. Ich kann mit diesem satirisch anmutenden Einwurf offen gesagt nichts anfangen. Wen soll das überzeugen? Zumal in Ihrem Kommentar deutlich wird, dass Sie selbst lediglich mutmaßen, die Website wäre auf Grundlage einer Studie erstellt worden. Gerade wenn in von staatlichen Stellen in Auftrag gegebene Studien irgendeine Effizienz aufgezeigt werden soll, darf man genauer hinschauen und sollte die Ergebnisse nicht als gegeben hinnehmen. Wäre ja noch schöner.

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