Deutschland fliegt nun mit „Bundes Sans“
Die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung erhält in Kürze den zweiten von insgesamt drei neuen Airbus A350. Im Gegensatz zum ersten Exemplar kommt bei der Gestaltung der zweiten Maschine nun erstmals das Corporate Design der Bundesregierung zur Anwendung. Start frei für die Bundes Sans.
Vor dem Hintergrund einer Pannenserie, mit der die Flugbereitschaft in den letzten Jahren für Negativschlagzeilen gesorgt hat, hatte der der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages im April 2019 den Ankauf von drei A350-900 für die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung gebilligt. Im Finanzbedarf bis 2026 sind für die Anschaffung, Ausstattung und den Betrieb Ausgaben in Höhe von 1,2 Milliarden eingeplant.
Die Übergabe des ersten Airbus A350 von Lufthansa Technik an die Flugbereitschaft der Bundesregierung erfolgte nach gerade einmal 16 Monaten im August 2020. Es folgte eine mehrmonatig Vorbereitung auf den finalen Einsatz durch die Flugbereitschaft, und schon im Januar 2021 konnte der Airbus von Außenminister Heiko Maas eingeweiht werden. Der Flug nach Kairo verlief mit „Kurt Schumacher“, so der Name der Maschine, ohne Panne. Nun erwartet die Flugbereitschaft bereits ihren zweiten A350.
Die Geschwindigkeit, mit der die A350 an die Flugbereitschaft übergeben werden, scheint die Bundesregierung zu überraschen. Denn erst bei der zweiten, mit dem Namen „Konrad Adenauer“ betitelten Maschine werden die im Corporate Design der Bundesregierung verankerten Gestaltungsvorgaben berücksichtigt. Gegenüber dem Fachmagazin aeroTELEGRAPH erklärte ein Sprecher der Luftwaffe, die Anpassung sei „im Sinne eines zeitgemäßen und modernen Auftritts“ erfolgt. Eine nachvollziehbare Maßnahme, allerdings stellt sich die Frage, weshalb diese Maßnahme erst bei der zweiten Maschine umgesetzt wird. Wie der Sprecher weiter ausführt werde auch die „Kurt Schumacher“ im Rahmen einer nächsten Aufbereitung auf die finale Innenausstattung das neue CD-konforme Außendesign erhalten. Bis dahin fliegt „Kurt Schumacher“ weiterhin mit dem in der Serifenschrift Times New Roman gesetzten Schriftzug „BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND“ durch die Welt.
„Eine Synthese aus Vernunft und Emotion“
Seit 1999 verfügt die Bundesregierung über ein eigenes Corporate Design. Ziel eines jeden Corporate Designs ist es, medienübergreifend für ein einheitliches und konsistentes visuelles Erscheinungsbild zu sorgen. Zentraler Bestandteil des CDs der Bundesregierung sind seit 2011 die von den Gestaltern Jürgen Huber und Martin Wenzel (Supertype) entworfenen Schriften Bundes Sans und Bundes Serif. Später kam noch mit der Bundes Sans Condensed eine schmale Type hinzu. Es sind dies Schriften, wie die beiden Gestalter im Interview auf typografie.info erklären, die Sachlichkeit und Ingenieurstum ausstrahlen sollen und „eine Synthese aus Vernunft und Emotion darstellen“.
Auf Anfrage teilt die Flugbereitschaft BMVg hinsichtlich der Neugestaltung des A350 zudem mit: „Das geplante, leicht modifizierte Außendesign der Flugzeuge enthält sowohl wesentliche Elemente des bisherigen Designs (z.B. Fahnenband um den Rumpf) als auch neue Elemente aus dem Styleguide der Bundesregierung, der das Erscheinungsbild von Behörden u.a. mit Bildwortmarken und Schriftarten festlegt. Die Zugehörigkeit der Luftfahrzeuge zur Flugbereitschaft BMVg bleibt dadurch auch mit dem neuen Design klar erkennbar. Wesentliche Anpassungen umfassen die Schriftart und die Positionierung von Abbildungen (z.B. Bundesadler). Im Schriftzug kommt nunmehr die Schrift ‘Bundes Sans Medium’ zum Einsatz“

Dass beim ersten A350 (Abb. oben) Schriftzüge in der Times New Roman gesetzt sind, muss, wohl wissend dass diese Schrift bis vor kurzem Bestandteil des Corporate Designs der Bundeswehr war, aus fachlicher Perspektive doch verwundern. Denn die Times New Roman, der bekannteste Vertreter aus der Klasse der Barock-Antiqua-Schriften, ist als Schriftart für eine Wortmarke, die im Sinne von Corporate Design Identität stiften soll, eher ungeeignet.
Die Wahl einer Schrift sagt bekanntlich viel über ihren Absender aus. Bei der 1931 vom Briten Stanley Morison gestalteten Times handelt es sich um eine speziell für Mengentext ausgerichtete Schrift. Lesbarkeit und Funktionalität stehen hierbei also im Vordergrund. Wie wohl kaum eine andere Schriftart verkörpert die Times das 20. Jahrhundert. So wie die Arial (auch die Verdana) zum Standard später im World Wide Web wurde, gehörte die Times in gedruckten Erzeugnissen lange Zeit zu den am meisten verwendeten Schriftarten. Eine eindeutige Identität lässt sich mit ihr, eben aufgrund ihrer enorm großen Verbreitung, schwerlich erreichen und kommunizieren. Bei einem Luftfahrzeug der Flugbereitschaft ist jedoch genau dieser Aspekt von zentraler Bedeutung. Bereits aus großer Distanz sollte zu erkennen sein, dass es sich um ein Flugzeug der Flugbereitschaft handelt und dass die auf diese Weise beförderten Fluggäste, seien es Soldaten, Zivilangestellte oder Politiker, Repräsentanten des Staates sind.

Für kommerzielle Airlines ist dies ein wichtiges Kriterium. Hier muss das Außendesign über die Farbgebung wie auch über die Typographie möglichst prägnant und so originär und eigenständig sein, dass unmittelbar ein Bezug zur jeweiligen Marke hergestellt werden kann. Eine Schrift wie die Times New Roman verhindert dies. Denn ihre schmalen, dünnen Lettern sind nicht auf Prägnanz und Fernwirkung hin ausgerichtet, sondern auf einen möglichst kostensparenden Druck (auf Zeitungspapier). Bis 2019 war die Times New Roman, wie bereits erwähnt, Bestandteil des Corporate Designs der Bundeswehr, und zwar als Grundschrift für alle Fließtexte in Formularen und Briefbögen. Ungeachtet dessen wurde bzw. wird die Times von der Luftwaffe, vielleicht auch da entsprechende Gestaltungsvorgaben explizit hierfür fehlen und die Gestaltung von Flugfahrzeugen in Eigenregie vorgenommen wird, auch für die Kennzeichnung von Flugfahrzeugen verwendet. Aus den genannten Gründen sollte man jedoch davon Abstand nehmen die Schrift für diese Zwecke zu verwenden.
Neuer A350 – eine zeitgemäße Formensprache?
Die nun angestoßene Neugestaltung wäre ein guter Anlass die gesamte Flotte der Luftbereitschaft auf eine einheitliche Gestaltung hin auszurichten – und auf eine passendere, zeitgemäße Formensprache. Aus gutem Grund verfügt die Bundesregierung über ein Corporate Design, da so eine konsistente Kommunikation ermöglicht wird. Ich bin offen gestanden nicht davon überzeugt, dass die Bundes Sans aufgrund ihrer betont sachlichen, zurücknehmenden Erscheinung die bestmögliche Schrift explizit für diesen Einsatzzweck ist. Hier meine Gedanken.
Im Logo, wo sie im Zusammenspiel mit Bundesadler und Flaggenstab dank ihrer Sachlichkeit ein Gegengewicht zu den beiden Staatssymbolen schafft, erfüllt die Bundes Sans ihre Aufgabe mit Bravour. Ebenso überall dort, wo längere Texte in ihr gesetzt sind. Auf dem Flugzeug wirkt diese Schrift allerdings sehr nüchtern und neutral, um nicht zu sagen profillos. Das „K“ schaut am Ende von „BUNDESREPUBLIK“ in meiner Wahrnehmung zudem aus, als knicke es ein. Innerhalb einer Wortmarke, die Identität stiften und Repräsentanz vermitteln soll, bildet dieses Zeichen keinen guten Abschluss. Beim K der Bundes Sans sitzen Aufstrich und Bein an einem horizontalen Steg, welcher im 90-Grad-Winkel am Stamm angebracht ist. Von der Architektur her ist dies eine vergleichsweise fragile Form. Deutlich stabiler wirkt ein K, bei dem das Bein am Aufstrich in einer Art T-Form haftet, wo es wie ein Pfeiler die gesamte Form stützt – im K der Helvetica ist dies beispielsweise schön zu sehen. Ein solches K würde aus meiner Sicht in diesem Anwendungsfall einen besseren Abschluss bilden.

Auch wenn bei der Bundes Serif das K ähnlich konstruiert ist wie bei der Bundes Sans, erscheint mir die Serifenschrift in diesem konkreten Fall besser geeignet, auch da sie den Aspekt der Repräsentation besser transportiert. Die Serifen „erden“ den Schriftzug, sorgen für Halt und Stabilität und verschaffen der Wortmarke eine klassische und zugleich zeitgemäße Anmutung. Der Strichstärkenkontrast ist bei der Bundes Serif deutlich geringer als bei der Times, insofern kann sie auch in Sachen Fernwirkung punkten.
Ich sehe auch in der neuen Gestaltung des A350 noch zu wenig den Umstand berücksichtigt, dass ein solches Flugzeug nicht allein die Bundesregierung repräsentiert. Tatsächlich fungiert das in Nationalfarben eingekleidete Flugzeug als eine Art Botschafter des Landes. Damit repräsentiert es eine viel größere, umfassendere Entität, eben die Gesamtheit der Bundesrepublik Deutschland mit all ihren Facetten, Strukturen, Kulturen und Menschen, Stichwort Nation Branding. Würde Deutschland, wie viele andere Staaten, über eine solche ganzheitlich und 360-Grad-gedachte Nation Brand verfügen, sähe die Gestaltung des Regierungsfliegers wohl anders aus.
So oder so ist es gut, dass man sich nun offenbar verstärkt Gedanken dazu macht, wie ein solches Flugzeug gestaltet sein sollte. Damit ist man übrigens nicht alleine, denn auch die US-Administration steht aktuell vor der Frage, wie die neue Air Force One (Flotte) aussehen soll. Regierungsflieger, die in Folge von Pannen nicht starten oder weiterfliegen können, schaden dem Ansehen, dem der Luftwaffe/Armee, der Regierung wie auch dem des Landes. Auch wenn die Gestaltung der Regierungsfliegerflotte kein Desaster sein mag, bleibt festzuhalten, dass das Außendesign der Flotte aufgrund ihrer herausragenden symbolträchtigen Bedeutung deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient als ihr in der Vergangenheit zuteilwurde.
Nun sind die dt-Leser gefragt:
A350 Kurt Schumacher
- A350 Luftwaffe Kurt Schumacher, Foto: Maximilian Mair/ Flughafen Memmingen GmbH
- A350 Luftwaffe Kurt Schumacher, Foto: Bundeswehr/Kevin Schrief
- A350 Luftwaffe Kurt Schumacher, Foto: Bundeswehr/Kevin Schrief
A350 Konrad Adenauer
- A350 Bundeswehr (03/2021) mit Bundes Sans, Foto: Eurospot/Flickr
- A350 Bundeswehr (03/2021) mit Bundes Sans, Foto: Eurospot/Flickr
- A350 Bundeswehr (03/2021) mit Bundes Sans, Foto: Eurospot/Flickr
- A350 Bundeswehr (03/2021) mit Bundes Sans, Foto: Eurospot/Flickr
- A350 Bundeswehr (03/2021) mit Bundes Sans, Foto: A380_TLS_A350/Flickr














Es ist schon sehr müde. Die Partie um die Frontscheiben ist nicht sauber gelöst (mit der Panzerknacker-Brille ist das auch nicht einfach) und die Schrift (egal ob Times oder Bundes Sans) ist einfach nicht ausgeglichen. Das typografische Stilmittel des Spationierens (vergrößern des Buchstabenabstandes) würde dem visuellen Auseinanderfallen des gesamten Schriftzuges entgegenwirken. Der Wortabstand ist das entscheidende Element – er ganz einfach ist zu groß. Die »Bauchbinde« ist schon bei den Vorgängerversionen ein Gestaltungselement, dass so alleine auf großer weißer Fläche mächtig zu kämpfen hat. Mit sensibel gewähltem Grauton könnte gerade unterhalb des gelben Streifens das gesamte Flaggenband visuell besser gefasst werden – Grau bringt Farben zum Wirken. Es ist wünschenswert, nochmal neu über das Design nachzudenken.
Ich finde die Gestaltung mittelmäßig und denke, das ist genau das was hier angebracht ist. Mittelmäßig ist natürlich ein negativer Ausdruck, aber genauso könnte man gemäßigt oder ausgewogen sagen (obwohl Letzteres gestalterisch gesprochen auf das technisch bedingte Layout der Rumpfgestaltung sicher nicht zutrifft) und wäre damit bei einer Terminologie, die in der politischen und diplomatischen Kommunikation unserer Regierung oft zu finden ist und auch Identität und Werte transportiert. Diese Denkweise zieht sich ja durch alle gestalterischen Elemente von öffentlichen, saatlichen Organisationen in unserem Land. Beispiel: Polizei, wenn man sich anschaut, wie das zum Vergleich in den Niederlanden aussieht, mit Dumbars berühmten Design, dann wird man ja auch eher die Langeweile beklagen — aber irgendwie passt es schon besser zu uns.
Ob jetzt die Bundes Sans die richtige Schrift ist, die hier gewählt wurde, ist schwer zu sagen. Die andere Option wäre ja nur die Bundes Serif gewesen. Ich hätte sie vermutlich kombiniert, also eine für Bundesrepublik und eine für Deutschland, wüsste jetzt aber ohne auszuprobieren auch nicht welche wo und bin auch zu faul, in den Styleguide zu gucken, ob man das überhaupt ‘dürfte’ — wahrscheinlich nicht. Was die Lesbarkeit betrifft, finde ich, dass etwas mehr Zeichenabstand dieser zuträglich wäre, aber da gibt es dann natürlich einen Konflikt mit dem zur Verfügung stehenden Platz und der Schriftgröße.
Auf den ersten Blick fand ich den gewählten Schriftschnitt zu mager, aber das hat sich mittlerweile (nach wenigen Minuten) gelegt, und es ist wohl so ok — im Sinne der gewollten Mittelmäßigkeit.
Im Übrigen finde ich nicht, dass die Wahl einer Standardschrift (wie Times oder Helevtica) dem Identitätswert eines Corporate Design grundsätzlich entgegenwirkt. Liegt aber vielleicht daran, dass ich meine ersten Schritte als professioneller Gestalter zu Beginn der 1990er in einem Büro gemacht habe wo, quasi ideologisch gewollt, nur zwei Optionen für egal welchen Kunden zur Verfügung standen, nämlich Univers oder Frutiger. Dieses sehr berühmte Büro hat mit diesem Ansatz sehr erfolgreich gearbeitet, obwohl zu der Zeit beispielsweise mit Weidemanns Corporate Schrift die unternehmensspezifische erstellte Hausschrift stark in Mode kam, und die Bundesregierung hat sich ja dann 10 Jahre später auch an dieser Mode orientiert. Mode und Trends sollten allerdings für Unternehmen und Organisationen im Gegensatz zu Consumer Brands sowieso nicht so stark in die Gestaltung des visuellen Auftritts einfliessen. Man kann dem natürlich entgegenhalten, dass wenn es gerade ‘alle’ machen, es schon schwierig wird Argumente zu finden, einem Trend nicht zu folgen, falls man (so wie eine Bundesregierung) im Fokus der Presse und interessierten Allgemeinheit, oder auch der Fachpresse und des Fachpublikums ist.
Zusammenfassend meine Meinung: die Times hatte/hätte mehr (historisch gewachsene) Identität, die Bundes Sans ist aber nunmal die aktuelle Hausschrift (und zwar seit 2019 ja aucxh für die Bundeswehr — warum eigentlich dieser 10 Jahre Rhythmus?). Man hätte sie (oder die Bundes Serif) visuell interessanter einsetzten können, aber das mittelmäßige Ergebnis passt wiederum so gut zur bundesdeutschen Identität, dass es eigentlich gut ist, wie es ist.
Mir begegnen seit 5-10 Jahren zunehmend häufig Serifenlose bei denen das große “I” aus der Reihe tanzt. Ich wundere mich genauso lange, dass es darüber keine deutlich wahrnehmbare Diskussion in der (interessierten) Öffentlichkeit gibt. Ich fühle mich bei jeder neuen großen / bedeutenden Institution, Gruppe oder Firma, die sich soetwas verkaufen lässt an die völlig misslungene Wortmarke der ARD-Politik-Talkshow “Günther Jauch” erinnert. Zwiebelfisch-Alarm!
Wort-Bild-Marke, natürlich.