Norwegian Passport

Neues Design für norwegischen Reisepass – Designverständnis als Teil nationaler Identität

Norwegian Passport

Erst vor wenigen Wochen wurde das neue Design für norwegische Banknoten vorgestellt. Nun ist es die staatliche Polizeibehörde Norwegens, die von sich reden macht und das zukünftige Design des norwegischen Reisepasses präsentiert. Beeindruckend ist nicht nur der Gestaltungsansatz, sondern vor allem der Umstand, wie Norwegen immer wieder seinen Anspruch in Sachen Design untermauert.

Mit der Erneuerung nationaler Reisedokumente verfolgt die staatliche Polizeibehörde Norwegens seit einiger Zeit das Ziel, die Sicherheit zu verbessern und die Möglichkeit des Missbrauchs zu minimieren. Neue fälschungssichere Dokumente sollten her, so das Ziel. Vor diesem Hintergrund lud die Behörde Anfang dieses Jahres zu einem Wettbewerb. Gesucht wurde ein „funktionales und angemessenes“, dabei ansprechendes Design, sowohl für die neuen Pässe wie auch für Personalausweise, die in Norwegen erstmals im kommenden Jahr eingeführt werden. Vor wenigen Tagen nun wurde das Ergebnis präsentiert.

Norwegian Passport

Verantwortlich für die Gestaltung sowohl von Pass und Ausweis und damit Gewinner des Wettbewerbs ist die in Oslo ansässige Agentur Neue, die schon mit dem Redesign des Norwegischen Meteorologischen Instituts ein überzeugendes Beispiel ihrer Arbeit ablieferte. Nordisch kühl und gekonnt wurde eine für Norwegen typische Fjordlandschaft minimalistisch in Szene gesetzt. Raffiniert: Unter einer UV-Lampe betrachtet erstrahlt die Landschaft im blauen Licht der Nacht und Stern und Polarlicht-Band erscheinen (Abb. unten).

Viel mehr noch als die in den Entwürfen präsentierte Gestaltung, imponiert die Art und Weise, wie sich Norwegen/Skandinavien als Design-Nation/-Region positioniert, derzeit vielleicht mehr denn je. Indem immer wieder auch das scheinbar Banale in ihrer Formgebung hinterfragt wird, dokumentiert das Land respektive die Region ein Designverständnis, das weit über Fachkreise hinaus dokumentiert und belegt werden kann.

Besser als es jede Millionen schwere Image-Kampagne auszudrücken vermochte, wird auf diese Weise eine Kultur, eine Identität sichtbar, die sich im Ausdruck „Skandinavisches Design“ manifestiert: anspruchsvolle Gestaltung auch und insbesondere von alltäglichen Gegenständen. Ein Reisepass ist Teil der eigenen Identität. Ein ästhetischer, die Merkmale und die Kultur des Landes aufgreifender Reisepass erscheint da nur logisch und konsequent. Und doch braucht es mehr als logisches Denken, um ein solches Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Befürworter eines Personalausweises argumentierten stets, übrigens schon seit 2007, dass man in der Frage nach einem nationalem ID-Dokument in Europa hinterherhinke. Den Wert von Design hat man in Norwegen, Schweden, Dänemark und in Finnland allerdings schon viel früher erkannt als anderswo. Dass dieses Verständnis über mittlerweile Generationen hinweg erhalten und sogar ausgebaut werden konnte, zeichnet diese Länder aus und begründet ihren Stellenwert im Design.

Bis 2016 soll die Umstellung auf die neuen Pässe beziehungsweise die Einführung des neuen Personalausweises abgeschlossen sein.

Norwegian Passport unter UV-Licht

Norwegischer Reisepass unter UV-Licht

Zukünftiger norwegischer PersonalausweisNorwegian ID Card

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19 Kommentare zu “Neues Design für norwegischen Reisepass – Designverständnis als Teil nationaler Identität

  1. Gefällt mir außerordentlich gut, im wahrsten Sinn des Wortes identitätsstiftendes Design. Ich hätte aber zu gerne noch die Entwürfe der anderen Teilnehmer gesehen, wurden die nicht veröffentlicht?

  2. Da ist man doch aus tiefstem Herzen dazu geneigt laut auszurufen: „Alter Schwe … – ähhh Norweger!“.

    Wirklich beeindruckend, wie die Skandinavier da in letzter Zeit auf sich aufmerksam machen. Und wie sie beweisen, dass gutes Design die funktionalität in keiner Weise einschränken muss, sondern im Gegenteil sie auch noch unterstützt.

    Hut ab vor den Gestaltern. Und auch Hut ab vor den Entscheidern, die sich so etwas „trauen“. Das würde mancher deutschen Behörde sicher auch gut zu Gesicht stehen.

  3. Zunächst: Ein sehr schöner Entwurf. Definitiv ansprechend und zugleich ein faszinierender kleiner Trick die Abbildung unter UV-Licht zu verändern.
    Vielleicht habe ich da eine etwas zu „typisch deutsche“ Auffassung, dass mir die Abbildung im Reisepass etwas zu sehr nach einem Bilderbuch aussieht. Das klingt jetzt vermutlich sehr spießig, doch für solche ein amtliches Dokument hätte ich das noch etwas subtiler entworfen. (Vielleicht ist das ja auch zugleich der Grund, warum skandinavisches Design uns so sehr beeindruckt? Weil es in manchen Dingen eben mehr Mut beweist?)
    Was mich auch etwas stört, im Zusammenhang mit einem amtlichen Dokument: Form und Farbe der Illustration sprechen doch sehr für unsere Zeit. Ich weiß nicht, was die Stilentwicklung noch bringen wird, aber vielleicht wird man in Norwegen schon in 5, 10 oder 15 Jahren sagen: „Schau, das sieht doch absolut nach den 2010er Jahren aus.“ Dann müsste bald schon wieder ein neuer her. Außen ist es zurückhaltender.
    Alles in allem finde ich es aber trotzdem sehr schön und würde das Dokument am liebsten gleich mit meinen deutschen Dokumenten austauschen.

  4. Wow, das ist wirklich gelungen. Auch die Farbwahl ist wunderbar. Sehr beeindruckend finde ich die Schwarzlicht-Idee. Warum bekommen Immigranten und Diplomaten einen anderen Pass? Ist das allgemein so üblich?

    • Immigrantenpässe sind mir neu – Diplomaten und andere hochrangige Staatsbeamte bekommen aber auch in Deutschland (und anderswo) andere Ausweispapiere.

  5. Es ist sehr schade, dass Deutschland in diesem Bereich seiner designhistorischen „Verantwortung“ leider gar nicht nachkommt. Ich habe – vor allem auch als Ausländer – von manchen Ländern einfach eine Vorstellung von Gestaltung. So z.B. von den Niederlanden, den skandinavischen Ländern oder auch Deutschland. Diese Länder haben Design, auf ihre ganz eigene Weise, in den vergangenen Jahrzehnten bedeutend geprägt. Jedes Land steht für einen bestimmten Stil. Der unseres Landes wurde z.B. maßgeblich durch die Sachlichkeit und Reduktion des Bauhauses geprägt. Dieses Erbe gilt es aus meiner Sicht mit Respekt zu behandeln und in der Aussendarstellung des Landes aufzugreifen. Traurig zu sehen, dass Deutschland so wenig tut, gutes Design zu fördern, wo wir uns doch eigentlich wirklich nicht verstecken müssten. Etwas überspitzt könnte man gar sagen, dass wir dadurch unsere designgeprägte Geschichte verleugnen und nicht den Anschein machen auch in diesem Bereich weiterhin eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen.

    Somit Chapeau an Norwegen und der Aufruf an deutsche Ämter & Co., etwas mehr Feingefühl für die Bedeutung und Aussagekraft von (deutschem) Design zu entwickeln.

  6. Der Reisepass wirkt für mich sehr edel, seriös und „behördlich/hoheitlich“ aus.
    Schöne Arbeit, vor allem kenne ich keinen Reisepass, der eine serifenlose Schrift verwendet. (Okay, ich kenne auch nicht viele.) Das sieht für mich sofort nach gutem skandinavischem Design aus.
    Aber weiß jemand, was der Strich mit dem halben Halbkreis bedeuten soll? Ein Horizont mit Sonne? Das hätte es doch eigentlich nicht gebraucht, oder?

  7. Wunderbar. Davon könnten sich unsere Staatsverwalter eine dicke Scheibe abschneiden. Unsere Nachbarn aus den Niederlanden haben ja auch schon vor vielen Jahren gezeigt, was dabei herauskommt (Post, Polizei etc.), wenn man mal Fachleute beauftragt. Allein das Formularwesen … Hut ab.

  8. Ich für meinen Teil kann den Hype um die Pässe nicht ganz nachvollziehen. Auch mir gefallen sie optisch – vor allem von außen – recht gut. Die Idee mit den Landschaften kennt man aber schon lange, nämlich vom amerikanischen Reisepass. Die Idee ist beim norwegischen sicher eleganter umgesetzt und nicht so patriotisch überladen wie beim amerikanischen, dennoch ist die Idee doch sehr naheliegend um nicht zu sagen banal. Der leuchtende Sternenhimmel unter UV-Licht grenzt für mich sogar an Kitsch und hat in einem amtlichen Dokument nichts verloren. Man hätte sicher einen designorientierten, modernen und schnörkellosen Reisepass umsetzen können, ohne auf solche doch eher billigen Stilmittel zurückzugreifen. Alles in allem ist der Pass natürlich dennoch attraktiver gestaltet als die meisten anderen, insbesondere der hässliche deutsche – aber er ist noch lange kein Design-Meisterstück.

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