Finnische Regierung setzt bei der visuellen Identität ihrer EU-Ratspräsidentschaft auf Upcycling

EU2019FI Visual Identity – Recycling, Quelle: eu2019.fi

Der Vorsitz im Rat der Europäischen Union wechselt zwischen den EU-Mitgliedsländern gemäß einer festgelegten Reihenfolge alle sechs Monate. Mit jedem Wechsel ändert sich auch die visuellen Identität der EU-Ratspräsidentschaft. Statt ein völlig neues Erscheinungsbild entwickeln zu lassen setzt die finnische Regierung auf ein Design, das in ähnlicher Form bereits 2006 zur Anwendung kam.

Seit Anfang Juli hat Finnland den Vorsitz im Rat der EU. Für Finnland ist es, nach 1999 und 2006, der dritte Ratsvorsitz des 1995 der EU beigetretenen Landes. Eines der Themenschwerpunkte des Programms, das im Rahmen des Dreiervorsitzes gemeinsam mit Rumänien und Kroatien erarbeitet wurde, ist die Stärkung der EU als Vorkämpfer für den Klimaschutz.

Regenerative Energien und die Schonung von Ressourcen sind zentrale Bausteine beim Klimaschutz. Um die Bedeutung konsequenter Nachhaltigkeit zum Ausdruck zu bringen, entschied sich die finnische Regierung die Themen Wiederverwertung und Erneuerung auf die visuelle Identität des EU-Ratsvorsitzes zu übertragen. Das zentrale Gestaltungselement basiert auf dem Logo, das 2006 im Rahmen der Ratspräsidentschaft zur Anwendung kam.

EU Ratspräsidentschaft Finnland – visuelle Identität 2006 und 2019

EU Ratspräsidentschaft Finnland – visuelle Identität 2006 und 2019

Aus Altem etwas Neues schaffen, um auf diesem Wege gleichzeitig die Aufwertung eines Produktes zu erreichen. Während Upcycling in vielen Branchen seit längerem einen substanziellen Beitrag in Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften darstellt, so gibt es beispielsweise Taschen, die aus gebrauchten LKW-Planen gefertigt sind oder Outdoor-Kleidung, deren Fasern aus recycelten Plastikflaschen bestehen, ist die Aufbereitung alter Logos/Corporate-Design-Lösungen weitestgehend unüblich.

Entworfen wurde die visuelle Identität vom finnischen Grafikdesigner Timo Kuoppala. Kuoppala, der bereits für das Erscheinungsbild des finnischen Ratsvorsitzes 2006 verantwortlich zeichnete, transformiert das ehemalige freistehende Logo in eine Grafik, die nunmehr im Anschnitt dargestellt wird und dabei von einem rechteckigen Korpus umgeben ist. Neu ist hingegen das eigentliche Logo, eine nüchterne und optisch sparsame Wortmarke. In elektronischer und gedruckter Kommunikation kommt die Azo Sans zum Einsatz. Die groteske Schriftart soll das klare Design des Logos unterstreichen.

Kommentar

Ob man im Rahmen einer zeitlich befristeten EU-Ratspräsidentschaft tatsächlich alle 6 Monate das Rad neu erfinden muss, kann und darf man natürlich hinterfragen. Auch hier lässt sich, die Finnen machen es vor, so manches wiederverwerten. Ob in diesem Fall das Wiederaufgreifen eines alten Logos einen substanziellen Einsparungseffekt bewirkt, möchte ich doch bezweifeln. Die Auflagenhöhe der für diesen Anlass produzierten Druckerzeugnisse wird einen ungleich größeren Einfluss auf die Nachhaltigkeitsbilanz haben. Ein schönes Zeichen, das die Finnen hier setzen und das zum Nachdenken anregt. Nur darf es beim Klimaschutz nicht bei derlei „Symboldesign“ und Symbolpolitik bleiben.

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5 Kommentare zu “Finnische Regierung setzt bei der visuellen Identität ihrer EU-Ratspräsidentschaft auf Upcycling

  1. Ich persönlich halte es nicht für nachhaltig und zielführend, alle sechs Monate ein neues Logo samt Erscheinungsbild auf den Markt zu werfen. Viel mehr sollte mit einem einheitlichen Absender gearbeitet werden, der dann im Rahmen einer Kampagne den Fokus der Ratspräsidentschaft kommunizieren kann. Das wäre sicherlich effektiver.

    Die gestalterische Arbeit an sich finde ich aber sehr überzeugend. Skandinavien halt… :-)

  2. Sehe ich auch so wie Marc H. Alle 6 Monate ein neues Logo? Ich sehe neben dem gestalterischen noch einen anderen Aspekt: Es mag populistisch klingen, aber eine sinnvolle Verwendung öffentlicher Gelder sieht anders aus. Wer sich so etwas überlegt, muss sich über Politikverdrossenheit nicht wundern.

    • Nicht zu vergessen, dass es gerade hier, nicht nur in Brüssel, sondern gerade auch auf Kommunaler-, und Landesebene ebenfalls deutlichen Nachholbedarf beim Verständniss von „Nachhaltigkeit“ gibt.

  3. Diese wechselnden Präsidentschaften sind teils grotesk „vermarktet“, mitunter gibt’s nämlich Sponsoren aus der Wirtschaft die dann auch Werbestände in den Kongresszentren aufbauen in denen sich die EU Politik trifft.

    https://mobile.twitter.com/stefanleifert/status/1090981404559790081

    …nein, das ist keine Satire oder Fake.

    Man stelle sich Sponsored by X und ein Werbestand im Bundestag im Sitzungsbereich vor.
    Die EU trägt selbst viel dazu bei nicht als vollwertige Demokratie ernst genommen zu werden.

  4. Formsprache und Farbwelt des eu2006.fi-Logos finden sich m. E. überraschend deutlich auch in einem Logo „made in Germany“ wieder:

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