Uni Erfurt erhält neues Corporate Design

Uni Erfurt Logo, Quelle: Uni Erfurt

Uni Erfurt Logo, Quelle: Uni Erfurt

Die Universität Erfurt, 1994 neugegründet, hat aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens ein neues Corporate Design präsentiert. Im Wettbewerb um kluge Köpfe und Ressourcen möchte man zukünftig selbstbewusst auftreten und auf ein visuelles Erscheinungsbild setzen, das „seriös ist und dennoch fetzt“, wie es seitens der Verantwortlichen heißt.

Da das bisherige Erscheinungsbild mittlerweile in die Jahre gekommen ist, so heißt es in der offiziellen Pressemeldung, sei die Umstellung auf ein zeitgemäßes Corporate Design eine absolute Notwendigkeit. Besonders stolz ist man auf den Umstand, dass das neue Erscheinungsbild nicht von oben herab verordnet wird, sondern ein echtes Gemeinschaftswerk darstelle. Ein intensiver Markenfindungsprozess, bei dem Angehörige der Uni und Vertreter der Fakultäten und Einrichtungen eingebunden wurden, ist dem Redesign vorausgegangen.

Es ist das zweite Mal in der 25-jährigen Geschichte, dass sich die Universität ein neues Erscheinungsbild und ein neues Logo zulegt. Das im Zuge der Neugründung der Uni Erfurt entworfene Logo wurde bis 1999 verwendet (siehe Hochschulführer), bis es von dem derzeit noch im Einsatz befindlichen Logo, einer aus Kreisbögen bestehenden E-Bildmarke, abgelöst wurde.

Auszug der Pressemeldung

Das neue Corporate Design ist mutig, klar, unkonventionell und trägt nicht nur dem Markenkern der Uni Rechnung, sondern auch dem Wunsch nach mehr Praktikabilität in der Anwendung. Das Besondere: Das neue Erscheinungsbild ist ein Produkt der gesamten Universität. […] Durch die dynamische Anpassung des Logos steht die neue Marke klar für Transformation. Da das Logo auf den Kontext reagiert und mit diesem interagieren kann, steht es auch für Engagement und Motivation. Auch Kooperationen innerhalb der Universität können authentisch und individuell dargestellt werden. Als dynamische Marke ist das neue Erscheinungsbild anpassungsfähig und kann mit der Universität Erfurt mitwachsen.

Universität Erfurt – Corporate Design Anwendungsbeispiele, Quelle: Uni Erfurt

Universität Erfurt – Corporate Design Anwendungsbeispiele, Quelle: Uni Erfurt

Das neue Logo ist dynamisch und kontextbezogen. Im Zentrum steht dabei die Wortmarke „Universität Erfurt“, ein individuell gestalteter Schriftzug, der durch die Kombination von serifenlosen Buchstaben und den in einer Slab-Serife gesetzten Lettern „U“ und „R“ eine Besonderheit aufweist. Ergänzt wird der Schriftzug durch zwei trapezförmige Flächen. Während die schwarze Fläche einheitlich ist und als visueller Anker fungiert, zeigt die farbige Fläche die jeweilige Fakultät an. Dank dieses Stapelprinzips seien auch Kooperationen von zwei oder drei Partnern innerhalb des Corporate Designs ohne Probleme möglich. Als neue Hausschrift wurde die Noto ausgewählt – sowohl in der Serifen- als auch in der serifenlosen Variante. „Damit entsprechen wir dem Wunsch zahlreicher Uni-Angehöriger nach mehr Praktikabilität in der Anwendung“, so Carmen Voigt, Leiterin der Hochschulkommunikation.

Uni Erfurt Corporate Design – Wort-Bild-Marken, Quelle: Uni Erfurt

Uni Erfurt Corporate Design – Wort-Bild-Marken, Quelle: Uni Erfurt

Das Corporate Design ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit aus Hochschulkommunikation und Franziska Walther vom Grafikbüro „Sehen ist Gold“ sowie Anka Suckow, die als Coach und Markenstrategin die Entwicklung moderiert und unterstützt hat. Die Arbeiten am Relaunch des Webauftritts seien derzeit im vollen Gange. Bis das neue Design vollständig implementiert ist, werde es allerdings noch eine Weile dauern.

Hintergrund: Erfurt hat als Universitätsstandort ein lange Tradition. Die alte Universität Erfurt (Hierana) wurde im Jahre 1392 offiziell eröffnet und gilt damit als älteste Universität Deutschlands. In Folge der Revolutionskriege und der napoleonischen Ära erlitten zahlreiche deutsche Universitäten einen Bedeutungsverlust, der auch die alte Universität Erfurt zum Opfer fiel, sodass sie 1816 unter König Friedrich Wilhelm III. von Preußen geschlossen wurde. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Universität 1994 neugegründet.

Kommentar

Das neue Erscheinungsbild der Uni Erfurt kann in Sachen Variabilität/Flexibilität punkten. Konzepte, die jeweils eigenständige Farbtöne für Fakultäten und Einrichtungen vorsehen, haben neben dem Vorteil, dass Fakultäten über die Farbkennung Eigenständigkeit vermitteln dürfen/können, jedoch einen großen Nachteil: die über die Farbgebung erzielte identitätsstiftende Wirkung geht verloren. Je mehr Farben, umso schwieriger ist es, als Marke erkennbar zu sein. Ausnahmen wie etwa Congstar, das aus meiner Sicht eines der prägnantesten Farbkonzepte besitzt, bestätigen diese Regel. Denn es sind vor allem die Farben, und weniger das Logo, die einen Markenauftritt ausmachen (siehe Bedeutung der Farben für das Branding).

Auch wenn es bei Logogestaltung nicht vordringlich um Lesbarkeit geht (sondern u.a. um Prägnanz und Memorierfähigkeit), würde ich in diesem Fall den geringen Kontrast zwischen schwarzem Grund und den zum Teil in dunklen Farbtönen gesetzten Fakultätsnamen als bedenklich einstufen. Davon abgesehen erscheint mir fraglich, ob die gewählte Logoform aus zwei sich überlagernden Trapezen überhaupt eine passende visuelle Entsprechung für eine Hochschule ist. Universitäre Exzellenz und akademische Lehr- und Forschungskompetenz vermittelt ein solches Logo, bei dem zwei Trapeze scheinbar willkürlich angeordnet sind und das zum Teil kaum lesbare Fakultätsnamen beinhaltet, jedenfalls nicht. Auch Herleitung und zugrundeliegende Bildmetaphern überzeugen mich nicht, da sie für jede Hochschule stehen und die Spezifik der Uni Erfurt vermissen lassen.

Im Schriftzug „Universität Erfurt“ wurden serifenlose Lettern der Museo Sans mit den Glyphen „U“ und „R“ der Museo Slab kombiniert, obwohl diese jeweils (leicht) unterschiedliche Schriftschnitte aufweisen. Gut zu sehen etwa anhand des „R“, dessen untere Serife dünner ist als der untere Querstrich des „E“. Stört das denn niemanden? Mich stört’s, nicht nur aus formal-ästhetischer Sicht. Klar kann man auch das als charmante, Unkonventionalität verströmende Note bewerten. Mir vermittelt ein solcher Schriftzug, der aus zwei eben nur fast gleichfetten Schriften besteht jedoch, dass man es bei derlei Detailfragen nicht so genau nimmt. Kein gutes Signal, das damit gesendet wird, gerade für eine Hochschule. Womöglich werden dt-Leser zu einer anderen, deutlich positiveren Bewertung kommen.

Noch eine Randbemerkung: Drei umfassende Beiträge hat die Uni Erfurt im Rahmen der Vorstellung ihres neuen Erscheinungsbildes veröffentlicht. Auch die verantwortlichen Gestalterinnen kommen, in ungewöhnlich ausführlicher Form, darin zu Wort. Was jedoch fehlt, ist eine Stellungnahme seitens des Präsidiums mit der zum Ausdruck gebracht wird, dass das Erscheinungsbild auch von oben getragen wird.

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38 Kommentare zu “Uni Erfurt erhält neues Corporate Design

  1. Optische Modernisierung, Auffrischen und all das ist absolut in Ordnung.
    Nur gibt es, für mich zumindest, Ausnahmen wie Lehranstalten, historische Institutionen, Theater und Ähnliches, wo man nicht einfach einen kompletten Durchwisch machen darf – wie es hier geschehen ist. Eine gewisse Historie darf bleiben, auch optisch. Der Grundlegende Charakter und die Formgebung hätten ansatzweise beibehalten werden sollen. Sonst stehen in Bars und Lounges irgendwann in nur noch Vitra Design-Plastikhocker statt Leder-Ohrensessel. Das will niemand.

  2. Als Angehöriger der Uni Erfurt, der den Gestaltungsprozess am Rande mitbekommen hat und bei der Vorstellung des neuen CD an der Uni dabei war, ein Hinweis zur Vergabe des Auftrags nach Hamburg: Die Uni-Leitung hat darauf hingewiesen, dass es einen Gestaltungswettbewerb mehrerer Agenturen gab, unter denen Franziska Walther schließlich den Zuschlag bekommen hat (wie viele Agenturen zu welchen Konditionen beteiligt waren und wie die anderen Entwürfe aussahen, weiß ich leider nicht). Und Frau Walther hat durchaus einen Bezug zu Erfurt/Thüringen: Sie stammt aus Erfurt und hat in Weimar studiert. Die Vergabe ist also auch in dieser Hinsicht nicht völlig beliebig „irgendwohin“ gegangen.

  3. P.S.: Ich gehe übrigens davon aus, dass im Schriftzug „Universität Erfurt“ die Museo Slab mit der Museo Sans (nicht der Noto Sans) kombiniert wurde. Stimmiger wird die Kombination dadurch aber wohl auch nicht …

  4. Der erste Blick hat mir sofort vermittelt: Es handelt sich hier um ein Kunstmuseum! Sehr cool, verspielt und die Brüche in der ausgewählten Typo hätten auch nicht weh getan, frei nach dem Motto: Kunst darf alles. Eine Universität hingegen bringe ich mit dem neuen Erscheinungsbild absolut nicht in Verbindung, jegliche Seriösität geht verloren (wobei bereits das heutige Erscheinungbild diese nicht gerade ausstrahlt). Offenbar tut sich die noch junge Universität schwer mit der eigenen Findung, die Brüche jedenfalls zwischen den drei bisherigen Logos sind riesig. Als kreative Kunsthochschule, die sich bewegt, nicht starr ist, vielleicht noch (wobei da die wahrscheinlich die eigenen Designer aufs Dach gestiegen wären), aber das ist die Universität Erfurt schlicht auch nicht.

    • Eine Anmerkung zu den „drei“ bisherigen Logos: Die Neugründung der Uni Erfurt war eine Initiative der Erfurter Bürgerschaft; man wollte bewusst an die alte (und wirklich ehrwürdige) Tradition der Uni anknüpfen – das spiegelt sich im ersten Logo. Als die Universität 1998 (zunächst nur mit einem interdisziplinären Forschungskolleg) ihren Betrieb aufnahm, gab es zwar, wenn ich das richtig erinnere, einen kurzen Zeitraum des Übergangs. Als 1999 dann alle Fakultäten ihre Arbeit begannen, wurde die Uni aber ausschließlich durch das neue Kreis-Logo repräsentiert. Und das war eine bewusste Entscheidung: Man wollte sich gerade NICHT auf die alte Tradition berufen, sondern für ein neues, innovatives Uni-Konzept stehen. Diese Ausrichtung wurde auch bei der Neugestaltung des CD nicht in Frage gestellt (es gab, soweit ich sehe, keine lauten Stimmen nach mehr „Tradition“ im CD). In dieser Hinsicht gibt es also kein Problem bezüglich der Selbstfindung der Uni.

      Was aus meiner Sicht mit der Neugestaltung schiefgelaufen ist: Der Schwerpunkt lag offenbar auf der Funktion des CD INNERHALB der Uni – und in dieser Hinsicht hat die neue Gestaltung ihre Stärken. Zu wenig beachtet wurde eventuell die Außenwirkung der Gestaltung, die vor lauter Praktikabilität nach innen eine beliebige (oder sogar kontraproduktive) Wirkung nach außen entfaltet.

      • Zu wenig beachtet wurde eventuell die Außenwirkung

        Das ist auch mein Eindruck. Der Fokus lag offenbar darauf, möglichst viele interne Mitarbeiter und Angehörige zu involvieren und mitzunehmen, nicht jedoch, die Gestaltung auf ihre Wirkung von Außen zu hinterfragen und zu überprüfen. Eine zu geringe Beachtung der Außenwirkung würde auch das fehlende Statement seitens des Präsidiums innerhalb der Pressebeiträge erklären.

      • Worin liegt denn aber die Kritik an der Aussenwirkung?
        In meinen Augen vereint das neue CD zwei normalerweise eher unvereinbare Aspekte: Variabilität und Wiedererkennbarkeit. Die Variabilität ist eine interne Anforderung, die sich aus dem Bedürfnis der Fachbereiche nach individueller Absenderschaft ergibt. Die Wiedererkennbarkeit erfüllt die Anforderung als „Universität Erfurt“ stark nach Aussen aufzutreten: Durch die Prägnanz der Trapeze ist diese Wiedererkennbarkeit, unabhängig vom „Binnen-Absender“, zu jederzeit gegeben.

  5. Mich überrascht, dass das bisherige Kreis-Logo hier so wenig thematisiert wird. Die Kombination aus großem „E“ und innen liegendem „U“ fand – und finde – ich gelungen und in Kombination mit dem gesperrten Schriftzug einer Universität absolut angemessen bzw. zeitgemäß. Die Tatsache, dass es für manche eventuell unmodern daherkam, liegt in meinen Augen nicht an der Form, sondern in erster Linie an den Farben und am Umfeld, in dem es verwendet wurde (Homepage!).

    Dass man sich jetzt frischere Farben zulegt und eben das generelle Darstellungsumfeld überarbeitet, ist absolut begrüßenswert. So können unterschiedliche Einrichtungen der Uni visuell stärker integriert werden (Willy-Brandt-School, Forschungszentrum Gotha etc.). Mir scheint allerdings, dass man in diesem Zusammenhang schlicht das eigentliche Logo vergessen hat. Es wäre in meinen Augen möglich gewesen, den Stapelansatz und das gewohnte Kreislogo zu kombinieren. Die Haltbarkeit des gewählten Trapezes liegt in meinen Augen bei nur wenigen Jahren. Diese Grafik hier zum Beispiel wirkt für mich schon jetzt altbacken und alles andere als „cool“ und absolut nicht wie „ein Design, das fetzt – beim Hingucken und Anwenden“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt.

    Hätte man das alte UE-Logo mit dem neuen Ansatz kombiniert, hätte man Trapez oder ähnliches in einigen Jahren wieder aus der Markenkommunikation ausschleichen können und ein neues Umfeld wählen können. Der Bruch wäre viel sanfter gewesen.

    Abgesehen davon, wundert es mich sehr, dass man Twitter, Facebook und Co nicht stärker mitgedacht hat. Das Logo in der neuen Form verschwimmt in der verkleinerten Form zu einem schwarz-grauen Brei. Wiedererkennung: Null. Wie bereits vorher angesprochen, wäre eine reduzierte Logoform überfällig.

  6. oh je.. alles aber keine Universität. Entschulidung aber das massive Schwarz ist einfach hässlich. Viel zu dominant. Alles wirkt zu unruhig und zu unseriös. Für ein modernes Museum ist es sicher o.k. aber für eine Universität zu plump.

  7. Ich finde es ziemlich grossartig!

    Wer schon mal mit Hochschulen zusammengearbeitet hat, weiß um deren nicht immer einfache Organisation, deren Bedürfnisse und Abläufe.
    Auf technischer Ebene erfüllt das CD eine ganze Reihe von Anforderungen: Bei Wahrung der Identität des „Dachs“, der Uni Erfurt, bietet es über die Farbkennung jedem Fachbereich oder Projekt die Möglichkeit, individuell zu kommunizieren – die Ordnung bleibt jedoch stets gegeben: Durch Farbgebung und Typografie spiegeln die Visuals stets die natürlich Hierarchie, in dem die „Uni“ ihre Bedeutung visuell (und selbstbewusst!) behauptet.
    Zudem bietet die Formensprache ein weites und obendrein einfaches Set an grafischen Elementen zu Gestaltung von Kommunikationsmitteln (In Hochschulen werden Kommunikationsmittel oftmals von Laien zusammengeschustert – es ist von großer Bedeutung visuelle Systeme zu entwickeln, die auch in diesem Kontext funktionieren können)

    Aber abseits der Funktionalität des neuen CDs gefällt mir tatsächlich die Dynamik, die darin steckt. Nicht nur wirkt das Signet durch die schrägen Trapezformen beweglich, es eröffnet auch unendliche Anwendungsmöglichkeiten in Hinblick auf neue Medien und z.B. animierten Content. Hier wurde ein System geschaffen, dass bei gleichzeitig hoher Wiederkennbarkeit genug Raum bietet, um Inhalte in immer neuen Formen darzubieten.

    Ich finde es tatsächlich beachtlich, welchen Mut die Uni Erfurt hier bewiesen hat! Mit Erfolg, wie ich finde!

  8. Ich finde, die neue Gestaltung der Uni Erfurt fetzt genauso stark wie der erneuerte visuelle Auftritt des Deutschen Internet-Instituts: https://www.weizenbaum-institut.de/ … Klar muss solcherlei vor allem Ansprüche von innen erfüllen. Aber ich denke, beide Fälle bieten ein hervorragendes Beispiel dafür, dass der Köder viel zu oft nach dem Geschmack des Anglers ausgesucht wird, nicht nach dem Geschmack des Fisches. Vorwerfen würde ich der Erfurter Gestaltung nur, dass sie Dynamik vortäuschen will, wo eigentlich Statik herrscht. Die bildet nun einmal das Wesen einer Universität, dafür muss niemand sich schämen — aber sie zu leugnen, weckt auch kein Vertrauen.

    Btw.: Dürfen Lehrstühle und Fachbereich untereinander noch kaupeln, wenn sie gern eine andere Form und eine andere Farbe hätten? ;-)

  9. Falls sich noch jemand fragt, wie der Auftrag vergeben worden ist…

    Zitat aus dem Blog der Uni:

    Wie sind Sie denn auf „Sehen ist Gold®“ als Ihren Partner in diesem Projekt gekommen?
    Carmen Voigt: Wir haben uns zunächst ein wenig umgesehen: Welche Erscheinungsbilder anderer Hochschulen oder wissenschaftlicher Einrichtungen gefallen uns und warum? Und wer waren hier die Gestalter? Wir haben diskutiert, was ein neues Corporate Design für uns leisten muss und wie wir uns die Zusammenarbeit mit einer Agentur bzw. einem Grafikbüro vorstellen. Und wir haben im Wissenschaftsumfeld um Empfehlungen gebeten. Daraus hat sich eine ganze Reihe potenzieller Anbieter ergeben, die wir schließlich gebeten haben, sich an unserem Vergabeverfahren zu beteiligen. Mit den drei – auch in wirtschaftlicher Hinsicht – interessantesten Anbietern haben wir dann Briefinggespräche geführt und sie anschließend zu einem Pitch eingeladen. Darin haben wir geschaut: Wer von den Dreien hat unser Anliegen am besten verstanden, wer kommt mit dem interessantesten Ansatz, stimmt die Chemie für eine gute Zusammenarbeit usw. Das Ergebnis war knapp, wir hatten also schon von vornherein „einen guten Riecher“, aber am Ende hat uns „Sehen ist Gold®“ insgesamt am meisten überzeugt.

    Der Ablauf im Klartext:
    1. Marktrecherche und Einholen von Empfehlungen (soweit ok…)
    2. (Nichtoffenes?) Vergabeverfahren nach interner Vorauswahl
    3. (Unbezahlter?) Briefing/Pitch mit Top3, die bereits auf „Wirtschaftlichkeit“ geprüft wurden
    4. (Unbezahlte?) „Ansätze“ (Text-Konzepte? Design-Konzepte?)
    5. Entscheidung

    Da stellen sich mir so viele Fragen:
    – Warum keine (zusätzliche) offene Ausschreibung?
    – Mussten die Agenturen bereits vor dem Briefing ein Angebot abgeben, wenn sie zu dem Zeitpunkt schon auf Wirtschaftlichkeit geprüft waren?
    – Oder auf welcher Basis wurde die Wirtschaftlichkeit bewertet?
    – Etwa anhand von Stundensätzen?
    – Warum gibt es erst NACH dem Vergabeverfahren ein Briefing?
    – Wurden Pitch und gelieferte „Ansätze“ angemessen entlohnt (man kann davon ausgehen, dass hier bereits mehr als nur eine DIN A4 Seite geliefert werden musste…)?

    Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber das liest sich zwischen den Zeilen wie ein Vergabeverfahren, dass zum einen nicht fair und zugänglich für alle geeigneten Anbieter ist und zum anderen auf viel kostenlose Arbeit und „Preisdrückerei“ setzt.

    • Wir haben an der Vergabe teilgenommen und können sicherlich einige qualifizierte Antworten liefern.

      Zunächst zum Ablauf:
      – Im April 2018 wurden wir gefragt eine erste Kostenschätzung abzugeben, damit die Universität abschätzen kann in welcher Preisklasse sie sich mit dem Projekt bewegen. Diese Kostenschätzung umfasste bereits die Aufstellung der Kosten für Markenfindung, Workshops, Konzeption, Templateerstellung, Nutzungsrechte, etc.
      – Im Juni wurden wir dann zur Teilnahme am Pitch eingeladen. Dieser war sehr gut vorbereitet mit einem umfassenden Briefing, in dem bisherige Schwächen der Uni-CI benannt, Zielgruppen formuliert und der Auftragsgegenstand, also die geforderten Leistungen, umfänglich beschrieben wurden. In Zuge dessen bestand das Angebot mit der Universitätskommunikation bzw. einem eigens für das CI-Relaunch gebildeten (kleinen) Team ein Briefinggespräch durchzuführen – erste Fragen, Ziele, Wünsche konnten so schon einmal diskutiert werden.
      – Die Ausarbeitung erfolgte bis Ende September 2018. Diese umfasste neben der Ideenskizze eine Agenturpräsentation, die Skizzierung des Markenprozesses und einen Zeitplan. Die Qualität der Ideenskizze floss zu 20% in die Gesamtbewertung ein und war damit genauso wichtig wie die Organisation des „Markenentwicklungsprozesses“.
      – Die Beauftragung bzw. die Absage erfolgte dann zeitnah Ende Oktober. Der weitere Entwicklungsprozess umfasst damit ca. 1 Jahr.

      Zu deinen Fragen und Annahmen:
      Es ist klar, dass sich öffentliche Einrichtungen (besonders Hochschulen) um die Einhaltung ihrer Haushaltsbudgets bemühen müssen. Gerade auf dem Campus in Erfurt sind mehrere Neubauprojekte im Gange und einige Sanierungsprojekte müssen aufgeschoben werden, weil Haushalte nicht bestätigt werden. So eine CI-Entwicklung ist da fast noch ein kleiner Posten, aber man kennt es ja aus zahlreichen Diskussionen (nicht unbedingt hier auf dt aber gerne in der Lokalpresse + Bild) – wenn ein derartiger Prozess ein paar 10.000€ kostet und einigen Kommentatoren nicht gefällt, verkürzen viele die Ausgaben auf das Logo. So ist die Vorab-Anfrage mit Kostenschätzung logisch – die Uni Erfurt wollte zunächst aus Vorsicht und aufgrund von ökonomischem Druck die Machbarkeit prüfen.
      Offensichtlich blieben die genannten Kostenschätzungen unterhalb gewisser Vergabegrenzen, die das ein oder andere Verfahren vorschreibt (das ist in jedem Bundesland unterschiedlich und wie alles in Deutschland recht kompliziert). Ein öffentlicher Wettbewerb war somit nicht zwingend notwendig und auch aus Agentursicht können wir so ein mehrstufiges Verfahren nur begrüßen. Man muss sich nur die weltweit ausgeschriebenen offenen Architekturwettbewerbe für die Bauhaus-Museen in Erfurt und Weimar anschauen – Weimar hatte ca. 500, Dessau 800 Einreichungen. Die Auslober mussten ganze Turnhallen anmieten, um die Einreichungen überhaupt betrachten zu können und wer will bitte aus einer derartigen Menge an Beiträgen entscheiden, welches EINE nun das beste ist? Das wäre bei Logos bzw. CI-Konzepten nicht anders. Zudem arbeiten tausende Menschen umsonst daran – eine Loose-Loose-Situation für alle Beteiligte.

      Es war der bestbezahlte Pitch, an dem wir je teilgenommen haben (bisher ca. 10). Reich wird man dadurch natürlich nicht, aber der Umfang der „Ideenskizze“ lag im Ermessen des Einreichers – dass man als Agentur natürlich viel mehr liefert als eine bloße Skizze ist klar, wenn man gewinnen möchte.

      • Ui, danke für den Einblick! Ich kenne aus eigenem Erleben bisher nur öffentliche Ausschreibungen und bin geneigt diese als die für die Dienstleisterseite schlechteste Möglichkeit einzuordnen: Die ausuferndenen Verfahrenszwänge scheinen sämtliche Nachteile die bei einer Auftragsanbahnung im Designgewerbe denkbar sind zu bündeln: Keine Kommunikationsmöglichkeit, Falsche Grundvorraussetzungen/Aufgabenstellung, keine Transparenz, hoher bürokratischer Aufwand, unbezahlte Pitch-Arbeit (in durchweg unverschämtem Ausmaß), insgesamt willkürliche Bewertungskriterien und (unterstellt) fehlende Qualifikation bei der Bewertung der Einreichungen und unbegrenzte Teilnehmerzahl.
        Dagegen erscheint mir ein Verfahren wie es die Uni Erfurt angewendet hat, doch deutlich zielführender. (Auch wenn hier immer noch ein Pitch involviert war, aber bis wir da mal drüber weg sind wird es wohl noch lange dauern….)

      • Danke für den ausführlichen Einblick in den Prozess, das klingt tatsächlich, entgegen meiner Annahme, nach sehr fairen Bedingungen. Was leider (noch) nicht üblich ist.

        Ich selbst bin durch persönliche Erfahrungen mit kommunalen Aufträgen ein gebranntes Kind was solche Vergabeprozesse angeht, darum meine negativen Annahmen.

  10. Zur Frage, worin die Kritik an der Außenwirkung besteht: Was immer man vom bisherigen Logo gehalten haben mag – es war nicht beliebig. Es vereinte etliche Elemente, die man speziell mit der Uni Erfurt oder überhaupt mit einer Uni verbinden konnte: die Buchstaben U und E in abstrakter Form; das Stadtwappen von Erfurt in angedeuteter Form (Rad und Radnabe); die Rundform traditioneller Hörsäle; das Zusammenspiel von Offenheit und Abgeschlossenheit, Ineinandergreifen und Unabhängigkeit als Metaphern für die Arbeit/Kommunikation an Unis usw. Von all dem ist im neuen Logo fast nichts geblieben: Wenn man möchte, kann man auch hier metaphorische Werte hineininterpretieren (auch wenn diese Werte aus meiner Sicht grafisch viel weniger spezifisch sind als in der alten Form). Ansonsten gibt es nichts, was speziell für die Uni Erfurt stehen würde: Die Form ist beliebig, die Schrift ist beliebig; das Logo könnte für alles Mögliche stehen. Das ist für die Außenwirkung einer Uni keine besonders gute Voraussetzung. (Und da haben wir noch gar nicht die Wirkungen im Detail betrachet, die einige als, sagen wir: unvorteilhaft betrachten: die Dominanz der Farbe schwarz; die Unausgewogenheit der Typografie; die Assoziation von Verspieltheit usw.)

    Was mich am meisten an der Neugestaltung verwundert: Das alte Logo hatte durchaus seine Schwächen, z.B. wenn man es mit den Logos anderer Institutionen kombinieren wollte – wenn die Bildmarke in der Größe gut passte, war der Schriftzug „Universität Erfurt“ meist kaum mehr zu lesen. Diese gravierende praktische Einschränkung ist mit dem neuen Logo allerdings nicht behoben. Spontan stelle ich mir viele Situationen vor, in denen man vor den gleichen Problemen steht.

    P.S.: Bin ich der einzige, der den Eindruck hat, dass mittlerweile auch die Kommunikationsabteilung der Uni Erfurt hier mitkommentiert? ;-)

    • Danke für die Antwort!
      Ich kenne Erfurt nicht, und damit auch die Universität nicht. Und aus dieser Ferne betrachtet erscheint mir deine inhaltliche Aufladung des alten Logos doch etwas sehr wohlwollend. Ohne jeden Hintergrund bzgl. der Uni Erfurt zu haben bleibt das Kreissegment in meinen Augen abstrakt – nicht mal die Andeutung der Buchstaben „u“ + „e“ will ich ernsthaft nachvollziehen.
      Aber geschenkt: Das „Neue“ entzieht sich ja eindeutig jedes offensichtlichen Bezuges, es ist abstrakt, und das in plakativer Form.
      Der Vorwurf der Beliebigkeit trifft in meinen Augen also auch den Vorgänger, wobei man hier diskutieren könnte, ob die jetzt gegebene Unverwechselbarkeit des Zeichens nicht sehr begünstigt, dass „Identität“ im Laufe des Uni-Lebens entsteht.
      Und genau bei diesem Aspekt bin ich so positiv von dem Relaunch eingenommen: Das neue Signet ist enorm eigenständig: Der schwarze Rahmen ist ein visuelles Ausrufezeichen mit Fernwirkung, die Zusammenstellung der Typografie (Serifen U&R) hingegen ist ein visueller Bruch im Detail.

      PS: Die angesprochene Schwäche bzgl. der Probleme bei Logo-Reihen sehe ich ebenfalls weniger kritisch: Lesbarkeit der Typografie erfüllt bei dieser (unsäglichen) Anforderung nahezu kein einziges Uni-Logo und als geplagter Mensch, der diese Art Reihungen im letzten Jahr gleich mehrfach auf Publikationen setzen durfte, freue ich mich über die tendentiell quadratische Grundform :-)

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