Datenvisualisierung: Deutschland in der dritten Welle

Deutschlandkarte Coronavirus (03/2021)

Deutschlandkarte Coronavirus (03/2021), Quelle: RKI

Deutschland präsentiert sich im März 2021, bezogen auf die Visualisierung von Coronavirus-Neuinfektionen, in einem breiten Farbspektrum. Je nach Informationsangebot und Nachrichtenquelle divergieren die in rosa, gelb, apricot, rot und türkisfarben aufbereiteten Karten und Grafiken stark. Wie Deutschland in der dritten Welle aussieht und welche Wirkung dies auf uns hat, wird im folgenden einmal näher beleuchtet.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurden hier im dt interaktive Karten zur Verfolgung der weltweiten Verbreitung des Coronavirus vorgestellt. Seitdem sind derlei auf Basis von Daten aufbereiteten Karten und Diagramme zentraler Bestandteil fast aller Nachrichtenangebote. Oftmals sind die Coronavirus-Übersichtsseiten, auf denen n-tv, SPIEGEL, ZEIT u.a. Statistiken und Grafiken sammeln, die am meisten aufgerufenen Seiten der jeweiligen Nachrichtenangebote. Das tägliche Coronavirus-Update gehört für viele Menschen so selbstverständlich zur Routine wie Zähneputzen oder Kaffeekochen.

Verstärkt werden diese größtenteils schlechten Nachrichten mit Hilfe der in Grafiken und Karten verwendeten Farben. Schon seit vielen Wochen kommt hierbei nahezu jeder erdenkliche Rotton zur Anwendung: Lachsrot, Bordeauxrot, Blutrot, Glutrot, Feuerrot, Chinesischrot … die Karten zeichnen teilweise ein bedrohliches Bild. Dabei stehen Redakteure im Bereich Grafik- und Datenvisualisierung vor der Herausforderung, farbliche Entsprechungen für immer neue Höchstmarken zu finden. Innerhalb der Deutschlandkarte, die vom Robert-Koch-Institut veröffentlicht wird, erfolgt die Kenntlichmachung des Landkreises mit der derzeit deutschlandweit höchsten 7-Tage-Inzidenz (Greiz, 567 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner) mit Hilfe der Farbe Magenta. In der vom Nachrichtensender n-tv erstellten Karte ist dieser Landkreis Violett eingefärbt. Das ist insofern bemerkenswert, da in Anwendungskontexten wie der Meteorologie seit Jahrzehnten Höchstwerte mit Dunkelrot und Tiefstwerte mit Violett gekennzeichnet werden. Grund genug sich das mit den Farben und ihrer Rangordnung einmal genauer anzusehen.

Karten: Neuinfektionen in Deutschland

Seit Isaac Newton wissen wir, dass ein Prisma das weiße Licht in die Spektralfarben rot, orange, gelb, grün, blaugrün, blau und violett zerlegt – es sind dies die für das menschliche Auge sichtbaren Farbbereiche. Innerhalb eines Rechteckspektrums bildet ein dunkelroter Farbton (langwellig) das eine/obere Ende während Violett (kurzwellig) das andere/untere Ende einnimmt. Dieser Logik folgend werden auf Wetterkarten hohe Temperaturen im Sommer in orange bis rot und niedrige Temperaturen im Winter in blau bis violett dargestellt. Auch zahlreiche andere Farbskalen sind nach diesem weltweit gültigen Gestaltungsprinzip aufgebaut, wie etwa beim Waldbrandgefahrenindex, bei der PH-Werteinteilung sowie innerhalb von Darstellungen der zwölfstufigen Mercalliskala oder der neunstufigen Richterskala. Auch bei der Kartendarstellung der ECDC, dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, markiert ein zum Dunkelbraun tendierender Rotton das obere Ende der Farbskala.

Für Johann Wolfgang von Goethe, der viele Jahre seines Lebens mit der Systematisierung und Klassifizierung von Farben verbracht hat, stellt ein dunkler Rotton (von Goethe „Purpur“ genannt) die stärkste Steigerung und die „höchste aller Farberscheinungen“ dar. In dem von ihm geschaffenen Farbenkreis befindest sich Rot oben. Während Newton die physikalischen Eigenschaften des Lichts analysierte und daraus seine Theorie der Farben entwickelte (Ursache), widmete sich Goethe insbesondere den psychologischen und ästhetischen Aspekten von Farben, ihrer Erscheinung, Bedeutung und Wirkung (Sinn). Die Ergebnisse ihrer Beobachtungen finden heutzutage Anwendung in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft und in allen Disziplinen, auch im Informations- und Kommunikationsdesign.

Magenta – der Supergau?

Thematische Karten wie die oben aufgelisteten verdanken ihr Aussehen also den Naturforschungen sowohl Newtons als auch Goethes. Bei der Karte des RKI jedoch steigert sich Dunkelrot in Magenta, und bei der Karte von n-tv steht Violett in der Skala oberhalb von Dunkelrot. Nach Goethes Farbverständnis ist eine solche Steigerung nicht möglich, da Violett der Gegenpol zu Rot darstellt. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rangordnung von Farben, wohl auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der Verbreitung von Bildschirmen, welche dank ihres RGB-Farbraums unvergleichlich leuchtende Farbwerte hervorgebracht haben, um eine entscheidende Nuance verschoben.

Australien Temperaturen Farbskala (2013)

Abb.2 Australien Temperaturen Farbskala (2013), Quelle: Australian Bureau of Meteorology

Da Australien im Zuge des Klimawandels seit den 1990er-Jahren immer neue Rekordhitzen erlebt, führte die australische Wetterbehörde 2013 auf ihren Karten die Farbe Violett ein, um damit Temperaturen oberhalb von 50 Grad Celsius anzuzeigen (Abb.2). Für Regionen mit Temperaturen ab 54 Grad ist bei dieser Farbskala Magenta vorgesehen. Die Erdbebenstärkenklassen der meteorologische Behörde Japans (JMA) sind an einer Farbskala ausgerichtet, in der ein dunkler Magentafarbton die höchste Stufe markiert. Auch innerhalb der 1990 eingeführten Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, kurz INES, wird die höchste Stufe (7) mittels der Farbe Magenta kenntlich gemacht. Magenta steht demnach für eine Nuklearkatastrophe, für den Supergau und für schlimmste durch Erdbeben verursachte Zerstörungen. Als 1996 ein Bonner Telekommunikationsunternehmen an die Börse ging, gab es eine solche Zuschreibung meines Wissens noch nicht.

Anders als bei den in Klassen und Stufen eingeteilten Wetterphänomenen, Naturereignissen und Katastrophen, welche auf messbaren physikalischen Daten beruhen und jeweils eine nach oben abgeschlossene Skala beinhalten – mehr als Supergau geht nicht –, folgt der sogenannte 7-Tage-Inzidenzgrenzwert (50, 100, 200) jedoch keinen Naturgesetzen. Als die Bundesregierung im Mai 2020 die Einführung einer Obergrenze von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner beschloss, erfolgte dies, so die Begründung, vor dem Hintergrund der Nachvollziehbarkeit des Infektionsgeschehens durch die Gesundheitsämter. Schon damals wurde die Festlegung auf eine solche Grenzmarke aufgrund fehlender Angaben zur Berechnungsgrundlage von vielen Experten und namhaften Virologen als willkürlich bezeichnet. Die Corona-Pandemie, das zeigt das Infektionsgeschehen beispielsweise in Ländern wie Brasilien, Tschechien oder den USA, kennt keine Obergrenze.

Somit stellt sich beim Anblick einiger der hier aufgelisteten Deutschlandkarten die Frage, in welches Farbspektrum sich diese bewegen, sollte sich das Infektionsgeschehen, was zu verhindern gilt, auch hierzulande weiter verschärfen und zu weiteren Höchstwerten führen. Mit welchem neuen Farbwert würde man beispielsweise einen Landkreis kennzeichnen, wenn der Inzidenzwert dort, ähnlich wie in einigen anderen Ländern, die Marke von 1.000 oder gar 2.000 erreicht? Lässt sich Magenta verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen? Eine Frage, die im Informationsdesign mit einer schlüssigen und nachvollziehbaren Lösung beantwortet werden sollte. Klar ist: die in einem auf Farben basierenden Bewertungssystem enthaltenen Informationen sind nur dann zugänglich, verständlich und somit nützlich, wenn das dabei verwendete Gestaltungsprinzip auf bekannten Regeln und Konventionen aufbaut. Ein einfaches und verständliches System bildet im Bereich der Datenvisualisierung etwa das Universalprinzip von hell zu dunkel. Eine Farbskala allerdings, die von hell (Minimum) nach dunkel (Maximum) reicht und bei der zur Kennzeichnung des Maximalwertes oberhalb von Dunkelrot Magenta steht, obwohl Magenta klar erkennbar ein hellerer Farbwert darstellt, ist unlogisch und birgt die Gefahr der Missinterpretation.

Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – heute

Abb.3 Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – heute, Quelle: heute.de

In der von der ZDF-heute-Redaktion publizierten Deutschlandkarte (Abb.3) reicht die Farbskala von hellgrau bis dunkelpetrol, was derzeit eine monochrome Darstellung zufolge hat. Der Informationsgehalt ist bei dieser Form der Visualisierung jedoch ebenso groß wie bei den „konventionellen“ Darstellungen. Im Gegensatz zu den vom RKI und vielen Nachrichtenmarken verbreiteten tiefrotgefärbten Karten, die eine brandgefährliche, in höchstem Maße bedrohliche Situation zeichnen, nimmt das kühle Farbklima der Kartendarstellung ihre „emotionale Schärfe“ und lässt die Situation weniger aufgeheizt erscheinen. Eine Visualisierung, die das aktuelle Infektionsgeschehen sachlich-neutral abbildet, ohne dabei zu beschönigen. Ein, wie ich finde, gutes weil kluges Design.

„Gestresste Hirne brauchen Medienhygiene“

Denn das Dauerfeuer schlimmer Nachrichten macht Menschen krank. Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner und der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli haben bereits vor Ausbruch der Pandemie auf diesen Umstand hingewiesen. Ein Effekt, der sich in Zeiten von Corona so verstärkt hat, dass beispielsweise die Bayerische Landesregierung sich dazu veranlasst sah, Empfehlungen in Sachen eigener psychischer Gesundheit herauszugeben. Auch das ZDF widmet sich in Form eines Webspecials diesem Thema. Wenn die Kette von medialen Alarmbotschaften nicht abreißt, erzeugt dies Stress und Angst, so Adli. Rotgefärbte Deutschlandkarten sind visuelle Alarmbotschaften, die aufgrund ihrer bildhaften Form besonders schnell rezipiert und konsumiert werden. Und wir konsumieren mehr und mehr davon. Denn die digitalen Medien mit ihren Konsum fördernden Mechanismen und Technologien lassen uns tiefer und tiefer in die Welt schlechter Nachrichten hinab-scrollen, Stichwort „Doom-Scrolling“. „Gestresste Hirne brauchen Medienhygiene“ fordert die Wissenschaftlerin Urner. Deshalb sollten wir schlechte Nachrichten wie auch diese Form visualisierter Informationen in Maßen und mit einem gewissem Abstand betrachten. Das ist zugegebenermaßen leichter gesagt denn getan.

Coronavirus Neuinfektionen in Estland

Abb.4 Coronavirus Neuinfektionen in Estland, Quelle: Postimees

Ob die von der Nachrichtenmarke Postimees veröffentlichte Grafik (Abb.4) Ausdruck von Gelassenheit ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Gemeinhin wird der Farbe Blau farbpsychologisch eine beruhigende Wirkung nachgesagt. In Estland jedenfalls, dem Land in Europa mit dem derzeit höchsten Inzidenzwert (700), begegnet man einer auch hierzulande scheinbar nach oben hin immer weiter eskalierenden Farbreizspirale mit nordeuropäischer Kühle. In der von der ältesten Tageszeitung in Estland verbreiteten Karte zum Infektionsgeschehen reicht die Farbskala von einem blassen Babyblau bis hin zu Indigoblau. Die monochrome Farbgebung mindert keinesfalls den Informationsgehalt der Karte. Die Festlegung auf ein blaues Farbspektrum führt auch nicht zu einer Verzerrung des Pandemiegeschehens. Bei einer im grünen Farbspektrum angelegten Karte wäre dies ganz gewiss anders zu bewerten.

Wer um die psychologische Wirkung von Farben weiß und überdies den Negativitätseffekt kennt, kann die im Zuge der Corona-Pandemie veröffentlichten Infografiken, Diagramme und Karten betrachten, ohne dass diese Stresssymptome verursachen. So wird etwa auch nachvollziehbar, warum die Farben im Covid-19-Dashboard des Robert-Koch-Instituts so kräftig leuchten wie nirgendwo sonst, zumal der dunkle Hintergrund die mahnende, alarmierende Wirkung der Farben noch verstärkt (Simultankontrast). Kritisch zu bewerten sind derlei wie Bilder wirkende visualisierte Informationen vor allem dann, wenn sie unkommentiert bleiben. Einordnende, bewertende Kommentare, in denen die Verwendung der Farben im Kontext Corona erläutert würden, konnte ich seit Ausbruch der Pandemie in keinem der hier genannten Nachrichten- bzw. Informationsangebot finden. Aufklärung, Einordnung und Bewertung sind in der Wissenschaft wie auch im Journalismus jedoch unerlässlich, gerade auch im Bereich der Datenvisualisierung sind diese gefragt. Dementsprechend verantwortungsvoll und vorbereitet sollten jene sein, die Informationen in dieser Weise gestalten und aufbereiten.

Wenn sich an Tag 376 der Pandemie die Menschen wünschen, dass alle auf Karten dargestellten Regionen wieder im „grünen Bereich“ liegen mögen, dann lässt sich auch anhand dieser Redensart ermessen, und es ist dies vielleicht Goethes größter Verdienst, wie groß der Einfluss ist, den Farben auf uns haben.

 

Update 10.04.2021: Mittlerweile hat der SWR das Thema aufgegriffen. Im Rahmen der Sendung „SWR Aktuell“ wurde ich zur Gestaltung der hier beschriebenen Deutschlandkarten befragt: Mitschnitt/MP3.

13 Kommentare zu “Datenvisualisierung: Deutschland in der dritten Welle

  1. Ob blau oder rot, ich finde es vor allem schwierig wenn das gewählte Spektrum (von blass bis dunkel-gesättigt) nicht halbwegs linear aufgeteilt wird. Ein Negativ-Beispiel ist hier meiner Meinung nach die SZ: Werte bis 200 sind hier noch gemütlich blass-rötlich und in ihren Abstufungen nur schlecht unterscheidbar. Als wäre das der Bereich wo noch alles okay ist?

    • Erinnert sich noch jemand an die gute alte Zeit, als ein Inzidenzwert von 50 als tiefrote Katastrophe dargestellt wurde? :D

  2. Danke Achim, dass Du dieses Thema aufgreifst! Ich denke jeden Tag aufs Neue über die Gestaltung der Karten nach. Was mich unter anderem beschäftigt: Gerade zu Beginn gab es viele Karten, deren Farbspektrum sich zwischen Grün und Rot bewegte. Ist das für Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche nicht ein unüberwindbares Hindernis beim Betrachten? Müsste man die Wahl der Farben unter dem Gesichtspunkt der Barrierefreiheit bei Infografiken nicht viel stärker berücksichtigen?

    • Barrierefreiheit, und zwar die fehlende, ist ein guter Punkt! Auf die Notwendigkeit der Zugänglichkeit von derlei Grafiken hatte ich im Beitrag ja hingewiesen. Aber es ist sinnvoll, dass Du dieses Thema noch einmal gesondert ansprichst Kathrin.

      Wie wenig barrierefrei und inklusiv viele der Deutschlandkarten sind, zeigt sich unter anderem daran, wenn man diese in Graustufendarstellungen umwandelt. Der Informationsgehalt ist in einer solchen Darstellung, insbesondere auch aufgrund der Verwendung der Farbe Magenta, stark beeinträchtigt. In der vom Robert-Koch-Institut verwendeten Darstellung wirkt sich obendrein der dunkle Hintergrund sehr nachteilig aus:

      Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – RKI Graustufen-Ansicht

      In vielen Darstellungen ist der Kontrast zwischen den Farbtönen zu gering:

      Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – BILD Graustufenansicht

      Daher gilt: „Rot-Grün-Kombinationen sind zu vermeiden, da sie von Menschen mit Rot-Grün-Blindheit nicht erkannt werden. Außerdem sind Kontraste von Komplementärfarben ungeeignet, da sie zu einem Flimmereffekt führen“, siehe leserlich.info/kapitel/farben

      Mit Hilfe der Umkehrung der Darstellung auf Graustufen lassen sich die Vorteile, die in der Begrenzung auf ein monochromes Farbspektrum liegen, sehr gut ablesen, wie die Deutschlandkarte der ZDF-heute-Redaktion zeigt:

      Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – heute Graustufenansicht

      Zum Thema „Kommunikationsdesign für sehbehinderte und sehende Menschen“ gibt es im dt einen eigenen Beitrag.

  3. Vielen Dank für die Einordnung und Nachvollziehbarkeit.

    Aber ich möchte noch die Geschichte der Farbe “Magenta” ans Licht zerren. Der Name stammt von dem italienischen Ort Magenta, als dort in einer Schlacht im Sardinischen Krieg so viel Blut vergossen wurde, dass der Boden diese Farbe annahm. Es ist also der blutrünstigste Farbenname gleich nach “Ochsenblut”. Weshalb die Telekom sich diese Farbe auf die Fahne geschrieben hat, erklärt sich mir nicht. Ich finde das sehr martialisch. Fuchsia klingt doch gleich viel netter, oder?

  4. Das Kernproblem dieser Karten ist aber weder die Farbauswahl oder die Skalierung, sondern dass dort ein Wert visualisiert wird, der kaum etwas aussagt und der ein völlig falsches Bild vom pandemischen Geschehen vermittelt.

    • Zumindest ändert sich der Zusammenhang zu den Werten ständig. Vor einem Jahr war ein Wert von 50 tiefrot und katastrophal, heute wäre es blasses Gelb und ein toller Wert.

      • Zumindest ändert sich der Zusammenhang zu den Werten ständig. Vor einem Jahr war ein Wert von 50 tiefrot und katastrophal, heute wäre es blasses Gelb und ein toller Wert.

        Das ist richtig. Und das muss meiner Meinung nach auch so sein. Denn veränderte Rahmenbedingungen, wie die seit Ende letzten Jahren einsetzende Impfkampagne, die seitdem sinkenden Zahlen bezüglich der Belegung von Intensivstationen, zurückgehende Todeszahlen insbesondere in der Gruppe der als gefährdet geltenden Personen, die Möglichkeit des Testens, eine steigende Anzahl von Genesenen und andere Faktoren haben dazu beigetragen, dass beispielsweise 20 Neuinfektionen pro 100.000 am Tag heute ganz anders bewertet werden und somit ein anderes „Gefahrenpotenzial“ darstellen. Anhand der Kartendarstellung der SZ möchte ich hier einmal veranschaulichen, wie sich die Farbdarstellung in den letzten Monaten verändert hat. Nahezu der gleiche Farbwert, der noch im Juli 2020 für die Kennzeichnung von Regionen mit bis zu 20 Neuinfektionen verwendet wurde, greift heute bei Regionen, in denen der Inzidenzwert über 200 liegt.

        Coronavirus Neuinfektionen Deutschland Karte – SZ – Vergleich Zeitraum

        Ich teile im übrigen die Einschätzung von Experten und zahlreichen Bürgermeistern und Landräten, dass der Inzidenzwert alleine betrachtet an Aussagekraft verloren hat. Deshalb sehe ich derlei Kartendarstellungen, die in vielen Medien als Aufmacher und Teaser-Bilder dienen, auch kritisch. Nach einem Jahr Pandemie sind es nicht nur Impfdosen und Tests in ausreichender Zahl, eine von vielen Millionen Menschen verwendete und dabei HILFREICHE App, unbürokratisches und pragmatisches Vorgehen auf Verwaltungsebene sowie eine klare Strategie auf Seiten der Politik, die fehlen, es fehlt meines Erachtens auch eine verlässliche Kennzahl, die das pandemische Geschehen zusammenfassend und ganzheitlich betrachtet abbildet, ähnlich wie ein Leitindex an der Börse. Es gibt in der Wirtschaft unzählige Indizes. Selbst einen Covid-19-Zerfalls­index gibt es bereits. Warum bislang kein übergeordneter „Corona-Index“ entwickelt wurde, der neben der Inzidenz auch weitere mindestens ebenso wichtige Kenngrößen wie etwa die der Krankenhausauslastung, die Genesenenquote oder die Positivtestquote berücksichtigt, erschließt sich mir offen gestanden nicht.

    • Vielen dank fürs Teilen Kathrin!

      Das Beispiel zeigt, dass es gute Gründe dafür gibt, bestimmten Themen mehr als nur 280 Zeichen zu widmen. Ich halte den Vorwurf, die Tagesschau-Redaktion manipuliere gezielt die Kartendarstellungen, für abwegig, auch für ein wenig kurzsichtig. Denn Tatsache ist nun einmal, dass die Farbdarstellungen der Karten und auch die dazugehörigen Legenden seit Beginn der Pandemie kontinuierlichen Anpassungen unterliegen. Die Zuordnung von Farbwert zu Zahlenwert, das zeigt die in meinem vorherigen Kommentar veröffentlichte Gegenüberstellung, ändert sich mit der Zeit. Das muss auch so sein! Würde sich die Zuordnung nicht ändern, müsste man von einer verfälschten Darstellung sprechen. Noch einmal: der Inzidenzwert stellt keine feste wissenschaftliche Größe dar.

      Auf Stern.de fehlt, wie bei vielen Boulevardangeboten, die Einordnung des im Tweet verfassten Fake-Vorwurfs. Der Stern-Beitrag befeuert dadurch meiner Meinung nach Verschwörungsideologie und bestätigt alle jene, die glauben, Journalisten, insbesondere die der öffentlich-rechtlichen Medien, seien Teil der „Lügenpresse“.

      Zur Stellungnahme seitens der Tagesschau-Redaktion via Faktenfinder: ich muss sagen, dass ich die Argumentation wenig überzeugend finde, insbesondere die folgende Aussage.

      Keine Manipulation. Wegen des dynamischen Infektionsgeschehens wurden die jeweils höchsten Klassen unterteilt – für die neuen Klassen wurden zusätzliche Rottöne eingeführt. Die Darstellung der bisherigen Klassen blieb aber stets gleich. Die letzte Erweiterung gab es Mitte Dezember, seitdem wurde die Einteilung der Klassen nicht erweitert. Hätte die tagesschau die Klassen übrigens nicht erweitert, wären aktuell keine Unterschiede bei der Inzidenz auf der Karte zu erkennen, da fast alle Landkreise und Städte seit Wochen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen aufweisen.

      Zusätzliche Rottöne einzuführen ist nicht Teil der Lösung, sondern, wie ich im Artikel versucht habe aufzuzeigen, Teil des Problems. Nicht die Farben müssen dynamisch angepasst werden, sondern die Inzidenzwert-Klassen! Die Tagesschau-Redaktion selbst weißt in ihrer Stellungnahme richtigerweise auf diese Umstand hin. Nur handelt sie nicht konsequent genug nach diesem Prinzip. Die im besagten Tweet aufgezeigte Verwendung unterschiedlicher Grafiken ist meiner Ansicht nach kein Beleg für Manipulation, sehr wohl jedoch ein Hinweis auf eine inkonsequente Handhabe und ein Belege für inkonsistente Datenaufbereitung. Wie anfällig die von der Tagesschau-Redaktion verfolgte Gestaltungslogik ist, lässt sich obendrein leicht daran ablesen, dass damit kaum das Infektionsgeschehen etwa in Schweden, wo der 7-Tage-Inzidenzwert aktuell bei durchschnittlich 432 liegt, informativ darstellbar ist. Mit einer guten Gestaltungslogik und einer monochromen Farbskala von hell nach dunkel, wie sie etwa ZDFheute verfolgt und anwendet, ist dies hingegen sehr gut möglich.

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