Illustration „Auf Armlänge“, Quelle: Süddeutsche Zeitung

Auf Armlänge – wie Bilder die Aufregungskultur befeuern

Illustration „Auf Armlänge“, Quelle: Süddeutsche Zeitung

Illustration „Auf Armlänge“, Quelle: Süddeutsche Zeitung

Die Art und Weise, wie Menschen auf die Illustration reagiert haben, die am vergangenen Wochenende von der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, sagt viel darüber aus, wie wir heutzutage Nachrichten und Informationen konsumieren und wie wir darauf reagieren. Die Schwarzweiß-Grafik bediene klipp und klar eine Bildrethorik, wie sie Nationalsozialisten, Kolonialisten oder der Ku-Klux-Klan verwendeten, so ein Vorwurf. Die Geschichte hinter dem Bild ist allerdings eine andere, die Intention übrigens auch, was im Sog des Echtzeit-Nachrichtenstroms ebenfalls völlig unterzugehen scheint.

Ein schwarzer Arm, der zwischen die Schenkel einer weißen Frau greift. Für Viele ist klar, dass diese Illustration auf plumpe Art Rassismus schüre und zudem grundsätzlich sexistisch ist. In Folge der Ankündigung für die Wochenendausgabe der SZ (siehe eingebetteter Beitrag unten), entwickelte sich ein veritabler Shitstorm, der, wie so oft bei einem solchen Medienphänomen, auch deshalb entstehen konnte, weil Menschen auf Basis eines ersten Eindrucks bereits ein abschließendes Urteil fällen, um dieses sogleich mit der Netz-Community zu teilen. Wohl um die Wogen zu glätten, entschuldigte sich darauf hin der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Wolfgang Krach für die Ablichtung der Illustration. Tatsächlich hätte er für ein paar Dinge um Entschuldigung bitten können, nicht jedoch für die Illustration als solche.

Dieses Zitat stammt von Ahmad Mansour. Der palästinensisch-israelische Psychologe arbeitet in Berlin mit gefährdeten…

Posted by Süddeutsche Zeitung on Samstag, 9. Januar 2016

Wichtiger als das, was zu sehen ist, ist das, was fehlt, nämlich Satzzeichen. Hätte man das auf türkisfarbenen Hintergrund gesetzte Zitat des palästinensisch-israelischen Psychologen Ahmad Mansour als solches kenntlich gemacht, wäre der Text nicht als Titel missgedeutet worden. So aber wirkt der Text in Verbindung mit der Illustration wie eine Anschuldigung seitens der Redaktion. Die Größe der Illustration, die sich innerhalb der Teaser-Grafik über die halbe Titelseite erstreckt, verstärkt zudem diesen Eindruck. Tatsächlich nimmt die Illustration auf der Titelseite der Wochenendausgabe lediglich einen sehr kleinen Bereich ein (Abb. unten), ein Umstand, der im übrigen in der Berichterstattung durch andere Medien (SPIEGEL ONLINE, Handelsblatt, Horizont, u.a.) nahezu ausnahmslos verschwiegen wird. Lediglich im Tagesspiegel wird darauf hingewiesen. Für Facebook und Twitter-Kanäle nutzt die Süddeutsche eine spezielle Art der Grafikaufbereitung, bei der auf diese Weise der Fokus auf nur ein Thema gelegt wird. Ein Duktus, wie er auch bei anderen Themen Anwendung findet und der sich damit grundsätzlich von der Gestaltung der tatsächlichen Titelseite unterscheidet.

Titelseite Süddeutsche Zeitung, 9. Januar 2016

Titelseite Süddeutsche Zeitung, 9. Januar 2016

Wer die Artikel gelesen hat, auf die die Schwarzweiß-Illustration verweist, wird den Vorwurf, die SZ würde Fremdenfeindlichkeit schüren, revidieren müssen, denn ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass „Sexismus und männliche Machtfantasien sich länderübergreifend finden lassen“ und keineswegs ausschließlich die für die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht verantwortlichen Täter beschreibt. Ähnlich wie bei der SZ sahen auch die Macher des Nachrichtenmagazins Focus sich dieser Tage mit massiven Vorwürfe konfrontiert. Hierzu muss ich sagen: da ich mich bis dato nicht näher mit dieser Ausgabe beschäftigt habe und ich die Gestaltung des Covers zudem im Vergleich zu der hier thematisierten Illustration für deutlich weniger ausgefeilt halte, will ich es bei dieser Randnotiz belassen. Somit zurück zum Thema.

Das mit den digitalen Medien entstandene immense Informations- und Unterhaltungsangebot hat uns, die wir immer häufiger mehrere Bildschirme gleichzeitig nutzen, in einer Weise konditionieren lassen, die uns geradezu dazu zwingt, nur mit Ausschnitten und Versatzstücken zu arbeiten. Eine Überschrift und der dazugehörende Teaser müssen reichen. Für mehr reicht einfach die Zeit nicht. Weiter scrollen, Seite scannen, zum nächsten Anlaufpunkt springen. Jedes Bild wird dabei bevorzugt anvisiert, weil es uns in vielen Fällen das Lesen erspart. Ein Trugschluss und eine Gefahr. Eine von Microsoft durchgeführte Studie belegt, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen aufgrund zunehmender Nutzung digitaler Angebote mittlerweile geringer ist als die eines Goldfischs. Anstatt sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, genügt oftmals ein kurzer Kommentar, um den eigenen ersten Eindruck bestätigt zu sehen. Die Möglichkeit, dass man auf Grundlage einer verkürzten Aussage womöglich die falschen Schlussfolgerungen zieht, wird beim Wetteifern um den kreativsten Tweet allzu oft übersehen.

Versuchen wir einmal, den Filter im Kopf auszuschalten. Lösen wir die Illustration von den Vorfällen in der Silvesternacht und lassen wir die Grafik für sich alleine wirken. Was übrig bleibt, ist ein Bild, das in seiner Schlichtheit eine ungemein starke Aussagekraft beinhaltet. Die schwarzweiße Farbgebung unterstreicht nicht nur die Wirkungsweise der Illustration, sie begründet sie. Farbpsychologisch sind mit Schwarz zahlreiche Deutungsebenen verknüpft. Schwarz steht für Tot, Unglück, Trauer und Dunkelheit gleichsam wie für Modernität, Sachlichkeit und Funktionalität. Wer diese Grundfarbe ausschließlich als sinnbildlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe begreift, merkt nicht, wie sehr in diesem Moment die eigene Wahrnehmung getrübt ist. Das vielleicht größte Defizit des Menschen beschreibt Jochen Mai in seinem Beitrag über selektive Wahrnehmung sehr anschaulich.

Plakatmotiv „Gegen Missbrauch“ (2007)

Plakat Against Abuse Inc. , Quelle: adsoftheworld.com

Plakat Against Abuse Inc. , Quelle: adsoftheworld.com

Zu der Geschichte dieser Illustration gehört, dass diese bereits vor neun Jahren in einem gänzlich anderen Kontext Anwendung fand. Das oben dargestellte Plakatmotiv entstand im Auftrag des Vereins „Gegen Missbrauch e.V.“ unter Beteiligung der Agentur Grabarz & Partner (Hamburg). Auf höchst eindrucksvolle Weise macht das Motiv auf den Missbrauch von Kindern in Deutschland aufmerksam. Eine Konnotierung im Sinne „Schwarz = dunkle Hautfarbe“ besteht nicht, insbesondere deshalb nicht, weil Schwarz insgesamt als Farbe wirkt und nicht nur auf die Fläche des Armes begrenzt ist. Im Stile einer sogenannten Kippfigur sind gleichsam ein Arm wie auch zwei Beine zu erkennen, je nachdem, welchen Bildausschnitt das Auge gerade erfasst. Der Entwurf stammt von Julia H., die als gelernte Kommunikationsdesignerin mittlerweile eine Kite-Schule leitet. Auf die aktuelle Debatte rund um die Illustration angesprochen, bestätigte sie mir gegenüber zwar die Urheberschaft für die Illustration, weitere Fragen wollte sie mir jedoch nicht beantworten, was ich sehr bedaure. Julia schuf seinerzeit eine brillante visuelle Ausdrucksform, um das Thema Kindesmissbrauch zu verdeutlichen.

Wer genau hinschaut, erkennt einige Unterschiede zwischen dem von Julia geschaffenen Entwurf und der von der SZ verwendeten Grafik. Während die Physiognomie in der von Julia gezeichneten Gestalt an die eines Mädchens erinnert, entspricht sie in der SZ-Grafik der einer Frau. So wurde beispielsweise auch die Fußstellung modifiziert. Offenbar wurde die Illustration durch die SZ-Redaktion nachgezeichnet und in einer Weise verändert, sodass diese besser zum Thema Übergriffe in der Silvesternacht passt. David Pfeifer, leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, der unter anderem für die Bildauswahl verantwortlich ist, versicherte mir gegenüber im Gespräch, dass er dem Ursprung der Grafik nachgehen werde. Sollte die SZ Urheberrechte verletzt haben, werde man dies korrigieren, auch im Dialog mit der Gestalterin, versicherte Pfeifer. Nach wie vor ist er von der Qualität der Illustration überzeugt. Auch die Online-Redaktion der SZ scheint von der Qualität überzeugt, denn immernoch kommt die Originalillustration in der Onlineausgabe des Interviews mit Ahmad Mansour zum Einsatz, ohne dass die Urheberschaft entsprechende kenntlich gemacht würde.

Während die gestalterische Qualität des ursprünglichen Entwurfs tatsächlich gegeben ist, lässt die Modifizierung und noch viel mehr die Aufbereitung durch die SZ-Redaktion sehr zu wünschen übrig. Bereits der gewählte Ausschnitt für die Grafik, der in dieser Einengung im Gegensatz zum Plakatmotiv in der Tat das Bild eines schwarzen Armes befördert, beeinflusst das, was Leser wahrnehmen. Immerhin konnte die Redaktion der Versuchung widerstehen – Stand heute –, alle entsprechenden Beiträge und Grafiken einfach zu löschen, was die Kritik nur noch verstärkt hätte. Zweifelsfrei wurde die journalistische Sorgfaltspflicht in diesem Fall gleich mehrfach vernachlässigt.

Wer Nachrichten produziert, weiß, dass in diesem schnelllebigen Geschäft schon einmal Satzzeichen auf der Strecke bleiben können. Derlei Fehler passieren tagtäglich und in jeder Redaktion. Das sollte man nicht über Gebühr bewerten. Dass viele andere Redaktionen die SZ-Teaser-Grafik unkommentiert als Titelseite darstellen, gehört ebenfalls hinterfragt und korrigiert. Erst dadurch wurde bei Vielen, die die SZ nicht kennen, der Eindruck erweckt, die Illustration würde die halbe Titelseite einnehmen. Einen entscheidenden Fehler begeht allerdings auch, und das beschreibt ein grundsätzliches Dilemma im Zusammenhang mit der Echtzeitkommunikation, wer auf Basis eines Ausschnitts bereits ein abschließendes Urteil fällt. Der ausschließliche Konsum von Teaser-Häppchen führt nämlich mittel- bis langfristig zur Informations-Unterversorgung.

26 Kommentare zu “Auf Armlänge – wie Bilder die Aufregungskultur befeuern

  1. Der Fall eines provokativen Bildes, welches darstellungstechnisch (vom Ausschnitt her und von Zitatkennzeichnungen her) nicht korrekt zitiert worden ist. Danke für die Aufklärung, Achim.

    Etwas mehr Gelassenheit würde gut tun, dem Internet gut tun.

    Kippfigur

    Es gibt die gesellschaftliche Verantwortung des Designers, der Zeitung. Flüchtigkeitsfehler und unkorrekte Zitate sind ärgerlich.

    Die Verantwortung darf nicht so übertrieben gehen, dass man als Illustrator mit Schere im Kopf vor pc-Leuten einknickt.

    Nur weil es eine Zunahme falscher Zitierungen, unrichtiger Zuschreibungen und auch der übertriebenen ‚Political Correctness‘ gibt. Die epidemisch um sich greift. Wohl weil man sie so schön instrumentalisieren kann.

    Schwarzweiß-Kippfiguren gibt es schon lange:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kippfigur#/media/File:Cup_or_faces_paradox.svg

    Gruß
    der ‚Mohr‘

  2. Autsch!

    „Autsch“, dass die SZ scheinbar die Urheberrechte vernachlässigt.
    „Autsch“, dass die SZ ein Zitat nicht deutlicher kennzeichnet.

    Vor allem aber „Autsch“ dass (im Wahrsten Sinne des Wortes) derart schwarz/weiß gedacht wird.
    Ich sah dass Motiv im Vorbeilaufen und fand es brillant auf den Punkt gebracht (dieses Lob gebührt nun aber vor allem Julia H.), ich wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, den schwarzen Arm als Hinweis auf jegliche rassistische Absichten gekommen. Rassistisch finde ich ja fast schon eher jene, die bei einer schwarz/weißen Abbildung sofort an Hautfarben denken …

    Das Schwarz und Weiß ist einfach dem Doppeleffekt gewidmet, zudem nimmt es Bezug auf eine Nacht, die sich bekanntlich besser in schwarz als in weiß darstellen lässt – somit musste der Hintergrund zwangsläufig schwarz sein.

    Autsch aber auch an mich selbst, dass ich in scheinbar naiver Art und Weise nicht alles so negativ sehe. Liegt vielleicht daran dass ich kein „echter“ Deutscher bin. Und ja, das war jetzt wirklich rassistisch …

  3. *Aus irgendeinem mir nicht erkenntlichen Grund fehlt bei meinen Facebook-Kommentar die Funktionalität zum Einbetten. Deshalb hier der Beitrag auf klassischem Wege:

    „Danke für Deinen Kommentar Ada. Tatsächlich gibt es von Noma Bar eine ähnliche Grafik, die, wenn ich das richtig sehe, erstmals im September 2009 im Rahmen des Buches „Negative Space“ publiziert wurde. Das im Artikel gezeigte Plakat erschien bereits 2007. Da die verantwortliche Gestalterin mir gegenüber leider keine näheren Angaben machen möchte, bleibt letztlich offen, welche Inspirationsquellen sie damals nutzte, wenn es diese gab. Die von Noma Bar entworfene Grafik (Abb. unten) kann allerdings auf 2009 datiert werden.“

    Und hier noch der Link zum entsprechenden FB-Beitrag

  4. Die Illustration in der SZ ist super, als ich sie das erste mal gesehen habe, war ich direkt begeistert. Das Plakat, das hier möglicherweise als Vorlage diente, ist noch besser.
    Unabhängig von der Urheberrechts- und Satzzeichenfrage, ein paar Gedanken:

    Es ist gut, dass jeder Mensch hier seine Meinung äußern kann, nur leider sehen wir häufig eine Amplifikation gerade der Äußerungen, die laut und wenig qualifiziert sind:
    Warum muss man überhaupt diskutieren, dass in einer S/W-Illustration die Farben wohl kaum eine Hautfarbenkonnotation haben können?

    Ist das hier ein Piktogramm für Fußball in Afrika?

    Selbst wenn das Zitat nicht korrekt als solches gekennzeichnet war und der Eindruck eines Titels entstehen konnte, wurde dieses Missverständnis bei der Lektüre des Textes schnell ausgeräumt. Warum müssen wir überhaupt auf Kommentare von Menschen reagieren, die den Text (offensichtlich) nicht gelesen haben?
    Was berechtigt zu diesem Kommentar?
    Offenbar nicht die Kenntnis eines Sachverhalts.

    Wenn es aber so ist, dass am Ende genau diese unqualifizierte Meinung relevant ist, dann untergräbt das im Endeffekt die Freiheit und die Wirksamkeit der Presse:
    1.) Es führt zu der Schere im Kopf, einer vorauseilenden PC, einer Selbstzensur, um einem potentiellen Shit-Storm, wie berechtigt auch immer er sei, aus dem Weg zu gehen. Das schränkt faktisch die Freiheit der Presse ein.
    2.) Viel relevanter ist, dass diese Diskussionen immer oberflächlich sind. Über die wirklich relevanten Fragen, die die Presse aufwirft oder aufwerfen kann, wird immer weniger diskutiert, sie ersticken unter der Flut von halbgaren Meinungen und Haltungsvorwürfen. Das schränkt faktisch die Wirksamkeit der Presse ein.

  5. Das Originalplakat macht auf ein Problem aufmerksam und die in der SZ gedruckte Abbildung geht gegen eine Menschengruppe.

    Und natürlich macht der zeitliche und gesellschaftliche Kontext so eine Abbildung stärker oder eben nicht ganz so relevant da Zeitgeist immer eine Rolle spielt bei visuellen Expressionen. Aber das die SZ nun sich für „Unachtsamkeiten“ entschuldigt, sorry, zwei Dinge hierzu.
    Natürlich waren die sogenannten „Fehler“ bewusst eingestreut – und die Aussage dadurch kalkuliert als eine „Gegen“-Aktion ausgelegt als eine, die für ein Problem mobilisiert. Und zweitens, wenn das eine Zeitung ernsthaft auch nur in die Ecke des Missgeschickes schiebt dann ist neben der journalistischen Ungenügend auch eigentlich der Laden durch für meinen Geschmack. Es wird Zeit das Journalismus wieder an Integrität gewinnt. Seit einiger Zeit kann man das nicht mehr ganz so ernst nehmen wofür man auf der anderen Seite hofft in Zukunft Geld zu bekommen.

    • Natürlich waren die sogenannten „Fehler“ bewusst eingestreut – und die Aussage dadurch kalkuliert

      Integrität mit dem Mittel der bösartigen Unterstellung einfordern, die zudem in den Bereich der Verleumdung hineinreicht, beißt sich, wie ich meine.

      • Guter Punkt.
        Da habe ich mich wohl zu stark ausgedrückt.

        Da es sich um ein etabliertes Medienhaus handelt dem eine bestimmte journalistische Klasse zu geschrieben, und Prädikate wie Seriös, Gewissenhaftigkeit und Verantwortung nachgesagt werden, hat es mich stark gewundert das diese formalen Fehler, in diesem Fall gleich reihenweise, passiert sind.

        Die Grafik an sich finde ich toll, trifft den Nagel auf den Kopf und würde dann auch jedes Jahr fürs Oktoberfest super funktionieren, wenn man da nicht was darunter schreiben würde.

  6. Das ist wie ein McDonalds der politischen Diskussion. Redakteure, die die Nachrichten und Meinungen so schnell auf den Tisch bringen müssen, dass es Qualitativ nicht mehr gut sein kann und Konsumenten, die Quantität nicht mehr von Qualität unterscheiden können.

    Diese Unterschiede fallen leider nur noch denjenigen auf, dies sich den Luxus gönnen, ein Thema tief zu ergründen und sich nicht auf den oberflächlichen, hochfrequenten Schlagabtausch der twitter-Nutzer einlassen und dabei möglichst objektiv bleiben wollen.

    Wie man bei der gezeigten Grafik den Nationalsozialismus als Referenz nennen kann, erschließt sich mir überhaupt nicht. Die Ästhetik der Grafik hat mit den Gestaltungsmerkmalen der NS-Zeit überhaupt nichts gemein; es ist viel zu modern. Zum anderen wäre ja dann auch der Sozialismus eine geeignete Referenz, da sich beide nahezu identischer gestalterischer Mittel bedient haben. Das passt dann aber wohl nicht ins argumentative Konzept.

    Für mich ist das nichts außer das Geblöke politisch Radikaler mit ungesundem Halbwissen und Mut zur Bildungslücke. Wenn man es, so wie früher auch, als Stammtischgerede, (auf twitterisch wahrscheinlich #Regular’sTableTalking oder so…) abtut, ist es dort verortet wo es hingehört.

  7. Ich empfand die Illustration in der SZ als sehr stark und passend – Schutzlosigkeit und Übergriffkeit perfekt illustrierend. Die anschließende Diskussion zeigt nur, wie nahe an der Hysterie die Debatte in unserem Land derzeit stattfindet. Schwarz/weiß; Figur/Grund ist nun eines der Grundprinzipien der Gestaltung. Ich hoffe nur, dass niemandem auffällt, dass Druckerschwärze nunmal schwarz ist.
    Die gleiche Metapher wie in der SZ-Illustration gab es übrigens auch hier schon einmal:
    , das US-Poster des Films ›Precious‹ …

  8. Was übrig bleibt, ist ein Bild, das in seiner Schlichtheit eine ungemein starke Aussagekraft beinhaltet. Die schwarzweiße Farbgebung unterstreicht nicht nur die Wirkungsweise der Illustration, sie begründet sie. Farbpsychologisch sind mit Schwarz zahlreiche Deutungsebenen verknüpft. Schwarz steht für Tot, Unglück, Trauer und Dunkelheit gleichsam wie für Modernität, Sachlichkeit und Funktionalität. Wer diese Grundfarbe ausschließlich als sinnbildlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe begreift, merkt nicht, wie sehr in diesem Moment die eigene Wahrnehmung getrübt ist.

    So sieht’s aus, perfekt auf den Punkt gebracht!
    Weiss als Unschuld, Schwarz als das Böse/ die Bedrohung. Wird schon seit Ewigkeiten so bei Illustrationen/Gestaltung verwendet. Guter Artikel!

  9. ausschnitt oder nicht, anführungszeichen oder nicht, großes bild, kleines bild, dass alles spielt bei der SZ version der grafik ja nun aber leider überhaupt gar keine rolle! das wort „muslime“ und schwarzer arm, zack ist die referenz klar. sowieso erschien die zeitung ja bereits im kontext der lauten medialen prolematisierung von sexuell übergriffigen sogenannten „nordafrikanern“. natürlich bestimmt der kontext das bild, was soll die drumherumargumentiererei. die grafiker haben entweder einfach blind nicht verstanden, welche assoziationskette ihr bild zwangsläufig aufmacht, oder aber, und das ist warscheinlicher, sie genauso setzen wollen, wie sie aber nun auch wirklich jedeR im endeffekt rezipiert hat. der fehler liegt also ganz klar an der grafik selber, und nicht etwa an der verrückten fantasie politisch korrekter spinner. abgesehen davon haben weisse illustratorInnen im bezug auf metha ebenen rassistischer grafiken und farbcodes durchaus grundsätzlich noch was nachzuholen. das beweist dieser artikel in dem absatz „Schwarz steht für Tot, Unglück, Trauer und Dunkelheit“. klar. kommt nur drauf an für wen. diese christliche deutungsebene von „Schwarz“ war zu kolonialzeiten dem Rassismus zumindest immer ganz dienlich. es wäre gut, wenn alle bereit wären, unseren horizont zu erweitern, anstatt immer wieder zu verdrängen, wie Eurozentristisch betriebsblind oft noch gedacht wird. gerade im design spielt doch der perspektivwechsel sonst so eine grosse rolle, dachte ich?

  10. Ich kann Kirillov nur zustimmen. Ein sehr interessanter Artikel zu diesem Thema, der u.a erläutert, dass nur Weiße es sich leisten können, die Unterscheidung der Menschen nach Hautfarben zu ignorieren, findet sich hier: Weißsein als Privileg

  11. @Kirillov @Ivan
    Der in der Grafik angewandte Schwarzweiß-Kontrast beschreibt ein universelles Prinzip, das in nahezu jeder Religion und Kultur auf gleiche Weise interpretiert wird, nämlich als Gegensatz zwischen Licht und Finsternis sowie Leben und Tod. Das ist auch im Islam so. Beide Farben, Schwarz wie Weiß, verfügen, in Abhängigkeit des jeweiligen Kulturkreises, über unterschiedliche Konnotationen. Während im westlichen Kulturkreis Schwarz die Farbe für Trauer ist, ist es etwa in Japan Weiß. In der chinesischen Philosophie findet dieses, auf elementaren Polen basierende Prinzip beispielsweise im Yin und Yang Anwendung, bei dem Weiß den harten, aktiven, männlichen Pol beschreibt und Schwarz das weiche, ruhige, weibliche Wesen verkörpert. Eine Sichtweise, die im hiesigen Kulturraum überrascht, würde man hier doch eine entgegengesetzte Zuordnung vornehmen.

    Schwarz ist über die Kulturen hinweg eine ambivalente Farbe, von der zwar einerseits, und zwar überwiegend, etwas Bedrohliches, Böses ausgeht, die jedoch ebenso viele positive Eigenschaften auf sich vereint (edel, festlich, würdevoll, etc.).

    Der entscheidende Punkt ist: Schwarz wie auch Weiß lassen sich nicht allein auf Merkmale die Hautfarbe betreffend reduzieren, im übrigen ebenso wenig wie Rot und Gelb. Tut man es doch, zeigt dies nur, wie eingeengt die eigene Wahrnehmung ist. Da wäre es in der Tat sinnvoll, den Horizont zu erweitern.

    • Es geht nicht darum, die Farben Schwarz und Weiß auf die Darstellung von Hautfarben zu reduzieren, sondern darum, dass der Kontext der Veröffentlichung diese Deutung nahelegt. In der ursprünglichen Anwendung der Grafik beim Thema Kindesmissbrauch ist diese Lesart völlig abwegig und daher auch kein Problem, hier ist die Situation jedoch eine andere. Dies einfach zu ignorieren führt nicht weiter, es ist eher Ausdruck der im oben verlinkten Artikel geschilderten „Farbenblindheit“, die natürlich ein erstrebenswertes Ziel wäre, jedoch – wie die Reaktionen auf die Grafik zeigen – weit davon entfernt ist, Wirklichkeit zu werden. Als weißer Mensch, der das Glück hat, in unserer Gesellschaft die Norm zu setzen, muss man sich manchmal darauf stoßen und sich aktiv fragen, was eine Grafik oder Ausdrucksweise für Deutungen zulässt, die nicht intendiert waren. Dies von einer Zeitung wie der SZ einzufordern, halte ich für absolut berechtigt.

      • Nur, Ivan,
        sind denn diese Muslime/Asylantragssteller von Köln, die dieses sexuelle Harrassment veranstalteten, denn so richtig „schwarze“ Menschen?

        Doch eher nicht!

        Selbst wenn sie mehrheitlich aus dem Maghreb kämen oder kommen (Nordafrika), sind sie eher hell: Link

        Das Schwarz-Argument hier, das die Rasse Hautfarbe meint und den Rassimsus-Vorwurf untermauert, greift hier nicht ganz.
        Oder siehst du das anders?

        • Muslime? Wie kommst du darauf?
          Und meinst du es gibt eine schwarze Rasse?
          Und legst du dann fest, wer schwarz genug ist um sich diskriminiert fühlen zu dürfen?

  12. Die SZ-Grafiker hätten das Bild ja invertieren können. Nur mal so als Möglichkeit. Wäre die Aussage die gleiche, nur eben mit einem weißen Arm? Wie dann wohl die Reaktionen ausgesehen hätten? Das Experiment legt meiner Ansicht nach schon nahe, dass die Hautfarbe bzw. die Interpretation des Schwarz/Weiß als selbige, konnotativ durchaus eine Rolle spielen kann. Will sagen: man kann durchaus beide Sichtweisen gut verargumentieren.

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