Die gruseligsten Seiten im Netz – Trier.de

Trier Spooky Award

Willkommen in der wohl ältesten Stadt Website Deutschlands! Ein Besuch auf Trier.de gleicht einem Ausflug in historische Zeiten. Zeiten, in denen Websites mit Hilfe von Framesets angelegt und mit einem coolen Gästebuch ausgestattet waren. Und das waren die Zeiten, in der das Web noch nicht das Dialoginstrument war, das es heute ist. Während andernorts fleißig gebloggt und getwittert wird, verschickt man in Trier digitale Postkarten, „kostenlos“, versteht sich. Heute machen wir einmal Sightseeing in der Webantike.

Antikes Webdesign

2.000 Jahre ist eine lange Zeit. Aber auch 9 Jahre sind verdammt lang, zumindest, wenn es um die digitalen Medien geht, denn seit 2001 ist das Portal der Stadt weitestgehend unverändert. Im letzten Jahrzehnt hat es in Bezug auf die Programmierung und Gestaltung von Webanwendungen unglaubliche Sprünge gegeben. In Trier zeigt man sich davon unbeeindruckt. Wie es scheint, ist die Stadt an der Mosel ganz in der Vergangenheit verhaftet.

Es fängt schon bei der unglücklichen Domain-bzw. Subdomain-Bezeichnung an. Wer sich von der überflüssigen Tunnelseite aus für den Klick auf  „Tourismus“ entscheidet, landet auf redaktion.trier.de. Die Bereiche „Bürger“ und „Wirtschaft“ liegen wiederum unter cms.trier.de. Den Besucher sollten etwaige technische Spezifikationen nicht interessieren. Entscheidend ist, dass alle Informationen auf Trier.de als Gesamtangebot präsentiert werden. Umleitungen auf Subdomains sind da eher verwirrend.

Holpriges Navigieren

Unter Triershop.de – ebenfalls technisch unglücklich eingebunden – kann man „rund um die Uhr einkaufen“. Was es alles gibt! Nicht nur optisch ist Trier.de wunderbar altmodisch, auch die Sprache bewegt sich, wie die bereits aufgeführten Zitate zeigen, fast schon im Rahmen eines Kulturdenkmals. Die Ansprache ist gestrig und zeugt von großem Desinteresse für die digitalen Medien. Verstaubt anmutende Websites sind bei den ältesten Städten in Deutschland durchaus keine Seltenheit, Städte wie Bonn oder Koblenz zeigen aber, dass sie das Internet weitaus besser für sich zu nutzen wissen und näher dran sind, am digitalen Puls der Zeit. Auch am Rhein kann man auf eine 2.000-jährige Stadtgeschichte zurückblicken. Im Unterschied zu Trier sieht man dies den genannten Websites aber nicht gleich an.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Besonders schräg ist vor allem auch die Hauptnavigation im Tourismus-Bereich, die so klein am oberen Fensterrand sitzt, dass sie fast unbemerkt bleibt. Der Klick auf einen Begriff der ersten Hierarchie gibt ein Dropdown frei, was natürlich schrecklich umständlich ist, da der Nutzer drei mal Klicken muss, bevor eine Seite aufgerufen wird.

Trier Spooky Award

Bei „Veranstaltungen“ erscheint das Dropdown-Menü gar oberhalb des Begriffs. Eleganter ist sicherlich eine Lösung, die bei Rollover die subsumierten Begriffe anzeigt, so dass mit nur einem Klick jede Seite der ersten und zweiten Navigationsebene aufgerufen werden kann.

Bei Trier.de gleicht das Navigieren einer holprigen Fahrt über Pflastersteine. Ich halt an und frage: „Entschuldigen Sie bitte, wo finde ich denn den nächsten Brotkrumenpfad?“. Der Trier.de-Admin: „Ich glaab, so ebbes hon wa hie net. Wart, ich frooch emol mei Fraa. Inge…“.

Per Klick von der Römerzeit ins 3. Jahrtausend?

Ein „interaktiver Stadtplan“ liegt als Java-Applet vor und ist, zumindest am Mac unter Firefox und Safari, ebenso unbrauchbar wie die 360-Grad-Ansichten der Sehenswürdigkeiten. Während die Anwendung auf dem PC zwar läuft und schnell deutlich wird, dass „interaktiv“ rein- und rauszoomen bedeutet, lässt sich der Plan am Mac nicht starten. Als wäre das nicht schon enttäuschend genug, muss man als Nutzer die beiden unnötigerweise geöffneten Fenster wieder schließen. Die warmen Worte im Footer wirken da wenig tröstend: „Wir danken für Ihr Interesse und wünschen Ihnen viel Vergnügen. Ihr Amt für Bodenmanagement und Geoinformation Trier“. Die vielen überflüssigen Popup-Fenster im Auftritt drücken aufs Gemüt.

Trier Spooky Award

Dennis H. aus Melbeck hinterließ im Gästebuch auf Trier.de:„Super Stadt, geile Site… einfach zum abgrooven.“ Dem kann ich mich natürlich nur bedingt anschließen. Die Reize der Stadt vermag ich nicht zu beurteilen, bei der Website hingegen „grooved“ so rein gar nichts. Sie weckt zu keinem Zeitpunkt Interesse, Trier einmal zu besuchen. Mensch, da geht im 3. Jahrtausend doch soooo viel. Gerade mit dem Pfund der Geschichte, die bis zurück in die Römerzeit reicht, ließe sich doch auch im Web wuchern. Stattdessen präsentiert sich Trier.de im Netz mit ausgetretenen Römerlatschen. So ein inniges Verhältnis zur Geschichte gehört ausgezeichnet.

Herzlichen Glückwunsch zum Spooky-Award des Monats Mai!

61 Kommentare zu “Die gruseligsten Seiten im Netz – Trier.de

  1. Hallo Herr Schaffrinna,

    wir haben Ihren Artikel zum „Spooky-Award“ gelesen. Sie haben natürlich recht, das Layout gehört inzwischen wohl eher ins Römische Landesmuseum in Trier als ins Netz. Das aktuelle Layout samt Navigation und Stadtplan stammt noch aus den Anfängen des Internets. Wobei gerade der Stadtplan damals mit seiner Java-Technik etwas ganz innovativ neues war – lange vor Google Maps!

    Wir als Agentur betreuen aktuell die redaktionellen Inhalte des touristischen Bereichs und den Veranstaltungskalender, das momentan aktuelle Layout wurde nicht in unserem Haus entworfen.

    Zur Zeit entsteht in unserem Kreativ-Team eine völlig neue Trier-Website, natürlich auf dem neuesten Stand in Sachen Layout, Technik, social networks usw., die alten Framesets war uns und der Tourist-Information Trier schon lange ein Dorn im Auge.

    Schauen Sie mal rein auf die neue Website, sobald diese online ist (noch in diesem Jahr)!

    Herzliche Grüße

    Ruth Holzemer
    click around GmbH
    – Webmasterin Tourist-Information Trier –

  2. @Ruth Holzemer:
    Damit sich keine Fehler in die redaktionellen Inhalte des neuen Tourismus-Internetauftritts einschleichen, erlauben Sie mir den Hinweis, dass es sich bei dem von Ihnen angesprochenen „Römischen Landesmuseum“ in Wirklichkeit um das „Rheinische Landesmuseum“ handelt…

    Augustus

  3. @Achim

    „Eisch klaawen, sou ebbes giddet hei nitt. Hahl still, eisch froaren en Kehr mein Ahl!“

    Man hilft ja, wo man kann.

  4. @Ruth Holzemer
    Bin sehr gespannt. Dann wünsche ich Ihrem Team gutes Gelingen! Würde mich über eine Mail zum Live-Gang freuen, gerne auch schon früher.

    @Sprachgenie
    Dankeschön für die Trierisch-Korrektur :-)))

  5. Also, ich finde trier.de auch nicht sonderlich ansprechend, geschweige denn geeignet, um sich intuitiv zurechtzufinden – ABER ich finde auch designtagebuch.de nicht sonderlich ansprechend mit seiner kruden zweispaltigen Navigation rechts, in der Link-Blöcke durch Werbegrafiken zerfetzt werden. Sorry, aber DAS ist – selbst objektiv betrachtet – ebenfalls Designhorror. ;)
    Zumal auf designtagebuch.de nicht einmal ein Impressum zu finden ist (zummindest nicht unter dem Begriff „Impressum“).

    Wie gesagt, das soll keine Verteidigung von trier.de sein, denn die ist wirklich unschön.

  6. Nachtrag: Das Impressum hab ich jetzt gefunden – nach einigen Klicks hier und da, aber es ist eben nicht da zu finden, wo man es erwarten würde. Ich weiß nicht, warum sich die Webdesigner so schwer tun und es nicht einfach auf jede Seite einbinden, ist doch kein Beinbruch und die Infos sind überall direkt da.

  7. Hallo Leute,

    Es kann doch nicht sein, dass diese Form der Webseitenerstellung schon mittelalterlich ist, schließlich hat die Gemeinde Hohenau erst seit ca. 3 Jahren eine neue Homepage und diese ist eben mit der gleichen „uralten“ Technik erstellt.
    Ich denke die Seite hätte ebenfalls einen Spooky-Award verdient.

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