FAZ Logos

Aus FAZ.NET wird Frankfurter Allgemeine

FAZ Relaunch

Nicht nur beim Festakt in Bonn zum Tag der Deutschen Einheit wurde gestern gefeiert, auch in den Räumen der „Frankfurter Allgemeine“ dürften gestern die Sektkorken geknallt haben. Die Redaktion wählte mit Bedacht den 03. Oktober um an diesem Tag das neue Nachrichtenportal der F.A.Z. scharf zu schalten. An Feiertagen wird auf Nachrichtenseiten deutlich weniger Traffic produziert, ein Umstand, der bei einem Wechsel auf neue Server von Vorteil ist. Die etwa 2-stündige Abstinenz im Web („Wartungsarbeiten“) blieb zwar nicht ganz unbemerkt, allerdings wäre an einem regulären Montag der Aufschrei etwa auf Twitter weitaus vielstimmiger ausgefallen. Nach einer darauf folgenden, rekordverdächtig kurzen Beta-Phase von nur wenigen Stunden waren am Montag Nachmittag nach einjähriger Entwicklungszeit schließlich alle Hebel auf das neue, an ein Zeitungslayout erinnernde Webdesign umgestellt.

Eine Marke, ein Absender – analog und jetzt auch digital

Zuletzt wurde der Auftritt im November 2007 umfassend überarbeitet. Offenbar fand das Thema Markenführung bei den Machern seinerzeit weniger Beachtung als heute. Ein Zitat von mir aus der damaligen Besprechung zum Relaunch: „Ich hätte mir im Relaunch gewünscht, dass man die Marke ‚Frankfurter Allgemeine‘ als alleinigen Absender der Site positioniert.“ Mit 4-jähriger Verzögerung findet sich ‚mein Wunsch‘ nun im neuen Auftritt umgesetzt. Beim Erstbesuch der neuen Umgebung kam mir ein Artikel von Stefan Niggemeier unter die Maus, in dem er eine Unterscheidung zwischen der analogen und der digitalen Welt, wenngleich im Kontext des Themas Cybergesellschaft, als sinnlos bezeichnet. Aber genau dieser Denkfehler ist es, der unterschiedliche Namen und Absender in Nachrichtenportalen hat entstehen lassen. Zeitung, Webauftritt und mobile Anwendungen sind die Kanäle einer Marke. Eine Unterscheidung zwischen analogen und digitalen Ausprägungen ergibt auch in Bezug auf das Branding keinen Sinn. Der Wegfall des FAZ.NET-Logos bedeutet gleichzeitig eine Abkehr von einer Mehrmarkenstrategie.

Logoabsender der F.A.Z.

FAZ Logos

Erstmals tritt der in einer Fraktur gesetzte Name des Nachrichtenorgans einheitlich und mediumübergreifend als Absender auf. Auch in den Apps der F.A.Z. , die sicherlich als Impulsgeber wesentlich zur Besinnung in Sachen Absender beigetragen haben dürften, ist die Wortmarke zentriert ausgerichtet. Die einheitliche Namensführung, wie auch der Relaunch des Auftritts selbst, waren längst überfällig und von vielen Nutzern, mich eingeschlossen, lang erwartet. Beides war schrullig, „FAZ.NET“ als eigenständiges Logo sowie das Layout des Vorgängerauftritts. Beides gehört nun der Vergangenheit an. Wahrlich ein Feiertag.

Design – klassisch und eigenständig

Das bewusst auf Farben weitestgehend verzichtende Design erzeugt eine klare, schnörkellose, fast schon puristische Oberfläche, die jedem Thema eine möglichst große Aufmerksamkeit verschafft. Genau dies soll Design im Kontext eines Nachrichtenportals leisten. Blau als Linkfarbe entfällt dabei. Stattdessen ist nahezu jede schwarze bzw. dunkelgraue Textkomponente sensitiv. Rot wird in den meisten Fällen als Rollover-Darstellung zum Einsatz.

Die zentrierte Ausrichtung von Absenderlogo, der Hauptnavigation und dem Footer sorgt in Kombination mit dem monochromen Look (von den Farbfotos einmal abgesehen) für eine betont klassische, seriöse und, wie ich finde, erst jetzt der Marke angemessenen Gestaltung. Die von einigen Stammlesern auf FAZ.NET und Facebook/FAZ unterstellte Nähe zum Webauftritt der New York Times und auch der ZEIT ist nur bei flüchtiger Betrachtung gegeben. Bei genauem Hinsehen lässt sich dem Design der neuen Umgebung eine recht große Eigenständigkeit attestieren. Besonders gut gefällt mir zum Beispiel die Aufbereitung des Suchergebnisses, in dem nicht nur die Auswahl an Filtern erfreulich ist, sondern auch die Listendarstellung mit rechts angeschlagenen Teaserbildern stilistisch überzeugen kann. Das hat was. Ausbaufähig sind hingegen die im Footer platzierten Top-Services-Icons. Duktus und Größen könnten noch harmonisiert werden.

Serifenbetontes Schriftbild

Im Schriftenkonzept taucht erstmalig die Serifenschrift „Georgia“ auf. Sie kommt an zahlreichen Stellen zum Einsatz, etwa innerhalb der Hauptnavigation und in den Überschriften, was dem Auftritt unbedingt gut tut. Gerade das Schriftbild vermittelt Seriosität und ist Ausdruck von Souveränität. Bislang waren Überschriften in der Verdana gesetzt.

FAZ Schriftbild

Aufbau „wie eine Zeitungsseite“

Der Aufbau ist modularer. Statt zwei Spalten besitzen Übersichtseiten wie auch die Startseite nun drei. „Wie auf einer Zeitungsseite werden mehrere Themen im neuen breiteren Auftritt nebeneinander präsentiert“ heißt es hierzu im begleitenden FAZ-Artikel. Die Gesamtbreite wurde um 40 Pixel auf nun 960 Pixeln angehoben, allerdings ohne dabei das gleichnamige Raster konsequent anzuwenden. Mal eine Frage: Ist „wie auf einer Zeitungsseite“ bei einem Webangebot nun eigentlich eine positive Eigenschaft? Eines ist klar, je mehr Spalten ein Webangebot beinhaltet, umso länger ist die Zeit, die ein Nutzer für das Erfassen des Inhaltes benötigt. Die große Popularität etwa von Blogs liegt nicht zuletzt auch darin begründet, dass die überwiegende Mehrheit von ihnen eine Oberfläche nutzt, bei der aktuelle Themen in nur einer Spalte vorgehalten werden. Dieses Prinzip ist ungemein zeitsparend und deshalb benutzerfreundlich.

Der neue Webauftritt der FAZ ist schick, keine Frage, aber das Scannen der Seite dauert länger als im Vorgänger, nicht nur aufgrund der Anhebung der Spaltenanzahl, sondern auch deshalb weil die in den Spalten befindlichen Teaser wie bei einer Kaskade über unterschiedliche Höhen und Längen verfügen, sodass das Auge beim Springen von Überschrift zu Überschrift gut zu tun hat. Ein Prinzip, dass etwa auch bei NYTimes.com angewandt wird, ein Treppen-und-Spaltenmonster sondergleichen. Auf Zeit.de oder Tagesanzeiger.ch hingegen werden horizontale Achsen gebildet und Spalten zu einer Informationseinheit zusammengefasst. Diese sorgen dafür, dass Teaser-Überschriften über einheitliche Anfangshöhen verfügen, wodurch das Erfassen der Seite erleichtert wird.

Artikelseiten hingegen sind klar und leicht zu erfassen. Das ist schon sehr überzeugend, was dem Nutzer hier angeboten wird, vor allem die Reiternavigation gefällt, in der die jeweils zugehörigen Bilder, Videos und Kommentare gebündelt werden. Auf dieser Hierarchieebene wird an dem Zweispaltenprinzip weiter festgehalten. In der rechten Spalte findet zum Beispiel der verantwortliche Autor samt Bild Platz sowie die Zugänge zu den Blogs der F.A.Z.. Übrigens verfügt jede Seite nun über eine „sprechende URL“, also über eine Adresse, die den jeweiligen Inhalt konkret beschreibt, auch dies war längst überfällig. Zumindest für den Nachrichten-Bereich gilt dies.

Unterstützt wurde die Online-Redaktion beim Relaunch von der Agentur Kircher Burkhardt, von der das Design kommt und bei der Entwicklung von Netpioneer, die das neue Redaktionssystem Polopoly implementierten. Der Relaunch beinhaltet also nicht nur das Frontend, sondern auch das Backend und die gesamte Infrastruktur. Und noch ein Ausblick: Das Archiv und auch der Abo-Bereich werden laut Online-Redaktionsleiter Kai Pritzsche etwa im Frühjahr 2012 auf das neue Design angepasst sein.

Fazit

Was lange währt… Ein stimmiges Design, in dem weniger Farben und mehr Raum für ein angenehmes Umfeld sorgen. Ein Webauftritt, der weitaus besser mit der Zeitungsausgabe harmoniert als bisher, auch und vor allem aufgrund der Verwendung der Wortmarke „Frankfurter Allgemeine“, die nun analog wie digital die Nachrichtenmarke repräsentiert.  Gratulation zum geglückten (Teil-)Relaunch.

Viele Dank für die zahlreichen E-Mail-Hinweise zum Relaunch!

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