Form Follows Function

Form Follows Function

Form Follows Function – Ein allzu oft missverstandener Gestaltungsleitsatz

Nur wenige Phrasen, die einem als Designer während eines Berufslebens über den Weg laufen, sind inhaltlich so aufgeladen und dabei gleichzeitig so unscharf wie der Ausdruck: „Form Follows Function“. Wie ein Schwamm scheint er alles in sich aufzunehmen, um es auf Verlangen auch wieder von sich zu geben. Was steckt hinter „Form Follows Function“? Spielt dieser Gestaltungsleitsatz, der erstmalig im 19. Jahrhundert aufkam, heutzutage überhaupt noch eine Rolle? Ist FFF überhaupt ein Gestaltungsleitsatz oder doch viel mehr, da sprachlich die Form einer Funktion „folgt“, sich ihr also unterordnen muss, gar Ausdruck einer Geringschätzung von Design?

Diesen und weiteren Fragen will ich einmal nachgehen. Ausführlich werden hierzu auch namhafte Kreative aus der Designbranche zu Wort kommen und ihre Einstellung und Haltung gegenüber Form Follows Function offen legen. Was heutzutage fehlt, so zumindest mein Eindruck, ist ein Austausch über die Sinnhaftigkeit dieser Formel und eine Einstufung einer über 100 Jahre alten Redewendung in die heutige Zeit.

Ursprung – Louis Sullivan

Der Ausdruck „Form Follows Function“ geht auf den us-amerikanischen Architekten Louis Sullivan zurück, der als „Vater der Hochhäuser“ bezeichnet wird und Ende des 19. Jahrhunderts großen Einfluss auf die damalige Architektur in den Staaten ausübte. Zwar wurde er nicht so berühmt wie etwa der in Europa nachfolgende Le Corbursier, dennoch galt er ebenso als Modernisierer. Er gehörte zur Prairie School, einer Architekten-Gruppe, die erstmalig den Versuch unternahm, einen spezifisch nordamerikanischen Stil zu etablieren, um mit der bis dato vorherrschenden Ästhetik europäischer Architektur zu brechen. Von Sullivan stammt das Zitat: „Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“

Ornamente Prudential Building

Für all diejenigen, die FFF bislang mit dem Verzicht auf Schmuck und Ornamente in Verbindung gebracht haben, dürfte überraschend sein, dass die Ornamentik in Sullivans Werken einen großen Platz einnimmt. Die Fassade des von ihm 1894 fertig gestellten Prudential Building ist überaus üppig und reich verziert (siehe Abbildung oben). Mit Blick auf sein Gesamtwerk lässt sich sogar sagen, dass diese Art der Verzierung typisch für Sullivans Arbeit war. Die Nähe zu der zur gleichen Zeit populären Arts and Crafts Bewegung ist deutlich sichtbar, was, wenn man sich Sullivans Zitat vor Augen hält, auch kaum verwunderlich erscheint. Ebenso wie das aufgestellte, reich verzierte Federrad eines Pfaus diesem zu mehr Größe und Stärke verhelfen soll, symbolisiert eine reich verzierte Fassade etwa einer Bank die nach Außen getragene Stärke des Instituts. Die Form des Federrads folgt dabei der Funktion, Eindruck schinden zu wollen. Das Gleiche lässt sich, folgt man Sullivan, auch auf die Architektur übertragen, in der ein Torbogen, eine Kuppe oder eine Hausfront deshalb besonders reich verziert und schmuckvoll gearbeitet sind, weil diese der Funktion folgen, einen repräsentativen Eindruck der Bank zu vermitteln. Eine Verquickung zwischen FFF und einer Ästhetik, die jegliche Form von Schmuckwerk verneint, gibt es zumindest bei Sullivan nicht.

Über Adolf Loos, den Deutschen Werkbund hin zum Bauhaus

Wesentlich näher, an der weit verbreiteten Interpretation von FFF, jegliches Schmuckwerk sei zu vermeiden, ist da schon die von Adolf Loos im Jahre 1908 verfasste Streitschrift: „Ornament und Verbrechen“, in der er Funktionalität und die Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis als Zeichen hoher Kulturentwicklung interpretiert. Wie Sullivan gilt Loos als einer der Pioniere der Moderne, anders jedoch als der Amerikaner, vollzog Loos in seinem Werk die Abkehr vom floralen Dekor. Seiner Auffassung nach sei die Verschmelzung von Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenstand unangemessen und überflüssig.

„Die gute Form“

Bereits einige Jahre zuvor bekundete schon Hermann Muthesius, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, seine Abneigung vor allem gegenüber dem damals weit verbreiteten Jugendstil. 1902 titulierte er in seiner Streitschrift „Stilarchitektur und Baukunst“ Jugendstil als Modeerscheinung. Er propagierte gewissermaßen das Gegenmodell hierzu, einen sachlichen, aus den Funktionen und dem komfortablen Gebrauch heraus bedingten Ansatz. Der Deutsche Werkbund als Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen bekämpfte von je her „Schund und Talmi“ und trat für die „gute, sachlich geprägte Form ein: Vom Gerät bis zur Stadt“, so ein Leitmotiv des Werkbundes.

Fagus-Werk Walter Gropius

Wie Loos und Muthesius verschrieb sich auch Walter Gropius, der in Weimar 1919 das Staatliche Bauhaus gründete, dem Funktionalismus und der Neuen Sachlichkeit. In der Sache vereint, die Funktion in den Mittelpunkt zu stellen, gab es zwischen Loos auf der einen Seite und Muthesius und Gropius auf der anderen, in Bezug auf die Auslegung unüberbrückbare Gegensätze. Loos kritisierte seinerzeit, auch eine überdimensionierte Glasfassade (Foto), wie sie so typisch für die Bauhaus-Architektur ist, sei eine Art Ornament und ohne praktischen Nutzen. Aus heutiger Perspektive lässt sich sagen, dass der Bauhaus-Stil zunächst ästhetischen Aspekten folgte und erst in zweiter Linie den rein funktionalen Kriterien gerecht wurde, wie sie etwa auch in dem Leitsatz „Form Follows Function“ ihren Ausdruck finden. Wenngleich Gropius stets die Offenheit der Bauhaus-Idee betonte, unternahmen er und einige seiner Kollegen den Versuch –“ bewusste oder unbewusst –“, den Menschen zu erziehen, hin zu der „guten Form“ –“ ein Ansatz, der durchaus auch dogmatische Züge aufwies.

Vom Bauhaus hin zur HfG Ulm

Das Flachdach stand seinerzeit für Avantgarde, gleichermaßen auch für nasse Räume. Aus der Funktion heraus begründen lässt sich das Flachdach in etwa ebenso wenig wie im Automobilbereich SUVs. Da jede Funktion mehr als nur eine Form annehmen kann, lässt sich nur ganz selten aus der Funktion heraus eine Form erklären. Ohren von Elefanten und Wüstenfüchsen, um einmal Sullivans von der Natur sich ableitendes Prinzip aufzunehmen, sind deshalb besonders groß, da sich in diesem Fall möglichst große Flächen als die effektivste Form herausgestellt haben. Die Form der Ohren folgt der Anforderung bzw. der Funktion, den Körper bei sengender Hitze durch Kühlung des Blutkreislaufs am Leben zu erhalten. Die Natur denkt sich etwas dabei, Apple-Designer sicherlich auch. Warum aber ein iPod nano wie eine 4 mal 4 Zentimeter große Briefmarke aussieht, lässt sich aus der Funktion heraus, Musik zu speichern und wiederzugeben, nicht erklären, schon eher mit der Anforderung, das Gerät beim Joggen mitnehmen zu können. Ebenso wenig, wie es nur eine Funktion gibt, kann es nur eine Form geben. Parfumflakons sind hierfür ein weiteres gutes Beispiel. Aber noch einmal zurück zum Bauhaus.

Der Schweizer Architekt und Designer Max Bill, der gemeinsam mit Otl Aicher und Inge Scholl die Hochschule für Gestaltung Ulm gründete, führte die im Bauhaus verankerten Gestaltungsprinzipien weiter. In seinem 1957 veröffentlichten Buch: „Die gute Form“ wird Bills Motivation und Ziel deutlich, maximale Wirkung mit einem Minimum an Materie zu erzielen, wie sie sich in dem von ihm und Hans Gugelot 1954 entworfenen Ulmer-Hocker ausdrücken. Als er 1949 die Schönheit selbst zur Funktion erhob, brach er mit der Tradition des Deutschen und des Schweizerischen Werkbundes. Seiner Ansicht nach sollte man das, was den Menschen umgibt, ästhetisch verbessern, dann fühle sich auch der Mensch besser. Anders als viele andere Künstler hat bei Max Bill nicht die Innensicht seine Arbeit bestimmt, sondern die Sicht auf andere Menschen, die sich etwa in einem Raum, einem Gebäude wohlfühlen sollen. Vielleicht konnte Bill dies deshalb besser als andere, weil er in jungen Jahren als Gebrauchsgrafiker gearbeitet hatte und somit in der Lage war, sich in den Dienst einer Sache zu stellen.

„Opas Funktionalismus ist tot“

Auch wenn die Protagonisten der Funktionalismus-Ära vorgaben, rein ästhetische Gestaltungsprinzipien hintenanzustellen, um stattdessen konsequent die Form von der Funktion abzuleiten, muss man heute attestieren, dass weder die Architektur noch das Design zur damaligen Zeit konsequent an den Bedürfnissen des Menschen ausgerichtet wurden. Erst viel später im Nachkriegsdeutschland wurde genau dies kritisiert. Für einen erweiterten Funktionalismusbegriff sprach sich unter anderem Gerda Müller-Krauspe aus, HfG Ulm-Absolventin und Produktgestalterin. Unter dem Titel „Opas Funktionalismus ist tot“ warb sie Ende der Sechziger als freie Autorin für die Zeitschrift form, möglichst viele produktbestimmende Faktoren ausfindig zu machen und diese im Entwurfsprozess zu berücksichtigen, womit sie wohl auch die Ansicht vieler ihrer Designerkollegen Ende der sechziger Jahre vertrat.

50 Kommentare zu “Form Follows Function

  1. Ein wunderbarer Artikel und eine seit jeher oft diskutierte Frage.
    Ich persönlich würde mich eher zur Pro-Seite des FFF-Prinzips einordnen, wohl aber mit dem bewussten Hintergedanken, dass diese drei Worte mehr als kurze Vereinfachung gedacht sind.

    Als Designer geht es, wie schon beschrieben, bei der Form nicht nur um eine nette Gestaltung sondern ebenso um das Erleben, um Materialität, um Sound, um Geruch, Haptik, etc. und diese soll möglichst nah an der Funktion liegen. Und die Funktion, ist doch jeweils eine andere und folgt ständig anderen und individuellen Bedürfnissen. Funktion ist ein dehnbarer Begriff, ihm ist die gute Handhabung ebenso zuzuschreiben wie eine Zweckentfremdung; es ist die Funktion die der Gestalter doch recht frei steuern kann und somit erst recht die Form.

    Wir sind individueller geworden, Gestaltungsprozesse und Design, wie dessen Ansprüche, komplexer und vielschichtiger – deshalb kann man FFF nach wie vor schätzen, aber man muss diese Phrase ebenso vielschichtig und individuell handhaben, wie es unsere Zeit eben braucht.

  2. Natürlich können wir alles einfach nur “nützlich” gestalten und weniger Wert auf die Optik legen. Aber mal ehrlich, wo bleibt da der Spaß? Schöne Dinge leben, erzählen Geschichten, erzeugen Gefühle die man spüren kann. Bauhaus ist einfach nur funktional, aber totlangweilig. Man schaut kurz hin, sagt “aha” und schaut wieder weg. Aber reich verzierte Gestaltungen laden zum staunen, entdecken, beobachten und träumen ein.
    Es gibt immer Menschen die emotionaler sind, und auch Menschen die gefühlsmäßig kalt sind. Vielleicht ein Dogma aus der jeweiligen Kindheit?!? wer weiß… Leider ist es so dass die gefühlsmäßig kalten den emotionalen überlegen sind. Das bedeutet aber noch lange nicht dass man sich dem Bauhaus hingeben oder dem Herrn Nielsen gesagten hingeben muss. Wo kämen wir denn da hin?
    Drei wunderschöne Beispiele welche zeigen wie Ästhetik wirken kann:
    1. Zwei völlig gleiche Lebensmittel im Supermarkt stehen nebeneinander. Welches kaufst du? hmmm… natürlich das mit der schöneren Verpackung. Warum? Die Verpackung begeistert dich, sie erzeugt Gefühle. Und auch wenn beide Lebensmittel völlig gleich sind, schmeckt dass mit der schöneren Verpackung besser. Denn zusätzlich zum Geschmack kommen die vorher erzeugten Gefühle dazu. Pluspunkt für die Gestaltung.
    2. Apples oberstes Kriterium war immer die einfachste Bedienung in verbindung mit einem schönen Design! Jeder kennt den Erfolg von Apple, dazu muss man nichts mehr sagen. Höchstens dass Google dass auch erkannt hat und nun versucht denselben Grundsätzen zu folgen ;)
    3. (ich hoffe das nimmt mir jetzt keiner krumm…) Zwei Frauen. Ich kann mit beiden Spaß haben, eine schöne Zeit verbringen, Kinder zeugen und eine Familie gründen. Nehm ich nun die hübschere von beiden oder nicht? So viel zu form follows function…

  3. @Sascha Franke

    Ich habe zwar den Artikel nicht komplett durchgelesen, aber dein Kommentar. Ich glaube das grundsätzliche Problem ist das man unter “form follows function” leider unterschiedliche Sachen versteht.

    Ich nehme mal dein Beispiel, da ich aber ein Frau bin zwei Männer ;).
    Also, es gibt zwei Männer die find ich total klasse habe mit beiden Spaß und wie du sagst entscheide ich mich aber für den hübscheren.
    Das folgt doch aber dem Prinzip “form follows function”.
    Denn:
    funktion = Mann (bzw. Beziehung mit Mann)
    form = hübscher Mann.
    Ohne die Funktion Mann/Beziehung zu Mann interessiert mich auch das Aussehen des Mannes nicht. Da ich aber einen der zwei Männer auswählen will, such ich den aus der meiner Empfindung nach “männlicher” ist oder der zu mir als “Gegenstück” oder “ausgleich” passt. Der eine ist klischeehaft: Muskeln, Stark, Praktisch, Groß, Hübsch; der andere ist: Klein, Schwach, Brillänträger, extrem Intelligent.

    Will ich keinen Mann für eine Beziehung interessiert mich auch das Aussehen nicht, bzw. sehe ich das Aussehen abgekoppelt von der Funktion -> ist das dann Kunst?

  4. Nochmal für @Sascha: form follows function, nicht form or function.
    Oder um es mit deinen Worten zu sagen: wenn du zwei gleichschöne Teekannen hast, aber bei einer zeigt der Ausguss nach unten, dann kaufst du die, die Funktioniert. Und selbst wenn die nicht fuktionale Teekanne schöner ist, du kaufst die die Funktioniert. Form follows function.

    Bei deiner Argumentation stellst du ja auch die Funktion in den Vordergrund, den du sagst “die Produkte sind völlig gleich”. würde eines der beiden Produkte nicht Funktionieren, dann spielt die Ästhetik keine Rolle mehr. Aber bei zwei völlig gleichwertigen Produkten kommt die Funktion der Verpackung zum tragen. Hier wird die Ästhetik funktionalisiert, da die visuelle Gestaltung des Produktes besser auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Nicht weil sie “schöner” ist.
    “Schöne Dinge” gibt es gar nicht, Geschmack ist Erziehungssache. Wenn heute ein Produkt “schön” Verpackt ist, dann deshalb, weil das subjektive Empfinden der Zielgruppe so erzogen wurde. Das ist teils Kultur- und zu immer grösseren Teilen Medienbedingt. Die Funktion der Verpackung ist eine Andere als die Funktion des Produktes, die sie beinhaltet. Verpackung soll das Produkt schützen und den Verkauf positiv beeinflussen. Auch hier steht die Fuktion im Vordergrund, denn wenn die Milchtüte Durchweicht, dann kann sie noch so “schön” aussehen, keiner wird Sie kaufen.

    zu 2. Dabei orientiert sich Apple sehr stark an den 10 Thesen von Dieter Rams. Natürlich spielt Ästhetik hier auch eine grosse Rolle, Rams sagt jedoch: “Schön sein kann nur, was gut gemacht ist.” Und er ist, genau wie Jonathan Ive, ein Vertreter von “form follows function”.

  5. Schöne Dinge gibt es gar nicht, Geschmack ist Erziehungssache.

    Es gibt Studien mit wenigen Monate alten Babys, die das Gegenteil belegen. Unter anderem hat der britische Entwicklungspsychologe Alan Slater festgestellt, dass die Vorstellung von Attraktivität nicht im Auge des Betrachters entsteht, sondern im Gehirn eines neugeborenen Kindes seit dem Moment der Geburt oder sogar schon früher vorhanden ist. (siehe Spiegel-Artikel). Wer selbst Kinder hat, wird solch eine „Schönheitspräferenz“ vielleicht schon einmal selbst bemerkt haben.

    Seit der Antike beschäftigen sich Menschen damit, Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu definieren, nach denen sich ein Schönheitsprinzip irgendwie fassen und bestimmen lässt. Der Goldene Schnitt ist nichts anderes als der Versuch, das Gefühl von Schönheit mit Hilfe einer mathematischen Formel auf die Schliche zu kommen. Sicherlich ist Geschmack auch mit Prägung verbunden und also Erziehungssache, wohl aber nicht ausschließlich.

  6. Mein tägliches Gegenbeispiel Apple:

    Wenn ich mein iPhone4 in der Tasche in der Hand halte, wo ist da vorn? Was war schlecht am Design des iPhone3, dass diese “Funktion” entfernt werden musste. Ist es etwas moralischer Verschleiß?

    lg
    SR

  7. @Achim
    Interessant, das wusste ich nicht. Eventuell war ich ja zu dramatisch.
    Trotzdem, sagt das Experiment etwas über Schönheit aus? Oder eher darüber, ob Neugeborene ein Grundverständnis für Symmetrie oder Ordnung haben? Oder belegt das Experiment Schön = Durchschnitt? Und würden Babys, die über Generationen hinweg nur von hässichen Menschen grossgezogen wurden vielleicht plötzlich das Andere Bild wählen? Wer hat entschieden, welches der Bilder hässlich ist? Waren es hässliche Babys? ; )

    Tatsächlich bin ich neugierig geworden, der Spiegel-Artikel macht Lust auf mehr. Vielleicht wird der nächste ausführliche Artikel hier ja “was ist schön?” oder “was ist Design?”. Ich habe mich jedenfalls sehr über den Artikel hier gefreut und wünsche mir mehr davon.

    Worauf ich mit meiner Aussage “schön gibt es nicht” eigentlich hinaus wollte ist, das “schön” hauptsächlich subjektiv und nicht oder nur schwer planbar ist. Oder eben nur in einer bestimmten Zielgruppe. Die Zielgruppe “9-Jähriges Mädchen” wird sicher etwas anderes als “schön” empfinden als der 35-jährige Designer, der für die Gestaltung des Produktes zuständig ist.

  8. @thedaft Das ist gut möglich. Ich hoffe natürlich, dass sich über die Kommentare noch einige Kreative beteiligen, erst dann wäre es ja im Sinne eines Wikis ein gemeinschaftliches Werk. Fragst Du, weil Du sonst befürchtest, den Artikel nicht mehr wiederzufinden? Die URL ist leicht zu merken.

  9. Ich denke, hier liegt das große Missverständnis vor, dass man eine Aussage, die evolutionsphilosophisch gemeint war auf den schnöden Alltag und dessen Gegenstände (Männer, Teekannen, Suppendosen) anwenden will, was nicht funktioniert.

    Sullivan meinte vielmehr, dass sich die Form aufgrund eines evolutionären Prozesses zwangsläufig aus der Funktion heraus ergibt. Bei uns Menschen ist der Kopf oben, weil wir mit einem oben befindlichen Kopf vor tausenden von Jahren besser übers Steppengras gucken und Feinde / Beute entdecken konnten. Die Form unseres Körpers folgt seinen Funktionen. Das kann man auf alles mögliche anwenden: Ein Rad ist rund, damit es rollen kann. Ein Haus hat ein Dach, damit es nicht reinregnet. Etc. pp.

    Subjektive Wahrnehmungen, wie Schönheit & Co., haben nichts, aber auch rein gar nichts mit der stark verkürzten Aussage “Form follows function” zu tun.

    Wie Dirk Thieme ganz richtig feststellt, wird das Prinzip FFF oft eindimensional interpretiert: Eine Form muss zwangsläufig der Funktion folgen, um “richtig” zu sein. Was natürlich vollkommener Quatsch ist. Oder, um Achims Worte aufzugreifen: Eine Verquickung von Ästhetik und FFF gibt es nicht. Vielmehr kann und sollte es quasi eine epiphytische Symbiose eingehen: Das Design sitzt (platt gesagt) auf der Funktion auf, wodurch ein ästhetischer Gesamteindruck entstehen kann.

    Meiner Meinung nach sollte man das Prinzip FFF nicht neu interpretieren oder umdeuten oder was auch immer, sondern einfach nur als die hohle Phrase, die es ist, auf ewig und immerdar entsorgen.

  10. Bei den meisten Produkten komplizierter als ein Kochtopf – beispielsweise Autos – kann man für fast jede Gestaltungsform (selbst bei den sogenannten Charakterlinien) einen funktionalen Grund finden. So zum Beispiel Verringerung des Luftwiderstandes, Abtrieb für Bodenhaftung, Sicherheit, Stauraum, Ergonomie… oder eben einen Kompromiss, der sich daraus ergibt. Ansonsten ist ja auch Ästhetik eine Funktion
    Mit funktionalem Design wird die Welt ja nicht zwangsweise nur noch aus häßlichen, grauen Würfeln bestehen ; )

  11. Ach so, meint ihr also, form follows function = die Form resultiert aus der Funktion? Denn ich interpretiere das eher so: erst Funktion, dann Form, die Form darf die Funktion nicht beeinträchtigen/dominieren. Und das ist nur eine von vielen Regeln, die man beachten sollte, wenn man gutes Design erhalten möchte. Design ist Interpretationssache, und jeder muss für sich Schwerpunkte setzen. Und für mich ist FFF ein solcher Schwerpunkt.

    @Wolle
    “Ich denke, hier liegt das große Missverständnis vor, dass man eine Aussage, die evolutionsphilosophisch gemeint war auf den schnöden Alltag und dessen Gegenstände (Männer, Teekannen, Suppendosen) anwenden will, was nicht funktioniert.”
    -> Ist Design nicht die “Evolution des schnöden Alltags und dessen Gegenstände”? Design soll das Leben erleichtern/bequemer machen und alltägliche Dinge in der Nutzbarkeit verbessern.

    “Das Design sitzt (platt gesagt) auf der Funktion auf, wodurch ein ästhetischer Gesamteindruck entstehen kann…”
    -> Ist auch ein Standpunkt, doch für mich ist die Funktion Teil des Designs. Ein Designer ist ja nicht nur ein “Schönmacher”, sondern viel mehr ein “Leicht-Zugänglich-Macher”.

  12. Form Follows Function — Setzt man voraus, dass “die Funktion” einer Sache/eines Dings ganz unterschiedlich interpretiert werden kann, stimme ich voll zu.
    Ich würde “Funktion” in diesem Zusammenhang am ehesten als die Zielsetzung eines Projektes definieren.

  13. In meinen Augen gilt “form follows function” immer noch, denn die Frage ist doch, was überhaupt die Funktion ist. Genau wie die Form ein dehnbarer Begriff ist, ist die Funktion mindestens genau so dehnbar. Wenn ich Leute emotional ansprechen möchte, dann brauche ich doch eine der Absicht entsprechende Form, also z. B. Bilder o. ä.. Wenn ich die Informationen allein hervorheben möchte, dann brauche ich eben keine emotionale Form (und sie würde auch nur schaden).
    Die Absicht, die Zielsetzung, die Funktion, wie auch immer man es nennen mag, bestimmt doch das ganze Konzept – die Form natürlich eingeschlossen.

  14. Sehr guter Artikel, endlich etwas Licht hinter der Botschaft “form follows function”. ich bin in meiner Karriere sehr oft diesem Leitsatz begegnet und ihm auch treu geblieben. Allerdings habe ich ihn über die Jahre in meiner Funktion als Kommunikatorin und Gestalterin in einer Brandingagentur abgewandelt in: “Form follows message”.
    Nicht die Funktion alleine ist ausschlaggebend für gutes Design. Die Umsetzung der Message erfordert aber auch, dass die Message klar ist, von daher ist die Aufarbeitung der “story behind the company” unabdingbar, um ein aussagekräftiges Branding zu definieren.

  15. FFF les ich auch gerne immer als Art Totschlagargument bei Kommentaren auf IT-Seiten, wenn irgendwelchen Leuten ne GUI-Änderung etc. nicht gefällt. Dabei glaub ich dass die wenigsten Leuten den Satz wirklich begreifen…

    Vor allem eben bei Layoutfragen, wo die Form ja gerade da eigentlich selbst Teil der Funktion ist. Eben durch den Sinn, Informationen nicht nur darzustellen sondern auch zugänglich zu machen.

    Aber da gibts dann immer wieder Leute, die am liebsten ne komplette Website mit Informationen vollgeklatscht haben wollen, “damit man möglichst viel gleichzeitig im Bild hat, nicht scrollen oder klicken muss und es möglichst keinen Weissraum oder Abstände gibt, denn das ist ja verschwendeter Platz auf dem Bildschirm”. Und wenn dann mal jemand das Layout aufräumt heissts wieder “hey! Form follows Function!!!!”…

    Interessant find ichs auch, dass (gerade wieder bei IT-Seiten) viele mit der GUI von WP7 nicht klarkommen, weil die ihnen zu einfach und minimalistisch ist und sie die einfarbigen Kacheln merkwürdig finden. Und da verweisen dann alle wieder auf das supertolle Android/iOS mit seinen Verläufen, Schatten, Transparenz und Glossyeffekten und dass das da viel besser aussieht…

  16. Ärgerlich wird es für mich, wenn die Form die Funktion einschränkt, Z.B. wenn besuchten und unbesuchten Links die gleiche Farbe gegeben wird…

  17. Ich versuche mal den pragmatischen Ansatz.
    (Pragmatisch: was im Alltag nützlich ist)

    Und gleich das Ergebnis:
    Dienlichkeit der ursprünglich aus dem Objekt-/Produktdesign kommenden fff-Regel in der Kommunikation als Grafikdesigner mit dem Auftraggeber: Schlecht.

    Warum:
    Dieses als Diktat einseitig linear-kausale “form follows function” hat mich dazu gebracht, es in der Argumentation gegenüber dem Auftraggeber gar nicht mehr zu erwähnen. Mit der fff-Regel als “oberstes Gestaltungsgesetz” bekommt man es als Nicht-Produkt-Gestalter nicht hin, ihm ein Layout emotional UND geistig erlebbar und verstehbar zu machen und konstruktiv darüber zu diskutieren. Grund: Ähnliche, fast gleiche Erfahrungen damit wie Patrick. Beinahe selbstschädigend.:-)

    Gehe einen anderen Weg: Ich versuche, statt den linear-kausalen Weg des “fff” zu wählen, ZIRKULÄR zu denken und dem Auftraggeber zu vermitteln, dass der blanke Inhalt bereits die Form sein kann und die Form der Inhalt.

    Die zirkuläre “Regel”:
    {Form=Inhalt & GLEICHZEITIG Inhalt=Form}

    1. Eine hohe sachliche Textmenge – der Inhalt, die Aussage – auf einer Doppelseite ergibt (exakt gleich typografiert) sofort eine andere Form als ein emotionaler kurzer Text.
    und
    2. Die Form ist sehr wohl gleichzeitig der Inhalt: Eine weiche, verwischte Linie als Form / als Symbol ergibt z. B. den Inhalt, die Aussage “Weichheit”.

    Vergleich fff mit {Form=Inhalt & Inhalt=Form}

    Die einseitig kausale “fff”-Regel ruft gern im Gegenüber, im Team, den Rabulistiker* auf den Plan. (Siehe auch bei Patrick). Ergebnis: Probleme werden mit dieser Pseudo-Kausalität erzeugt, die man vorher nicht hatte.

    {Form=Inhalt & Inhalt=Form} hingegen muss zwar als Art zirkulär zu denken eingeübt sein, und für viele Auftraggeber (auch für viele Gestalter) ist sie neu. Sie müssen sich geistig und emotional erst darauf einlassen können. Es geht also nicht mit jedem, weil wir das linear-kausale Denken von der Grundschule an gewohnt sind. Aber wenn, dann klappt es gut, Layouts, Webdesigns gelingen auf beiden Ebenen im Sinne von: sehen gut aus UND sagen aus, was sie aussagen sollen (funktionieren).

    Nicht alle tollen Erkenntnisse aus dem hochgeschätzten Produktdesign und hochverehrten edlen Objektdesign à la Bauhaus sind gut für das Kommunikationsdesign. Eher ein hinderlicher Ballast. Oder anders: Diese falschen heiligen Kühe müssen im Kommunikationsdesign geschlachtet werden. Was für den Produktdesigner gilt, ist noch lange nicht richtig für den Kommunikationsdesigner.

    *Rabulistik: Sophistik, Haarspalterey

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