Form Follows Function

Stellenwert von FFF in den Agenturen

Welchen Einfluss übt FFF in der Designbranche aus und wie findet der Gestaltungsleitsatz im täglichen Geschäft Anwendung? Fünf Experten auf ihrem Gebiet vertreten ihre Ansicht zu Form Follows Function.

Niko Timm, Creative Director | SinnerSchrader

“Form Follows Function ist nach wie vor eines der Grundprinzipien unserer Arbeit. Besonders im Interaction- und Interface-Design folgen wir dabei stark dem Ansatz des Usability-Gedankens. Die von uns entwickelten Produkte haben den Anspruch, eine optimale Gebrauchstauglichkeit zu besitzen. Dafür orientieren wir uns in Konzeption und Design strikt an den Wünschen der Konsumenten und ihrem Verhalten. Uns ist dabei wichtig, dass diese Grundlagen valide sind – und nicht das Resultat von “Was könnte Frau Müller tun oder mögen…”-Phantasien. Unter anderem generieren wird dafür Daten durch Beobachtung von Surfverhalten, stützen uns auf Befragungen von Konsumenten und erarbeiten User-Insights aus Diskussionsforen. Auf dieser Basis entscheiden wir, welche Funktionen wir dem Nutzer wann und wo zur Verfügung stellen.

„Wir können uns nicht ausschließlich
auf den reinen Funktionalismus beschränken“

Wir können uns aber nicht ausschließlich auf den reinen Funktionalismus beschränken. Faktoren wie Markenpositionierungen, ästhetische Aspekte und technischen Ansprüche müssen immer mit in unsere Überlegungen eingeschlossen werden. Deswegen würde ich es eher als einen Mix aus unterschiedlichen designtheoretischen Methoden beschreiben, die dann in ihrer Kombination überzeugen.”

Dirk Thieme, Geschäftsführer | DMC Design for Media and Communication

„Welcher Kreative kennt das nicht – je mutiger und kühner ein Konzept gedacht ist, je höher der eigene Anspruch, je differenzierender und einzigartiger das Design, umso größer die Angst und Bedenken von Entscheidern. Was ist denn mit der Usability? Es geht hier nicht um schön, sondern um richtig, tönt es nur allzu häufig.

Das 200 Jahre alte und oft missverstandenen funktionalistische Prinzip scheint immer recht zu haben. In Wahrheit ist es heute aber stark angestaubt und zu eindimensional interpretiert. Der oft strapazierte Case von Apple zeigt, dass der Erfolg einer Marke heute aus vielen Komponenten besteht. Sieht das Produkt gut aus, funktioniert es einfach und ist es verlässlich? Kann ich mit dem Produkt meine Persönlichkeit ausdrücken, wird die Marke ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft halbwegs gerecht? Tritt die Marke als partnerschaftlich auf, ist sie mein täglicher Begleiter, und fast schon zu einem Freund geworden mit dem ich sprechen und kommunizieren kann? Überrascht und erfreut mich das Produkt immer wieder aufs Neue?. Nicht zu Letzt, kann ich mir das leisten und ist es von Nutzen?

„Wir glauben an die Kraft
des Design und ihre Funktion gleichermaßen.“

Apple kann all diese Fragen getrost mit „Ja“ beantworten. Ein Leistung, die auf der Radikalität von Steve Jobs begründet ist „it is not up to the consumers to know what they want“ war Ausdruck seiner selbstbewussten Haltung vorweg zu gehen. Dagegen wirkt das Prinzip „Form Follows Function“ etwas kümmerlich.

In unserer Zeit gleicht sich die Welt zunehmend an. Städte, Marken, Produkte, TV-Formate und Webportale – ein Prozess der Gleichmacherei, das Prinzip “copy and paste“ ist Ausdruck von einer Mutlosigkeit neue Dinge zu wagen, die abweichen von der Norm, anders sind. Der blinde Glaube an Usability Studien und Research tötet zunehmend Inspiration und Innovation im Design.

Form Follows Function ist sicherlich immer noch richtig, aber erfüllt nur einen Teil der Herausforderung innovativer und kreativer Prozesse. Wir glauben an die Kraft des Design und ihre Funktion gleichermaßen.“

Jochen Rädeker, Geschäftsführer | Strichpunkt

„Form Follows Function greift zu kurz – und hat immer zu kurz gegriffen. Was für eine eiskalte, langweilige Welt wäre es, wenn nur, was funktional überzeugt, richtig wäre – es sind doch gerade die kleinen Brüche, die liebenswert sind: Einen Menschen mit einem völlig symmetrischen Gesicht finden wir hübsch, aber nicht schön. Einen für optimale Lesbarkeit abgesetzten Text finden wir nützlich, aber nicht emotional bewegend. Eine rein informationsorientierte Website finden wir praktisch, aber nicht überzeugend.

„Entscheidungen treffen wir nicht nur im Hirn,
sondern auch mit Herz und Bauch.“

Gutes Grafikdesign muss weit mehr sein: Funktionalität ist Handwerkszeug, aber gutes Handwerk alleine reicht in den seltensten Fällen, um ein kommunikatives Ziel zu erreichen. Die Qualität von Kommunikationsdesign bemisst sich deshalb mindestens ebenso stark durch Ästhetik, Emotionalität und – im besten Sinne – Unvernunft. Entscheidungen treffen wir nicht nur im Hirn, sondern auch mit Herz und Bauch. Form Follows Function ist wie Sex, nur um ein Kind zu zeugen. Nichts dagegen, aber: Der Spaßfaktor ist auch nicht ohne.“

Roman Hilmer, Creative Director | Fork Unstable Media

Fork Follows Form Follows Function – Wie jeder Glaubenssatz wird FFF immer wieder einseitig instrumentalisiert und die Funktion ausschließlich nüchtern, rational und technisch ausgelegt. Inhaltliche und ästhetische Funktionen werden in der Betrachtung vernachlässigt. So wird oft versucht, mit „Form Follows Function“ die Kreation in eine Zwangsjacke zu stecken; als Scheingewissheit und Totschlagargument, um ästhetischen Diskussionen aus dem Weg zu gehen oder diesen eine sehr dogmatische Richtung zu geben, als gäbe es für jede Funktion nur genau eine richtige Form.

Natürlich werden für bestimmte Funktionen immer wieder gleichartige Formen gefunden aber “gleichartig” bedeutet nicht “gleich” (im Sinne von “gleich sein”, “gleich aussehen” oder “sich gleich anfühlen”). Schliesslich besteht eine durchaus erfolgsversprechende Strategie im Kommunikationsdesign auch darin, genau das Gegenteil der “richtigen Form” als Lösung anzubieten.

„Unserer Arbeit sagt man nach, sie sei detailverliebt,
oft anekdotisch und manchmal sogar verspielt.
Wir sehen darin aber keinen Widerspruch.“

In unserer täglichen Arbeit orientieren wir uns allerdings durchaus FFF, wobei wir die Begriffe “form” und “function” sehr frei auslegen. Wir stellen uns die Fragen, die der Maxime entsprechen: Welche Funktionen sind für die Zielsetzung notwendig? Wie kann das Design diese Funktionen möglichst gut umsetzen? Wie und in welchem Kontext wird das Design später wahrgenommen oder sogar benutzt und welche Schlüsse ziehen wir daraus? Bei vielen Projekten hilft FFF außerdem, die “Featureitis” (gewissermaßen “feature-list follows function”) in den Griff zu bekommen, dem ein oder anderen Hype aus dem Weg zu gehen und der Versuchung, “man könnte auch noch…”, zu widerstehen.

Unserer Arbeit sagt man nach, sie sei detailverliebt, oft anekdotisch und manchmal sogar verspielt. Wir sehen darin aber keinen Widerspruch zu FFF. Bewusst eingesetzt haben diese Formen der Gestaltung die Funktion Haltung, Charakter und Geschichten zu vermitteln. Und dafür ist Kommunikationsdesign ja da.

Robert Stulle, Creative Director | Edenspiekermann

„Form Follows Function“ gilt nach wie vor, nur hat sich das, was wir als „Form“ betrachten in den letzten 10 Jahren extrem weiterentwickelt. Unsere vernetzte Art zu Kommunizieren hat sich darauf niedergeschlagen wie wir Arbeiten und wie wir uns organisieren. Die „Form“ beschränkt sich heute nicht mehr auf die visuelle Oberfläche, zu ihr gehören auch Aufbau, Struktur, Verhalten, Tonfall, und Einstellung (Attitude).

„Attitude follows function“

Deshalb kann ich mir für 2011 auch die folgenden Variante des alten Gestaltungsleitsatzes vorstellen: „Behaviour follows function“. Oder, noch etwas kerniger, „Attitude follows function“.

Der Designbegriff bei Edenspiekermann hat sich stark erweitert. Wir sind nicht nur Gestalter von visuellen Aspekten. Wir gestalten Konzepte, Strategien und Worte. Uns ist nicht nur wichtig wie etwas aussieht, sondern auch wie es sich verhält, wie es sich anfühlt und wie es reagiert.

Die FFF-Gedankenstütze

Form Follows Function heißt nicht:
… Ornamentik ist böse
… es gibt nur eine Form für eine Funktion
… erst kommt die Funktion und dann das Design

sondern:
… auch Ornamentik kann eine Funktion unterstützen
… Form und Funktion verschmelzen zu einer Einheit
… eine maßgeschneiderte Form unterstützt in idealer Weise die zugrundeliegende Funktion

Dieser Artikel steht auch als PDF zur Verfügung.

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