Anatomie der Buchstaben

Anatomie der Buchstaben

Zu Studienzeiten bin ich an den Setzkästen in der Druckerei unserer FH lediglich vorbeigegangen, voller Demut für das Handwerk, aber auch mit großer Erleichterung, da mein Schwerpunkt im Studium die Arbeit am Computer sein sollte. Mit DTP wurde der Schriftsatz revolutioniert und vereinfacht. Beim Entwerfen von und beim Arbeiten mit Schriften bedienen wir uns aber immer noch der ursprünglichen Begriffe.

Dieser Artikel ist losgelöst von tagesaktuellen Themen. Er ist als Typographie-Basiswissen gedacht und vor allem auch als Mitmachwerk, denn vollständig wird die Liste erst, nachdem die aufgeführten Begriffe und ihre grafische Aufbereitung kritisch von allen Seiten beäugt werden. Sicherlich gibt es noch den ein oder anderen Begriff, der in diese Liste gut hineinpasst.

Dargestellt sind in diesem Artikel die beim Schriftentwerfen zu gestaltenden Elemente der Buchstaben. Beim Satz spricht man von den „druckenden Teilen“. Im Gegensatz zur Makrotypographie, bei der es etwa um den Satzspiegel oder der Schriftgröße geht, wird in dieser Auflistung der Bereich der Mikrotypographie oder Detailtypographie behandelt.

Danke an alle, die diese Liste komplettieren und verfeinern möchten und Danke auch an jene, die eine ähnliche Zusammenstellung ins Netz gestellt haben.

Es gibt zu diesem Thema auch ein Poster im A1-Format, das man nun für 24 Euro plus 6,90 Euro Versand bestellen kann. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf natürlich der Link zum gleichnamigen Buch.

Anatomie der Buchstaben | A – Z

  • Abstrich

    Abstrich / Grundstrich

    Nach unten geführter Strich.

  • Anstrich

    Anstrich

    Schräg und horizontal. Auch „Nase“, „Ansatz“ oder „Dachansatz“ genannt.

  • Arm

    Arm

    Horizontale Linien bei Großbuchstaben.

  • Aufstrich

    Aufstrich

    Nach oben geführter Strich. Die dünnste Linie im Buchstaben heißt zudem „Haarstrich“.

  • Auslauf

    Auslauf

    Endung eines Buchstabens.

  • Bauch

    Bauch

    Rundung der Buchstaben innerhalb der Mittellänge beim d, b, p und q.

  • Bein

    Bein

    Abstrich am K, k und R.

  • Bogen

    Bogen

    Bezeichnet ebenfalls eine Rundung der Buchstaben etwa beim P, B oder D.

  • Cauda

    Cauda

    Abstrich am Q. Lateinischer Begriff für „Schwanz“.

  • Deckstrich

    Deckstrich

    Horizontale Linie beim T, Z und z.

  • Diagonale

    Diagonale

    Schräge Verbindung im Z und N.

  • Dickte

    Dickte

    Breite eines Buchstabens, inklusive der Vor- und Nachbreite. Der nichtdruckende Teil einer Drucktype heißt zudem Fleisch.

  • Endstrich

    Endstrich

    Abschluss: schräg, wie beim u oder rund wie beim a.

  • Fähnchen

    Fähnchen

    Häkchen am g. Auch „Ohr“ genannt.

  • Fuß

    Fuß

    Unterer Bereich des Abstrichs z.B. am R.

  • Grundlinie

    Grundlinie

    Horizontale Achse zwischen der Mittellänge und der Unterlänge.

  • Hals

    Hals

    Auch „Schaft“ genannt.

  • Kegel

    Kegel / Kegelhöhe

    Die Schriftgröße leitet sich vom Kegel und seiner Höhe ab. Bleisatz-Letter

  • Kehlung

    Kehlung

    Innerer Bogen der Serife. Auch „Serifenrundung“ genannt.

  • Kurve

    Kurve

    Kehre im großen und kleinen S sowie in der 8.

  • Ligatur

    Ligatur

    Verbindung von zwei oder mehreren Buchstaben zu einer Einheit.

  • Majuskel

    Majuskel

    Großbuchstaben, auch als „Versalie“ bezeichnet.

  • Minuskel

    Minuskel

    Kleinbuchstaben, auch „Gemeine“ genannt.

  • Mittellänge

    Mittellänge

    Mittlerer Teil eines Buchstabens. Auch „x-Höhe“ genannt.

  • Mittellinie

    Mittellinie

    Horizontale Achse zwischen der Oberlänge und der Mittellänge.

  • Oberlänge

    Oberlänge

    Oberer Teil eines Buchstabens.

  • Punze

    Punze

    Teilweise oder vollständig geschlossene Innenfläche eines Buchstabens.

  • Punkt

    Punkt

    Kreisfläche beim i, j und bei den Umlauten.

  • Querstrich

    Querstrich

    Horizontale Linie etwa beim A oder beim H. Die dünste Linie im Buchstaben nennt man zudem „Haarstrich“.

  • Schattenachse

    Schattenachse

    Achse zwischen den Stellen mit der geringsten Strichstärke. Auch „Symmetrieachse“ genannt.

  • Scheitel

    Scheitel

    Wendepunkt, an dem Aufstrich und Abstrich zusammenlaufen.

  • Schenkel

    Schenkel

    Jeweils gegenüberliegende Linien.

  • Schleife

    Schleife

    Geschlossener oder teilweise geschlossener unterer Bereich eines g. Auch „Schlinge“ genannt.

  • Schulter

    Schulter

    Obere Rundung etwa beim m, n, a und h.

  • Schweif

    Schweif

    Bei Script-Schriften als verzierendes Element. In Antiqua-Schriften beim t, y und j zu finden.

  • Serife

    Serife

    Serifen sind häkchenartige Enden. Links ist eine Halbserife dargestellt, die man nur bei Großbuchstaben findet.

  • Sporn

    Sporn

    Kleine Ecke, die im Zusammenspiel mit Serifen eine Art von optisches Gegengewicht erzeugt. Auch im q und A anzutreffen.

  • Stamm

    Stamm

    Senkrechte und zugleich stärkste Linie innerhalb eines Buchstabens.

  • Steg

    Steg

    Verbindende Linie, die von der Schleife bis zur Grundlinie am g verläuft.

  • Taille

    Taille

    Einbuchtungen, die bei Bögen anzutreffen sind.

  • Tropfen

    Tropfen

    Runde Verdickungen etwa beim a, g, c, j oder e (seltener).

  • Overshoot

    Überhang / Overshoot

    Bereich bei runden und spitzen Lettern, der über die Versalhöhe bzw. Grundlinie hinaus ragt.

  • Überlauf

    Überlauf

    Verbindungslinie etwa im a und n.

  • Unterlänge

    Unterlänge

    Unterer Teil eines Buchstabens.

  • Versalhöhe

    Versalhöhe

    Höhe einer Majuskel.

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93 Kommentare zu “Anatomie der Buchstaben

  1. Danke Achim, sehr gute und nützliche Übersicht. Da kann ich jetzt bei Kundengesprächen mit Fachbegriffen um mich werfen und Eindruck schinden :-)

  2. @paul: derjenige Teil der Bleilettern (=Drucktypen), der nicht hochstehend ist („erhaben“). Im Beispiel der Letter W oben also der Teil der rot gefärbt ist.

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag und ein großes Kompliment dafür!
    Als gelernter Schriftsetzer, letzter Jahrgang nach dem Berufsbild, erfreue ich mich über jegliches Typografiebasis- und Profiwissen, welches in der Zeit des Web 2.0 und DTP weitergereicht wird.

  4. Grammatikalisch richtig wäre bei »Dickte«:

    »Den nichtdruckenden Teil einer Drucktype nennt man zudem Fleisch.«
    oder
    »Der nichtdruckende Teil einer Drucktype heißt zudem Fleisch.«

  5. Die Majuskel könnte man noch erweitern mit der „Binnenmajuskel“. Sie beschreibt Großbuchstaben im Wortinneren wie bei „ColorSync“, „AirPort“ oder „InDesign“

  6. Die Senkrechten (Schaft, Stamm, Grundstrich) des Versal-M als Beispiel für Schenkel zu wählen, widerspricht meiner Erfahrung. Sind Schenkel nicht immer gespreizt und treffen sie sich nicht in einem Punkt, wie z. B. beim Versal-A?

  7. Minuskelziffern, auch Mediävalziffern, passen sich ins Schriftbild ein. Breit ausgebaute Fontfamilien führen diese neben den Versalziffern (Beispiel aus der Stempel Garamont).

  8. Achim, vielen Dank für diese Zusammenstellung.
    Ein grundlegendes Problem sehe ich in der Vermischung von Begriffen aus der geschriebenen Schrift und der Typografie. Bei Drucklettern (ob sie in Metall geschnitten oder digital gezeichnet sind) gibt es keine Richtung, keinen ›Aufstrich‹. Nur weil der rechte Teil des y feiner ausfällt als der linke, wird er (in den allermeisten Handschrift-Stilen) noch lange nicht als Aufstrich geführt.

    @Jannis: Majuskel und Minuskel sind tendenziell Begriffe aus der geschriebenen Schrift, Versalie und Gemeine eher aus der Typografie. In Englischen ist das noch eindeutiger: ein von Hand geschriebener/geschnitzter/gemeißelter Großbuchstabe kann ein capital letter oder eine majuscule sein, bestimmt aber nicht uppercase.

  9. Sehr nette und gute Übersicht! Ich hab nächste Woche ein Vorstellungsgespräch bei einer online druckerei (wen’s interessiert?!) und hab mich schnell mal in dieses Thema eingelesen. Vielen Dank! liebe grüße, anja

  10. Über dem Schaft bzw. Hals des Versal-G befindet sich der „Querbalken“. Bei einigen Schriften geht er nur nach Innen (Futura), bei manchen fehlt er ganz (Gill Sans, Antique Olive) und bei anderen geht er zu beiden Seiten (Bodoni).

    Ich weiß nicht, wie detailliert das werden soll, aber wenn wir schon von der Halbserife sprechen, dann könnten wir auch noch die „Mittelserife“ erwähnen, die beispielsweise beim Versal-W der Breughel (A. Frutiger) zu sehen ist. Bei der Palatino fehlt sie, bei der Bembo gibt es aufgrund der besonderen Form des W (da wird der doppel-V Ursprung deutlich, die Lateiner kannten noch kein W) sogar zwei Mittelserifen, die ineinander über gehen.

    Beim Versal-A kann es noch den überstehenden Anstrich (Guardi) oder den überstehenden Scheitel (Berkeley Old Stlye, Caslon) geben. Aber das ist ja schon fast Erbsenzählerei…

    Ich lerne gerade für meine Typo Prüfung und freue mich natürlich über alle Beiträge zu diesem Thema!

  11. Sehr toll, vielen Dank! Wie schon von anderen gefordert, wäre eine PDF-Version allertollstens. Besonders, wenn die Abbildungen darin Vektordaten wären. Habe ich die Erlaubnis, diese Übersicht für die Lehre zu verwenden? Das wäre sogar noch viel allertollstenser.

    Eine kleine Korrektur:
    Bei »Schweif« fehlt im Beschreibungstext der Bindestrich zwischen »Script Schriften«. Momentan ist da ein »Deppenleerzeichen« :)

  12. vielen Dank, das habe ich vermisst!
    Als ungelernte Interessentin verwirrt mich allerdings der „Aufstrich“ ausgerechnet am y – ich käme nie auf die Idee, diesen Strich von unten nach oben zu schreiben! Wäre er nicht am A oder v besser erklärt? Dass das y einen dicken und einen dünnen Strich hat, hatte ich bisher darauf zurückgeführt, dass die Feder beim Schreiben leicht schräg gehalten wurde …

  13. Hat jemand eine idee, wo ich das „a“ in hoher qualität herbekomme? will mir das als poster drucken lassen

    danke im vorraus
    rgds
    moarc

  14. Kaum ist das Poster eine Weile draussen / zack 5 Euro / Sehr unglaubwuerdig fuer dieses Forum, wo kreative Freigeister oberhalb der ungeliebten Konventionen den Ausstausch pflegen. Aber geht es mal ueber die eigene Veranlagung hinaus ,ein bisschen Wissen auszustellen, kommt wie immer das Geld ins Spiel.

  15. @ jaoTe
    Das Poster ist noch gar nicht veröffentlicht. Dies ist übrigens auch kein Forum. Es ist gerade der Diskurs zwischen Bruch und Folgen von Konventionen, der in diesem Blog thematisiert wird. Mit dem Begriff „Freigeist“ kann ich im Zusammenhang mit Kommunikationsdesign wenig anfangen. Ich beschäftige mich nicht mit einer abstrakten Form der Wahrheitsfindung, sondern immer mit einer ganz konkreten Anforderung oder Aufgabe, für die ich eine Lösung erarbeite. Gerade der kreative Arbeitsprozess innerhalb der Vorgaben und Konventionen ist es, was Design ausmacht.
    Und das mit den 5 Euro hast Du falsch verstanden. Es gibt für alle dt-Leser einen 5-Euro-Gutschein, sofern sie das Poster kaufen möchten. Infos gibts in kürze.

  16. Was hier noch fehlt ist ein Begriff, der den wenigsten geläufig sein wird: „Umlautpunkte“

    Das sind die 2 Punkte über den Umlauten Ä, Ö und Ü.

  17. Hallo Herr Schaffrinna,
    ich wollte mich erkundigen, welche Schrifttypen Sie für diese grandiose Übersicht in Ihrem Poter verwendet haben. Es geht mir sowohl um die Überschriften, als auch um die erklärenden Texte.

    Ich würde mich über eine Rückmeldung sehr freuen!

  18. Vielen Dank für diese übersichtliche Zusammenstellung. Gibts das vielleichtr auch als Poster oder muß man sich da selber eins basteln? Würde sich nämlich sehr gut in dem einem oder anderen Büro machen, z.B. in meinem :-)

  19. Tolle Übersicht, Chapeau!

    Eine Frage habe ich dazu: bei einigen Schreibweisen hat das kleine „a“ einen „Überhang“, an dem bei serifenlosen Schriften aber ein „Tropfen“ hängt. Hat dieser „Überhang“ evtl. auch noch einen Bezeichnung? Oder heißt er vielleicht auch „Anstrich“?

    A

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