„Wie wollten ein poetischeres Design bei ARTE“ – Cécile Chavepayre im Interview

Seit einer Woche sendet ARTE im neuen Design. Der zum Teil rohe Look, für den insbesondere die Schablonen-Typo verantwortlich ist, macht es nicht jedem Zuschauer leicht, sich mit dem neuen Erscheinungsbild des Senders anzufreunden. Ich sprach mit Cécile Chavepayre, künstlerische Leiterin bei ARTE, über die Hintergründe zum Redesign.

dt: Von einem Evolutionsschritt kann bei dem am vergangenen Samstag vollzogenen Redesign nicht die Rede sein. Es ist schon eine kleine Revolution, wie sich ARTE nunmehr präsentiert. Was hat ARTE dazu bewegt, das bisherige Konzept komplett über Bord zu werfen?

Cécile Chavepayre: Eigentlich wollte ARTE das alte Senderdesign nicht komplett verwerfen. Es war nur an seine Grenzen gestoßen, vor allem hinsichtlich der Bewerbung des Online-Angebotes und der Echtzeit-Datenintegration, eines Projekts, das etwas später in diesem Jahr aus der Taufe gehoben wird. Außerdem wollten wie ein sanfteres, poetischeres und weniger abstraktes Design.

dt: Eine Schablonenschrift statt Gotham. Was für ein Kontrast! Konnten Sie die Gotham, die mittlerweile gefühlt in jedem dritten Markenauftritt verankert ist, einfach nicht mehr sehen?

Cécile Chavepayre: Nein, wir mögen Gotham! Das ist eine sehr elegante Schrift, und so verbreitet ist sie ja deshalb, weil sie sehr anpassungsfähig ist. Aber wir brauchten eine Schrift mit Stencil-Möglichkeit, die man zerlegen und dann am ARTE-Magneten wieder zusammensetzen kann. Von dieser Bewegung ließen wir uns bei der Auswahl leiten.

dt: Liege ich falsch oder war die ARTE-Reihe „Typo-Safari“ eine Art Geburtshelfer für das neue Corporate Design inklusive Schriftenkonzept? (Auch der Titel von „Typo-Safari“ ist in einer Schablonenschrift gesetzt)

Cécile Chavepayre: Ich würde Ihnen gern Recht geben, doch leider habe ich nicht genug Zeit, um mir alle ARTE-Programme anzusehen (vor allem im Moment!). Aber manchmal liegen Einfälle ja in der Luft.

dt: Welche Schriften haben Sie für das neue Corporate Design von ARTE ausgewählt?
Cécile Chavepayre: Die von The Partners vorgeschlagene Barna-Schrift hat uns sehr gefallen, weil sie nicht in Mode ist, sie ist irgendwie anders (!): Sie wirkt „handgemacht“, und das passt genau zu ARTE, der Sender ist ja auch sehr „handgemacht“. Die Barna kommt nunmehr in der Stencil-Version und als Vollschrift zum Einsatz.

„Neben dem Konzept des Kultur-Magneten war uns auch wichtig, dass das Design eine positive und gleichzeitig sanfte Energie ausstrahlt.“

dt: Wie verlief die Kooperation mit der Agentur The Partners? Was wurde bei ARTE inhouse kreiert und was wurde in London entwickelt?
Cécile Chavepayre: Die Zusammenarbeit ist noch nicht beendet, denn es sind noch nicht alle Elemente des Designs on-air. Alle Originalelemente wurden von The Partners in London entworfen, die Abwandlungen haben wir bei ARTE gemacht.

dt: ARTE als Kulturmagnet – eine überzeugende Idee. In der Umsetzung vermittelt sich diese Idee allerdings nur bedingt. Der Schattenwurf beim Logo und der fehlende Abstand zur links und rechts andockenden Schrift wirken weniger ausgefeilt als die künstlerisch anspruchsvollen 3D-Renderings, mit denen sich ARTE seit 2011 präsentiert. Wie ist Ihr Eindruck?
Cécile Chavepayre: Ich nehme Ihre Bemerkung gern zur Kenntnis. Wir haben aber noch nicht alle Design-Elemente, deshalb ist die innere Logik des Systems vielleicht noch nicht ganz nachvollziehbar, und das Konzept des ARTE-Magneten kommt noch nicht voll zum Tragen. Aber wir wollten bei ARTE, dass das neue Design weniger technisch wirkt als das bisherige. Neben dem Konzept des Kultur-Magneten war uns auch wichtig, dass das Design eine positive und gleichzeitig sanfte Energie ausstrahlt.
Natürlich sind wir uns bewusst, dass es weiterer Verbesserungen bedarf. Und die werden wir machen! Aber jetzt müssen die Dinge erst einmal existieren, damit wir sehen, was passiert. Ich kenne kein Design, das gleich am ersten Tag angenommen wurde, weder bei ARTE noch anderswo. Ich hoffe also, dass ich Sie im weiteren Verlauf noch positiv überraschen werde.

dt: Was ist als nächstes geplant? Welche „Baustellen“ gibt es noch? Denn die Umstellung hat ja gerade erst begonnen.
Cécile Chavepayre: Zuerst müssen jetzt die „Nows“ on-air gehen. Das sind thematische Grafikelemente für die Eigenwerbung, die am Ende der Zwischenprogramme eingeblendet werden. Dann kommen die „Numbers“. Dabei handelt es sich um Statistikmodule mit etwas schrägen und/oder überraschenden Inhalten. Und dann … aber es wäre verfrüht, jetzt schon darüber zu sprechen. Nur so viel: Wir wollen bei der Echtzeit-Datenintegration noch weiter gehen.

– Die Fragen stellte Achim Schaffrinna –

17 Kommentare zu “„Wie wollten ein poetischeres Design bei ARTE“ – Cécile Chavepayre im Interview

  1. Aber wir wollten bei ARTE, dass das neue Design weniger technisch wirkt als das bisherige.

    Sicherlich gibt es den ein oder anderen Einspieler, der durch seinen Inhalt (z.B. unter Wasser oder in der freien Natur) die Brücke zu „natürlicherem Design“ schlägt, aber ich finde, des Gesamtbild ist nicht weniger technisch als vorher. Zuvor gab es den Glas-/Scherben-Effekt mit einer sehr dynamischen Bewegung und relativ frei anmutenden Formen, die durch die Transparenz und die feinere Schrift Leichtigkeit vermittelten. Jetzt haben wir einen Magneteffekt mit anziehender Bewegung, das Design wirkt eher 2-Dimensional. Was sich früher in der Animation mit den Videobildern vermischte wirkt nun eher nur als Design-Oberfläche. Will nicht sagen, dass es jetzt mehr technisch ist, aber definitiv auch nicht weniger, dafür sind Form und Bewegung einfach zu starr.

    Mich hätte noch die Frage interessiert, wie die vertikale Ausrichtung des Logos entstanden ist, schließlich hätte man den Magneteffekt auch auf horizontaler Ebene darstellen können…

  2. Schönes Interview mit interessanten Aussagen zu den Überlegungen hinter dem neuen Design. Momentan mag es zwar noch eine Diskrepanz zwischen den Ideen und der Umsetzung geben, aber ich vertraue da, auch auf Grund der langen Tradition hervorragenden OnAir-Designs bei ARTE, auf die nächsten evolutionären Schritte.

  3. Mir gefällt es überhaupt nicht !
    Das ändert auch Madams Schönrederei nicht im geringsten.
    Wir vom Marketing können ja alles gutquatschen und verkaufen, insofern…

  4. Warum wird das CD nicht dann implementiert wenn alles fertig ist? Einen grossen Druck das bestehende zu ändern habe ich nicht gesehen.
    Alles in allem macht die Dame einen wenig kompetenten Eindruck, vielleicht wäre eine Änderung auf dieser Position eher angebracht gewesen.

    • Einwurf. Auch wenn ich jetzt vielleicht Wortklauberei betreibe, bitte ich höflich zu bedenken:
      Auch Herren liefern angelegentlich ziemlich flaches Gelaber ab.

      Komischerweise sagt keiner dann, der Herr machte einen inkompetenten Eindruck, sondern man sagt eher, dass er heiße Luft absonderte. Ist Untärrschied: Der Inkompetenz-Vorwurf ist eine Kritik bis ans Mark an der Person selbst (unfähig), der Heiße-Luft-Vorwurf ist lediglich eine Kritik am äußeren Verhalten (schönquatschen).

      Frauen werden leider gern – bei gleichem blödem oder flachem Verhalten wie Männer – in die Unfähig-Schublade gestopft. (Gerade Frauen tun das gegenüber Frauen, was nur im ersten Moment verwirrt … ) Und nein, bin kein Genderist. Ich sag immer noch stur ‚Busfahrer‘, wenn eine Frau den Bus fährt ;-)

      • Das mag die Regel und auch unfair sein, nur die Behauptung die Schrift hätte einen humanistischen charakter, ist schon irritierend.

      • Für mich spielt es keine Rolle ob es eine Dame oder ein Herr ist, meine Kritik wäre die gleiche gewesen wenn es ein Herr verbrochen hätte.

      • Von mir aus auch Männchen und Weibchen

        Nur_
        ‚Inkompetenz‘ ist natürlich ein schwerer Vorwurf, der den Menschen meint und beruflich sehr abschätzig einstuft.

  5. Die Idee ist ja auch spannend, nur die Umsetzung überzeugt nicht. Paddy S. hat bereits geschrieben, dass man das Logo für die Magnet-Idee nicht hätte drehen müssen. Das wirkt erzwungen anders.

    Es gäbe sicher zig Ideen, wie man mit dem Magnet-Prinzip hätte verfahren können – und einer Schrift, die dem digitalen Zeitalter gewachsen ist sowie Menschen mit Seh- oder Leseschwäche gerecht wird.

    Eine spontane Idee wäre gewesen, weiter die Gotham zu nehmen und diese zu Beginn in ihr Farbspektrum RGB oder CMY aufzuteilen, um die Anzahl der magnetischen Teile zu erhöhen. Das Arte-Logo als Magnet, das einzelne Farbschatten/Farbschablonen zusammenzieht. Hätte zumindest dafür gesorgt, dass es in den Augen nicht so schmerzt.

    Aus dieser Idee heraus hätte auch schon wieder was ganz anderes entstehen können – das Arte-Logo als Prisma, das die Farben zusammenführt. Gab’s im On-Air-Design so auch noch nicht, da wäre bestimmt was innovativeres bei rausgekommen als das, was man hier zu Gesicht bekommt. Und wäre ebenfalls eine Lösung, wenn man möchte, dass der Auftritt (siehe Artikel) „eine positive und gleichzeitig sanfte Energie ausstrahlt.“

    Sanfte und positive Gefühle spüre ich nach dem Anblick nicht an mir.

    • „Sanfte und positive Gefühle spüre ich nach dem Anblick nicht an mir.“

      Das ist genau der Punkt, so ist es, danke.
      Was soll an den wild und schnell herumfliegenden dicken Plätteisen, ähm Block-Buchstaben … sanft sein? Die sind nicht sanft, sondern ein Angriff.

      • das ProSieben-On-Air-Design, das ich verlinkt habe, war natürlich keine Alternative zum Sanften, sondern zum Schabernack – nichts anderes steht da auch von meiner Seite. ProSieben ist ja auch nicht arte.

        Fun Fact: Am Ende sieht man den „WE LOVE“-Schriftzug noch in seiner ursprünglichen Variante – als Schablonenschrift.

        Wie war es für Sie damals, als Sie beim Zappen das ProSieben-Logo plötzlich in der Mitte gesehen haben? Überrascht? Irritiert? Ich fand es genial, das Logo auf verspielte Weise ins On-Air-Design zu integrieren. Es war ja mehr als nur Dekoration. Es war identitätsstiftend. Sat.1 macht das mit dem Ball und der Kreisform auch auf mal mehr, mal weniger gelungene Art und Weise.

        Bei arte ist es komplett egal, ob der Magnet das Logo wäre oder nicht, die Designentscheidung wirkt schlichtweg beliebig. https://www.designtagebuch.de/wiki/zitate-ueber-design/

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