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Twitter versus Mastodon: über Kommunikation, Echo-Kammern und ethisches Design

Twitter / Mastodon, Bildquelle: Twitter / Mastodon, Bildmontage: dt
Twitter / Mastodon, Bildquelle: Twitter / Mastodon, Bildmontage: dt

Was Twitter anbelangt, darf man mich zu Recht als Spätstarter bezeichnen. Nicht gleich auf jeden Zug aufspringen und jeden Hype mitmachen, kann Vorteile mit sich bringen, auch Nachteile, versteht sich, gerade wenn man in der Medienbranche tätig ist. Nicht nur Einzelpersonen, auch Marken, Unternehmen, Behörden und andere Entitäten stehen einmal mehr vor der Frage, wie sie mit ihren Kunden/Lesern/Bürgern kommunizieren wollen und sollen. Soll man, vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen bei Twitter, den Kurznachrichtendienst verlassen? Und zu Mastodon wechseln? Ich möchte das Thema gerne mit dt-Lesern diskutieren.

Wie Menschen kommunizieren und woher sie ihre Informationen beziehen, beeinflusst vieles, auch Design, und zwar maßgeblich. Es macht für Disziplinen wie Werbung, Corporate Design oder Interface-Design einen Unterschied, ob Menschen, wie früher, Nachrichten über klassische Medien wie Zeitungen und lineares Fernsehen konsumieren, oder ob ein Großteil der Menschen Informationen in erster Linie aus dem Datenstrom des Internets bezieht, Social Media eingeschlossen.

Einfluss von Digitalität und Social-Media auf Branding

In Echtzeit verbreitete, tausendfach geteilte Inhalte, seien es Texte, Sprachnachrichten, Bilder oder Videos, verändern die Wahrnehmung. Längere Texte werden heutzutage seltener bis kaum noch gelesen, je nach Anwendungskontext. Mit Bewegtbild (Videos, Animationen) und einer reißerisch klingenden Überschrift lässt sich mehr Aufmerksamkeit generieren, als mit statischem Inhalt und einer nüchtern-neutralen Headline. Die Informationsflut hat unsere Aufmerksamkeitsspanne sinken lassen, wie auch Studien belegen.

Wohl auch deshalb werden Farben schriller (RGB-Modus statt CMYK-Farbraum) und Typographie auffälliger. Andererseits sind Logos in den letzten Jahren in einer Art Gegenbewegung einfacher und simpler geworden. In einer oftmals unübersichtlich gewordenen (Medien)Welt setzen Marken wie beispielsweise Volkswagen wieder auf klare visuelle Botschaften. Befreit von effekthascherischen Glanzlichtern, Schattenwürfen und Pseudo-Dreidimensionalität fungieren aufs Wesentliche reduzierte Markenzeichen als visueller Ruhepol, als verlässlicher Anker.

Der Algorithmus kennt unsere Vorlieben und bedient unsere Bedürfnisse

Als Markenmacher, Kreativschaffender oder Designer gilt es sich mit veränderten Konsum- und Nutzungsverhalten auseinanderzusetzen. Gutes Design bezieht den Menschen mit ein und berücksichtigt dessen Bedürfnisse. Und diese Prämisse gilt auch im postdigitalen Zeitalter.

Social-Media-Plattformen wie Twitter, Facebook, YouTube, Instagram und TikTok bedienen unsere Bedürfnisse in vielfältiger Weise, allen voran jene nach direktem Austausch und schneller Kommunikation und Information. Darüber hinaus erfüllen sie wichtige andere Funktionen: sie ermöglichen Vernetzung/Interaktion, fördern die Teilhabe/Mitsprache, werden nicht nur von Journalisten als Recherche-Tool oder als „Stimmungs-Seismograph“ genutzt, und sie dienen darüber hinaus als unerschöpflicher Fundus an kreativen Ideen der Unterhaltung.

Dank perfektioniertem Algorithmus und einer optimierten User Experience lässt uns TikTok mittels „Swipe-Flow“ immer tiefer in den Kaninchenbau hinabsteigen. Die Scrollbewegung erfüllt in diesem Kontext den Zweck, wie die Psychologin Dana Goetz in einem Beitrag auf Medium beschreibt, einer „Self-medication“. Je länger wir bei einem Video verweilen, desto größer die vorübergehende Befreiung von negativen Emotionen. Negative Emotionen, die sich womöglich im Zuge des letzten Besuchs des Kurznachrichtendienstes Twitter angesammelt haben.

The rich get richer

Twitter ist nicht erst seit der Übernahme durch Elon Musk ein höchst lebendiger, um nicht zu sagen umtriebiger bisweilen verstörend erregter Ort, für eine Social-Media-Plattform keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal. Beleidigungen, Hetze, Hasskommentare, Falsch- oder gezielte Desinformationen sowie Absurditäten jeglicher Couleur machen dort tagtäglich die Runde. Die Algorithmen von Twitter, Facebook und YouTube sind ganz bewusst auf Popularität und Viralität ausgerichtet. Inhalte, die oft geklickt und angezeigt werden, erscheinen stets oben in der Timeline und werden deshalb, dem Matthew effect folgend, noch mehr geklickt bis sie schließlich, befördert durch die klassischen Medien, zum Hype hochstilisiert werden. User, die radikale Thesen liken, bekommen fortan noch radikalere Inhalte präsentiert. Ein „The rich get richer“-Prinzip.

Der auf unsere Vorlieben konditionierte Algorithmus sorgt dafür, dass wir das zu sehen bekommen, was wir sehen, lesen, hören und glauben wollen. Um nicht in der eigenen Filterblase gefangen zu sein, muss man den Algorithmus austricksen und Inhalte liken, die einem nicht gefallen. Das machen freilich die Allerwenigsten. Insbesondere Kindern und Jugendlichen fehlt oftmals die erforderliche Medienkompetenz, schlichtweg auch deshalb, da entsprechendes Wissen viel zu wenig an unseren Schulen vermittelt wird. Das macht sie besonders anfällig dafür, in eine Echo-Kammer zu geraten, in der die eigene Meinung widerhallt. Eine Gesellschaft, die sich pluralistisch, meinungsoffen und demokratisch nennen möchte, braucht die Kontroverse, den Disput und die gegensätzliche Meinung. Sie gilt es auszuhalten. Auf Twitter und Co. gibt es diese durchaus, allerdings werden Gegenargumente aufgrund des eigenen Nutzungsverhaltens herausgefiltert und ausgeblendet.

Die Radikalisierung, wie sie seit langem gerade auf Twitter zu beobachten ist, geht vielen Menschen nun offenbar zu weit. Unter dem Einfluss des neuen Chefs Elon Musk, so die Befürchtung, werde sich Hass und Fake News noch stärker ausbreiten und die Meinungsfreiheit beschnitten. Die in jüngster Zeit von Musk veröffentlichten Tweets, in denen er etwa Verschwörungsgeschichten teilt, die Sperrung mehrerer Journalisten-Accounts verkündet, die Verlässlichkeit von Wikipedia in Gänze anzweifelt, oder die Verlinkung zu anderen Social-Media-Diensten wie Mastodon und Facebook untersagt, nähren diese Erwartung.

Antiviral, politisch korrekt …

Auf Mastodon, einem weiteren Mikroblogging-Dienst, der bereits seit 2016 online ist, schnellen seit Wochen die Nutzerzahlen in die Höhe. Viele Menschen verlassen den Kurznachrichtendienst Twitter und richten es sich auf Mastodon ein. Im Unterschied zu Twitter basiert Mastodon auf einem dezentralen System. Verschiedene Server, von Privatpersonen, Vereinen oder sonstigen Stellen eigenverantwortlich betrieben, können über ein zusammengehöriges Netzwerk miteinander interagieren.

UX-Experte Clive Thompson bezeichnet das Designkonzept hinter der Mastodon-Software als antiviral. Antiviral deshalb, da die Software nicht darauf ausgerichtet ist, die Popularität von Inhalten abzubilden. Anders als bei Twitter oder Facebook gibt es auf Mastodon keine Ranglisten mit meistgeklickten Beiträgen. Listen mit „beliebten“ Beiträgen und Hashtags gibt es hingegen schon, allerdings sind diese unsortiert. Die Entwickler von Mastodon rund um den russisch-stämmigen Gründer Eugen Rochko haben zudem bewusst auf die Zitierfunktion bei Retweets verzichtet, um so der Dynamik entgegenzuwirken. Die Regeln der Erregungsökonomie durchbrechen, könnte man sagen, einen Begriff aufgreifend, den Precht & Welzer in ihrem Buch „Die vierte Gewalt“ ausführlich thematisieren. Es braucht schon einen ziemlich fein justierten, fest verbauten Ethik-Kompass, um bei einer Software bewusst auf jene Funktionen zu verzichten, die nach Ansicht wohl der allermeisten Nutzer einen Mehrwert darstellen.

Ist Mastodon also besser als Twitter? Ethischer? Ehrlicher? Antiviral, anti-rassistisch, politisch korrekt? Das Drama rund um Twitter beschert Mastodon einen ordentlichen Wachstumsschub. Seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk sind allein seit dem 28. Oktober 2022 bis heute mehr als 3 Millionen neue Accounts entstanden. Mittlerweile verfügt Mastodon über etwas mehr als 9 Millionen Accounts. Zum Vergleich: Bei Twitter sind es 544 Millionen, bei TikTok 1 Milliarde und bei Facebook 2.9 Milliarden (Quelle).

Der enorme Zustrom will geleitet, gehostet, koordiniert und moderiert werden. Im Gegensatz zu kommerziellen Sozialen Medien, hinter denen jeweils große Unternehmen stehen, übernehmen dies die jeweiligen Administratoren der mittlerweile knapp 10.000 Server des dezentralen Netzwerks. Für jeden Server werden eigene Regeln und Vorschriften erstellt, die nur lokal, pro einzelnem Server durchgesetzt werden, heißt es offiziell. Das Konzept setzt stark auf die Eigenverantwortung der User, den Dienst nicht in missbräuchlicher Weise zu nutzen. Viele Menschen scheinen Mastodon deshalb tatsächlich als eine bessere Twitter-Variante anzusehen, so jedenfalls lesen sich ihre Abschieds-Tweets beziehungsweise ihre ersten Beiträge auf Mastodon.

Wenige Tage bevor Elon Musk seinen persönlichen Twitter-Account registriert hat, schrieb ich Ende Mai 2009 hier im dt „Ich twitter nicht“. Es dauerte drei geschlagene Jahre, eh ich in Twitter mehr Vorteile als Nachteile zu erkennen glaubte, um schließlich doch noch auf das damals geltende 140-Zeichen-Format einzusteigen. Ich bin kein Fanboy geworden, soviel sei gesagt, aber die Relevanz von Twitter innerhalb der Welt der Medien ist unübersehbar, nach wie vor. Ich möchte Twitter, aufgrund der genannten Vorzüge, als Ergänzung zu klassischen Medien nicht mehr missen. Meine skeptisch-kritische Grundhaltung diesbezüglich hat sich hingegen kaum verändert.

Auf wenige Zeichen reduzierte Informations-Häppchen, sei es auf Twitter oder anderswo, gilt es in Maßen und verantwortungsvoll zu konsumieren, ähnlich wie Alkohol, könnte man sagen. Allein des Selbstschutzes wegen, Stichwort Medienhygiene. Denn Verkürzung bedeutet oftmals Simplifizierung. Zwangsläufig bleiben wichtige Details auf der Strecke. Doch Details sind keine Kleinigkeiten – sie sind das Entscheidende. Oder um den US-amerikanischen Designer Charles Eames zu zitieren: „details make the design“. Auch in vielen anderen Branchen und Bereichen, etwa im Journalismus oder in der Politik, sind es die Details, die zählen. Wir scheinen uns damit abgefunden zu haben, dass die relevanten und entscheidenden Informationen im Kleingedruckten im Footer oder in 5-Punkt-Schriftgröße auf der Rückseite eines Etiketts versteckt werden.

Mastodon. Rückzugsort für frustrierte Twitter-Nutzer?

Der momentane Aufstieg von Mastodon ist offenkundig stark an die jüngere Entwicklung bei Twitter gekoppelt, die wiederum stark mit der Person Elon Musk verbunden ist. Wäre es möglich/denkbar, dass Musk, nachdem er unter anderem die Unternehmen SpaceX, Tesla und OpenAI zum Erfolg geführt hat, nun mit seinen wirren, teils irren Tweets einen der erfolgreichsten Social-Media-Dienste weltweit in den Abgrund reißt? Finanzielle wie technische Probleme gab es bereits vor der Übernahme durch Musk. Lediglich in zwei Jahren seiner Firmengeschichte war Twitter profitabel, 2018 und 2019. Nach der Entlassung nahezu der Hälfte der Mitarbeiter befürchten viele Stammnutzer weitere Einschränkungen. Neu hinzukommende Nutzer scheint dies nicht zu interessieren, denn es sind laut Musk so viele wie nie zuvor. Auswertungen legen nahe, dass ein Großteil dieser Nutzer politisch dem konservativem Spektrum zuzurechnen ist.

Dass fehlende Profitabilität über viele Jahre hinweg, obendrein ein krudes UX-Konzept, eine Vielzahl an technischen Unzulänglichkeiten, ja selbst massive Verstöße gegen Urheber- und Persönlichkeitsrechte kein Hindernis darstellen, um sich als Social-Media-Dienst durchzusetzen, beweist Facebook. Sollten allerdings die zuletzt bei Twitter abgesprungenen Werbekunden nicht zurückkehren, resümiert The Guardian, könnte sich das Drama zu einer existenziellen Krise verschärfen. Liegt die Zukunft von Twitter also in der Hand der Werbeindustrie?

Es bleibt abzuwarten, ob aus dem Mikroblogging-Dienst mit dem ausgestorben Rüsseltier als Markenzeichen ein echtes Social-Media-Schwergewicht erwächst. Der Name ist gewöhnungsbedürftig, schwerfällig. Doch vom Branding her wirkt Mastodon einladend, modern und professionell, auch sprachlich/textlich ist die Präsentation clever: „Kontrolle zurück“, „… in Sicherheit“. Positioniert wird Mastodon als Gegenmittel für Kontrollverlust. Mastodon müsste meines Erachtens jedoch mehr sein, als bloß ein Auffangbecken für frustrierte Twitter-Nutzer und ein „Rückzugsort“ für Menschen, die sich im politischen Spektrum (eher) links verorten. So jedenfalls liest sich der ein oder andere Tweet. Es wäre bedauerlich, im Sinne der Medien- wie auch Meinungsvielfalt, würde sich Mastodon als ein Club Gleichgesinnter und Ähnlichdenkender konstituieren.

Wenn Mastodon nur einen bestimmten Teil des Spektrums der Gesellschaft abbildet, hätte dies gewiss Auswirkung auf die Relevanz als Medienmarke. Trotz guter Vorsätze und Ansätze könnte sich eine Form politischer Voreingenommenheit etablieren. Über erste Mobbing-Vorwürfe wird berichtet. Lassen sich derlei Probleme mit den eigenen Anwendern in einem dezentralen Netzwerk lösen, wo doch auf jedem Server andere Regeln gelten? Wenn Server-Administratoren beginnen Inhalte von Andersdenkenden/Konservativen zu sperren, könnte dies eine weitere Echo-Kammer entstehen lassen, eine womöglich vom konservativem Spektrum als „linksgrün-versifft“ und „woke“ gescholtene und gemiedene.

Nun sind die dt-Leser gefragt. In den nachfolgenden Umfragen wird das Nutzungsverhalten von Mastodon und Twitter abgefragt. In den Kommentaren ist wie immer Platz, um auch Meinungen und Ansichten in ausführlicher Form kund zu tun. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/aschaffrinna zu finden, auf Mastodon unter mastodon.design/@achimschaffrinna

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich war seit 2008 auf Twitter und habe meinen Account jetzt gelöscht. Der Umzug zu Mastodon hat dazu geführt, dass ich jetzt mehr tröte als ich vorher getweetet habe. Der Umgangston dort ist ähnlich wie vor vielen Jahren im Usenet oder in diversen Foren, in denen Netiquette gilt. Ich habe weniger Follower, aber mehr Austausch. Es fühlt sich gut und richtig an, insbesondere, weil hier viele Instanzen an einer Idee schrauben und nicht ein übermächtiger Dienst befiehlt, was ich zu lesen habe. Weil Aufregung sich nicht auszahlt, Fakten hingegen schon. Was aus Twitter wird, ist mir recht egal. Ich denke nicht, dass Mastodon die Rolle von Twitter einnehmen wird. Aber ich würde mich freuen, wenn sich die Menschheit daran erinnern würde, wie das Internet einmal gedacht war. Als Ort des Austauschs, des Respekts, der freien Daten und freien Informationen. Als Möglichkeit, auch leise Stimmen zu vernehmen und von ihnen zu lernen. Und Mastodon ist da verdammt nah dran.

  2. Vielleicht wird sich hier im social media bereich das abbilden, was auch in der realen gesellschaft deutlich wird. Spaltung. Alt gegen Jung. Beschränkt gegen offen. Real gegen Fake (news). Future gegen Past. Ukraine gegen Ruzland. Demo gegen Auto (kratie). Noch schielen eigentlich alle auf Twitter – es hängt von EInem ab, ob sich Twitter auf parteiisch eine Seite schlägt oder nicht.

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