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Tucher Bräu schreibt die Geschichte der Marke neu und modifiziert die Darstellung des „Mohren“

Tucher „Münz-Logo“
Tucher „Münz-Logo“, Quelle: Tucher Privatbrauerei

Bereits vor gut einem Jahr hatte Tucher Bräu einen Marken-Relaunch durchgeführt und in diesem Zusammenhang sowohl das Design der Etiketten wie auch das der Mehrwegkästen grundlegend erneuert. Auch die Form der Flaschen wurde modifiziert. Dass in diesem Zuge auch das Marken- und Erkennungszeichen der fränkischen Traditionsbiermarke, der „Tucher-Mohr“, ein umfassendes Facelift erhalten hat, ist bislang weitestgehend unbemerkt geblieben.

Als die Vorarlberger Mohrenbrauerei vor wenigen Wochen ihr überarbeitetes Logo- und Etikettendesign der Öffentlichkeit präsentierte, war ihr die Aufmerksamkeit über die Landesgrenze hinweg gewiss. All jene Unternehmen, Marken und Städte, die den „Mohr“ im Namen führen oder eine entsprechende schwarze Figur im Markenzeichen bzw. im Wappen verwenden, sehen sich schon seit längerer Zeit mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert. Insbesondere im Umfeld von Social Media wie auch in den jeweiligen lokalen Medien sorgt das Thema deshalb für Aufregung. Die signifikante Anpassung des Tucher-Markenzeichens – seit mehr als 160 Jahren ist im Wappen der Brauerei ein „Mohrenhaupt“ dargestellt – hat sich hingegen bis heute vollständig außerhalb des Radars der Öffentlichkeit vollzogen.

Während die Mohrenbrauerei an ihrem Logo, mit den Verweis auf den historischen Bezug und der ihrer Ansicht nach nicht-rassistischen Konnotation des schwarzen Kopf-Signets, in einer nur leicht veränderten Form festhält, wechselt Tucher Bräu auf eine gänzlich unterschiedliche Darstellung. Fast durchgehend verwendet Tucher Bräu auf seinen Produkten/Flaschen seit dem Rebranding, anstelle einer schwarz-goldenen Kopfdarstellung mit krausem Haar, nun eine schwarz-weiße Silhouette von zwei sich überlagernden Köpfen, siehe nachfolgende Abbildung.

Tucher Mohr – vorher und nachher
„Tucher Mohr“ – vorher und nachher, Bildquelle: Tucher Privatbrauerei, Bildmontage: dt

Bedingt durch die deutlich veränderte Formgebung ändern sich Ausdruck und Charakter des Kopf-Signets. Die bisherige Gestaltung kann klar als eine Figur männlichen Geschlechts mit schwarzer Hautfarbe gedeutet werden. Die neue, Scherenschnitt-gleiche Formgebung ist in Bezug auf ihre Rezeption hingegen weniger konkret bzw. vage. Weder das Geschlecht, noch die Hautfarbe der Figuren sind erkennbar. Denn tatsächlich formen die Silhouetten, eine weiße und eine schwarze, im neuen Logo nunmehr zwei unterschiedliche Köpfe. Dabei ermöglicht die neutrale Formgebung reichlich Interpretationsspielraum. So könnte es sich bei den zwei Köpfen um eine hellhäutige und eine dunkelhäutige Person handeln, um eine männliche und eine weibliche oder um eine ältere und eine jüngere. Der ins Logo neu aufgenommene umlaufende Text „Heiliger Mauritius – Sanctus Mauritius“ dient gewissermaßen als Erklärung, dass die Abbildung in Zusammenhang mit eben jenem Mauritius steht.

Innerhalb der üppigen Gestaltung der Etiketten auf Weizenflaschen geht die veränderte Kopfform fast unter. Allerdings handelt es sich in diesem Fall nicht nur um ein unwesentliches Schmuckelement, sondern um ein für die Marke Tucher Bräu seit mehr als 160 Jahren zentrales Erkennungszeichen. Der „Tucher-Mohr“ ist seit 1855 eine wesentliche und identitätsstiftende Figur von Tucher Bräu. Eine Tradition, auf die man stolz sei, wie das zur Radeberger Gruppe gehörende fränkische Unternehmen ungeachtet der zunehmend hitziger gewordenen Debatte über das „M-Wort“ bis zuletzt bekräftigt hat. Anfang 2019 beispielsweise setzte sie im Zuge der Neugestaltung der Rotbier-Etiketten auf eine vergrößerte, holzschnitthafte Darstellung des „Mohrenkopfes“, um damit dieser Biersorte eine Art Retro-Look zu verpassen. Dieser Kopf, eine ziemlich unförmige, grotesk anmutende Gestalt mit karikaturesken Zügen, prangt auch aktuell noch auf den Rotbier-Flaschen. Auf den anderen Produkten kommt hingegen die neue neutrale Silhouettenform zum Einsatz. Innerhalb der Website wiederum, die sowohl technisch wie optisch als veraltet anzusehen ist (Screenshot), wird derzeit noch die Version mit schwarz-goldenem „Mohren“-Kopf verwendet.

Dass die Umstellung auf eine neue Kopfform bisher weitestgehend unbehelligt vonstatten ging, dürfte viel damit zu tun haben, wie seitens der Tucher Privatbrauerei zu diesem Thema kommuniziert worden ist. In der anlässlich des jüngsten Rebrandings vom Unternehmen veröffentlichten Pressemeldung (PDF) wird die Anpassung der identitätsstiftenden „Mohren“-Darstellung nämlich mit keinem Wort erwähnt. Anders als etwa die Mohrenbrauerei, die im Rahmen des letzten Redesigns eine Debatte über die Frage, inwieweit die „Mohren“-Darstellung in ihrem Logo rassistisch ist, aktiv und offensiv geführt hat, scheint man sich bei der Tucher Brauerei für eine entgegengesetzte Strategie entschieden zu haben. In der genannten Pressemeldung wird seitens der Tucher Brauerei stattdessen, und bei diesem Terminus handelt es sich offenbar um eine Neuschöpfung, auf das „Münz-Logo mit Heiligem Mauritius“ eingegangen. Tatsächlich ähnelt die kreisrunde, goldene, plastisch wirkende Form der einer Münze.

Tucher Weizen 0,5l Flasche – vorher und nachher
Tucher Weizen 0,5l Flasche – vorher und nachher, Bildquelle: Tucher Privatbrauerei, Bildmontage: dt

Das Redesign bei Tucher Bräu ist deshalb besonders, da die Überarbeitung der Formgebung überdies die Umschreibung der Identität beinhaltet, sowohl die der Brauerei wie auch die ihrer Marken. Auf den kürzlich neu im Markt eingeführten Mehrwegkästen wird nicht mehr, wie bisher, die Jahreszahl 1672 als historischer Bezugspunkt ausgewiesen, dem Jahr der Brauereigründung, sondern das Jahr 1855, dem Jahr, in dem das Königreich Bayern die Brauerei an die Familie von Tucher verkauft hat, welche darauf hin ihr Bräuhaus in „Freiherrlich von Tucher’sche Brauerei“ umbenannte. Da Traditionen und Geschichte gerade in der Braubranche von herausragender Bedeutung sind, und ein weit zurückliegendes Gründungsjahr auch in anderen Branchen gemeinhin als Qualitätsmerkmal angesehen wird, ist die erfolgte Neudatierung außergewöhnlich. Im Rahmen der Umdatierung wurde zudem ein neues Unternehmenslogo eingeführt, wodurch deutlicher zwischen Markenauftritt und Unternehmensauftritt unterschieden werden kann.

Die Anpassung als historische Zäsur zu bezeichnen, ist also keinesfalls übertrieben. Seit über zehn Jahren verantwortet Kai Eschenbacher als Marketingdirektor das Branding der Marken bei Tucher Bräu. Eine personelle Veränderung, bekanntlich sehr oft Grund dafür ist, dass Unternehmen und Marken sich visuell neu ausrichten, scheint in diesem Fall nicht der Anlass für die vorgenommenen Änderungen zu sein. Gut möglich, dass im Unternehmen schlichtweg ein Umdenken stattgefunden hat. Ein auf YouTube wie auch auf der Website der Brauerei veröffentlichtes Video, in dem Brauereiführer „Helmut“ auf die Besonderheit des Logos samt „Tucher-Mohr“ eingeht, wurde in den vergangenen Monaten gelöscht. Derzeit ist es auf dem Server Tucher.de noch unter dem folgenden Link zugänglich.

Wer will es in Zeiten von HateSpeech, verbaler Gewalt und Boykottaufrufen Unternehmen verdenken, wenn sie den öffentlich ausgetragenen Dialog mit ihren Kunden meiden. Auch um keinen Anlass für einen Shitstorm zu bieten. Wenn man sieht, wie die Vorarlberger Mohrenbrauerei für ihre Maßnahme kritisiert und auch angefeindet wurde – bis heute ist ihre Facebook-Fanpage offline –, obwohl sie in dieser Frage Dialogbereitschaft erkennen ließ, so jedenfalls meine Wahrnehmung, dann ist leicht nachvollziehbar, wenn andere Unternehmen in ähnlichen Situationen Aufmerksamkeit eher scheuen. Nicht den Dialog zu suchen, oder erst, wie zuletzt bei Wolters geschehen, viel zu spät, kann allerdings nicht die Lösung sein.

Offenkundig wird in Nürnberg derzeit versucht, die Geschichte von Tucher-Bräu ein Stück weit neu zu schreiben und den Kern der Marke neu zu definieren. Bei Tucher-Bräu scheint man sehr darum bemüht, wohl um keine Angriffsfläche in Bezug auf das Thema Rassismus zu bieten, das Kapitel „Tucher-Mohr“ hinter sich zu lassen. Was auch deshalb bemerkenswert ist, da der Familienname Tucher seit dem frühen Mittelalter, und zwar mindestens seit dem Jahr 1345, unmittelbar mit der Person Mauritius und ihrer im Wappen dargestellten Gestalt eines dunkelhäutigen Mannes verknüpft ist.

Unser heutiger Blick auf die Geschichte ist (nicht nur) in Bezug auf namensgebende Persönlichkeiten ein anderer, als noch vor einigen Jahren. Das wird unter anderem anhand der in vielen deutschen Städten erfolgten bzw. geplanten Umbenennung von Straßen und Plätzen deutlich, die im Zuge von wissenschaftlichen Überprüfungen Namen von Personen bekamen/bekommen, deren Vergangenheit, im Kontext Nationalsozialismus, als unbelastet angesehen werden. Kriege haben Menschen allerdings zu allen Zeiten geführt, nicht nur im 20. Jahrhundert.

Mauritius war der Legende nach ein aus Oberägypten stammender Befehlshaber und Soldat, der im Zuge der Christenverfolgung im spätrömischen Kaiserreich 302 n. Chr. als Märtyrer hingerichtet worden sein soll. Noch im 4. Jahrhundert sprach ihn die römisch-katholische Kirche heilig. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Mauritius aufgrund seiner ihm zugesagten Standhaftigkeit im Glauben vor allem von Rittern und Adeligen verehrt, denen er als militärisch-ritterliches Vorbild galt, weswegen sie ihn als Wappenfigur erwählten. Für Städte wie Coburg, Mandach (Schweiz) oder Ingolstadt gilt Mauritius heute noch als Schutzpatron. 2019 wurde in Ingolstadt gar eine neue Statue zu Ehren des Mauritius am Rathaus errichtet, um so, wie es heißt, den christlichen Ursprung der Stadt zu verdeutlichen. Mauritius galt und gilt vielen Menschen als positives Beispiel, für die eigenen (christlichen) Überzeugungen, Haltungen und Werte einzustehen.

Verschiedene Forscher, darunter der Brite David Woods, vermuten, dass es sich bei der Geschichte um den Märtyrertod von Mauritius und der von ihm angeführten Thebaischen Legion um reine Fiktion handelt. Derlei Erzählungen, Geschichten, Mythen und Legenden, letztere bisweilen zum romantischen Heldenepos verklärt, wie sie seit Jahrtausenden uns Menschen begleiten, sind Lebenshilfen von grundsätzlicher Art. Sie dienen der Suche nach dem Ursprung und dem Sinn der eigenen Existenz.

Ob sich das jeweils Geschilderte tatsächlich zugetragen hat, scheint dabei weniger bedeutsam zu sein, als das, was es in uns Menschen bewirken kann: Ansporn, Hoffnung (auf Erfolg), Bestätigung unser Selbst, Steigerung des Selbstbewusstseins, Bestätigung des eigenen Könnens. Modernes Storytelling, wie es von Unternehmen wie Apple, Nike oder Mercedes Benz propagiert wird, wirkt auf uns in gleicher Weise motivierend und bewirkt ebenso wie tausende Jahre alte Mythen die Bestätigung unserer Selbst. Deshalb verfallen wir Marken, die uns gute Geschichten erzählen, so leicht und so gerne. Ob diese der Realität entsprechen, ist dabei zweitrangig.

Für die Tucher Brauerei wird Maritius, so lässt sich am jüngsten Rebranding ablesen, sprachlich wie auch visuell ein historischer Bezugspunkt bleiben. Von den in der Vergangenheit oftmals überzeichneten Kopfdarstellungen und Karikaturen scheint man sich in Nürnberg jedoch trennen zu wollen. Was gut ist, denn ein in dieser Weise dargestelltes unförmiges Konterfei kann wohl kaum als Zeichen der Wertschätzung für eine Person angesehen werden. Wenn eine Darstellung nicht als abwertend oder gar rassistisch angesehen werden soll, muss diese auch dem Wohlgefallen entsprechend gestaltetet sein und formal-ästhetischen Kriterien genügen. Der Ton macht die Musik, wie auch die Form den Unterschied im Visuellen und der damit verbundenen Aussage macht.

Es sind verrückte, verwirrende Zeiten. Während einige Menschen jegliche Form von „Mohren“-Darstellungen ächten und die Umbenennung von Apotheken und Gasthäusern erwirken wollen, werden Produkte von Tucher Bräu, die eine scheußliche Darstellung einer Person mit schwarzer Hautfarbe enthalten, mit einem Designpreis dekoriert, dem German Design Award 2021.

Wenn die Debatte über potentiell rassistisch konnotierte Logos und Wappen weniger hitzig geführt werden würde, wäre schon viel gewonnen. Geschichte ausradieren zu wollen, indem man Denkmäler stürzt, Pippi-Langstrumpf-Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aussortiert und „Mohren“-Darstellungen grundsätzlich verbannt, obwohl diese zum kulturellen Erbe gehören, scheint mir der falsche Weg zu sein. Auch der Umgang mit Zeichen braucht, sofern wir aus Fehlern lernen wollen, die öffentliche inhaltliche Auseinandersetzung.

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Dieser Beitrag hat 32 Kommentare

  1. Ich bin kein Designer, finde aber, dass dieser Eindruck von Dreidimensionalität, der ja wohl bei dieser Münze (?) und Krone durch die unterschiedlichen Linienfarben erzielt werden soll, sehr (zu?) verspielt.

    Und nun zum hochkomplexen Rassismus-Thema.

    Ich frage mich zuallererst, warum eine Biermarke sich überhaupt auf einen Heiligen und somit auf eine Religion beziehen muss. Das ist ja so nicht, kleines Wortspiel, gottgegeben. Man hätte vielen Diskussionen aus dem Weg gehen können, wenn man sich einfach mal säkularisiert hätte. Es gibt vermutlich eh bessere Verkaufsargumente für ein Bier als eine höchstwahrscheinlich ausgedachte Gestalt.

    Auch verstünde ich gut, wenn es aus der afrodeutschen/afroeuropäischen Bevölkerungsgruppe starke Vorbehalte gegen die Darstellen eines „Mohren“ gäbe. Rassismus war so lange alltäglich und ist es immer noch. Aber gibt es diese Vorbehalte denn, sind diese irgendwo mal geäußert worden?

    Auch vor dem Hintergrund verständlich erhöhter Sensibilität sehe ich in der Darstellung eines dunkelhäutigen Menschen keinen Rassismus. Ich finde es eher gefährlich, wenn das so gesehen würde. Menschen haben nun einmal verschiedenste Hautfarben, „Weiß“ und „Schwarz“ ist niemand, das sind Konstrukte, die aber ja durchaus nicht per se rassistisch sind. Der Sachverhalt, dass ein Mensch wegen seiner Hautfarbe rassistisch beleidigt wurde, lässt sich z.B. erheblich weniger ungelenk formulieren, wenn man sich dieser Konstrukte bedient.

    Man hat die Darstellung des „Mohren“ nun also weniger markant gestaltet. Auch hier die Frage: War die alte denn überzeichnet, im Sinne einer Karikatur? Also wenn ich hier durch die Stadt gehe, sehe ich durchaus Menschen, deren Gesichtsform der ähnelt, die früher auf den Flaschen war. Ich finde auch nicht, dass die Feststellung, dass Menschen unterschiedliche Phänotypen haben, rassistisch ist. Wäre es die karikaturisische Überzeichnung dieser Phänotypen? Da wäre ich bei einem Ja. Nicht per se, aber weil sie immer im Kontext real erlebten Rassismus gesehen werden müsste, der sich eben dieser Überzeichungen bedient. Da muss eine Mehrheitsgesellschaft vielleicht wirklich besonders sensibel sein.

    Mir sind allgemein Marken lieber, die ohne Gesichter und ohne erfundene Geschichten auskommen. Aber das ist eine persönliche Vorliebe.

  2. Ich möchte einmal herzlichen Dank sagen, für die weiterhin spannende und rege Diskussion! Mittlerweile sind viele lesenswerte Kommentare zusammengekommen, die zum Nachdenken anregen.

    Auch hier die Frage: War die alte denn überzeichnet, im Sinne einer Karikatur?

    In meiner Wahrnehmung stellt die bisher verwendete Darstellung keine Karikatur dar. Dennis kommt offenbar diesbezüglich zu einer anderen Einschätzung – auch das gilt es anzuerkennen. Aus meiner Sicht ist die Darstellung in Bezug auf die Hervorhebung physiologischer Merkmale überhöht vielleicht sogar überzeichnet, jedoch keine Karikatur. Überhöhung/Überzeichnung ist im Kontext Logogestaltung durchaus Praxis, gilt es doch die jeweils dargestellte Entität, Marke oder Unternehmen, in Bestform zu präsentieren und ein Stück weit zu idealisieren. Im Kontext der Rassismus-Debatte ist die Überhöhung eines menschlichen Gesichts allerdings als kritisch zu bewerten, eben da die Darstellung als rassistisch angesehen werden kann. Was wiederum nicht heißt, dass ich die bisher verwendete Darstellung als rassistisch einstufen würde. Entscheidender ist, dass die bisherige Darstellung eine solche Deutung grundsätzlich nachvollziehbar erscheinen lässt, wohingegen aus meiner Sicht die neue neutrale Form diesbezüglich keine Angriffsfläche bietet.

    Deutlich kritischer sehe ich diesbezüglich, wie ich bereits im Beitrag geschrieben habe, die Darstellung des „Mohrenkopfes“, wie sie von Tucher Bräu auf den Rotbierflasche derzeit noch verwendet wird. Die Darstellung und Gestaltung ist für mich ein No-go, in jeder Hinsicht. Abgeschlossen ist der Modernisierungsprozess bei Tucher Bräu, wie auch die desolate Website verdeutlicht, ganz sicher noch nicht.

    Wie auch andernorts ein Modernisierungsprozess notwendig ist. Es gibt beispielsweise viele Stadtwappen, in denen die Darstellung des „Mohren“ ungelenk, überzogen und karikaturesk ist, weswegen diese als ehrabschneidend, beleidigend und rassistisch angesehen werden können. Die Gemeinde Unterföhrung hatte sich im Februar 2021 in ihrer Außendarstellung vom Stadtwappen mit karikaturesker „Mohren“-Darstellung getrennt. Ein richtiger Schritt, wie ich finde. Denn heraldische Wappen sind heutzutage als Absender von Kommunen aus vielerlei Hinsicht unvorteilhaft und zum Teil problematisch.

    Ich frage mich zuallererst, warum eine Biermarke sich überhaupt auf einen Heiligen und somit auf eine Religion beziehen muss

    Da im Mittelalter die Kunst des Bierbrauens vor allem in Klöstern (weiter)entwickelt wurde, ist nachvollziehbar, dass man sich auch heute noch bei sehr vielen Biermarken auf diese Tradition bezieht. Bei der einen Marke, die eher klassisch-konserativ positioniert ist, ist dieser Bezug auch deutlich sichtbar, wohingegen gerade bei in Großstädten angesagten Biermarken ein Verweis auf die christliche Religion bzw. Tradition keinerlei Rolle spielt. Aber es ist schon richtig: das Beispiel zeigt, wie verwoben oftmals Marke und Religion sind.

    1. Ich glaube, ich hätte dennoch versucht, die Marke von der ganzen Thematik wegzuentwickeln.

      Der Verweis auf einen Heiligen, den es vielleicht gar nicht gegeben hat, und der obendrein die „Mohren“-Problematik ja zumindest historisch mit sich schleppt, ist ja nun nicht alternativlos für ein Bier, selbst wenn es sich auf eine klösterliche Tradition berufen möchte.

      Wenn ich mich recht entsinne, gibt es ja in Nürnberg z.B. auch das Tucherschloss. Dessen Silhoutte wäre erheblich unverfänglicher.

      Allerdings ist das in der Tat ein Drahtseilakt. Der Verzicht auf jedwede Darstellung von Gesichtern, um ja nicht von irgendwo Rassismus vorgeworfen zu bekommen, kann ja auch nicht die Lösung sein.

      Und es ist ja eh kaum auflösbar. Zeigt man keine People of Colour, kommt von irgendwem der Vorwurf, man würde diese Menschen nicht sichtbar machen. Zeigt man welche, muss man sehr genau aufpassen, wie. Ich kann nachvollziehen, dass eine lange Geschichte von Rassismus diese Vorsicht mehr als nur angemessen erscheinen lässt – finde trotzdem, dass man hier Gefahr läuft, weit zu überreißen. Echter Rassismus spielt sich halt dann doch nicht auf Bierflaschen ab.

    2. „Wenn ich mich recht entsinne, gibt es ja in Nürnberg z.B. auch das Tucherschloss.“

      Hmnja. Auf jeder dahergelaufenen „Schlossbräu“ ist so ein Schloss drauf …
      Tucher will in der Region aber was Besonderes sein.

      Und ja, der Mohr ist aktuell unverständlich.
      Auf der Suche nach Alternativen zum Mohren der Tucher Bräu und bei der Frage, was denn zur Hecke ein Mohr mit Bier zu hat (danke Achim für den Verweis zu den damals bierbrauenden Klöstern), möchte ich darauf hinweisen, dass die Stammbrauerei eine weitere ungewöhnliche Marke führt: LEDERER. (Unternehmen gehört zu TUCHER Bräu)

      Und die firmiert mit einem grünen Krokodil.

      Der Wille des Franken zum Ungewöhnlichen …
      Unser damaliger Kreativ-Chef, damals ähnlich wie Don Camillo frisch aus der Frankfurter Szene in die Provinz nach Nürnberg in unsere kleine Agentur versetzt, rief mit einem Grinsen aus: „Als ich von der A2 in Ihre seltsame Stadt einfuhr: „Überall auf den großen Bierplakaten ein grüner Drache, was soll das. Was hat das mit diesem Bier zu tun! Erklären Sie mir das!!!“

      Grins.
      Klar hat das Vieh inhaltlich nix mit Bier zu tun.
      Die Historie war: Ein Nürnberger Kunstprofessor, Friedrich Wanderer, hat sich vom Namen seines Stammlokals „Zum Krokodil“ zu diesem Symbol inspirieren: Ein sich um einen rotgelben Bierkrug schlängelndes, grünes Krokodil.

      In Nürnberg wurden dunnemals die wichtigsten Logos immer von Kunstprofessoren gemacht. So was wie ein neumodisches Designbüro nehmen, was ist das? Das Logo von TA (Triumph-Adler) wurde ebenfalls von einem Kunstprofessor gemacht … So ist das in der Gegend eben ;-).

      Wir Kreativen fanden Kroko gut, originell. Irgendwann war auch unser neuer Chef überzeugt. Dann fing leider der auftraggebende Brauerei-Marketingleiter an, an dem grünen Vieh herumzumeckern. Er wollte es ganz weg haben, wir sollten irgendein Krönchen oder so was setzen stattdessen. Mein Chef kämpfte aber energisch für die freche Echse, der Widerstand des Marketingleiters war weiterhin da. Bis unser Chef herausfand, dass der Marketingleiter als Kind in Floridas Sümpfen wohl ausversehen auf so einen „Baumstamm“ trat und den danach ein lang andauerndes Trauma ereilte. Nach dem „therapeutischen“ Seelen-Gespräch von Kreativ-Chef zu Marketingleiter war des letzteren Trauma erledigt und Kroko durfte bleiben.

      Was will ich damit sagen:
      Nicht immer nur Schlösser aufs Bieretikett pappen ;-).
      Das ist schrecklich. Auch kann ich keine Krönchen mehr auf Kaffee oder Premium-Camembert mehr sehen. Langweiligst, da viel zu naheliegend, nicht differenzierend.

      Der umstrittene Mohr hatte seine Geschichte. Das Krokodil auch.
      Er trägt aber anders als das Krokodil nichts zum Storytelling bei und zahlt nicht auf die aktuelle Marke ein.

      Von mir aus darf der Mohr gerne weg.

      Disclosure: War anno-krach am Design des LEDERER-Etiketts und der Kampagnen dazu beteiligt.

  3. @ 2 Köpfe oder einer: Es wäre interessant, hier direkt bei den Schöpfern nachzuzfragen, um zu erfahren, wie es gedacht war.

    Meine Meinung: Ich fände das Konzept der 2 Köpfe unerwartet spannend. Wenn das wirklich der Ansatz war, wäre dieser aber wohl klarer herausgearbeitet worden. Das Design wirkt für mich solide, aber keinesfalls raffiniert. Die unterschiedlichen Kontraststärken der 2 Schriftfarben sind nicht optimal, eigentlich vertauschen sie die Bedeutungsebene, denn der Fokos sollte wohl nicht auf „Vorm. Freiherrlich“ sondern auf „Tuchersche Brauerei“ liegen. Auch die Glanzeffekte der Kronenzacken wirken bei genauer Betrachtung eher ungelenk-beliebig als exakt bewusst konstruiert. Und wie Steffen schon erwähnt hat: All das ist dem Lichtwurf von links oben geschuldet, der sich ja konsistent durchzieht und das beschriebene Münz-Konzept / die Prägung unterstreicht. Der Kopf muss also sogar eine Glanzkontur haben, da er ja auch auf einer echten Münze erhaben wäre.

    All diese Details führen mich dazu, weiterhin zu unterstellen, dass es sich hier schlicht um einen Lichteffekt handeln soll. Eine dekorative Behübschung, die sogar zu inhaltlichen Missinterpretationen führen kann.

    1. 2 Köpfe oder einer: Es wäre interessant, hier direkt bei den Schöpfern nachzuzfragen, um zu erfahren, wie es gedacht war

      Tatsächlich sind es sogar drei Köpfe. In diesem Interview erklärt die Brauerei, was es mit den unterschiedlichen Silhouetten auf sich hat.

  4. Auf einen anderen Aspekt der Umgestaltung wurde bisher, soweit ich das gesehen habe, noch gar nicht eingegangen: Der Wechsel der Schriftart weg von einer gebrochenen Schrift hin zu einer Grotesken.

    Als Frakturliebhaber finde ich das schade, insbesondere wenn, wie hier, bisher sogar noch die Fraktursatzregeln eingehalten wurden (zu erkennen z.B. am runden s in „helles“, im Gegensatz zum langen s in „urfränkisch“, oder auch an der ch-Ligatur). Aber mir ist natürlich klar, dass die Fraktur inzwischen auch beim Bier einen schweren Stand hat. Immerhin war man bei Tucher konsequent und hat die Gebrochene gleich ganz bleiben lassen – nicht etwa wie Warsteiner oder Fürstenberg, wo nur das lange s weichen musste.

    A propos Schrift: Die Schriftart des „Tucher“-Schriftzuges hätte man vielleicht im Zuge des Redesigns auch anpassen können, sie ist schon sehr eigenwillig.

  5. Also typisch europäische Gesichtszüge in einer Darstellung sind “das Normale“, aber typisch afrikanische sind nicht „normal“, sondern Rassismus? Weil wir davon ausgehen, dass bestimmte Attribute eines häufigen, afrikanischen Phänotypen stereotypen darstellen? Also gehen wir jetzt automatisch davon aus, dass alles, was nicht dem westlichen Phänotyp entspricht, nicht dem Standard entspricht, sondern eine stereotypische Darstellung ist? WTF?! Das ist tatsächlich Rassismus.

    Rassismus ist so ein riesiges Problem und als Ausländer macht es mir Angst, wie realitätsfern diese Debatte wird und sie führt tatsächlich zu mehr Rassismus. Nirgends fühle ich mich so ausgegrenzt, als unter deutschen, die solche Diskussionen führen.

    Gegen Rassismus zu sein, heißt Leuten offen zu begegnen und dazu gehören auch gewissen stereotypen, und der humorvolle Umgang damit, dazu gehört es, die Unterschiede nicht so ernst zu nehmen und das beide Seiten über sich selbst lachen können. Die meisten von uns wollen weder besondere Rücksicht noch sonst was, halten auch mal dumme Witze oder Darstellungen aus, lachen auch gerne über sich selbst und erwarten auch nicht für jede kulturelle Eigenheit sofort von allen Zuspruch. Rassismus ist was ganz anderes. Rassismus geht nur von rassistischen Menschen aus. Und solange man denen im alltag ausgesetzt ist, sind solche Diskussionen und Debatten ausschließlich kontraproduktiv. Daran ist nichts rassistisch. Rassismus kommt von Rassisten und das ist das Problem, nicht sowas.

  6. Ich als Ortsfremder hätte gedacht das Marken- und Identitätschaffendes Merkmal wäre der weiße Tucher Schriftzug und die blaue Banderole im Hintergrund gewesen und die Münze nur Schmuckwerk.

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