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Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen lässt Agenturen Logos entwerfen – zahlen will sie nur für das ausgewählte

Die Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, auf Erlass des NRW-Landtages im Dezember 2019 gegründet, fordert Agenturen im Rahmen einer Auftragsvergabe dazu auf, unmittelbar mit Abgabe des Angebotes bis zu drei Logoentwürfe sowie weitere Designleistungen einzureichen. Geld für diese Arbeit erhält nur die ausgewählte Agentur. Dass die Geschichte der Stiftung mit Ausbeutung beginnt, sollte ihre vier Organe nachdenklich stimmen.

Die E-Mail, die Ende Oktober bei mehreren Agenturen einging, sorgte wieder einmal für Entsetzen, mancherorts auch nur für Kopfschütteln, denn unfaire Ausschreibungen und Auftragsvergaben sind in der Branche leider weit verbreitet. Absender der besagten Mail ist die „Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen“, die die angeschriebenen Agenturen dazu auffordert, ein Angebot hinsichtlich der Entwicklung einer Wortbildmarke abzugeben. Eine Vergabe also im Rahmen der sogenannten Unterschwellenvergabeordnung – früher sagte man „freihändige Vergabe“. Neben einer Reihe von Formularen, den Referenzen und Preisangaben wir mit Abgabe des Angebotes auch die Erstellung umfangreicher Designleistungen eingefordert. So soll nicht nur die Wortbildmarke entworfen werden, bis zu drei Entwürfe, sondern auch „skizzenhafte Umsetzungen“ von Briefpapier, Visitenkarte und Bannern. Im Leistungsverzeichnis heißt es dazu:

Wir erbitten von Ihnen die Vorlage

  • erster Entwürfe einer Wort-Bild-Marke (freigestellt) in unterschiedlichen Größen sowie als Farb- und s/w und invers Version
  • skizzenhafte Umsetzungen folgender exemplarischer Anwendungen:
    • Briefkopf und -bogen (mit Brieftext als Blindtext)
    • Visitenkarte
    • Kugelschreiber
    • Banner/ Header für Social Media und diverse Webpromotion.

Mit Angebotseinreichung ist im Prinzip der Auftrag größtenteils umgesetzt! Zusätzlich ist noch, dann auch gegen Bezahlung, ein CD-Handbuch zu erstellen:

Nach Zuschlagserteilung und Finalisierung der Wort-Bild-Marke würden wir Sie auffordern, die Umsetzungen der Wort-Bild-Marke zu einem kleinen CD-Manual zu entwickeln, das es der Stiftung fortan ermöglicht, mit einer einprägsamen Wort-Bild-Marke in allen aktuellen Kommunikationsmitteln zu erscheinen.

„Dreist“ findet das eine der angeschriebenen Agenturen, die mir die Unterlagen hat zukommen lassen und die aus nachvollziehbaren Gründen unerkannt bleiben möchte. Auch ich finde, dass das Vorgehen seitens der Stiftung dreist ist, auch da den Teilnehmenden/Bietern keine Aufwandsentschädigung gezahlt wird.

Entstandene Kosten und Aufwände im Rahmen der Bewerbung und des Verfahrens werden NICHT erstattet.

Die meisten Agenturen werden demnach leer ausgehen und für ihre Arbeit keinerlei Gegenleistung erhalten, obwohl sie sicherlich viele Stunden investiert haben. Vor dem Hintergrund der durch die Corona-Pandemie verursachten angespannten wirtschaftlichen Situation ist das Vorgehen der Stiftung besonders kritisch zu bewerten. Zur besseren Veranschaulichung: Die Vergabestelle der Stiftung gibt bei zahlreichen Pizzaläden eine Bestellung auf. Zahlen will sie jedoch nur für die Pizza, die ihr am besten schmeckt. Da kann man nur sagen: „Get out of my place!“- Warum sollte in der Kreativwirtschaft möglich sein, was in anderen Branchen undenkbar ist!?

Auf das inakzeptable Vergabeverfahren angesprochen äußerte die Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen mir gegenüber per Mail lapidar: „Zu laufenden Ausschreibungsverfahren geben wir keinen Kommentar ab“. Nur gut, dass sich Kreativschaffende ein solches Vorgehen nicht kommentarlos bieten lassen müssen.

Unter der rot-grünen Vorgängerregierung wurde in NRW 2013 die Initiative „NRW. Land der fairen Arbeit“ ins Leben gerufen. Auch die aktuelle Regierung gibt vor, so ist es jedenfalls an vielen Stellen zu lesen und hören, sich für faire Löhne und den fairen Wettbewerb einzusetzen. Mit den von der Stiftung an Agenturen versandten Vergabedokumenten werden Agenturen dazu genötigt unentgeltlich zu arbeiten. Indem die Stiftung, und mit ihr das Land Nordrhein-Westfalen, eine solche Auftragsvergabe praktiziert, leistet sie Lohn- bzw. Preisdumping aktiv Vorschub! Darüber hinaus sorgt sie für Ungleichbehandlung, da an einer solchen Vergabe nur größere Agenturen teilnehmen können, die über entsprechende zeitlich und personellen Ressourcen verfügen. Kleine Agenturen und Solo-Selbstständige können es sich schlichtweg nicht leisten, ihre Arbeitszeit zu verschenken. Fairer Wettbewerb sieht anders aus.

„Skizzenhafte Umsetzungen“ im Rahmen von Präsentationen sind realitätsfern

Wann endlich lernen Vergabestellen, dass es im Rahmen einer Ausschreibung respektive einer freien Vergabe etwas wie „skizzenhafte Umsetzungen“ nicht gibt!? An die Adresse von Vergabestellen gerichtet: Im digitalen Zeitalter werden Gestaltungsentwürfe am Computer erstellt und auch dort für Präsentationen aufbereitet. Bei derlei Entwürfen handelt es sich in aller Regel um vektorisierte Bilddateien, die sofort druckfähig sind und damit nicht nur technisch gesehen sehr weit fortgeschritten sind. Auch aus konzeptionell-gestalterischer Sicht sind diese Entwürfe alles andere als erste Grob-Skizzen. Um in dieser Weise am Computer gestalten zu können, braucht es vor allem eines: eine Idee.

Am Anfang jedweder Gestaltung steht die Idee. Die Entwicklung einer Idee ist die zentrale (!) Kreativleistung von uns Designern. Wer als Vergabestelle „skizzenhafte Umsetzungen“ einfordert, übersieht dabei, dass die Entwicklung dieser Idee und die darauf aufbauenden Entwürfe einen erheblichen Arbeitsaufwand darstellen. Ein Aufwand, der sich in dem Begriff „skizzieren“ in keinster Weise widergespiegelt.

Arbeiten Sie umsonst? Nein? Warum sollen Designer für Sie umsonst arbeiten?

Es geht einfach nicht, dass auftraggebende Stellen im Rahmen einer Vergabe weiterhin Ideen und Entwürfe einfordern dürfen, ohne für eine finanzielle Entschädigung aufkommen zu müssen! An dieser Praxis muss sich etwas ändern. Wie bereits an anderer Stelle geschrieben, können und dürfen öffentliche Auftraggeber im Rahmen einer solche Vergabe durchaus Aufwandsentschädigungen zahlen. Und das sollten sie auch. Wer unentgeltliche Leistungen einfordert, fügt der Wirtschaft und vielen Unternehmen dadurch Schaden zu. Auch und insbesondere aus ethischen Gründen ist eine solche Vergabepraxis abzulehnen.

Liebe Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen: arbeiten Sie umsonst? Nein? Warum sollen Designer für Sie umsonst arbeiten? Faire Bezahlung für gute Arbeit – das muss auch für ein solches Vergabeverfahren wie auch generell für die Vergabeordnung gelten! #saynotospec

Kreativschaffenden kann man nur raten, um Auftraggeber, die bereits mit Abgabe des Angebotes Konzeptions- und Kreativleistungen einfordern, einen großen Bogen zu machen. Denn Vergabestellen, die derart schamlos unentgeltliche Leistungen verlangen, dokumentieren damit nicht nur ihre Geringschätzung für Design, sondern für Arbeit und Leistung im allgemeinen. Dies sollte von Agenturen nicht mit einem Kotau, sondern mit Abweisung beantwortet werden.

Achim Schaffrinna

Achim Schaffrinna ist Designer und Autor. Hier im Design Tagebuch, 2006 von mir gegründet, schreibe ich über die Themen Corporate Identity und Markendesign. Ich konzipiere und entwerfe Kommunikationsdesign-Lösungen und unterstütze Unternehmen innerhalb von Designprozessen. Designanalyse ist Teil meiner Arbeit. Kontakt aufnehmen.

Dieser Beitrag hat 27 Kommentare

  1. Der Deutsche Designtag hat unter Federführung des BDG einen Leitfaden für Designausschreibungen veröffentlicht – eine große Hilfe für alle Institutionen und Einrichtungen! »Die 36-seitige Broschüre bietet auf Basis der geltenden Regeln der Unterschwellenvergabeordnung, kurz UVgO, kompetente Unterstützung für Bund, Länder und Kommunen, um verfügbare Ressourcen effizient einzusetzen. «
    https://bdg.de/2020/10/14/praxis-leitfaden/

  2. Als einzig positive Eigenschaft der hier praktizierten Vergabe ist eine Gleichheit unter den Einreichern – mehr noch sogar eine Bevorzugung der “Kleinen”.

    Würde der Auftraggeber nach Portfolio 1-3 Agenturen auswählen würden mit an Garantie grenzender Wahrscheinlichkeit die (lokalen) Platzhirsche einen Slot bekommen und für Ihre Arbeit entlohnt.
    Wird nicht die Agentur, sondern gleich das Endergebnis – wahrscheinlich in direkter Relation zum Preis, der bei kleinen Agenturen auch günstiger ist – bewertet, haben kleine Agenturen einen Wettbewerbsvorteil.

    Vorausgesetzt natürlich, dass Sie zum Vergabezeitpunkt noch existieren, wenn nämlich alle Auftraggeber so vorgehen, bleibt quasi keine Luft und kein Geld zum Atmen.

    Ich will die Praxis also in keiner Weise gutheißen oder fördern, sehe aber eben auch Vorteile. Wenn du dein Geld mit vielen kleinen Aufträgen verdienst, hast du als Sparringspartner ja vielleicht auch mal Lust eine Nacht an einer Idee für den Bund zu sitzen, quasi als Investition in Außenwirkung.

    Das gerade ländereigene Institutionen dieses Wissen ausnutzen um Geld zu sparen, bleibt aber “frech”. Werden Designaufträge aber nur anhand der KPIs der Agentur vergeben, ist das auch nicht schön. Ein Design-behandelndes Auswahl- oder Bewerbungsgespräch wiederrum geht nur, wenn der Auftraggeber sich genug auskennt, was eine externe Unterstützung wieder hinfällig macht.

    Schwieriges Thema, interessante Meinung!

    1. Das durch so ein “Wettbewerbsverfahren” kleinere Agenturen eine Chance erhalten ist – insbesondere bei dieser Ausschreibung – nicht der Fall. Im Gegenteil, bei den meisten öffentlichen Ausschreibungen (auch in dieser) werden explizit Referenzen gefordert, meist aus den letzen zwei Jahren und fast immer aus genau dem Bereich der ausgeschrieben wird. Hat man also noch kein Logo für ein Museum erstellt, ist das schon ein Ausschlusskriterium. Das ist ein weiterer Punkt, den man an öffentlichen Ausschreibungen kritisieren kann, denn so erhalten immer die gleichen Agenturen die immer gleichen Aufträge. Der BLB in NRW schreibt beispielsweise gerade Broschüren aus – die eigene Broschürenserie ist aktuell quadratisch. Und in der Ausschreibung wird explizit die Vorlage von quadratischen Broschüren als Referenz verlangt. Wie an einem Format die Gestaltungskompetenz festgemacht werden soll ist mir schleierhaft aber so fallen einfach wieder viele durchs Raster, die in den letzten zwei Jahren zufälligerweise keine quadratische Broschüre erstellt haben… Ich weiß nicht ob diese unverhältnismäßig expliziten Referenzforderungen aus Unsicherheit erfolgen oder aus anderen Gründen. Zu einem fairen Wettbewerb tragen sie aber auch nicht bei. Und schließen kleinere Agenturen oft per se aus.

  3. … gegenüber per Mail lapidar: „Zu laufenden Ausschreibungsverfahren geben wir keinen Kommentar ab“.

    Klar, ändern kann man da nichts mehr, wenn der Prozess angefangen hat, selbst wenn man wollte. Aber schon eine heftig salztrockene, recht unkonziliante Mail! Nicht schön vom Ton her.

    Schön wäre, wenn solche Ausschreibungen nicht schon längst laufen, damit man noch ins Gespräch kommen kann um nachzubessern. Vielleicht melden sich betroffene Agenturen ein wenig früher bei dt.
    – – –
    Generell habe ich persönlich wenig Hoffnung, dass sich derartige kommunale/Landes-Ausschreibungen im Designbereich bessern werden. Da beißt man noch oft genug auf Granit. Ich verzichte auch drauf, unsere wunderschönen Standesvertretungen an die Problematik zu erinnern, damit sie den ausschreibenden öffentlichen Diensten/Kommunen ein wenig Licht in ihr Dunkel des Umgangs mit Kreativen bringen. Da habe ich die Hoffnung ebenfalls schon aufgegeben.

    Kleine Designbüros beißen wohl einfach die Hunde.

    Sehr anschaulich dargestellt auch die Beobachtung von Ingewer, solche Erfahrungen habe ich auch schon machen dürfen. Da fasst man sich an den Kopf. Oder denkt, allmählich paranoidesk geworden, bei ihnen an Absicht. Damit sie an immer die gleichen Büros kommen, mit denen sie schon immer gearbeitet haben. So wird ein neues, noch fremdes Büro nur zur Filmvollmach-Ente*, damit sie ihre 4 Anfragen voll kriegen.. *Als man am Resturlaubstag den nicht ganz vollen Film schnell mit ein paar netten aber sinnlosen Enten vollknipste.

    Bin daher dazu gekommen, derartige kommunale händische Ausschreibungen in die Ablage P zu verfrachten. Bin doch keine Ente, mann!

  4. “Arbeiten Sie umsonst? Nein? Warum sollen Designer für Sie umsonst arbeiten?”

    Weil es genügend – entschuldigt die Wortwahl – Deppen gibt, die es tun und uns die Preise versauen… Wir bräuchten eine Art Verband, der die Mindestpreise festlegt und bei dem man Zwangsmitglied sein muss um Kreativleistungen anbieten zu dürfen. So ähnlich wie die Gebührensätze bei Anwälten. Dann würden uns nicht die ganzen Hobby- und Nebenerwerbs”kollegen” das Geschäft kaputt machen. Dieser Verband könnte dann auch eine Mindest-Qualifizierung zur Voraussetzung machen um im Kreativbereich Leistungen anbieten zu dürfen (abgeschlossene Ausbildung/Studium). Das sollte uns wieder ein wenig mehr Exklusivität sichern. Aber wahrscheinlich bräuchte man für sowas eine starke Lobby-Vertretung in Berlin?

    1. Ich unterstütze den Aufruf zur Organisation im Verband! Ein Zwang und Befähigungsnachweis ist dabei aber gar nicht nötig, zumindest ist es keine Erfolgsgarantie, wie man das ja bei den “verkammerten” Architekten schön beobachten darf…

      Schade, dass es oft genug nur beim Aufruf bleibt! Die Designverbände krebsen leider, in Relation zur Zahl der tatsächlich Designschaffenden bei relativ traurigen Mitgliedszahlen herum.
      Trotzdem leisten sie sehr wertvolle Beiträge wie den oben im ersten Kommentar erwähnten “Leitfaden für Designausschreibungen”. Der übrigens primär durch BDG Vertreter unter dem Dach des deutschen Designtags entstand, der wiederum eine Sektion im deutschen Kulturrat ist und damit den direkten Draht ins politische Berlin darstellt.

      Unsere “Lobby” gibt es, sie ist aber immer nur so laut, wie wir es ihr ermöglichen.
      Und da dürfen sich fast alle DesignerKollegen*innen (die überwältigende Mehrheit ist eben nicht organisiert) mal an die Nase fassen, ob sie ernsthaft erwarten dass sich Arbeitsbedingungen vom Lamentieren vor dem Bildschirm ändern oder ob es nicht doch tatsächlich effektiver sein könnte, das Engagement derjenigen zu unterstützen, die konkret und handfest daran arbeiten, Dinge zu verbessern.
      (Aber was red ich: der Ruf nach den Verbänden ertönt seit 20 Jahren so regelmässig wie die Empörung über derlei Ausschreibungen, Wettbewerbe, Billiganbieter, – nur den Übersprung, dass man Veränderungen nur im Kollektiv erwirken kann und dieses Kollektiv einen persönlich auch umfasst, der bleibt leider seit jeher aus….)

      1. Lieber Jürgen,
        ich war mal einige wenige Jahre Mitglied in so einem Verband. War die AGD damals.
        Überspitzt: Da kam nix rum. Außer Oberlehrer-Belehrungen an mich Jungtier im Forum, dass ich bitte die AGD sagen soll, statt der AGD. Es wirkte (auf mich) in der Gesamtschau beamtig und selbstzufrieden mit sich selbst beschäftigt statt nach draußen zu gucken. Waren alle ganz liebe Leute, hatte trotzdem davon die Schnauze voll und kündigte höflichst. Bin nicht zum Kuscheln für diese vielen Tacken in einem Verband

        Das ist es wohl, was viele Kreative im Trupp wollen: miteinander kuscheln. Denn das Leben ist böse. Muss was Deutsches sein.
        scnr

      2. Lieber Moritz,

        schade, dass du da negative Erfahrung gemacht hast. Das Privileg der Grafik-Designer ist ja, dass sie sogar mehrere Verbände zu Auswahl haben. Ich finde das zwar grundsätzlich nicht glücklich, es ist für sehr anspruchsvolle potentielle Verbandsmitglieder aber vielleicht genau richtig, immerhin haben sie ein Alternative. Im Übrigen wechseln die Dynamiken in den Verbänden oft mit den Protagonisten: Es lohnt sich also immer wieder mal zu sehen was gerade passiert:
        https://bdg.de/
        https://agd.de/

        (Ich bin bei der Illustratoren Organisation, die ein ähnliches (räusper, “umfangreicheres” ;-) ) Leistungsspektrum wie die oben genannten hat, freilich mit Schwerpunkt auf Illustratoren*innen).

        Als Verbandswichtel muss ich natürlich was zu dem “rumkommen” sagen: Es gibt unterschiedliche Vorteile oder Leistungen, von denen man als Verbandsmitglied profitieren kann. Die politische Interessensvertretung ist einer davon. Bei der muss man aber akzeptieren, dass diese nicht nach dem Wunschzettelprinzip funktioniert. Das sind sehr, sehr lange Wege – es erfordert sehr viel Arbeit und Beharrlichkeit um kleine Fortschritte zu machen! Das ist zäh und mühsam, eine Alternative aber gibt es nicht: Wenn unsere Branche ihre Interessen nicht gemeinsam vertritt, dann werden diese Interessen nicht vertreten. Also gar nicht.

        Ich kann da nicht aus meiner Haut: Immer wenn irgendwo nach Verbänden gerufen wird, dann muss ich eben laut darauf hinweisen dass es diese längst gibt. Und auch auf das arg auffällige Missverhältnis zwischen Wunsch nach Vertretung und dem tatsächlichen persönlichen Einsatz der diese Vertretung erst möglich macht. Kein Mensch muss sich selbst engagieren (auch wenn das hilft), der Mitgliedsbeitrag allein ist denjenigen, die das, meist ehrenamtlich, tun schon eine Riesenhilfe.

        Und wenn wir ganz ehrlich sind, und auch keine prekären Billiganbieter, dann sind die 240,– EUR (?) auch nicht wirklich viel Geld – ich persönlich sehe das als eine Investition in meine Qualifikation und mein Selbstverständnis als Designer/Illustrator. :-)

        Einen schönen Nachmittag wünsch ich!

      3. Lieber Jürgen,
        ganz anders.
        Es geht nicht um Wünsch-Dir-Was. Es sind die Mitglieder selbst, die mich verwirrten.
        Die hatten Verbandsarbeit kaum auf dem Schirm. Mein Eindruck war, sie wollen sich auf Briefpapier und Website einfach dieses “Qualitätssiegel” hin pappen, auf Stammtische gehen und gut is.

        Es ist diese Mentalität von Leuten, die zwar Mitglieder sind und ihre Vorstände ernähren. Anscheinend hatte das Gros dieser Mitglieder damals einfach nicht den Gong gehört. Und tut es heute immer noch nicht. Aussagen wie: “Kammer? Ich will aber meine Freiheit!” sagen mir alles, wie viele Kreative drauf sind. Das wird in diesem Jahrhundert nix mehr.

      4. Hi Moritz,
        vesrteh ich, aber ich würde dann dafür plädieren, die Ansprüche niedriger zu anzusetzen: Ich finde es völlig normal “einfach nur” Mitglied zu sein, die Vorteile wie Rechtsberatung, Berufstipps u.Ä. mitzunehmen. Was dabei immer mitschwingt und untrennbar ist, das man mit dem Mitgliedsbeitrag nicht nur die eigenen unmittelbaren Benefits finanziert, sondern auch die kollektiven, mittelbaren, Dinge die sich langfristig entfalten.
        Du nennst es “vorstände ernähren” – ja, genau das braucht es aber, wenn man mal den Status eines Hinterzimmerstammtisches entwachsen ist: Auf unserem Kreativ-Verbandsniveau noch lange nicht für Gehälter, aber für Reisekosten, Hotellerie und Spesen. Anwälte arbeiten leider auch für Verbände nicht für umsonst, und auch die braucht man fortwährend, wenn man rechtssichere Informationen weitergeben möchte.
        Wenn du meinst, dass sich in diesem Jahrhundert nichts mehr tut, kann ich nicht umhin anzumerken, dass du (und die große Mehrheit der Kollegen*innen) dies zwar bedauern mögen, ihr euch aber hartnäckig weigert, auch nur die Grundvorraussetzung die dieses “Tun” ermöglichen könnte, zu schaffen.

        Ja, Organisation heisst eben auch sich mit anderen zusammenzuraufen und gemeinsame Nenner zu suchen – eigentlich gar nicht so schwer, selbst für Berufsindividualisten wie uns :-).

        Ich denk mir auch immer: Wenn sich die Deutsche Industrie, die Automobilbranche, die Chemische Industrie sich nicht zu schade sind, sich zu verbinden um bei Frau Merkel zum Mittag essen eingeladen zu werden: auf welcher Grundlage glauben wir notorischen Einzelkämpfer eigentlich, dass wir so wichtig sind, dass wir auch so gehört werden?
        Kleiner Tipp: Werden wir nicht! Wir sind unwichtig, weil wir uns selbst nicht wichtig machen.

        verzeih meinen Idealismus, den brauch ich ;-): Einen schönen Abend wünsch ich dir!

      5. Lieber Jürgen,
        Wenn unser Stundensatz auf Brago-Anwaltsniveau (Bundesrechtsanwaltsgebührenordnung; = nach § 34 RVG sind Rechtsanwaltsgebühren in Höhe von maximal 190 Euro für die Erstberatung anzusetzen. Jedes weitere Beratungsgespräch darf den Verbraucher maximal 250 Euro je Sitzung kosten. Hinzuzufügen sind auch hier in jedem Fall noch 19 % Umsatzsteuer) und drüber wäre …, dann wäre es für den Verband der Designer gefühlt okay, die Herren der Jurisprudenz stolz zu beauftragen und honorieren. Ist er aber nicht. Ich kenne keinen Designer, der 190 EURO und drüber Stundensatz hat; außer er macht Unternehmensberatung und ist sehr gerissen gut darin, ein derartiges Honorar auch durchzusetzen.)

        Reines BWL. Wird einem in der IHK schon früh beigebracht: Ist der Stundensatz derer, die du beauftragst, höher als deiner, musst du dir schwere Gedanken machen …. das dazu.

        Ansonsten: Klar, zahlendes Fußvolk braucht man.
        Dafür war ich mir aber immer zu schade.

      6. Jetzt aber! Ich bin nicht ganz sicher, ob ich verstehe, worauf du mit den Anwälten hinaus willst? Ich habe als Verbandsmitglied eine im Mitgliedsbeitrag enthaltene kostenfreie juristische Erstberatung, die habe ich in den letzten zehn Jahren ca. 15mal bemüht und jeweils eine mehr oder weniger brauchbare Antwort auf eine konkrete Frage erhalten. Hätte ich mir wahrscheinlich nicht geleistet, hätte ich den Anwalt bezahlen müssen. Wenn wir als Verband unseren Anwalt um Expertise bitten, zahlen wir seinen regulären Stundensatz – das relativiert sich aber, wenn die Erkenntnisse aus dieser Korrespondenz an 2000 Mitglieder verteilt werden, die am Ende etwas davon haben. Auch hier will mir kein Argument einfallen, bei dem ich “alleine” besser dran wäre?

        Die Überheblichkeit, mit der du Verbandsmitglieder als “Fußvolk” abkanzelst steht dir nicht! Ich erfahre in meinem Verband ein geradezu rührende, hilfreiche zuvorkommende und herzliche Kollegialität. Als ich noch jünger war, dachte ich oft genug an Konkurrenten – das tu ich längst nicht mehr, heute fühl ich mich unter Kollegen*innen einfach zuhause und profitiere unheimlich von diesem Netzwerk, persönlich wie beruflich.

        Ich hör jetzt auch wieder auf zu missionieren – immerhin bist du auch einer derjenigen, die nicht bei jedem Misstand nach einem Verband rufen, der dieses oder jenes Problem lösen soll. Ich erkenne an, dass man auch ohne Vereinsmeierei leben kann (aber warum sollte man!? ;- )

        Nix für ungut, einen schönen Abend wünsche ich!

  5. Dann würden uns nicht die ganzen Hobby- und Nebenerwerbs“kollegen“ das Geschäft kaputt machen.

    In diesem speziellen Fall hier machen “uns” ausnahmsweise nicht die Nebenerwerbskollegen, sondern die großen Designbüros das Geschäft kaputt.

    Weil letztere es sich eher leisten können aufgrund ihrer Manpower und derer evtl. stellenweise zu leichter Auslastung derart aufwändig und häufig in unbezahlte Vorleistung zu gehen.

    Hobby- und Nebenerwerbskollegen plus Prekaria werden vermutlich eher weniger angeschrieben werden.bei einer solchen händischen Ausschreibung-/Auftragsvergabe (die nicht-öffentlich ist, sich also nicht jeder daher gelaufene Nebenerwerbskollege einfach mal so mit spec work anbieten kann).

    Das mittlere Segment ist es, das zerrieben wird

    Meine persönliche Analyse bezüglich Honoraren und bezüglich Chancen, auch eine unfaire Ausschreibung gewinnen zu können, geht in die Richtung, dass kleine und mittlere Designbüros inkl. dem studierten, traditionellen Einzelkämpfer-Büro schon länger in ihrer eigenen Branche von den Großen UND im mittleren bis unteren Segment von den Hobbyisten zerrieben werden.

    Das geht schon mindestens seit 20 Jahren so. Es kommen noch diese Freelance-Portale dazu, die zwar im IT-Projekt-Bereich manchmal ihre Berechtigung haben und wo für diese anständige Vergütungen erzielbar sind. Aber nicht bei den Designern, die dort ebenfalls anbieten: fail, da zu viele internationale Designanbieter aus Niedriglohnländern. Sotto vocce: Wobei Deutschland auch fast eines geworden ist.

    Das Geschäft schnappen einem bei derartigen Ausschreibungen also eher die größeren Designbüros wegen ihrer Manpower weg – und “nur” bei sonstigen Aufträgen die Küchendesigner und Nebenerwerbskollegen. Mit ihren unreflektierten aber auch oft gezielt frech eingesetzten Niedrig-Honoraren und spec works.

    Über Vergütungen will ich hier nicht hauptsächlich schreiben, wobei sie natürlich ein wichtiges Thema sind. Sondern eher um – wegen ihrer Rahmenbedingungen maximal unfaire und intransparente – Ausschreibungen.

  6. Hab gerade eine Ausschreibung eines öffentlichen Trägers für Webdesign/Screendesign/UX rein bekommen. What a mess.

    Warum ich deutlich weiß, dass das nix wird und ein anderer längst ausgewählt ist:

    Man will zwar, das ich ein Angebot mache, ließ mir aber trotz mehrmaligem Nachfragen die Baumstruktur, die Anzahl der Auftaktseiten und Unterseiten nicht recht zukommen. Man vergaß. Auf freundliche Nachfrage, ob denn nicht etwas fehle, bekam ich ein ver-PDF-tes Powerpoint, wo sie selbst einige kryptisch wirkende Musterseiten “designt” hatten. Kann ich nix mit anfangen mit solchen unfertigen Lego-Kunden-PPT-Designs. Was fehlt: Ich habe immer noch nicht die Baumstruktur (welche versprochen wurde), ich weiß immer noch nicht, wie viele Seiten im Rahmen des von mir zu gestaltenden Hauptdesigns ich überhaupt gestalten soll. Was soll das, da kann man die Lust verlieren, überhaupt noch in Kommunikation zu treten.

    Das werde ich denen auch schreiben. Plus freundliche Erklärung in non-mansplaining, was ist eine Baumstruktur. Wird aber nichts helfen: Der Sieger steht schon fest, kann man bei einem solchen Verhalten leicht vermuten. Bin raus.

    So läuft das mit der händischen Auftragsvergabe für Filmvollmach-Enten.

    Langsam könnten sich die Öffentlichen mal eine andere Wurschtindianer-Tour einfallen lassen.
    Ach, ich hab das Ding mit der “Region X” vergessen. Da hat das dann die Tochter eines Verwandten des Auftraggebers gemacht.

    Geschichten aus dem Zyklus “So geht es gar nicht!”

  7. Ich verstehe die Aufregung nicht. Die geforderte Leistung zeigt doch, dass hier keine anspruchsvolle Designarbeit erwartet wird. Im Haus der Geschichte interessiert man sich nicht für Design. Man will seine Marke überall draufmachen können, fertig. Das zu skizzieren ist zwei Stunden routinierte Grafik-Arbeit, fertig.

    1. Um ehrlich zu sein:
      Es sind immer die gleichen, die glauben, zwei Stunden reichten für ein Logo und verrechnen entsprechend.

      Und Auftraggeber glauben das auch noch. Sie denken bei derart spritzigen Statements, sie bekämen da etwas Gutes für nur 200 Tacken und andere Anbieter mit höheren Vergütungsangeboten wären nur geldgierig.

      Was immer wieder nicht dabei ist in dieser unglaublichen Niedrig-Pricing-Rallye:
      Recherche, Wettbewerbsanalyse, Entwicklung, Schöpfungshöhe (also kein Clipart-Gedöns), Feinschliff.

      Aber nur zu. Wer glaubt, mit 200 grundsätzlich etwas Gutes zu bekommen, soll sich nicht zurückhalten. Schöne Grüße vom Wettbewerb, der freut sich.

      Es ist.
      Ich glaub’s einfach nicht.

    2. Mich würden Ihre 2 Stunden-Arbeiten interessieren. Ich tue mich immer schwer, die Qualität einzuschätzen von solchen Statements.

      Für mich würden 2 Stunden niemals reichen, um etwas abzugeben, mit dem ich zufrieden wäre. Aber ich weiß, dass es viele sehr talentierte Grafiker gibt, die meine 12 Stunden Arbeit auch in 3 Stunden schaffen könnten.

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