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Nouveau Front Populaire – ein gelb-grün-magenta-lila-roter Kompromiss

Nouveau Front populaire – Visual, Quelle: Nouveau Front populaire
Nouveau Front populaire – Visual, Quelle: Nouveau Front populaire

In Frankreich haben sich alle politischen Parteien des linken Spektrums, einschließlich der Parti socialiste, die in der Vergangenheit mit François Mitterrand (1981–1995) und François Hollande zwei Staatspräsidenten stellen konnte, zum Wahlbündnis „Nouveau Front Populaire“ zusammengeschlossen. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass sich insgesamt 20 Parteien in nur wenigen Tagen auf ein gemeinsames Wahlprogramm verständigt haben, sondern auch der Umstand, dass in diesem kurzen Zeitraum ein gesamtheitliches visuelles Erscheinungsbild auf den Weg gebracht werden konnte.

Für Iterationsschleifen dürfte bei der Entwicklung des visuellen Erscheinungsbildes keine Zeit gewesen sein. Direkt nach der Europawahl, noch am Abend des 9. Juni 2024, ruft der französische Staatspräsident Emmanuel Macron Neuwahlen zur Nationalversammlung aus. Gerade einmal vier Tage später findet sich die gesamte politische Linke Frankreichs zum Wahlbündnis mit dem Namen „Nouveau Front Populaire“ zusammen. Wie es seitens des Bündnisses heißt, um „eine Alternative zu Emmanuel Macron aufzubauen und das rassistische Projekt der extremen Rechten zu bekämpfen”.

Das visuelle Erscheinungsbild der Nouveau Front Populaire ist quasi über Nacht entstanden. Unter der Domain nouveaufrontpopulaire.fr wurde bereits am 14. Juni eine (wenn auch rudimentäre) Kampagnen-Website ins Netz gestellt, einschließlich digitaler Medienanwendungen. Da die Wahl in zwei Durchgängen am 30. Juni und am 7. Juli stattfindet, währt die Kampagnenphase gerade einmal drei Wochen. Der Zusammenschluss der Parteien ist nicht nur im Politischen und in zeitlicher Hinsicht bemerkenswert, er bringt auch einen ungewöhnlichen Farbklang hervor.

Rot ist die für die politische Linke traditionelle Farbe, siehe politische Farbenlehre. Im Zuge zunehmender Zersplitterung der Parteienlandschaft, die in den letzten Jahrzehnten europaweit zu beobachten ist, bedienen sich Parteien des linken Spektrums auch anderer Farben, etwa Gelb (Place publique) oder Grün (PEPS / EELV), um so nach außen hin Eigenständigkeit zu kommunizieren.

Nouveau Front populaire – Visual, Quelle: Nouveau Front populaire
Nouveau Front Populaire – Visual, Quelle: Nouveau Front Populaire

Die Zersplitterung hat im Politischen zur Folge, dass Mehrheiten vielfach nur noch durch Koalitionen mit vielen Parteien erreicht werden können. Die Regierungsbildung wird immer herausfordernder, in Frankreich, in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern einschließlich Bundesländern. Der Zusammenschluss zu einem Wahlbündnis, wie derzeit in Frankreich, erfordert in vielerlei Hinsicht Kompromissbereitschaft, auch in Bezug auf die Außendarstellung. Parteien, die in Detailfragen stark unterschiedliche Positionen besetzen, und die teils untereinander zerstritten sind/waren, sollen nun als gemeinschaftliche Dachmarke auftreten und als zusammengehörig und geeint wahrgenommen werden.

Wie ein solcher Zusammenschluss im Visuellen ausschauen kann, zeigt das Wahlbündnis Nouveau Front Populaire: Gelb, Grün, Magenta, Lila, Rot – plus kräftige Typo mit fetten, schmalgestellten Lettern. Ein Kompromiss, gewiss. Auch der kleinste gemeinsame Nenner? #Diskussion

Gut möglich, dass wir in Europa multicolore Wahlwerbung und Markendesigns wie diese zukünftig noch häufiger begegnen. Kakophonische Farbklänge, die das bestehende Spektrum (Ampel, Jamaika, u.a.) noch einmal deutlich erweitern. Wir sehen seit einigen Jahren, dass sich Parteien vor dem Hintergrund des sich in Auflösung befindlichen Links-Rechts-Schemas breiter aufstellen, inhaltlich, personell und auch optisch-farblich, in ihrem Erscheinungsbild. Orientierung bieten Farben im politischen Umfeld so immer weniger.

Nouveau Front populaire – Logo, Quelle: Nouveau Front populaire
Nouveau Front Populaire – Logo, Quelle: Nouveau Front Populaire

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Tja, wie fasst man einen Flickenteppich optisch zusammen …
    Vor diesem Hintergrund und dass es in kürzester Zeit geschehen musste, ist das Ergebnis recht ordentlich. Da man sich nicht auf die Kenntnis der Rezipienten über Farbsymbolik(en) verlässt, sondern das Zusammenfassen an eine große unmissverständliche Typografie übergibt:
    Front Populaire.

    Das heißt auf Deutsch nichts anderes als Volksfront. 😎

    Käm‘ bei uns sprachlich mindestens komisch rüber. In Frankreich scheint es zu passen. Sie haben ja auch eine Bewegung/Koalition, welche La République en Marche! heißt. Die Republik in Bewegung. Mancher würde übersetzen: marschiert. Ginge bei uns gar nicht.

    Man verzeihe mir den Text- und Lost-In-Translation-Ausflug, bin halt ein sehr text-geprägter Designer: Rein Visuelles ist prima, doch oft macht der Text erst den Punkt.

    Trivia:
    Stichwort Volksfront. Wäre unter „Das Leben des Brian“-Kennern als die Szene bekannt, in der eine kleine Gruppe eine noch kleinere disst. Also als eine rebellische Minderheitsbewegung. („Ist das nicht die Volksfront von Judäa?“ „Quatsch, das ist die judäische Volksfront!“ – oder andersherum :-) – memoriert.)

  2. Ich muss sagen für die Zügigkeit sehr zufriedenstellend – vor allem im Hinblick, dass es ein Parteienbündnis ist, sind die Anforderungen mehr als ausreichend umgesetzt. Ich behaupte gar besser als bei manchen heimischen Parteien, die (m. A. n.) keinen solchen Zeitdruck hatten.

    Ich fühle das sozial-linke Bündnis aus der Darstellung – damit Ziel gut erfüllt

  3. Dass hier die Farben der (in Europa mehrheitlich PKK nahen und damit linken) kurdischen Bewegung (rot grün gelb) mit denen der Spanischen Republik, die im Spanischen Bürgerkrieg von den (needless to say: linken) internationalen Brigaden gegen die Putschsiten verteidigt wurde (gelb lila weinrot) kombiniert werden purer Zufall oder bei der ja immer sehr intersektional/historisch denkenden Linken ein zusätzlich identitätsstiftender Aspekt?

  4. Ich finde, dass generell die Optik französischer (Wahl)Werbung sich stark von unserer unterscheidet. Und das, obwohl beide Kulturräume doch sehr nah beisammen sind.

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