Neues Branding für Aserbaidschan Tourismus

Azerbaijan Tourism Logo, Quelle: Azerbaijan Tourism Board

Aserbaidschan, ein im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion seit 1991 unabhängiger Staat in Vorderasien, startet derzeit eine Kampagne, mit der die Tourismuswirtschaft angekurbelt werden soll. Auf der Tourismusmesse „World Travel Market (WTM)“ in London wurde letzte Woche ein neuer Markenauftritt vorgestellt, mit dem sich das Land seitdem präsentiert.

Die Tourismusbranche Aserbaidschans habe großes Potenzial, wie es seitens der staatlichen Tourismusbehörde im Rahmen der Vorstellung der Markenkampagne heißt. 2017 besuchten das Land etwa 2,7 Millionen Touristen, was einem Anstieg von 20 % gegen über dem Vorjahr entspricht. Aserbaidschan zähle zu den am schnellsten wachsenden Reisezielen. Die neue Tourismuskampagne ist Teil eines Plans, mit der das aserbaidschanische Kultur- und Tourismusministerium die Diversifikation innerhalb der hiesigen Wirtschaft verfolgt, um zusätzlich zu Öl-Industrie andere Bereiche zu fördern. Ziel ist es, noch mehr Touristen in das Land zu locken. Große Bekanntheit erreichte die Hauptstadt Baku 2012 als Gastgeber des Eurovision Song Contest.

Azerbaijan Tourism Branding, Quelle: Landor

Azerbaijan Tourism Branding

„Take Another Look“ – unter diesem Motto steht die Tourismusmarkenkampagne, die in Kooperation mit der Agentur Landor (London) entstanden ist. Natur, Klima, historische Denkmäler, kulinarische Köstlichkeiten, und die reiche Kultur der aserbaidschanischen Bevölkerung – das Land habe so viel zu bieten und sei es wert, dass man noch einen Blick drauf wirft. Im Zentrum des Brandings steht dabei der Kleinbuchstabe „a“, der je nach Anwendung und Kontext sein Aussehen ändern kann (siehe Abb. oben). Darüber hinaus verkörpert die Form eine Art Linse („reveal lens“), die einen anderen/weiteren Blick auf das Gezeigte erlaubt.

Kommentar

Das bisherige Tourismuslogo inklusive Bohrturm erinnerte eher an eine schlechte Karikatur – Lust, Aserbaidschan zu bereisen, lässt sich mit solch einer rumpeligen Illustration sicherlich nicht erzeugen. Mit der neuen Aufmachung wird eine komplette Abkehr vom bisherigen Erscheinungsbild vollzogen. Derart krasse Redesigns begegnet man selten.

Das Ergebnis ist konzeptionell stark, handwerklich gekonnt und optisch ansprechend. Idee und Umsetzung der sogenannten „reveal lens“ sind brillant. Die Frage ist, in wie weit das Branding die tatsächlichen Gegebenheiten widerspiegelt oder ob die Gestaltung lediglich etwas suggeriert, um den Schein des Schönen zu wahren. Diese Frage darf und sollte freilich bei jedem professionell gestalteten Erscheinungsbild gestellt werden, egal ob wir es mit einer Marke, einem Unternehmen oder eben einem Land als Absender visueller Botschaften zu tun haben.

In der jährlich von der Organisation Reporter ohne Grenzen veröffentlichten Rangliste belegt Aserbaidschan Platz 163 von 180. Die Situation im Land wird als „sehr ernst“ eingestuft. Laut der Organisation habe der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev den Zugang zu den wichtigsten unabhängigen Nachrichten-Websites blockiert; oppositionelle Medien seien zum Schweigen gebracht worden; Journalisten, die aus dem Exil kritisch über die Regierung schreiben, würden bedroht. Diese Informationen kann ich schon aus zeitlichen Gründen nicht alle überprüfen. Ich kann lediglich darauf hinweisen, dass Branding zuweilen ein Grenzgang zwischen Übertreibung und Lüge ist. Da heißt es sich den Blick für das Wesentliche zu erhalten, anstatt sich von Oberflächlichkeiten wie einem Logo ablenken zu lassen.

Der Reiseführer Lonely Planet stuft die Kriminalitätsrate in Baku/Aserbaidschan als „sehr niedrig“ ein (URL). Das Auswärtige Amt spricht aktuell für die Region Bergkarabach sowie für die im Südwesten Aserbaidschans gelegenen Bezirke Agdam, Füsuli, Dschabrayil, Sangilan, Kubadli, Ladschin und Kalbadschar Reisewarnungen aus (URL).

Und wenn wir schon in ferne Länder blicken, von denen es zuweilen heißt, dass das Reisen in ihnen nicht sicher sei, möchte ich noch auf den Dokumentarfilm „Weit“ von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser hinweisen, der gestern Abend auf 3sat Premiere feierte und der mich als Globetrotter tief beeindruckt hat. Auf ihrer 3-jährigen Reise haben Patrick und Gwendolin ohne Flugzeug die Welt umrundet und dabei 38 Länder durchquert, auch Aserbaidschan. Ein besonderer Film und ein beeindruckender Appell gegen Vorurteile.

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10 Kommentare zu “Neues Branding für Aserbaidschan Tourismus

  1. ich finde es gut, dass sie auch die politische lage und die situation in dem land kommentieren. ich bitte sie demnächst auch das gleiche für alle länder zu machen, wenn sie über design projekte aus verschiedenen ländern machen. z.b. usa und japan akzeptieren todesstrafe, was in deutschland und in aserbaidschan schon längst geschichte ist; in italien und griechenland gibt es immer noch keine homo-ehe; und laut transparency international rutscht deutschland auf korruptionsindex ab. es gibt noch viel mehr zu berichten…

  2. Aserbaidschan ist ein tolles Land mit viel Entwicklungspotenzial. Politisch bleibt sicher noch einiges zu tun, um dem Tourismus voran zu helfen. Aber der Start in jüngster Zeit ist vielversprechend.
    Die jungen Leute dort hoffen auf eine positive Unterstützung der Politik.
    Präsident Ilham Aliyev sollte sie unterstützen. Natürlich wäre es gut, wenn die Auseinandersetzung um Bergkarabach einer Lösung näher gebracht wird. Dazu müsste es aber in Armenien diesbezüglich auch neue Akteure geben. Ich wünsche viel Erfolg!

  3. Es gibt in der Tat noch sehr viel mehr zu berichten, allerdings sind dafür die MSM zuständig. Ich denke die politische Lage wurde in diesem Fall nur ob des miserablen Platzes auf der ROG-Liste erwähnt – ich bin mir sicher die meisten Besucher schätzen sehr das sich dieses Blog mit Gestaltung befasst und evtl. prägenden Umstände nur erwähnt wenn sie berichtenswert sind oder eine Auswirkung auf den Designprozess hatten. Nicht alles muss politisiert werden, ich persönlich bin froh das das Designtagebuch so ist wie es ist – für alle anderen Neuigkeiten gibt es die üblichen Verdächtigen die google.news speisen.

      • mein kommentar war ironisch gemeint. ich bin der meinung, dass wir politik und design nicht vermischen sollen, wenn es nicht um politische arbeiten geht. sonst wird es unübersichtlich. mit diesem halbwissen aus den medien machen wir uns manchmal lächerlich.

      • ich bin der meinung, dass wir politik und design nicht vermischen sollen

        Natürlich könnte man Design und Politik trennen. Dann landen wir allerdings bei: tollen Formen, bunten Farben und hübschen Schriften … Small Talk, als würde man übers Wetter reden.

        Kommunikationsdesign, insbesondere wenn es um Werbung geht, ist per se politisch. Deshalb sollte Design und Politik, zumindest wenn wir ernsthaft und substanziell über Design sprechen wollen, auch nicht getrennt werden. Über das neue Verpackungsdesign von Hanuta zu sprechen, ohne auf den damit einhergehenden vermehrten Einsatz von Plastik einzugehen, wäre sinnlos. Über Sinn und Zweck von Designpreisen zu diskutieren, ohne dabei auf widrige Rahmenbedingungen hinzuweisen, für die die Politik zum Teil die Verantwortung trägt, wäre nutzlos. Wahlplakate vorzustellen, ohne dabei politische Aspekte zu berücksichtigen, wäre geradezu fahrlässig.

        Form und Wirkung, visuelle Botschaften und eine daraus motivierte Handlung bedingen sich gegenseitig. Ein visuelles Erscheinungsbild ist (auch) darauf ausgerichtet, die Wahrnehmung zu beeinflussen und die Ziele des Unternehmens auf Seiten der Menschen „durchzusetzen“. Wahrnehmung beeinflussen, Ziele durchsetzen, zu bestimmten Handlungen animieren – wer die politische wie auch die psychologische Dimension visueller Botschaften nicht erkennt, dem sei das Buch „Wie Design wirkt“ ans Herz gelegt, wer diesen Zusammenhang gar negiert, der ist im Grunde als Gestalter ungeeignet.

        Wenn es mir sinnvoll erscheint, weise ich in Beiträgen auf derlei Zusammenhänge hin. Ich schreibe frei und unabhängig, daher liegt es allein in meinem Ermessensspielraum, ob ich etwas als sinnvoll einstufe. Wenn sich beispielsweise Norwegen oder auch Neuseeland eine neue Tourismusmarke zulegt, ist dies nach meinem Empfinden etwas anderes, als wenn dies in Russland, Bahrain oder eben Aserbaidschan geschieht. Denn auch wenn das Ziel das gleiche ist (Touristen anlocken), haben die unterschiedlichen Absender und die jeweiligen Rahmenbedingungen vor Ort entscheidenden Einfluss auf die politische Dimension der damit verbundenen Werbemaßnahme.

        Ich sehe meine Aufgabe als Autor im Design Tagebuch nicht darin, Rahmenbedingungen in anderen Ländern anzuprangern. Wenn es mir geboten erscheint, dann weise ich darauf hin, dass Design keinesfalls losgelöst von politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Aspekten im luftleeren Raum existiert. Wie sollte dies auch anders sein, denn Design orientiert sich am Menschen und seinen Bedürfnissen. Design ohne Inhalt, ohne diese Ausrichtung, um einmal Jeffrey Zeldman zu zitieren, ist Dekoration. Über Dekoration möchte ich hier im dt jedoch nicht sprechen.

      • @Achim: Nominierst du dich dann gleich bitte selbst noch für die Kategorie „ausgezeichet kommentiert“? Sehr schön auf den Punkt gebracht – so prägnant sind selbst deine Artikel sonst nicht immer ;)

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