Kulturelle Aneignung im Kommunikationsdesign – von problembehaftet bis unentbehrlich
Hinweis: Dieser Beitrag ist zuvor in ähnlicher Form als Kommentar erschienen.
Kulturelle Aneignung ist auch im Kommunikationsdesign ein Thema. Wie könnte es auch anders sein, in einer Welt, die voller Zeichen und Symbolik ist. Trotz zunehmender Sensibilisierung werden im Marketing und im Branding auch heute noch stereotype, teils diskriminierende, (unterschwellig) rassistische Zeichen und Bilder produziert und rezipiert. Inspiration aus fremden Kulturen schöpfen ist Teil der Menschheitsgeschichte, auch des Designs. Doch wann wird Adaption und Aneignung in diesem Zusammenhang problematisch?
Die Debatte über kulturelle Aneignung hat ihren Ursprung in den USA, und zwar im Kontext indigener Menschen und der Gruppe der People of Color. Seit gut 40 Jahren wird das Phänomen von Soziologen und Kulturwissenschaftlern untersucht, in den letzten Jahren auch verstärkt in europäischen Ländern. In Deutschland wurde zuletzt das Tragen von verfilzten Haaren (Dreadlocks) in den Medien thematisiert.
Die Ortsgruppe Hannover der Klimaschutzbewegung Fridays for Future hat im März 2022 das geplante Konzert der Musikerin Ronja Maltzahn kurzfristig untersagt. Es sei nicht vertretbar, so die Begründung, „eine weiße Person mit Dreadlocks auf der Bühne zu haben“. Viele andere Themen wurden in den Medienkanälen (Print/Zeitung, Online, SocialMedia, TV, Radio) zuletzt in Deutschland diskutiert, mitunter sehr hitzig. Etwa die Frage, ob Kinder zum Karneval Indianerkostüme tragen dürfen, oder ob Restaurantbesitzer die Bezeichnung Zigeunerschnitzel von der Speisekarte streichen sollten.
Kulturelle Aneignung (Cultural Appropriation) gemäß einer weit verbreiteten Definition:
Kulturelle Aneignung liegt vor, wenn sich Kultur A von Kultur B etwas aneignet, gleichzeitig Kultur A der Kultur B in ihrem Machtpotenzial stark überlegen ist, es also eine koloniale oder Ausbeutungsgeschichte gibt, und zudem Kultur B klar zum Ausdruck gebracht hat, die Übernahme durch Kultur A nicht zu wollen.
Die Debatte um kulturelle Aneignung wird von jenen, die sie anstoßen, wie Journalist und Buchautor Jens Balzer schreibt, „vor allem, wenn nicht ausschließlich, im Modus der Verbotsrede geführt“. Der Vorwurf: wer kulturelle Aneignung betreibe, mache sich des Diebstahls schuldig. Vieles wird dabei übersehen. Auch weil Diskussionen, dem Prinzip der Algorithmen folgend, immer hitziger, lauter und aggressiver geführt werden. Was ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem darstellt.
Denn das System schürt und fördert Hassrede. Dem anders Denkenden zuhören – dazu sind offenbar immer weniger Menschen bereit. Argumente dringen kaum noch vor. Es herrscht Empörungskultur. Lieber unterstellt man dem Anderen hässliche Dinge, als sich die Zeit zu nehmen, sich oder den Anderen zu fragen, wie denn eigentlich das Gesagte, Gezeigte und Dargestellte gemeint und intendiert sei. Es werden Dinge aus dem Zusammenhang gerissen (Dekontextualisierung), Meinungen als Fakten ausgegeben, und Desinformation verbreitet. Die Frage nach der Implikationen wird in der Regel nicht gestellt. Dabei wäre dies das erste Gebot. Respektvollen Umgang einfordern, gleichzeitig respektlos auftreten, indem man rassistische Gesinnung unterstellt, ohne jegliche Belege für eine solche, beißt sich. Das sollte klar sein.
Kulturelle Aneignung ist voller Symbolik und Zeichen
Die enorme Medienaufmerksamkeit wie auch die starke Emotionalität, die die Debatte ausmachen, zeugen von der großen Bedeutung, die wir Menschen Symbolik und Zeichen beimessen, auch einzelnen Wörtern, Namen und Bezeichnungen. Zeichen wie Federschmuck und Dreadlocks sind an Identität gebunden. Ähnlich wie Logos von Unternehmen, könnte man sagen. Derlei Zeichen (Semiotik) repräsentieren nicht nur etwas, sie sind nicht nur Stellvertreter für Dinge, sie repräsentieren auch jemanden, sie repräsentieren Menschen, Gruppen oder einzelne Individuen.
Die „Washington Redskins“ haben vor dem Hintergrund der Debatte um Cultural Appropriation Anfang 2022 ihren Franchise-Namen in „Washington Commanders“ und gleichzeitig ihr Logo von einer Indianerkopf-Darstellung hin zu einer W-Bildmarke geändert. Schon seit vielen Jahren spricht sich der National Congress of American Indians (NCAI) gegen den seit 1933 verwendeten Namen „Washington Redskins“ wie auch gegen die damit verbundenen visuellen Zeichen (Logos, Maskottchen, u.a.) aus. Ihre Stimme fand schließlich Gehör. Denn der Umgang mit Sprache, der gesprochenen, geschriebenen und auch der visuellen, ist sensibler ist als noch vor 50 Jahren. Was gut ist.
Im Rahmen eines Diskurses rund um kulturelle Aneignung ist es wichtig, zunächst einmal zu klären, WER den Vorwurf der kulturellen Aneignung äußert. Denn es macht einen Unterschied, ob a) der Vorwurf aus der Gruppe jener Menschen erhoben wird, die der Meinung sind, ihre Kultur wird in inakzeptabler Weise übernommen oder b) ob jemand anderes diesen Vorwurf erhebt, ob mit diesem Statement einer Kritik an der Aneignung vorgegriffen wird. In solch einem Fall stelle sich die Frage, so Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst auf deutschlandfunkkultur.de: „Wer hat dieses Sprechen legitimiert?“. Für andere zu sprechen, die im Zweifelsfall gar nicht gefragt wurden, lasse Komplexität und die Verschiedenheit an Positionen verschwinden, so Distelhorst.
Auch für den deutschen Sänger Gentleman, der sich jüngst ebenso wie viele andere Künstler dem Vorwurf ausgesetzt sah, er betreibe kulturelle Aneignung, da er auf Patois singt, einer auf Jamaika verbreiteten Kreolsprache mit englischen Wurzeln, ist maßgeblich, wer den Vorwurf erhebt. In einem Spiegel-Interview antwortet der Sänger auf die Frage, ob er ans Aufhören gedacht habe: „Wären die Schwingungen, die es jetzt gibt, aus Jamaika gekommen, dann hätte ich schon daran gedacht, dass es nicht mehr weitergeht“. Bei Konzerten außerhalb Jamaikas verzichtet der Sänger mittlerweile darauf, zwischen den Songs in Patois zu sprechen, wie er das früher tat.
Verständnis aneignen
Kulturelle Aneignung ist, dies wird auch anhand der Musiker Gentleman und Ronja Maltzahn deutlich, vielfach Ausdruck von Wertschätzung und Anerkennung. Anderseits: wenn kulturelle Aneignung erfolgt, obschon Angehörige der betroffenen Kulturgruppe zum Ausdruck gebracht haben, durch die Übernahme würden rassistische und diskriminierende Botschaften und stereotype Bilder transportiert, dann ist es wichtig, dass sich Kulturgruppe A mit Kulturgruppe B austauscht. Um sich über derlei Symbole und Zeichen zu verständigen. Nur so kann letztlich gesellschaftliches, interkulturelles Miteinander gelingen. Im Austausch. Nicht durch Verbote, nicht durch Absagen. Sondern durch Verständnis.
So wie beispielsweise die Macher der Karl-May-Aufführungen in Bischofswerda auf Angehörige der indigenen Gruppen zugegangen sind, um mehr Verständnis und Kenntnis für die Kultur der in den USA lebenden Indigenen aus erster Hand zu erfahren. Im Bemühen, stereotype Darstellungen zu vermeiden. Nachzuhören im Podcast „Winnetou ist kein Apache“.
Womöglich wird man im direkten, persönlichen Austausch erfahren, dass auch innerhalb einer kulturellen Gruppe nicht immer mit einer Stimme gesprochen wird, es keine einheitliche Position, sondern mehrere unterschiedliche Positionen und Auffassungen gibt. So lehnt etwa der Zentralrat der Sinti und Roma den Begriff „Zigeuner“ durchweg ab, während andere Menschen, die dieser Gruppe zugehören, sagen, für sie sei Zigeuner keine diskriminierende Bezeichnung. Auch dies ist ein Erkenntnisgewinn.
Darum geht es doch. Sich Wissen aneignen. Von anderen Kulturen lernen. Auch indem man sich Aspekte einer Kultur aneignet, sich erschließt. Die Frage ist meines Erachtens daher nicht, ob kulturelle Aneignung berechtigt ist, sondern wie man richtig aneignet. Respektvoll. Der Austausch von Wissen und Technik bildet die Basis jeden kulturellen Fortschritts. „Jede Art der Kultur ist schon immer aus der Aneignung anderer Kulturen entstanden“, schreibt der Autor Jens Balzer. „Kultur ist Aneignung“, diese Auffassung vertritt unter anderem auch die von der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Initiative kulturelle Integration. Ich teile diese Ansicht.
Im Design und in den Künsten ist kulturelle Inspiration elementar, unentbehrlich
Die Adaption anderer Kulturen bereichert die eigene. Inspiration aus fremden Kulturen schöpfen, insbesondere in der Kunst und im Design, ist auch nach meiner Auffassung unbedingt wünschenswert. Problematisch wird es, wenn Aneignungen Machtverhältnisse ausdrücken und verstärken und wenn die Ursprungskultur diskriminiert und verspottet wird.
Was wir hier tun, der schriftliche Austausch, ist das Ergebnis der Übernahme, der Aneignung lateinischer Sprachwerkzeuge. Wir schreiben in lateinischen Lettern, nicht in germanischen Runen. Unser Dezimalsystem basiert auf Arabischen Zahlen. Die Demokratie, in der wir dankenswerterweise leben, haben die Griechen erfunden. Würden wir alles, was wir uns über die Jahrtausende von anderen Kulturen angeeignet haben, tilgen, bliebe nicht viel mehr übrig, als ein Leben in Höhlen. Nicht einmal Steinwerkzeuge könnten wir einsetzen, denn der Ursprung der ersten Werkzeuge liegt rund 2,5 Millionen Jahre zurück, und zwar in der Region des heutigen Äthiopiens (mpg.de).
Figuren, Symbole und Zeichen aus einem anderen Kulturkreis erschließen, geschieht seit je her und fortwährend. Die Sirene im Logo des US-Unternehmens Starbucks, eine Darstellung einer Meerjungfrau, hat ihren Ursprung in der griechischen Mythologie. TikTok, bekanntlich ein chinesisches Unternehmen, nutzt im Logo eine stilisierte Achtelnote. Die Notenschrift nahm ihren Anfang in Ägypten. Obendrein zitiert das TikTok-Logo, indem es einen Rot-Grün-Filter nachahmt, die Stereoskopie – diese wurde von europäischen Physikern und Optikern begründet.
Es waren europäische Siedler, die im 17. Jahrhundert die Kultivierung von Äpfeln auf Plantagen auf den amerikanischen Kontinent vorangetrieben und somit zur Verbreitung des Apfels als Kulturfrucht beigetragen haben. Auf einer dieser Plantagen, die der Schweizer Marcel Müller 65 km südwestlich von Portland (Oregon) gegründet hat, verbrachte Steve Jobs Anfang der 1970er Jahre einige Zeit damit, die Bäume in Form zu schneiden („Steve Jobs“, Walter Isaacson, 2011). Die Apfelplantage („All One Farm“) war für Jobs, wie anhand des Namens Apple und des Logos unschwer zu erkennen ist, eine wichtige Inspirationsquelle.
Der Stern von Mercedes. Die Vorstellung von der Existenz astronomischer Objekte, Himmelskörper und Sternensysteme wurde in der Antike unter anderem in den Hochkulturen Nordafrikas und Vorderasiens begründet, etwa in Mesopotamien. Asiatische Unternehmen wie Sony, BYD oder Samsung wiederum verwenden für ihre Unternehmenslogos ebenfalls lateinische Lettern. Indus Towers, eines der größten Unternehmen Indiens, nutzt als Bildmarke ein Einhorn. Ein Fabelwesen, das Reinheit, Unschuld und Stärke verkörpert und auf die keltische Mythologie zurückgeht. Das Bauhaus, 1919 in Weimar gegründet, ist ohne die geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat undenkbar. Und die Vorgeschichte hierzu, die Geometrie, wurde unter anderem im alten Ägypten und Griechenland geschrieben. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen.
Die Zeichen, Symbole und Logos, die wir jeden Tag sehen und konsumieren, sind gleich einem Webteppich mit unterschiedlichen kulturellen Fäden verwoben. Reißt man an einem Faden, zerstört man das Gesamtbild. Das genannte Beispiel Washington Commanders zeigt: es gibt gleichwohl Grenzfälle und Streitfälle im Kommunikationsdesign. Darüber gilt es zu sprechen.
Sprache verändert sich, und will immer wieder aufs Neue verhandelt werden. Was zugegebenermaßen anstrengend sein kann. Wir sollten die damit verbundene Anstrengung mehr zu schätzen wissen, wie ich meine. In einem totalitärem System fehlt die Möglichkeit, die Dinge zu verhandeln, die Sprache und die Kunst.
Wilhelm Frick, der erste Landesminister der NSDAP, erließ im Jahr 1930 für Thüringen ein Jazz-Verbot (Erlass „Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum“ (Dokument), um so die „Verseuchung durch fremdrassige Unkultur“ zu unterbinden. Zwei Jahre später wurde unter der Regierung von Papen ein Auftrittsverbot für schwarze Musiker veranlasst. Auch gegen die Künste selbst (Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur, Schauspiel, Literatur) wurde propagandistisch vorgegangen, um sie als entartet zu diffamieren. Arisch, deutsch, frei von kulturellen Strömungen, die nicht im Einklang mit der NS-Ideologie standen, musste die Kunst sein.
Wer heutzutage der Ansicht ist, nur bestimmten Gruppen sei es vorbehalten, gewisse Ausdrucks- und Darstellungsformen zu nutzen, jegliche Anlehnung an andere Kulturen, jede Adaption, Interpretation, Vermischung und Inspiration kategorisch ausschließend, sollte sich genau anschauen, in wessen Spuren er wandelt, und welche Gesinnung damit konserviert und manifestiert wird.
Ich für meinen Teil möchte nicht missen, dass skandinavische Trios Jazz spielen, japanische Orchester Stücke von Beethoven aufführen, chinesische Pianisten Bach interpretieren und deutsche Musiker Reggae zelebrieren, egal ob mit oder ohne verfilzte Haare.






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“Kulturelle Aneignung liegt vor, wenn sich Kultur A von Kultur B etwas aneignet, gleichzeitig Kultur A der Kultur B in ihrem Machtpotenzial stark überlegen ist, es also eine koloniale oder Ausbeutungsgeschichte gibt, und zudem Kultur B klar zum Ausdruck gebracht hat, die Übernahme durch Kultur A nicht zu wollen.”
Wer hat diese Definition so festgelegt?
Wenn Kultur B das, was Kultur A mitgebracht hat, eigentlich nicht will: warum halten viele (alle?) Kulturen B daran fest und entwickeln sie weiter, auch wenn die Ausbeutungsgeschichte / Kolonialzeit längst vorüber ist?
Die Definition ist einem Beitrag auf Deutschlandfunkkultur.de entnommen, auf den aus diesem Artikel heraus bereits verlinkt wird.
Diese Definition ähnelt der unter nativegov.org formulierten Definition:
Eine weitere weit verbreitete Definition ist jene im Cambridge Dictionary veröffentlichte:
Als tauber Mensch mit Deutscher Gebärdensprache als Erstsprache sehe ich, dass diese Debatte häufig die Bedeutung historisch gewachsener Machtstrukturen und deren Auswirkungen unterschätzt, insbesondere auf marginalisierte Menschen. Menschen, die nicht marginalisiert sind, haben kaum oder keine Diskriminierungserfahrungen und möchten oft einfach nicht, dass sie sich dabei einschränken müssen.
Unsere Realität ist geprägt von einer tiefgreifenden Machtungleichheit, die in der Debatte um kulturelle Aneignung häufig unberücksichtigt bleibt. Dieser Punkt wurde hier bereits durch die Definition angesprochen, dann aber wieder in der Versenkung verschwunden. Als tauber Mensch erfahre ich täglich die Barrieren, die uns den Zugang zu Netzwerken, Auftraggebenden und Entscheidungstragenden erschweren oder gar verwehren.
Ein Beispiel hierfür ist die Darstellung von Gebärdensprachen in den Medien. Meine Erstsprache wird dort vor allem im Kontext des Musikdolmetschens – fast ausschließlich mit hörenden Dolmetschenden – betrachtet. Dabei handelt es sich nicht um einen einfachen Kulturaustausch, sondern um eine Form der Aneignung, bei der die eigentlichen Kulturtragende – taube Menschen – an den Rand gedrängt werden. Das habe ich einmal bei Twitter thematisiert. Hörende Dolmetschende verfügen über Zugänge und Ressourcen, die uns tauben Menschen oft vorenthalten bleiben.
Das lässt sich gut lösen, wenn taube Menschen von hörenden Dolmetschenden mitgenommen werden und eine inklusive Zusammenarbeit und Partnerschaft stattfindet. Ich erlebe oft, dass sie uns nicht mitnehmen wollen und den “ganzen Kuchen” für sich haben wollen. Es gibt natürlich positive Ausnahmen. Innerhalb der Gebärdensprachgemeinschaft ist darüber eine große Diskussion entbrannt.
Es ist wichtig, zwischen respektvoller kultureller Inspiration und problematischen Formen der Aneignung zu unterscheiden. Während der Austausch von Ideen und Praktiken grundsätzlich bereichernd sein kann, müssen wir wachsam sein gegenüber Situationen, in denen die Kultur marginalisierter Gruppen ohne angemessene Anerkennung oder Beteiligung übernommen wird.
Um die Diskussion zu bereichern, ist es unerlässlich, mehr Stimmen und Erfahrungsberichte von Menschen einzubeziehen, die direkt von kultureller Aneignung betroffen sind.
“Asiatische Unternehmen wie Sony, BYD oder Samsung wiederum verwenden für ihre Unternehmenslogos ebenfalls lateinische Lettern.”
Hierbei können wir sehen, dass die lateinische Sprache keine marginalisierte Sprache wie meine Sprache Deutsche Gebärdensprache ist. Daher findet für mich in diesem Fall keine kulturelle Aneignung statt. Latein war eine mächtige Sprache und ist heute noch kaum aus dem Bildungsbereich wegzudenken.
Es geht nicht darum, jeglichen kulturellen Austausch zu unterbinden, sondern ein tiefgreifendes Verständnis dafür zu entwickeln, wie verschiedene marginalisierte Gruppen von der Übernahme und Darstellung ihrer Kultur betroffen sind. Wenn marginalisierte Menschen nicht ausgegrenzt, sondern respektiert und einbezogen werden, gäbe es die Diskussion bestimmt nicht.
Dabei sollten wir vorsichtig sein, die Problematik nicht zu verharmlosen. Vergleiche mit extremen historischen Beispielen können dazu führen, dass legitime Kritik an kultureller Aneignung relativiert wird.
Unser Ziel sollte ein respektvoller und inklusiver Umgang mit allen Kulturen und Gemeinschaften sein. Dies erfordert eine aktive Einbeziehung der Erfahrungen und Perspektiven marginalisierter Gruppen.
#Danke für diesen ausgezeichneten Beitrag!
Ich möchte auf das in der Einleitung genannte “Stereotyp” eingehen:
Als Designer und Illustrator habe ich mir die Frage nach der Verwendung von Stereotypen tatsächlich schon öfter stellen müssen und sehe uns DesignerInnen da durchaus in einer gewissen Zwickmühle. Oft genug ist es unsere Aufgabe, Zeichen zu erfinden, die gewissen Botschaften oder Inhalte transportieren. Hierfür nutzen wir visuelle Codes und verlassen uns auf unser Wissen bzw. unsere Einschätzung, wie diese von der Zielgruppe oder schlicht einer Mehrheit an Menschen rezipiert bzw. decodiert werden.
Es liegt in der Natur der Sache, dass wir auf bekannte, erlernte oder in unserem Kulturkreis gängige Stereotype zurückgreifen um maximale Lesbarkeit oder Verständlichkeit zu erreichen. Gleichzeitig aber tragen wir als Gestalter öffentlicher Kommunikation natürlich zu bei, diese Stereotype zu verfestigen und zu erhalten.
Ein denkbar harmloses Beispiel, dass mich lange beschäftigt hat, war ein Icon für “Innovation/Idee” – ich kam nicht an der “Glühbirne” vorbei – in Zeiten in denen es seit Jahren keine mehr zu kaufen gibt!? Aber auch nah langem Suchen konnte ich kein Bildzeichen entdecken, dass ähnlich stark und eindeutig gewesen wäre.
Ein schon komplexeres Beispiel hat mir eine Kollegin geschildert: In einem illustrierten Kinderbuch sind Gruppen von Schulkindern zu sehen. Diese sollten divers sein – von Auftraggeberseite wurde am Entwurf moniert, dass die Gruppe zu wenige Muslime enthielte, diese sollten entweder anhand von Kopftüchern oder anhand ihrer Haut- und Haarfarben (!) erkennbar sein. Hier muss man sich als GestalterIn dann doch fragen ob man im Bemühen, Diversität zu zeigen nicht in die Falle tappt, latent rassistische Stereotype zu verfestigen…
Abseits dieser Beispiele sehe ich uns GestalterInnen, die wir die Aufgabe haben, ultimativ leicht und schnell zu entschlüsselnde Zeichen oder Bilder zu entwickeln, in einer besonderen Rolle. Wann sind unsere Zeichen prominent genug um Sehgewohnheiten zu ändern oder neu zu prägen und wann erweisen wir unseren Auftraggebern Bärendienste, weil wir offensichtliches aussen vor lassen und tendentiell (zu) kryptische Zeichen schaffen?