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Kommunikationsdesign in der (lokalen) Berichterstattung

50000-euro

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des neuen Corporate Designs der Stadt Kassel erscheint es mir sinnvoll, ein paar allgemeine Dinge anzusprechen. Wieder einmal wird deutlich, dass Kommunikationsdesign außerhalb der Kreativbranche zum Teil schwer(st) vermittelbar ist, vor allem die Notwendigkeit für Kommunikationsdesign. Seit vielen Jahren beobachte ich das im Umfeld zumeist lokaler Nachrichtenorgane stets sich auf die gleiche Weise abspielende Prozedere. Auch der Fall Kassel macht hier keine große Ausnahme.

Eine Stadt erhält ein komplett neues Erscheinungsbild. Ein Lokalredakteur nimmt sich der Sache an und berichtet: „Neues Logo der Stadt hat 50.000 Euro gekostet!“ (oder ähnlich). Was schon allein deshalb grober Unfug ist, da das Erscheinungsbild weit mehr umfasst als lediglich ein Logo. Schon allein die Überschrift samt Ausrufezeichen verdeutlicht, dass es dem Verfasser nicht um eine faire geschweige denn fundierte Berichterstattung geht, sondern um Meinungsmache. Der besagte Artikel wird durch eine tendenziell populistisch gefärbte Onlineabstimmung ergänzt, bei der sich schließlich mindestens 80% der Leser gegen das neue Logo aussprechen. In Folge des Artikels entsteht eine feurige, meist unsachlich geführte, weil kaum die eigentliche Gestaltung des Erscheinungsbildes betreffende Diskussion, die letztendlich aber doch den Artikel zum meistgelesenen Beitrag des Tages macht. Ziel erreicht? Wohl kaum.

Stadtlogos emotionalisieren

Ende 2011 schlugen in Oberbayern die Wellen hoch, als die Stadt Burghausen ihr neues Design präsentierte. Das Wochenblatt ließ sich damals zu der Überschrift hinreißen: „99 Prozent hassen das neue Burghausen-Logo“. Der verantwortliche Redakteur war vollkommen überzeugt davon, die gerade einmal etwa 300 Leser, die sich an einer Onlineumfrage beteiligten und mehrheitlich gegen das neue Logo stimmten, seien die notwendige Legitimation dafür, im Namen aller Bürger der Stadt sprechen zu dürfen, so zumindest liest sich die Überschrift. In diesem Fall war weniger das fehlende Fachwissen Grund für eine fruchtlose Berichterstattung samt nachfolgender Diskussion, sondern vielmehr der Hang zur Unsachlichkeit, mit der sich das Wochenblatt des Themas Redesigns näherte.

In einem Kommentar hier im dt bestritt der verantwortliche Redakteur Mike Schmitzer seinerzeit, die Onlineumfrage sei in irgendeiner Weise manipulativ, obwohl die Fragestellung eigentlich keine andere Deutung gestattet, da sie wie folgt formuliert war: „Soll die Stadt Burghausen ein neues Logo in Auftrag geben, das sympathisch wirkt und die Burg als Wahrzeichen miteinbezieht?“ Die Fragestellung impliziert, das jüngst vorgestellte Logo sei unsympathisch, weswegen ein weiteres neues Zeichen entwickelt werden müsse. Ein Rechenfehler, der dem Redakteur zudem unterlief, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die lokale Berichterstattung in diesem Fall. Tatsächlich votierten 90,6% und nicht 99% im Sinne des Fragestellers. Zu verdanken ist dieses Ergebnis vor allem der zum Teil von Polemik durchzogenen Berichterstattung des Redakteurs.

Kritik, die an der Sache vorbei geht

Auch wenn im Fall Kassel der ursprüngliche Artikel der Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) durchaus aufzeigt, dass ein Erscheinungsbild aus weitaus mehr als nur aus einem Logo besteht, wird das neue, rein typographische Logo von der Leserschaft verrissen, zu Unrecht wie ich meine. Wenn Steuergelder im Spiel sind, ist es um die Sachlichkeit oft schlecht bestellt. Dessen sollten sich Redakteure bewusst sein. In einer Rangliste der am dringlichsten benötigten Maßnahmen würden Bürger ein zeitgemäßes Erscheinungsbild ihrer Stadt vermutlich auf den allerletzten Platz manövrieren. Während in anderen Bereichen des Designs etwa im Möbel- und Produktdesign wie auch im automobilen Design die grundsätzliche Notwendigkeit von Design allgemein erkannt, anerkannt und ja sogar geschätzt wird, ist es im Kommunikationsdesign nach wie vor so, dass dieser Disziplin jeglicher Bedarf aberkannt wird. „Überflüssig wie ein Kropf“, heißt es dann gerne in Kommentaren und Artikeln.

HNA-Redakteur Mark-Christian von Busse behauptet in seinem für die HNA verfassten Kommentar, die einzige zulässige Schreibweise im neuen Stadtlogo Kassels wäre „Kassel, documenta-Stadt“. Kurios: während er das Fehlen des Bindestrichs moniert, wird die Kleinschreibweise von „documenta“ mit keiner Silbe beanstandet. Die Kritik gilt zudem allein dem Logo, das aufgrund dieses scheinbaren Rechtschreib-Fauxpas eine „Torheit“ sei, ohne dass Bezug zum damit in Verbindung stehenden Erscheinungsbild genommen würde. Im Grunde genommen ist dies, als würde man den Inhalt eines Buches auf Grundlage seines Buchdeckels bewerten. Kann man machen, eine wertvolle Rezension sieht allerdings anders aus. Auch der Verweis auf das Regelwerk der Rechtschreibung geht an der Sache vorbei. Genauso gut könnte man kritisieren, die Logos, um nur einige wenige zu nennen, des Robert Koch-Instituts, des Vitra Design Museums oder der Konrad-Adenauer-Stiftung seien allesamt falsch, da hier die Orthografie nicht befolgt würde.

Banalisierung des Kommunikationsdesigns

Nicht, dass ich den Mangel an Fachwissen in Sachen Design/Kommunikationsdesign in Redaktionen beklagte, nichts läge mir ferner. Wer allerdings in dieses Themenfeld vorstößt und (ein) Design in Frage stellt, von dem darf erwartet werden, zumal ein Verlagshaus im Hintergrund steht, dass man sich ernsthaft mit dem Thema befasst, bevor Artikel verfasst werden. Und es darf erwartet werden, dass sich der Autor der Verantwortung bewusst ist, die er in Bezug auf die Meinungsbildung hat. Beides geht der allgemeinen Berichterstattung über Kommunikationsdesign leider meist ab.

Während in Nachrichtenhäusern Themen wie Politik, Wirtschaft, Technik, Sport, Theater oder Literatur nur von den jeweiligen verantwortlichen Redakteuren bespielt werden, laufen Designthemen gerne schon einmal unter Panorama – und hier darf offenbar Jeder schreiben, ungeachtet seines Schwerpunktes. Die Art und Weise der Berichterstattung ist mitverantwortlich für das verhältnismäßig schlechte Image, das Kommunikationsdesign in weiten Teilen der Gesellschaft genießt. Gerade auch ihr ist es zu verdanken, dass es den Werbefuzzi, den Videofritzen und den überbezahlten, unterbeschäftigten Grafiker gibt und kaum jemand im Stande ist zwischen Designer und Werber zu unterscheiden, mal abgesehen von Designern und Werbern.

Nach Jahrzehnten der Oberflächlichkeit auf Seiten der Nachrichtenredaktionen hat sich dieser zum Teil negative Eindruck von Kreativschaffenden eingestellt. Ich stelle mir vor, wie Autoren in hitzigen Diskussionen in Dialog mit der eigenen Leserschaft träten, um zu vermitteln, zu erklären, zu relativieren, um Substanz und Polemik zu sortieren. Moderation innerhalb der durch eigene Artikel angestoßenen Diskussionen findet in großen wie in kleinen Nachrichtenhäusern kaum statt, so zumindest mein Eindruck, was allerdings ein großes Manko darstellt, denn gerade auch der Dialog mit den Lesern/Zuschauern/Hörern zeichnet einen zeitgemäßen Journalismus aus.

Polarisieren statt erklären

Stattdessen wird Öl ins Feuer gegossen, wie etwa im Fall Zwickau, wo im März 2009 die Freie Presse zu einer fragwürdigen Unterschriftenaktion aufrief (dt berichtete: Wieviel Demokratie verkraftet das Design in Zwickau?), in der Hoffnung, damit die Einführung des neuen Stadtlogos zu stoppen. Die Agentur ö_konzept aus Zwickau sah sich seinerzeit massiver Kritik ausgesetzt, ungerechtfertigterweise, denn die Arbeit ist handwerklich sauber und visuell ansprechend. Mit einigen Hundert Unterschriften einen Prozess stoppen zu wollen, der zum Teil viele Monate, im Einzelfall sogar Jahre in Anspruch genommen hat – das ist töricht!

Ein gelungenes Konzept tauscht man nicht aufgrund eines Anflugs von Kritik aus. Hier heißt es auf Seiten der Verantwortlichen kühlen Kopf bewahren. Je besser die Implementierung des Designs gelingt, und hiervon hängt letztlich der Erfolg des gesamten Entwicklungsprozesses ab, um so wahrscheinlicher ist, dass aus anfänglicher Kritik Zuspruch wird.

In knapp 7 Jahren, in denen ich im dt schreibe, sind gerade einmal zwei Fälle dokumentiert, in denen die Einführung eines neuen Logos aufgrund eines Aufbegehrens gestoppt wurde. Gegen das Logo der University of California wehrten sich tausende Universitätsangehörige, gegen das GAP-Logo gar hunderttausende auf Facebook. Solch ein Einlenken respektive Einknicken auf Seiten der Verantwortlichen ist jedoch sehr selten, die Wahrscheinlichkeit, mit solch einer Unterschriftenaktion Erfolg zu haben, ist sehr gering.

Michael Rösch, Vorstand und Managing Director der Designagentur wirDesign, die im Sommer 2011 ein neues Erscheinungsbild für die Stadt Nürnberg entwickelt hat, ist sich sicher: „Corporate Design für öffentliche Einrichtungen ist ein Prozess, der nur dann zum Erfolg führt, wenn die Qualität der Implementierung stimmt. Deshalb ist es unerlässlich, frühzeitig die richtigen Personen zusammenzubringen, um emotionale Barrieren zu vermeiden. Der eigentliche Faktor, der öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden muss, ist der Einsparungseffekt, der durch ein neues Corporate-Design-System erreicht wird.“ Hierzu später noch mehr.

Im Kommunikationsdesign stößt das Duden-Regelwerk an seine Grenzen

Bei der visuellen Kommunikation gelten die in der Rechtschreibung in Bezug auf die Lesbarkeit von Text vorgegeben Regeln in besonderer Weise. Während das Hinzufügen eines Bindestrichs in der Regel die Lesbarkeit eines Wortes innerhalb eines Textes verbessert, wirkt sich ein Bindestrich innerhalb eines Logos, das vor allem in puncto Einfachheit überzeugen muss, eher negativ aus. Schnelle Erfassbarkeit, leichte Reproduzierbarkeit und selbstverständlich auch formalästhetische Aspekte (Form, Ausdruck, Originalität), die allzu oft in derlei vorgetragener Kritik ausgeblendet werden, stehen im Kommunikationsdesign VOR der orthografischen Korrektheit!

Bekanntermaßen sind visuelle Zeichen um so verständlicher, je einfacher sie gestaltetet sind. Denken wir an Piktogramme und Verkehrsschilder, die uns den Weg weisen. Zusätzlicher visueller Ballast wie Verzierungen erschwert die Verständlichkeit ebenso wie zu eng gesetzte Buchstaben. Auch die Typographie verfolgt ähnliche Ziele. In einem über mehrere Jahretausende hinweg andauernden Prozess haben sich stets die Schriftzeichen mit den besten Leseeigenschaften durchgesetzt. In solch einer Evolution, wie sie etwa Adrian Frutiger in seinem Buch: „Der Mensch und seine Zeichen“ aufzeigt, gibt es kein richtig oder falsch, eben nur ein besser bzw. ein weniger gut. Die Formensprache, in der Reduktion die vielleicht wichtigste Erfordernis überhaupt im Design darstellt, ist keinem Rechtschreibregelwerk verpflichtet, sondern zunächst einmal der Form selbst.

Es ist wichtig, das Duden-Regelwerk zu kennen. Im Bedarfsfall ist es jedoch im Kommunikationsdesign unerlässlich, sich über geltende Rechtschreibregeln hinwegzusetzen. Dabei gilt für Kommunikationsdesign das gleiche wie für Rechtschreibregeln: in beiden Fällen ist die Verbesserung der Kommunikation das Ziel! Zweifelsfrei gibt es genügend Beispiele, die diesen theoretischen Ansatz untergraben, wohlgemerkt in beiden Bereichen. Verallgemeinerungen wie: falsche Orthografie = schlechtes Design sind ebenso unangebracht wie die Behauptung, Lokaljournalismus sei durchweg oberflächlich.

Corporate Design als Chance begreifen

Kommunikationsdesign stellt in weiten Teilen unserer Gesellschaft ein rein Kosten verursachendes Übel dar. Die Chancen und die positiven Effekte, die mit einem konsequenten, durchdachten und ansprechendem Corporate Design verknüpft sind, bleiben den Menschen meist, gerade in der lokalen Berichterstattung, verborgen. Ich stelle mir vor, wie ein Redakteur in seiner Recherche herausfände, dass mit Hilfe des neuen Corporate Designs die Ausgaben in der Stadtverwaltung in den vergangenen 10 Jahren um 10–20% gesenkt werden konnten. Initiale Kosten relativieren sich sehr schnell, wenn man das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt.

Denn natürlich lassen sich Kosten senken, indem Broschüren, Plakate, Briefpapier und viele andere Medien mittels einheitlicher Gestaltung entworfen und gedruckt werden. Wo früher vielleicht 5 oder 6 Werbeagenturen beauftragt worden sind, zahlreiche Meetings geführt werden mussten, braucht zukünftig nach Implementierung eines neuen Designs womöglich nur noch ein Dienstleister aktiv werden. Auch das spart Geld, Zeit obendrein, weil Verantwortlichkeiten eindeutig und Abläufe klar sind.

Oftmals gleicht das Erscheinungsbild einer Stadt vor Beginn eines Redesigns einem bunten Wirrwarr. Dass sich solch ein Flickenteppich-Äußeres schlecht verkaufen lässt, sollte sich auch Nicht-Designern erschließen. Denn natürlich muss auch eine Stadt für sich werben, will sie Investoren und Touristen anlocken, möchte sie in der Gunst der Bürger bestehen.

Fair und fundiert, statt zugespitzt und oberflächlich

Wer Design als ein wichtiges Kriterium für den Kauf eines Autos, eines Smartphones, einer Markenjeans, von Schuhen oder der Wohnzimmereinrichtung nennt, und das tun weitaus mehr Menschen als in der Kreativbranche tätig sind, der dürfte die Bedeutung einer ansprechenden und in sich stimmigen Gestaltung im Bereich des Kommunikationsdesigns, zudem auch die Gestaltung eines Stadtlogos zählt, eigentlich nicht in Abrede stellen, schon gar nicht, wer aufgrund seiner schreibenden Profession in der Verantwortung steht, eine inhaltlich überzeugende, gerne kritische aber doch insgesamt faire Berichterstattung abzuliefern. Der Nachholbedarf auf Seiten der schreibenden Zunft ist diesbezüglich immens, ebenso der Hang zur Meinungsmache, gerade im Umfeld der angesprochenen Medien. Neu ist das nicht, auch keineswegs ein rein deutsches bzw. deutschsprachiges Phänomen, goutieren muss man es deshalb aber noch lange nicht.

Ich stelle mir vor, Nachrichtenredaktionen wiesen in ihren Meldungen über Design auf all diese Chancen hin, zumindest ansatzweise, die Design insbesondere Corporate Design bietet, anstatt re­pe­ti­tiv „Düsseldorf-Logo kostet 160.000 Euro“ zu kolportieren oder „Steuerverschwendung“ auszurufen. Die Motivation auf Seiten der verantwortlichen Autoren, in solch einem Maße zu polarisieren ist ausgeprägter als meine Naivität. So dürfte es beim frommen Wunsch bleiben. Und dennoch. Design scheint immer nur Schuld an allem zu sein. Darüber, wozu es gut ist, ließt man hingegen nur selten etwas, und damit meine ich keine „Unternehmen XY hat XY-Award in Silber gewonnen“-Meldungen, die sich in Selbstbeweihräucherung verlieren. Auch das muss sich ändern.

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Dieser Beitrag hat 115 Kommentare

  1. Liebe Vroni,

    wenn Du meine geldtechnische Aussage auf diesen einen Satz verkürzt, gruselt es mich vor mir selbst. Jedoch schrieb ich noch weiter. :-)

    Klar, dass die Kosten für Außenstehende schwer zu verstehen sind, was aber Kommunikation notwendig macht, sodass die kritischen Stimmen am Ende vielleicht atsächlich erkennen, dass das Millionenbudget tatsächlich in Ordnung ist. Wie Du ganz richtig schreibst, zeigt man sich da auf Seiten der Verantwortlichen (übrigens auf beiden Seiten) jedoch seltsam wortkarg.

    Kein Wunder also, dass niemand versteht, warum ein Stadtlogo 70.000, eine Elbphilharmonie 780 Millionen (aktueller Stand ist mir entfallen, ändert sich jedoch auch stündlich) oder ein Flughafen einskommablumenkohl Milliarden kosten soll.

    Ich wollte aber die pekuniäre Debatte gar nicht aufmachen. Gutes Design hat seinen Preis und in diesen Zeiten neigt man ja eher dazu, seinen Designer nicht gerade mit Gold zu überhäufen, sondern tendenzielle eher unter den Tisch zu verhandeln. Nur: Wenn es vom Geld her für beide Seiten fair ist – warum es dem Nachfragenden nicht einfach so sagen?

  2. Bei einem Erscheinungsbild für eine Stadt geht es um mehr als nur um die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen: „Der eigentliche Faktor, der öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden muss, ist der Einsparungseffekt, der durch ein neues Corporate-Design-System erreicht wird.“. Dicker Einspruch! Das ist viel zu kurz gesprungen und degradiert die Disziplin Gestaltung viel gründlicher als es die schlampige Berichterstattung zu tun vermag.

    Eine Stadt ist eine demokratische Einheit und Identitätsbildung in einem demokratischen Raum kann die Bürger der Stadt nicht einfach ausklammern bzw. diskreditieren: „Laien; Leute, die nichts davon verstehen; mangelnde ästhetische Bildung …“ Diese Attitüde fällt Designern hier vollkommen zu recht auf die Füße. Ich kann auch eine Ansicht zu Stuttgart 21 haben oder zum Standort eines Atom-Endlagers in Gorleben ohne Infrastruktur-Experte zu sein oder Strahlenschutz-Ingenieur. Natürlich habe ich als Bürger die Verantwortung, mich zu informieren, um mir eine Meinung zu bilden. Aber es gibt auch eine Verantwortung der Gestalter, transparent bzw. nachvollziehbar zu handeln. In vielen Kommentaren wird hier vorausgesetzt, daß es mangelnde (bzw. falsche) Berichterstattung ist, die zu der Ablehnung des neuen Erscheinungsbildes geführt hat. Wenn nun die Experten (Designer) die fertige Lösung den unmündigen Bürgern einfach nur besser erklären würden – so der Umkehrschluß – dann werden die das neue Design schon gut finden. Das darf bezweifelt werden.

    Wir alle wissen, daß es bei einem Erscheinungsbild nicht vordergründig um ein Logo geht, sondern um eine langfristige Strategie zur Identitätsbildung. Wenn man das voraussetzt und gleichzeitig die Idee der Bürgerschaft ernst nimmt, muss man einfach zur Kenntnis nehmen, daß sich ein Erscheinungsbild für eine Stadt nicht mit den selben Mitteln entwickeln lässt, wie für ein Unternehmen. Alleine der Begriff „Corporate Design“ ist hier schon fehl am Platz. Warum wurde beispielsweise die Debatte über „Werte“ in dem Kassel-Projekt nur auf der Ebene der Stadtverwaltung geführt? Eine solche Diskussion gut moderiert in einer breiten Öffentlichkeit zu führen, wäre doch mal eine riesige Chance für die Demokratie – brought to you by communication design.

    Es gibt städteplanerische Verfahren bei denen sich Bürger sehr detailliert an der Gestaltung von ganzen Stadtvierteln beteiligen – warum erfinden wir so etwas nicht für Kommunikationsdesign? Ich spreche hier nicht davon, daß am Ende alle ein Logo malen sollen oder ein Crowdsourcing Wettbewerb veranstaltet werden soll. Ich spreche davon, daß die Entwicklung von Erscheinungsbildern für Städte nie als Prozess zur demokratischen Entwicklung einer Bürgerschaft genutzt wird – obwohl der Kern eines solchen Projektes genau diesen Punkt berührt.

    Wer sich zwei Jahre mit der Stadtverwaltung einschliesst und dann am Ende mit einem Schriftzug vor die Tür tritt, muss sich über Kritik nicht wundern. Die polemische Berichterstattung ist nicht der Grund für die Ablehnung, sondern das Ergebnis eines fehlgeleiteten Prozesses. Die Ursache für diese Fehlleitung ist, daß Designer denken, daß das Erscheinungsbild ein Arrangement von Farben, Formen, Schriften etc. sei und der Designer aufgrund seiner Ausbildung der beste Experte, um diese Elemente formal und konzeptionell „richtig“ zu arrangieren. Das ist einfach eine antiquierte Auffassung von Design und passt nicht mehr in die pluralistischen Gesellschaften, in denen wir heute leben.

  3. Noch einmal liebe Vroni,

    ich redete ja gar nicht vom Extrem. Von „schwätzen“ schon gar nicht. Ich bin mit dem von Dir präferierten Prozess vielleicht sogar einverstanden, dennoch bin ich dagegen, entstehende Kritik mit dem einzigen Argument „Ihr habt doch alle keine Ahnung“ abzubügeln.

    Der Eindruck, dass da etwas „über unsere Köpfe hinweg entschieden“ wurde führt meiner Erfahrung nach eher zu einer grundlosen und generellen Abwehrhaltung, der man gut entgehen kann, indem man von sich aus die Diskussion eröffnet. Wie heißt es so schön im politischen Geschwurbel: „Die Menschen mitnehmen.“

  4. Ich möchte mich hier einmal mit einem konkreten Logo beschäftigen dem Kassel Logo. Das man im Verhältnis Kunde Auftraggeber immer wieder Situationen hat, die nerven können, hat jeder schon einmal erlebt. Hier geht es um ein Stadtlogo, das nicht den visuellen Geschmack der gerade Regierenden abbilden soll, sondern darum den Kern einer Stadt in dem Fall Kassel herauszuarbeiten. Das ist man den Einwohner schuldig und ist beim Kassel Logo offensichtlich nicht geschehen. Abgesehen davon, dass ich die Bezeichnung Documentastadt für kurzsichtig halte, wenn man die Gebrüder Grimm hat. Vielleicht möchte mir jemand erklären, welche touristischen oder emotionalen Effekte durch das Kassellogo ausgelöst werden können? Zitat Achim: Eben genau darin! Indem auf jegliche Stadt-Land-Fluss-Motive und -Silhouetten verzichtet wird.
    Es geht nicht um Stadt Land Fluss. Sondern, darum den Kern oder die Positionierung einer Stadt bildlich darzustellen. Wo ist die Idee beim Kassellogo und wieso braucht man dafür zwei Jahre. Der Hinweis, dass das Logo von den Studenten geschenkt wurde, möchte man damit begegnen, dass man ein solches Logo nicht geschenkt haben möchte. Generell wird damit auch eine universitäre Tendenz deutlich, dass Studenten und Professoren nicht mehr in der Lage sind, Logoideen zu entwickeln und sich in die Typografie flüchten. Was wäre das Lufthansa Logo ohne den Kranich, was wäre das Raiffeisen Logo ohne das Giebelkreuz? Dann zu sagen, der Kunde versteht mich nicht oder ist es nicht wert, ist elitär….

  5. @Wolle:
    Auch wenn die Grenzen sicher fliessend sind, möchte ich meine Kritik am Zustand des allg. ästhetisch-Künstlerischen Empfindens nicht als Arroganz verstanden wissen (auch wenn es stark so klingt, zugegeben ;-)).
    Ganz konkret könnte ein Journalist nicht auf so billige Art und Weise Empörung erheischen, wenn mehr Leser über die Art, Umfang und Komplexität eines Corporate-Designs Bescheid wüssten – und wenn das nur bedeutet dass die jeweils dem mehr oder weniger gelungenem neuen Logo beiseite gestellten Honorarzahlen in 99% der Fälle weitaus mehr umfassen als nur die Kosten des gezeigten Logos.
    Aus Mangel an differenziertem Meinungsbild setzt dann nämlich der immergleiche Mechanismus ein: „ist das vom Praktikanten“ „Geldverschwendung“ „Hässlich“ sind die Bügeleisen der Laien, gegen die wir Gestalter dann wieder anbügeln, weil sie so unsachlich daherkommen.

    Die Journaille könnte zu einem wünschenswerten Dialog beitragen. Aber wie schon erwähnt, beschränkt sich die Zunft auf die Generierung von Traffic zu möglichst niedrigen Kosten.

  6. Und noch mal liebe Vroni,

    „Und ja, die Bevölkerung hat leider wenig Ahnung von Design. Und warum sollte sie.“

    Warum sie sollte? Da sich Design nicht nur über Fachvokabular, sondern auch ganz sinnlich erfahren lässt, wie wir spätestens seit Alexander Gottlieb Baumgarten wissen. Gutes Design ist insofern nicht technokratisch, als dass es auch von einem unbeleckten Betrachter sinnlich erfahren werden kann. Oder würdest Du der Bevölkerung auch die Fähigkeit zur intuitiven Ästhetik absprechen?

  7. Anscheinend ist die Lobby im Kommunikationsdesign immer noch nicht groß (oder stark) genug, als dass Sinn und Nutzen beim Bürger angekommen sind. Ganz im Gegensatz zum Produktdesign, was nun mal greifbarer für den Laien ist.

    An der strukturierten Öffentlichkeitsarbeit zum Thema sollte man arbeiten, dann kann die Wahrnehmung besser werden. Vor allem mit Fakten zum Nutzen und nicht mit „Orakeln“ oder Wunschdenken zur Wirkung. Das ist immer schon ein großes Problem im Designbereich gewesen. Die Diskussion findet aber größtenteils branchenintern statt, was wenig bis nichts an der öffentlichen Wahrnehmung ändert.

    Abschließend sind die Umsätze gemessen an anderen Branchen und Ausgaben verschwindend gering. Wo wenig Budget ist, ist die Lobby meistens schwach. Der Online-Handel trägt mit dem Internet als Leitmedium zum Glück immer stärker dazu bei, gutes Design bezüglich Konzept und Realisation in Umsätzen sichtbarer zu machen.


    Quelle: Statista

  8. @ Jürgen:

    Ich unterstelle ja, dass die unsachliche Gegenwehr mancher Bürger nicht aus mangelndem Designverständnis (siehe intuitive Ästhetik) resultiert, sondern aus der Undurchsichtigkeit des Prozesses an sich. Wenn jemand sich ausgeschlossen fühlt, kann man nicht erwarten, dass er sich die Mühe macht, Finessen trotzdem zu ergründen. Meine These ist also, dass sich die Bürger manchmal nicht gegen das Design, sondern gegen die Methode wehren.

    Dass manche Journaille das nutzen kann, um aufzupeitschen, stellt meiner Meinung nach wiederum eher den Prozess infrage als die Journaille.

  9. Lieber Wolle,

    wer hat das denn so gesagt hier:
    “Ihr habt doch alle keine Ahnung”

    Und ja das „die Menschen mitnehmen“ und es ihnen erklären. Sehr löblich.

    Darf ich zynisch werden?
    Es gelingt immer weniger, die Menschen mitzunehmen. Seit Stuttgart 21 ist es zumindest sehr schwer geworden, sie zu gewinnen. Wenn „die Politik“ die Leute vor solche „vollendete Tatsachen“ setzt, dann ist das politische Klima insgesamt kaputt gemacht worden. Ob mit oder ohne gesettelte Wutbürger am reichen Hang Stuttgarts oder mit oder ohne den Juchtenkäfer. Und kosten tut es jetzt noch mehr als vorher.

    Ob da in diesem politischen Klima des „Draufhauens, also bin ich“ eine nette, gutgemeinte und umfangreiche Erklärung darüber, wie Design im innersten wirklich funktioniert, helfen wird?

    Geschichtchen:
    Ein Ex-Kollege von mir, den ich sehr schätze und der in der Lage ist, ein ganzes Wirtshaus an Vertrieblern zu unterhalten, hat einmal seine Beliebtheit (er WAR wirklich beliebt) in einer Sache grob überschätzt: In seinem Workshop mit dem ungefähren Thema (wortwörtlich genau habe sich es jetzt nicht mehr): Wie funktioniert Werbung eigentlich wirklich und wie briefe ich sie richtig? kam kaum ein Borstentier der angesprochenen Unternehmer, die ihn als Kreativen doch so mochten. Der Workshop aber im Raum nebenan eines anderen – eher ruhigen und etwas langweiligeren – Redners, der ebenfalls an diese gleichen Leute adressiert war, mit dem Titel (auch nur so gut es geht memoriert): Wie gewinne ich möglichst günstig und schnell Neukunden ohne lästige und teuere Werbung? boomte.
    Noch Fragen?

    Keiner will Genaues über Design wissen, viel zu langweilig.
    Sie wollen lieber wissen, ob in der Sonnenstraße heute geblitzt wird.
    :-)

  10. Obwohl ich verstehen kann, dass Designer Probleme mit der Berichterstattung über Design in den Medien haben, möchte ich einerseits darauf verweisen, dass auch in so ziemlich allen anderen Bereichen in der Presse oft meinungsmachend geschrieben wird und sicher nicht immer jeder Artikel von einem Journalisten verfasst wird, der sich in der Materie auskennt – Design hat hier also keine Sonderstellung. Andrerseits aber beklage ich auch die fehlende Selbstreflektion in der Designbranche.

    Sicherlich wird nicht gerade subjektiv über neue Designs berichtet. Aber das hat oft auch mit der fehlenden Qualität der Designs zutun. Und gerade beim Städtedesign ist die Emotionalität besonders hoch, da sich Bürger stärker mit dem Erscheinungsbild ihrer Stadt verbinden als z.B. dem der örtlichen Stadtwerke. Designer sehen hier aber gerne die »Schuld« in der Unwissenheit der Bürger. Aber seien wir mal ehrlich, es gibt eine Menge schlechte Designer und dementsprechend Designs. Und diese tragen auch nicht wenig zum schlechten Ruf des Berufes bei.

    Ich habe selbst in der Branche gearbeitet und viel zu oft gehört, wenn »der normale Bürger« an Logo/Design irgendetwas bemängelte, »er würde halt das Design nicht verstehen«. Hier wird fast immer der Grund aufgeführt, als Nicht-Designer hätte man eben keine Ahnung. Selten wird hinterfragt, ob das einfache typografische Logo nicht vielleicht wirklich zu einfach war, nicht prägnant genug oder ob die Top-Werbeidee wirklich zum Produkt, zur Marke passt. Designer neigen leider oft dazu, eine vermeintlich tolle Idee zu haben und diese dann irgendwie auf das Produkt zu formen ohne darüber nachzudenken ob es passt. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht, wird der Bürger als der Dumme dargestellt und der Designer/die Agentur sucht die Schuld selten bei sich selbst.

    Außerdem verlieren Designer während des Schaffensprozesses die Objektivität zu ihrem Werk. Es ist ja auch kein Wunder, setzt man sich Wochen, manchmal gar Monate mit kleinsten Detailfragen auseinander. Ich will aber jetzt nicht sagen, dass Designer selbst an ihrer Misere Schuld sind. Ich würde mir nur oft etwas mehr Selbstreflektion wünschen. Es sind nicht immer die anderen an allem Schuld.

    Zum Thema Bindestriche:

    Hier sehe ich es ähnlich wie Nicola. Sicher kann man Bindestriche weglassen, gerade um Umbrüche (für das Auge des Designers) ansprechender zu gestalten. Aber viele haben eben nicht »das Auge des Designers« und sehen hier dann (u.U. zu Recht) einen Fehler, der sich gerade bei einem Stadtlogo auch noch negativ auf die Identifizierung mit der eigenen Heimatstadt auswirkt. Aber ist das dann ein Fehler des Betrachters. Kann man hier immer behaupten, die Gestaltung ginge vor und würde das Logo prägnanter machen. Wir reden hier von einem Bindestrich, meistens nur vier Vektor-Punkten. Kann das so einen Unterschied machen. und vor allem, ist die »falsche« Schreibweise es wert?

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