Ist das deutsche Apotheken-Logo so scheiße und Fraktur eine „Nazi-Schrift“, wie Jan Böhmermann behauptet?
In der „Fest & Flauschig“-Folge „Gesund durch die Schwangerschaft“ geht der Satiriker/Podcaster/Entertainer Böhmermann auf das Logo und Markenzeichen der deutschen Apotheken ein. Böhmermann erklärt, das Logo, ein rotes „A“, das in den 1930er-Jahren entworfen wurde, sehe „völlig scheiße“ aus, und er verstehe nicht, weshalb Apotheken heute noch eine „alte Nazi-Schrift“ im Logo verwendeten.
Dass Apotheken in Deutschland dieses „Nazi-Zeichen“ heutzutage auf ihren Schildern verwenden, wie Böhmermann ausführt, könne er nicht verstehen. Europaweit würden Apotheken fast durchgehend ein grünes Kreuz als Erkennungszeichen nutzen, nur in Deutschland (u. Österreich, Schweiz) werde dieses „Fraktur-A“ verwendet, das „Nazi-Ursprünge“ aufweise. Aber stimmt das denn alles, was Böhmermann behauptet? Zusammenfassend lässt sich sagen: nur teilweise.
Die Entstehung des Apotheken-Logos wird auf der Website der Deutsche Apotheken Museum-Stiftung ausführlich beschrieben. Offenbar dienten vor allem die auf der Seite „Geschichte des Apothekenwahrzeichens“ aufbereiteten Informationen Böhmermann als Grundlage für dessen Einschätzungen und Behauptungen. Die Angaben dort, soviel sei gesagt, sind zum Teil nicht korrekt. So sind etwa Geburts- und Todesjahr des verantwortlichen Gestalters des Apotheken-A-Logos, Ernst Paul Weise, falsch (korrekt ist 1890-1981). Weise starb 1981 im Alter von 91 Jahren in seinem Atelier am Breitenbachplatz in Berlin. Es dient dem besseren Verständnis des nachfolgenden Textes, wenn die oben verlinkte Seite zuvor zumindest überflogen wurde.
Nun einmal ganz konkret. Was ist dran an Böhmermanns Aussagen und Einschätzungen? In vielen anderen Ländern nutzen Apotheken in der Tat ein grünes Kreuz als Erkennungszeichen. Drogerien übrigens auch, was die Differenzierung erschwert. In vielen Ländern sind zudem andere Erkennungszeichen und Verkehrszeichen in Gebrauch, um beispielsweise Autobahnen, Haltestellen oder Stadtnamen kenntlich zu machen. Bushaltestellenschilder sind in Deutschland grün und mit einem H gekennzeichnet. In Italien, Spanien und Polen sind die Schilder blau und zeigen ein Bus-Symbol. In England hingegen ist die Farbe der Schilder rot/weiß bzw. rot/schwarz. Selbst die Kennzeichnung von Krankenhäusern ist europaweit uneinheitlich, wie der Vergleich europäischer Verkehrszeichen zeigt. Und diese Heterogenität zeigt sich auch im privatwirtschaftlichen Umfeld, wo Farben und Markenzeichen etwa von Postbetrieben, Supermärkten und anderen Unternehmen im Ländervergleich variieren. Eine einheitliche Kennzeichnung in Bezug auf Krankenhäuser wäre sicherlich hilfreich. Die Frage, ob die Durchsetzung einer europaweit einheitlichen Symbolik für Apothekenbetriebe sinnvoll und darüber hinaus überhaupt möglich ist, lasse ich zunächst einmal unbeantwortet.
Das Apotheken-A ist in der Tat, und in diesem Punkt stimme ich mit Böhmermann überein, ein eigenartiges, seltsames Zeichen. Auch mich fasziniert die Rebus-artige, rätselhafte Bildsprache dieses Zeichens seit Kindheitstagen. Ich sah in der Darstellung, Schlange (Äskulapnatter) + Kelch, stets eine Art Springbrunnen, wobei mir nicht klar gewesen ist, dass es sich um einen Arzneikelch handelt und nicht etwa um ein Champagnerglas, wie ich vermutete. Wie auch die Podcast-Folge aufzeigt, bietet das Logo ganz unterschiedliche Lesarten. Böhmermann stellt das A-Signet in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.
Böhmermann kritisiert die Form des „A“ und das typographische Zeichen als solches: das „A“ basiere auf einer „alten Nazi-Schrift“, so Böhmermann (Min. 21:35). Darüber hinaus erklärt er, das Logo sei eine „gestalterische Beleidigung, hinter der die Nazis stehen“. Weiter führt der Podcast-Macher aus, der Alternativentwurf aus dem Jahre 1929 (Arzneiflasche mit drei Löffeln, Abbildung) gefalle ihm viel besser als diese „Scheiß-Fraktur“. An die Adresse von Apothekenbetreibern in Deutschland gerichtet regt er dazu an, sich „out of the box“ ein neues Logo auszudenken.
So weit, so unterhaltsam. Ich finde es schlicht großartig, wenn ein Kommunikationsdesignthema wieder einmal eine breite Öffentlichkeit findet. Denn man verkennt ja doch eines sehr leicht: wir alle sind von Kommunikationsdesign umgeben – selten genug nehmen wir die damit verbundenen Botschaften jedoch bewusst wahr. Böhmermann und Schulz haben sich die Mühe gemacht, ein Logo einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich möchte den Blick gerne gemeinsam mit der dt-Leserschaft weiter schärfen, auch weil hier doch von den beiden Machern des Podcast einige Vorurteile bedient werden. Ergänzungen und Korrekturen sind herzlich willkommen.
Frakturschriften haftet seit Jahrzehnten das Stigma von „Nazi-Schriften“ an. Ein Thema, das innerhalb der Designszene bereits oft und ausgiebig diskutiert wurde. Von der rechten Szene wurden/werden Frakturschriften und andere sogenannten gebrochenen Schriften vereinnahmt und instrumentalisiert. Auf den Punkt gebracht möchte ich hier schon einmal festhalten: die Annahme, Nazis hätten Frakturschriften entworfen, ist falsch.
Zur geschichtlichen Einordnung: Frakturschriften entstanden bereits im 15. Jahrhundert. Mitte des 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Frakturschriften die meistbenutzten Druckschriften im deutschsprachigen Raum. Ich darf mich kurz outen? Frakturschriften sind, zumindest größtenteils, absolut hinreißende, großartige, handwerklich wie künstlerisch wertvolle typographische Werke. Oder um es mit den Worten von Judith Schalanskys zu sagen: „Fraktur mon amour“. Diese meine Liebeserklärung möchte ich bitte nicht als Deutschtümelei, wie sie etwa der „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ betreibt, missverstanden wissen. Gebrochenen Schriften sind ein tief verwurzelter Bestandteil europäischer Schriftkultur. Dieser ausgeprägte geschichtliche Zusammenhang wird von Böhmermann und Schulz leider gänzlich ausgeblendet. * Lieber Jan, lieber Olli: es gibt u.a. in Berlin so viele handwerklich gut ausgebildete Schriftgestalter, die über so viel mehr typograpisches Wissen verfügen als ich: vielleicht besucht ihr mal den ein oder die andere, um in die Thematik tiefer einzusteigen? *
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die politische Auseinandersetzung rund um den Antiqua-Fraktur-Streit im Detail auszubreiten. Deshalb in aller Kürze: Die Nationalsozialisten hatten, angetrieben von ihrer menschenverachtenden Ideologie, im Rahmen ihrer Schriftpolitik gebrochene Schriften zunächst zur „Normalschrift“ erklärt, um schließlich 1941 die Abkehr von der bis dahin weit verbreiteten Schrift Schwabacher zu vollziehen, von den Nazis als „Judenschrift“ diskreditiert. Dass hierbei die tatsächliche Entstehungsgeschichte dieser Schrift und die damit verbundenen Realitäten komplett verkehrt wurden, kennzeichnet die von Desinformation und Manipulation geprägte Politik der Nazis. Auf gebrochene Schriften folgten zu Zeiten der Nationalsozialisten die sogenannten Antiqua-Schriften, jene Schriftarten (mit und ohne Serifen), die wir größtenteils heute in Medienanwendungen sehen. So kommen beispielsweise auch beim „ZDF Magazin ROYAL“-Logo Antiqua-Schriften zum Einsatz.
Da gebrochenen Schriften, insbesondere die Fraktur, über 400 Jahre lang die Buch- und Verkehrsschrift der Deutschen gewesen ist, greift die verkürzte Bezeichnung „Nazi-Schrift“ zu kurz. Richtig ist hingegen, dass die Nationalsozialisten mit gebrochenen Schriften ihre Propaganda betrieben haben. Dieser Eindruck hat sich in den Köpfen der Menschen, über Generationen hinweg, eingeprägt. Und dieser Eindruck wird nun gewissermaßen durch Böhmermanns Aussage weiter manifestiert. Das ist sehr schade, denn auch wenn Satire zuspitzen und verzerren darf, wird diese Form der Simplifizierung der Sache und der damit verbundenen Kulturgeschichte nicht gerecht.
Simplifizierung innerhalb der Kommunikation hat einen großen Vorteil: in kurzer Zeit können vergleichsweise viele Informationen übertragen werden, gleichzeitig bleibt die Aufmerksamkeit des Empfängers hoch. Ein bewährter Kniff, den sich Designer, Werber wie auch Entertainer gleichermaßen zu nutze machen. Der Haken dabei ist: wichtige Details bleiben dabei oftmals auf der Strecke, so auch in diesem Fall.
Weder ist die Fraktur eine Nazi-Schrift, noch handelt es sich beim roten Apotheken-Logo um ein „Fraktur-A“, wie Böhmermann behauptet. Auch auf der verlinkten Seite der Deutsche Apotheken Museum-Stiftung ist fälschlicherweise von Frakturschrift die Rede. Außerhalb der Gestalterszene wird dieser Begriff oftmals Synonym für gebrochene Schriften verwendet.
Ein Fraktur-A sieht typischerweise ganz anders aus. Nach heutigem Empfinden wirkt das „A“ der Frakturschriftart Schwabacher eher wie ein „U“:

Die politische Aufladung, wie sie das Apotheken-Logo durch Böhmermann erfährt, erscheint mir ungerechtfertigt. Die Nationalsozialisten haben, dies ist soweit korrekt, unter der Leitung von Reichsapothekerführer Albert Schmierer durchgesetzt, dass Apotheken in Deutschland mit einem roten A auf dem Schild ausgestattet wurden, und zwar mit der Version mit eingebetteter Lebensrune (Elhaz). Die Lebensrune, wie auch einige andere Runen, werden ebenso wie gebrochene Schriften von der rechten Szene vereinnahmt. Die rechtsextreme schwedische Partei Svenskarnas parti (2015 aufgelöst) nutzte diese Rune innerhalb ihres Parteilogos. Andere Runenzeichen, darunter die Siegrune und die Odalrune, gehören zu den Symbolen, deren Verwendung heutzutage verboten ist.
Wer Runen und Frakturschriften ausschließlich mit dem Nationalsozialismus assoziiert, verkennt dabei, dass ihre Geschichte sehr viel weiter zurückreicht. Ihre vermeintlich nationalsozialistische Anmutung ist ein Produkt, das der heutigen Assoziation entstammt, wie Ralf Herrmann treffend in seinem lesenswerten Aufsatz „Wie viel Politik steckt in gebrochenen Schriften?“ formuliert. Runen und Frakturschriften stehen in engem Zusammenhang mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Das ja! Dies alleine macht sie jedoch nicht generell zu Nazi-Zeichen und -Schriften.
Das einzige „Nazi-mäßige“, wie Böhmermann es formuliert, das dem alten Apotheken-Logo anhaftet, ist das auf Geheiß Schmierers eingebettete Runen-Symbol. Darüber hinaus vermag ich keinen unmittelbaren Zusammenhang mit einer von den Nazis betriebenen Propaganda zu erkennen, weder in Bezug auf das alte Apotheken-Logo, noch in Bezug auf die aktuelle Version mit Schlange.
Dass Böhmermann, Schulz und womöglich viele andere Menschen die Gestaltung des A-Signets scheiße finden, sei ihnen unbenommen. Ich persönlich halte die Formgebung des „A“ für ziemlich ausgeklügelt und raffiniert, vor allem dank des roten Kreuzes, welches sich darin verbirgt und auf diese Weise, zum Kontext passend, medizinische Hilfe kommuniziert:

Der zur linken Seite herausragende Querstrich mit senkrechtem Abschluss im „A“, mit dessen Hilfe das Kreuz gebildet wird, ist ein für gebrochene Schriften absolut untypisches Stilelement. Bedingt durch die ursprüngliche Verwendung mit Schreibfeder sind Querstriche in gebrochenen Lettern in aller Regel angewinkelt. „Gebrochen“ übrigens deshalb, weil Schreiber und Kalligraphen mit ihrer Feder abrupte Richtungswechsel vollziehen, wodurch die Lettern wie abgehackt, eben gebrochen wirken. Daher auch die Bezeichnung Fraktur, in Anlehnung an den Knochenbruch (lateinisch: fractura).
In diesem Punkt der Gestaltung hat sich Ernst Paul Weise also ganz bewusst von der traditionellen Anmutung gebrochener Schriften gelöst, um so einen kontextualisierten, inhaltlichen Bezug herzustellen. Der Originalentwurf von Weise zeigt ein „A“ ohne Schlange, dafür mit zusätzlichem weißen Kreuz im unteren Bereich:

Gebrochene Lettern zeichnet aus, dass sie über einen vergleichsweise hohen Strichstärkenkontrast verfügen. Bei dem von Weise gezeichneten „A“ sind die Striche jedoch annähernd gleich breit. Anhand der genannten Merkmale wird klar, so hoffe ich, dass es sich bei dem A-Signet eben nicht um eine gewöhnliche gebrochene Schrift und schon gar nicht um eine Fraktur handelt. * Edit 02.09., 14:40 Uhr: siehe Kommentar von Florian * In dem A-Signet werden vielmehr jene in der Gesellschaft der 1930er-Jahre vorherrschenden Geschmacksvorstellungen aufgegriffen und mit dem für Apotheken (und das Themenspektrum Medizin insgesamt) gebräuchlichen Kreuzsymbol kombiniert.
Man bedenke: Gebrochene Schriften haftete zu damaliger Zeit nichts Anrüchiges an, im Gegenteil. Sie waren populär und überall auf Plakaten, Flugblättern und Schildern zu sehen, so auch an der Fassade der ersten Filiale der Brüder Albrecht (später ALDI). Überdies waren gebrochene Schriften in keiner Weise politisch aufgeladen. Kommunisten, Nationalisten und auch unpolitische Gruppen (soweit dies damals möglich war) verwendeten gebrochene Schriften.
Indem der Gestalter Weise die Formgebung des „A“ frei von Schnörkeln und Schweifen angelegt hat und bewusst das traditionelle Aussehen gebrochener Lettern veränderte, schlug er gewissermaßen eine Brücke hinüber zur gestalterischen Avantgarde und zur Moderne. Heutzutage ist „Bauhaus-Design“ durchweg positiv besetzt, und konnotiert Werte wie Anspruch, Haltung, Qualität und Ästhetik. Zu Zeiten der Weimarer Republik wurden Arbeiten der „Bauhäusler“ jedoch von großen Teilen der Gesellschaft als „spinnerte“ Ideen abgetan, an denen sich lediglich die Elite erfreute.
Schriften wie die von Paul Renner 1927 entworfene Futura wurden, ob ihrer für das damalige Empfinden höchst ungewöhnlichen, vermeintlich abstoßenden Form, als grotesk bezeichnet. Diesen Klassifizierungsnamen – Groteske – haben serifenlose Linear-Antiqua-Schriften bis heute beibehalten. Wollte man als Unternehmer wie auch als Gebrauchsgrafiker eine breite Masse ansprechen und positive Assoziationen wecken, musste man also auf andere Gestaltungsmittel zurückgreifen.
Ich halte die von Böhmermann getroffene Zuschreibung, das aktuelle A-Signet sei „Nazi-mäßig“, auch deshalb für kritisch und für eine starke Form der Verzerrung, weil hierbei der Person Weise einerseits wie auch dem Apothekenverband (ABDA) anderseits das Etikett angeheftet wird, sie verträten rechtsextremes Gedankengut. Auch wenn Böhmermann dies tatsächlich so nicht ausgesprochen hat, verbreitet sich diese Aussage gleich einem Meme nun im Netz, größtenteils unmoderiert, unkommentiert, unreflektiert. Nun bin ich nicht Lobbyist des Apothekenverbandes – dieser darf sich hierzu gerne selbst äußern. Eine Anfrage meinerseits wurde am Telefon zwar freundlich aufgenommen, bisher jedoch schriftlich nicht beantwortet. [Edit 02.09. 19:22 Uhr: Antwort siehe Kommentar]
Was mich wirklich stört, ist, dass der von den Nazis ausgegrenzte Gebrauchsgrafiker Weise das Label angedichtet bekommt, er sei quasi Erfüllungsgehilfe der Nazis gewesen. Kurz nachdem Weise mit seinem Entwurf für das A-Signet den ersten Preis in dem vom „Amt für Werbung der Deutschen Apothekerschaft“ ausgeschriebenen Wettbewerb erzielte, wurde Weise von der Reichskulturkammer das Berufsverbot ausgesprochen. Böhmermann geht auf diesen Umstand auch in der Podcast-Folge in einem Nebensatz ein. „Nur die politischen Ereignisse verhinderten letztlich eine große Karriere des Berliner Grafikers“, wie Uwe Westphal im Buch „Werbung im Dritten Reich“ (1989, Transit Buchverlag) schreibt.
Nach Einschätzung Westphals, mit dem ich gestern ein Gespräch führte, galt Weise damals als einer der profiliertesten Gestalter in Deutschland. Beeinflusst waren Weises Arbeiten für Kunden wie Flohr, Daimon, Schocken, Continental, u.a., wie Westphal im Buch schreibt, zunächst vom Jugendstil und zunehmend „von der Sachlichkeit des Werkbundes und der klaren Linienführung des Bauhauses“. Nicht nur Weises Ehefrau, Eva Stern, hatte jüdische Wurzeln, laut Westphal galt dies auch für Weise selbst. Westphal stützt sich hierbei auf Aussagen der Tochter von Ernst Paul Weise.
Ich zitiere weiter aus dem Buch: „Die spätere graphische Arbeit spielt sich bei Weise später eher im Verborgenen ab. Erfolge im Berufsleben bedeuteten jetzt eine große Gefahr. Die Anonymität seiner Arbeiten wurde nun zur Voraussetzung des Überlebens“. Die Kriegsjahre waren bei Weise, wie bei so vielen anderen von den Nazis verfolgten Menschen, von Flucht und Vertreibung bestimmt.
Es wäre ein Unrecht, wenn der Eindruck entstünde, die Arbeiten Weises, wozu auch das Apotheken-A zählt, sei das Ergebnis von Nazi-Loyalität. Das A-Signet ist alles: eigenartig, rätselhaft, kantig, grob-klotzig, verschroben – nur „Nazi-mäßig“ ist es nicht. Bei genauer Betrachtung, und wenn man etwas länger hinschaut, wird man dies auch erkennen. In Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne oftmals nicht einmal für ein 30-sekündiges Video auf TikTok reicht, ist auch dieser Text wahrlich eine Zumutung. Deshalb hier der Versuch das Geschriebene auf einen Satz zu verdichten, ohne dabei zu simplifizieren, versteht sich:
Das Apotheken-A ist nicht etwa eine Manifestation und Visualisierung nationalsozialistischer Ideologie, sondern vielmehr Ausdruck des damaligen Zeitgeschmacks.
So wie der bis heute nahezu unveränderte verschnörkelte Coca-Cola-Schriftzug Ausdruck des damaligen Zeitgeschmacks ist. Und so wie Design insgesamt, somit auch Kommunikationsdesign und Corporate Design, stets modischen Einflüssen unterliegt.
Wenn wir Symbole, Zeichen und Logos betrachten und bewerten, dann möglichst ganzheitlich, nicht bloß aus dem verengten Blickwinkel der Gegenwart heraus. Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung, vom Verfassungsschutz als klar rechtsextremistisch eingestuft, setzen in ihrer Kommunikation auf ganz andere, die wahre Gesinnung kaschierende Stilmittel. Deshalb müssen und sollten wir den Blickwinkel weiten. Nicht nur Tradiertes hinterfragen, sondern auch das im Gewand des Gefälligen Kommunizierte. Die IB setzt auf Farben, Formen und Schriften, die weniger bis kaum geschichtlich belastet und deshalb auch nicht rechtsextrem konnotiert sind. Als wäre Sprache und visuelle Kommunikation, und dessen Rezeption, heutzutage nicht schon anspruchsvoll genug, gilt es nun auch noch Verschleierungstaktiken zu decodieren.
Abschließend möchte ich Jan Böhmermann in einem weiteren Punkt widersprechen: der von Rudolf Weber gestaltete grüne Entwurf „Arzneiflasche mit drei Löffeln“ ist nicht etwa „mega slick“, sondern er schaut aus, wie Olli Schulz treffend formuliert, dabei seinem Podcast-Kollegen in bester Sidekick-Manier in die Parade fahrend, wie ein „Mann mit Zylinder, der dreimal mit einem Löffel durchstochen wurde“. Die Fernwirkung dieses grünen, illustrativen Zeichens, das eher ein Piktogramm darstellt, denn ein Logo, ist im Vergleich zum prägnanten roten „A“ sehr bescheiden und deshalb wenig geeignet. Das von Weise geschaffene „A“ ist um so viel schlichter, prägnanter, ausdrucksstärker und entspricht unserem heutigen Verständnis hinsichtlich reduzierter Formsprache viel mehr, als das doch recht naive Signet mit Arzneiflasche.
Übrigens: In der Podcast-Folge „Todesengel Maischberger“ wird das Design Tagebuch ausführlich von Jan Böhmermann gewürdigt (ab Minute 31). Nochmals danke und liebe Grüße!
Weiterführende Links
- Zur Geschichte des Apothekenwahrzeichens
- Moderner Mythos: Wie viel Politik steckt in gebrochenen Schriften?
- Werbung im Dritten Reich (Uwe Westphal)
- Ausstellung: Der lange Weg zum Apotheken-Wahrzeichen (researchgate.net)
- Hinweise zur Verwendung des Apotheken-“A”, HAV
- Fashion Metropolis Berlin 1836 – 1939: The Story of the Rise and Destruction of the Jewish Fashion Industry (Uwe Westphal)
Mediengalerie
- Drei-Löffel-Symbol, Quelle: Deutsches Apotheken-Museum
- A-Logo mit Rune (1936), Quelle: Deutsches Apotheken-Museum
- Entwurf für das Apotheken-A (Ernst Paul Weise, 1936), Quelle: Wikipedia
- Schwabacher Fraktur – Großbuchstabe A










(zu schnell gesendet)
4) Die Fußgängerzonen unserer Städte schauen aktuell sowieso alle fast gleich aus – überall gibt es die gleichen Läden. Mir tut’s gut zu sehen, dass die Leuchtreklamen der Apotheken noch Eigenständigkeit bewahrt haben. Ähnlich gehts mir beispielsweise, wenn ich die markanten Tabacchi-Schilder sehe; ich weiß sofort: ich bin in Italien.
Mit großen Hallo habe ich den Stern-Artikel von Böhmermanns Verriß gelesen. Verhilft er etwa damit uns Designer zu einem neuen Auftrag? ;-)
Wohl eher nicht. Wenn man sich die Trivia der bislang entstandenen Logos durchliest, stellt man fest, dass man sich bei nahezu allen Turningpoints das Thema Relaunch immer bislang äußerst schwer getan hat oder gar nicht zu einer Einigung kam. Es wurde vertagt. Das wäre meine Einschätzung, würde man da heute noch mal “ran wollen”.
Leider: Erst den Nazis und damit einem total-authoritäres System gelang von oben herab die Gleichschaltung und einheitliche Wiedererkennbarkeit. Einerseits durch Hackordnung aber auch durch ein geschicktes Manöver “” man schmiß den Apothekerbesitzern das neue Logo als Schild einfach on top nach.
Ein ähnliches Schicksal der kompletten Verseuchung und einem anschließenden sicheren Exitus durch die Nazis erfuhr das deutsche Liedgut. Keiner singt und geschweige denn kennt alte deutsche Lieder und pflegt dessen Kultur, so wie es zum Beispiel die Türken vermögen. Weil sie sowas von tot sind und vorher durch die Nazis mißbraucht worden sind. Wofür die damalige deutsche Liederkultur, welches um vieles älter als das 1000-jährige Reich war, eigentlich überhaupt nichts kann.
Handwerklich, da stimme ich Achim zu, ist das Logo meisterhaft in seiner jetzigen Form sehr durchgecheckt. Die Schlange und der Kelch sind mir zu wummselig und lange nicht mehr zeitgemäß für den Gebrauch. “A” wie Apotheke “” signifikanter geht es (vielleicht) nicht mehr. Hier hat der gute Jan leider nichts überzeugendes an Argumenten zu sagen.
Dennoch klingt in mir Böhmermanns Rant an einer Stelle nach: Dieses Logo entstammt einer Zeit, in der die Nazis mit ihrem entmenschlichten Geist alles sauber versaut haben, was man nur versauen konnte. Trägt das Logo dann nicht mit seiner Geburtsstunde, als anno 1936 Deutschland braun wie Scheiße war, dieses “Erbe” weiterhin in die Gegenwart mit und kommuniziert damit weiter herum? Wäre es nicht für eine Identität befreiender, sich von diesem Scheiß endlich zu befreien? Wäre hier nicht ein Neubeginn und das Umschreiben des eigentlichen Geistes des Apotheker-Wahrzeichens sinnvoll?
Zwischenzeitlich wurde meine gestrige Anfrage vom Apothekenverband (ABDA) beantwortet.
Wie bewerten Sie Böhmermanns Aussagen? Insbesondere bezogen auf den Vorwurf, beim Apotheken-A hätten Nazis Hand angelegt?
ABDA: Der Grafiker Paul Weise, der das Apotheken-A in einer ursprünglichen Form in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gestaltet hat, war sicher kein Nationalsozialist. Er war mit einer jüdischen Frau verheiratet und hatte während des Dritten Reichs unter einem Berufsverbot zu leiden. Bei der Gestaltung des Logos hat er eine gebrochene Schrift eingesetzt. Solche Schriften gibt es schon seit etlichen hundert Jahren. Sie wurden vor und nach 1945 auf vielfältige Weise eingesetzt, sind also nicht spezifisch nationalsozialistisch. Es stimmt, dass das Apotheken-Logo wie viele andere Gestaltungselemente während der Hitler-Diktatur um eine Rune als nationalsozialistisch aufgeladenes Symbol ergänzt wurde. Sie wurde aber 1945 umgehend wieder entfernt. Das Apotheken-Logo, für das 1951 die Markenrechte eingetragen wurden, beinhaltet einen Kelch und einen Äskulapstab. Diese beiden Symbole stehen für den Umgang mit giftigen Substanzen und die Heilkunst. Auch das Erscheinungsbild des A wurde in der Nachkriegszeit verändert.
Was halten Sie von Böhmermanns Idee, einen Gestaltungswettbewerb mit dem Ziel zu initiieren, ein neues Apotheken-Logo zu finden?
ABDA: Ob man das Apotheken-Logo schön findet oder nicht, ist eine Geschmacksfrage. Fakt ist aber, dass es eines der stärksten Markensymbole ist, die es im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus gibt. Fast alle Menschen in Deutschland kennen das Logo. Es trägt dazu bei, dass Apotheken im Straßenbild schnell gefunden werden, ist positiv aufgeladen wird verbunden mit schneller und kompetenter Hilfe. Das ist auch der Grund, weshalb es viele Markenrechtsverletzungen gibt und immer wieder dagegen vorgegangen werden muss, dass unbefugte Dritte versuchen, das Logo zu nutzen. Eine so starke Marke aufzugeben, wäre weder klug, noch wäre es finanzierbar. Wenn 18.000 Apotheken in Deutschland ihre Geschäftsausstattung ändern müssten, würden die Kosten hunderte von Millionen Euro betragen.
Wie ist die Haltung Ihres Verbandes in Bezug auf das aktuelle Apotheken-Logo? Sehen sie, unabhängig von Böhmermanns Kritik, Handlungsbedarf hinsichtlich der Gestaltung?
ABDA: Nein.
Sehr angenehme Stellungnahme, und schön, dass nicht jeder sich zum Handeln genötigt fühlt, nur weil ein berufsmäßiger Säue-durchs-Dorf-Treiber eine Sau durchs Dorf treibt.
Es wäre unserem Land geholfen, wenn wir wirklichen Rechtsradikalismus und wirkliches rechtes Gedankengut in allen Ausprägungen bekämpfen würden, anstatt uns in künstlicher Empörung ergehen über alles, was, wenn überhaupt, irgendein Nazi mal gemacht hat und alles was irgendwie aussieht wie was, was auch die Nazis mal genutzt haben.
Böhmermann hat ein Publikum, dass auf so etwas abgeht. Das weiß Böhmermann.
Ich find das Apothekenlogo o.k. so, ich erkenne daran eine Apotheke. In anderen Ländern erkenne ich sie an was anderem. Meist steht auch dran, dass es eine ist, und Google Maps weist mir den Weg.
Wenn allerdings dieses Logo das letzte spezifische einer deutschen Innenstadt sein soll, wie einige hier schreiben, dann ist das auch ein bisschen wenig, oder? Wobei ich zugegeben muss, seit Jahren nicht mehr bewusst in so einer Fußgängerzone gewesen zu sein. Ich wüsste nicht, was ich da sollte.
Tannenberger und National lieben es mit Fraktur verwechselt zu werden.
Den Rechten ruf hat old english übrigens wegen neonazis
Der inflationäre Dauergebrauch der Nazikeule bagatellisiert den Rechtsextremismus. Wenn an allem und jedem ein Nazi-Etikett klebt, klebt in Wahrheit an nichts und niemandem ein Nazi-Etikett mehr.
Das stimmt insofern, da in der Tat der Eindruck entsteht, und ich beziehe mich ausschließlich auf den hier besprochenen Sachverhalt, das verwendete typographische Merkmale – gebrochene Schrift – lasse sich eindeutig einer politischen Haltung zuordnen. Daher mein Verweis im Beitrag auf die IB. In den letzten Jahren lässt sich eine Umkehrung beobachten. Menschen und Organisationen mit einer nationalistischen Haltung bedienen sich in ihrer Sprache, und das gilt für die gesprochene, geschriebene wie auch für die visuelle, euphemistischen Mitteln, um so ihre Haltung akzeptabler erscheinen zu lassen.
Auch die NPD verwendet auf Plakaten und Bannern seit je her keine gebrochenen Schriften, sondern Linear-Antiqua-Schriften und scriptuale Fonts, um so gefälliger zu wirken. Im Rahmen ihrer Wahlkampagne 2017 nutzte die NPD die Schriftart Neue Helvetica, eine der verbreitetsten Schriften überhaupt. 2014 nutzte die SPD die gleiche Schrift im Rahmen ihrer Wahlkampagne. Bis 2013 war die CDU-Helvetica die Hausschrift der CDU. Anhand der Verwendung dieser Schriftart lassen sich also keinerlei Rückschlüsse hinsichtlich politischer Standpunkte ableiten.
Ohne geschichtlichen Zusammenhang und ohne Kenntnis der Intention des Gestalters wie auch des Verwenders bleibt jede Zuschreibung eine Mutmaßung. Ganz allgemein gesprochen: Es ist naiv zu glauben, heutzutage lasse sich allein anhand der Form eines Signets oder anhand der Verwendung bestimmter Schriften eine politische Haltung erkennen. Es ist komplizierter.
…sehr zutreffend und abschliessend zu diesem Thema, vom Gefurztagskind. Danke.
Ist doch Eindeutig ein F und kein A.
So aufmerksam und spitzfindig Böhmermann sein kann, so reißerisch und oberflächlich ist er auch manchmal. Das Apotheken-A ist allerdings nicht mehr zeitgemäß in seiner Gestaltung. Bemerkenswert, dass die EU-Regulierungswut hier noch nicht zugeschlagen hat.
Ich mag das Apotheken-A. Es ist eines der wenigen Erkennungszeichen, an dem sich europäische Innenstädte zwischen den ganzen H&M und Stackbucks noch unterscheiden lassen. Was in Frankreich die Tabac-Raute ist, ist in Deutschland das Apotheken-A. Umso trauriger, dass es immer häufiger von einem grünen Kreuz begleitet wird, als müsste man es übersetzen. (Die Böhmermannschen Ergüsse zu dem Thema sind hingegen so von Unkenntnis und Krawall-Populismus geprägt, dass sie kaum der Gegenrede wert sind – danke, dass Achim Schaffrinna das dennoch übernommen hat.)
Hallo,
vielen Dank für den Artikel! Sehr interessant und aufschlussreich.
Ich beschäftige mich sonst nicht so mit Designfragen, aber ich bin als angestellter Apotheker durch die unheimlichen Googlealgorithmen auf den Beitrag hier gestoßen.
Daher möchte ich nicht Mitglied werden und monatlich finanziell beitragen, würde aber einmalig 10€ springen lassen, wenn es so eine Möglichkeit, z.B. per Pay Pal gäbe.
Herzlichen Dank. Das ist sehr freundlich.
Paypal.me
Bitte schön. :o)