Im Gespräch mit Jochen Rädeker

„Nachhaltiges Arbeiten bleibt die große Herausforderung des Designs im kommenden Jahrzehnt.“

Wie grün ist denn Strichpunkt? Wie steht es mit Green IT, Strom aus regenerativen Energien und dem papierfreien Büro?
Vom papierfreien Büro sind wir so weit entfernt wie vermutlich jedes andere Designbüro in Deutschland. Gleichwohl bemühen wir uns sehr darum, unsere Prozesse so ökologisch und nachhaltig wie möglich aufzusetzen. Wir haben da allerdings alle noch ein Stück Weg vor uns. Wir arbeiten in einer Branche, dessen muss man sich bewusst sein, die mit Ressourcen nicht eben sparsam umgeht. Wir bemühen uns bei unseren IT-Themen um die Reduktion des Einsatzes von Energiefressern. Wir bemühen uns bei Präsentationen vornehmlich digital vorzugehen und nicht ständig Booklets mit dicken, schwarzen Tonerschichten zu bedecken. Wir bemühen uns vor allem aber auch, und ich glaube da ist der Hebel für ein Designbüro viel größer, bei unseren Kunden ein nachhaltiges Denken durchzusetzen. Solarworld ist ein gutes Beispiel. Wir haben vor zwei Jahren, mit dem Auftrag den Geschäftsbericht zu machen, einen Online-Geschäftsbericht entwickelt, der sehr aufwendig war. Wir haben jedem, der bisher den Geschäftsbericht erhielt, eine Postkarte geschickt und gesagt, du kriegst den Geschäftsbericht nicht automatisch, sondern wir empfehlen, den Onlineauftritt anzuschauen. Wer darauf hin noch die gedruckte Fassung haben wollte, hat die Karte zurückgeschickt. Das Ergebnis war eine Halbierung der Printauflage. In diesem Jahr ist der Nachhaltigkeitsbericht nur noch auf Anforderung via Printing-on-demand zu bekommen.

Wir empfehlen also Kunden ganz bewusst, reduktiv vorzugehen. Wir haben einen Hebel als Kommunikatoren und mir ist es sehr wichtig, diesen zu nutzen. Das ist auch etwas, das wir bei der Definition von Unternehmenswerten, wie wir das auf Marken-Workshops machen, von vornherein in die Denke der Unternehmen mit hineinbringen. Da können wir schon den ein oder anderen Erfolg verbuchen. Nachhaltiges Arbeiten bleibt aber die große Herausforderung des Designs im kommenden Jahrzehnt.

Dieser Tage wurde Winfried Kretschmann zum ersten grünen Minister ernannt. Wie lebt es sich in einem Wahlbezirk, in dem die Grünen mit großem Abstand zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen sind? Haben Sie die Wahl und deren Ausgang verfolgt?
Ganz intensiv. Wir haben bei Strichpunkt zwar klar gesagt, wir unterstützen aktiv keine politischen Parteien im Wahlkampf, obwohl es dazu Anfragen gab, übrigens aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Das war eine Grundsatzentscheidung. Gleichwohl tun die Grünen Stuttgart verdammt gut. Wir haben uns schon lange offen gegen Stuttgart 21 ausgesprochen und die Bewegung auch aktiv beraten und unterstützt. Eine ADC-Einreichung des Bauzauns von Stuttgarter Bürgern, bei der wir geholfen haben, das gut aufzubereiten, hat übrigens einen silbernen Nagel bekommen – wurde also genauso gut bewertet wie der spektakuläre deutsche Pavillon auf der Expo . Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Land verändern wird und unabhängig davon, ob man politisch eher schwarz oder eher grün steht, kann es eigentlich nur gut tun, dass nach 58 Jahren mal eine andere Partei an die Macht kommt, dass verkrustete Strukturen aufbrechen. Von daher sehe ich sehr zuversichtlich in die Zukunft. Mich freut es immer dann, wenn Bewegung kommt, wenn etwas Neues kommt. Wir haben in Stuttgart übrigens schon seit längerer Zeit eine grüne Gemeinderatsmehrheit und Stuttgart ist deshalb auch nicht zusammengebrochen.

Gibt es Dinge, die sich aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Kreativbranche verbessern sollten? Stichwort Rahmenbedingungen.
Ja, wir haben in Stuttgart ein Problem, das weniger Strichpunkt als etabliertes Büro betrifft, aber dennoch virulent ist, und das sind hohe Mieten. Es gibt zu wenige, günstige Räume für Kreativschaffende. Allerdings hat sich hier schon etwas verändert. Vor zwei Monaten hatten wir fast die gesamte Grüne-Gemeinderatsfraktion zu Besuch bei uns in der Agentur, die sich über das Thema Kreativwirtschaft informieren wollten. Das fand ich hervorragend. Das habe ich davor so nicht kennengelernt, dass sich Gemeinderäte aktiv darum bemühen, den Dialog mit der Kreativwirtschaft zu suchen. Es gibt wie gesagt das Thema Räumlichkeiten und es gibt auch das Thema Kultur und Subkultur. Es ist verdammt schwer einen guten Designer davon zu überzeugen, von Berlin nach Stuttgart zu ziehen. Hier kann die Politik helfen, indem sie das, was Stuttgart an Lebensqualität hat, auch in eine Richtung ausbaut, die für junge Kreative gut ist. Stuttgart ist eine tolle Stadt, wir fühlen uns saumäßig wohl hier, weil die Lebensqualität phantastisch ist, weil wir ein tolles Umland haben, aber auch eine riesige Partymeile, was keiner weiß und keiner merkt und deswegen auch keiner herkommen will.

„Wir leben in einer Zeit der Über-Labelung.“

Letzte Woche startete eine Initiative, in der dazu aufgerufen wird, ein Logo zu gestalten, das Menschenrechte symbolisiert. Unter anderem sind Erik Spiekermann und Guido Westerwelle Mitglied der Jury. Bedarf es eines Logos oder eines Symbols, um auf Verstöße gegen die Menschenrechte aufmerksam zu machen?
Ich habe in der letzten Woche nur an ADC gedacht und ADC gemacht, von daher habe ich das nicht mitbekommen. Ob es bei dem Thema Menschenrechte mit einem Logo getan ist, weiß ich nicht. Wir leben in einer Zeit der Über-Labelung. Wenn man sich anschaut, wie viele Bio-Labels es alleine gibt und wie belanglos die Aussagen dahinter eigentlich geworden sind, dann sehe ich so etwas eher kritisch. Ich glaube, dass uns da Reduktion besser täte. Ich würde mir bei vielen Entwicklungen wünschen, dass weniger gemacht wird, das dann dafür aber richtig. Das gilt ganz generell – Wir haben einige unserer besten Kunden dadurch gewonnen, dass wir ihnen empfohlen haben, einen Auftrag nicht durchzuführen. Das 27. Label, das mich auf irgendetwas hinweist, das brauche ich nicht.

Technischer Partner bei dieser Initiative ist Jovoto, eine Crowdsourcing-Plattform, auf der Designleistungen für einen Bruchteil der üblichen Marktpreise erbracht werden. Sehen Sie in solch einer Form von Crowdsourcing eine Chance oder eher eine Gefahr?
Wenn wir moderne Kommunikationsformen und damit auch moderne Bezahlmodelle von vornherein ablehnen, dann werden wir Probleme kriegen in der Kreativindustrie. Mir ist wichtig, dass Design als wertschöpfende Dienstleistung begriffen wird und angemessen entlohnt wird, weil es ein unternehmenskritisches Thema ist. In dem Moment, wo ich eine Marke gestalte, den Werte-Kanon eines Unternehmens aufsetze und diesen in eine kommunizierbare Form bringe, leiste ich einen erheblichen Wertschöpfungsbeitrag für ein Unternehmen. Es kann ja nicht sein, dass eine solche Arbeit nur auf einem marginalen Niveau honoriert wird. Das ist sicherlich die Kehrseite der Medaille.

„Ich habe nur noch ein Kopfschütteln übrig für Designer, die noch nach Nutzungsrechten abrechnen.“

Ich glaube, dass die gesamte Branche über neue Honorierungsmodelle nachdenken muss. Ich habe nur noch ein Kopfschütteln übrig für Designer, die noch nach Nutzungsrechten abrechnen, weil das der Realität auf Kundenseite überhaupt nicht mehr entspricht. Ich finde es bedenklich, wenn ein Basisstundensatz bei 40 oder 60 Euro liegt und dann kommt etwas drauf gepackt je nach Kundengröße, räumlicher und zeitlicher Nutzung. Die Aussage, die beim Einkäufer hängen bleibt ist die: die Designleistung kostet 40 Euro. Das ist die schlimmste Basis für Vertragsverhandlungen, die man sich denken kann. Das reduziert unsere Branche in Richtung Billigarbeitskräfte und ähnlich ist es natürlich mit Dingen wie Crowdsourcing, die dazu führen, dass kreative Dienstleistungen überhaupt nicht mehr als eine wirklich harte, wertschöpfende Arbeit wahrgenommen werden. Wenn es dazu führt, dass gemeinschaftlich für einen guten Zweck etwas entsteht, wunderbar. Nur, wenn ich sehe, was für einen massiven Schaden etwa Online-Ausschreibungen großer Unternehmen für Designdienstleistungen in langjährigen, guten, produktiven und kreativen Vertrauensverhältnissen angerichtet haben, wo dann plötzlich nur noch Cent-Beträge gelten und nicht mehr die grafische Qualität, die abzubilden ist, dann habe ich große Bedenken.

Ich glaube, wir haben eine zentrale Aufgabe, den Einkäufern in Unternehmen den Wert von Kommunikationsleistungen in ihrer Sprache schmackhaft zu machen. Die Modelle, die momentan auf dem Markt sind in Bezug auf die Bezahlung von Designern, die bilden das nicht ab. Wenn wir sagen, ok, dann machen wir das für einen Bruchteil des Bisherigen, dann machen wir uns unsere eigene Branche und unseren eigenen Anspruch kaputt.

Haben Sie den Eindruck, Crowdsourcing hat den Druck, der auch ja bei Pitches zu spüren ist, erhöht?
Ich glaube Crowdsourcing hat das Thema Pitches bislang nicht wesentlich beeinflusst. Ich halte es für legitim, dass man sich kompetente Dienstleister auswählt, die man bei adäquater Bezahlung gegen einander antreten lässt. Ich halte es dann für nicht legitim, wenn eine große Anzahl von Agenturen dazu gezwungen wird, für einen feuchten Handschlag ihr Hauptprodukt, nämlich die Idee, zu verschenken. Da ist das klassische Beispiel des Malerbetriebs, der für eine Wohnung gesucht wird. Der Erste darf probehalber mal die Küche streichen, der Zweite darf das Wohnzimmer streichen und der Dritte dann das Schlafzimmer. Im Anschluss wird dann entschieden, wer den Rest der Wohnung streichen darf, da ist aber eigentlich nur noch das Badezimmer übrig. Das kann nicht funktionieren. Das führt zu Schubladenkonzepten, über die die Auftraggeber nicht glücklich sein dürften und es führt zu einer unerträglichen Kostendrucksituation bei den Designern. Wenn ein Unternehmen ein anständiges Pitch-Honorar zahlt und drei Dienstleister einlädt, eine bestimmte Aufgabenstellung probehalber umzusetzen, um dann zu einer langfristigen Zusammenarbeit zu kommen, dann halte ich das für sehr legitim. Ich habe allerdings etwas dagegen, wenn die Auswahl nicht mit Sorgfalt erfolgt. Wenn es also darum geht, drei renommierte Unternehmen gegen einen Billiganbieter antreten zu lassen, um dann am Ende vielleicht tolle Ideen zu haben und jemanden, der diese kostengünstig umsetzen kann. Noch schlimmer ist, was oft genug vorkommt, wenn man sich von guten Dienstleistern Ideen besorgt, die dann mit vagen Veränderungen inhouse umgesetzt werden. So etwas ist natürlich eine böse Folge von Pitches.

Eines Ihrer Bücher, indem es um die Gestaltung von Geschäftsberichten geht, trägt den Titel: „Die Zukunft gehört den Mutigen“. Fehlt den Designern in Deutschland der Mut? Oder benötigen Designer einfach mehr Kunden, die den mutigen Ideen der Kreativen vertrauen und folgen?
Wir müssen in dieser Branche endlich mit dem Kunden-Bashing aufhören. Es macht überhaupt gar keinen Sinn, den Anderen mangelnde Designqualität in die Schuhe zu schieben. Schlechtes Design entsteht dann, wenn Designer schlechtes Design machen und nicht wenn Kunden schlechtes Design wollen. Wir sind diejenigen, die den Hebel haben, wirklich Qualität anzubieten und den Kunden zu überzeugen. Zugegeben, das fällt in der Krise schwerer, aber immer nur zu sagen, der Kunde war Schuld, spricht für mangelnde Durchsetzungskraft des Designers und nicht für schlechte Kunden. Wenn man einen Kunden hat, der dauerhaft keine gute Designqualität zulässt, und man selbst versteht seinen Job als Haltung, dann sollte man den Kunden freundlich aber bestimmt in die Wüste schicken und sich mit Menschen auseinander setzen, die den eigenen Qualitätsanspruch teilen – und davon gibt es einige. Wir sind im internationalen Vergleich in Deutschland, glaube ich, gut aufgestellt. Wir haben die Möglichkeiten, hier gutes Design zu machen. Dass 95% dessen, was wir an Kommunikation, an Werbung und an Design sehen, immer noch grauenhaft ist, dass liegt mindestens zu gleichen Teilen an den Designern, die das verbrechen und an den Unternehmen, die nichts anderes haben wollten.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Achim Schaffrinna.

16 Kommentare zu “Im Gespräch mit Jochen Rädeker

  1. An keinen unfairen Crowdsourcing-Events teilzunehmen und reale Projektzeiträume mit einem angemessenen Stundensatz zu kalkulieren ist schon mal ein guter Anfang.

    Wenn der Kunde dann nicht will liegt es entweder am Kunden, an der Präsentation oder das die Arbeit noch nicht gut genug ist – was häufig wieder daran liegt, das keine realen Projektzeiträume und Kosten einkalkuliert werden.

    Ich würde immer davon abraten um einem günstigen Preis zu verhandeln, davon hat der Kunde letztlich auch nichts, wenn er das Projekt aus professioneller Sicht im Anschluss einstampfen kann.

    Die Ansicht von Herrn Rädeker, seine Leistung selbstbewusst zu präsentieren und die eigene Arbeit zu hinterfragen, finde ich gut. Wenn wir das alle tun würden (was vermutlich nicht realistisch ist) würde das der Branche insgesamt gut tun.

    Ob das Design dann besser wird, steht auf einem anderen Blatt.

    Grüße
    Till

  2. @ Schrägstrich:

    Reduzieren ist mitnichten die einfachere Methode, zumindest solange es sich nicht um bloßes Weglassen handelt. Um eine Information mit zwei einfachen Elementen zu vermitteln ist meistens mehr (Hirn-)Arbeit notwendig als wenn man dieselbe Information mit fünf oder zehn Elementen vermitteln möchte.

  3. Nice Words Mr. Radeker however you need to clear up some issues before declaring such greatness.

    For example: The newspaper Aventura Paper has asked several times now for you to actually list ALL the 500 Int’l Design Awards you (Strichpunkt) claim to have received from your firms start in 1996 to date. But you REFUSE to list them. Why?

    You Received 500 Design Awards? Really?
    If you received 500 such Awards it means that you generally received almost ONE Award per Week, EVERY WEEK, for 15 Years. If you want the industry to really respect you, you should post all 500 Awards and enjoy the opportunity to show them off as we simply can NOT find the evidence of this self promotion claim.

    We realize that YOU state this in ALL polished press releases and submitted bio write-ups for various Award websites but YOU providing the write-up does not make it true. When can other designers expect to see the full 500 Award list on the Strichpunkt website?

    Your Book ‚Good Design‘
    On the release of your most recent book release „Good Design“, the Aventura Paper requested a comment from you (and Strichpunkt) explaining how you came to the title and the actual cover design. As you know, it appears that both the title and the cover design were ‚direct‘ copies of New York’s Museum of Modern Art’s 1951 design catalog. When we inquired we provided you with the jpeg of the museum’s catalog but you never responded. When we followed it up by finally posted it on Strichpunk’s FB page, again requesting clarification, you deleted it without response. Why is that?

    In this interview (above) you actually say „I am very aware that you have as a designer and a great moral responsibility.“ Nice words but when asking other designers to buy YOUR book, where you tell them how great YOU are, do you not have a ‚moral responsibility‘ to them to respond to the question of how you came to the title and the book cover design, or are these only words?

    Until these issues (and others) are cleared-up for other designers it leaves others to finally realize your game, something like Donald Trump, simply ‚telling‘ others how great he is, as if being THAT pushy will make it so. We concede that for a period of time that may work well. Then comes the time when evidence is required, or take on a new name „Donald“.

    We respectfully request that you provide answers to these questions, and to use the words that you use on the back cover of Good Design „Just Go For It“, we ask that you do just that and provide the answers.

    In this interview you also use the term „The future belongs to the brave“. Again, good words. Perhaps again, this is the moment for you to live-up to that expression too?

    P.S. „Go For It“ is a very old American term. No invention there either.

    We await your ‚braveness‘ and your ‚moral‘ response as you „Go For It“. The answers please?

    Jessie Parker
    Aventura Paper
    Covering Art Basel Miami Beach

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