Hanauer Anzeiger bekommt neue Wortmarke

Hanauer Anzeiger Wortmarke (2020), Quelle: Hanauer Anzeiger

Hanauer Anzeiger Wortmarke (2020), Quelle: Hanauer Anzeiger

Der Hanauer Anzeiger, 1725 gegründet und damit die drittälteste deutsche Tageszeitung, hat sich eine neue Wortmarke zugelegt. Fünf Jahre vor dem 300-jährigen Bestehen will man die Zeitung auch mit neuer Optik auf die Zukunft ausrichten.

Seit Anfang des Jahres ist der Hanauer Anzeiger Teil der Mediengruppe Offenbach-Post, die mit ihren Tageszeitungen in Stadt und Landkreis Offenbach rund 155.000 Leser erreicht. In der Ausgabe vom 01. September kommt erstmals die neue Wortmarke zum Einsatz, mit der sich die Heimatzeitung von ihrem bisherigen, in einer gebrochenen Schrift gesetztem Titelkopf verabschiedet.

Mit angestoßen hat diese Umstellung Thomas Kühnlein, seit Januar Geschäftsführer des Hanauer Anzeiger. Die Zeitungsköpfe hätten nicht mehr dem Inhalt entsprochen und seien deshalb grundsaniert worden, um so dem Inhalt wieder eine passende Form zu geben, „zeitgemäß, aktuell und mit klarer Haltung“, wie es seitens der HA-Redaktion heißt. „Die Zeitungen des Verlags sind klar, meinungsstark und aktiv für die Region. Die neuen Wortmarken spiegeln diese inhaltliche Haltung zu 100 Prozent wider“, so Kühnlein.

Hanauer Anzeiger – vorher und nachher, Bildquelle: Hanauer Anzeiger, Bildmontage: dt

Hanauer Anzeiger – vorher und nachher, Bildquelle: Hanauer Anzeiger, Bildmontage: dt

Die auf Basis des Google-Fonts Philosopher entworfene Wortmarke entstand in Zusammenarbeit mit der Agentur HUND B. communication (München). Zeitgleich mit der Implementierung der neuen Wortmarke ging auch das neue E-Paper-Angebot des Verlags an den Start.

Kommentar

Wortmarken von Zeitungen werden vergleichsweise selten ausgetauscht – das macht das Redesign so interessant, auch da eine Umstellung von einer gebrochenen Schrift zu einer Antiqua-Schriftart erfolgt. Wenn derlei Wortmarken modifiziert werden, dann erfolgte dies zuletzt meist mit dem Ziel, die Darstellung auf mobilen Endgeräten zu verbessern. So geschehen etwa beim Hamburger Abendblatt, deren Wortmarke 2010 von einigen typographischen Details und Haarstrichen befreit wurde, ohne allerdings dass dabei die grundsätzliche Stilistik verändert worden wäre.

Dass in gebrochenen Lettern gesetzte Zeitungsköpfe mehr und mehr aus dem Stadtbild verwinden, liegt auch daran, dass vor allem viele regionale Zeitungsmarken im Zuge des digitalen Wandels eingestellt wurden und werden. Anders als noch vor 50 Jahren sind in gebrochenen Lettern gesetzte Zeitungsköpfe mittlerweile fast ein Alleinstellungsmerkmal. Von den zehn auflagenstärksten regionalen Tageszeitungen haben lediglich die Hannoversche Allgemeine und der Kölner Stadt-Anzeiger eine Wortmarke aus gebrochenen Lettern.

Braucht es eine Wortmarke ohne gebrochene Lettern, um als moderne (Zeitungs)Marke wahrgenommen zu werden? Ganz sicher nicht. Für die New York Times oder die Frankfurter Allgemeine, die sich beide als moderne und zeitgemäße Marke begreifen, sind die jeweiligen gebrochenen Lettern essenzieller Bestandteil der Markenidentität. Kaum vorstellbar, dass diese Zeitungsmarken auf eine Antiqua-Schrift umstellen.

Das 2014 gegründete US-amerikanische Streetwear-Modelabel Palm Angels setzt innerhalb der Wortmarke auf eine „gotische“ Schrift, um sich so ganz bewusst vom Mainstream abzusetzen. Mainstream meint hier in Versalien gesetzte, serifenlose Wortmarken, die alle gleich und seelenlos ausschauen (Burberry, Saint Laurent, u.v.a.). Auch innerhalb der HipHop-Kultur sind Frakturschriften nach wie vor beliebt. Derlei Strömungen sorgen dafür, dass derlei stereotype Vorstellungen, wennschon nicht völlig verschwinden, so aber doch weniger Verbreitung erfahren, was ich persönlich ganz wunderbar finde, denn die Ästhetik von gebrochenen Schriften, die zuweilen als Nazi-Schriften stigmatisiert wurden/werden, ist eine ganz besondere.

Die Berliner Zeitung hat ihre aus gebrochenen Lettern bestehende Wortmarke nicht aussortiert, sondern diese um eine neue Instanz erweitert. Seit Mai dieses Jahres verwendet man dort in digitalen Medien den aus der Wortmarke herausgelösten Anfangsbuchstaben als Absender, um so für mehr Prägnanz zu sorgen. Innerhalb der Website berliner-zeitung.de kommt die B-Bildmarke im Wechsel mit der ausgeschriebenen Wortmarke zum Einsatz und bildet so ein responsives Logo.

Jedes Unternehmen definiert zunächst einmal selbst, für welche Werte es steht. Eine Marke ist jedoch ein organisches und sehr dynamisches Gebilde, das sich bei weitem nicht nur aus der internen Sichtweise (der Geschäftsführung) speist. Beim Hanauer Anzeiger vertritt man die Auffassung, dass mit der neuen Wortmarke Form und Inhalt besser zusammenpassen würden. Ausgehend von der Form der neuen Wortmarke ließe sich schlussfolgern, der Inhalt wäre nun konventioneller, weniger eigenständig und weniger umfassend/detailreich. Auch deshalb halte ich die Umstellung für einen Fehler. Innerhalb der eigenen Leserschaft, so vermitteln es jedenfalls die Reaktionen auf Facebook, trifft der neue Titelkopf ebenfalls auf Ablehnung, und zwar einhellig. Als jemand der selbst im Zeitungswesen tätigt gewesen ist, wäre aus meiner Sicht eine behutsame Weiterentwicklung der bisherigen Wortmarke die bessere Lösung gewesen.

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11 Kommentare zu “Hanauer Anzeiger bekommt neue Wortmarke

  1. Winston Churchill soll einmal gesagt haben: “Willst du über eine breite Schlucht springen, dann tue das mit einem einzigen, beherzten Sprung …und nicht mit vielen kleinen!”. Beim Re-Design des Hanauer Anzeigers kann ich – trotz der auffälligen Typo-Änderung – keinen wirklich mutigen Sprung erkennen. Für mich wurde hier lediglich von einer 1930er-Jahre-Optik in eine 1980er-Jahre-Optik gesprungen. Aber vielleicht passen Tageszeitungen grundsätzlich nicht mehr ins 21. Jahrhundert.

    • Ob auf Papier oder im Netz – Tageszeitungen sind im 21. Jahrhundert wichtiger denn je! Wohin Unwissenheit und Filterblaseninformationen führen, kann man aktuell in einigen Bereichen sehen. Aber es ist richtig, der große Wurf war das beim Hanauer Anzeiger wirklich nicht …

      • Ich sehe noch nicht, wie Tageszeitungen als Absender den Filterblaseninformationen etwas entgegensetzen können. Per se ist auch eine Tageszeitung nichts anderes als gefilterte Information, je nach dahinter liegendem Verlagshaus auch eine, die politisch eher in eine bestimmte Richtung tendiert, als absolut objektiv zu sein.

        Tatsache ist, der Informationsfluss an sich ist unfassbar groß. Und wer umfassend (und idealerweise nahezu objektiv) informiert sein will, kommt nicht umhin, aus seinem gewohnten Konsumschema auszubrechen. Sprich, nicht nur den eigenen Social Media Stream betrachten, nicht nur dieselben Webseiten/Zeitungen/TV-Sendungen oder Online-Streams konsumieren, sondern bewusst andere Kanäle anzapfen. Wer einmal einen vernünftigen Zugang zu Nachrichtenagenturen gefunden hat (DPA, AFP, FP, reuters, etc.), benötigt für die schlichte Übermittlung von Informationen keine Tageszeitung mehr und auch kein Magazin.

        Das Einordnen der Nachrichten ist eine andere Geschichte – hier muss einem aber bewusst sein, dass wer solche Inhalte bevorzugt, bereits in der Filterblase steckt.

      • Ich halte Menschen, die aus einer Art Trotzhaltung gegenüber den „uninformierten“ Mitmenschen eine Tageszeitung oder ein Nachrichtenmagazin lesen, für eingebildet.

  2. Achim hat in meinen Augen das Hauptübel in seinem Kommentar erfasst:

    “Eine Marke ist jedoch ein organisches und sehr dynamisches Gebilde, das sich bei weitem nicht nur aus der internen Sichtweise (der Geschäftsführung) speist. ” Oft und gerne wird dann noch auf die Meinung der Ehefrau des Hausmeisters als vermeintliche Zielgruppe verwiesen. Überspitzt formuliert, aber leider dennoch zu oft zu nah an der Realität bei solchen Prozessen…

    Das Ergebnis werden sie in wenigen Jahren wieder anfassen müssen, weil es sich so schnell überholt wie die Meldungen von gestern…

    PS: Rein vom Handwerk hat der Kollege an sich mE sauber gearbeitet, nur der Claim wirkt jetzt noch mehr aufgesetzt, den hätte man dann auch anfassen müssen…

  3. Neben dem dt gehört meine Tageszeitung zur täglichen Pausenlektüre im Job. Ich bin froh, dass es das E-Paper im Stil einer ordentlichen Zeitung noch gibt und ich nicht nur auf wild verstreute Einzelartikel auf einer Webseite zugreifen muss. Unsere Tageseitung hatte vor kurzem auch ein Design-Update bekommen. Dort wurde aber mehr Wert auf eine modernere Gesamtoptik gelegt. So wurde eine neuer Font für Überschriften und Fließtexte entwickelt und eingesetzt, ebenso hat sich die Aufteilung etwas aufgelockert. Das Logo blieb aber traditionell und wiedererkennbar das Selbe.

    Genau das Gegenteil sehe ich hier. Nur den Titel zu ändern, aber der gefühlte Rest bleibt wie es war, ist für mich kein großer Sprung. Verbesserungen sehe ich beim Blick aufs Titelblatt jedenfalls nicht. Eine Zeitungsmarke darf auch gerne noch in Altdeutscher Schrift gesetzt sein, denn der Inhalt und das Layout machen eine Tageszeitung modern und vor allem attraktiv, diese heute noch zu lesen. Egal ob auf Papier oder digital.

    • Alleine schon der Google Font unter einer Free Licence deutet darauf hin, Änderung Ja, aber es darf nix kosten. Schade, dadurch wirkt es schon lieblos.

      Die gebrochene Schrift hatte mehr Charakter und Kraft. Bei der neuen Schrift stört mich, der Bogen am H läuft nach links oben und der Bogen am A läuft nach rechts unten aus.

    • Hätte man auch analog zur alten Wortmarke anpassen und die Ausrichtung nach rechts setzen können. Auch das “A” hätte man hier grafisch an das bisherige anlehnen können.

  4. „Die Zeitungen des Verlags sind klar, meinungsstark und aktiv für die Region. …” Allerdings lese ich keine Zeitungen wegen ihrer Meinung, sondern wegen gut recherchierter Fakten. Durch so ein Selbstverständnis hat der Journalismus in Deutschland sehr viel von seinem einstigen Ansehen verloren, zumindest bei der gebildeten Leserschaft.

  5. (Auch) hier teile ich die Meinung von Achim Schaffrinna:
    “…wäre aus meiner Sicht eine behutsame Weiterentwicklung der bisherigen Wortmarke die bessere Lösung gewesen.”

    Man hätte wirklich viel mit der bisherigen Wordmarke spielen können > Stichwort: Evolition statt Revolution.

    Noch eine verpasste Chance.

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