Die Plakate zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg

DIE LINKE

Plakat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 DIE LINKE

Während DIE LINKE, die 2005 aus der Vereinigung von Linkspartei.PDS und WASG hervorgegangen ist, in Ostdeutschland als Volkspartei bezeichnet werden kann, ist ihr Zuspruch im Westen gering. Lediglich im hessischen Landtag sowie in den Bürgerschaften Bremens und Hamburgs ist sie mit Abgeordneten vertreten. Ziel in Baden-Württemberg ist es, zum ersten Mal in den dortigen Landtag einzuziehen.

Die auf Bundesebene eingenommene Position als Oppositionspartei spiegelt sich in der Regel darin wieder, indem DIE LINKE in der Wahlwerbung Gegenpositionen zu den jeweils regierenden Parteien besetzt. Demzufolge kommen auf Plakaten gerne Termini und Redewendungen wie „Gegen …“, „Statt …“ oder „Schluss mit …“ zum Einsatz, unterstützt durch den Einsatz von Ausrufezeichen, die den auf Plakaten abgebildeten Positionen Nachdruck verleihen und diese in den Rang von Forderungen heben.

Traditionell sind Plakate von DIE LINKE schriftlastig. Insofern sind die hier gezeigten Motive samt Fotografien im Rahmen einer solchen Landtagswahlkampagne ein Novum. Farblich bewegen sich alle gezeigten Fotos – im direkten Vergleich mit den Fotos der GRÜNEN wird dies besonders deutlich – in einem blau-grauen Spektrum, was zwar ein durchgängiges Konzept erkennen lässt, insgesamt jedoch blass und kühl wirkt. Gleiches lässt sich über die Gesichter sagen, die einen blutleeren Eindruck vermitteln, auch die der beiden Spitzenkandidaten Gökay Akbult und Bernd Riexinger. Lächelnde Gesichter finden sich unter den gezeigten Plakatmotiven nur wenige.

Handwerklich zu bemängeln ist der Umgang mit Schrift beziehungsweise das zu geringe Kontrastverhältnis von weißer Schrift vor hellem Hintergrund. In dieser Form sind Wahlsprüche wie „Ganzer Einsatz – Volles Konto“ bereits aus geringer Distanz kaum zu entziffern, geschweige denn im Vorbeifahren mit dem Auto. Mittels roter, vielzackiger „Burst“-Grafik wird ein Fokus auf die jeweils zentrale Kernbotschaft gesetzt, was nicht immer funktioniert und semantische Schwächen offenbart, wie die Beispiele „Spaghetti“ und „desto Steuer“ verdeutlichen. Der fehlenden Blickführung und den zu vielen Textkomponenten und Grafiken ist es geschuldet, dass das Auge ziellos über die Plakatfläche wandert. Dass trotz politisch-inhaltlicher Unterschiedlichkeit zwischen DIE LINKE und FDP auch Gemeinsamkeiten bestehen, belegt die Verwendung des Spruchs „Schaffe, schaffe …“, den bei Parteien auf jeweils einem Plakat aufgreifen.

Eigenständiger ist da schon das Großflächenplakat, auf dem einige Vokale fehlen (Abb. oben). Im Gegensatz zu dem zuvor kritisierten zu geringen Kontrastverhältnis, stellt das Fehlen der Vokale in „Bden-Wrttmbrg“ für den Betrachter jedoch ein deutlich geringeres Hindernis dar. Da wir beim Lesen bekanntermaßen nicht einzelne Buchstabe erfassen, sondern stets ganze Wörter, und das menschliche Gehirn derlei Lücken automatisch schließt, fällt das Fehlen kaum ins Gewicht. Eine nette Idee ist das Plakat, das DIE LINKE zum Wahlkampfauftakt präsentiert hat, gleichwohl schon, zumindest ist es kreativer als die Themenplakate.

Verantwortliche Agentur ist Matthies & Schnegg.

FDP

Plakat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 FDP – Hans-Ulrich Rülke

In diesem Jahr geht es für die FDP um viel: ein Scheitern in Baden-Württemberg an der Fünfprozenthürde, dürfte ein Comeback bei der Bundestagswahl 2017 deutlich erschweren. Beflügelt von den Ergebnissen bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen möchten die Freien Demokraten rund um ihren Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke im Landtag von Baden-Württemberg wieder mitregieren, so das selbst gesteckte Ziel.

Welch ein (Farb)Kontrast zu den Plakaten der GRÜNEN. Im CMYK-Farbmodell angelegt wirken die Plakate laut und grell. In Pop-Art-Manier wird der FDP-Spitzenkandidat in Szene gesetzt, jeden Farbwert eine andere dynamische Pose zeigend. Ein Design, wie man es im Kontext von Wahlwerbung bislang noch nicht gesehen hat. Auch dies ein Schritt hin zur Erneuerung der Partei. Seit Einführung des neuen Parteilogos im vergangen Jahr und dem damit verbundenen Gestaltungskonzept hat sich das visuelle Erscheinungsbild der FDP grundlegend verändert. Kraftvoll und gestalterisch mutig präsentieren sich die Freien Demokraten seitdem in Kampagnen, so auch hier. Nicht ganz so überzeugend sind die Slogans, die zuweilen holprig anmuten oder, wie etwa bei „Es heißt Fahrzeug, nicht Stehzeug“, den gesetzten Themenschwerpunkt nicht so recht erkennen lassen. Aufgrund der Machart und der damit einhergehenden Andersartigkeit kommt jedenfalls kein Auge an den Plakatmotiven vorbei. Die Aufmerksamkeit des Betrachters ist gewiss.

Wie zuletzt bei den Kampagnen der Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen zeichnet auch in diesem Fall die Agentur Heimat für die Kreation verantwortlich.

AfD

AfD Themenplakat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016

Für den ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel ist die AfD seit der Abspaltung des Parteiflügels rund um Bernd Lucke, wie Teufel vor wenigen Tagen der FAZ sagte, eine rechtsradikale Partei. Die SPD setzt sich dafür ein, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Ungeachtet dessen bescheinigen Umfrageergebnisse der AfD bundesweit mittlerweile einen zweistelligen Wert. In wie weit aktuelle Umfrageergebnisse als Zuspruch für das Wahlprogramm verstanden werden kann, das im übrigen neben der Wiedereinführung der Wehrpflicht die Abschaffung der Rundfunkgebühren vorsieht, darf in Frage gestellt werden.

Wer das Wahlprogramm der AfD durchliest, dem wird klar, dass Verschwörungstheorien, wie die von der nach Chile flüchtenden Kanzlerin, einen ideologischen Nährboden haben, aus dem sie erwachsen. Beispielsweise wird im Wahlprogramm von den „gleichgeschalteten Medien“ gesprochen, die sich in einem „Kartell der Altparteien und den Medien“ begründen. Eine solche Ideologie lassen die Plakate der AfD nicht erkennen. Auch eine „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik, wie sie der AfD auf Kundgebungen zugesprochen wird, verfängt sich in den Plakaten nicht. Selbst die hinter jedem Wahlspruch befindlichen Ausrufezeichen lassen nicht unbedingt eine „Abteilung Attacke der AfD“ erkennen. Im Vergleich dazu sind Forderungen wie „Grenzen sichern!“ oder „JA zur Familie!“ auffällig zurückhaltend. „Kinder willkommen!“ kann nur als Reaktion auf „Refugees welcome“ gedeutet werden, da die Förderung von Kindern in einer modernen Gesellschaft ein Selbstverständnis darstellt, das keinerlei Betonung bedarf. Auch das, was nicht zu lesen ist, ist in diesem Fall interessant.

Neben der SPD und den GRÜNEN verwendet auch die AfD eine Löwen-Darstellung um Heimatverbundenheit zu signalisieren, und zwar das sogenannte Baden-Württemberg-Signet, das im Gegensatz etwa zu den beiden Landeswappen nicht genehmigungspflichtig ist, sondern von jedermann genehmigungsfrei verwendet werden darf. Als einzige der hier aufgelisteten Parteien nutzt die AfD zudem eine Darstellung der Nationalfarben. Verben wie „sichern“ und „bewahren“ unterstreichen die konservative Ausrichtung. Begriffe wie „stoppen“, „verhindern“ und „wehren“ sind nicht nur Ausdruck einer kämpferischen Linie, die Kompromisslosigkeit signalisieren, sie stehen zudem in starkem Kontrast zum moderaten „LEBEN“ der SPD, dem „Augenmaß“ der GRÜNEN oder der „Freiheit“ der CDU.

Gestalterisch hinken die Plakate der AfD hinter denen aller anderen Parteien hinterher. Dass eine Futura derart lieblos und konzeptlos zum Einsatz kommt, hat der vom deutschen Typographen Paul Renner im Jahre 1927 gezeichnete Klassiker unter den Schriften wahrlich nicht verdient. Deutlich besser gewählt, und zudem taktisch clever, ist da schon die grundsätzliche Farbgebung Blau/Rot, die im politischen Spektrum nicht (dauerhaft) besetzt ist und somit für eine gute Wiedererkennbarkeit wie auch vergleichsweise hohe Eigenständigkeit sorgt. Eine auffällige Nähe in Bezug auf gestalterische Merkmale besteht allerdings mit der CDU-Kampagne zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2010, die das Ende der Regierung unter Jürgen Rüttgers bedeutete. Blau steht farbpsychologisch für Ruhe und Vertrauen. Die Kombination Blau/Rot wird unter anderem von den Versicherungsunternehmen AXA und VGH verwendet. Es drängt sich das Bild vom Wolf im Schafspelz auf.

Dass die AfD nach wie vor über kein Logo verfügt, das seinen Namen verdient, wird in der zukünftigen Auseinandersetzung mit der Partei keine Rolle spielen. Ein Stück weit bezeichnend ist ein solcher Umstand gleichwohl schon. Die Kampagne entstand ohne Beteiligung externer Agenturen. Verantwortlich ist die AfD Baden-Württemberg.

Gesamtfazit

Die Wahlplakatkampagnen der hier vorgestellten Parteien bieten insgesamt gesehen eine große Bandbreite. Von handwerklich schwach (AfD) bis gestalterisch höchst eigenständig und innovativ (FDP), von minimalistisch (SPD) bis überladen (DIE LINKE), von streng die Gestaltungsrichtlinien folgend (CDU) bis eigenständig und die Persönlichkeit des eigenen Spitzenkandidaten betonend (GRÜNE). Diese Vielfalt zeichnet den Wahlkampf in Baden-Württemberg aus. Die FDP präsentiert sich visuell von jeglichem alten Ballast befreit. Es ist dies die Kampagne mit der größten Prägnanz. Ob sich der in der Gestaltung verkörperte #GermanMut zum Neuen, zur Andersartigkeit auch im politischen Leben widerspiegelt, steht freilich auf einem anderen Blatt.

50 Kommentare zu “Die Plakate zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg

  1. all die etablierten hängen nur an ihren Pfründen, diese verantwortungslose, realitätferne Politik, wird bald gigantische chaos mit sich bringen, bürger geht zur Wahl, und zeigt ihnen die rote karte.

  2. Die Plakate sind größtenteils inhaltsleer und langweilig. Schlagworte, die jedes Jahr einfach so benutzt werden, sind vollkommen überflüssig. Die Grünen zeigen ihren Star, was bei den Umfragewerte verständlich ist. Die AFD versteht es als einzige Partei, die aktuellen Probleme darzustellen. Dies wird emotionalisierend wirken, so dass Zweifler dann – trotz Dauerbashing – diese Partei wählen. Und blau ist für viele die Farbe der Hoffnung.

    Wozu Plakate, wenn eine heile Welt suggeriert wird ? Die Menschen sind beunruhigt und sind offen bereit für eine klare Kante !

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