Nirgends wird so viel gelogen wie vor einer Wahl, sagt der Volksmund. Die Erfahrungen rund um den Brexit und US-Präsident Donald Trump scheinen ihm recht zu geben. Tatsächlich wurden in beiden Fällen mittlerweile zentrale Versprechen der Wahlsieger von der Realität einkassiert. Wasser auf die Mühlen der Politikverdrossenen. Und wie viel Realität steckt in den Wahlplakatkampagnen zur Bundestagswahl?
Sieben Wochen vor der Bundestagswahl hängen mittlerweile in allen Städten in Deutschland die Plakate an den Laternen und auf Stellwänden. Die „heiße Phase des Wahlkampfs“ hat sich in den letzten Jahren, wohl auch unter dem Einfluss vergangener US-Präsidentschaftswahlen, von wenigen Wochen auf mehrere Monate ausgedehnt. Fristen, die von Städten und Gemeinden in Bezug auf die Plakatierung gesetzt werden – üblich sind Zeiträume von 6 bis 8 Wochen –, werden immer häufiger von Parteien verletzt. Würden viele Politiker die Bedeutung des Digitalen erkennen, müsste ihnen ein Licht aufgehen, wie absurd der damit verbundene Kampf um den besten Standort für ein Plakat ist.
Immer größer wird der Aufwand, den Parteien in Sachen Wahlwerbung betreiben, was die Vermutung nahe legt, diese beeinflusse den Ausgang von Wahlen immer stärker. Das Gegenteil dürfte näher an der Wahrheit liegen, was im Umkehrschluss eine Bewertung von Wahlplakaten im Grunde überflüssig erscheinen lässt. Was sie dennoch interessant macht,…
Nirgends wird so viel gelogen wie vor einer Wahl, sagt der Volksmund. Die Erfahrungen rund um den Brexit und US-Präsident Donald Trump scheinen ihm recht zu geben. Tatsächlich wurden in beiden Fällen mittlerweile zentrale Versprechen der Wahlsieger von der Realität einkassiert. Wasser auf die Mühlen der Politikverdrossenen. Und wie viel Realität steckt in den Wahlplakatkampagnen zur Bundestagswahl?
Sieben Wochen vor der Bundestagswahl hängen mittlerweile in allen Städten in Deutschland die Plakate an den Laternen und auf Stellwänden. Die „heiße Phase des Wahlkampfs“ hat sich in den letzten Jahren, wohl auch unter dem Einfluss vergangener US-Präsidentschaftswahlen, von wenigen Wochen auf mehrere Monate ausgedehnt. Fristen, die von Städten und Gemeinden in Bezug auf die Plakatierung gesetzt werden – üblich sind Zeiträume von 6 bis 8 Wochen –, werden immer häufiger von Parteien verletzt. Würden viele Politiker die Bedeutung des Digitalen erkennen, müsste ihnen ein Licht aufgehen, wie absurd der damit verbundene Kampf um den besten Standort für ein Plakat ist.
Immer größer wird der Aufwand, den Parteien in Sachen Wahlwerbung betreiben, was die Vermutung nahe legt, diese beeinflusse den Ausgang von Wahlen immer stärker. Das Gegenteil dürfte näher an der Wahrheit liegen, was im Umkehrschluss eine Bewertung von Wahlplakaten im Grunde überflüssig erscheinen lässt. Was sie dennoch interessant macht,…
Achim Schaffrinna ist Designer und Autor. Hier im Design Tagebuch, 2006 von mir gegründet, schreibe ich über die Themen Corporate Identity und Markendesign. Ich konzipiere und entwerfe Kommunikationsdesign-Lösungen und unterstütze Unternehmen innerhalb von Designprozessen. Designanalyse ist Teil meiner Arbeit. Kontakt aufnehmen.
Wär doch schade drum, meinen Kommentar nur auf Facebook abzukippen, daher auch hier: Schöner Überblick, über die Kampagnenmotive der Parteien. Wie gewohnt, gibt es nur populistische Sprüche. Die Designs der FDP gefallen mir tatsächlich am besten. Die Idee, Kleingedrucktes zu verwenden, ist auf den ersten Blick tatsächlich cool. Mit etwas Reflexion kann da aber ein Bumerang draus werden: Will die “liberale Wirtschaftspartei” wirklich ausgerechnet für Kleingedrucktes stehen, das sonst ein Synonym ist für “Hier steht, warum du am Ende doch die Arschkarte bekommst.” Die Plakate der SPD sind besser getextet als gestaltet. Das in jeder Hinsicht langweilige und uninteressante Design im Stil von Sparkassenwerbung ruft laut “Guck woanders hin!” und passt damit sehr gut dazu, dass die Slogans ohnehin niemand mehr glaubt. Bei der CDU das Gegenteil: Inhaltlich sind die Plakate vollkommen blah, was ok ist, da die CDU keine Inhalte verkaufen will sondern Angela Merkel. Dafür haben es die Designer geschafft, mit einem frischen Design konservativ zu wirken. Völlig missraten sind die Plakate der Grünen. Die recht prägnanten Texte sind so unleserlich über schwer zu erkennende Bilder gelegt, dass am Ende ein grafischer Salat übrig bleibt. Nur die Plakate mit Köpfen funktionieren. Da sind die Plakate der Linken besser, obwohl sie auch schlecht sind und wirken, als hätte mal jemand 1998 mit Corel Draw gespielt. Wenigstens transportieren sie ihren Inhalt. Auf der Webseite finde ich bei der Linken keine Plakate mit Köpfen. Das ist sehr problematisch. Ich halte nichts vom Konzept “Themen statt Köpfe”. Wahlversprechen sind populistische Slogans und Programminhalte nicht viel wert, wenn es um konkrete Koalitionsverhandlungen geht. Ich will wissen WEN ich wähle. Ich fürchte, das macht die AFD ziemlich gut. Sie zeigt Köpfe und versieht ihre Slogans mit Menschen mit denen sich die Betrachter identifizieren können. Das macht so keine andere (große Partei) außer der SPD. Dass die Plakate grafisch so scheußlich sind, wie ihr Inhalt, muss kein Nachteil sein, schließlich gibt es auch Leute, die auf vergleichbar gestaltete Briefkastenwerbung hin Weihnachtsmarktreisen buchen.
In der Tat. Danke auch an Dich für den Kommentar und Deine Einschätzungen!
Ich weiß nicht … Wir hatten zu Studienbeginn vor zwanzig Jahren mal die Aufgabe, eine Kampagne für eine fiktive Partei zu entwerfen. Ich glaube, gleich drei Studenten hatten die Idee, das komplette Programm auf ein Großflächenplakat zu drucken … Cool finde ich daran also überhaupt nicht die Idee, sondern die Macht von heimat, das durch- bzw. umzusetzen.
Natürlich kann man Wahlplakate nie so ganz entkoppelt von der politischen Brille nach rein formalen Kriterien bewerten, aber man kanns ja mal versuchen. Prinzipiell spiegelt sich in den Plakaten der harm- und ideenlose Wahlkampf 2017 wider. Die CDU macht, was sie am besten kann: Vertrauen und Verlässlichkeit kommunizieren. Nationalfarben, ein Schuss Modernität und Dynamik durch die geometrischen Flächen, schnörkellose no-nonsense Botschaft oder die Kanzlerin drauf, fertig. Mehr muss sie nicht, und das funktioniert inhaltlich und formal ganz gut.
Die Reduktion aufs Quadrat und Helvetica-Sprödigkeit der SPD gefällt mir ganz gut und besser als die weichgespülteren Vorgängerversionen. Inhaltlich muss man allerdings ein gewisses Wohlwollen mitbringen, um der “Jetzt-machma-alles-anders”-Rhetorik zu folgen.
Mit ähnlichen Problemen haben die Grünen zu kämpfen, die formal in magenta und grün gut auf den Punkt kommen: Die Slogans sind fast schon zu gut oder so glatt, dass man sie bedenkenlos in den Lehrerkalender schreiben kann. Aber als echter Impulsgeber positionieren sie sich leider nicht.
Dem Jubel über die Gefühlsprosa der FDP kann ich nicht so ganz folgen. Natürlich ist das Wahlprogramm als Plakat eine witzige Idee, und auch die Headlines sind so gut wie die letzte Commerzbank-Kampagne. Aber mit den selbstverliebten Lindner-Moodshots werde ich als Wähler auf eine negative Assoziationsschiene gesetzt, an deren Ende nicht die FDP als neu denkende Partei steht, sondern ihr Parteichef als Möchtegern-Macron oder Peek&Cloppenburg-Model.
Die Linke hat sich von dem starren Agitprop Rotweißschwarz gelöst, was ja an sich nicht schlecht ist. Das Neue ist aber in Idee und Umsetzung so meeeh … Da wäre mehr drin gewesen.
… und die afd-Plakate sind so doof, dass man eigentlich gar nicht darüber diskutieren müsste. Formal sieht es zwar fast schon wie Gestaltung aus, komplett mit dem irren grellem Stockphoto-Mix, aber was da inhaltlich passiert, ist schon sehr düster.
Inhaltlich am überraschendsten ist ein Plakat der CDU: Endlich haben wir auch in Deutschland die Ehe für alle (an 1. Oktober), da packt sie Hetze gegen Nicht-Hetero-Norm-Familien auf ein Wahlplakat. Bislang kannten wir das einzig und allein von der AfD. Aber damit zeigt sie, dass die oft behauptete Modernisierung der CDU eine Fehlwahrnehmung ist, wilde Ästhetik hin oder her. Die nationalistische Grundierung haut in dieselbe Kerbe.
Sie meinen also auf einem Plakat der CDU irgendwo Hetze gegen die “Nicht-Hetero-Norm-Familien” zu erkennen?
Gratuliere, bei ihnen hat die Gehirnwäsche also schon zu 100% Wirkung gezeigt.
“kritischer Wähler” und “Gehirnwäsche”, sehr schön. Jetzt fehlt nur noch ein “besorgter Bürger” und mein Bullshitbingo ist voll!
Anstatt sich an ihrem Bullshitbingo zu erfreuen, könnten Sie mir ja möglicherweise erklären, warum “Ein Hetero” glaubt irgendwo “Hetze” festzustellen?
Oder seid wann ist die Darstellung einer Familie, die aus einer Frau und einem Mann sowie aus einem Kind besteht gleichbedeutend mit Hetze gegen „Nicht-Hetero-Norm-Familien“.
Wer da so etwas hineininterpretiert, der muss schon eine sehr verzerrte Wahrnehmung haben. In weiß ja nicht, in welchem Land Sie leben, aber die ganz überwiegende Mehrheit der Familien in Deutschland besteht aus Hetero-Norm-Familien.
Das Problem ist nicht, dass ich die Hetze sehe, sondern dass Sie die Hetze nicht sehen.
Was ich von der “Hetze” halte, habe ich schon in einer anderen Antwort hierzu geschrieben.
Aber Vorsicht mit Behauptungen: Bei einer Scheidungsrate von fast 50% sollte man davon ausgehen (ohne, dass ich jetzt konkrete Statistiken zitieren kann), dass nicht die “ganz überwiegende Mehrheit” in “Hetero-Norm-Familien” aufwächst, sondern ähnlich viele Kinder von Alleinerziehenden, Patchwork-Paaren oder sonstigen Lebenskonstrukten aufgezogen werden, die alle dem althergebrachten christlichen Weltbild nicht entsprechen.
Wohlgemerkt: Die Mehrheit wird dabei von heterosexuellen Personen erzogen. Allerdings ist das nur selbstverständlich, da eine Ehe bisher unter Homosexuellen ausgeschlossen war und auch eine Adoption für Homosexuelle sehr erschwert wird.
Wahrscheinlich bin ich als Systemling aber auch schon der Gehirnwäsche verfallen, weil “die da oben” das deutsche Volk durch vermeintlich legitime Homosexualität schwächen wollen.
Dass die CDU auch nach dem längst überfälligen Einknicken bei der Ehe auch weiterhin ihr heteronormatives Familienbild propagiert, war doch wohl absehbar. Wirkliche “Hetze” kann ich hier nicht erkennen.
An und für sich ist es doch außerdem sehr begrüßenswert, dass die CDU ihre “Werte” weiterhin vertritt und sich nicht mit den Erfolgen anderer zu schmücken versucht. Die CDU steht schlichtweg nicht für diese Art der Gleichberechtigung und etwas anderes sollte dem unbedarften Wähler auch nicht suggeriert werden.
Make Schnitzel Schwein again.
Wohl weil man mit “Wien heim ins Reich” nicht soviel punkten kann.
Dazu passt dann aber auch die Schweizer Agentur.
Weil in Deutschland kein Schwein für die AfD arbeiten will.
Könnten wir bitte auch eine Bewertung der CSU haben? Rein optisch scheinen die eigenständig genug zu sein, als dass sich das lohnt.
Da die Unionsparteien gemeinsam antreten und im Deutschen Bundestag gemeinsam eine Fraktion bilden, würde es das Bild verzerren, die Plakate der CSU hier gesondert vorzustellen. Es war also keine Frage der Optik, die CSU-Plakate hier unberücksichtigt zu lassen.
https://www.instagram.com/cl2017/
Auf dem Instagram Account von Christian Lindner finden sich noch vier weitere Bundestagsplakte.
Danke für den Hinweis.
Falls die FDP bei dieser Wahl wieder scheitert, steht CL ja offenbar eine grandiose Karriere als Model – Stil “Sexy Entscheider” – sperrangelweit offen ;)
2009 gab es im Saarland schon eine Jamaika-Koalition, auf kommunaler Ebene ebenfalls schon gelegentlich. Die Einleitung zur FDP deshalb vieleicht etwas abändern.
Ansonsten vielen Dank für diese spannende Übersicht. Als branchen-ferner Betrachter bin ich ja zumeist eher Opfer denn Analyst. Gerade die Grünen sollten doch mehr auf Lesbarkeit achten. Die SPD hingegen plakatiert wie eine klassische Oppositionspartei mit sehr vielen Verbesserungsvorschlägen. Bei uns in Schleswig-Holstein trat sie bei der Landtagswahl ähnlich auf und musste sich zurecht fragen lassen, waraum man in der letzten Verantwortungsperiode das alles nicht auch schon erreichen konnte.
Danke für den Hinweis hinsichtlich der Jamaika-Koalition im Saarland! Der Beitrag wurde entsprechend korrigiert.
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