Debatte über unbezahlte Pitches: Wenn Agenturen Leistungen in Höhe von 400.000 € erbringen und leer ausgehen

Police Luxembourg Pitch

Im Oktober dieses Jahres wurde die neue visuelle Identität der Luxemburger Polizei der Öffentlichkeit präsentiert (dt berichtete). Im Nachgang dazu haben sich neun der insgesamt vierzehn am vorausgegangenen Pitch teilnehmenden Agenturen formiert, um ihren Unmut über die aus ihrer Sicht unfairen Pitch-Bedingungen zu äußern.

Agenturen, die an der Ausschreibung für die Entwicklung einer neuen visuelle Identität für die Luxemburger Polizei teilgenommen haben, erhielten keinerlei Aufwandsentschädigung für ihre Leistung. Um die Chance auf die Erteilung des Auftrags zu haben, mussten alle Agenturen für lau arbeiten.

Eine in der Kreativbranche auch über die Landesgrenze hinweg leider weit verbreitete Praxis: bereits mit Einreichung des Angebotes werden von Seite des Auftraggebers nicht selten komplett ausgearbeitete Corporate-Design-Lösungen erwartet, ohne dass die Agentur hierfür Geld erhält. Ein pervertiertes System, das es in dieser Ausprägung wohl in keiner anderen Branche gibt. Ein Ausscheren seitens der Agenturen aus diesem Teufelskreis birgt die Gefahr, weniger bis hin zu keine Aufträge mehr zu erhalten. Ein höchst unanständiges Spiel, bei dem kleine wie große Unternehmen bis hin zu staatliche Institutionen und Ministerien seit Jahren mitmachen, auch und in besonderem Maße in Deutschland.

In dem konkreten Fall lag das Gesamtbudget, das seitens des Ministeriums für innere Sicherheit für die Neuentwicklung der visuellen Identität inklusive der Implementierung des Designs über alle Medienanwendungen hinweg bereitgestellt hat, bei rund 825.000 Euro. In diesem Budget sind auch der Entwurf und der Bau eines neuen Informationsstandes und die Definition einer neuen Klangidentität enthalten. Kaum vorstellbar, dass die Berücksichtigung eines gesonderten Kostenpostens, der die Bereitstellung einer Aufwandsentschädigung beispielsweise in Höhe von 1.000 Euro pro Agentur vorsieht, nicht vom Ministerium zu stemmen gewesen wäre. Wichtiger noch als das Geld wäre die auf diese Weise durch die ausschreibende Stelle zum Ausdruck gebrachte Anerkennung und Wertschätzung hinsichtlich der erbrachten Leistung gegenüber den Agenturen.

Neun der beim Pitch beteiligten Agenturen haben sich nun in einem gemeinsamen Aufruf an die Öffentlichkeit gewandt, um auf diese Weise eine Debatte über unbezahlte Pitches anzustoßen. Sie rechnen vor, dass im Zuge der Einreichungen pro Agentur 300 bis 400 Arbeitsstunden angefallen seien, was von der Gesamtsumme (aller beteiligten Agenturen) einem Gegenwert in Höhe von 400.000 Euro entspräche. Gleichzeitig werben die Agenturen für mehr Transparenz im Zusammenhang mit derlei Ausschreibungen. Aus diesem Grund haben sich die Agenturen dazu entschlossen, ihre eingereichten Arbeiten zu veröffentlichen, auch um den Wert dieser Kreativleistung hervorzuheben. Ein Wert, der nach Ansicht der Agenturen auch finanziell honoriert werden sollte.

Diese Auffassung teile ich uneingeschränkt. Eine Debatte, die unbedingt auch hierzulande in die Öffentlichkeit getragen gehört. Wenn man sich das Ziel gesetzt hat, die hiesige Wirtschaft zu fördern, muss man auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Leistungen fair und angemessen honoriert werden. Unentgeltlich zu arbeiten kann sich kein Unternehmen und auch kein Staat auf Dauer leisten. Hier stehen Regierungen in der Verantwortung. Das Einfordern unbezahlter (Kreativ)Leistungen muss aufhören, da es die erbrachte Arbeit entwertet!

Die ganze Absurdität von unentgeltlich erbrachten Designleistungen im Rahmen von Pitches wird in dem Video #saynotospec auf den Punkt gebracht.

42 Kommentare zu “Debatte über unbezahlte Pitches: Wenn Agenturen Leistungen in Höhe von 400.000 € erbringen und leer ausgehen

  1. Erst bei sowas mitmachen und dann drüber jammern? Wenn keiner bei sowas mitmachen würde dann würde sich das ganz schnell aufhören. Zumal ja die Bedingungen im Vorfeld ja bekannt waren.

    • Dafür gibt es im Vorfeld immer die Möglichkeit, sich mit Agenturen zusammenzusetzen und Gespräche zu führen, deren Portfolios und Referenzen zu studieren – um dann zu entscheiden, ob es passt. Wem die erforderliche Kenntnis fehlt, Droiden von Menschen zu unterscheiden, kann allerdings nicht geholfen werden.

      • Das kann nur jemand tun, der sich mit der Materie auskennt.
        Und viele große Agenturen haben das erkannt und schicken inzwischen gezielt ausgewähltes und rhetorisch begabtes Personal um potentielle und fachlich unbedarfte Auftraggeber mit mehrmals recycelten Arbeiten einzuwickeln.
        Ausschreibungen wie obige müssen aufgrund von Vergabeverfahren in speziellen Portalen und Amtsblättern verkündet werden. Die stetige Marktbeobachtung solcher Portale und Amtsblätter können sich nur große Agenturen leisten. Und für diese sind Krokodilstränen nun wirklich fehl am Platze; zumal wohl kaum davon auszugehen ist, daß die Kreativleistung -so sie denn tatsächlich neu geleistet wurde und nicht bereits recycelt wurde- danach in den Mülleimer landet.

      • @ Wolfgang Wiese

        Recycling ist in der Tat nicht das Unintelligenteste ;-) , wenn die Preise und das Marktgebaren im Eimer sind.

        Habe auch schon inhaltliche Ideen recycelt. Das ist sogar wirtschaftlich vernünftig, nicht jedesmal das Rad neu zu erfinden – auch nicht im kreativen Bereich.

        Aber nie typische formale Ideen ( jedenfalls solange sie vorher nicht öffentlich waren, habe da meinen persönlichen Fundus. Jeder sollte einen haben).
        Da sind manche Anbieter schon frecher.

  2. Kein Mitleid mit den Teilnehmern, die in diesem Pitch leer ausgegangen sind. Mich würde zudem interessieren, ob jede dieser Agenturen auch das Fass geöffnet hätten, wären sie als Sieger aus diesem unheilvollen Prozedere hervorgegangen. Sieht in der verlangsamten Wiederholung ein wenig nach einem gepflegten Nachtreten aus.

  3. Ein Pitch ist für viele Agenturen anscheinend die einzige Möglichkeit, an größere Auftraggeber zu gelangen. Über die Teilnahme muss jeder für sich selbst entscheiden, besonders dann, wenn die Bedingungen klar formuliert sind. Wir nehmen grundsätzlich nicht an unvergüteten Ausschreibungen und Pitches teil.
    Die Problematik ist einleuchtend und auch für Auftraggeber nahvollziehbar: In einem ausgearbeiteten Konzept steckt das gesamte Know-how, einschl. Einarbeitung ins Thema, Recherche, Idee und Entwurf. Und somit der gesamte Kern der Arbeit.
    Wer für diese entscheidende Leistung auf eine Vergütung verzichtet, verschenkt sein Kapital. Das kann man sehr gerne machen, wenn es um wohltätige Dinge geht. Alle anderen Auftraggeber sollten erkennen, dass das nicht geht.

  4. Ich arbeite seit 13 Jahren als deutscher Designer in Wien und habe hier seit dieser Zeit kaum einen Pitch erlebt, bei dem an die »Verlierer« ein Aufwandshonorar gezahlt wurde. Hier ist es fast durchweg usus, dass Agenturen völlig gratis und damit auf volles Risiko pitchen.
    Ich selbst weigere mich schon seit vielen Jahren hartnäckig, Ideen und Designs unentgeltlich zu präsentieren. Leider dann eben mit der Folge, an interessanten Ausschreibungen nicht teilnehmen zu können.
    Ich sehe es ebenso wie einige der Vorredner: Erst am Gratis-Pitch teilnehmen und hinterher mosern, ist die völlig falsche Politik. JEDER Kreative und JEDE Agentur sollte diese Art der Selbstausbeutung und Kreativ-Prostitution strikt boykottieren.

  5. Sorry, falls ich hier als Laie nicht ganz im Bilde bin, aber welche Designfirma hat denn bitteschön tatsächlich 400.000 Euro in die Entwicklung gesteckt??? Das müssten schon unmenschliche Stundenlöhne bei jahrelanger intensiver Arbeit gewesen sein.

    Fakt ist doch, die Arbeit, wenn diese vom Kunden angenommen wird, mag am Ende zwar diesen Preis haben, aber die tatsächlichen Ausgaben für den nicht erwählten Design-Entwurf sind mit Sicherheit weit unter dieser Preisspanne.

    Man möge mich für meine Einschätzung bitte nicht steinigen, vielleicht liege ich ja auch komplett daneben. Wenn es tatsächlich derart massive Verluste gibt, dann muss ich auch nur sagen, dass man nach dem Lesen und Teilnehmen an der Ausschreibung selbst Schuld ist.

    • aber welche Designfirma hat denn bitteschön tatsächlich 400.000 Euro in die Entwicklung gesteckt???

      Es ist dies das geschätzte Gesamthonorar aller beteiligten Agenturen, siehe dazu im Artikel: „dass im Zuge der Einreichungen pro Agentur 300 bis 400 Arbeitsstunden angefallen seien, was in Summe einem Gegenwert in Höhe von 400.000 Euro entspräche.“

      • Ich dachte gerade ich fall aus allen Wolken … Ich konnte die Rechnung nämlich auch nicht nachvollziehen, denn im Text steht:

        [..] dass im Zuge der Einreichungen pro Agentur 30 bis 40 Arbeitsstunden angefallen seien, was von der Gesamtsumme (aller beteiligten Agenturen) einem Gegenwert in Höhe von 400.000 Euro entspräche.

        Also irgendwo steckt der Fehlerteufel drin …

      • [..] dass im Zuge der Einreichungen pro Agentur 30 bis 40 Arbeitsstunden angefallen seien, was von der Gesamtsumme (aller beteiligten Agenturen) einem Gegenwert in Höhe von 400.000 Euro entspräche.

        700 bis 1100 € (je nachdem ob der Wert jetzt für 9 oder 14 Agenturen gilt) klingt schon nach einem etwas utopischen Stundensatz!

    • Ganz einfache Rechnung:
      9 Agenturen x 400 Stunden x 110 € pro Stunde = fast 400.000 €

      Das heißt ja nun nicht, dass so viele Kosten durch Löhne entstanden sind. Ich kenne auch nicht den Stundensatz von Luxemburgischen Agenturen. Aber in Deutschland sind Stundensätze um die 100€ als Endkundenpreis völlig normal.

      Selbst wenn man mit den niedrigsten Zahlen rechnet, kommt man auf Summe in ähnlicher Größenordnung:
      9 Agenturen x 300 Stunden x 90 € pro Stunden = 243.000 €

      Und diese Rechnungen zeigen doch nur, um welche Größenordnungen an Verlusten geht. 200.000 € die nicht entlohnt werden kann neunmal nicht jede Agentur so einfach durch andere Aufträge auffangen.

      • Okay, hatte heute nur Zeit den Text zu überfliegen. Die Summe wirkt natürlich in der »Schlagzeile« etwas gewaltiger. Das sind dann im Durchnitt für eine Agentur um die 45.000 €. Das ist nicht ganz so viel, aber immerhin eine Preislage, wo ich mir gut überlegen würde, einen Entwurf abzugeben, in dem Wissen, das Geld könnte in den Sand gesetzt sein…

        Aber auch wie »thomas« unten durch »Architektur« ergänzt hat, sind diese Berufsgruppen – ich bitte um Entschuldigung – nicht die Notleidensten in der Verdienerliste. Wenn ich einen Puffer von 50.000 € habe (oder auch nicht) und das Risiko eingehe, es zu verlieren, fehlt mir als normaler Arbeiter leider trotzdem irgendwo das Mitleid. ;-)

  6. Unabhängig vom konkreten Fall: Das Hauptproblem ist, dass im Gegensatz zum Wettbewerbswesen bei z.B. Architekten, in unserer Branche keine genormten Verfahren mit Fachjury etc. existieren. Man ist der Entscheidung nach Präsentation meist völlig erklärungsfrei ausgeliefert. Es werden weder 2. noch 3. Plätze vergeben und auch keine Ankäufe getätigt. Genau das verlangt nach zumindest pauschaler und im Regelfall eher symbolischer Vergütung. Zumal es sich in vielen Fällen um zweistufige Verfahren handelt, also die Leistungsfähigkeit der Agentur vorab durch Referenzen, Mindest-Jahresumsätze, Erfahrungs- und Qualifikationsnachweise etc. abgeklärt wurde und man zum Pitch geladen wird. Das Briefing für den Entwurf ist meist so schwammig, dass letztlich nur das Glück und der persönliche Geschmack der »Jury« entscheidet, wer den Zuschlag aufgrund des präsentierten Entwurfes bekommt.

  7. Leider auch ein im Messebau, in der IT, in der Industrie und bei anderen Dienstleistungen ein durchaus völlig normales Vorgehen und nicht wirklich auf die Designbranche beschränkt – ein bis zwei Wochen Arbeit gehen bei mir bekannten Messebaufirmen, IT-Unternehmen (Individualsoftware oder -projekt), Ingenieurgesellschaften, … schnell für eine detaillierte Angebotsstellung drauf, die nur mit einem mehr oder weniger ausgearbeitetem Konzept funktioniert. Die meisten potentiellen Auftraggeber halten es jedoch nicht für nötig, ihre Entscheidung oder gar Gründe für die Ablehnung mitzuteilen. Oft stecken Einkaufsplattformen bzw. eher der Zentraleinkauf dahinter, der möglichst objektiviert die eigentlich sehr individuellen Dienstleistungen versucht zu bewerten. Gelingt natürlich nicht. Da hilft nur, diesen Weg der Akquisition auszuschließen und andere Vertriebswege einzuschlagen. Ist möglich, will aber hart erarbeitet werden – weil sie oft auf persönlichen Kontakten und persönlichen Vertriebsaktivitäten fussen.

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