Aus Flussgeometrie wird Typo und Identität – die neu geschaffene Marke Amazônia
Die brasilianische Amazonasregion erhält erstmals eine einheitliche Markenidentität. Amazônia, von FutureBrand São Paulo im Auftrag von RAI (Rotas Amazônicas Integradas) und Embratur (Brasilianisches Tourismusinstitut) entwickelt, vereint neun brasilianische Bundesstaaten unter einer gemeinsamen visuellen Plattform.
Die Marke „Amazônia“ vereint die neun brasilianischen Bundesstaaten Acre, Amapá, Amazonas, Maranhão, Mato Grosso, Pará, Rondônia, Roraima und Tocantins unter einer gemeinsamen touristischen und wirtschaftlichen Identität. Zusammen umfasst das Gebiet Amazônia Legal eine Fläche von rund 5.217.423 km², was dem 14,6-fachen der Fläche Deutschlands entspricht.
Zentrales Gestaltungselement innerhalb der neu geschaffenen Markenidentität ist eine eigens entwickelte Typeface namens „Igaratype“. Der Name leitet sich von dem indigenen Wort „igarapé“ ab, mit dem Wasserwege im Amazonasgebiet bezeichnet werden. Die Buchstaben des Markenschriftzugs Amazônia wurden aus den tatsächlichen Verläufen des Amazonas und seiner Nebenflüsse abgeleitet. Grundlage dafür waren Satellitendaten und geografische Koordinaten der Flussläufe. Dabei kartierten die Designer 25.000 Kilometer Wasserläufe und extrahierten daraus ein vollständiges Alphabet.
Die visuelle Sprache ist hochdynamisch. Während der Schriftzug die Klammer bildet, sorgen Farbklima und Illustrationen für die nötige Differenzierung. Die Palette orientiert sich an der Flora, Fauna und den indigenen Kulturen der Region. Um die Authentizität zu wahren, wurden lokale Künstler aus allen neun Bundesstaaten in den Entstehungsprozess einbezogen, darunter die Illustratorinnen Cristo, Winy Tapajós, Malu Menezes und Beatriz Belo, die Fotografen Ori Junior und Bob Menezes sowie der Lettering-Künstler Odir Abreu und das Instituto Letras que Flutuam.
Zusätzlich zur touristischen Vermarktung fungiert das Logo als Herkunftssiegel „Feito de Amazônia“ (zu Deutsch „Hergestellt in Amazonien“), um lokale Produkte und nachhaltige Bioökonomie zu zertifizieren. Gestalterisch markiert das Projekt einen Wendepunkt weg von rein symbolischen Logos hin zu datengestützten, ortsspezifischen Markensystemen. Es ist der Versuch, eine immense kulturelle Komplexität auf 60 % der Fläche Brasiliens durch ein verbindendes Element – das Wasser – lesbar zu machen.
Der vollständige Markenauftritt ist unter visiteamazonia.com.br zugänglich, die interaktive Schrift unter igaratipo.visiteamazonia.com.br.
Das nachfolgende Video veranschaulicht den Prozess, wie die Flussschleifen des Amazonas mittels Satellitendaten direkt in die Formgebung der Markentypografie übersetzt wurden.
Mediengalerie
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual Typeface, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding – Herkunftssiegel, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Tourism Brand Design Logo, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Tourism Brand Design, Quelle: visiteamazonia.com.br
- Amazonia Branding Visual, Quelle: visiteamazonia.com.br




























Wow! Das sieht mir danach aus, als hätte da jemand sehr viel Aufwand und Herzblut insbesondere in den Schriftzug (nein: in eine ganze dynamische Schriftart!) reingesteckt. Das ist doch mal eine richtig handfeste Herleitung im Vergleich zu den abstrusen Geschichten, die oft in den Pressemitteilungen konstruiert werden. Dazu eine tolle Website. Respekt. Gefällt mir.
Beim Teaserbild dachte ich mir noch so “ufff, naja”, aber dann kamen die weiteren Visualisierungen und: wow! Damit hab ich nicht gerechnet. Was eine (in bester Hinsicht) zeitgemäße grafische Sprache! Darüber hinaus vielseitig, mutig und mit einer wunderbaren und authentischen Herleitung! Ganz großes Ding!
Von der Herleitung her sicher außergewöhnlich – fachlich beeindruckend, mutig in der Umsetzung und absolut nachvollziehbar, dass das in der Design-Bubble gefeiert wird.
Aus der Perspektive eines – zugegebenermaßen eher konservativen – Markenmanagers hätte ich es aber wohl nicht so gekauft. Für mich ist es zu verspielt, zu verkopft und an vielen Stellen zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Markenerinnerung wird dadurch unnötig schwer; die Schrift ist häufig nur mit Mühe lesbar, selbst wenn man schon weiß, was dort stehen soll.
Die Herleitung über Flussgeometrien und Satellitendaten ist zweifellos stimmig und in sich stringent – nur kennen diese Geschichte eben vor allem die Absender, nicht die Empfänger. Die fragen sich erst einmal: „Was soll das heißen?“. Das kann zwar Aufmerksamkeit und Verweildauer erhöhen, birgt aber ebenso das Risiko, dass Menschen früh aussteigen, weil ihnen der Zugang fehlt.
Aus Designsicht also ein außergewöhnliches, mutiges Projekt – aus Markensicht für mich eher solide Mitte: stark in der Idee, schwächer in der alltagstauglichen Wiedererkennung.
Oh, interessante Perspektive. Danke für die Einschätzung!
Mir ist es fast schon etwas zu viel des Guten. Die plakative Serifenlose hätte aus meiner Sicht zum Beispiel durchaus noch neutraler und zurückhaltender sein dürfen um der Amazonia-Schrift mehr Präsenz zu lassen. Auch farblich macht das alles ziemlich viel Musik. Da ist das Karton-Hangtag mal eine richtige Wohltat zwischendrin. Einen Tick weniger wäre hier noch etwas mehr gewesen. Trotzdem beeindruckende Arbeit und sicher einer der herausragenderen Cases dieses Jahr.