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Aral – alles super, alles flat

Aral Logo, Quelle: Aral
Aral Logo, Quelle: Aral

Vor 20 Jahren wurde bei Aral, bis 2002 eine zur Veba Oel AG gehörende Marke, im Zuge der Umstellung auf einen neuen Markenauftritt ein mit Farbverläufen und Licht- und Glanzeffekten ausgestattetes Logo eingeführt. Nach zwei Jahrzehnten verabschiedet sich die Marke von Pseudo-Dreidimensionalität und Pseudo-Materialität – obschon die damit einhergehende Ästhetik seit geraumer Zeit eine Renaissance feiert.

Im Hinblick auf die aktuellen Designsprachen von Microsoft (Fluent Design), Google (Material Design) und Apple (Liquid Glass) kann man leicht den Eindruck gewinnen, puristisches Design habe ausgedient. In den Designabteilungen einflussreicher Tech-Konzerne wird seit einiger Zeit offenbar nach dem Motto „flat is dead“ verfahren. Zumindest lässt sich im Kontext UI/UX ein Trend hin zu einer üppigeren, (wieder) verspielten Bildsprache und detailreichen Oberflächengestaltung beobachten, siehe dt-Beitrag The Return of Glossy Look.

Pseudo-Dreidimensionalität, Glossy-Look und skeuomorphe Designelemente prägten Anfang der 2000er-Jahre das Internet und die digitalen Medien. Das dreidimensionale Aussehen von Bedienelementen und Schaltflächen half uns dabei das damals noch neue Medium zu entdecken. Zudem entsprach die Ästhetik dem damaligen Zeitgeschmack. Da sich auch Markenkommunikation und Kommunikationsdesign stets am Zeitgeschmack orientieren, wurden unzählige Markenlogos mit Farbverläufen, Schattenwurf und Glanzeffekten ausgestattet, siehe dt-Beitrag „Immer mehr Logos mit Farbverläufen“.

Mini und Audi gehörten zu den ersten Automarken, die dem Skeuomorphismus abschworen, und stattdessen auf ein minimalistisches Design umgeschwenkt sind, gewissermaßen zurück zu den Basics, zum Ursprung: einfarbig und flächig. So wie die Markenzeichen von Meissen, Lufthansa oder Mercedes. Mercedes ist im April letzten Jahres zum minimalistischen Stern zurückgekehrt. Wie bereits vor 19 Jahren schon einmal, wenngleich nur kurzzeitig.

Nun kehrt auch die Marke Aral zu ihrem schlichten Logo zurück: einfarbig blau gehalten, ohne Farbverläufe und Glanzeffekte. Lediglich der Blaufarbton wurde angepasst – dieser ist kräftiger, leuchtet satter.

Aral Logo „Alles super.“ – vorher und nachher, Bildquelle: Aral, Bildmontage: dt
Aral Logo „Alles super.“ – vorher und nachher, Bildquelle: Aral, Bildmontage: dt

Das auf der Spitze/Kante stehende Quadrat, im Corporate Design von Aral als „Diamant“ bezeichnet, hat nun wieder eine flache, zweidimensionale Anmutung. Der darunter befindliche Marken-Claim „Alles super“ wurde anstatt in „Aral V3 Bold“ im Schriftschnitt „Aral V3 Bold Extended“ gesetzt. Alle Stilmerkmale, die dem Quadrat eine glänzende Oberflächenanmutung verliehen haben, wurden entfernt. Gut so, werden womöglich einige sagen. Allerdings war die Gestaltung keinesfalls unnützes „Grafik-Schnickschnack“.

Das bisherige Logo sieht aus einem ganz bestimmten Grund so aus wie es aussieht: mit Hilfe der Glossy-Look-Ästhetik wird die Beschaffenheit und das Aussehen einer im Sonnenlicht glänzenden Tankstellenpylone mit bedruckter/beklebter Acrylglas-Front nachgeahmt. Ziel ist das Erreichen von Konvergenz, im visuellen Erscheinungsbild. So wie die innerhalb der Markenkommunikation verwendeten Logos von Automarken das Aussehen der Embleme nachahmen, die an der Front eines Fahrzeugs angebracht sind, ihre dreidimensionale Beschaffenheit.

Über die Jahre hat sich die Darstellung von Markenemblem und Markenlogo angeglichen, auch deshalb, weil die Disziplinen Markenkommunikation und Produktdesign heutzutage viel stärker ineinander verzahnt und miteinander vernetzt sind als noch vor zwanzig Jahren. Markenembleme glänzen heute nicht mehr chromfarben, wie einst auf Kühler aufgesteckte Figuren, sie leuchten und strahlen, sind illuminiert. Ein gutes Beispiel dafür, wie neue Technologien das visuelle Erscheinungsbild von Marken und die Disziplin Kommunikationsdesign beeinflussen.

Aral, seit 2002 eine Tankstellenmarke des britischen Energiekonzerns BP, gehört nun jedenfalls wieder zur „Flat-Fraktion“, der im Kontext Logodesign bei weitem größten Gruppe. Sehr viele Menschen – und Marken werden schließlich nach eben jenen ausgerichtet – verbinden mit einer in dieser Weise reduzierten, klaren Formensprache Modernität, zumindest Zeitmäßigkeit. Darüber hinaus bietet ein möglichst einfaches Logodesign große Vorteile in Bezug auf die Handhabe und Pflege. Nun ist der Aral-„Diamant“ wieder quadratisch praktisch. Doch wirkt das neue Aral-Logo auch modern, ansprechend und wertig? Oder doch konventionell, steril oder gar altbacken? Auch der Ästhetik der Typo wegen. #Diskussion

Wie schön, dass es Markenlogos wie jene von Sky oder Porsche gibt, die nach wie vor nicht mit Farbverläufen und grafischen Zierelementen geizen. Eine Marke, die aus der Masse hervorstechen soll, benötigt Alleinstellungsmerkmale, auch auf der visuellen Ebene. Hier gilt es Design- und Farbnischen zu finden, diese zu besetzen und aktiv zu bespielen!

Auf Facebook und anderen Plattformen wurden Aral-Logos bereits Ende letzten Jahres ausgetauscht. Im Webauftritt unter aral.de wird seit Mitte Januar dieses Jahres die flache Version verwendet. Die „Mein Aral“-App wird derzeit noch im alten, flachen Design vorgehalten (siehe Screenshot). Bis die Version mit Glanzeffekt in sämtlichen Anwendungen ausgetauscht ist, dürften viele Jahre vergehen.

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Achim Schaffrinna

Achim Schaffrinna ist Designer und Autor. Hier im Design Tagebuch, 2006 von mir gegründet, schreibe ich über die Themen Corporate Identity und Markendesign. Ich konzipiere und entwerfe Kommunikationsdesign-Lösungen und unterstütze Unternehmen innerhalb von Designprozessen. Designanalyse ist Teil meiner Arbeit. Kontakt aufnehmen.

Dieser Beitrag hat 23 Kommentare

  1. Ich bin kein Fan von pseudodimensionaler Effekthascherei, dennoch finde ich es interessant, dass der weiße Reflexstreifen im alten Logo eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Bild- und Schriftmarke bzw. eine bessere optische Mitte erzeugt hat. Das war mir vorher nie aufgefallen.
    Ohne diesen Effekt wirkt der Schriftzug meines Erachtens zu weit oben im Diamant, wenngleich dies den Abständen der Zeichenform im Rechteck schmeichelt.

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