1000 Jahre Leipzig

1000 Jahre Leipzig

In zwei Jahren feiert Leipzig ein besonderes Jubiläum, dann würdigt die Messestadt den tausendsten Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung. Oberbürgermeister Burkhard Jung und Bürgermeister Torsten Bonew präsentierten am Montag ein Logo, mit dem sich die Stadt im Rahmen der Feierlichkeiten präsentieren will.Angesichts der in diesem Zusammenhang von der Stadtverwaltung veröffentlichten Meldung, kommen einem hinsichtlich der Positionierung der Stadt leise Zweifel. Gleich neun Schwerpunkte, wollen die Verantwortlichen ausgemacht haben. „Im Festjahr soll sich Leipzig als organische Verbindung aus großer Vergangenheit, aufregender, weltoffener Gegenwart und vielversprechender Zukunft präsentieren. Die Schwerpunkte lauten: Handels- und Messestadt, Stadt des Geistes und der Künste, Musikstadt, Buch- und Verlagsstadt, Stadt großer wirtschaftlicher und architektonischer Blüte, Stadt der Arbeiter- und der Frauenbewegung, Sportstadt, Stadt der Friedlichen Revolution und junge, kreative Stadt. Dabei möchten wir möglichst viele Menschen erreichen und bewegen, indem wir an Bürgersinn, Bürgerfleiß und Bürgerstolz appellieren.“

Überschaubarer ist hingegen das Motto, das das Festjahr begleiten wird: „Wir sind die Stadt“ – bewusst möchte man an die Montagsdemonstrationen in den Jahren 1989 und 1990 erinnern, die das Ende der DDR einleiteten.

Kurios: verantwortlich für das Logo zeichnen gleich zwei Agenturen, MinneMedia für die Bildmarke und Brandung für die Wortmarke. Wie so etwas zustande kommt, kann man sich als Kreativer denken. So sehen Kompromisslösungen aus.

96 Kommentare zu “1000 Jahre Leipzig

  1. Ja, mit einem Markenzeichen hat das wohl nichts gemein … Typografisch gesehen würde das jeder ausgebildete Schriftsetzer einfacher und ausgeglichener setzen – leider. Wenn man Innenräume und Zwischenräume vergleicht, die Balkenstärkendifferenzierung beurteilt und den “Verlauf” dazu addiert ist das keine Arbeit eines ausgebildeten Gestalters … wie traurig!
    Und was passiert mit der “1015 und 2015” bei einem Werbeaufdruck auf Kugelschreibern?

  2. Mich würde das Briefing interessiert haben.
    _ – * ^~°

    Mich würden Briefings immer interessieren.
    Leider werden sie und ihre Qualität zu selten thematisiert.

    So unschön auch das Bild von unserer Branche, die bei den Folgen dann (Kompromisse) – und anschließend bei der Mikrotypografie rasch unsachlich aufeinander einhackt.
    Ich überlege mir gerade, wie man es denn besser hätte machen können.
    Das Logo, und das Gespräch darüber.

  3. Ich bin seit einiger Zeit in Leipzig und erlebe auch die steten Versuche, dass die städtischen Entscheider so etwas wie Gestaltungskompetenz lernen. Dieses Logo ist leider wieder einmal der Beweis, dass noch viel zu tun ist. Die Idee ist ganz nett, aber mehr auch nicht.

    Ich finde es auch ziemlich merkwürdig, dass gerade die Agentur, die die Bildmarke und damit das hervorstechendste der Arbeit umgesetzt hat, nicht einmal aus Leipzig sondern Dresden ist. Dabei gibt es in Leipzig genug talentierte Leute. Schade, damit ist das WIR ganz ernst zu nehmen.

    Ich bin sehr enttäuscht von Leipzig.

    Sowohl Wortmarke als auch Bildmarke macht deutlich, dass sich keiner richtig Gedanken gemacht hat. Die Tausend sieht so aus als würde dort ein kleines R und M zusammengeschrieben stehen. Die Loopings deuten auf eine stete Achterbahnfahrt, was nicht unbedingt positiv ist. Und auch nicht mit dem Versuch einen Aufwärtspfeil anzudeuten, wird die Darstellung besser. Und auch das Unterstreichen des WIR ist sehr schwach, hier hat man es sich zu einfach gemacht, um eine Symbolik zu erzeugen.

    Eigentlich gibt es noch einiges zu kritisieren, auch bzgl. der genannten Vorhaben-Punkte, aber ich gehe lieber ins Bett, sonst träume ich noch schlecht.

  4. @ Vroni – Wie meinst du das? Wenn das Briefing so läuft, daß dem Gestalter z.B. zu viel vorgeschrieben wird, dann kann er seinen Standpunkt deutlich machen und überzeugen. Er ist der Profi und niemand kann ihn zwingen etwas auszuführen wovon er nicht überzeugt ist. Was hier bestimmt nicht der Fall war, denn es war ja ein Wettbewerb.

    Die äußerst schlechte Ausführung einer vielleicht garnichtmal schlechten Idee wurde hier mit Recht kritisiert. Ich erspare mir all die Fehlerpunkte hier nocheinmal aufzuzählen. Es ist phänomenal aber es gibt tatsächlich kein Gestaltungselement welches ordentlich ausgeführt und ausgereift ist. Die Reaktion hier im Forum ist verständlicherweise eine Welle der Entrüstung. Warum hat eine Stadt wie Leibzig einen solchen Entwurf auswählt? Ich frage mich 1. Wie eine Agentur, die so viele kommunale Aufträge bekommt mit so einem Entwurf durchkommt. 2. Wie kommt es, und diese Frage stelle ich mir auch bei andern misslungenen Entwürfen, daß das keiner sieht. Sowohl in der Agentur als auch auf Kundenseite hätte es doch jemand merken müssen, daß dieser Entwurf sehr schlecht umgesetzt ist und teilweise nichtmal funktioniert (Bei einer Verleinerung z.B.).

    Es gibt für Designer auch soetwas wie Verantwortung. Ein schlechter Entwurf ist für mich soetwas wie Umweltverschmutzung und diese hier ist auch noch für Bürger und wird von Bürgern bezahlt. Es ist ärgerlich. Und soetwas bringt unseren Berufsstand in Mißkredit. Durch solche Entwürfe entstehen Misstrauen und Ängste bei Auftraggebern den Designern gegenüber. Wahrscheinlich deshalb ist hier im Forum die Diskussion darüber so emotional. Aufeinander einhacken würde ich es nicht nennen. Meist waren es doch sachliche Argumente.

    Übrigens, das erste Mal, daß ich es erlebe, daß sich der Agenturchef selber zu Wort meldet, sich beschwert und seinen Entwurf rechtfergt. Die Reaktionen darauf waren dann noch emotionaler. Was nicht o.k. aber aus oben genannten Gründen verständlich ist.

  5. Die Grundidee der 1000er-Spirale finde ich an sich solide. Zugegeben, nichts Weltbewegendes, aber solide.
    Den Verantwortlichen ging es ganz offensichtlich in erster Linie um dieses Jubiläum und um die Visualisierung der Zeitspanne. Bei dieser Art von Logo soll die Grundidee transportiert werden. Und zwar so, dass möglichst ALLE Bewohner der Stadt diese verstehen.

    Zum Sprüchle: Bei aller Kritik muss man zu Gute halten, dass anscheinend zumindest versucht wurde, auf die Stadt und ihre Geschichte einzugehen (Stichwort Montagsdemos). Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht sofort an die »Wir sind das Volk«-Rufe gedacht habe, eher, wie offenbar viele Kommentatoren hier, an einen jener typischen, austauschbaren »Wir sind jetzt mal das Zentrum der Welt«-Städte-Claims. Für Leipziger mag die Assoziationskette freilich anders sein.

    Wieso allerdings steht unter dem Symbol der langen Geschichte ein Spruch, der eben nur einen winzigen, wenn auch wichtigen Teil dieser Geschichte herauspickt? Hat sich seit 1989 dort nichts getan? Steht der Claim nicht genau im Widerspruch zu der »Zeitspirale«?
    Immerhin ist Leipzig zum Geburtstag ein (d-)englisches (und damit GLOBAL austauschbares) Motto erspart geblieben (siehe Logo-Entwurf »Leipzig Unlimited«!!!!)

    Zum Gestalterischen: Tja. Jeder, der mal den »Illustrator« geöffnet hat, sieht auf Anhieb, dass hier ein schnell hingekritzelter (oder hingeklickter) Pfad mit einem dieser Voreinstellungspinsel nachgezeichnet wurde. Nun kann man das natürlich also »Ausdruck der Spontaneität«, die verunglückten Kurven der Spirale als »Metapher auf die Geschichte mit Ecken und Kanten« usw. schönreden.
    Und dann offensichtlich obligatorische »Handschrift« – für die NOCH individuellererere Note! Nur schade, dass diese, wie bereits bemängelt, verdächtig nach leicht verbogener, minderwertiger Dafont-Massenschrift aussieht.

    Alles in allem bleibt bei mir der fade Beigeschmack von möchtegern-individuellem Einheits-Brei, kommunalpolitischem Kompetenzgerangel und getalterischer Flickerlteppichknüpferei unter immensem Zeitdruck. Und das nach 1000 Jahren Stadtgeschichte? Hm.

  6. @ Vroni – Wie meinst du das?

    Dass man vorsichtig sein sich schwertun sollte, ein Logo und dessen Agentur zu beurteilen, wenn man das Briefing nicht kennt.

    Ich wundere mich oft über diesbezüglich abenteuerliche und unsachliche Verrisse.

    War das jetzt deutlich genug?

    Er ist der Profi und niemand kann ihn zwingen etwas auszuführen wovon er nicht überzeugt ist.

    Soso.

  7. All die Punkte, die hier zurecht und in den allermeisten Fällen sachlich kritisiert wurden, waren wohl kaum im Briefing enthalten. Ich glaube nicht, daß die Kunden das wollten: Krackelige schwunglose Bögen. Eine FontSchreibschrift, die möglichest auch als solche erkennbar ist und völlig unausgeglichen. Die obere Schrift in einem hellen Grau möglichst klein und unscheinbar, dazu unleserlich in der Verkleinerung. Die Farben möglichst unzusammenhängend. Alle diese Elemente dann noch ohne Plan zusammengesetzt nach rechts hin flatterig. An der Grundidee hats meiner Meinung nach nicht gelegen aber an der schludrigen Umsetzung und die ist Sache der Agentur.

    Und es sollte klar sein, daß Designer keine Erfüllungsgehilfen sind. Wenn wir also zu einer Gestaltung gedrängt werden, die der Sache nicht dient weil sie z.B. unleserlich ist oder nicht passend. Dann sollten wir Haltung bewahren und verantwortlich handeln dem Kunden das Problem vermitteln und wenn wir es nicht schaffen ihn zu überzeugen, dann können wir immernoch die Konsequenz ziehen und einen Rückzieher machen. Das ist meiner Meinung nach besser als nachzugeben und mittelmässige oder nicht funktionierende Kompromisse zu produzieren die wiederum unserem Ruf schaden.

    Aber es war ja ein Wettbewerb. Und es gab wohl kaum einen Zwang. Also würd ich vorschlagen: Wir belassen es bei der Gegenüberstellung unserer, wie so oft, unterschiedlichen Positionen.

  8. „Ein Designer sollte sich immer seinem gestalterischen Gewissen verpflichtet fühlen“ hat mir mein damaliger Professor im Studium erklärt. Ich sehe das auch so.

  9. @ margit und @ monty

    Das ist der ehrenwerte Vorsatz. So sollte es sein. Stattgegeben. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.

    Doch das ist dennoch aneinander vorbeigewaaft.

    Denn:
    In der Praxis – und da wird mir jeder zustimmen, der Praxiserfahrung hat, also schon für verschiedenste Auftraggeber gearbeitet hat – hakt es mit der edlen stoischen Absicht gewaltig. Nicht jeder, aber schon immer mehr Auftraggeber, sind der Meinung, dass der Designer gegen seine Bezahlung in *hust* harten Euros das zu tun hätte, was der Auftraggeber will.

    Und da machst du nichts, außer du fliegst – vollkommen selbstbewusst natürlich ;-) – knallhart aus dem Auftrag. Es gibt halt einfach einen Teil der Klientel, die beratungsresistent IST. Aus die Maus.

    —-
    @ margit

    Ächz.
    Und ja, natürlich wird kaum einer gebrieft haben:”Ziehen Sie die Bézier-Pfade der Spiralen möglichst wackelig und ungeschickt.” Kaum einer wird gebrieft haben:”Wir wollen eine möglichst kunterbunte Typografie, die Löcher hat. Möglichst billig wirkende Schreibschriften” Was für eine Frage. Natürlich trennt man ein Ergebnis in 1. Idee und 2. Ausführung/Execution.
    (Wobei ich zugeben muss, es kommt vor, dass manche Kundschaft tatsächlich schlechte Schreibschriften über alles liebt – Stichwort mangelnde Designkomptenz gepaart mit schlechten Geschmack, da erfolgreicher Brainwash per zuviel schlechten MS-Word-Cliparts – und sie sich nicht ausreden lässt. Am besten also solche Schriften nicht einmal als Grobentwurf, als Platzhalter, zeigen, um erstmal eine grobe Idee zu visualisieren. Zu gefährlich, man kommt nicht mehr raus aus dieser Nummer. Sie bestehen dann auf genau diese Schrift.)

    Es geht mir um die Idee.

    Wenn ich neugierig bin auf die Briefings der Auftraggeber, dann deshalb, weil ich wissen will, ob der Schöpfer des inkriminierten Dingens wirklich trotz aller möglichen Umstände eine echte Idee draus machen konnte. Verhältnismäßig. Was seine echte gedankliche Leistung als Kreativer war.
    (Den Rest – saubere Kurven, gute Kernigs, können gute Setzer auch, das ist weniger eine echte Kreativ-Leistung, das ist: einfach gute handwerkliche Umsetzung.)

    Ob er eine echte kreative Leistung trotz oder wegen des Briefings vollbracht hat.

    Sonst bin ich als Kommentarist doch nur auf reine Vermutungen angewiesen, wenn ich rein die Idee beurteilen soll; das hab ich nicht so gerne. Und: Ob das Briefing in seiner Weichenstellung auch so verfasst war, dass es halbwegs inspirierte oder ob es kreativ von vorneherein nur auf Standgas gestellt war. (Was die meisten aller sogenannten Briefings machen; und der Gestalter dann in seiner Verzweiflung oder in seinem Zynismus geneigt ist, alle verlangten – meist zuviel – Unmöglich-Punkte einfach gnadenlos “abzufrühstücken”. Abfrühstücken, so zackig heißt dieses erfüllungsgehilfen im Werberjargon, nur mancher Auftraggeber kennen den zynischen inhouse-Begriff oft nicht …)

    Es reicht nicht, zu statuieren, dass ein Gestalter halt als Profi nicht gezwungen werden dürfe … Nein, ein echter Profi haut nicht beleidigt ab: Er macht fundierte Re-Briefs. Und lässt sie sich unterzeichnen. Vorher fängt er nicht an.

    Nochmal, auch wenn es nicht verstehen mag, soll ja vorkommen: Ich hätte halt gern im Designtagebuch mehr über Briefings erfahren. Sonst tue ich mich einfach schwer, die Ideen-Leistung des Gestalters korrekt einzuschätzen. Sonst kann ich wirklich nur Korinthenkacken gehen, indem ich minutiös die Mikrotypografie oder die Schriftwahl kritisiere. Mag ich aber nicht gern, komme mir dabei immer so kleingeistig und keinkariert vor, allein nur an der Ausführung herumzunörgeln. Verstehen Sie?
    Ich möchte informiert an der Idee nörgeln können ;-) [Für Ironieresistente: Das war Selfirony]
    Oder sie informiert loben dürfen.

    Vielleicht ist das aber auch nur mein Problem, das weiter keiner hat. Kann auch sein.

    @ Achim
    Natürlich weiß ich, dass man kaum an diese Auftraggeber-Briefings herankommt, geschweige denn sie publizieren darf. Das ist hypothetisch, klar. Ich möchte nur eins: Kritiker-Haudräufe, der gern schnell und allzu selbstgerecht ein Gestalter- oder Agenturbashing veranstalten, darauf sensibilisieren, dass es allzu billig ist, auf die entstandene Idee draufzuhauen, wenn man das Briefing (und das Entscheidergremium dazu) nicht kennt.

    Wer jetzt sagt, Blödsinn, ist doch egal, wie mies oder nicht vorhanden das Briefing war, ein Gestalter hat immer Kreativ-Gas und Höchstleistung zu geben und immer mehr zu geben als verlangt war: Recht so.

    Habe in meinem doch etwas längerem Arbeitsleben, sowohl als leitende Angestellte als auch später als Selbständige von Chef und Kundschaft gehört: “Sie wollen zuviel!” “Machen Sie einfach nur, was wir sagen!”
    Boing. Ich bin zwar vom Typ her nicht aufs Maul gefallen, da war ich dann doch erstmal vor Schreck stumm. Das waren die Tage, an denen ich dann doch etwas grübelte.
    ;-(

    Thema: Gestalter im Dilemma zwischen idealistischen Forderungen an die eigene Zunftauffassung versus die tägliche Praxis.

  10. Zum Thema Kritik/Bashing an der Agentur:

    Vielleicht liege ich mit der Einschätzung der Agenturart auch schief: Minnemedia firmiert meines Wissens als WERBEagentur.

    Werbeagenturen sind in erster Linie Ideen- und Kampagnen-orientiert, sie sind orientiert daran, Entwürfe zu liefern, die im Mainstream möglichst gut ankommen. (Leider dann auch häufig mit Typo, die der Mainstream nicht als ungenügend erkennt.)

    Sie sind eher weniger darauf angelegt, jedesmal ein Jahrhundert-Design abzuliefern.

    Sie ticken pragmatisch. Für sie zählt die Idee und die Akzeptanz der Idee.
    Sie arbeiten schnell, sind extrem durchgetaktet.
    Der Werbeagentur-Designer hat möglichst rasch abzuliefern; er hat selten Zeit, Kernings zu studieren und wissenschaftliche Schriftarten-Untersuchungsreihen zu veranstalten. Man wird ihm sonst höflich nahelegen, das zu unterlassen.
    Sie sind nicht Meta-Design.
    Sie verstehen sich nicht als führende Design-Höchstleister
    Sie haben auch nicht die Weihen gewisser selbstreferentieller Design-Päpste.
    Sie verstehen sich nicht als l`art pour l`art.

    (Disclosure: Ich war selber am Schluss nicht in einer DESIGN-Agentur angestellt, sondern in einer WERBE-Agentur; deren Ansatz war in Ordnung, auf Dauer war er mir halt zu sehr hopphopp, zu oberflächlich. Ich sehnte mich zurück in die Designagenturen meines beruflichen Anfangs.)

    Das ist ein Erklärungsversuch für das handwerklich ‘hust’ durchaus optimierbare Ergebnis, auf keinen Fall natürlich eine Entschuldigung für nicht ganz optimal gewählte Schriften.

    Ein Auftraggeber sollte halt die – durchaus fließenden – Unterschiede kennen.

  11. Danke für deine (ich bleib mal beim forenüblichen “du”) ausführliche Ausführung. Jetzt verstehe ich erst woher die unterschiedlichen Standpunkte kommen. Ja auch ich habe nach meinem Studium und zwischendurch immermal in Werbeagenturen gearbeitet. Es war so, wie du es beschreibst. Als ich Anfang der Achziger (ohwei, wie alt ich schon bin ;-) mit dem Studium fertig war gab es leider kaum designorientierte Agenturen. Entsprechend habe ich dort sehr gelitten. Meinen Anspruch mußte ich zurückschrauben und ich wäre sicherlich nicht mehr im Beruf, wenn ich nach meiner Familienpause nicht angefangen hätte mit meinem ersten Mac eigenverantworlich und frei zu arbeiten. Das war Mitte der Neunziger. Klar läuft nicht immer alles so glatt und es gibt “beratungsresistene” oder ängstliche Kunden. Aber letztlich kann ich sie glücklicherweise fast immer überzeugen. Es gibt zugegebenermaßen Fälle, da habe ich nachgegeben und gegen meine Überzeugung die Farbe verändert. Das schlich sich in der Zusammenarbeit mit dem Kunden dann als eine Art Verhaltensmuster ein. Heute habe ich diesen Kunden nicht mehr das ist auch o.k. so und ich habe daraus gelernt. Mein Anspruch ist ein passendes, ausgereiftes, handwerklich gut gemachtes Erscheinungsbild zu entwickeln. Wenn ich öfter faule Kompromisse eingehen würde woher näme ich das Selbstvertrauen und wer würde mich weiterempfehlen? Denn ein gutes Verhältnis zum Kunden basiert doch auf Vertrauen. Wenn ich zum Erfüllungsgehilfen gegen meine Überzeugung werde, werde ich unglaubhaft und produziere nur Mittelmaß. So geht man in der Masse unter.

    Die Idee ist wichtig aber die schönste Idee nützt nichts, wenn sie handwerklich nicht sauber ausgeführt ist und nicht funktioniert. Bei den Werbeagenturen hat mich das immer gestört. Du hast es gut beschrieben. So ist es. Nicht immer, aber oft. Ich gehe ganz anders an die Sachen ran. Bei mir entwickelt sich die Idee oft beim Arbeiten mit den Grundelementen.
    Für eine Anzeigen oder Plakatkampagne macht es von Fall zu Fall Sinn Marktstudien und Zielgruppen unter die Lupe zu nehmen und die im Team die richtige Idee zu finden aber ehrlichesagt für ein 1000 Jahrfeier Signet einer Stadt wie Leibzig da sollte der gesunde Menschenverstand des Gestalters reichen. Man brauch das Briefing nicht zu kennen um zu beurteilen, daß dieses 1000 Jahre Looping Liebzig nicht positiv voranbringt. Idee hin oder her. Das Handwerk muß ein Gestalter verstehen. Sonst ist auch die Idee nichts wert.

  12. Gestern beim Italiener traute ich meinen Augen nicht. Mein Blick fiel auf eine Jubiläumsflasche von Pellegrino von 1999.

    Leider habe ich es nicht in einer besseren Qualität gefunden. Ob Zufall oder nicht sei mal dahin gestellt.

  13. Sonst ist auch die Idee nichts wert.

    Jein.
    Eine richtig gute Jahrhundertidee kann nichts umbringen.
    Nicht einmal eine löchrig gesetzte Comic Sans in Schreirosa.
    Das haben mich meine Jahre bei Werbeagenturen gelehrt.

    Nach meiner doch ziemlich langen Erfahrung – ich weiß, ist schon lange kein Qualitätszeichen mehr, man kann auch lange die Dinge immer falsch gemacht haben – hatten die besten Ideen die Texter im Haus. Die unbelastet von der inneren Schere: “Wie dekliniere ich das jetzt schick formal durch” voll aus der Kiste greifen konnten.
    Und nicht die Grafiker (Ausnahmen bestätigen … bla)

    Und daher gehe ich nicht ausschließlich formal ran (“Spielen mit den Elementen”)

    Was beim reinen Spiel mit den Elementen ohne inhaltliche Idee rauskommt, kann man doch gerade besichtigen:

    Eine möglicherweise unbeabsichtige Doublette mit dem Aktionslogo einer Marke. (Pellegrino)

    Denn allzuviel formale Grundelemente gibt es halt nicht: Punkt, Linie, Fläche, Farbe, Kreis. (Und dann eben Kugel oder die “Spirale” als Unterform, hust). Und die – gefällige – Kombination all dieser Dinge ist mathematisch gesehen irgendwann auch zu einem großen Teil irgendwann durchgespielt.

    Es macht uns Gestalter ersetzbar, wenn wir uns auf formaler Kreativität ohne wirklich starke inhaltliche Basis ausruhen. Ich hab mich zum Beispiel gefragt, was mir die Spirale sagen soll. Bin nicht drauf gekommen. Außer vielleicht: ungebändigte Energie. Das differenziert aber nicht besonders, das Ding mit der “Energie” hing sich doch schon Cottbus um seinen Mühlstein-Hals, es könnten auch alle möglichen Energieuntenehmen drunter stehen, alles, sogar Joghurt und Schokolade passt.

    Was ich hier für eine echte Idee hielt, war das “Wir sind die Stadt” als Anlehnung auf das berühmte “Wir sind das Volk”. Ein 20jähriger in Gelsenkirchen wird das nicht mehr so gewärtig haben, aber es ist in weiten Teilen des Landes lebendig.
    Ab so etwas gehen echte Ideen an.

  14. …fachlich gesehen, ein einziger Gerümpelhaufen, da sollte man gar nicht so viel hinein interpretieren, das adelt nur noch diese Entgleisung im Nachgang…

  15. @ Vroni – Unsere unterschiedlichen Auffassungen sind ganz klar in der völlig unterschiedlichen Herangehensweise von werbeorintierter und designorientierter Gestaltung begründet. Du hast lange in Werbeagenturen gearbeitet und ich praktiziere die entgegengesetzte Herangehensweise.

    Allerdings gebe ich dir da vollkommen Recht: Rein formal und ohne inhaltichen Bezug funktioniert ein Design nicht. Es ist es schwach und austauschbar. Allerdings fällt der Reiter auf der anderen Seite genauso vom Pferd, wenn die Idee im Vordergrund steht und die Realisierung nicht für wichtig genommen wird kann die Grundidee auch nicht von der Zielgruppe aufgenommen werden. Wie so oft kann man es nicht einfach so pauschalisieren.

    Wenn es um klassische Werbung geht (z.B. Anzeigenkampagne, Großflächenplakat, Werbefilm) dann ist es ganz sicher sehr wichtig von einer guten tragfähigen Grundidee auszugehen. Das kann vom Texter ausgehen muß aber nicht. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich z.B. habe sehr gute Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit einer Texterin gemacht. Wir arbeiteten in so einer Art Ping-Pong Arbeitsweise die Idee aus. Das war aber nur möglich, weil ich selbstständig war und mir die Texterin selber aussuchen konnte und sich diese Arbeitsweise als sehr fruchtbar herausstellte. Mal war der Text zuerst da mal die Grafik. Das war eine gegenseitige Befruchtung. Da muß jede Agentur oder Partnerschaft selber sehen wie sie klarkommt. Nur, es sollte nicht so enden, wie hier so oft zu beobachten, daß die Ausführung schlampig ist oder die Gestaltung inhaltslos ohne Bezug zum Produkt.

    Wenn es um Redesign oder ein neues Erscheinungsbild geht und das ist hier im “dt” oft der Fall. Dann ist die Rangehensweise zumindest bei mir und vielleicht auch bei vielen designorientierten Studios eine Andere. Hier ist die Gestaltung im Fordergrund. Und ja, normalerweise untersuche und analysiere ich selbstverständlich die Grundelemente des Namens, der bisherigen Bildmarke. Die oft auf einfache geometrische Formen aufgebaut ist. Je besser die verstanden sind umso mehr Möglichkeiten habe ich die Grenzen auszuloten. Die sind unendlich wie das Universum. Die Kunst ist in diesem Flow die Gestaltung auf den Punkt zu bringen der die Botschaft möglichst direkt dem Empfänger rüberbringt. Manchmal komme ich schon beim Briefing auf eine gute Idee. Die Arbeit an einem kompletten CD ist trotzdem enorm zeitaufwendig da die Grundidee reifen und in unterschiediche Medien funktionieren muß. Eine gute Idee alleine reicht eben nicht kann aber sehr hilfreich sein.

    Es sind also zwei völlig unterschedliche Welten über die wir hier sprechen.

  16. Es sind also zwei völlig unterschedliche Welten über die wir hier sprechen.

    Finden Sie?
    Ich halte die Grenzen in der Praxis für fließend.

    … wenn die Idee im Vordergrund steht und die Realisierung nicht für wichtig genommen wird kann die Grundidee auch nicht von der Zielgruppe aufgenommen werden.

    Doch sie kann. I beg to differ.
    Man kann die Grundidee zwar ungeschickterweise verwässern, ganz tot kriegt man sie nicht.

    Nicht dass jemand denkt, dass ich das auch noch für gut heiße.

    Gestaltung im Vordergrund

    bei Logos:
    ?
    Das erklärt vielleicht die sich oft im Kreis drehenden Diskussionen. Am aktuellen Beispiel des neuen Lucky-Strike-Logos kann man das deutlich sehen.

    Am ehrlichsten war da noch Cem. Der sagte einfach: “Marken-Suizid.”
    Das ist es auch.

    Da diskutier ich doch nicht mehr zwanghaft ehrpusselig darum, wie retro die Slab Serif ist und bla, oder ob ich kleiner Kluggescheit ein Fehlerchen im Rundsatz entdeckt habe. Wenn gerade vor meinen Augen die Marke Suizid macht.

    @fffalk
    Aus dem off und anonym.
    Wie immer bei solchen Kommentaren.

  17. Wenn die Grundidee durch schlechte Ausführung verwässert ist, dann kommt sie nicht optimal bei ihrer Zielgruppe an. Ich spreche nicht davon, daß sie überhaupt bei keinem ankommt, sondern es sollte ja das Ziel sein möglichst viele der Menschen anzusprechen, für die das Produkt intresant ist.

    Gut, wenn sie mich nun immernoch sietzen, dann sage ich nun auch “sie”. Allerdings muß ich sagen es wundert mich schon, dass sie hier sietzen. Ihr Umgangston ist ja schon, sagen wir mal, “sehr locker”. Aber vielleicht ist es so besser?

    Es ist ein Totschagargument eine gute handwerkliche Rangehensweise mit dem Suizid des “Lucky Strike” Zeichens herabzusetzen und ins Lächerliche zu ziehen. Der Rückschritt ein gravierender Fehler ganz klar. Allerdings gibt es noch dazu einen Rückschritt noch hinter den Stand von vor 63 Jahren. Die Version des Markenschriftzug war damals wenigstens nicht dieser verkrüpelten “Slab Serif” und die Farbe insgesamt einfarbig und konzentrierter. Damit sag ich nicht, daß ich den Rückschritt dann gut geheißen hätte. Aber es kann ja in einem Forum wie diesem thematisiert werden.

    Aber, es scheint wirklich eine Kluft zwischen den beiden Lagern zu liegen. Ich empfinde sie in unserem Fall nicht “fließend”. Jedenfalls ist nun gesagt was gesagt werden mußte. Ich kann unsere unterschiedliche Meinung so stehen lassen. Vielleicht hilft uns unser Austausch hier in Zukunft etwas mehr Verständnis für andere Positionen zu haben. Ich jedenfalls finde es immer hilfreich.

  18. Ich sehe nicht die Kluft, sondern eher die Gemeinsamkeiten Designer und Werber. Da gibt es mehr als es sie trennt.

    ___

    Ich frag mich halt generell, warum Kritik an visuellen Ergebnissen unkonstruktiv-hämisch oder akademisch-kleinkriebelig passieren muss.Tippe auf harten Wind in der Design-Branche, pädagogisierende Selbstgerechtigkeit und zu schnelle Internettastatur. Im Notfall auf alle drei. :-)

  19. Nun es gibt viele unterschiedliche Werber und Designer. Da wird es schon Gemeinsamkeiten geben. Es kommt auf die Konstelation an. Bei Ihren Argumenten hatte ich eher das Gefühl das eine Kluft besteht.
    ________________

    Die Mehrzahl der Beiträge hier empfinde ich nicht als “unkonstrukitv-hämisch” Es gibt wie überall Ausnahmen und Entgleisungen. Aber es hält sich meiner Meinung nach im Rahmen.
    Mit “akademisch-kleinkriebelig” meinen sie sicher diejenigen, die schlechte Typo und schlampige Ausführung einer guten oder schlechten Idee bemängeln? Wir wollen uns bei der Diskussion nicht wieder im Kreise drehen aber ich muß nocheinmal sagen: Ich finde gut, daß es im Netz die Möglichkeit gibt das zu kritisieren. Ich kann es nicht ins Lächerliche ziehen da unsere ganze Branche unter einem sehr niedrigen Qualitätbewußtsein zu leiden scheint. Und wenn nur ein junger Gestalter das mitliest und was verstanden hat, dann hat sichs schon gelohnt. Letzeres fällt wohl unter “pädagogische Selbstgerechtigkeit” ?

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