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Form Follows Function

Form Follows Function im Webdesign

Spannen wir nun den Bogen vom ausklingenden 19.Jahrhundert hin zu den Anfängen des World Wide Webs, so kann man feststellen, dass weniger die ursprüngliche Deutung von FFF, für die Louis Sullivan einstand, bei der Entwicklung von Internetseiten eine Rolle spielt(e), als vielmehr die von den Bauhäuslern und anderen Funktionalisten verkörperte Auffassung, nach der simple Formen die Funktion eines Gebäudes oder eines Gegenstandes unterstützten, weshalb diese zu bevorzugen seien. Eine Einstellung, die auch der führende Experte in Sachen Web-Usability Jakob Nielsen vertrat. „Simplicity“, die Einfachheit der Dinge, spielt in seiner Arbeit eine entscheidende Rolle.

Allzu gerne verweisen andere Autoren und auch Webgestalter auf die Expertise Nielsens, allerdings verschwimmen hierbei nicht selten unterschiedliche Gestaltungsprinzipien. Während FFF ursprünglich die Verzierung und die Ornamentik ausdrücklich vorsah, widersprach sie der von Nielsen propagierten „Less is more“-Sichtweise. Dazu muss man wissen, dass Nielsen ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Software-Gebrauchstauglichkeit und in Bezug auf die Mensch-Computer-Interaktion ist, allerdings weniger ein Designexperte, der sich mit der Ästhetik beschäftigt und die Sinnlichkeit von Gegenständen bzw. Anwendungen thematisiert.

Useit.com Website von Jacob Nielsen

Nielsen ist Funktionalist – ein Software-Engineer, der sich dem Prinzip verschrieben hat, dass Informationen möglichst leicht und schnell vom Nutzer anzusteuern seien müssen, was tatsächlich eines der wichtigsten Anforderungen an modernes Webdesign darstellt. Diese Anforderung ist allerdings bei weitem nicht die einzige. Menschen wollen etwas Praktisches, das zugleich ästhetischen Ansprüchen gerecht wird. Nielsen sieht im Internet eine riesige Datenbank, die es gilt, zugänglich zu machen. Das Internet ist heute jedoch, anders als in der Zeit, in der seine Prinzipien entstanden, ein Ort der Information, der Kommunikation und Interaktion, eine rund um die Uhr geöffnete und grenzenlose Einkaufswelt und natürlich ist das Netz auch Ort der Unterhaltung. Ein Erlebnisraum, in dem nicht nur Wissensdurst, sondern auch Unterhaltungslust gestillt werden möchten. Nielsen sieht in Grafiken und Bildern vorrangig Barrieren, die man als Informationssuchender überspringen muss. Tatsächlich können sie jedoch, richtig angewandt, erheblich zur Verbesserung der Orientierung beitragen, denken wir an Informationsleitsysteme. Ein Bild sagt sprichwörtlich mehr als 1.000 Worte und genau deshalb merken wir uns Bilder viel leichter als Texte. Nielsens Ansatz springt hier, meiner Ansicht nach, zu kurz.

„Ohne die Form,
wäre die Funktion nur halb so beliebt.“

Nach wie vor scheint es zahlreiche „Hardcore-Usability-Anhänger“ zu geben, die am liebsten jede Website einspaltig, mit blauen Links und grauem Fond ausgestattet sehen, so wie es bis Mitte der Neunziger weit verbreitet war und wie es Jakob Nielsen auch heute noch praktiziert – Nielsens Website ist seit gut 15 Jahren visuell unverändert. Mit FFF hat dies jedoch nur bedingt etwas zu tun. Das Web entwickelt sich weiter und mit ihm seine Nutzer. Was nicht heißt, dass Konventionen keine Rolle spielen – dass tun sie sehr wohl –, allerdings definiert sich gutes Webdesign nicht nur über die Werte Usability und Utility (Nutzen), sondern gleichermaßen über den „Look & Feel“. Einfachheit und ansprechendes Design sind kein Widerspruch. Wolken als Schmuckgrafik und ein Vögelchen als Logo wären prinzipiell beim Versand von Kurznachrichten via Twitter abkömmlich. Und dennoch sind sie als funktionsbereichernde Komponenten eminent wichtig, weil sie ganz einfach dazu beitragen, dass Twitter gerne genutzt wird.

Ohne die Form, wäre die Funktion nur halb so beliebt. Das Design stimuliert die Sinne und sorgt dafür, dass die Funktion, etwa wie bei Twitter, von vielen Millionen Menschen überaus geschätzt wird, wenn nicht gar geliebt. Ausnahmen, wie etwa die Anzeigenseiten Craiglist, bestätigen dabei die Regel. Anders als die Funtionalisten Loos und Gropius hatte Max Bill die Notwendigkeit einer zugleich praktischen wie auch schönen Form erkannt. Markenkult beruht neben einigen anderen Faktoren(Irrationalität, Status, u.a) auf dieser Korrelation. Erst die konsequente Verbindung von Ästhetik und Funktion begründet den Erfolg von Marken wie Apple, Levi’s, Vitra oder auch Rolex.

FFF ist heutzutage vor allem eines, ein Wortschwamm, mit dem man Jeden vortrefflich einseifen kann. Dabei kommt dieser Phrase zu nutze, dass es das Englische hierzulande, gerade in der Kreativbranche, sehr einfach hat, was freilich der Kommunikation nicht immer förderlich ist. Ich denke, es ist an der Zeit „Form Follows Function“ neu zu interpretieren, zumindest, wenn man entschieden hat, sich an diesem Gestaltungsleitsatz zu orientieren. Wofür steht FFF heute? Meiner Meinung nach ist FFF ungleich unverbindlicher und offener zu interpretieren, als es etwa seinerzeit führende Bauhäusler taten. Weniger ist tatsächlich in ganz vielen Fällen mehr, allerdings geht es hierbei nicht um eine Art genereller Formaskese, die man sich als Gestalter auferlegt, sondern darum, aus den gegebenen Umständen die richtigen Schlüsse zu ziehen und eine adäquate Designlösung zu liefern. Eben das unterscheidet Design von der Kunst, die zunächst einmal frei von Konventionen und Vorgaben ist.

Form und Funktion orientieren sich am Menschen und seinen Bedürfnissen. Natürlich spielen hier heutzutage ökonomische wie auch ökologische Aspekte mit hinein, die ihren Ausdruck in „Grünem Design“ finden, in dem der verantwortungsvolle Umgang mit den Ressourcen unser Erde praktiziert wird. Form und Funktion sollten idealerweise Hand in Hand greifen. Die Form ordnet sich nicht der Funktion unter, sondern sie unterstützt diese in symbiotischer Weise bei dem Vorhaben, eine bestmögliche Lösung zu schaffen. Gerade im Interfacedesign ist es sinnvoll, wenn sich sowohl die Funktion wie auch die Form an den Bedürfnissen des Menschen ausrichten. Die Form leitet sich dabei aus gewissen Konventionen ab, die das Corporate Design einer Marke oder eines Unternehmens vorgibt. Nicht nur „content is king“, viel mehr ist entscheidend, wie der Inhalt aufbereitet und für den Nutzer zugänglich gemacht wurde und welchen Gesamteindruck letztendlich das Dargebotene hinterlässt. Gutes Webdesign, bei dem Inhalt, Form und Funktion auf einander abgestimmt sind, führt den Nutzer und verführt ihn zum Verweilen. Soweit mein Versuch, FFF einzuordnen, zu interpretieren und in unsere Zeit zu überführen.

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41 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Artikel und eine seit jeher oft diskutierte Frage.
    Ich persönlich würde mich eher zur Pro-Seite des FFF-Prinzips
    einordnen, wohl aber mit dem bewussten Hintergedanken, dass
    diese drei Worte mehr als kurze Vereinfachung gedacht sind.

    Als Designer geht es, wie schon beschrieben, bei der Form nicht
    nur um eine nette Gestaltung sondern ebenso um das Erleben, um
    Materialität, um Sound, um Geruch, Haptik, etc. und diese soll
    möglichst nah an der Funktion liegen. Und die Funktion, ist doch
    jeweils eine andere und folgt ständig anderen und individuellen Bedürfnissen.
    Funktion ist ein dehnbarer Begriff, ihm ist die gute Handhabung ebenso
    zuzuschreiben wie eine Zweckentfremdung; es ist die Funktion die
    der Gestalter doch recht frei steuern kann und somit erst recht die Form.

    Wir sind individueller geworden, Gestaltungsprozesse und Design, wie dessen
    Ansprüche, komplexer und vielschichtiger – deshalb kann man FFF nach wie
    vor schätzen, aber man muss diese Phrase ebenso vielschichtig und individuell
    handhaben, wie es unsere Zeit eben braucht.

  2. Natürlich können wir alles einfach nur “nützlich” gestalten und weniger Wert auf die Optik legen. Aber mal ehrlich, wo bleibt da der Spaß? Schöne Dinge leben, erzählen Geschichten, erzeugen Gefühle die man spüren kann. Bauhaus ist einfach nur funktional, aber totlangweilig. Man schaut kurz hin, sagt “aha” und schaut wieder weg. Aber reich verzierte Gestaltungen laden zum staunen, entdecken, beobachten und träumen ein.
    Es gibt immer Menschen die emotionaler sind, und auch Menschen die gefühlsmäßig kalt sind. Vielleicht ein Dogma aus der jeweiligen Kindheit?!? wer weiß… Leider ist es so dass die gefühlsmäßig kalten den emotionalen überlegen sind. Das bedeutet aber noch lange nicht dass man sich dem Bauhaus hingeben oder dem Herrn Nielsen gesagten hingeben muss. Wo kämen wir denn da hin?
    Drei wunderschöne Beispiele welche zeigen wie Ästhetik wirken kann:
    1. Zwei völlig gleiche Lebensmittel im Supermarkt stehen nebeneinander. Welches kaufst du? hmmm… natürlich das mit der schöneren Verpackung. Warum? Die Verpackung begeistert dich, sie erzeugt Gefühle. Und auch wenn beide Lebensmittel völlig gleich sind, schmeckt dass mit der schöneren Verpackung besser. Denn zusätzlich zum Geschmack kommen die vorher erzeugten Gefühle dazu. Pluspunkt für die Gestaltung.
    2. Apples oberstes Kriterium war immer die einfachste Bedienung in verbindung mit einem schönen Design! Jeder kennt den Erfolg von Apple, dazu muss man nichts mehr sagen. Höchstens dass Google dass auch erkannt hat und nun versucht denselben Grundsätzen zu folgen ;)
    3. (ich hoffe das nimmt mir jetzt keiner krumm…) Zwei Frauen. Ich kann mit beiden Spaß haben, eine schöne Zeit verbringen, Kinder zeugen und eine Familie gründen. Nehm ich nun die hübschere von beiden oder nicht? So viel zu form follows function…

  3. @Sascha Franke

    Ich habe zwar den Artikel nicht komplett durchgelesen, aber dein Kommentar. Ich glaube das grundsätzliche Problem ist das man unter “form follows function” leider unterschiedliche Sachen versteht.

    Ich nehme mal dein Beispiel, da ich aber ein Frau bin zwei Männer ;).
    Also, es gibt zwei Männer die find ich total klasse habe mit beiden Spaß und wie du sagst entscheide ich mich aber für den hübscheren.
    Das folgt doch aber dem Prinzip “form follows function”.
    Denn:
    funktion = Mann (bzw. Beziehung mit Mann)
    form = hübscher Mann.
    Ohne die Funktion Mann/Beziehung zu Mann interessiert mich auch das Aussehen des Mannes nicht. Da ich aber einen der zwei Männer auswählen will, such ich den aus der meiner Empfindung nach “männlicher” ist oder der zu mir als “Gegenstück” oder “ausgleich” passt. Der eine ist klischeehaft: Muskeln, Stark, Praktisch, Groß, Hübsch; der andere ist: Klein, Schwach, Brillänträger, extrem Intelligent.

    Will ich keinen Mann für eine Beziehung interessiert mich auch das Aussehen nicht, bzw. sehe ich das Aussehen abgekoppelt von der Funktion -> ist das dann Kunst?

  4. Nochmal für @Sascha: form follows function, nicht form or function.
    Oder um es mit deinen Worten zu sagen: wenn du zwei gleichschöne Teekannen hast, aber bei einer zeigt der Ausguss nach unten, dann kaufst du die, die Funktioniert. Und selbst wenn die nicht fuktionale Teekanne schöner ist, du kaufst die die Funktioniert. Form follows function.

    Bei deiner Argumentation stellst du ja auch die Funktion in den Vordergrund, den du sagst “die Produkte sind völlig gleich”. würde eines der beiden Produkte nicht Funktionieren, dann spielt die Ästhetik keine Rolle mehr. Aber bei zwei völlig gleichwertigen Produkten kommt die Funktion der Verpackung zum tragen. Hier wird die Ästhetik funktionalisiert, da die visuelle Gestaltung des Produktes besser auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Nicht weil sie “schöner” ist.
    “Schöne Dinge” gibt es gar nicht, Geschmack ist Erziehungssache. Wenn heute ein Produkt “schön” Verpackt ist, dann deshalb, weil das subjektive Empfinden der Zielgruppe so erzogen wurde. Das ist teils Kultur- und zu immer grösseren Teilen Medienbedingt. Die Funktion der Verpackung ist eine Andere als die Funktion des Produktes, die sie beinhaltet. Verpackung soll das Produkt schützen und den Verkauf positiv beeinflussen. Auch hier steht die Fuktion im Vordergrund, denn wenn die Milchtüte Durchweicht, dann kann sie noch so “schön” aussehen, keiner wird Sie kaufen.

    zu 2. Dabei orientiert sich Apple sehr stark an den 10 Thesen von Dieter Rams. Natürlich spielt Ästhetik hier auch eine grosse Rolle, Rams sagt jedoch: “Schön sein kann nur, was gut gemacht ist.” Und er ist, genau wie Jonathan Ive, ein Vertreter von “form follows function”.

  5. Schöne Dinge gibt es gar nicht, Geschmack ist Erziehungssache.

    Es gibt Studien mit wenigen Monate alten Babys, die das Gegenteil belegen. Unter anderem hat der britische Entwicklungspsychologe Alan Slater festgestellt, dass die Vorstellung von Attraktivität nicht im Auge des Betrachters entsteht, sondern im Gehirn eines neugeborenen Kindes seit dem Moment der Geburt oder sogar schon früher vorhanden ist. (siehe Spiegel-Artikel). Wer selbst Kinder hat, wird solch eine „Schönheitspräferenz“ vielleicht schon einmal selbst bemerkt haben.

    Seit der Antike beschäftigen sich Menschen damit, Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu definieren, nach denen sich ein Schönheitsprinzip irgendwie fassen und bestimmen lässt. Der Goldene Schnitt ist nichts anderes als der Versuch, das Gefühl von Schönheit mit Hilfe einer mathematischen Formel auf die Schliche zu kommen. Sicherlich ist Geschmack auch mit Prägung verbunden und also Erziehungssache, wohl aber nicht ausschließlich.

  6. Mein tägliches Gegenbeispiel Apple:

    Wenn ich mein iPhone4 in der Tasche in der Hand halte, wo ist da vorn? Was war schlecht am Design des iPhone3, dass diese “Funktion” entfernt werden musste. Ist es etwas moralischer Verschleiß?

    lg
    SR

  7. @Achim
    Interessant, das wusste ich nicht. Eventuell war ich ja zu dramatisch.
    Trotzdem, sagt das Experiment etwas über Schönheit aus? Oder eher darüber, ob Neugeborene ein Grundverständnis für Symmetrie oder Ordnung haben? Oder belegt das Experiment Schön = Durchschnitt? Und würden Babys, die über Generationen hinweg nur von hässichen Menschen grossgezogen wurden vielleicht plötzlich das Andere Bild wählen? Wer hat entschieden, welches der Bilder hässlich ist? Waren es hässliche Babys? ; )

    Tatsächlich bin ich neugierig geworden, der Spiegel-Artikel macht Lust auf mehr. Vielleicht wird der nächste ausführliche Artikel hier ja “was ist schön?” oder “was ist Design?”. Ich habe mich jedenfalls sehr über den Artikel hier gefreut und wünsche mir mehr davon.

    Worauf ich mit meiner Aussage “schön gibt es nicht” eigentlich hinaus wollte ist, das “schön” hauptsächlich subjektiv und nicht oder nur schwer planbar ist. Oder eben nur in einer bestimmten Zielgruppe. Die Zielgruppe “9-Jähriges Mädchen” wird sicher etwas anderes als “schön” empfinden als der 35-jährige Designer, der für die Gestaltung des Produktes zuständig ist.

  8. @thedaft Das ist gut möglich. Ich hoffe natürlich, dass sich über die Kommentare noch einige Kreative beteiligen, erst dann wäre es ja im Sinne eines Wikis ein gemeinschaftliches Werk. Fragst Du, weil Du sonst befürchtest, den Artikel nicht mehr wiederzufinden? Die URL ist leicht zu merken.

  9. Ich denke, hier liegt das große Missverständnis vor, dass man eine Aussage, die evolutionsphilosophisch gemeint war auf den schnöden Alltag und dessen Gegenstände (Männer, Teekannen, Suppendosen) anwenden will, was nicht funktioniert.

    Sullivan meinte vielmehr, dass sich die Form aufgrund eines evolutionären Prozesses zwangsläufig aus der Funktion heraus ergibt. Bei uns Menschen ist der Kopf oben, weil wir mit einem oben befindlichen Kopf vor tausenden von Jahren besser übers Steppengras gucken und Feinde / Beute entdecken konnten. Die Form unseres Körpers folgt seinen Funktionen. Das kann man auf alles mögliche anwenden: Ein Rad ist rund, damit es rollen kann. Ein Haus hat ein Dach, damit es nicht reinregnet. Etc. pp.

    Subjektive Wahrnehmungen, wie Schönheit & Co., haben nichts, aber auch rein gar nichts mit der stark verkürzten Aussage “Form follows function” zu tun.

    Wie Dirk Thieme ganz richtig feststellt, wird das Prinzip FFF oft eindimensional interpretiert: Eine Form muss zwangsläufig der Funktion folgen, um “richtig” zu sein. Was natürlich vollkommener Quatsch ist. Oder, um Achims Worte aufzugreifen: Eine Verquickung von Ästhetik und FFF gibt es nicht. Vielmehr kann und sollte es quasi eine epiphytische Symbiose eingehen: Das Design sitzt (platt gesagt) auf der Funktion auf, wodurch ein ästhetischer Gesamteindruck entstehen kann.

    Meiner Meinung nach sollte man das Prinzip FFF nicht neu interpretieren oder umdeuten oder was auch immer, sondern einfach nur als die hohle Phrase, die es ist, auf ewig und immerdar entsorgen.

  10. Bei den meisten Produkten komplizierter als ein Kochtopf – beispielsweise Autos – kann man für fast jede Gestaltungsform (selbst bei den sogenannten Charakterlinien) einen funktionalen Grund finden. So zum Beispiel Verringerung des Luftwiderstandes, Abtrieb für Bodenhaftung, Sicherheit, Stauraum, Ergonomie… oder eben einen Kompromiss, der sich daraus ergibt. Ansonsten ist ja auch Ästhetik eine Funktion
    Mit funktionalem Design wird die Welt ja nicht zwangsweise nur noch aus häßlichen, grauen Würfeln bestehen ; )

  11. Ach so, meint ihr also, form follows function = die Form resultiert aus der Funktion? Denn ich interpretiere das eher so: erst Funktion, dann Form, die Form darf die Funktion nicht beeinträchtigen/dominieren. Und das ist nur eine von vielen Regeln, die man beachten sollte, wenn man gutes Design erhalten möchte. Design ist Interpretationssache, und jeder muss für sich Schwerpunkte setzen. Und für mich ist FFF ein solcher Schwerpunkt.

    @Wolle
    “Ich denke, hier liegt das große Missverständnis vor, dass man eine Aussage, die evolutionsphilosophisch gemeint war auf den schnöden Alltag und dessen Gegenstände (Männer, Teekannen, Suppendosen) anwenden will, was nicht funktioniert.”
    -> Ist Design nicht die “Evolution des schnöden Alltags und dessen Gegenstände”? Design soll das Leben erleichtern/bequemer machen und alltägliche Dinge in der Nutzbarkeit verbessern.

    “Das Design sitzt (platt gesagt) auf der Funktion auf, wodurch ein ästhetischer Gesamteindruck entstehen kann…”
    -> Ist auch ein Standpunkt, doch für mich ist die Funktion Teil des Designs. Ein Designer ist ja nicht nur ein “Schönmacher”, sondern viel mehr ein “Leicht-Zugänglich-Macher”.

  12. Form Follows Function — Setzt man voraus, dass “die Funktion” einer Sache/eines Dings ganz unterschiedlich interpretiert werden kann, stimme ich voll zu.
    Ich würde “Funktion” in diesem Zusammenhang am ehesten als die Zielsetzung eines Projektes definieren.

  13. In meinen Augen gilt “form follows function” immer noch, denn die Frage ist doch, was überhaupt die Funktion ist. Genau wie die Form ein dehnbarer Begriff ist, ist die Funktion mindestens genau so dehnbar. Wenn ich Leute emotional ansprechen möchte, dann brauche ich doch eine der Absicht entsprechende Form, also z. B. Bilder o. ä.. Wenn ich die Informationen allein hervorheben möchte, dann brauche ich eben keine emotionale Form (und sie würde auch nur schaden).
    Die Absicht, die Zielsetzung, die Funktion, wie auch immer man es nennen mag, bestimmt doch das ganze Konzept – die Form natürlich eingeschlossen.

  14. Sehr guter Artikel, endlich etwas Licht hinter der Botschaft “form follows function”. ich bin in meiner Karriere sehr oft diesem Leitsatz begegnet und ihm auch treu geblieben. Allerdings habe ich ihn über die Jahre in meiner Funktion als Kommunikatorin und Gestalterin in einer Brandingagentur abgewandelt in: “Form follows message”.
    Nicht die Funktion alleine ist ausschlaggebend für gutes Design. Die Umsetzung der Message erfordert aber auch, dass die Message klar ist, von daher ist die Aufarbeitung der “story behind the company” unabdingbar, um ein aussagekräftiges Branding zu definieren.

  15. FFF les ich auch gerne immer als Art Totschlagargument bei Kommentaren auf IT-Seiten, wenn irgendwelchen Leuten ne GUI-Änderung etc. nicht gefällt. Dabei glaub ich dass die wenigsten Leuten den Satz wirklich begreifen…

    Vor allem eben bei Layoutfragen, wo die Form ja gerade da eigentlich selbst Teil der Funktion ist. Eben durch den Sinn, Informationen nicht nur darzustellen sondern auch zugänglich zu machen.

    Aber da gibts dann immer wieder Leute, die am liebsten ne komplette Website mit Informationen vollgeklatscht haben wollen, “damit man möglichst viel gleichzeitig im Bild hat, nicht scrollen oder klicken muss und es möglichst keinen Weissraum oder Abstände gibt, denn das ist ja verschwendeter Platz auf dem Bildschirm”. Und wenn dann mal jemand das Layout aufräumt heissts wieder “hey! Form follows Function!!!!”…

    Interessant find ichs auch, dass (gerade wieder bei IT-Seiten) viele mit der GUI von WP7 nicht klarkommen, weil die ihnen zu einfach und minimalistisch ist und sie die einfarbigen Kacheln merkwürdig finden. Und da verweisen dann alle wieder auf das supertolle Android/iOS mit seinen Verläufen, Schatten, Transparenz und Glossyeffekten und dass das da viel besser aussieht…

  16. Ich versuche mal den pragmatischen Ansatz.
    (Pragmatisch: was im Alltag nützlich ist)

    Und gleich das Ergebnis:
    Dienlichkeit der ursprünglich aus dem Objekt-/Produktdesign kommenden fff-Regel in der Kommunikation als Grafikdesigner mit dem Auftraggeber: Schlecht.

    Warum:
    Dieses als Diktat einseitig linear-kausale “form follows function” hat mich dazu gebracht, es in der Argumentation gegenüber dem Auftraggeber gar nicht mehr zu erwähnen. Mit der fff-Regel als “oberstes Gestaltungsgesetz” bekommt man es als Nicht-Produkt-Gestalter nicht hin, ihm ein Layout emotional UND geistig erlebbar und verstehbar zu machen und konstruktiv darüber zu diskutieren. Grund: Ähnliche, fast gleiche Erfahrungen damit wie Patrick. Beinahe selbstschädigend.:-)

    Gehe einen anderen Weg: Ich versuche, statt den linear-kausalen Weg des “fff” zu wählen, ZIRKULÄR zu denken und dem Auftraggeber zu vermitteln, dass der blanke Inhalt bereits die Form sein kann und die Form der Inhalt.

    Die zirkuläre “Regel”:
    {Form=Inhalt & GLEICHZEITIG Inhalt=Form}

    1. Eine hohe sachliche Textmenge – der Inhalt, die Aussage – auf einer Doppelseite ergibt (exakt gleich typografiert) sofort eine andere Form als ein emotionaler kurzer Text.
    und
    2. Die Form ist sehr wohl gleichzeitig der Inhalt: Eine weiche, verwischte Linie als Form / als Symbol ergibt z. B. den Inhalt, die Aussage “Weichheit”.

    Vergleich fff mit {Form=Inhalt & Inhalt=Form}

    Die einseitig kausale “fff”-Regel ruft gern im Gegenüber, im Team, den Rabulistiker* auf den Plan. (Siehe auch bei Patrick). Ergebnis: Probleme werden mit dieser Pseudo-Kausalität erzeugt, die man vorher nicht hatte.

    {Form=Inhalt & Inhalt=Form} hingegen muss zwar als Art zirkulär zu denken eingeübt sein, und für viele Auftraggeber (auch für viele Gestalter) ist sie neu. Sie müssen sich geistig und emotional erst darauf einlassen können. Es geht also nicht mit jedem, weil wir das linear-kausale Denken von der Grundschule an gewohnt sind. Aber wenn, dann klappt es gut, Layouts, Webdesigns gelingen auf beiden Ebenen im Sinne von: sehen gut aus UND sagen aus, was sie aussagen sollen (funktionieren).

    Nicht alle tollen Erkenntnisse aus dem hochgeschätzten Produktdesign und hochverehrten edlen Objektdesign à la Bauhaus sind gut für das Kommunikationsdesign. Eher ein hinderlicher Ballast. Oder anders: Diese falschen heiligen Kühe müssen im Kommunikationsdesign geschlachtet werden. Was für den Produktdesigner gilt, ist noch lange nicht richtig für den Kommunikationsdesigner.

    *Rabulistik: Sophistik, Haarspalterey

  17. Man sollte auch bedenken: Die Maxime “fff” wird oftmals missbraucht und schlecht umgesetzt. Quasi als Rechtfertigung. Im Falle von Jakob Nielsen könnte man auch von “function ignores form” sprechen. Ich erinnere mich mal an einen Webdesigner, der sich auf barrierefreie Internetseiten spezialisiert hatte (glaube das war zur Hochzeit der “Ich-AG”). Er hatte ähnlich argumentiert und ich dachte mir “klar, Du kannst ja auch nicht anders”.

  18. @ Vroni: Sprichst Du nicht eher von McLuhan?

    Ich glaube der Witz an der ganzen Sache ist die Funktion und nicht die Form. Funktion eines Werbeplakates ist ja nicht nur sagen, dass es dies oder jenes zum halben Preis gibt, sondern auch emotional berühren bzw. begeistern.

    Der Grundsatz FFF gilt aus meiner PErspektive heute mehr denn je, bloß die Definition von “Funktion” hat sich geändert. Es soll nicht nur funktionieren (bei Flachdesign also kommunizieren) sondern auch Bedürfnisse wecken, Identität stiften, sich von dem Rest emotional abheben etc.. Dies alles sind Funktionionen von Drucksachen zum Beispiel.

    Isofern stimmt der Satz immer noch. Man muss nur die richtigen Funktionen definieren und daraus ergibt sich die Form ;)

  19. Ich habe das Gefühl, dass beim Webdesign in letzter Zeit die Funktion zunehmend zweitrangig hinter der Form – einem chicken Äußeren – zurücktritt. Um innovativ zu wirken, verzichtet man auf Konventionen. Ganz groß im Trend sind Icons, die an iPhone & Co erinnern, deren Funktionen man aber erst einmal herausfinden muss. Links sind kaum von Text zu unterscheiden, Navigation kaum als solche auszumachen. Beispiel: http://www.stuttgart-tourist.de/. Zum Glück werden die Suchfunktionen besser – sie sind oft der beste Zugang.

  20. Lieber niel,
    wenn “Funktion” mit Ziel/Botschaft/Aussage übersetzt wird, gern.

    Mir ist das Wort “Funktion” jedoch grundsätzlich zu technologisch besetzt.

    Das ergibt das Missverständnis No. 1 des ach so beliebten “form follows function”:
    Eine bewegliche Armlehne hat eine Funktion.
    Ein Plakat jedoch hat eine Aussage, eine Botschaft, einen Inhalt.

    Populäres Missverständnis No. 2 ist, dass nur der Funktion die Form folgen dürfe.
    Dabei ist es vice versa ebenso.

    Dem Satz “form follows function” fehlt also der wichtige zirkuläre Charakter. Das Wichtigste.
    Was hilft es, wenn ständig in Fachkreisen betont wird: aber er hätte ihn, jaja; die Leute wären nur zu dumm, ihn richtig zur verstehen …
    Wenn er einfach nicht da steht.

    + Sprachkritik+
    Eine Regel, die in der Praxis zu häufig missverstanden wird, taugt entweder nichts oder muss neu formuliert werden. Es liegt dann nicht an den Menschen, es liegt an der schlecht oder unzureichend formulierten Regel.

  21. @Vroni

    Ja doch die Funktion von einem Plakat ist doch die Aussage mitzuteilen. Das ist seine Funktion. Und diese Funktion zielt auf Verbalität, Visualität aber auch auf die Emotionalität. Text/Schrift – Verbalität, Bild/Grafik – Visualität, Fabrigkeit/Dekor? – Emotionalität.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang die Theorie von Heiner Mühlmann. Decorum Theorie.
    Diese besagt, dass Architektur neuronal dann am besten wirksam ist, wenn diese den Antiken, Klassizitischen oder Baroken Fromen folgt. Wir wollen doch zumeist in einem Altbau wohnen. Wegen der auratischen Wirkung der Architektur, ihrer Funktion quasi, die Emotionalität anzusprechen und dadurch Gemütlichkeit etc. zu erzeugen.

    Deswegen hat es bei Bauhaus nicht funktioniert. Sie haben bei den Meisterhäusern einfach nur die emotionalisierende Funktion der Architektur vergessen und nur an die praktisch-rationale Funktion gedacht.

    oder?

    ps..

    schade eigentlich, dass so ein Thema was Kommentare betrifft, zu sterben scheint…

  22. Lieber niel, ganz ehrlich – mir sind 20 oder 30 substanzielle Kommentare an einem Artikel wie diesem weitaus lieber, als 80+ Kommentare etwa bei einer Logobesprechung, die oftmals nicht einmal gelesen wurde. Eine ernsthafte Auseinandersetzung ohne, dass man sich mit FFF bereits im Vorfeld einmal beschäftigt hat, ist schwer möglich. Wenn der Artikel hierzu ein Impuls wäre, dann hat er viel erreicht. Muss ja nicht sofort in Kommentaren münden. Viele Likes und Tweets zeigen, dass das Thema weitergedacht wird und keinesfalls stirbt. Und das freut mich.

  23. Vielen Dank für den ausführlichen Artikel.

    Die Frage ist immer, welche Funktion im Fokus steht.
    Ein Kosmetikladen, Internetseite, Smartphone erfüllt nie nur eine Funktion.

    Die Art der Funktion leitet sich von einem Konzept, von Werten, Bedürfnissen, Wissen, Zuständen … ab.
    Konzepte, Werte, Bedürfnisse, Wissen, Zustände ändern sich mit der Zeit.

    Dadurch ändern sich Funktionen und mit ihnen hoffentlich die Form.

    Ich finde es nicht verkehrt, sich jedes Mal zu fragen, welche Funktion oder welchen Grund meine Handlung oder Gestaltung hat und sei es… schön sein.

  24. Ich bin zwar kein Designer, aber mich haben solche Themen immer interessiert und ich habe eine große Affinität dazu. Achim, Du hast das Thema prima aufbereitet und in vielen Facetten erläutert – eine sehr kurzweilige Lektüre mit Tiefgang und auch sehr unterhaltsam. Vielen Dank für den tollen Artikel.

    Ich halte es mit FFF so: zuerst muss das “Ding” funktionieren, dann bekommt es eine schöne Form, die aber die Funktion nicht einschränken darf. Ist doch eigentlich ganz einfach ;-) Das habe ich versucht, bei meinem Blog zu realisieren und auch bei dem Datenbanksystem, das ich seit über einem Jahr erstelle.

  25. Danke für den schönen Artikel.

    Das Problem mit FFF ist meiner Meinung nach, dass “Function” zu eng gefasst wird. Das ist an verschiedenen Stellen auch angeklungen. Einfach gedacht: Ist die primäre Funktion einer Website die reine Bereitstellung von Information oder ist es eher, die Informationen einer möglichst großen Anzahl Menschen aus einer Zielgruppe zugänglich zu machen? Je nach Antwort sieht die Form wahrscheinlich komplett anders aus und “Schönheit” wird teil der von der Funktion bestimmten Form.

    Der Satz “form follows function” selbst ist schon ein schönes Beispiel für die darin transportierte Aussage. Würde diesem eine langwierige und alle Aspekte umfassende Definition von form und fuction einverleibt werden – was wahrscheinlich alle Missverständnisse und Interpretationsmöglichkeiten aulöschen würde – wäre er kein merkfähiges Leitbild mehr, was er aber seiner Funktion nach sein soll.

    Meiner Meinung nach hat der Begründer mit der Herleitung von der Natur den Kern bestens getroffen. Und das schließt ja verschiedene Formen einer Funktion nicht aus, wie man an den mannigfaltigen Ausprägungen der Tier- und Pflanzenwelt sieht.

  26. Otl Aicher hat dieses „Form Follows Function” bereits in den Essays auseinander genommen, die in „analog&digital” nachzulesen sind.

    Form und Funktion sind nicht trennbar, das eine kann aus dem anderen entstehen, sie bedingen sich gegenseitig, usw.

  27. Ihren Beitrag fand ich sehr hilfreich für mich – in der Auseinandersetzung mit diesem Gestaltungsleitsatz. Wir entwerfen eigene Leuchten gemeinsam mit Menschen, die auch als Endanwender dieser Leuchten in Frage kommen. Um sie in unseren Workshops in den richtigen Mood zu versetzen, starten wir mit Kurzvorträgen sowohl zu technischen wie eben auch künstlerischen Fragen. Auf Ihren Beitrag werden wir in unserem nächsten Design-Workshop dankbar zurück greifen. Ich werde auf unserem Blog http://blog.ledstein.com auch auf diesen Beitrag hinweisen.
    Vielen Dank

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