Gruppe Bochum

„Unser Korrektiv waren die Mitarbeiter in neun Agenturen“ – Interview mit der „Gruppe Bochum“

Gruppe Bochum

Mit dem kürzlich vorgestellten neuen visuellen Erscheinungsbild für die Stadt Bochum hat die „Gruppe Bochum“, wie sich der Verbund aus neun Bochumer Agenturen unprätentiös nennt, nicht nur einen überzeugenden Arbeitsnachweis ihrer Kreativität abgeliefert, sondern darüber hinaus ein bemerkenswertes Beispiel einer für alle Seiten gewinnbringenden Zusammenarbeit.

Die Stadt profitiert von hochmotivierten Designern, für die das Projekt, anders als bei großen Agenturen, kein Tagesgeschäft darstellt, und die sich schon allein deshalb ins Zeug legen, weil sie die Chance haben, ihre Stadt mitzugestalten, gleichzeitig unterstreicht die durchaus als mutig zu bezeichnende Vergabe des Auftrags an einen losen Verbund, dass das im Vorfeld des Markenbildungsprozesses erarbeitete „Wir-Gefühl“-Leitmotiv mehr als eine Worthülse ist, dass man es von Seiten der Stadt auch ernst meint.

Darüber hinaus demonstriert man in Bochum, dass es auch ohne die in der Branche leider üblich gewordenen unfairen Ausschreibungen geht. Vertrauen anstelle von Daumenschrauben. Es geht! Der Erfolg und die durchweg positiven Reaktionen auf das Ergebnis (auch hier im dt) geben den Verantwortlichen recht, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Wie funktioniert das „Bochumer Modell“, wie darf man sich den Entstehungsprozess vorstellen? Ich sprach mit Mitgliedern der Gruppe.

Im Sommer 2014 wurde das Projekt von der Stadtverwaltung Bochum ausgeschrieben. Herzlichen Glückwunsch zum gewonnenen Pitch! Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Zusammenschluss so vieler Bochumer Agenturen und der Idee, sich gemeinsam zu bewerben? Kannten sich alle Gruppenmitglieder vorher untereinander? Gab es vielleicht schon ähnliche Kooperationen, womöglich in kleinerem Rahmen?

Als kreativer Mensch in Bochum konnte man mit der Außendarstellung unserer Stadt nicht glücklich sein. Entsprechend wurde an vielen Stellen unabhängig voneinander das Thema »Marke Bochum« immer wieder diskutiert.

Rene Wynands (Oktober Kommunikationsdesign): Zuletzt vermittelte die Schließung des hiesigen Opel-Werkes sogar das Bild einer Stadt vor dem Ruin. In den Zeitungen kursierte gar der Begriff der »Bochumisierung«, womit der Niedergang einer Stadt gemeint war. Das tut weh. Und zwar nicht nur mir und Silke Löhmann – zusammen leiten wir Oktober Kommunikationsdesign, ein Designbüro, das für seine Kreativleistung auch überregional geschätzt wird – sondern auch allen unseren KollegInnen aus den anderen arrivierten Agenturen der Stadt.

Glücklicherweise gab es auf Seiten der Stadt Bochum und bei der Bochum Marketing auch einen Leidensdruck, so dass  2012/13 ein Markenbildungsprozess in Gang gesetzt worden ist. In der Zeit haben alle ein wenig die Füße still gehalten, aber in den Gesprächen am Rande von Veranstaltungen und Workshops fiel häufig der Satz: »Da müsste man eigentlich was machen!«. Mit der Ausschreibung des Wettbewerbs sind die Gespräche dann konkret geworden, schließlich wusste man ja von den anderen, dass sie auch an dem  Thema interessiert waren. Und dann hat sich gezeigt, dass der Begriff »Wir-Gefühl« im Markenbildungsprozess nicht von ungefähr einer der drei Markenkerne geworden ist. Gemeinsam etwas zu machen und nicht gegeneinander, über die Agenturgrenzen hinweg ein Statement für die Stadt zu setzen, das empfanden alle als grandioses und herausforderndes Projekt.

Thorsten Strozik (Gregor & Strozik Visual Identity): Natürlich beobachten wir uns gegenseitig und wissen auch um die unterschiedlichen Stärken der etwaigen Agenturen und der sonstigen kreativen Szene. Tatsächlich weiß jeder aus der Gruppe, dass die jetzigen Mitstreiter sowohl kompetent als auch vor allem teamfähig sind. Das wissen wir aus Diskussionen und Austausch auf einschlägigen Veranstaltungen. In vielen Aspekten sind wir auf selber Wellenlänge und dennoch mit unterschiedlichem Blick auf die eigene Stadt versehen. Es war uns allen klar, dass ein derartig komplexes Thema unterschiedliche Sichtweisen und Denkmuster erfordert, dies abrufbar in kurzer Zeit. Und dann ging es los, vehement, inbrünstig und offen. Für mich ist dies eine Ruhrgebietstugend.

Auch wenn wir in dieser Form noch nicht zusammen gewirkt haben, werden wir häufig von unseren Kunden aufgefordert, mit anderen Agenturen zusammen zu arbeiten. Besonders im internationalen Umfeld müssen wir uns als strategische Marken- und Designagentur häufig mit den jeweiligen exekutierenden Agenturen auseinandersetzen. Uns eröffnet dies häufig neue Sichtweisen und hilft, nicht nur in Designregeln zu versumpfen. Wir lernen jedes Mal.

„Letztlich hat uns ein gemeinsames Ziel geeint:
Das Beste für Bochum.“

War die Teilnahme mit einem solch losen Verbund nicht auch ein großes Risiko? Gab es im Vorfeld Vereinbarungen in der Gruppe, wie etwa bei einem möglichen Streitfall mit Haftungsansprüchen umzugehen ist. Gab es in irgendeiner Weise eine Absicherung?

Es gab keine Absicherung und keine Vereinbarungen im Vorfeld außer der, dass man alles als Gruppe angehen würde. Man könnte meinen, wir wären damit ein großes Risiko eingegangen, tatsächlich ist es aber so, dass wir einander alle schätzen und vertrauen und uns gegenseitig zugestehen, neben der nötigen Professionalität auch mit Herzblut an die Aufgabe heran zu gehen. Letztlich hat uns ein gemeinsames Ziel geeint: Das Beste für Bochum.

Silke Löhmann (Oktober Kommunikationsdesign): Wir hatten da wirklich ein Grundvertrauen, dass wir es gemeinsam schaffen können. Wahrscheinlich auch, weil man die meisten Mitglieder der Gruppe bereits als hochprofessionell erlebt hatte: Sei es in einer persönlichen Zusammenarbeit oder durch den kreativen Output der anderen, den man als Kreativer verfolgt hat.

Rene Wynands (Oktober Kommunikationsdesign) ergänzt: Im Übrigen waren wir alle komplett auf die Sache konzentriert und verschwendeten keine Gedanken an solche »Formalia«. Wir würden gerne die Implementierung des CDs als Gruppe Bochum begleiten, so dass wir die von dir angesprochenen Fragen jetzt allerdings klären werden.

Wie darf man sich in diesem Fall den Prozess vorstellen? Wurden alle Treffen von den Verantwortlichen des städtischen Marketings geleitet und moderiert oder verlief die Arbeit der Gruppe vergleichsweise autark?

Wir haben innerhalb des Pitches als Gruppe natürlich ganz autark gearbeitet. Gleich zu Beginn des Prozesses wurde ein interner Blog gegründet, auf den wir viel Recherchematerial, Entwürfe u.ä. hochgeladen haben. In dieser Gruppe haben wir auch Fragen diskutiert, die keine Zeit hatten bis zum nächsten Treffen der Gruppe. Bei den regelmäßigen Treffen haben wir versucht, immer so vollzählig wie möglich zu sein, um gemeinsam die Aufgaben und die einzuschlagende Richtung zu diskutieren, Ergebnisse zu besprechen und das weitere Vorgehen abzusprechen. Eine Zusammenfassung des Treffens wurde dann wieder in die Facebook-Gruppe gegeben. Das hat sehr gut funktioniert und natürlich haben wir uns auch mal gerieben, aber dass das passieren würde, war uns allen vorher klar. Das gehört zu einem gestalterischen Prozess mit so vielen gestandenen Kreativen dazu.

Nach dem Gewinn des Wettbewerbs hat Carsten Köchel als Sprecher der Gruppe den Kontakt mit Bochum Marketing gehalten und in beide Richtungen kommuniziert. Natürlich gab es auch Treffen mit Verantwortlichen des städtischen Marketings, bei denen das gemeinsame weitere Vorgehen besprochen wurde.

Und wie genau sah die Aufgabenverteilung innerhalb der Gruppe aus? Gab es überhaupt eine solche oder wurden alle Aufgaben gemeinsam erarbeitet?

Ein Blick auf die Visitenkarten der einzelnen Personen zeigt, wo Schwerpunkte der Agenturtätigkeit im normalen Tagesgeschäft liegen: DS Design, Martin Steffen Fotografie, Bettina Brakelmann Texte – usw. Dem Bereich Gestaltung kam hier ein besonderer Stellenwert zu. So haben die in diesem Segment erfolgreich agierenden Agenturen wie Büro_Komplex, Oktober, GSVI und DS zahlreiche Konzepte und Layouts entwickelt und der Gruppe präsentiert, um erste Impulse zu setzen und Grundlagen für richtungsweisende Strategieentscheidungen zu schaffen, die von der Gesamtheit der Gruppe verabschiedet wurden. Die im Plenum getroffenen Entscheidungen zur weiteren Gestaltung wurden dann von den Agenturen aufgegriffen und bis zum finalen Ergebnis optimiert. Parallel dazu sind immer Text-, Fotografie-, Film- und Online-Konzepte entstanden.

Mirko Kurth (Büro_Komplex) dazu: Dass wir alle an einem Tisch saßen, hat die Arbeit sehr geprägt. Wir konnten mit einiger Erfahrung an die Sache heran gehen und die Gruppe somit unterstützen, denn wir hatten vor einigen Jahren den Pitch von der Stadt Viersen gewonnen – diese Arbeit wurde auch mit dem Red Dot Award ausgezeichnet. Keine schlechte Voraussetzung und doch: Diese Herangehensweise brachte eine ganz neue Herausforderung und spannende Erfahrungen mit sich. Jeder profitiert von jedem. Ich denke, es war für alle eine Bereicherung und wir würden es immer wieder tun.

War von Anfang klar, dass der Arbeitsablauf so sein wird oder hat sich dieser erst im Zuge des Prozesses eingestellt?

Wir alle arbeiten professionell in Agenturen und es scheint, als ob wir da ähnliche Abläufe hätten. Entsprechend haben wir nichts vorgegeben oder groß vorbesprochen, das Procedere hat sich aus der Arbeit ergeben.

„Die bessere Idee schlägt die schlechtere“

Sind alle der Gruppe angehörigen Agenturen gleichberechtigt? Wie demokratisch ging bzw. geht es innerhalb der Gruppe zu?

Innerhalb der Gruppe sind alle Agenturen gleichberechtigt. Das hat natürlich die Wege manchmal ein bisschen lang gemacht. Andererseits nehmen die Diskussionen viele Fragen vorweg, die womöglich eine Jury aufwerfen würde. So hatten wir vieles, das theoretisch passieren könnte, schon besprochen. Dadurch hatten wir einen langsamen, aber stetigen und evolutionären Prozess. Generell gilt aber auch in der Gruppe Bochum die goldene Regel: Die bessere Idee schlägt die schlechtere, ungeachtet dessen, aus welcher Feder sie entspringt. Gelebte Demokratie in einem pluralistischen Gruppengefüge ist es aber auch, sich auf die Kompetenzen anderer verlassen zu können und sich damit gut vertreten zu wissen.

Die Stadt hat als Siegprämie 50.000 Euro ausgelobt. Nach welchem Prinzip wird das Geld unter den Gruppenmitgliedern aufgeteilt?

Es gab nur einen Beschluss der Gruppe: Wenn wir wirklich gewinnen, müssen wir dies gebührend feiern. Die Tatsache, dass hierüber noch nicht diskutiert wurde, darf als eindrücklicher Beweis verstanden werden, dass die Intention für die Teilnahme bei allen neuen Agenturen in einem anderen Bereich zu verorten ist. Aber auch hier gilt: Alles durch neun!

Wie hoch war der Kommunikationsaufwand? Neun Agenturen plus Auftraggeber plus Interessenvertreter lassen sich nicht mal so eben in einen Designprozess einbinden. Oder doch?

Wenn es das Internet nicht gäbe, müsste man es erfinden!

Carsten Köchel (COMKOM): Der Kommunikationsaufwand ist natürlich recht hoch. Für jeden von uns ist es deshalb gut denkbar, dass einzelne Agenturen der Gruppe nun Teilprojekte realisieren und wir uns nur zu generellen und strategischen Fragen wieder in großer Runde zusammensetzen. Wenn wir das schaffen, haben wir wirklich etwas aussergewöhnliches erreicht. Wir z.B. würden unsere Erfahrung aus digitalen Projekten für Lufthansa oder ThyssenKrupp in die Runde werfen.

„Unser empirisches Korrektiv waren die Mitarbeiter in neun Agenturen.“

Wurde das Design auf seine Akzeptanz hin getestet? Gab es Befragungen oder Präsentationen um diese vor der Veröffentlichung abzuklopfen?

Es gab restriktive Vorschriften, dass das Logo zuvor nicht extern kommuniziert werden durfte – unser empirisches Korrektiv auf dem Wege waren also die Mitarbeiter in neun Agenturen.

Achim Schaffrinna: Welche Aufgaben sind für Euch jetzt noch zu tun? Sind Workshops etwa für die städtischen Mitarbeiter geplant, um diese mit dem neuen Corporate Design vertraut zu machen?

Es gibt noch genug Arbeit zu tun! Die ersten Umsetzungsworkshops haben schon statt gefunden. Dabei geht es einerseits um schnelle Sichtbarkeit, andererseits plädieren wir dafür, das langfristige Qualitätsziel eines einheitlichen Markenbildes – am besten bis in den letzten Winkel der Stadt – nicht aus dem Auge zu verlieren.

Michael Steinert (Designstudio Steinert): Wir hoffen, weiterhin alle Bürger und Beteiligten mitnehmen zu können. Nur so kann langfristig aus der immer noch vor uns liegenden komplexen Aufgabe ein zielgerichtetes, einheitliches und breit angelegtes Konzept mit wirkungsstarkem Endergebnis erzielt werden. Das ist unser Anspruch als Designbüro. So entwickeln wir eigenständige und individuelle Konzepte zur Stärkung der Identität unserer Kunden. Fundiert und lösungsorientiert – interdisziplinär und umfassend. Aktuell mit viel Herzblut für unsere Heimat und grundlegend für jeden Kunden.

Alexandra Steinert (Designstudio Steinert) ergänzt: Die Entwicklung eines Logo-Systems, basierend auf dem im Bochumer Wappen getragenen Buch, war die zu lösende Herausforderung. Es konnte aufgezeigt werden, wie konzeptstarkes Design in eine moderne Marke überführt wird. Das geöffnete Buch trägt durch den Vexier-Effekt eine Blume in sich, assoziiert das Wappen, wandelt sich zum Pfeil und ist durch die Linie verortet. Die dynamische Vielseitigkeit verleiht der Marke Tiefe. Durch die individuelle Interpretation besteht die Chance auf eine allgemeine Akzeptanz in der Bürgerschaft und Wirtschaft. Zusätzlich ist die Freie Marke konzipiert, um jedem die Möglichkeit zu geben, ein Bochum-Fan zu sein und als Botschafter zu fungieren.

Doch es geht nicht nur um Corporate Design. Carsten Köchel (COMKOM) dazu: Vielmehr liegt uns viel daran, auch über Corporate Behavior nachzudenken. Die Stadt hat das Wir-Gefühl ins Briefing geschrieben und das darf sich nun auch wiederfinden: In der Ansprache der Bürger, durch den kreativen Einsatz der freien Marke und durch gute Guidelines, die allen in der Stadt eine praktische Hilfestellung für die Umsetzung bieten.

Bochum Logo

Wie es scheint, wird der Mut aller Beteiligten belohnt. Das Ergebnis ist in jedweder Hinsicht überzeugend. Würdet Ihr im Nachhinein etwas anders machen? Welche Empfehlungen könnt Ihr aussprechen, sowohl an die Adresse von Stadtmarketern wie Kreativen?

Die vielen positiven Rückmeldungen zum konzeptionellen und gestalterischen Ergebnis sind natürlich klasse und absolut motivierend. Was uns aber alle umhaut, ist das enorme Feedback von denjenigen, die schon lange in der Stadt etwas bewegen wollen. Sie haben alle das Gefühl, nun ein echtes Instrument in den Händen zu halten und freuen sich unheimlich, dass es durch so eine Gruppe entstanden ist. Denn diese Gruppe Bochum ist typisch für die Stadt und nur ein weiteres Beispiel dafür, wie man sich in Bochum schätzt und respektiert.

Unsere Empfehlung an Kreative:

a)  Überlegt Euch im Vorfeld, ob Euch das Ziel wirklich wichtig ist.
b)  Wenn Ihr dann bereit seid nicht immer den direkten Weg einzuschlagen und Euch auf Windungen anderer einzulassen, werdet Ihr an unbekannten Wegstrecken so manches Sehenswertes entdecken, was Euch als Einzelgänger vielleicht immer verborgen bliebe.

Und Stadtmarketern können wir ans Herz legen, Wettbewerbe anstelle von Ausschreibungen zu machen und diese auf allen möglichen Kanälen zu veröffentlichen, alle Interessierten teilnehmen zu lassen, Arbeitsgemeinschaften zuzulassen und vielleicht auch (wie in Eindhoven/Niederlande) die Bevölkerung im Vorfeld mit einzubinden.

Die Gruppe Bochum:

Bettina Brakelmann, Text-Projekte
Carsten Köchel, COMKOM GmbH
Mirco Kurth, Büro_Komplex
Katja Leistenschneider, anders&agenten
Silke Löhmann, Oktober Kommunikationsdesign GmbH
Heri Reipöler, Radar Musik und Unterhaltungs GmbH
Martin Steffen, Martin Steffen Fotografie
Alexandra Steinert, Designstudio Steinert
Michael Steinert, Designstudio Steinert
Thorsten Strozik, Gregor&Strozik Visual Identity GmbH
René Wynands, Oktober Kommunikationsdesign GmbH

16 Kommentare zu “„Unser Korrektiv waren die Mitarbeiter in neun Agenturen“ – Interview mit der „Gruppe Bochum“

  1. Spannend, eindeutig ein Prototypen-Projekt mit Vorbildcharakter. Das Ergebnis überzeugt mich auf mehreren Levels und auch die dahinterstehende Struktur macht einfach Sinn. Vielleicht ist das der Beginn einer ganz neuen Pitchkultur?

  2. Herzlichen Glückwunsch zu einem unwahrscheinlich guten Projekt und einem noch viel besseren Prozess! Gewinner ist die Stadt Bochum, die den Claim »Wissen – Wandel – Wir-Gefühl« durch Wissen, Wandel und Wir-Gefühl hat entstehen lassen. Ein starkes Signal und ein enorm positiver Start für die neue Marke. Mehr geht nicht.

    Besonders freut mich, dass hier der heimliche Gewinner die Designer sind, die zeigen konnten, dass Kooperation viel stärker ist als Konkurrenz. Ein Modell für viele Kommunen in Deutschland.

  3. Tolle Geschichte, Glückwunsch. Ich habe aber auch drei kritische Fragen:
    1. welche der beteiligten Agenturen würde von sich nicht behaupten, das Ergebnis auch alleine zu schaffen
    2. wie finanziert man 9 Agenturen mit 50.000 €
    3. wie laut wäre der Aufschrei gewesen, wenn Bochum einer Agentur angeboten hätte, ca. 5500 € zu zahlen?

    Sind das nicht ähnliche Bedingungen, die an anderer Stelle zu folgenden Reaktionen führten:

    http://www.designtagebuch.de/stadt-wuppertal-erhaelt-corporate-design-schenkung-loest-in-der-lokalen-designwirtschaft-kontroverse-aus/

    Bei aller Freude über das wirklich gute Ergebnis, darf man den Prozess durchaus etwas kritischer sehen. So stehen wir nämlich bald wieder vor der Diskussion, ob Designer schlecht oder miserabel bezahlt werden.

    • Sind das nicht ähnliche Bedingungen,

      Die Rahmenbedingungen, von der Planung angefangen, der fairen Ausschreibung, über den (noch anhaltenden) Designprozess, dem überzeugenden Ergebnis, hin zur Bezahlung (inkl. Pitch-Honorar für unterlegene Bewerber!), sind derart unterschiedlich, dass von ähnlichen Bedingungen nicht die Rede sein kann. Beide Projekte sind grundverschieden.

  4. Nein Achim, das sehe ich nicht so, denn hier haben die Agenturen die Bedingungen verändert. Stimmt, die Ausschreibung war fair, wir haben sie selbst auch geprüft. Allerdings ist nicht fair, dass sich hier ein Kollektiv bildet, dass normalerweise in Konkurrenz stehen würde und mit dieser Entscheidung ein Preisdumping praktiziert, dass keine einzelne Agentur mitmachen kann. Oder hätte z.B. Oktober nur 5500 € kalkuliert?
    Ich möchte die Aktion überhaupt nicht schlecht reden, das Ergebnis ohnehin nicht, ich finde nur, dass es kaum als Beispiel für zukünftige Projekte dienen kann.
    Es ist doch unstrittig, dass hier von den Agenturen nicht eine Sekunde wirtschaftlich gedacht wurde, sondern nur im Sinne des Engagements für ihre Stadt, das Preisgeld liegt bei 50.000 € inkl. MwSt. Das kommt doch faktisch einer Schenkung nahe. Eine ähnliche Argumentation kann ich auch bei Wuppertal finden, nur wesentlich schlechter gemacht.

    • In Wuppertal ging es meines Wissens um eine Schenkung einer Designleistung and die Stadt und einen parallel vergebenen Auftrag über knapp 200.000 € an eine Agentur in Düsseldorf. Das führte zu der berechtigten Frage, warum Geld ausgegeben werden kann, aber nicht für Design.

      Die Stadt Bochum hat diese Frage nicht aufgeworfen, sondern ein Kontingent von umgerechnet ca. 670 Arbeitsstunden finanziert. Der Auftrag ist damit übrigens noch nicht abgeschlossen und ich finde den Aufwand nachvollziehbar im Verhältnis zur Leistung. Vermutlich haben die Agenturen ihren internen Abstimmungsaufwand nicht in diesen Stunden abbilden können, aber sie haben etwas ganz anderes erreicht, was in einigen Köpfen offenbar nicht mehr präsent war: Sie haben gezeigt, dass ein Prozess viel wertvoller ist als ein Wäschekorb voller Entwürfe. Dieses Projekt wird die Stadt Bochum verändern und zwar zum Positiven!

  5. Ein faszinierendes Gemeinschaftsprojekt – Lust an gemeinsamen Lösungen kommen hier „zu Tage“! Ja, auch wenn das abgestanden klingt, Bochum hat das verdient! Die Gestalterinnen und Gestalter scheinen ihre Stadt zu lieben – und ihren Beruf! Das können sie vielleicht auch Menschen vermitteln*, die eher Distanz zu „Kreativen“ haben. Und oder übersättigt sind vom Werbelärm.

    *Allein die achtsame Entwicklung des Logos – und die Kommentierung! Letztlich die Sätze aus Grönemeyer’s „Bochum“: Mal kein „auch das noch!“ von meiner Seite.

  6. Eine Frage stellt sich mir aber doch: nämlich wie die anderen Agenturen (aus dem ganzen Land), die hier im Rennen waren diesen »bemerkenswertesten Designprozess des Jahres« sehen.

    Möglicherweise wurde hier (wie in Pitches ja gerne üblich) ein sehr langer und kosten- und investitionsintensiver Prozess mitgegangen, um am Ende gegen einen unschlagbaren Preis und ein ansässiges Kollektiv zu verlieren. Das kann u.U. sehr frustrierend sein und das Gefühl aufkommen, ob man hier tatsächlich eine reelle Chance gehabt hatte.

    Just saying…

    • Eben der Umstand, dass die Rahmenbedingungen rund um die Ausschreibung besonders fair gewesen sind, zeichnet dieses Projekt aus. Alle Finalisten erhielten ein Pitch-Honorar, was selbstverständlich sein sollte, leider aber nicht ist.

      • Naja, ob die Rahmenbedingungen tatsächlich so fair waren, wie du es hier darstellen möchtest, ist halt die Frage. Meines Erachtens gehört zu einem fairen Wettbewerb mehr als ein Pitch-Honorar. Zumindest darf die Fairness dann angezweifelt werden, wenn am Ende eines Pitch-Prozesses ein Konglomerat aus ortsansässigen Designern gewinnt. Es ist ja grundsätzlich nicht verkehrt, wenn man sich auf lokale Stärken besinnt und kreative Kräfte aus den eigenen Reihen ins Boot holt. Aber daraus einen ergebnisoffenen Wettbewerb machen zu wollen, hinterlässt doch ein komisches Gefühl in der Magengegend.

        • Wer sich mit dem Prozess eingehender beschäftigt, wird feststellen, dass dieser mehr positive Merkmale aufweist als lediglich ein Pitch-Honorar.

          Zumindest darf die Fairness dann angezweifelt werden, wenn am Ende eines Pitch-Prozesses ein Konglomerat aus ortsansässigen Designern gewinnt.

          Dass bei einem solchen Pitch ein lokaler Anbieter zum Zuge kommt, ist ja sooo ungewöhnlich nicht. Im übrigen halte ich in diesem Fall eine besondere Berücksichtigung lokaler Kreativer für lobenswert. Da es andernorts ähnlich gehandhabt wird, gleicht sich das auch wieder aus. Denn je stärker die (emotionale) Bindung – diese ist bei ortsansässigen Kreativen meist ausgeprägter – desto engagierter ist man dabei. Stichwort Herzblut.

          • Im übrigen halte ich in diesem Fall eine besondere Berücksichtigung lokaler Kreativer für lobenswert.

            Ja, natürlich. Noch lobenswerter wäre es gewesen, wenn man sich direkt an die lokalen Kreativen gewandt und nicht deutschlandweit ausgeschrieben hätte. Das hätte vielen beiteiligten Agenturen (waren es nicht etwa 220 Bewerbungen?) den Aufwand gespart.
            Dass das Engagement bei »Ortsfremden« weniger groß sein soll, halte ich für eine Unterstellung. Zugegeben, mehr Herzblut steckt sicherlich in der ortsansässigen Kreativbranche. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass dadurch die besseren Ergebnisse erzielt werden. Nicht selten ist der Blick von außen fruchtbarer.

  7. Ungewöhnlich, dass bei mir hier im Süden Deutschlands kein Wir-Gefühl für Bochum entsteht und ich das CD entworfen habe ;)

    Amelie, dein Gedankengang war wohl etwas eingezäunt.

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