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Plakate zur NRW-Wahl 2010

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Plakate NRW Wahl 2010

Die Landtagswahl am 09. Mai 2010 in Nordrhein-Westfalen sorgt für großes Interesse seitens der Medien. Verliert die schwarz-gelbe Regierung unter Rüttgers in 4 Wochen ihre Mehrheit, wonach es derzeit laut Wahlforschungsinstitute aussieht, ändert sich auch das Mehrheitsverhältnis im Bundesrat. Die Bürger in NRW wählen also nicht nur ihre zukünftige Landesregierung, ihre Stimme wirkt sich auch direkt auf die Bundespolitik aus, was ja eigentlich die beste Voraussetzung für eine hohe Wahlbeteiligung sein sollte.

Aus diesem Grund habe ich mir einmal angeschaut, wie es um die Mobilisierung der Wähler mit Hilfe der jeweiligen Werbekampagne respektive der Wahlplakate bestellt ist.

CDU

CDU Plakate NRW Wahl 2010

„NRW muss stabil bleiben“, mit dieser Aussage geht die CDU in den Wahlkampf. Wenig stabil ist zumindest die Gestaltung der Wahlplakate, denn auffällig ist die Unterschiedlichkeit von Großplakat und Themenplakat schon. Während Ministerpräsident Rüttgers grobkörnig in schwarzweiß und durchaus fotografisch gekonnt in Szene gesetzt wird, sind die Themenplakate allesamt blau gehalten. Auch zwei unterschiedliche Absender zieren jeweils am unteren rechten Bildrand die Plakate. Man fragt sich, ob die Verantwortlichen tatsächlich aus Gründen der Gestaltung die NRW-Farben Grün-Weiß-Rot auf dem Großplakat gestrichen haben. Oder wollte man gar die Kosten für die dritte Farbe beim Druck einsparen? Kaum vorstellbar. Die Plakate sehen jedenfalls aus, als stammten sie von unterschiedlichen Agenturen. Wieso muss ich bei den blauen CDU-Plakaten eigentlich ständig an Wick denken? Seis drum.

Stabiler ist die Gestaltung in Bezug auf die Typographie, denn hier kommt die Hausschrift „Kievit“ zum Einsatz. Beständig ist die CDU auch in Bezug auf die verwendeten Schlagwörter. „Arbeit. Kinder. Sicherheit.“ Darauf ist Verlass.

SPD

SPD Plakate NRW Wahl 2010

Hannelore Kraft ist als Spitzenkandidatin im Einsatz für die SPD, drum sieht man sie auf Plakaten. Bemerkenswert ist bei der Kampagne der SPD der Umgang mit Farben. So bunt sah man die SPD wohl noch nie. Wenn die SPD so viele Stimmen erhalten würde, wie sie Farben in ihrer Kampagne verwendet, gewänne sie die absolute Mehrheit. Stimmenjagd mit dem Farbfächer. Wenns so einfach wäre. Die Wirksamkeit von Wahlplakaten ist kaum messbar. Weder lässt sich benennen, ob oder welchen Einfluss sie auf ein Wahlergebnis ausüben, noch lässt sich herausfinden, ob beispielsweise ein gut gestaltetes Plakat mehr Wähler zu mobilisieren im Stande vermag, als ein mieses Design.

Zumindest machen die SPD-Plakate die Straßenzüge bunter. Handwerklich kann man den Plakaten nichts ankreiden. Die Hausschrift Thesis macht in kurzen Sätzen ihren Job. War der SPD-Würfel zur Bundestagswahl rechts oben positioniert, sitzt er diesmal einheitlich auf der linken Seite. Ein Schelm, wer darin eine Koalitionsaussage zu erkennen glaubt.

Mit einem schräg gesetzten weißen “Störer“ wird (erstmals?) ein neues Gestaltungselement genutzt. Der jeweils erste Begriff einer Aussage wird mit Hilfe der weißen, schattierten Fläche besonders hervor gehoben. Auf einem der Plakate heißt es: „Sicherheit Für ein NRW ohne Atomkraft“. Wohl ein Flüchtigkeitsfehler, denn ansonsten werden alle anderen Sätze klein weiter geschrieben. Gewagt bunt. Wer gestalterische Vielfalt sucht, kommt in NRW mit der SPD auf seine Kosten.

Wer will, kann der SPD ein Wahlplakat spenden.

Die Grünen

Grüne Plakate NRW Wahl 2010

Vergleichende Werbung in der Politik ist zumindest unterhaltsam. Zuletzt sorgte die SPD mit ihren Motiven zur Europawahl für Aufregung, mit denen man den politischen Gegner anging. Weniger der brillante Illustrationsstil war es, der bei vielen Menschen für Verstimmung sorgte, sondern vielmehr der politische Stil. Das Unterstellen der Fehler Anderer ist einfach weniger elegant, als die Hervorhebung eigener Stärken. Nun schlagen die Grünen in NRW in die gleiche Kerbe. Einige der Themenmotive sind als Vorwurf an die amtierende Landesregierung konzipiert. Mit einer Aussage wie: „A, B, CDU UND RAUS BIST DU“, gesetzt in Versalien und in der Hausschrift „Benton Sans Condensed“, übt man sich in Zynismus, wohl mit einem Augenzwinkern.

“MACHT MEHR MÖGLICH” ist das Motto der Kampagne, in der Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann ohne eigenes Motiv auskommen muss. Anders als die Plakate zur Bundestagswahl mit ihrem Airbrush-Look, erscheinen die NRW-Motive “cleaner”; zwar nicht langweilig aber doch gewöhnlicher. Die dargestellte Form der Verquickung der Themen “Arbeit” und “Natur”, erscheint mir ein cleverer Zug zu sein. Was sich bei einem Firmenlogo fast schon verbietet – gemeint ist das Ersetzen eines Buchstabens, in diesem Beispiel ein “A”, durch eine Bildmarke –, ist in diesem Fall eine „gute Gestaltung“, weil es nämlich zwei komplexe Themen leicht verständlich und vor allem schnell zu einem Lösungsansatz verdichtet. Gerade Wahlplakat müssen bedarfsgerecht aufbereitet sein, sprich die Botschaft muss in 3 Sekunden ihren Rezipienten gefunden haben. Darüber hinaus sind die Plakate der Grünen handwerklich solide.

Auch bei den Grünen kann man “Mein Plakat” erstellen, ein Trend mit dem man offensichtlich den Plakatmixern, die zugegebenermaßen eher die Konservativen auf dem Kieker haben, den Wind aus dem Segel nehmen möchte.

FDP

FDP Plakate NRW Wahl 2010

Aufstieg im Aufsteigerland NRW. Geht es nur mir so? Die Verwendung des Begriffs „Aufstieg“ klingt in meinen Ohren wie ein Bekenntnis zur Bewahrung einer Klassengesellschaft. Dort wo jemand aufsteigt, muss irgend wer anders ab- oder aussteigen. Das ist im Beruf so und auch in der Fußball Bundesliga sorgt dieses Prinzip für Bewegung. Wäre ja noch schöner, wenn alle oben mitspielen könnten. Sicherlich bleibe ich an diesem Begriff auch deshalb kleben, weil die Gestaltung recht wenig Angriffsfläche bietet. Zwischen der typisch liberalen gestalterischen Schonkost fällt lediglich eine diffuse Form im Absender auf. Der Umriss von Nordrhein-Westfalen macht stilistisch auf Expo-2000-Logo. Ansonsten gibt es mit blauer Schrift auf gelber Fläche keine Überraschungen. Die FDP steht für Kontinuität, denn die Gestaltung ist kontinuierlich langweilig.

Fazit

Design spielt in Bezug auf den Wahlausgang keine Rolle. Anders ist der Erfolg der FDP bei der Bundestagswahl 2009 nicht zu erklären, waren die Plakate der Liberalen doch durchweg miserabel. Auch wenn kein Wahlplakat es jemals zu einem Effi bringen wird, ist es immer wieder spannend, sich mit den unterschiedlichen Wahlplakaten und ihrer Gestaltung zu beschäftigen, da sie als Zeitzeugnis die Befindlichkeiten der Gesellschaft dokumentieren.

Aufsehenerregend ist keine der hier vorgestellten Kampagnen. Die poppigsten Motive steuern diesmal nicht die Grünen, sondern die SPD bei. Die Gestaltung bei der CDU wirkt eher „unstabil“ und seltsam zweigleisig. Bin mal gespannt, ob die Seitenhiebe der Grünen auf die Landesregierung von den Bürgern als charmant oder doch eher unverschämt eingestuft werden. Und natürlich werde ich die Wahl in meiner alten Heimat aufmerksam verfolgen.

Die Plakate der PDS hätte ich auch gerne vorgestellt, wenn denn die Kampagnenmotive auf der Website der NRW-Die Linke eingestellt gewesen wären oder deren Presseabteilung geantwortet hätte.

60 Kommentare

  1. @ Horst:

    Die Landes CDU von NRW hat ein eigenes CD. Das ist der einzige Verband der statt Orange als Hauptfarbe Blau gewählt hat…

  2. Die Grünen verwenden die veraltete Logo-Version des (damaligen) Arbeitsamtes. Die unbenannte Arbeitsagentur hat viel Geld dafür ausgegeben, dass der A-Strich abgerundet wird. Hat sich ja offensichtlich gelohnt…

  3. Ich habe selbst vor einigen Jahren in einer namhaften Werbeagentur für politische Kommunikation zwei FDP-Wahlkämpfe als Kreativer mitbegleitet und dabei hautnah das Gezerre und Geschiebe von Inhalten, das teils gar nicht vorhandene, teils mangelnde Gefühl für die richtige Sprach- oder Wortwahl, das brutale Aufzwingen persönlicher Vorlieben in Sachen Farbe oder Fotostil, die unerträgliche Geschmäcklerei und Profilneurotik einiger Politiker, die typografische Altbackenheit und Rückwärtsgewandheit von sog. Kreativen – kurzum die geballte Chaotik von Wahlwerbung am eigenen Leib und mit eigenen Augen erfahren.

    Danach wunderte mich gar nichts mehr. Hatte ich mich vorher gelegentlich, ähnlich wie meine Vorredner hier, noch über Eigenartigkeiten und den Tenor der Langeweile in der Politwerbung erstaunt geäußert, so ist mir heute vieles klarer und die miese gestalterische bzw. konzeptionelle Qualität der Kommunikationsmittel durchaus verständlich.

    Den Parteien sei an dieser Stelle geraten: Reden Sie nicht so viel vom mangelnden Vertrauen ihrer Bürger in die eigenen Leistungen, sonder fangen Sie endlich an, ihren Kommunikationsdienstleistern zu vertrauen anstatt inkompetent und von völlig geschmäcklerischen Subjektiven geprägt in alles und jedes Detail der Parteikommunikation und in die Profiarbeit von Leuten, die sich damit auskennen, hineinzupfuschen!

  4. Nicht mehr als ein schlechter Witz denn mit Werbung hat das an der Stelle wirklich nichts mehr zu tun.

    Aussage 1: Wir haben keine Lösung zu Thema 1,2,3 … trodem durchhalten.
    Aussage 2: Stengt euch gefälligst mehr an!
    Aussage 3: Wir wissen zwar noch nicht wie aber irgendwie wird das schon werden.
    Aussage 4: Realitätsfern. We have a dream and this dream is grean.

    Die Plakate befinden sich nah an der Wahrheit und diese Wahrheit ist wirklich erschreckend,
    denn sie macht die geballte Ladung Unfähigkeit offensichtlich.

  5. @Daniel
    Korrekterweise muss es natürlich heißen: Der Partei DIE LINKE wurden keine Mandate im letzten Landtag zugeteilt. Wenn Herr Sagel sein Mandat zweckentfremdet, ist das seine Angelegenheit, hat aber keine bevorzugte Berichterstattung zur Folge.

    Ansonsten sind die SPD-Farbverläufe recht befremdlich, das Großflächenmotiv mit Grüner Schrift über Sonnenblumenstielen (überraschenderweise auch grün) kaum lesbar. Die Grünen sind mittlerweile nicht mehr in der Lage von Wahlkampf zu Wahlkampf noch innovativer zu werden und enttäuschen somit auch. Die FDP hat noch nie versucht, solche Erwartungen zu wecken – da wird wohl eher die Langeweile zur Tugend; das Motiv Polizeireitstaffel habe ich übrigens erst beim zweiten Hinsehen erkannt, anfangs nahm ich eine Teenagerin mit einem teuren, von Papa gesponserten Hobby wahr …
    Bei der CDU verstehe ich zwar das Konzept einer abgetrennten Rüttgers-Kampagne, gerade auch, um dem Bundestrend zu entfliehen, aber dann hätte man das Parteilogo auch ganz weglassen können, statt ein solches Durcheinander zu verursachen.

  6. zum bild von kommentar nr. 6 ich denke hier sollen die studenten mit der farbanmutung von studi vz angesprochen werden oder?

    falls das so sein sollte, wäre es vielleicht nicht schlecht gewesen zu wissen, dass nur einige wenige prozent der studi vz nutzer wirklich studenten sind ;)

  7. Ich stelle den Link auch noch ein drittes Mal rein:
    Kampagne – Die Linke
    Gutes Design zeichnet sich nicht nur durch gute visuelle Gestaltung aus, sondern auch durch gute semantische Gestaltung. Die Linke machen gezielt konkrete Themen zum Inhalt, die mit prägnanten Headlines sofort ins Auge springen. Die Copy darunter erklärt dann auch noch nachvollziehbar, wie das geforderte umzusetzen ist. Als Wähler bekommt man hier das schärfste Profil einer Partei zu spüren. Das ist gute Kommunikation.
    Die anderen Parteien präsentieren sich mit Imagekampagnen, die mit Schlagworten emotionalisieren wollen. Man erkennt zwar ungefähr mit welcher Zielgruppe sich die Partei identifizieren will, aber klare Positionen und Lösungsvorschläge bleiben aus.

  8. SPD irgendwo schon mal gesehen, die Schrift erinnert mich an die Grünen und die Farbe an die MS Office Verpackung, aber auch an die CDU Plakate der letzten Bundestagswahl.

    Grün, Natur + AA Logo, letzteres steht für Arbeitslosigkeit, Verlust von Arbeitsplätzen = “Naturschutz vernichtet Arbeitsplätze”. War zumindest mein erster Gedanke(Stammwähler). Die sächsischen Plakate waren um Klassen besser.

    CDU das körnige S/W Foto ist schon eine Idee(Keine Experimente!), mir aber doch zu unruhig und flau. Der rote(!) Spruch wirkt wie (vom pol. Gegner) aufgeklebt. Dazu die penetrante Großschreibung, bei Werber 1 scheint die Shift Taste zu klemmen. Könnte auch ein Werbeplakat für Uschis Restrampe sein. Werber 2, der mit der funktionierenden Tastatur, liefert dagegen solides Handwerk.

    FDP Zero Points. Kein Vergleich mit der sächs. Leistungsträgerelite, kein Inhalt – aber ein hübsches Modell ( http://www.mdr.de/I/6675005.jpg ) ! So fängt man Wähler.

  9. > Auf einem der Plakate heißt es: „Sicherheit Für ein NRW ohne Atomkraft“.
    > Wohl ein Flüchtigkeitsfehler, denn ansonsten werden alle anderen Sätze
    > klein weiter geschrieben.

    Nein, die anderen Sätze sind halt “richtige” Sätze:
    Einsatz für ein NRW…
    Freude auf ein NRW …
    Vertrauen in ein NRW …

    Der Atomkraftslogan bricht zwar aus dieser Systematik aus. Ich vermute aber dass er so gemeint ist:
    Sicherheit(./!) – Für ein NRW ohne Atomkraft.

  10. lass die linke aus dem blog. grade die radikale nrw.linke hat viel zu viel aufmerksamkeit bekommen die 4 da oben sind die demokratischen Hauptakteure.

  11. @Peter Köller zu den Plakaten der Piraten: Es wurden diese Plakate gedruckt und geklebt: http://www.piratenkreo.de/node/414
    Unter http://wiki.piratenpartei.de/Datei:NRW-Plakate-Arguliner.pdf kann man ein wenig zu den Inhalten erfahren.
    Die Welle unten ist tatsächlich nicht gut. Man erkennt das Logo nicht. Dafür sind die Plakate in der Fernwirkung erstaunlich: Das weiße P auf orangenem Grund erkennt man aus sehr großer Entfernung. D.h. wer einmal ein Piratenplakat gesehen hat, findet es überall wieder.

  12. Schöner und informativer Artikel.

    Mein absoluter Favorit ist dieser Satz zur FDP: [...]typisch liberalen gestalterischen Schonkost[...]

    Klasse! :)

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