Loremo – Eine neue Philosophie nimmt Gestalt an

Alljährlich werden auf dem Genfer Autosalon oder auch der IAA zahlreiche Designstudien präsentiert. Fast alle großen Automarken stellen ihre aufpolierten „Visionen“ eines fortschrittlichen Automobils vor, um den Schein zu wahren in Sachen Ideen für die Zukunft dabei zu sein.

Sicherlich finden sich die ein oder anderen Ansätze irgendwann später einmal in einer Serienproduktion wieder aber ich habe den Eindruck wirklich Bahn brechende Neuerungen verpuffen jedes Jahr aufs Neue. Die Scheinwerfer der Messestände überstrahlen gekonnt den Mangel an Informationen zur ökologischen Verträglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Leicht bekleidete Motorhauben-Bunnies steigern diesen Blendeffekt nur noch. Design ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, um in dieser Einheitsmasse ansatzweise unterscheidbar zu sein. Linienführung und aerodynamische Formen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema Design Defizite in Sachen Motorentechnik und Ökologie kaschieren muss, was ich sehr schade finde. Statt ein gutes Produkt noch besser zu machen, muss die Formgebung den Stillstand in der Entwicklung schön färben. Mal von der Hybridtechnik abgesehen, die die europäischen Autobauer allerdings allesamt verschlafen haben. BMW, Renault, VW haben nun Mühe an Toyota Anschluss zu halten, die auch Dank des Erfolges in den USA an Ford vorbeigezogen sind und nun Platz 2 in Sachen PKW-Absatz weltweit hinter General Motors behaupten.

Der Loremo

Vor diesem Hintergrund ist das Projekt Loremo schon bemerkenswert, auf das ich in einem Artikel in der deutschsprachigen Ausgabe der Vanity Fair gestoßen bin. Loremo bedeutet „Low Resistance Mobile“. Eine möglichst widerstandsarme und energiesparende Fortbewegung steht also im Mittelpunkt des neuen Automobils. Je nach Modell soll der Kraftstoffverbrauch zwischen 1,5 und 2,7 Liter Sprit je 100 km liegen. Der Anschaffungspreis liegt zwischen 11.000 und 15.000 Euro und ein besonderes Merkmal ist die neuartige Karosserie, die aus einer sogenannten „Linearzellen-Struktur“ besteht – sprich aus einem Stück. Das Design muss hier nicht glatt bügeln, was durch Lücken im Konzept Falten aufwirft. Es ist ganz selbstverständlich Teil des Gesamtpakets bestehend aus Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Aerodynamik, Sicherheit und eben Formsprache.

Von der Idee bis zum Serienmodell

Der Ingenieur Uli Sommer hatte bereits 1993 die Idee für den Loremo. Sieben Jahre später gründete das dreiköpfige Team, zu dem im Jahr 2000 noch Stefan Ruetz und Gerhard Heilmaier gehörten die Loremo GmbH in München. Von der Idee bis zum ersten Modell vom Band werden dann 16 Jahre vergangen sein. Das lässt erahnen, wie steinig der Weg solch einer Entwicklung (hierzulande) mit unter sein kann. Seitdem die Firma 2004 als Aktiengesellschaft firmiert, konnten zahlreiche Investoren und bekannte Köpfe wie der ehemalige ZDF-Intendant Dieter Stolte gewonnen werden. Zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen, das Förderungsgelder in Höhe von 2,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, beginnt man nun in Dorsten mit der Errichtung der Fertigungshallen. 2009 soll dort der erste in Serie produzierte Wagen vom Band rollen.

Klimaschutz und die Verantwortung der Autoindustrie

In Zeiten wo selbst in den USA das Thema CO2-Reduzierung auf die Agenda rückt wird es wirklich Zeit, dass die Industrie Fahrzeuge entwickelt, deren Produktion nicht nach kurzer Zeit aufgrund verfehlter Produktstrategien wieder eingestellt werden, wie das Beispiel Drei-Liter-Variante des Lupo uns gelehrt hat. Wem nützen eigentlich die prächtigen Autoschauen wie aktuell in Genf? Richtig, den Autokonzernen. Statt die Bedürfnisse der Menschen rückt in meinen Augen stets die Geltungssucht der Autobauer in den Vordergrund. Design wird missbraucht, um Stillstand zu verschleiern. Ich frage mich, wann VW wieder seinem Firmennamen Ehre macht und einen echten Volkswagen baut, den die Menschen wirklich wollen. Stattdessen verlieren sich die Strategen der Führungsetagen in Selbstverliebtheit und beschließen die Produktion von Fahrzeugen wie dem Phaeton, die (fast) kein Mensch braucht. Man ist zufrieden, wenn der Fuhrpark der Berlinale dann in der Presse auftaucht. Ziel erreicht.

Wann wird der Autokäufer gefragt?

Es muss sich etwas ändern. Telefongesellschaften bieten individuelle und maßgeschneiderte Lösungen. Lebensmittel- und Kosmetikkonzerne lassen in Studien und Umfragen ermitteln, welche Produkte beim Kunden ankommen. Scouts versuchen neue Trends und Richtungen in der Mode und Musik aufzuspüren. Wann werden die Menschen gefragt, was ihnen an einem Auto wichtig ist? So würden die Macher erfahren, dass die dringlichste Frage nicht ist, wie man zwei Touareg in einem Haushalt finanziert bekommt! Wie dermaßen oberflächlich, abgehoben und an der Gesellschaft vorbei in den oberen Etagen der Autokonzerne gedacht wird, zeigt sich im Spot: „Holst du die Kinder?“. Ein junges Paar trifft in einem Flussbett mit zwei Touaregs aufeinander. Das sind die Visionen der Autoindustrie! Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Daran muss ich gerade denken.

Der Loremo zeigt, dass es auch Ingenieure gibt, die die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund stellen und die dabei selbst wichtig Fragen beantwortet haben:

Muss ein Auto 1.200kg wiegen, um eine 80kg schwere Person zu befördern? Nein.

Muss ein Auto 8-15 Liter im Stadtverkehr verbrauchen? Nein.

Weitere Antworten gibt’s im Internetauftritt

Etwas wunderlich ist das Projekt eigene Forum, in dem man zusätzliche Informationen einholen kann. Den hohen Anspruch an die Gestaltung, wie beim Fahrzeug selbst darf man hier allerdings nicht erwarten ;)

Loremo in den Medien

Loremo in anderen Blogs

* aus dem Mai 2006. Seitdem hat sich das Design deutlich geändert.

11 Kommentare zu “Loremo – Eine neue Philosophie nimmt Gestalt an

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