Kunsthalle Wien – Jahreskarte Flyer

Kunsthalle Wien – Das Spiel mit dem Adler

Kunsthalle Wien – Jahreskarte Flyer

Bereits im April dieses Jahres stellte die Kunsthalle Wien ihr neues Erscheinungsbild vor. Ein Erscheinungsbild, das zum Zeitpunkt der Einführung für reichlich Wirbel gesorgt hatte. Nicht des Wirbels wegen möchte ich das Erscheinungsbild an dieser Stelle vorstellen, sondern weil es die höchst spannende, von der Tagesaktualität losgelöste Frage thematisiert, wie dynamisch versus statisch ein Corporate Design sein darf.

Wer sich mit Corporate Design beschäftigt weiß, dass es nicht unbedingt eines Logos bedarf, um eine visuelle Identität zu transportieren. Produkte von Coca Cola, Milka oder etwa Nivea sind in ihrer Farbgebung und Gestaltung so unverwechselbar, dass man auch gut auf das jeweilige Markenlogo verzichten kann » siehe die „Meine Coke“-Kampagne.

Seit dem Frühjahr nun verzichtet die Kunsthalle Wien auf die Abbildung eines Logos, eines festgelegten Zeichens, das den eindeutigen Bezug zum Absender ermöglicht. Stattdessen setzt das vom belgischen Grafiker und Künstler Boy Vereecken entwickelte Corporate Design auf den Einsatz von Adler-Abbildungen. Warum es ein Adler sein musste und nicht etwa eine Schnecke, beschreibt Michael Wuerges, Leiter Strategie und Marketing Kunsthalle Wien, im MQ-Blog.

Das Konzept ist schon allein deshalb so interessant, weil es wie das Gegenmodell zum jüngst im dt vorgestellten Corporate Design des Museum Angewandte Kunst Frankfurt anmutet. Dort (Frankfurt) eine weitestgehend gesichtslose, zumindest jedoch unauffällige Gestaltung, hier ein zu Kontroversen anregendes, in vielerlei Hinsicht diskutables Erscheinungsbild.

Kunsthalle Wien – Adler

Die Darstellungsform der verwendeten Adler kennt keine Grenzen, ebenso die Ausdrucksform: martialisch, naturalistisch, heraldisch, aztekisch, indianisch und sogar als Comic treten die Adler der Kunsthalle Wien in Erscheinung. Der so stolze, in unzähligen Landes- und Stadtwappen verewigte Raubvogel – auch im Wappen der Stadt Wien – konterkariert, entstellt und zweckentfremdet. Der Umstand, dass hierbei in erster Linie auf Stock-Material zurückgegriffen wird, scheint den Kritikern Recht zu geben. „Der Adler polarisiert und stößt dadurch zwangsläufig auch auf sehr viel Resonanz. Die Idee, sich ganz bewusst gegen ein statisches Gestaltungskonzept zu entscheiden und gegen den Wettbewerb um das eleganteste, kühlste, zurückhaltendste Logo hat die öffentliche Meinung gespalten.“, wie mir die Pressestelle des Hauses verriet.

Mit jedem Ausstellungsprojekt nimmt der Adler eine andere Form an und wird somit „zur visuellen Manifestationen synonym für die Wandlungsfähigkeit der Institution“, wie es in der offiziellen Pressemeldung heißt. Und genau hier stellt sich die Frage, ob und in wie weit die Darstellung der Wandlungsfähigkeit in diesem Fall auf Kosten der Wiedererkennbarkeit geht.

Kunsthalle Wien – Werkstempel

Eine Binsenweisheit: je weniger Konstanten ein Corporate Design besitzt, desto weniger tritt die Identität zutage. Im Fall der Kunsthalle Wien ist die Form des Logos variabel, ebenso, zumindest in weiten Teilen, die Farbgebung. Hingegen konstant ist die Form des sogenannten „Werkstempels“, der sich nicht nur sprachlich, sondern auch gestalterisch auf die Wiener Werkstätte bezieht, der 1903 gegründeten Produktionsgemeinschaft bildender Künstler, die sich, ganz im Sinne der „Arts and Crafts“-Bewegung, der Erneuerung des Kunstbegriffes auf dem Bereich des Kunstgewerbes widmeten. Der von Josef Hoffmann entworfene Briefkuvert der Wiener Werkstätte diente als Ideengeber für den Werkstempel (Abb. oben), indem die wichtigsten Informationen etwa einer Ausstellung gebündelt werden.

Kunsthalle Wien – Plakat

Dynamische Logos sind keine Seltenheit. Eine der spannendsten Logokreationen der vergangenen Jahre ist sicherlich das Logo des MIT Media Laboratory. Ebenfalls sehr variable und von der Idee der Wandlungsfähigkeit getragen ist das seinerzeit von der Londoner Agentur Wolff Olins entwickelte Konzept, das in den AOL-Logos Anwendung findet. Ob eine Marke, indem es sich so wandlungsfähig zeigt, seine Identität behält oder verliert, hängt stets auch vom jeweiligen Anwendungskontext ab. AOL kann auf seiner Website im Grund abbilden, was es will – jeder wird bei Aufruf der Domain AOL.com wissen, wer hinter dem Angebot steht. Wenn jedoch mit unterschiedlichen Adlern beklebte Taxen durch Wien streifen, werden nur die Wenigsten erkennen, dass die Kunsthalle hierbei als Absender fungiert. Zu leicht übersieht man den in der Union gesetzten Schriftzug „Kunsthalle Wien“, ein Freefont Font, der auf der Helvetica basiert.

Kunsthalle Wien – Schriftzug

Keine Frage. Wer Kritik an traditionellen Kunstinstitution intendiert, denn genau dies schreibt sich die Kunsthalle Wien auf die Fahne, und gezielt die Provokation sucht, wenn auch durch reichlich Selbstironie unterfüttert in abgeschwächter Form, kann nicht in einer in Versalien gesetzten, zentrisch ausgerichteten Serife daherkommen. Das wäre unglaubwürdig. Die gewählte Formensprache passt zur Programmatik. Natürlich eckt das Design an. Die Frage nach der Ästhetik wird jeder für sich selbst beantworten. Die Frage, ob man hunderte von Adler-Motiven inklusive Stockmaterial als Logo verwenden darf, sicherlich auch.

Wie mir seitens der Pressestelle berichtet wurde, sei der Adler in den letzten Monaten zu eine Art Pawlowscher Hund geworden. Die Konditionierung Adler = Kunsthalle gelänge zunehmend. Auf der Facebook-Fanpage, posten Nutzer regelmäßig eigene Adlermotive. Insofern dürfte dieser Artikel ein wenig dazu beitragen, dass dieser Lernprozess auch über die Stadtgrenzen Wiens hinweg fortgesetzt werden kann. Egal wie man es nun mit dem Erscheinungsbild der Kunsthalle Wien hält, ist es doch ein wunderbares Beispiel dafür, dass besagter Lernprozess niemals endet und Corporate Design eine fortlaufende Entwicklung ist.

Kunsthalle Wien – Salon der Angst

Galerie

Weiterführende Links:

 

22 Kommentare zu “Kunsthalle Wien – Das Spiel mit dem Adler

  1. Bei der Union handelt es sich nicht um einen „Freefont“ sondern um eine von Radim Pesko gezeichnete Schrift welche Arial und Helvetica verbindet.

    http://www.radimpesko.com/fonts/union

    Ich finde das Erscheinungsbild sehr gelungen, sehr künstlerisch, sei es auf der Grafische oder auf der Bildnerischen-Ebene. Eigenständig, hochstehend und dennoch mit einem Augenzwinkern. Reiht sich nahtlos in andere mutige Produkte wie das CD für das Whitney Museum

    http://www.experimentaljetset.nl/archive/whitney-museum-identity

    Oder die grossartige Arbeit für das Stedelijk Museum

    http://www.youtube.com/watch?v=8iIzV5d_8cw

    ein.

    Es sind Experimentelle Ansätze welche von Progressiven Gestaltern wie Experimental Jetset oder
    Mevis van Deursen für Institutionen geschaffen werden, die solche Arbeiten zulassen. Das Designtagebuch sollte solch progressiven Lösungen mehr Raum geben. Sehr Holländisch, sehr konzeptionell, sehr gut. Spannend zu sehen ist das Die Union wohl weil Sie so wenige Aussagen trifft, gerne verwendet wird.

  2. Mutig, mutig. Die Idee, auf die allgemeine Über-CDierung mit einer art Anti-CD zu reagieren, Ist ja eigentlich aller Ehren wert, zumal ein solch mutiger Vorstoß in einem Unternehmen mit entsprechendem Budget wohl keine Chance hätte (auf Grund des unabwägbaren Ergebnisses, AOL und MIT Media Lab sind wirklich nur ganz ganz ansatzweise vergelichbar).

    Allerdings glaube ich, dass das Spiel nicht aufgeht und der „Stempel“ im Endeffekt doch zu wenig ist, um eine Marke zu kreieren. Was mich zu dem Ergenis bringt: Den Auftritt gibt es anscheinend schon fast ein dreiviertel Jahr, und obwohl ich beinahe jeden Tag im 1. Bezirk in unmittelbarer Nähe der Kunsthalle bin, habe ich von der Ganzen geschichte zum ersten Mal heute in diesem Blog erfahren. Und eigenlich dachte ich schon, dass ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe.

    Ich glaube, der geneigte Betrachter ist da einfach überfordert, zumindest bin ich es offenbar. Neben den sauguten Auftritten von beispielsweise Burgtheater, Theater an der Wien oder Albertina (die ersten beiden mit vergleichsweise richtigem In-your-face-CD) bleibt in einer kulturüberfrachteten Stadt wie Wien für so einen subtilen Ansatz keine Luft zum atmen.

    https://www.google.at/search?q=burgtheater+plakat&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=3XyUUurJB4by7AaD6IDAAQ&ved=0CDEQsAQ
    http://derstandard.at/1319181812585/Neue-Kampagne-beyond-fuer-Theater-an-der-Wien

  3. Also, als absoluter Laie sieht das für mich einfach zusammengeklickt, willkürlich und billig aus. Wenn ich nicht wüsste, dass es „gewollt“ ist, würde ich es vielleicht für einen Scherz halten oder denken, dass jemand eine Website aus den späten 90ern ausgegraben hat. Irre, also aus meiner Sicht absoluter Wahnsinn, sowas zu machen. Gerade die Tabelle mit Veranstaltungsdaten, das muss ja wohl mit Word97 gemacht sein. Liegt am Ende wahrscheinlich alles im Auge des Betrachters, aber ich finde, das grenzt doch an Verrücktheit.

  4. Die Idee mit den unterschiedlichen Adlern find ich ziemlich cool. Bei der Schrift: die Kursive find ich schön wegen ihrer Dynamik, der gerade Schnitt langweilt mich total.

    Die Veranstaltungsinfos würde ich mir mehr wie den Werkstempel von 1914 wünschen wo auch mal ein Feld illustrativ ausgefüllt ist oder eben durch Typo die bis an die Grenzen geht. Das macht ja da die Spannung aus. Auch wenn das auf dem einen oder anderen Plakat funktioniert, auf der Website sieht es tatsächlich ein wenig aus wie die Rasteroptik mit Dreamweaver 1.

    Insgesamt mutig aber auch noch verbesserungswürdig.

  5. Die Kunsthalle Wien wird perfekt wiedergegeben – viel lautes Gerede und Auffälligkeit, am Ende dann doch recht Mau. Mich überzeugen bei Museen dann doch mehr Inhalte und da kann ich das Mumok mit seiner „reduzierten-designigen“ CD-Form dann doch jedem Wien-Besucher eher ans Herz legen.

    Dennoch – danke für den spannenden Artikel! Er zeigt was alles möglich ist.
    Würde ich die Kunsthalle Wien nicht kennen, wäre ich eventuell auch eher Feuer und Flamme … ;-)

  6. Der Kunsthalle Wien wurden für diesen Entwurf bzw. dessen Realisierung knapp 89.000 Euro in Rechnung gestellt. Die Zahl stammt aus dem Art-Magazin Ausgabe 12/2013 sowie aus der Financial Times November-Ausgabe 2013.

  7. Experimenteller Ansatz hin oder her, das Ganze macht einfach keinen Spaß – emotionslos und hässlich und hässliche Dinge schaue ich mir ungern an …

  8. So frei der Umgang mit dem Corporate Design und seinen wechselnden Logovarianten erscheint, so eng ist das Korsett der Anwendungen, in das die Künstler und ihre Ausstellungen gepresst werden. Während man sonst von Museen und Galerien gewohnt ist, dass der Künstler und seine Werkschau einen visuellen Auftritt erhalten und das Museum „nur“ als Absender in Erscheinung tritt, muss sich hier alles dem Adler unterordnen. Im Grunde nimmt man es hier also mit der Markenführung genauer als andere Museen.

  9. Das ist ein sehr abenteuerliches Konzept. Da es in Wien viele verrückte Künstler gibt und speziell dort skurrilste Dinge als Kunst verkauft werden, glaube ich dennoch, dass es im Bereich der Zielgruppe als „außergewöhnlich“, „provokant“ und „signifikant“ gefeiert wird. Alles eine Frage der Argumentation und Auslegung. Weg vom Standard, Regeln und Grenzen sprengen und damit für Gesprächsstoff sorgen. Im ersten Moment alles richtig gemacht. Aus meiner Sicht bleiben dieser Gestaltung nur zwei Wege…wird es später mal als Flop gesehen oder als revolutionärer Ansatz in die Design/Kunstgeschichte eingehen? Es ist schwer zu sagen ob richtig oder falsch. Meinen Geschmack trifft es auch nicht, aber in der Kunst ist schließlich alles erlaubt und der Ansatz ist mutig!

  10. Mag sein, dass dieser Ansatz als mutig und provokant empfunden wird. Zielführend ist er aus Sicht der Identitätsbildung aber definitiv nicht, da die visuelle Prägnanz völlig auf der Strecke bleibt und der Beliebigkeit weicht. Und damit genau das darstellt, was sich bei undurchdachten Corporate Designs so leicht und zurecht kritisieren lässt.

    Die zum Vergleich herangezogene visuelle Identität des MIT sorgt bei aller Vielseitigkeit doch für eine einprägsame Erscheinung, indem mit konstanten Elementen gearbeitet wird, die sich schnell und ohne Hintergrundwissen verarbeiten lassen. Und das Konzept geht im Falle des MIT auf, weil die Variabilität und Vielseitigkeit am Ende doch durch einen Satz von Regeln (Formen, Farben, Größen) bestimmt wird.

    Die Kunsthalle Wien wiederum hat einen anderen Ansatz ausschließlich um des Ansatzes Willen gewählt und dabei völlig vergessen, dass diese Art von Gestaltung immer auch die Funktion hat, eine Botschaft bzw. Informationen zu vermitteln. Dieser Ansatz würde nur dann funktionieren, wenn er innerhalb fest definierter Regeln erstellt und stringent umgesetzt werden würde.

    Einfach den Adler, in welcher Form und Ausprägung auch immer, als Symbol zu erklären und dieses Tier irgendwie auf Medien umzusetzen/drauf zu klatschen, ist aus Sicht von Kommunikationsdesignern weder mutig, noch nachhaltig oder erfolgreich. Die mangelhafte visuelle Gestaltung muss durch ein Mehr an Kommunikation auf anderen Kanälen ausgeglichen werden.

  11. Es sind immer die selben Begriffe die als Kritik dienen wie: visuelle Prägnanz, Beliebigkeit, definierte Regeln. Doch was genau damit gemeint ist wird nie genau erläutert. Ich sehe bei diesem CD sowohl visuelle Prägnanz, keinerlei Beliebigkeit und genau definierte Regeln. Außerdem steht doch überal Kunsthalle Wien. Halten wir den Betrachter für einen Analphabeten?

  12. Nur weil man dem Adler seine Freiheiten gönnt ist das doch nicht beliebig. Auch die Kunsthalle Wien hat gestalterische Konstanten zur genüge:
    Die Wortmarke: klar und eindeutig.
    Der Stempel: der örtliche wie inhaltliche Bezug.
    der Adler: ihn frei fliegen zu lassen und nicht in ein Korsett zu zwängen ist für so ein Haus doch naheliegend. Sich allein auf die gestalterische Vielfalt des Adlers zu stürzen dokumentiert doch nur die eigene, scheinbar etwas beengte Wahrnehmung.
    Ich find es gut. Vor allem weil weit weg von dem üblichen Markengeschwafel das vom Fußballprofi bis zum hinterletzten Kaff, vom telegen sterilgestylten Politiker bis zur popligsten CafeBarLounge jeden und alles allein nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit abklopft und jeden und alles in ein Korsett zwängen möcht, das so beengt ist wie die eigene Denke.

  13. Koni, du sprichst mir aus dem Herzen. Außerdem noch zur beliebigkeit. Alles kann zu einem Zeichen erklärt werden und ein Zeichen muss sozialisiert werden.

  14. Es bietet sich ja nachgerade an, dass eine Kunsthalle kein „normales“ Logo, sondern Kunst bekommt.

    Vergleiche mit normalen Unternehmen sind da müßig, man spielt in einer anderen Liga.

    Als Kunstkonzept würde ich es betrachten, dass das Symbol Adler in allen erdenkbaren Ausformungen sich auf Pawlow’sche Manier provokativ-anstrengend in die Köpfe einprägen will. Moderne Kunst ist provokativ. Passt also.

    Kunsthallen dürfen das sicherlich, sie haben auch eine etwas sensitivere Kientel, was Visualität anbelangt. Überfordern darf man jedoch auch diese nicht.

  15. Überfordern darf man jedoch auch diese nicht.

    Which means: Das Pawlow’sche Glöcklein darf auch bei Hochaufmerksamen nicht jedesmal anders klingeln. Sonst nicht die gewünschte Reaktion. Der Effekt ist ja das Konditionieren. Mit Wiederholung des Immergleichen.

  16. Etwas spät kommt mein Dankeschön an Dominik und StefanB!
    Ich kann offen gesagt nicht mehr reproduzieren, weshalb ich mich zu der Aussage hab hinreißen – es muss dafür einen guten Grund gegeben haben :) –, die auf Basis der Arial/Helvetica von „Union“ Pesko erstellte Schrift sei ein Freefont. Danke für die Richtigstellung. Habs im Text korrigiert.

  17. Frei nach Meese: Wo beginnt Corporate Design und wo endet die Diktatur der Kunst? ;-)

    Wirklich verständlich wird der Einsatz der Union für die Wortmarke nicht, wenn man direkt mit der Arial vergleicht:

    Quasi null Anmutungsunterschiede zur Arial. Wie Spiekermann & Co. die Mixerschrift einschätzt?! Der Laie erkennt auch aus der Nähe kaum Unterschiede, der Schriftcharakter gewinnt nichts … teure künstliche Typo-Kunst eingekauft und am Gesamtkonzept gespart? Das hat Folgen:

    Da die Schriftmarke im Internetauftritt als Text definiert ist, wird diese auf verschiedenen Endgeräten unterschiedlich – auch in anderen Schriften – dargestellt. Wenn auch dieses Kunst-Chamäleon gewollt ist, warum immer die gleiche Schrift für die Wortmarke auf den übrigen Medien?

    Ausgerechnet das MuseumsQuartier präsentiert dann diesen Schriftzug:

    Grusel: Spationierung? Schärfe? JPG! Grau! Schlechtes Image interessiert aber offensichtlich nicht, wenn bereits vor Monaten darauf hingewiesen wurde.

    Und Qualität scheint nicht das Thema der Kunsthalle zu sein:

    Während beispielsweise die Adlerkrallen im Internet noch einheitlich erscheinen, wurden die Vektorzüge für die Briefbögen nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert. Für Korrekturen und spezifische Anpassungen der Massen-ClipArts fehlte wohl letztlich Geld oder Kompetenz. Grafische Hingabe würde bedeuten, dass man für Briefbögen zumindest überlappende Bezierschleifen und undruckbare Linien bereinigt.

    Je klarer und passender Bild- und Wortmarken definiert sind, desto eindeutiger und glaubwürdiger wird die entsprechende Institution wahrgenommen und gewinnt Vorteile. Man denke an den Bildungsauftrag einer Kunsthalle, die oft unverständliche Werke präsentiert. Hatte man anfangs nicht Bedenken, dass vielleicht Motive, die günstigen Clipart-Sammlungen entnommen wurden, unterschwellig auch einen Tick Beliebigkeit, Unvollkommenheit, Unschärfe transportieren könnten? Ist ein Zeichen / ein Bild nicht exakt und passend ausgearbeitet, grafisch wie psychologisch unscharf definiert, entsteht Desinteresse und Verunsicherung. Die Vorteile eines professionellen alternierenden Logo-Konzepts sind unbestritten.

    Design klärt und ordnet, Kunst wirft Fragen auf:

    Können denn nicht  gerade die oftmals kritisierten sog. »statischen Lösungen« flexibler und schärfer kommunizieren, weil kein platzgreifender Vogel sich viel Raum für die (Vorsicht, unwichtigen) Inhalte krallt?

    Mit der austauschbaren Union fällt man alleine nicht auf. Sie aber unmodifiziert für die Textmarke zu nutzen, … Ist das einen Tick zu flat?

    Passen die neuen CD-Kleider? Welche Werte werden durch Massenschrift, Adleranmutungen und Zwangslinien transportiert?

    Die Adlermotive wurden noch vor 15 Jahren für Bruchteile eines Pfennigs zigfach verbreitet. Ist das nun Kunst, oder … ein CD?

    Weshalb nutzt man auf den Pressemitteilungen den immer gleichen unkorrigierten Adler, wenn man »sich« als radikal neu tituliert? Alternierende Erscheinungsbilder gibt es ja schon länger.

    So ganz ohne roten Faden wirken die billigen Tierchen beispielsweise im Internetauftritt wieder beliebig, wenn man (Usability-Fehler!) auf selbige klickt. Warum lässt man sie dann nicht per Schleife autark wechseln?

    Gäbe es nicht eine geeignetere Schrift als die Compacta?

    Warum verhinderte man mit einem Download-Link nicht, dass die Wortmarke anderenorts suboptimal abgebildet wird?

    Was sagt es über den Aufmerksamkeitswert aus, wenn selbst Fachpublikationen lange nach dem Launch dieser sexy Design-Revolution berichten?

  18. @olav: wenn das neue CD der Kunsthalle scheinbar bewusst den Anschein eines gewissen „Dilettantismus“ aufträgt, finde ich es etwas müßig über technische Fragen wie das Bereinigen überlappender Bezierschleifen, oder niedrig aufgelöste Weblogos zu diskutieren.

    Fakt ist, dass es das Ziel der Kunsthalle Wien war, sich dem Wettbewerb „um das eleganteste, kühlste, zurückhaltendste Logo“ zu entziehen, und dieses Ziel ist ohne Frage erreicht worden. Je nachdem wie entschlossen man diesem Ziel folgt, kann es bedeuten, dass man solche technischen Unzulänglichkeiten bewusst ignoriert.

    Die nächste Frage, die sie stellen, finde ich weitaus spannender: ob ein solches Corporate Design nicht Desinteresse und Verunsicherung nach sich zieht. Gerade für die hier diskutierenden, erfahrenen Designeraugen stellt ein solches Design ja eigentlich eine Katastrophe dar. Aber betrachten wir es mal als Experiment, als Designforschung.

    Ich bezweifle, ob jemand den Ausgang dieses „Experiments“ vorhersagen kann. Und das ist ja das spannende daran: in ein paar Jahren wird sich zeigen, ob die Kunsthalle damit ihr Image ruiniert hat, oder sich durch den polarisierenden Auftritt zurück ins Bewusstsein gekämpft hat und salopp gesagt als „rebellisch“ wahrgenommen wird.

    Bis dahin ist dieser Auftritt in seiner technischen „Qualität“ erstmal nur konsequent. Wenn schon „Anti-Design“ (bitte entschuldigen Sie die Schublade), dann richtig.

  19. @Jan: ich stimme eher olav zu und finde es nicht müßig, über diese „technischen Fragen“ zu diskutieren. Wenn es darum geht, wo zieht man dann die Grenze zwischen Dilettantismus und dennoch einem Konzeopt dahinter?

    Warum lässt man das Erscheinungsbild dann nicht gleich von einem „richtigen“ Dilettanten erstellen? Das hätte zumindest die Union als Schriftart erspart, sowohl inhaltlich als auch finanziell. Eine Pseudo-Arial zu verwenden – einen Mix aus der professionell gestalteten Helvetica und ihrer mäßigen Kopie Arial – bringt in der visuellen Aussage fast keinen Mehrwert. Dafür umso mehr Probleme in der technischen Umsetzung. Diese ist scheinbar sowieso wenig gut durchdacht bzw. ausgeführt. Warum nicht gleich die Arial nehmen, wirkt vollkommen dilettantisch, und ist auf jedem PC vorhanden für konsistente Darstellung. Wenn schon “Anti-Design”, dann richtig.

    Der Bezug zu den Wiener Werkstätten, den man mit dem strengen und langweiligen Raster der Veranstaltungsinfos herstellen will, funktioniert meiner Meinung nach überhaupt nicht. Wenn man schon auf Dilettantismus, auf Anti-Design setzt, warum zitiert man dann „richtige“ Gestaltung, also Design? Die Umsetzung wirkt laienhaft, ja. Näher an jedem Sachbearbeiter als an der Kunst. Warum ein so strenges gleichförmiges Element, wenn doch unterschiedlichste Inhalte „hineingepresst“ werden müssen? Warum für jede Ausstellung an diesem Punkt die gleichförmige einengende Darstellung.

    Grundlegend finde ich den Ansatz sehr gut, auch die verschiedenen Adler sind kein Problem.
    Stellt sich nur die Frage, warum die Kunsthalle sich durch diesen so stark in den Vordergrund drängt. Schlussendlich ist sie (nur) eine Plattform für künstlerische Inhalte

    Würde auch

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