Im Dialog mit den Linien – Klaus Bischoff über das Design der Marke Volkswagen

Klaus Bischoff, Leiter Design Volkswagen Quelle: Volkswagen AG

Klaus Bischoff, Leiter Design Volkswagen
Quelle: Volkswagen AG

Volkswagen ist in Bewegung. Nicht weniger als die Neuerfindung der Marke Volkswagen kündigte Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn zu Beginn der diesjährigen IAA an. Seit dem Frühjahr biete Volkswagen eine „360° Brand Experience“, so das Unternehmen. Begleitet wird die „Aufbruchstimmung“ von einer Innovationskampagne. In Frankfurt traf ich Klaus Bischoff, Leiter Volkswagen Design, um mit ihm über das Design und die Entwicklung der Marke Volkswagen zu sprechen.

dt: Herr Bischoff, als Chef von derzeit etwa 350 Designern bei Volkswagen sind sie an vielen Stellen gefordert. Wie verläuft bei ihnen ein typischer Arbeitstag?

Klaus Bischoff: Da zeitgleich eine Vielzahl von Projekten laufen und das Team sehr groß ist, bin ich tatsächlich sehr durchgetaktet. Je nachdem, in welcher Phase sich das Projekt befindet, gibt es beispielsweise eine Zielorientierung, bei der Designkorridore besprochen werden oder ich schaue mir bei einem Projekt im intensiven Austausch mit den Designern Skizzen an. In weiter fortgeschrittenen Projekten löst man sich von Skizzen und geht über zu Modellen, die ich mir anschaue. Der kollegiale Austausch zwischen Kreativen findet ebenso statt wie Treffen, bei denen technische oder finanzielle Probleme besprochen oder wo auf Gremienebene Entscheidungen gefällt werden. Mal muss ich im Dialog mit dem Vorstand Ergebnisse vorstellen oder mich mit Fachbereichen abstimmen. So ist der Tag meist extrem durchstrukturiert, immer im munteren Wechsel. So kann es auch passieren, dass ich mal aus einer Sitzung mit Designern herausgerissen werde, um einen anderen Termin wahrzunehmen. Es sind in der Regel lange lange Tage, die aber mit viel Kreativität gefüllt sind und die mir viel Spaß machen.

dt: Wie oft greifen sie selbst zum Stift? Zeichnen sie lieber analog oder digital?

Klaus Bischoff: Ich zeichne ausschließlich mit dem Stift, analog. Ich gebe dem Designteam keine Lösung vor und erwarte dann, dass das abgearbeitet wird. Wir suchen gemeinsam nach der besten Lösung. Das machen wir, indem wir die Teams im Pitch gegeneinander antreten lassen. Ich habe zwar konkrete Vorstellungen, wie etwas ausschauen kann. Letztendlich liegt es an den Designern, mich zu überzeugen. Motor des Ganzen ist Teamspirit und dass man ein gemeinsames Ziel vor Augen hat und weiß, wo man die Marke hintreiben möchte. Im sportlichen Wettstreit suchen wir gemeinsam die beste Form. Diesen Prozess moderiere ich.

dt: Hat sie das Designstudium in Braunschweig gut auf die Arbeit als Designer bei Volkswagen vorbereitet?

Klaus Bischoff: Ich war mit Enthusiasmus dabei, merkte aber recht schnell, irgendetwas stimmt nicht. Im Grunde haben wir Studenten uns untereinander selbst geholfen. Wir waren etwa zehn im Fachbereich und haben uns Sachen gegenseitig beigebracht, wovon wir alle partizipiert und gelernt haben. Ich habe beispielsweise Zeichenkurse gegeben. Zwar gab es schon Professoren, die in Sachen Methodik und Designprozess einen weiter gebracht haben, ein Großteil des Studiums war allerdings autodidaktisch. Noch während des Studiums habe ich eine Designagentur gegründet und Jobs für verschiedene Firmen übernommen. Zum Zeitpunkt meines Vordiploms bin ich schließlich auf einen Wettbewerb bei Volkswagen aufmerksam geworden. Zu gewinnen gab es nichts anderes als Arbeit. Einen Praktikumsplatz. Solche Wettbewerbe führen wir bei Volkswagen nach wie vor durch, mit wachsender Begeisterung und wachsendem Erfolg.

„Der Weg des Automobildesigners
ist wirklich ein spezieller.“

dt: Was würden sie einem angehenden Gestalter raten, wenn er als Designer bei Volkswagen arbeiten möchte? Welche Qualitäten und Stärken sind gefragt?

Klaus Bischoff: Der Weg des Automobildesigners ist wirklich ein spezieller. Ein Weg, den Viele wohl nicht gehen wollen oder gehen können. Wenn man sich für ein hochkomplexes technisches Produkt begeistern kann, ist das sicherlich ein Traumberuf. Als Eingangsvoraussetzung ist erst einmal von entscheidender Bedeutung, dass man zeichnen, dass man seine Ideen zu Papier bringen kann. Ob man über ein Produktdesign-Studium oder über hier angrenzende Bereiche kommt, ist letztendlich egal. Wichtig ist, dass man auf exzellente Art und Weise Ideen transportieren kann.

Wo sollte man studieren, um sich für die Arbeit als Automobildesigner vorzubereiten?

Klaus Bischoff: In Deutschland ist in Sachen Automobil- und Transportation-Design nach wie vor Pforzheim die beste Adresse. Wenn man erst einmal im Job ist, muss man zwar immer noch sehr viel Neues hinzulernen, aber dort erhält man zumindest das nötige Rüstzeug für diesen Beruf. Da wir allerdings Wettbewerbe zur Mitarbeiterrekrutierung international ausschreiben, manchmal über das Internet, hat man im Grunde von überall aus die Chance, mit einer Idee, einem Projekt zu gewinnen. Als Marke Volkswagen werden wir geradezu überschüttet mit Ideen.

dt: Das Design von Volkswagen hat sich gewandelt. Der Scirocco III. (2008) gilt als Vorreiter einer neuen Designsprache, die eine Entwicklung hin zur Horizontalen eingeleitet hat. Wie hat sich die Designsprache der Marke Volkswagen seitdem weiterentwickelt?

Klaus Bischoff: Seinerzeit ging es zunächst darum, Designkriterien zu definieren. Initiiert durch Walter de Silva haben wir diese gemeinsam auf den Weg gebracht: Wer sind wir, für welche Werte steht die Marke Volkswagen und wie übersetzen wir das formal. Wir folgten dabei dem Credo, eine sehr logische, zeitlose und disziplinierte Formensprache auf den Weg zu bringen, um der Marke ein durchgängiges Gesicht zu geben. Das wurde anfänglich von den Designern ganz unterschiedlich interpretiert. Seit 2007 verfügt jedes VW-Modell nun über eine dem Thema Horizontalität folgende Gesichtstypologie, die auf dem sogenannten „Line Dialog“ beruht. Einem Prinzip, bei dem jede Linie am Fahrzeug mit einer anderen Linie spricht und sich auf diese Weise begründet. Eine gewissermaßen architektonische, aus dem Produktdesign kommende Herangehensweise. In Verbindung mit dem Perfektionsanspruch seitens des Vorstands ist daraus eine Sprache entstanden, die sehr sauber, klar und puristisch ist. Damit einher ging eine Qualitätsoffensive, die tief tief in das Produkt hinein gegangen ist und die Volkswagen auszeichnet, über die Modelle hinweg. Dem Passat haben wir nun beispielsweise über den modularen Querbaukausten und der damit verbundenen größeren Freiheit auch in Bezug auf die Proportionen des Fahrzeugs viel mehr Authentizität und Emotionalität verliehen, sodass dieser nun nicht wie einer größerer Golf wirkt, sondern viel stärker im Profil als echte Limousine wahrgenommen wird. Der neue Tiguan (Anm. d.Redaktion: die zweite Auflage des Tiguan feierte auf der IAA Weltpremiere) verkörpert nun den Neustart der neuen Designkriterien, die auch schon in dem ein oder anderen Show Car Ausdruck gefunden haben.

dt: Was die Produktion betrifft, so setzt der Konzern seit geraumer Zeit auf den sogenannten „modularen Querbaukasten“. Welche Auswirkungen hat das für das Design?

Klaus Bischoff: Bisher war die Arbeit sehr restriktiv. Wenn wir früher als Designer beispielsweise die Vorderachse verschieben oder größere Räder haben wollten, hieß es meist, das geht gar nicht. Seit Einführung des modularen Querbaukastens haben wir als Designer eine größere Freiheit, die mit dem Golf VII. (2012) erstmals ihren Ausdruck gefunden hat. Sukzessive stellen wir ein Produkt nach dem anderen auf diese Baukasten-Plattform um. Für uns bedeutet das mehr Flexibilität und mehr Freiheit. Damit kann ich mir im Prinzip wie aus einem Konzern-Regal zusammensuchen, was ich brauche, um eine bestimmte Fahrzeugtypologie zu bauen, ob MPV, SUV, Kompaktfahrzeug oder Sportwagen. Wir konnten damit das Spielfeld für das Design ausdehnen.

dt: Auffällig bei neuen Modellen von Volkswagen ist die stärkere Betonung von Kanten und Sicken, wie sie etwa im neuen Tiguan zu sehen sind.

Klaus Bischoff: Was die Verformung von Blechen betrifft, hat in der Fabrik ein Umdenken stattgefunden. Es ist eines der größten Explorationsgebiete in den letzten Jahren. Früher hieß es meist: machen wir nicht, zu teuer, das reißt! Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn haben diesbezüglich für Volkswagen Quantensprünge generiert. Wenn man sich heute ein Seitenteil oder die Haube eines Tiguan anschaut – das sind messerscharfe Kanten, in einer Präzision gefertigt, wie sie andere Marken heute nicht hinbekommen, weil hier extrem viel Know-how dahinter steht. Die dadurch erreichte Anmutung – Exzellenz, Qualität, Präzision – ist natürlich etwas, was man sich als Designer wünscht.

14 Kommentare zu “Im Dialog mit den Linien – Klaus Bischoff über das Design der Marke Volkswagen

  1. Dass ihm viele Designs der Konkurrenz zu wild und comichaft sind sieht man an den VW Autos. Langweilig und gleichförmig.
    Trotzdem interessantes Interview, danke dafür.

    • Und wieder ein blöder, platter Kommentar.

      Der Schreiber sollte sich mal ältere Hondas, Toyotas … anschauen, die immer sehr expressiv und „modern“ aussehen – für etwa 6 Monate. Dagegen stelle man einen Golf V oder VI, die nach wie vor zeitgemäß dastehen. Oder verkaufen Sie die erstgenannten Autos als Gebrauchtwagen. Viel Spaß dabei. Gilt übrigens auch und insbesondere für Opel.

      Es ist die große Kunst der Designer, ein neues Auto so aussehen zu lassen, dass es neu und frisch wirkt, den Vorgänger aber nicht kannibalisiert. DAS erzeugt Wertstabilität für die Modelle und auch für die Marke. Die Autos müssen horizontal – also innerhalb derselben Generation – als auch vertikal – die verschiedenen Generationen zueinander – ein starkes Gesamtbild ergeben.
      Dass das nicht jedem klar zu machen ist, ist klar. Entweder man versteht es gleich – oder nie.

      Danke Achim für das gute Interview!

      • Ein Kommentar ist also blöd, wenn er eine andere Meinung als die ihrige vertritt?

        Wenn sie sagen, dass ein VW wertstabil ist, dann mag das sein (liegt aber auch stark an der einwandfreien Technik und dem Image Made in Germany), es ändert aber nichts daran, dass das Auto selbst seelenlos bleibt. Vernünftig ja, aber nicht interessant, oder emotional ansprechend. Ein VW verkauft sich halt gut weiter, weil er nicht aneckt, weil er einfach im Betrachter gar nichts auslöst. Damit wird für mich das Auto nicht begehrenswert. Und wenn ich dann die Möglichkeit habe zwischen vielen Herstellern, wähle ich andere.

        • Nein, absolut nicht.
          Ein Kommentar ist dann blöd, wenn er à la Bildzeitung eine komplexe Diskussion auf eine platte Aussage reduziert – und die Arbeit eines großen Designteams und großer Designer mit drei Worten runtermacht. Ihr zweiter Kommentar ist differenzierter, darüber kann man diskutieren.

          Wenn für Sie beispielsweise einen Golf 1 – der die Formensprache einen Golfs bis heute definiert hat – form- und seelenlos (was immer das genau bedeuten soll) empfinden, ist das ja IHRE Meinung und absolut in Ordnung. Kaufen Sie einen Honda und werden Sie glücklich damit! Nix für Ungut.

          Gutes Design, objektiv betrachtet, zeichnet sich aber insbesondere dadurch aus, dass es Trends und Moden überlebt und dadurch nachhaltig Wertstabilität für die Marke schafft. Ein Opel oder Ford liegt technisch sicherlich nicht allzu weit hinter VW, allerdings ist deren Wertstabilität unter ferner liefen. Einer der Gründe ist das Design , dass sich innerhalb von zwei Jahren oder spätestens mit der nächsten Generation komplett überholt hat. Stellen Sie einen etwas älteren Astra neben einen gleich alten Golf, ein Wagen sieht nach wie vor zeitgemäß aus.

          • Erst einmal herzlichen Dank für die positiven Rückmeldungen zum Interview. Was mich fast noch mehr freut, ist, wie sich ein doch holpriger Start in die Diskussion – denn da muss ich Jörg schon recht geben –, im weiteren Verlauf in einen deutlich ergiebigeren, echten Dialog mündet. Auf dieser Basis, fair und sachlich, kann man sich gut über das Design austauschen. Vielen Dank an Euch!

            In jedem Fall lohnt es, genau hinzuschauen, anstatt sich von bisherigen Erfahrungen, Eindrücken und vielleicht Vorurteilen leiten zu lassen. Natürlich gibt es auch im asiatischen Automobildesign hervorragende Produkte und Arbeiten. Ein europäischer/deutscher Alleinanspruch auf gutes Design wäre absurd. Auch wenn ich persönlich den neuen Kia Sportage (2015) verunglückt finde – die Front wirkt in ihrem Kindchenschema tatsächlich wie einem Mangaheft entsprungen und will so überhaupt nicht zu einem SUV dieses Formates passen – hat Kia doch in den letzten Jahren in Sachen Design enorm aufgeholt, auch dank Peter Schreyer. Ähnliches lässt sich beispielsweise auch über Opel sagen, das nach wir vor gegen die Vorverurteilung aufgrund des Images ankämpfen muss (siehe „Umparken im Kopf“-Kampagne.

            Eine der größten Herausforderungen im Automobildesign ist es wohl, Einheitlichkeit und das verbindende Element über die Modelle hinweg mit einer größtmöglichen Eigenständigkeit des jeweiligen Modells zu verschmelzen. Wer sagt, Modelle wie der Up!, der Scirocco, der Beetle, der Passat und etwa der Tiguan, sähen gleichförmig aus, lässt sich meines Erachtens eher von einem vorgefertigten Bild im Kopf leiten. Hier spielt immer auch die Haltung generell zu einer Marke eine Rolle. Vor einigen Jahren sah man die von Bischoff beschriebenen Restriktionen den Modellen jedenfalls viel stärker an, als es bei neuen Fahrzeugen der Fall ist. Ich zumindest empfinde die größere Flexibilität als für die Marke bereichernd.

    • VW ist „mainstream-marke“, normalfall in den straßen und damit neutral und zeitlos gestaltet.
      Audi ist inzwischen „emotionaler“ gestaltet mit diesem komischen würstchengrill in der mitte und aggressiv blickenden scheinwerfern (früher war das mal anders, insbesondere in den 1980er jahren mit dem angenehm schnörkellosen „Aero-design“, das nicht nur neue maßstäbe in sachen luftwiderstand setzte, sondern auch heute noch nicht altbacken wirkt).
      Hängt alles damit zusammen, wo am markt welche marke positioniert werden soll. Es soll kunden geben, für die ein Kfz in erster linie dazu dient, sie zuverlässig und wohlbehalten zum ziel zu bringen, und die genug persönlichkeit haben, dass ihnen ein „neutrales“ gefährt völlig ausreicht.

    • Es zeigt vor allem, dass ein Studium an einer Uni generell 2. Wahl ist.
      Wichtig ist, dass man die Fähigkeit zum Lernen entwickelt. Dann braucht es auch kein Studium mehr und die Welt steht einem offen.

  2. Interessantes Interview.
    Die Sickung am Touran sieht irgendwie nach Wir-haben-die-Technologie-jetzt-müssen-wir-sie-auch-irgendwo-einsetzen aus. Das Auto sieht (wie viele andere Autos auch) einfach unförmig aus.
    Andere Hersteller werden bestimmt nachziehen und es kommt wieder eine Generation von Augenkrebs auf uns zu.

  3. Sehr interessantes Interview und ein spannender Einblick in diesen Bereich, danke dafür! Lesenswert auch Jörgs Ausführungen in seinen Kommentaren, die plausibel erklären, weshalb man oft den Eindruck hat, dass sich Fahrzeuge einer Reihe von Generation zu Generation nur sehr wenig wandeln.

    Interessiert hätte mich bei den genannten Projektabläufen, wie fair die Pitches für beteiligte externe Kreative ablaufen, gerade, da dies auch hier im DT oft Thema war. Und wie sich das interne Dauerpitchen auf die Mitarbeiter auswirkt — man fragt sich schon, ob und wie dieser anhaltende Konkurrenzkampf in ein funktionierendes, harmonisches Teamgefüge überführt wird.

    Dass die Entscheider im Vorstand erst nach acht Monaten in den Prozess einbezogen werden, klingt nach extrem viel engagierter Arbeit, die gesammelt in Ablage P landet — kann mir daher das genannte „tiefe Tal“, durch das die Designer immer wieder zu gehen haben, recht gut vorstellen.

  4. Wer schon einmal die Interieurs diverser asiatischer Kleinwagen gesehen hat kann nicht bestreiten dass diese zumindest nicht den deutschen Designergeschmack treffen. Einfach mal das Web durchstöbern :D

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