Flickermood 2.0 – Interview mit Sebastian Lange

Sebastian Lange

Nachdem ich kürzlich an dieser Stelle die Typoanimation Flickermood 2.0 vorgestellt habe, folgt nun ein Interview mit dem verantwortlichen Kreativen dieses spannenden Streifens Motion Design, Sebastian Lange. Keine lange Vorrede, es gibt viel zu Lesen. Los gehts…

Über Flickermood 2.0

Deine neue Version von Flickermood begeistert jeden, der sich die Arbeit angeschaut hat. Kannst Du sagen, wie lange Du insgesamt daran gesessen hast?
„Insgesamt“ ist schwer zu sagen – ich habe ja nicht am Stück an der Animation gearbeitet, sondern immer nur abends oder am Wochenende. Vielleicht waren es ca. 4-6 Wochen insgesamt … die Arbeit hat sich aber über mehrere Monate erstreckt. Die erste Version von Flickermood ist ja schon Ende 2007 entstanden, sie war allerdings nur etwa 30 Sekunden lang – ging aber auch schon viel durchs Netz – was mich natürlich auch motiviert hat dran zu bleiben.

Was sind die zeitintensivsten Arbeiten?
Das exakte Arbeiten auf dem Sound und die langen Renderzeiten bei manchen Effekten sind am zeitintensivsten. Es kommt natürlich auch nicht selten vor, dass man einige Passagen wieder komplett verwirft und nochmal von vorne anfangen muss.

Wie genau ist das Storyboard? Ist es eher eine Stütze, an der Du Dich entlang gehangelt hast, aus der sich immer wieder neue Ideen entwickelt haben oder ist es bereits sehr detailliert angelegt, so dass Du „nur noch produzieren“ musst?
Bei Flickermood war eigentlich nur eine grobe Vorstellung da und ein paar Skizzen und Abläufe, ein paar Photoshop-Scribbles – vieles ist eher spontan entstanden, einfach während der Arbeit in After Effects und auf Basis der Waveform der Audiospur. Viele Stellen sind quasi improvisiert, ziemlich experimentell. Ähnlich wie bei einem improvisierten Solo in der Musik: die Treppe herunterfallen und dabei auf den Füßen landen.

Generell habe ich darauf geachtet, dass die Textstellen gegen Ende des Clips etwas „lesbarer“ werden – allerdings ist Lesbarkeit natürlich etwas was ich bei Flickermood bewusst vernachlässigt habe. Es gibt schon sehr viele kinetic typography-Clips im Netz, die einfach auf einer gesprochenen Tonspur basieren: der Text lässt sich mitlesen und wird quasi vorgetragen – so etwas hat mich nicht gereizt. Lesbar wollte ich nur einige bestimmte Zeilen oder Wortgruppen machen. Das Gedicht von Percy Shelley kann man ja problemlos nochmal in gedruckter Form oder im Netz nachlesen.

Flickermood 2.0 | Arbeitsumgebung in After Effects

Das präzise und kreative Zusammenspiel von Bild und Ton ist das vielleicht herausstechendste Merkmal von Flickermood. Kannst Du beschreiben, wie die Zusammenarbeit mit Forss verlief?
Es fällt schwer einzuschätzen, was zuerst da war die jeweilige Bewegung und der dazu eingespielte Sound. Der Track Flickermood von Forss hat mich inspiriert, das Stück ist einfach so cool gemacht und hat sich durch die vielen akzentuierten und „abgehackten“ Stellen quasi angeboten für eine Animation mit vielen soundreaktiven Momenten. Ich habe einfach losgelegt und später Eric dann einen Preview geschickt und er war gleich sehr angetan von dem „Überraschungs-Clip“. Wir haben uns dann in Berlin getroffen und uns viel per Mail ausgetauscht. Er hatte auch die Idee den Text des Gedichts „Mutability“ von Percy Bysshe Shelley zu verwenden. Die Aussage des Gedichts, dass die einzige Konstante in unserer Welt die Veränderung ist passt sehr gut zu Musik und Animation von Flickermood.

Ich gehe davon aus, dass Du mit Flickermood erst einmal keinen Cent verdient hast. Als Referenzarbeit dürfte sie unbezahlbar sein. Unter anderem ist IBM im letzten Jahr an Dich herangetreten. Welche Türen hat Dir Flickermood geöffnet? Wer hat sich darauf hin bei Dir gemeldet?
Das waren schon einige Türen: auf den Job für IBM und dem Besuch bei Ogilvy in NY folgten noch ein Job für Siemens, die bewegten Logos für Eric Wahlforss‘ Musiker-Platform Soundcloud.com, sowie Titelsequenzen für die SIME ’07 in Stockholm und viele weitere Arbeiten auch aus unserem bestehenden Kundenstamm, der natürlich auch von Flickermood gehört hatte. Durch die Teilnahme am Bitfilm Festival haben sich quasi automatisch viele weitere Festivalanfragen und Teilnahmen ergeben.

Genial war auch, dass Flickermood auf dem Adobe Stand auf der NAB 08 in Las Vegas lief und ein Interview mit polylux zustande kam. Tolles Feedback habe ich von vielen AE-Usern bekommen, aber auch von Leuten wie Kyle Cooper und Danny Yount, was mir natürlich viel bedeutet. Das kurioseste Angebot kam von einem US-Kirchensender mit 5 Millionen Zuschauern, der ein Intro von uns wollte – vielleicht haben sie den Namen mynamewasgod.com irgendwie missverstanden …?

Flickermood 2.0 | Arbeitsumgebung in After Effects

Studium und Arbeit

Mac oder PC?
Mac.

Verteile bitte mal Prozentwerte an Software, mit der Du arbeitest.
Bei Flickermood: AE 90%, FCP 5%, Modul8 5%. Ist aber je nach Projekt verschieden, ich arbeite aber am liebsten in After Effects.

Legst Du Scribble an?
Bei den meisten Kundenprojekten gibt es ein detailliertes Storyboard, bei Flickermood eher nicht, nur ein paar Photoshop- oder AfterEffects-Scribbles.

Du kommst aus Freiburg. Hast Du dort auch Grafikdesign studiert?
Nein, ich habe 5 Jahre an der Schule für Gestaltung in Basel studiert, bin also eidgenössisch diplomierter Grafiker.

Wann hat sich bei Dir die Vorliebe für Motion Design herausgeschält?
Während der Schulzeit habe ich schon immer gerne Daumenkinos gezeichnet – später während des Studiums in Basel haben wir einen Film über Saul Bass gesehen, da sind bei mir wohl ein paar Groschen gefallen …

Konntest Du Dich im Studium auf Deine „Wunschdisziplin“ hin weiterentwickeln oder kam das Know-how eher über eigene Projekte?
Ja, wir konnten uns spezialisieren, ich habe mich für den Fachbereich BewegtBild-Neue Medien entschieden, anstatt für Illustration. Es kam aber auch viel Know-how über eigene Projekte, vor allem auch nach dem Studium, da sich die Programme ja ständig weiterentwickeln. Wir haben damals angefangen mit OS 8.6 und Final Cut 1.0 … Toll waren auch die alten Trickfilmkameras, mit denen wir in Basel experimentiert haben.

Womit verdienst Du derzeit Dein Geld und was sind Deine aktuellen Projekte?
Aktuell arbeite ich bei qu-int.com in Freiburg – wir sind eine klassische Werbeagentur mit 40 Leuten, haben uns aber in den letzten 5 Jahren auch sehr stark in den neuen Medien breit gemacht. Wir machen Filmprojekte, videolastige Flash-Microsites und Interface-Design, 3D-Animation, etc..

Wo willst Du hin, welche Ziele hast Du Dir in Bezug auf die Arbeit gesetzt?
Zusammen mit meinem Kollegen und Freund Daniel Bin Johari haben wir neben unserer „normalen“ Agentur-Website auch noch eine Spielwiese namens mynamewasgod.com gegründet – im Prinzip ein Portfolio für unsere freien Projekte ohne kommerziellen Hintergrund und ohne konkreten Kundenauftrag. Neben dem Tagesgeschäft ist das unser Raum für Experimente und kreative Spielereien, da wollen wir dieses Jahr verstärkt dran arbeiten, auch um am Ball zu bleiben und um neue interessante Kunden zu gewinnen. Eventuell tut sich auch noch was beim Thema Film-Title Design – mal abwarten.

qu-int.com

Und sonst…

Welche Seiten steuerst Du im Netz an? Liest Du Blogs?
Ja, meistens Motionographer.com, ab und zu schaue ich bei xplsv.tv, everyoneforever.com, typeneu.com und cpluv vorbei, und natürlich bei dt.

Welche Kreativen haben Dich inspiriert?
Oh, da gibt es viele: Saul Bass, Kyle Cooper, Danny Yount, Dvein, Mate Steinforth, Guilherme Marcondes – alles Motion Designer. Ich bewundere auch die Arbeiten von John Maeda oder Wolfgang Weingart.

Du bist kürzlich für David Carson auf dem Designforum Freiburg als Redner eingesprungen, weil er derzeit lieber wellenreitet. Wie wars?
Das hat Spaß gemacht, viele wussten glaube ich bis zuletzt nicht das Carson irgendwo in der Karibik am Strand liegt. Da ich erst sehr kurzfristig eingeladen worden war und gerade mitten in vielen Projekten stecke, konnte ich nicht mehr als eine halbe Stunde Vortrag vorbereiten, ich denke aber es kam gut an. Zumindest haben mir später viele Leute gesagt sie hätten Carson überhaupt nicht vermisst :-) Nach mir kam Lars Harmsen von Magma Brand Design auf die Bühne und berichtete von seinem Bastard-Project, was auch sehr cool war. Es war auf jeden Fall – trotz der eher peinlichen Carson-Aktion – ein gelungenes Forum.

Was treibt Dich an? Wo holst Du Dir die Energie für Deine Projekte?
Ich denke, dass wir uns in der Agentur gegenseitig antreiben neue Sachen auszuprobieren, aber auch das positive Feedback aus dem Netz ist natürlich ein starker Motor. Und es birgt auch ein enormes Potenzial für das zukünftige Arbeiten, was Clips wie Flickermood beweisen.

Vielen Dank an Dich Sebastian.

15 Kommentare zu “Flickermood 2.0 – Interview mit Sebastian Lange

  1. (…Nachträglich:)

    Gratulation zu den absolut genialen Beiträgen. Wirklich der Hammer.
    Einer meiner absoluten Lieblings-Blogs.
    Super Inhalte, super geschrieben, bin begeistert.

    …den Fontblog hingegen kann man einstampfen.

  2. @pacman:

    sowohl als auch: typo scribbles und einige in AE erstellte demo-animationen.

    ja, ein herz für typo habe ich natürlich – bin quasi gezeichnet von schweizer typographie ;-)

    viele grüsse,
    Sebastian

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