Buchvorstellung: The Value of Design

The Value of Design – Wirkung und Wert von Design im 21. Jahrhundert

Es wird Zeit für ein neues Selbstverständnis und für eine Auseinandersetzung mit Wirkung und Wert von Design, so die vielleicht zentrale Forderung von Frank Wagner, Autor des Buchs „The Value of Design – Wirkung und Wert von Design im 21. Jahrhundert“, kürzlich erschienenen beim Verlag Hermann Schmidt. Wagners leidenschaftlich verfasstes Plädoyer für Design liefert eine Grundlage, die Designtätigkeit insgesamt zu hinterfragen. Dabei wirft das Buch allerdings mehr Fragen auf als es Antworten liefert. Design verstehen, heißt, in diesem vermeintliche Dilemma die damit verbundenen Chancen zu erkennen.

Welchen Wert hat Design? Welchen Wert hat Design im 21. Jahrhundert? Und welche Rolle werden Designer zukünftig einnehmen? Mit diesen – im Kontext Design – elementaren Fragen hat sich Frank Wagner, Inhaber der Agentur hwdesign, in den letzten beiden Jahren eingehend beschäftigt. „The Value of Design“ ist ein Buch, das zur Reflexion einlädt, sich in erster Linie an Designer richtet und den epochalen, durch die Digitalisierung herbeigeführten Wandel im Berufsfeld des Designers beleuchtet, der, wie der Autor treffend feststellt, längst noch nicht abgeschlossen ist.

Gleichwohl möchte der Verlag mit dem verheißungsvollen Titel sicherlich auch Entscheider aus der Wirtschaft ansprechen. Betriebsökonomen, die womöglich handfeste Zahlen erwarten, um daraus Entscheidungsstrategien hinsichtlich der Wertsteigerung ihres Unternehmens abzuleiten, dürften eher enttäuscht werden, wenn sie sich das Buch durchlesen. Geschuldet ist dies der Tatsache, dass sich Wert von Design nicht in Zahlen fassen lässt.

Design ist nicht messbar. Corporate Design kann man nicht wie Statik mittels mathematischer Formeln berechnen. Vielmehr wird in „The Value of Design“ die grundsätzlichen mit Design verbundenen Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft thematisiert und hinterfragt. Alles ist Design, zumindest drängt sich heutzutage dieser Eindruck auf. Genau deshalb, so Wagner, müsse man ein verändertes Bewusstsein herbeiführen, um den Blick von der rein oberflächlichen Ästhetisierung hinzu zu den tatsächlichen mit Design einhergehenden Vorteilen zu lenken.

Das Buch versteht sich als Anleitung zum Vordenken. Ein „generalistisches Vordenken“, das Wagner derzeit an Hochschulen ebenso vermisst wie Designkritik und eine entsprechende Diskussionskultur, die er mit Hilfe des Buches anstoßen möchte. Ein ausgesprochen unterstützenswertes Anliegen. Auf 160 Seiten formuliert der Autor Thesen und Kriterien, die Design im 21. Jahrhundert auszeichnen. Wagners Auffassung nach wird sich Design „unter einem erweiterten Design-Begriff vom Spezialthema zum Metathema wandeln.“ Designer werden zukünftig verstärkt „Parameter schaffen“, wie es der Autor nennt, anstatt sich vorrangig mit Fragen der Formgebung zu beschäftigen. Design Thinking als einer von vielen Ansätzen, Kreativität zu fördern, mit der sich wiederum Probleme lösen lassen.

Nicht alle Fragen, die Frank Wagner aufwirft, werden im Buch beantwortet. Keineswegs ein Malus, denn um einen Designprozess in Gang zu setzen, braucht es nicht unmittelbar Antworten, es braucht zunächst einmal den Impuls, eine entscheidende Frage zu formulieren. Designer zeichnen sich darin aus, Dinge zu hinterfragen, sind also auf ideale Weise dafür gemacht, auch besagte Metathemen in Frage zu stellen. Dazu jedenfalls möchte „The Value of Design“ anregen.

Ein lesenswertes Buch, das viele substanzielle Vorschläge beinhaltet, die ein verändertes Bewusstsein für Design fördern. Als jemand, der stets bemüht ist, auch negative Aspekte von Design zu beleuchten, ist mir persönlich „The Value of Design“ etwas zu einseitig geraten. Nicht alles, was unter der Bezeichnung „Design“ angepriesen wird, basiert auf ethischen Grundlagen – man denke beispielsweise an die Smartphone-Produktion in Asien. Gerade in diesem Buch hätte ich mir etwas mehr Designkritik gewünscht. Wer ein verändertes Bewusstsein herbeiführen möchte, und hier sind alle Designer angesprochen, der sollte Design unbedingt auch kritisch hinterfragen – Stichwort Greenwashing. Zudem möchte ich dem Autor widersprechen, es gäbe keine Wahrnehmung ohne Design. Natürlich gibt es eine Wahrnehmung auch ohne Design. Manchmal kann der Verzicht von Design, wie etwa bei der Müsli-Marke Seitenbacher sogar identitätsstiftend und ein Differenzierungsmerkmal sein.

Viel lieber habe ich mich mit Wagners Fragen, Überlegungen und Thesen beschäftigt, als etwa mit den Antworten von Peter Zec und Burkhard Jacob, die 2010 in ihrem Buch „Der Designwert“ den Wert von Design anhand von Größen wie „Designertrag“, „Designkontinuität“ und „Designstärke“ quasi formelgleich zu belegen versuchten. Ein recht offensichtlicher Fall von in erster Linie Werbung in eigener Red-Dot-Sache. Um einer Verwechslung mit „Der Designwert“ vorzubeugen, wählte man wohl in diesem Fall einen englischen Titel. Auch in seiner haptischen wie gestalterischen Qualität unterscheidet sich „The Value of Design“ wohltuend von zuvor genanntem Buch.

Basisdaten

The Value of Design – Wirkung und Wert von Design im 21. Jahrhundert
Ein Plädoyer für ein neues Designverständnis
auf 160 Seiten
Autor: Frank Wagner
Verlag: Verlag Hermann Schmidt Mainz | Link zum Shop
Format: 14,3 x 20,3 cm
Flexcover in Fedrigoni-Materialkomposition mit Klappen, Prägung und farbig abgesetztem Kapitalband sowie Lesebändchen
ISBN 978-3-87439-857-2
Preis: 29,80 Euro

6 Kommentare zu “Buchvorstellung: The Value of Design

  1. Danke für den Hinweis und die erste Analyse. Natürlich habe ich schon mit Spannung auf dieses Buch gewartet und hoffe sehr bald mein Exemplar in Händen zu halten. Vom Titel und der Vorankündigung habe ich mir schon viel erwartet – die Frage nach Wert und Wirkung waren für mich für das Thema Designkritik von enormer Bedeutung.

  2. Bzgl.
    „Natürlich gibt es eine Wahrnehmung auch ohne Design. Manchmal kann der Verzicht von Design, wie etwa bei der Müsli-Marke Seitenbacher sogar identitätsstiftend und ein Differenzierungsmerkmal sein.“
    ist es notwendig ‚Design‘ genau zu definieren. Denn wenn man das Wort unter dem Blickpunkt Herbert Simons betrachtet „Design ist die Erschaffung einer gegebenen Situation in eine gewünschte“ kann auch „Nicht-Design“ Design sein. Vielleicht möchte Seitenbacher ja mit einem Nicht-Design-Look Leute mit Sehnsucht nach Einfachheit/kleinen Besonderheiten etc. ansprechen, also jene, die von den quitschbunten Néstle-Packungen und globalen Markenwerten abgeneigt sind.
    Es ist dann vielleicht ähnlich wie Paul Watzlawicks „Mann kann nicht nicht-kommunizieren“, weil wir stetig unsere Umwelt verändern/beeinflussen; wenn ein Produkt absichtlich nicht „designt“ aussehen möchte, ist das ja auch ein Statement…

    Aber insgesamt eine sehr schöne, bündige Rezension! Kritik sollte nicht zu kurz kommen.

    • Interessanter Ansatz. Zweifelslos kann der Verzicht auf allgemeine Gestaltungsregeln und Normen Ausdruck einer bewussten Entscheidung sein und somit eine bestimmte Haltung reflektieren, eben jene, die ästhetischen Gesichtspunkten eine untergeordnete Rolle zukommen lässt. Allerdings scheint mir in diesem Fall ein, wie ich finde, entscheidendes Kriterium zu fehlen. Es ist meines Erachtens insbesondere die Prozesshaftigkeit, das Zusammenspiel aus Versuch, Irrtum und Verbesserung, die Design auszeichnet. Ohne einen solchen Prozess gibt es zwar eine Formgebung, durchaus auch eine, die unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten zu überzeugen vermag, aber keine, die das Ergebnis eines durch bewusste Entscheidungen begleiteten Designprozesses darstellt. Design erfordert Aktion – darin unterscheidet es sich von Kommunikation. Auch Herbert Simon betont die Erfordernis jenen Impulses wenn er schreibt: „Everyone designs who devise courses of action aimed at changing existing situations into preferred ones.“. Insofern kann aus Untätigkeit heraus auch kein Design entstehen.

      • Höchst anregende Gedanken – wir unterscheiden also zwischen aktivem und passivem „Nicht-Design“. Das erste ist eine bewusste Haltung und eine Lösung nach intensiver Auseinandersetzung und Planung. Das zweite ist dann einfache Willkür, weil man, im Falle des Müslis, einfach eine Verpackung braucht.

        Vielleicht lohnt daher die Differenzierung zwischen „Undesign“ (das aktive „Nicht-Design“) und „keine Gestaltung“ (das passive „Nicht-Design“). Völlig klar, dass man nicht, nicht kommunizieren kann, aber ich persönlich sehe im Design auch eine gewisse Aktivität. Das Problem, das hierbei zu Tage tritt, ist dass wir „Design“ hier einerseits für das Produkt, gleichzeitig aber für Prozess verwenden. Das ist durchaus komplex und zeigt, über „Design“ kommunizieren lohnt sich sehr …!

        • Absolut. Was sich allerdings beim Begriff „Un-Design“ nicht ausreichend widergespiegelt, ist a) der Umstand, dass das Ergebnis auf Basis einer bewussten Entscheidung entstanden ist und b) mit Hilfe einer nicht-durchdesignten Ästhetik gezielt eine Gegenposition bezogen werden soll. Wäre „Anti-Design“ nicht schon im Kontext Memphis Design besetzt, wenn auch, wie ich meine zu unrecht, würde ich diesen Terminus passender empfinden. Denn bei Ettore Sottsass und anderen Vertretern der Memphis-Gruppe meinte „Anti“ viel mehr „Anti-Funktionalität“. Schon anhand dieses Beispiel wird deutlich, wie schwierig es heutzutage ist, mehr denn je, über Design zu sprechen. Jeder versteht etwas anderes darunter. Umso wichtiger erscheinen mir die Anregungen im Buch.

  3. ehrlich gesagt hat mich dieses buch ein wenig ratlos zurückgelassen. viele gute fragen, man ist auch stets geneigt, diese zu unterstreichen, aber was möchte dieses manuskript von mir?
    für ein essay wäre es zu oberflächlich, für ein manifest hingegen zu unentschlossen. das thema design wird zwar hoffnungsvoll aufgeladen, aber konkrete oder gar praxisorientierte ansätze bleiben völlig aus. gut, dies mag vielleicht auch nie die intention des autors gewesen sein, aber hätte dem buch am ende sehr gut getan.
    meiner meinung nach wurden interessante punkte aus der designgeschichte und plakative zitate (musste watzlawick wirklich sein?) zusammengetragen, aber das letzte kapitel hakte ich dann leider recht gelangweilt im schnelldurchgang ab. schade.

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