Brüssel: drei Buchstaben, zwei Logos und eine verfehlte Kommunikation

BXL Logo

Nicht nur den gescheiterten Verhandlungen über die griechische Schuldenkrise ist es zu verdanken, dass Brüssel derzeit im Gespräch ist. Auch aufgrund aktueller Marketing-Aktivitäten macht die belgische Hauptstadt von sich Reden, unfreiwillig wohlgemerkt, denn von offizieller Seite gelenkt werden diese nicht. Die auf diese Weise bezeugte Unfähigkeit zur Kommunikation befördert das schlechte Image, das Brüssel dem Politikbetrieb zu verdanken hat.

Schon längst hat Brüssel das Image als Eurokraten-Metropole weg. Dabei spielt in der Wahrnehmung kaum eine Rolle, dass viele die EU betreffende Annahmen eher im Bereich der Mythen angesiedelt sind. Ausgerechnet dort, wo die Stadt Brüssel ihre Handlungsfähigkeit und Dialogbereitschaft beweisen könnte ja müsste, und wo die Chance bestünde, ihr Image zu aufzupolieren, versagt sie kläglich.

Ungeachtet der Tatsache, dass erst vor drei Jahren ein völlig neuer Markenauftritt für die Hauptstadtregion Brüssel (dt berichtete) lanciert wurde, taucht unvermittelt ein Stadtlogo auf, zu dem sich bislang weder die Stadtverwaltung noch der Bürgermeister, noch die mutmaßlich verantwortliche Agentur äußern mag, was freilich Medienvertreter nicht davon abhält, wild zu spekulieren, auch in Bezug auf die Kosten. Zahlreiche belgische und auch niederländische Medien berichten über das neue Stadtlogo, nur die Stadt selbst äußert sich bislang nicht dazu. Im dt ist das neue Logo erstmals im Detail zu sehen.

Losgetreten hatte die Diskussion Brüssels Bürgermeister Yvan Mayeur, der sichtlich stolz, dafür unüberlegt, einem Fernsehredakteur ein T-Shirt in die Kamera hielt, auf dem das neue Logo dargestellt ist. Unüberlegt deshalb, weil es bis dato keine offizielle Stellungnahme seitens der Stadtverwaltung hinsichtlich des neuen Logos gibt. Vermutlich ist meine Anfrage nicht die einzige, die unbeantwortet blieb, und so sind belgische Medien derzeit voll mit Beiträgen über das neue Stadtsignet. Und die Stadtverwaltung … sieht zu. Frei nach Watzlawick: keine Aussage hinsichtlich der eigenen (visuellen) Identität ist halt auch eine Aussage. Ein besonders eindrückliches Beispiel verfehlter Kommunikation. Manch einer wird sagen: Brüssel eben!

Brüssel Logo

Es heißt, das neue Logo würde 80.000 Euro kosten, 92.000 Euro inklusive Steuern. Es heißt auch BBDO Brüssel sei für die Logokreation verantwortlich. Das Branding für die seit 1989 bestehende „Hauptstadtregion Brüssel“, die neben der Stadt Brüssel 19 weitere Gemeinden einschließt, dürfte wohl erhalten bleiben. Es ist davon auszugehen, dass das neue Signet mit dem Kürzel „BXL“ das bisherige, ebenfalls kreisrunde Stadtlogo wird ersetzen sollen. Angelehnt sind beide Zeichen an das Stadtwappen Brüssels, auf dem der Schutzpatron der Stadt, Erzengel Michael, dargestellt ist, wie dieser eine schwarze Teufelsgestalt mit einem Schwert erlegt.

Das neue Stadtlogo ist deutlich reduzierter als das bisherige Signet: es fehlt die umlaufende Schrift, ebenso die Darstellung des Teufels; Engel und Schwert wurden in einer Form vereint, wobei letzteres nur noch zu erahnen ist. Selbst der Stadtname wurde auf die drei Buchstaben BXL verkürzt. Ein zweifelsfrei prägnanteres Zeichen als das bisherige Stadtlogo, das zwar eine Geschichte erzählt, dabei jedoch kaum eigene Identität vermittelt. Es bleibt abzuwarten, wie, wann und wo das neue Zeichen Anwendung finden wird.

So weit, so schlecht. Denn zu allem Ungemach, ähnelt das in Teilen bereits eingeführte neue Zeichen dem Logo der Hochschule Limburg, und zwar auf frappierende Weise (Abb. unten). Zudem ist die Hochschule landläufig unter dem Kürzel PXL bekannt. Deren Hochschulleitung hat bereits angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Stadt Brüssel einleiten zu wollen, sollte diese der Bitte nach Änderung des Stadtsignets nicht nachkommen. Die Hochschule nutzt seit 2013 das PXL-Signet.

PXL Logo

Dass in Brüssel so einiges schief gelaufen ist, ahnt auch der Laie. Ohne Transparenz, ohne die Bereitschaft zum Dialog und ohne die Partizipation bzw. die Mitnahme auch der am Designprozess unbeteiligten Bürger, droht ein solcher Prozess aus dem Ruder zu laufen. Der Fall Brüssel ist ein Fiasko. Die Stadtverwaltung und die städtische Marketingabteilung werden in den kommenden Wochen viel erklären müssen. Nicht nur als Designer steht man fassungslos vor solch einem Projekt, das von verantwortlichen Politikern, Beamten und wohl auch von den beteiligten Kreativen so dermaßen vor die Wand gefahren wird. Wenn die Linke nicht mehr weiß, was die Rechte macht, braucht es kein neues Design, sondern ein Umdenken im Kopf. So jedenfalls wird man ein schlechtes Image nicht los, man verfestigt es.

Brüssel Flyer

In einem ersten Anwendungsbeispiel, einem Flyer (siehe Abb. oben), wird der Stadtumriss Brüssels, der dem eines Pentagons ähnelt, als Gestaltungselement eingesetzt. Stilistisch ist dieser Entwurf weniger ausgefeilt als das Logo selbst. Im Netz findet sich unter fotoconcoursphoto.be eine erste Anwendung, in der das neue Logo zum Einsatz kommt. Viel mehr als das gibt es derzeit noch nicht zu sehen.

Bleibt aller Voraussicht erhalten: das Logo der Hauptstadtregion Brüssel
Brüssel Logo

Mediengalerie

10 Kommentare zu “Brüssel: drei Buchstaben, zwei Logos und eine verfehlte Kommunikation

  1. In der Anwendung finde ich es gelungen. Die Kommunikation ist natürlich ein Desaster, aber wenn man die Darstellung in weiß auf schwarzem Kreis weglässt, besteht auch, meiner Meinung nach, kaum noch Verwechselungsgefahr mit PLX.

    Der Flughafencode BLX gehört anscheinend aber gar nicht zu Brüssel (IATA-Code: BRU, ICAO-Code: EBBR) sondern Blue Lagoon, Fidschi. :D

  2. 92.000 Euro? Na das passt ja zum Vorthema über die Gehälter in der oberen Design-Schicht. Ist zwar einprägsam, aber irgendwie nichts Besonderes. Vielleicht wäre auch die Wahl einer Farbe nett gewesen. Und dann erinnert mich die Silhouette des beinamputierten Engels doch sehr an Batman…

  3. Kostet das Logo 92.000 Euro oder sind da die Nutzungsrechte und die Anwendungen mit drin?

    Das Logo als solches finde ich nicht schlecht und eine Lösung erscheint mir recht naheliegend, um die Nähe zum PXL-Logo zu verhindern: Einfach den Kreis weglassen. Sieht dann sowieso viel offener aus und wurde in der Anwendung ja auch schon angedeutet, da das Logo hier schwarz auf weiss zum Einsatz kommt.

  4. Brüssel?
    Gotham City!

    :-D
    Unglaublich.

    Ja, und klar die Kommunikation. Die ließ und lässt zu wünschen übrig.
    Aber ob sie, wenn sie besser gewesen wäre, ein Fledermaus-Logo, das den Erzengel Michael dermaßen verhunzt, sooo viel besser an die Bürger hätte „verkaufen“ können?

    Ich denke, Brüssel hat mit dem Gotham-Ding zwei fette Probleme, nicht nur eines der Kommunikation.

    • Nachtrag:

      Ein Pamphlet

      Der kulturellen Verblödung einer ganzen Branche kann man auch noch dabei zuschauen.

      Der Erzengel Michael funktioniert doch nur in der Kommunikation als typisches Wahrzeichen, wenn man ihn zusammen mit dem Teufel darstellt, den er hinabstößt. Sonst isses ein andere Engel. Gibbet da einige (Gabriel, Michael, Rapahel, Azrael, Uriel). Nur Michael wird mit dem Teufel dargestellt. Daneben gibbet es natürlich noch sonstige geflügelte Geistwesen, über die die Eso-Gemeinde mehr weiß als ich. Aber irgend so ein berauschter Rauschgoldengel ähm Apple-Arm-App-Designer – in Tateinheit mit Marketingtypen, die noch dümmer sind als er – der im Nebenfach Kunstgeschichte im Hauptstudium gepennt hat, ist wohl mit appem Arm hergegangen, och Engel ist Engel und den Teufel, den brauchen wir nicht … , das reduzieren wir mal schön minimalistisch, die Beine braucht man auch nicht …

      Aber Leute, so wie jetzt ist das kein Wahrzeichen Brüssels mehr, welches als Winzort mit einem St. Michael-Kapellchen anfing. So wie jetzt ist es ein beliebiges minimalistisches plattgemachtes, pseudoschickes Black’n White-Stadtmarketing-Ding von dummen Leuten, die ihre Nase zu tief ins Bacardi-Glas gesteckt haben. Da ist das Fledermaus-Bacardi-Logo mehr Storytelling, hat mehr Geschichte am Logo-Leib …

      Vielleicht wars auch anders, aber dann sicher nicht weniger dumm.
      Die Marketingverantwortlichen und die Stadtverwaltung schließe ich in den genannten schmeichelhaften Eigenschaften ganz klar mit ein. Es sind immer mehrere. So viel kann ein einzelner richtig dummer Designer gar nicht verbrechen, wenn er seine anscheinend festgewachsene Minimalismus-Brille aufhat; kriegt er gar nicht hin.

      Medienschelte (auch das noch, aber warum niieecht):
      Für mich unverständlich, dass medial vorrangig wohlfeil über die Kosten gehetzt wird, statt sich zusammenzureißen und sich als Presse ernsthaft zu fragen, was hie die Fledermaus und dorten das zum Gähnen langweilige Buchstaben-Duo (Tennessee) sollen. In die Kultur-Feuilletons der Presse sind wohl jetzt endgültig statt ausgebildeter Journalisten Schmalspur-BWLer eingezogen …, die anscheinend nur eines können: billig und schnell schreiben und den Leser mit Dumpfheit und Reflexen (Verschwendung! Verschwörung!) zu bedienen oder diese Reflexe zu bestärken statt zu informieren. Geisteswissenschaftler, die differenzierte Ahnung haben (von dem, was ein Corporate Design nun mal kostet in gewissen Größenordnungen, und die Ahnung haben von kulturellen Symbolen) und die auf diese Weise Unmengen von strunzdummen Presseartikel hätten verhindern können, fehlen anscheinend gänzlich.
      Die Presse und das Design sparen sich dumm. Ein interessanter minimalistischer Ansatz.

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