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Berliner Festspiele mit neuem Erscheinungsbild

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Berliner Festspiele Logo

Die Berliner Festspiele haben seit wenigen Tagen ein neues Erscheinungsbild. Anlass hierfür ist der Antritt des neuen Intendanten Thomas Oberender, der dem ungeschriebenen Gesetz folgt, wonach ein Wechsel auf dem Intendantenstuhl stets mit dem Redesign des Außenauftritts verbunden zu sein hat. Noch bevor die erste Inszenierung zu sehen ist, wird auf diese Weise eine Duftmarke gesetzt, die einen Ausblick auf das bevorstehende neue Programm verheißen soll. Folgt man der Sprache des Designs, wird es für die Künstler wenig Freiheiten geben.

„Wir wollen uns öffnen in ein Haus für Künstler. Wir wollen, dass der Ort wieder strahlt, dass er auch zwischen den Festspielen leuchtet und sich fühlbar ins Stadtleben einbringt.“ so Oberender bei der Vorstellung seines Konzepts. Dieser derzeit in den Medien vervielfältigen Aussage Oberenders steht ein neues Corporate Design gegenüber, das zumindest formalästhetisch einen Widerspruch zum Gesagten darstellt. Die zentrale Komponente des neuen CDs, ein roter Rahmen, ist nicht gerade die ideale Form, um Offenheit zu signalisieren. Genau genommen symbolisiert sie das genaue Gegenteil – Abgeschlossenheit. Die Signalfarbe rot verstärkt die Bedeutung dieser sehr konkreten, bestimmenden und eingrenzenden Form.

Berliner Festspiele Design

Von Seiten des Hauses möchte man das neue Design freilich anders verstanden wissen. „Mit dem Wechsel des Intendanten und des Leitungsteams möchten die Berliner Festspiele einen sichtbaren Neustart erzielen. Auf der visuellen Ebene ist das eine Edition, eine neue Startseite im Internet und ein neues Erscheinungsbild,“ so Presseleiterin Jagoda Engelbrecht. „Das neue Erscheinungsbild, der rote Rahmen als visuelles Zeichen der neuen Berliner Festspiele, betont die Verbindung zwischen den Festivals und den Festspielen als Ganzes. Gleichzeitig verweist er auf stets neu zu setzende Schwerpunkte, wechselnde Perspektiven und einen Blick nicht nur aufs Zentrum, sondern auch auf die Ränder.“

Offenheit meinen und Offenheit zeigen, und das zeigt dieses Redesign wunderbar, sind zwei paar Stiefel. Der rote Rahmen gibt die Form vor. Er setzt die Grenzen, bis zu denen der Inhalt reichen darf, frei entfalten darf er sich nicht. Der rote Rahmen verbindet nicht, er trennt. Schön zu sehen ist das Begrenzungsprinzip auf der frisch relaunchten Website, auf deren Startseite zahlreiche Rahmen in loser, ja chaotischer Struktur unterschiedliche Inhalte einfassen und dabei in vielen Fällen dem Duktus von Traueranzeigen nicht unähnlich sind.

Berliner Festspiele Relaunch

Auch wenn das neue Logo, eine reine Wortmarke gesetzt in der Brown aus dem Hause Lineto, frei im Raum steht und keinerlei Aussage trifft, die in Richtung Abgeschlossenheit gedeutet werden kann, vermittelt das zentrale Gestaltungselement, der rote Rahmen in Analogie etwa zum Deutsche-Bank-Logo, genau dies. Das geschlossene Quadrat, der geschlossene Rahmen stehen für Bewahrung und Werterhaltung – Ausdruck einer ur-konservativen Haltung.

Mit dem neuen Erscheinungsbild gelingt die Unterscheidung zum Bisherigen, in dem modische Accessoires (Abbildung) ebenso ihren festen Platz einnahmen wie ein Logo, dessen farbige, Barcode-ähnliche Bildmarke dem Betrachter Rätsel aufgab. Zweifelsfrei ist die neue Wortmarke typographisch ein Gewinn, strahlt sie doch viel besser Klasse und Festlichkeit aus als ihr Vorgänger, fraglich ist nur, ob der durch das neue Erscheinungsbild kommunizierte Konservatismus tatsächlich die entscheidende Kraft hinter dem Programm der Festspiele sein wird, wie es sich im Design als erste Duftmarke ankündigt.

Entwickelt wurde das Design vom Schweizer Studio CRR. Die Website wird von Kuhmedia betreut.

47 Kommentare

  1. die wortmarke finde ich schlicht und gelungen. der rote rahmen wirkt sehr stark für sich.
    andererseits habe ich beim blick auf die website das gefühl auf eine ansammlung von todesanzeigen zu kucken. oder geht das nur mir so?

  2. Ich find es irgendwie ziemlich langweilig. Man hat überhaupt nicht das Gefühl, als steckt da irgendeine Idee dahinter, noch irgendetwas Liebevolles oder mühevoll Gemachtes. Und vom Wiedererkennungswert her könnts auch besser sein.

    Ich find das alte Logo jetzt auch nicht unbedingt super, aber ich würde das neue Logo als Rückschritt bezeichnen.

  3. Also die Website sieht für mich aus als wäre sie mit Traueranzeigen übersät… Lust auf Festspiele macht das nicht gerade – ich finde aus dem alten Logo hätte man definitiv mehr rausholen können!

  4. achim, ich finde die gegenüberstellung der zwei logos sehr missverständlich. dem westlichen lesestil nach ist neue nach dem alten zu finden – nicht andersrum.

  5. Sowohl die alte als auch die neue Webseite sind wirklich interessant. Die neue ist jedoch eindeutig schlechter. Die Navigationsidee ist jedoch verwertbar, wenn auch nicht in dieser jetzigen Form.

    Ich hätte gerne gewusst, was der Relaunch gekostet hat.

  6. Am Kerning könnte man noch was machen. *zick*

    Satire:
    Früher machte der Grafiker, wenn ihm nichts Gescheites einfiel, einen Swoosh um alles.
    Heute ein Kästchen. Das ist reto-retro, denn den altgedienten Kästchengrafiker gab es schon vor dem Swoosh-Grafiker.
    Ihnen aber gemeinsam ist die Nichtidee.

    Dann gibt es noch auch die Spezies der Ein-Idee-Grafiker …
    Aber ich bin schon ruhig.

  7. Irgendwie sagt die Wortmarke nicht arg viel aus. Es sind 2 Wörter in einer schönen Schrift, liebevoll gesetzt in einer angenehmen Farbe, aber wie Festspiele oder zumindest wie Kunst sieht das nicht aus. Wäre doch eigentlich mal ne coole Idee, die neue Wortmarke mit den alten “Balken” im Logo zu mischen. Farblich dann noch abschmecken.

    Die Website ist ne tolle Idee für sowas und diese Kasten-Geschichten tauchen doch immer öfters auf, aber mit den Traueranzeigen muss ich meinen Vorrednern total recht geben. Sieht schick aus, passt gut – aber die Traueranzeigen ziehen doch schon einiges ins negative Licht.

  8. Webseite mit Todesanzeigen und ein roter Rahmen, der auf den ersten Blick wie ein Platzhalter wirkt. Das Titelbild nur mit roten Rahmen, grauem Hintergrund und Zahlen, macht es noch schlimmer. Da hat sich jemand im künstlerischen Ansatz verrannt. Das einzig Positive ist die Typografie des neuen Logos, die tatsächlich besser aussieht, als das alte Logo.

    @ Achim
    Auf den ersten Blick dachte ich auch erst, dass das untere Logo das Neue sein soll. Für meinen Geschmack müsste das Neue nach unten und das Alte nach oben…

  9. @anton (und David) „missverständlich“ wäre es ja nur, würde die Betitelung fehlen. So ist es eindeutig ;) Aber im Ernst. Anders als bei der horizontalen Gegenüberstellung gibt es bei der vertikalen aus meiner Sicht kein „richtig“ und „falsch“ (wobei man auch hier unterschiedliche Standpunkte vertreten kann). Stünde das alte Logo oben, könnte man argumentieren, dass es doch unlogisch sei, mit einem alten Design aufzumachen, wenn denn ein neues Design vorgestellt wird. Dieser Argumentation folge ich.

    Im dt war es bezüglicher der oben dargestellten Form der Vorher- und Nachher-Logos übrigens schon immer so und wird es auch so bleiben, schon allein, weil ich es eigenartig fände, stünde unter dem Artikeltitel a la „…mit neuem Erscheinungsbild“ eine Abbildung, die sich auf das vorherige Design bezieht. Dem Argument der Leserichtung ließe sich zudem entgegensetzen, dass in einer Hierarchie das Wichtigste stets OBEN steht und zweifelsfrei ist die wichtigere Abbildung in diesem Fall die Darstellung des neuen Logos.

    Ich denke, das ist wie mit der Auflistung der Kommentare. Im dt erscheinen die neuesten ganz unten, während sie woanders ganz oben stehen. Alles eine Frage der Gewöhnung.

  10. Mag sein, dass die senkrechten Striche dem Betrachter Rätsel aufgaben. Trotzdem waren sie ein schönes Gestaltungselement. Der neue Schriftzug hat eine sehr eigenständige Typo – strahlt darüber hinaus allerdings gepflegte Langeweile aus.

  11. Im Gegensatz zur vielfach geäußerten Meinung hier finde ich die Typo, die Brown des neuen Schriftzugs gar nicht eigenständig.

    Höchstens eigenständig in dem verqueeren Sinne, dass der Schriftzug allein und bezugslos herumsteht.

  12. Also den Bezug zu den Todesanzeigen, den schon einige vor mir angebracht haben, kann man nicht leugnen, das ist mir auch gleich so ins Auge gestochen. Noch wunderbar gefördert von mittiger Textausrichtung, fetter Überschrift und kursiven Zitaten. Abgerundet von Ort und Datum als untere Zeilen…

    Interessant finde ich ja aber auch, dass die ausführenden Agenturen (CRR und Kuhmedia) anscheinend bisher keine Zeit gefunden haben, ihre eigenen Websiten zu bearbeiten. Danke an Achim, dass du sie extra verlinkt hast, aber mehr als die Startseiten findet man nicht. Oder sind da versteckte Botschaften, die ich nicht erkenne ;)

  13. De Schriftzug ist hübsch, aber auch beliebig – ein kleiner Kniff hätte nicht schaden können. ein ganz, ganz kleiner nur …

    Die Form der Website ist einfach nicht meins – das modische Chaos-Prinzip ist gerade sehr beliebt, den Mehrwert erkenne ich nicht. Naja, vielleicht verstehe ich das einfach nicht … und dabei wäre ich doch noch gar nich so alt.

  14. Der Schriftzug ist sehr beliebig und damit er zur Marke wird, fehlt noch etwas. Jetzt muß die “Drumherumgestaltung” alles retten.

    Das Design der Webseite nennt man dann wohl Kunst. Wer es braucht … Mir ist es auf jeden Fall zu anstrengend. Auch die Folgeseiten.

  15. Was die Typo betrifft, möchte ich auf den Artikel verweisen, in dem die Schriftart genannt ist. Auf keinen Fall ist es die von Martin genannte „U-Bahn light”, die zudem auch nicht die Hausschrift der Berliner Verkehrsbetriebe ist. Vorzugsweise kommen bei den Verkehrsbetrieben Transit und eine von MetaDesign entwickelte Frutiger-Anlehnung zum Einsatz, nachzulesen u.a. auf Typografie.info.

  16. Die Webseitengestaltung ist meiner Meinung nach eindeutig von der SeiteQompendium inspiriert, die schon seit einigen Jahren so aussieht. Die Non-Lineare, asoziative Navigation gefällt mir allerdings sehr gut, wenn es zum Inhalt passt. Ob das bei den Berliner Festspielen der Fall ist, kann ich nicht beurteilen.

    Das CD hat mich auch sofort an das neue Erscheinungsbild des Residenztheaters erinnert. Da mir das aber sehr gut gefällt, finde ich das nicht so schlimm.

  17. Also ich weiß nicht. Zuerst dachte ich auch: “na das neue Logo ist schon besser als das Alte”, bis mir dann aufgefallen ist, dass oben ja das Neue steht und unten das Alte. Mir gefällt das neue nicht so. Wie auch meine Vorredner: es ist ein bisschen lieblos dahingestellt. Der Rahmen im CD ist schlicht grauenhaft, nicht mal eine verspielte Ecke, quasi der “Ausbruch aus der Box”, so wie auch Schauspieler “ausbrechen” könnten aus ihren Rollen. Wie Achim ganz schön bemerkt, werden die Schauspieler sich wohl daran gewöhnen müssen, dass alles eingerenzt wird, es also wenig “Ausbruch” geben wird. Wie werden da dann die Inszinierungen sein?

    Die Website ist schlimm. Sorry, ich finde es gut, von den 0815 Portal-Design weg zu kommen und neue Formate auszuprobeiren. Gerade im Hinblick auf Responsible-Design. Ich mag Spielerein mit Formen und Formaten. Aber ich finde die Webseite wortwörtlich totlangweilig. Das haben auch schon meine Vorredner bemerkt. Lieblos, dahingeschubst, wirkt es. Okay, die alte war auch der Renner. Vor allem das magenta mit dem orange… naja. Aber aus dem CD des alten Logos hätte man wunderschöne Sachen machen können, die Totenanzeigen der neuen Website machen keine Lust da weiterzulesen, ausser man ist morbid angehaucht und treibt sich auch gerne nachts auf Friedhöfen rum *blinzel*.
    Nein, als eine wirkliche Verbesserung empfinde ich es nicht!

  18. Ganz im Ernst? Ich finde sowohl das CD als auch die Anwendung im Web furchtbar. Auf’s Minimum reduziert, heißt nicht, dass die Wirkung auf’s Maximum erhöht wird. Ich finde es relativ charakter- und emotionslos. Wo ist die Liebe für’s Detail, wo die Differenzierbarkeit? Ein öder Brei aus schwarz, weiß und rot. Der Internet auftritt ist so retro, dass ich glaube, eine Reise in die Vergangenheit der frühen 2000er Jahre gemacht zu haben, als im Internet noch jeder gemacht hat, was er wollte – und das meine ich im negativen Sinn. Den Vergleich der Startseite mit dem Todesanzeigen-Teil aus der Zeitung finde ich absolut passend. Möge der Herr mit ihnen sein.

  19. Bei der Website ist im Moment nur die Portalseite frisch gemacht.
    Der ganze Rest ist nur farblich und im Logo angepasst worden – da wird wohl noch ein kompletter Relaunch kommen ;-)

  20. Die Assoziation Rahmen=keine künstlerische Freiheit drängt sich mir jetzt nicht unbedingt auf. Ein Rahmen kann auch sehr weit gezogen werden, und er bietet dann Platz für sehr viele Aktivitäten und Aktivitäten. Da kommt es halt darauf an, was man kommunizieren möchte: die Berliner Festspiele als gemeinsame Identität, als Rahmen oder die Berliner Festspiele als Ort künstlerischer Vielfalt. Letzteres ließe sich sicher mit einem anderen Element (beispielsweise sich überlappende Kreise unterschiedlicher Farben) besser (aber nicht unbedingt kreativer) visualisieren.
    Die Webseite geht es aus meiner Sicht so gar nicht. Man hätte sich wenigstens an einem Raster orientieren müssen, wie das beispielsweise bei Googles Bildersuche der Fall ist. So erinnert mich das eher an die Internetseiten aus der Anfangszeit bzw. den Seiten der Rubrik “Die gruseligsten Seiten im Netz”.

  21. Bei aller Meckerei über das neue Design sollte man nicht vergessen, dass Eurostile und bunte, farbige Rechtecke (mit Barcode-Anmutung) auch nicht das gelbe vom Ei, sondern ziemlich austauschbar sind.

    Ich mag das neue Design, aber ich mag Futura-artige Schriften sowieso und Rot, Weiß und Schwarz ist immer eine ausdrucksstarke Farbkombination.

  22. “die schrift wirkt sehr “retro”, wie aus den 1920er jahren (vielleicht beabsichtigt) – wie heißt die?”

    Nicht, dass ich das Erscheinungsbild besonders mein Geschmack wäre , aber das dieser 20er Jahre Groteskschriften-, Tschichold-, etc. Stil bewusst im Berlin-Kontext gewählt wurde, ist doch recht offensichtlich, zumal dieser Stil schon seit einiger zeit Ziemlich präsent.

    Und im Vergleich mit der 80er-Jahre Eurostile-Optik sind mir die 20er im Moment dann doch lieber.

  23. Zunächst habe ich an keiner Stelle, wie im Artikel erwähnt, ein Quadrat wahrgenommen. Ich sehe Rechtecke in verschiedenen Varianten. Ich möchte hier kein Kreuz brechen für die X-te und vielleicht auch nicht innovativste Variante einer Art von “Anti-Design” (wobei das an dieser Stelle auch alles andere als konsequent durchgezogen ist). Nur ist die Verwendung von unterschiedlichsten Rechtecken alles andere als “ur-konservativ”. Für mich ist so eine Beschreibung dann doch etwas zu designschultheoretisch, die in diese Bresche von “absteigende Linie=negativ” und ähnlichen Argumentationen springt.
    Das Hauptproblem ist denke ich jedenfalls die Konsequenz – auf der Startseite bekommt man einen Lufthauch von Mirco Borsche und auf der nächsten Seite ist der ganze “Zauber” wieder verflogen. Das Magazin erinnert dagegen an eine Mischung von Slanted und OK.periodicals – sehr zeitgeistig. Kann man alles machen ist nichts schrecklich neues, tut keinem weh.
    Wie man das jedoch als konservativ bezeichnen kann ist mir nicht ganz klar.
    Es sei denn, man springt einen weiter; bewertet diese Art der Gestaltung als mainstream und angepasst, was dann ja eine gewisse Nähe zur Konserve hat.
    Startseite und Magazin sind aber schon hübsch anzusehen. Und darauf kommts dann doch an… Kann man so lassen :-)

  24. Wahrscheinlich fehlt mir der Zugang zu den darstellenden Künsten. Mich spricht das absolut nicht an. Ich finde es so abstrakt, dass es schon fast lieblos wirkt…

  25. Dass man sich immer, immer, immer, gegen eine Eurostile (und dann auch noch in einem Wide-Schnitt) zu entscheiden hat, ist obsolet, für jede Schrift gibt es eine Zeit und die der Eurostile ist (zum Glück!) endlich abgelaufen.

    Was man draus machte – nun ja. Auf den allerersten Blick fiel mir auf, dass das neue Corporate Design einfach nur zeitgenössisch ist. Von Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit keine Spur. Wer als Designer mit offenen Augen durch die Welt läuft, entdeckt hier nichts Bahnbrechendes. Selbst die so “ungewöhnliche” Website ist kalter Kaffee und vor allem im angelsächsischen Raum durchaus gebräuchlich im künstlerisch-kreativen Umfeld. Hier allerdings angenehmer umgesetzt als in vorliegendem Beispiel.

    Nun sind die Besucher der Berliner Festspiele mit zeitgenössischem Grafikdesign wohl nicht allzu beleckt, somit wird’s ihnen kaum auffallen. Was ihnen jedoch mit Sicherheit auffallen wird, ist die Lieblosigkeit der gesamten Anmutung, die auch mein Vorredner Stephan F. schon bemerkte. Das gesamte Erscheinungsbild wirkt technokratisch, gewollt-modern und vollkommen durchintellektualisiert, da findet kein Leben statt. Die Internetseite ist offensichtlich tot (vielleicht deshalb die Todesanzeigen?), wenn es beim Printdesign so weitergeht – der Sensenmann wird sich die knochigen Hände reiben.

    Spaß auf Kultur macht das Ganze zumindest mir wahrlich nicht. Vielmehr überfordert mich das Design, was per se nichts Schlechtes ist, ganz im Gegenteil: Nichts ist schlimmer als Design, das die Blödheit seiner Konsumenten voraussetzt. In diesem Falle jedoch hätte eine Schippe weniger gut getan, eine Blickinsel zur Entspannung des gereizten Auges an der einen oder anderen Stelle sicherlich nichts zerstört.

  26. @Achim Schaffrinna

    Da werden dann aber Äpfel mit Birnen, bzw. Rechtecke mit Quadraten gleichgesetzt. Der Gedankensprung wird mir auch durch die folgende Verkürzung nicht klar:

    Quadrat = Deutsche-Bank-Logo
    Rechteck = Berliner Festspiele

    Die Argumentation, das Rechteck wäre konservativ wird durch die Beschreibung der Wirkung des Corporate Design der Deutschen Bank untermauert. Das ja auch aus mehr als dem Rechteck besteht. Da strahlt dann aber doch eher das Verhalten des Unternehmens Dt. Bank auf das Logo ab als umgekehrt. Wobei die Beschreibung, die Dt. Bank wäre konservativ doch auch eher durch häufige Wiederholung in der allgemeinen Diskussion eingeschleift wurde, als das es der Tatsache entspricht. Die handeln auch schon eine ganze Weile mit fantasievollsten Finanzprodukten; aber das ist ein anderes Fass.

  27. In der Tat, das ist ein ganz anderes Fass, das da aufgemacht wird. Wenn ich Bezug nehme zum Deutsche-Bank-Logo (übrigens meine erste Assoziation), dann nicht, um einen Schwenk in Richtung CD, CI, Produkte, Image oder Geschäftsgebaren des Instituts zu nehmen, sondern einzig, um auf die formale Ähnlichkeit von Rechteck und Quadrat einzugehen, die, egal wie „designschultheoretisch“ das klingen mag, nicht wegzuschreiben ist. Ebenso gut könnte man die farbpsychologische Bedeutung negieren. Ein blaues Quadrat steht für Werterhalt und Zuverlässigkeit.

    Mit Verwendung der Farbe Rot spielen hier sicherlich noch einmal ganz andere Aspekte und Deutungsebenen mit hinein (Emotionalität, Unangepasstheit,etc.), reduziert auf die Form bleibt es jedoch bei der Art- und Interpretationsverwandtschaft von Rechteck und Quadrat.

    Viel entscheidender als die Frage, ob das ganze konservativ rüber kommt, ist doch, dass das mittels Rahmen propagierte Gestaltungsprinzip – und hier entsteht der Widerspruch zur Aussage des Intendanten –, so rein gar nichts Verbindendes entstanden ist, sondern im Gegenteil sich Abgrenzung, Verschachtelung und Einengung artikulieren.

    Das TIME Magazin zeigt, dass man aus einem roten Rahmen sehr wohl ein starkes Erkennungszeichen machen kann, davon sind die Berliner Festspiele aufgrund der bislang gezeigten, zum Teil halbherzigen Anwendungen (Website) jedoch meilenweit entfernt. Mal sehen, wie das in ein zwei Jahren aussieht.

  28. @achim schaffrina:

    formale Ähnlicheit in jedem Fall. Ähnliche Bedeutung nicht unbedingt.
    Quadrate ruhen, haben gleiche Kantenlängen; Rechtecke haben genau das nicht, sind dadurch gewissermaßen “unruhig”.
    Wenn man sich also im Kosmos Rechteck/Quadrat bewegt, sind die beiden Formen bei dieser Betrachtung sogar Gegensätze. Wenn man dann noch mit einbezieht, dass das CD verschiedenste Rechtecke einsetzt, ist die Argumentation, diese Art der Form wäre durch die Form an sich konservativ, nicht aufrechtzuerhalten.

    Ich bin jetzt frech und behaupte, dabei kommt eine Art Wissenschaftsrhetorik zum Ausdruck, bei der erst die Entscheidung getroffen wird, welchen Standpunkt man hat und anschließend werden Belege dafür gesucht.

  29. Die Berliner Festspiele haben etwas extravagentes. Ich bin der Meinung, dies wird auf mutige Art und Weise vorallem mit dem neuen Erscheinungsbild der Website unterstützt. Ich freue mich gelegentlich über unkonventionelle Umsetzungen, die etablierte Regeln bewusst brechen, wie es z.B. auch DEDON tut. Und da beschwert man sich, die Seite sei “anstrengend” und von Todesanzeigen überzogen. Das scheint mir kein Zufall. Seit wann wollen die Festspiele gefällig und konventionell sein? Im Beispiel von DEDON wird darüber geklagt, dass das Dargestellte schwer zu lesen sei. Ja bin ich da auf ner Nachrichtenseite oder vielleicht doch zur Präsenz eines Design-Unternehmens gelangt?!

    Mich würde schwer interessieren, wie sich der ein oder andere Kommentator hier ein Logo vorstellt, das höheren Ansprüchen genügt, als die Aneinanderreihung zweiter Worte. Oder wie eine Webseite daher kommt, die höchst lesbar ist (im Idealfall noch mit verstellbarer Schriftgröße für benachteiligte Leser) und alle Web-Gewohnheiten bedient, damit man bloß an keiner Stelle irritiert wird. Wahrscheinlich würde genau das alles sehr langweilig und sehr verwechselbar daher kommen.

    Ich bin Fan!

  30. @ Mathis: Es geht nicht darum, dass die Festspiele lieber konventionell und gefällig sein sollen. Ich denke, niemand derer, die das Design in irgendeiner Form negativ bewerten, würde sich ein barrierefreies Web-Allerlei mit designlastigem Logo im total angesagten Glanz-Look wünschen, wie Du implizierst.

    Vielmehr ist es in diesem Falle wohl ein Zuviel an Extravaganz. Wir erleben hier, denke ich zumindest, eine Avantgarde, deren einziger Sinn es ist, sich selbst abzufeiern, was das Gesamtbild anstrengend und angestrengt macht. Was ja auch, wie an einigen Stellen schon beschrieben, durchaus dem Zeitgeist des Kulturbetriebes entspricht.

    Über allem (Selbst-)Anspruch sollte man niemals vergessen, dass jegliches Design in irgendeiner Form auch konsumiert werden muss. Niemand erwartet von den Berliner Festspielen ein Fertigmenü für die Mikrowelle. Aber ob es dann gleich Ferran Adriá sein muss, darf diskutiert werden.

  31. Hier ist mir ein Link in die Hände gefallen, der auch wieder die Thematik Rechteck auf der Website verteilt aufgreift. Im Unterschied aber ist hier die Umsetzung gelungen:

    http://soped.com/

    Durch die Persepktive und dem Schlagschatten erscheinen die Bilderrahmen in einer schlichten Sachlichkeit, ohne wie Totenanzeigen zu wirken.

  32. Jeder der sich mit Corporate Design und Markenbildung beschäftigt, weiß, dass ein starker Wechsel der Marke schaden kann. Nicht umsonst soll die Marke einen Wiedererkennungswert haben. Marken brauchen Zeit. Ein ständiger Wechsel ist kotraproduktiv und in diesem Fall schlicht weg schlecht. Die Webseite ist wahllos der Schriftzug nichtssagend, langweilig, man erinnert sich nicht dran. Georg Baselitz hätte eine Argumentation beim Umdrehen gesucht und nicht gefunden, Ludwig Mies van der Rohe hätte hier sein “Weniger ist Mehr” revidiert.

  33. Einen leeren Rahmen als Logo ist mit das Einfallsloseste was ich erwartet hätte.
    Zum einen wurde der Rahmen (gelb) durch National Geographic belegt.
    Etwas entfernter aber auch ein roter Rahmen wurde zwei Jahre lang in der be berlin Kampagne verwendet. Etwas verfeinert durch die Idee einer Sprechblase.
    Die Metapher lässt sich so gut wie auf jedes Unternehmen anwenden und ist nicht Persönlichkeitsbildend im Sinne von Identity. Wenn die darunter stehenden Formate und Institutionen ein Spiegel der Dachmarke sind, dann wird dies die nächsten Jahre ein Trauerspiel für die Berliner Kulturlandschaft.

  34. Das Logo selbst finde ich ganz okay – keine Highlight – aber durchaus herzeigbar (vor allem im Vergleich zur bisherigen Version). Das erweiterte CD ist allerdings eine Krise, denn hier herrscht das ungeordnete Chaos mit System (was nicht immer schlecht sein muß – aber in diesem Fall wurde es leider sehr unschön umgesetzt). Also Betrachter hat man kaum einen Anhaltspunkt und fühlt sich etwas verloren. Bei eingefleischten Festspielfans wird sich ein Wiedererkennungswert mit der Zeit vermutlich einstellen – bei Gelgenheitstätern und in der breiteren Öffentlichkeit wird ein solcher Effekt vermutlich verpuffen. Schade, wäre eine gute Chance gewesen.

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